Hinweise und Erläuterungen
Die Energie als fundamentale Größe (zu Seite 63)
Die Bedeutung des Begriffes "Energie" wurde in der modernen Physik allerorts offenkundig. Trotzdem sehen nach wie vor viele Physiker von Rang und Namen in der Energie etwas Sekundäres und orientieren sich am Newtonschen Grundbegriff der "Kraft". Hier äußert sich eine schwerwiegende Belastung durch ein in der Vergangenheit geschaffenes, an sich überwundenes, jedoch trotzdem persistierendes Denksystem. Auf der deutschen Physiker-Tagung 1977 setzte sich Gottfried Falk, Leiter des Instituts für Didaktik an der Universität Karlsruhe, mit dieser Problematik auseinander und wies auf die zentrale Bedeutung der Energie hin. ("Was an der Physik geht jeden an?", erschienen in den Physikalischen Blättern, Heft 12, 1977.)
Falk legt dar, daß die Rangordnung der heute noch immer gelehrten physikalischen Begriffe irreführend sei: "Heute ist jedem Physiker klar, daß die Energie eine der fundamentalen physikalischen Größen ist. Schaut man aber in die Physikbücher, so erhält man einen durchaus anderen Eindruck. Sie beginnen mit der expliziten oder impliziten Versicherung, daß Raum und Zeit die fundamentalen Begriffe, ja sozusagen Voraussetzung jeder Naturerkenntnis überhaupt sind. Dann folgen Geschwindigkeit, Beschleunigung, Masse, Kraft. Aus diesen Größen wird zunächst der Begriff der Arbeit, dann erst der der Energie gebildet." Diese Rangordnung der Begriffe ist aus der Newtonschen Mechanik übernommen, in der die Energie nur die Rolle eines "Hilfsbegriffes" hat, nur als mathematisch "abgeleitete" Größe erscheint. "Erfahrungsgemäß sitzt die Meinung, daß Raum und Zeit und damit die Größen Ort, Geschwindigkeit, Masse und Kraft die eigentlichen Fundamente der Physik bilden, ja daß es fraglich ist, ob sich ohne sie die Physik überhaupt aufbauen läßt, so fest, daß sie leicht für mehr als eine Lehrmeinung, unter Umständen gar für die tiefere Wahrheit gehalten wird." Dementgegen hat die Entwicklung der wissenschaftlichen Physik in den letzten hundert Jahren gezeigt, daß die Begriffe, die in der Newtonschen Mechanik als Grundbegriffe fungieren, nicht diejenigen
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sind, die sich in der Beschreibung der Naturvorgänge als die tragfähigsten erwiesen. Demnach sollten nicht ausgerechnet diese Begriffe als Grundlagen gelehrt werden. "Jedem Physiker ist es geläufig, daß die Quantenmechanik nicht mit den ihr zunächst als fundamental vorgestellten Größen Lage, Geschwindigkeit, Kraft operiert, sondern mit anderen Größen, allen voran mit der Energie."
Hier besteht eine deutliche Parallele zur Problematik, der die Energontheorie in der Biologie und in den Geisteswissenschaften gegenübersteht, wo noch immer ein altüberkommenes, am Visuellen orientiertes Begriffssystem die Grundeinschätzungen bestimmt - und auch hier "für die tiefere Wahrheit gehalten wird".
Energie ist keineswegs eine Eigenschaft der mannigfachen Kräfte -, sondern alle Kräfte im Universum sind Eigenschaften, Ausdrucksformen von ein und demselben: Energie. Dieses wandelhafte Etwas präsentiert sich auch in Gestalt der Elementarteilchen als Masse - genauer: Ruhmasse. Sämtliche Materie, sämtliche Bewegung und Umsetzung sind Erscheinungsformen von Energie. Es gibt im Universum nichts wissenschaftlich Nachgewiesenes, das sich nicht als eine Erscheinungsform, Entfaltungsform von Energie erweist. Energie liegt demnach allem real Seienden zugrunde - konstituiert sogar Raum und Zeit. Was Energie letztlich ist und warum sie sich entfaltet, ist unbekannt, mag unserer Erkenntnisfähigkeit grundsätzlich unzugänglich sein. Die Gesetze, nach denen sie sich im anorganischen Bereich entfaltet, sind Gegenstand der physikalischen Forschung und bereits weitgehend erfaßt. Im Bereich der Lebensentfaltung zeigt die Energontheorie die Gründe für das "So und nicht anders Sein" - ja die Gesetze für "So sein Müssen" auf.
Infolge der historischen Entwicklung und aus Gründen der Handlichkeit werden auch heute noch zahlreiche Energiemaße nebeneinander verwendet , obwohl sie durchwegs ineinander umrechenbar sind, so daß man sehr wohl mit einem auskommen könnte. Außer in Erg mißt man in Meterkilopond, Atmosphären, Pferdekraftstunden, Kalorien, Wattsekunden, Elektronenvolt und weiteren Maßen. Auch dies trägt dazu bei, daß nicht die zugrunde liegende Einheit, sondern eine vermeintliche Vielheit zur Richtlinie von Betrachtungsweisen gemacht wird.
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Masse und Energie (zu Seite 65)
Wilhelm Ostwald war der erste, der auf Grund seiner Untersuchungen auf den genialen, unseren Sinneseindrücken und überkommenen Betrachtungsweisen so eminent fernliegenden Gedanken kam, daß Materie sich als eine Erscheinungsform von Energie erweisen könnte. Bereits 1887 schrieb er: "Wie wäre es, wenn die Energie ganz allein existierte, wenn die Materie überhaupt nur ein sekundäres Produkt der Energie wäre?"
1904 wurde der österreichische Physiker Friedrich Hasenöhrl durch praktische Experimente zur gleichen Schlußfolgerung geführt. Durch Untersuchungen der elektrischen Hohlraumstrahlung gelangte er zum Konzept "einer scheinbaren, durch Strahlung bedingten Masse". Ein Jahr darauf gelang es Albert Einstein als bedeutendstes Ergebnis seiner speziellen Relativitätstheorie die Äquivalenz von Masse und Energie mathematisch zu präzisieren. Die volle Bedeutung seiner einfachen, seither experimentell erwiesenen Formel M = E/C2 (Masse ist gleich Energie gebrochen durch das Quadrat der Lichtgeschwindigkeit) ist bis zum heutigen Tag auch nicht im entferntesten in das Allgemeinbewußtsein menschlicher Weltanschauung eingedrungen. Das gleiche gilt für die ebenfalls erwiesene Tatsache, daß jenes solide Etwas, das wir "Materie" nennen, nur zum allergeringsten Teil echte Masse und zum ungleich größeren Teil leerer, nur von Energie erfüllter Raum ist. Die echte Masse, die jedes Atom enthält, macht volumenmäßig nur etwa den tausend billionsten Teil aus - in Zahlen ausgedrückt heißt das: jedes Atom ist etwa 1 000 000 000 000 000 mal größer als die wirkliche Masse, die es enthält. Und auch diese außerordentlich winzige Menge Masse, hauptsächlich im Atomkern konzentriert, ist Energie.
Für Energone nutzbare Energie (zu Seite 65)
Energie tritt als "freie" (bewegliche) oder "gebundene" (ruhende) Energie in Erscheinung. Nur erstere kommt für Energone als Energiequelle in Frage, denn nur sie kann Arbeit leisten. Und zwar um so mehr, je größer das "Gefälle" ist - das "Potential", Ostwald sprach von "Intensität". Wie er schrieb, ist zu unterscheiden zwischen dem "ruhenden Anteil, der sich niemals mehr aus sich selbst in Bewegung, das heißt in Umwandlung versetzen kann", und dem beweglichen, "der allein zu Geschehnissen in der
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Welt Anlaß gibt". ("Die energetischen Grundlagen der Kulturwissenschaft", 1909.)
Für Energone kommt es jedoch nicht nur darauf an, freie Energie zu gewinnen, sondern sie müssen diese auch zur Steigerung ihrer Potenz, den Lebensstrom fortzusetzen und zu steigern, nutzen können. Wird etwa ein Fuchs von einem Blitz getroffen, dann wird ihm freie Energie in beträchtlicher Intensität zugeführt - nützt ihm jedoch nicht, sondern zerstört seine Struktur. Wenn somit von "arbeitsfähiger Energie" gesprochen wird, dann ist - im Sinne der Thermodynamik - freie Energie gemeint, die außerdem so beschaffen ist, daß das betreffende Energon sie nutzen kann.
Kritisches zur Einteilung der Energone (zu Seite 66)
Die Einteilung der Energone in Pflanzen, Tiere, Berufskörper und Erwerbsorganisationen weist als Negativum auf , daß sie zwei verschiedene Unterscheidungskriterien heranzieht. Pflanzen und Tiere unterscheiden sich durch die Art ihres Energieerwerbes, Berufskörper und Erwerbsorganisationen dagegen durch das Integrationsniveau. Wollte man indes alle Energone nach der Art ihres Energieerwerbes einteilen, dann müßten sämtliche vom Menschen gebildeten und über Tausch erwerbenden Energone zusammengefaßt werden. Teilt man wieder nach dem Integrationsniveau ein, dann sind die Organismen in Einzeller und Vielzeller zu unterteilen, was ebenfalls eine übergroße Gruppe ergibt. Für praktische Belange ist darum die gegebene Unterteilung in vier große Hauptgruppen zweckmäßig und vertretbar, da jede den anderen gegenüber durch eine relevante Eigenschaft ausgezeichnet ist.
Künstliche Organe (zu Seite 66)
Goethe schrieb 1798 in dichterischer Ausdrucksform: "Aber entzifferst Du hier der Göttin heilige Lettern, überall siehst Du sie dann, auch im veränderten Zug. Kriechend zaudre die Raupe, der Schmetterling eile geschäf-
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tig, bildsam ändre der Mensch selbst die bestimmte Gestalt." Die biologische Besonderheit des Menschen ist vielleicht nirgends einfacher und klarer beschrieben worden als in diesem letzten Satz. Was den Menschen auszeichnet und ihm zu seiner Machtsteigerung verhilft, ist: Er verändert selbst die ihm genetisch bestimmte Gestalt - durch Bildung artifizieller Funktionsträger, künstlicher Organe. Der erste, der in aller Konsequenz dafür eintrat, daß sämtliche Schöpfungen des Menschen "vitalisierte" Materie und somit Bestandteil der Lebensentwicklung seien, war Pater Teilhard de Chardin, dessen weltanschauliches Konzept im übrigen von der Energontheorie durchaus abweicht. Schon 1925 schrieb er, daß des Menschen "künstliches" Tun bloß eine "transformierte Verlängerung" des natürlichen Tuns der übrigen Lebewesen sei. Das Werkzeug ist das Äquivalent des differenzierten Organes in der Tierreihe - das wirkliche Homologon und nicht die oberflächliche, aus einer banalen Konvergenz entstandene Nachahmung". Des weiteren schrieb er: "Dasselbe Individuum kann gleichzeitig Maulwurf, Vogel oder Fisch sein." Als einziges Tier "hat der Mensch die Fähigkeit, Abwechslung in sein Werk zu bringen, ohne endgültig sein Sklave zu werden". Er kann sich verwandeln, "ohne sich somatisch zu binden". ("Die Hominisation" in "Auswahl aus dem Werk", Frankfurt 1967).
Der Wiener Volkswirtschaftler und Philosoph Othmar Spann faßte in seiner "Kategorienlehre" (1924) Organe und Wirtschaftsstrukturen unter dem Begriff "Leistungsträger" zusammen. Karl Stefanic-Allmayer nennt in seiner "Allgemeinen Organisationslehre" die künstlichen Erweiterungen des Menschen "technische Organe" (1950), der kanadische Soziologe Marshall McLuhan nennt sie "Medien" ("Understanding Media", 1960). Den Begriff "Funktionsträger" verwendete bereits in der Biologie C. C. Schneider in seinem "Lehrbuch der vergleichenden Histologie der Tiere" (1902), in der Wirtschaftswissenschaft E. Gutenberg in seinen "Grundlagen der Betriebswirtschaftslehre" (1951). H. Hass prägte 1967 den Begriff "künstliche Organe" und 197o den Begriff "Wirkungsträger". Letzere Bezeichnung erschien ihm neutraler und daher besser als Funktionsträger - "denn Funktion ist etwas Potentielles, Wirkung dagegen etwas Aktuelles. Und Wirkungen sind es, woraus sich letztlich jedes Energon zusammensetzt." Im vorliegenden Buch haben wir uns trotzdem für die Bezeichnung "Funktionsträger" entschieden. Sie ist anschaulicher, außerdem sind es Funktionen, die den Lebensbereich kennzeichnen, während Wirkungen für die gesamte energetische Entfaltung maßgebend sind.
(Originalbuchseite 346)
Berufskörper und Erwerbsorganisationen (zu Seite 66)
Die Begriffe "Berufskörper" und "Erwerbsorganisation" sind im Begriff der "juristischen Person" bereits vorgebildet. Otto von Gierke fragte, welche "Wirklichkeit" diesem Rechtsphänomen zugrundeliege: diesen vom Recht anerkannten "Wesenheiten, denen es Persönlichkeit zuschreibt". Hinsichtlich der menschlichen "Verbände" schrieb er: "Um den Teil des Rechtes, der sich als Lebensordnung von Verbänden gibt, zu verstehen und zu würdigen, muß man zu erfahren suchen, was denn eigentlich das ist, was hier in das Recht hineintritt und von ihm seine Ordnung empfängt." ("Das Wesen der menschlichen Verbände", Rektoratsrede, Leipzig 1902).
In der Betriebswirtschaft werden die Begriffe "Betrieb" und "Unternehmen" (auch "Unternehmung") nicht immer gleich definiert. Für H. Nicklisch ist der Betrieb der eigentliche Produktionskörper; das Unternehmen ist dagegen die übergeordnete rechtliche Struktur. ("Die Betriebswirtschaft", 1932). E. Gutenberg verwendet dagegen die beiden Begriffe fast synonym, was auch dem Sprachgebrauch entspricht. Da sich jedoch der Unternehmensbegriff deutlicher auf Gewinnerzielung stützt, steht er dem Energonbegriff näher und wird deshalb von uns verwendet "Ein Unternehmen kann auch mehrere Betriebe umfassen - die dann seine Organe, sein Funktionsträger sind -, und es kann auch ohne technischen Betrieb bestehen, etwa als Holding oder Dienstleistungsunternehmen.
Unter den Energonbegriff fallen auch alle rechtlich nicht erlaubten Erwerbsarten. Auch der Dieb, der Geldschrankknacker, der Erpresser, der Geheimagent sind Berufskörper, auch eine Räuberbande oder die Mafia sind Erwerbsorganisationen. In der Wirtschaftsliteratur werden diese Erwerbsformen mit Recht ausgeklammert - jedoch nicht grundsätzlich. So schreibt W. Sombart: "Nach meiner Definition ist also Arbeit ebenso die Tätigkeit, die der Dieb aufwendet, um einen Einbruch auszuüben, obwohl sie (sozial) schädlich ist." ("Der moderne Kapitalismus", München 1921).
Menschen, die ohne jede Berufstätigkeit, etwa vom unmittelbaren Verzehr einer Erbschaft oder von einer Unterstützung leben, sind trotzdem, solange ihnen Mittel zufließen oder zur Verfügung stehen, als Berufskörper anzusehen. Ihr Anspruch, wie auch immer er sich legitimiert, ist ihr Erwerbsorgan. Bei Rentnern und Pensionisten ist es ein Rechtsanspruch, den sie sich im Laufe ihres Lebens erarbeiteten.
(Originalbuchseite 347)
"Stoffwechsel" und "Fließgleichgewicht" (zu Seite 73)
In der Biologie wird "Stoffwechsel" (einschließlich "Energiewechsel") als grundlegendes Kriterium der Lebewesen angesehen. Ein solcher kennzeichnet in der Tat alle Zellen, doch gibt es auch Organe, die ohne Stoffwechsel ihre Funktion vorzüglich erfüllen. Kalk- und Chitinpanzer, Kieselnadeln und Statolithen erfüllen ohne Stoffwechsel vorzüglich ihren Dienst, ebenso das verholzte Stamminnere der Bäume. Der abgestorbene Stachel eines Rosenstrauches ist sogar härter und von größerer Abwehrkraft als ein noch lebender, in dem Stoffwechsel stattfindet. Ludwig von Bertalanffy bezeichnete als Charakteristikum der Lebewesen, daß sie sich in einem "Fließgleichgewicht" befinden und "offene Systeme" sind. Das stimmt, unterscheidet sie aber nicht von den anorganischen Erscheinungen. Auch ein Waldsee, in den ein Bach einmündet und aus dem ein anderer abfließt, ist ein "offenes System" und befindet sich ebenfalls im "Fließgleichgewicht". Stoffwechsel und Energiewechsel sind von der Energontheorie her keine echten Kriterien für die Funktionsträger der den Lebensprozeß fortsetzenden Körper. Das Material, aus dem die künstlichen Organe bestehen, benötigt wohl in der Regel Pflege, zeigt jedoch keinen Stoffwechsel. Ein solcher ist bloß Auflage für das Bauelement Zelle.
Bertalanffy geht noch weiter, indem er erklärt: "Die Formen des Lebendigen sind nicht, sie geschehen." Sie seien Ausdruck eines ständigen Fließens von Materie, Energie und Information ("Theoretische Biologie", 1951). Diese Betrachtungsweise hat in der Biologie Eingang gefunden und dazu geführt, daß die Gegensätze von Struktur und Funktion, von Morphologie und Physiologie vielfach als überwunden angesehen werden. Was man als lebende Gestalt bezeichne, so wird erklärt, seien langsame und langanhaltende, was man als Funktion auffasse, schnelle und nur kurz währende Prozesse. Dieser Gedanke ist irreführend, weil die Bedeutung der Strukturen, aus denen sich die Gestalt der Pflanzen und Tiere zusammensetzt, keineswegs im Bewegungsvorgang liegt, der notwendig ist, um sie aufrechtzuerhalten. Diese Prozesse sind bloß eine Hypothek, mit der das Bauelement Zelle behaftet ist. Was den Strukturen ihre Daseinsberechtigung, ihren Selektionswert gibt, sind die von ihnen benötigten Leistungen -, die in einer differenzierten Fähigkeit zur Aktion oder Reaktion bestehen. In jedem Fall geht es, wie Ostwald sagt, um Energietransformation. Insgesamt ist der Lebensprozeß samt und sonders ein Prozeß - hier ist Bertalanffy zuzustimmen. Aber Wesen der Strukturen ist nicht ihr Stoffwechsel - ihr Fließgleichgewicht -, sondern: was sie leisten.
(Originalbuchseite 348)
Energiegewinn und Wirkungsgrad (zu Seite 81)
Energone gewinnen aus sehr verschiedenen Quellen und über sehr verschiedene Verfahren ihnen nutzbare Energie. Sieht man von den jeweiligen Anstrengungen ab, um an die Energiequelle zu gelangen - die je Erwerbsakt beim gleichen Individuum sehr verschieden sein kann -, dann ergibt sich beim konkreten Akt der Umwandlung von Rohenergie in Nutzenergie (der Ostwaldschen Terminologie folgend) ein entsprechender Verlust an freier Energie, indem sich ein gewisser Prozentsatz in Wärme verwandelt. Bei Kraftmaschinen nennt man das prozentuale Verhältnis der Nutzenergie zur Rohenergie den jeweiligen "Wirkungsgrad".
Aus anorganischen Quellen, die nicht Sonnenlicht sind, gewinnen heute noch Schwefelbakterien Nutzenergie durch Oxydation von Schwefelwasserstoff, Nitritbakterien durch jene von Ammoniak sowie Eisenbakterien durch Spaltung von Ferro- und Ferriderivaten. Diese Energiequellen sind jedoch sehr begrenzt, so daß hier keine Weiterentwicklung der Energone stattfinden konnte. Die Wirkungsgrade des Gewinnes von Nutzenergie liegen hier zwischen 20 und 30 Prozent.
Bei den Pflanzen, die durch Photosynthese, also aus Licht Nutzenergie gewinnen, verläuft der Erwerbsakt so, daß die Photonen des Sonnenlichtes dazu gebracht werden, Elektronen, die innerhalb von Atomen um die Kerne kreisen, auf eine entferntere Umlaufbahn "anzuheben", wodurch sie auf ein "höheres Energieniveau" gelangen. Dieses Plus an vereinnahmter Energie wird dann über eine Stufenfolge von Reaktionen (Redox-Kette) in chemische Bindungsenergie verwandelt. Bei diesem Vorgang beträgt der Wirkungsgrad ca. 36 Prozent.
Tierische Organismen gewinnen über Gärung oder Oxydation die in organischen Molekülen erhaltene Bindungsenergie, indem sie im Vorgang der Verdauung diese Moleküle aufbrechen. Bei Gärung liegt der Wirkungsgrad um 30 Prozent, bei Oxydation um 65 Prozent.
Bei den vom Menschen gebildeten, über Tausch zu erwerbenden Energonen (Berufskörper und Erwerbsorganisationen) können Dank des Universalvermittlers Geld die Wirkungsgrade 100 Prozent erreichen. Wenn wir auch hier vom Bemühungsvorgang, das Tauschobjekt herzustellen und an den zu gelangen, der es benötigt, absehen, treten bei völlig fairem Leistungstausch keine Energieverluste ein. Letztlich reduziert sich hier der Vorgang auf die Geldübergabe, deren Energieaufwand vernachlässigt werden kann. Im Falle von Betrug kann der Wirkungsgrad des Leistungstau-
(Originalbuchseite 349)
sches 100 Prozent übersteigen. Im Falle von gesetzwidrigem Raub fällt er bis unter 10 Prozent, da im Gefüge der vom Gesetz kontrollierten Gemeinschaften Raubgut nur mit sehr beträchtlichen Werteinbußen - etwa über Hehler - veräußert werden kann. Bei der Nutzbarmachung von Fremdenergie durch Kraftmaschinen beträgt der Wirkungsgrad etwa bei der Dampfmaschine von 15 bis 20 Prozent, beim Benzinmotor bis 40 Prozent, bei Einsatz des Universalvermittlers Elektrizität beträgt er zwischen 50 und 80 Prozent.
Das Diktat von Wärme und Kälte (zu Seite 91)
Wie machtvoll der Umweltfaktor Temperatur auf das Verhalten, die Gestalt und die Struktur von Energonen Einfluß nimmt, sie determiniert, zeigt sich besonders deutlich bei den Tieren.
Steigt die Temperatur um 10 Grad, dann laufen chemische Reaktionen doppelt bis dreimal so schnell ab (van t’Hoffsche Regel). Demgemäß werden auch die Lebensprozesse entsprechend beschleunigt -, ob es dem Energon dient oder nicht. An den Küsten Grönlands lebt die Muschel Pecten groenlandicus in durchschnittlich 25 Meter Tiefe. Die Wasserschichten sind dort nahrungsarm, doch sobald sich die Muschel in den darüber liegenden wärmeren und nahrungsreicheren Schichten ansiedelt, steigen die laufenden Kosten ihres Stoffwechselvorganges so sehr an, daß ihre Bilanz erst recht negativ wird. Die Muschel ist genau an der "Sprungschicht" zwischen kaltem und wärmerem Wasser anzutreffen. Ihr Körper ist im kühlen Teil und wirtschaftet so sparsamer, während sie mit ihrem hochgestreckten Saugrohr - dem Sipho - Nahrung aus der darüberliegenden Schicht gewinnt. Weisheit? Keineswegs. Nur solche Pecten, die dem Diktat der Temperatur entsprechen, können überleben, pflanzen sich fort.
Der Einzeller Amoeba vespertilio hat normalerweise eine Länge von 0,07 mm. Wächst er weiter, dann teilt er sich. Bei absinkender Temperatur erlischt jedoch die Teilungsfähigkeit. Hält man das Tier bei 5 Grad, dann wird es 0,3 bis 0,4 mm lang. Sein Volumen wird dann mehr als 100 mal größer. Weisheit? Nein. Der Organismus reagiert wie ein Hampelmann, der von unsichtbaren Fäden gezogen wird. Die geheimnisvolle Norne, die hier die Fäden zieht - die Gestalt determiniert - ist die Kälte.
Die "Warmblüter" - Säugetiere und Vögel - vermögen ihre Innentem-
(Originalbuchseite 350)
peratur konstant zu erhalten, sich den Diktaten der Temperatur zu widersetzen. Allerdings auch nur beschränkt. Denn wird ein Körper größer, dann wächst sein Volumen mit dem Kubus, seine Oberfläche jedoch nur mit dem Quadrat. Das bedeutet, daß größere Körper eine relativ kleinere Oberfläche haben. Und da größere Oberfläche erhöhten Wärmeverlust bewirkt, zeigen bei verwandten Arten jene, die in kälteren Gebieten leben, größeren Körperwuchs. Weisheit? Nein. Bei kleinerem Körper hätten sie dort größeren Wärmeverlust und wären Konkurrenten unterlegen (Bergmannsche Regel). Ja, noch mehr: Da somit kleinere Warmblüter entsprechend mehr heizen müssen, benötigen sie einen schnelleren Stoffwechsel - also einen regeren Blutkreislauf. Deshalb haben kleinere Tiere ein relativ größeres Herz. Bei einem 2 kg schweren Uhu beträgt das Herzgewicht 0,5 Prozent des Gesamtgewichtes, beim zehnmal leichteren Steinkauz dagegen 0,8 Prozent. Bei der 200 Gramm schweren Wanderratte beträgt das Herzgewicht 0,4 Prozent, bei der nur 5 Gramm schweren Zwergmaus 1,3 Prozent. Weisheit? Keineswegs. Diktat der Temperatur. Determination durch die Temperatur.
Roß und Reiter (zu Seite 92)
Das Roß-Reiter-Verhältnis gewann in der mit dem Menschen einsetzenden dritten Evolutionsphase besondere, ja überragende Bedeutung. Fast alle unsere Leistungen als aufbauende und steuernde Einheiten von Energonen verbinden sich mit der Nutzbarmachung fördernder und freundlicher Umweltfaktoren, auf ihre vorübergehende Ankoppelung an das eigene Funktionsgefüge. Die immense Vielheit von Einrichtungen, die nur in der zivilisierten Welt zur Verfügung stehen, ist das Ergebnis der Arbeit von anderen, die meist längst schon verstorben sind und deren geistige Produkte und Leistungen wir recht selbstverständlich benützen - wie ein Reiter ein ihm verfügbares Roß. Das gilt ebenso für den Stuhl, auf dem wir sitzen, wie für das Theater, das wir besuchen, die Sprache, die wir sprechen, das Gesetz, das uns schützt. Überall im täglichen Leben, in der Wirtschaft, der Politik, der Kunst äußert sich menschliche Intelligenz darin, daß sie fördernde, nutzbare Umweltbedingungen erkennt und zur besseren Verfolgung eigener Bestrebungen benutzt.
Wollen wir einen Bach überqueren, dann halten wir Ausschau nach ge-
(Originalbuchseite 351)
eigneten, darin liegenden Felsbrocken, um trockenen Fußes das andere Ufer zu erreichen. Wir machen sie für den Augenblick, da sie uns dienen, zu unseren Funktionsträgern. In der Neujahrsnacht 1813 auf 1814 herrschte so ungewöhnliche Kälte, daß bei Kaub der Rhein an den Ufern zufror und sein Wasserstand in der Mitte erheblich absank. Feldmarschall Blücher benützte dies, um - sein Winterquartier verlassend - nicht nur die Infanterie ans andere Ufer zu bringen, sondern auch schwere Waffen und Bagage. So gelang es ihm, Napoleon zu überraschen - und zu besiegen. Das Roß, auf dem er und seine Streitmacht ritten, war die Kälte. Im Getümmel der heutigen Städte bieten sich uns in jeder Auslage, an jedem Geschäftseingang Rösser an, die uns - für Gegenleistung - Dienste offerieren. Über das Tauschmittel Geld wird im Rahmen der menschlichen Gemeinschaft fast jeder zum potentiellen Roß des anderen. Wer genügend Geld in der Tasche hat - Anweisung auf spezialisierte menschliche Leistung -, kann sein Energon durch geradezu beliebig viele, ihm dienliche Einheiten oder Dienstleistungen erweitern, kann hunderttausende Einrichtungen zu seinem Vorteil benützen - kann in bunter Folge auf Hunderttausenden dienstwilliger Pferde reiten.
Vorstufen zu dieser Entwicklung sind etwa: der Efeu, der Löwenzahn, der Virus, die Larve des Malwurms. Sie verfügen nicht über Intelligenz und Ich-Bewußtsein, jedoch über angeborenes Verhalten, das ihnen zu analoger Nutzbarmachung verhilft. Der Efeu klettert an Wänden, an Bäumen hoch, bringt seine Blätter näher zum Sonnenlicht - erspart sich die Bildung eines eigenen Stammes. Er ist ein Reiter, die Wand und die Bäume sind seine Rösser. Der Löwenzahn benützt den Wind zu seiner Samenverbreitung. Für die Dauer das Samenfluges macht er den Wind zu seinem Roß - so wie der Mensch, wenn er in einem Segelboot fährt. Der Virus ist ohne eigentliche Aktivität. Er kann warten, bis Fremdaktivität ihn zufällig ins Innere einer Zelle bringt - dort benützt er die Fließbänder der genetischen Maschinerie als dienstfertige Rösser. Der Virus programmiert sie um: statt körpereigene Stoffe zu bilden, erzeugen sie nun ebensolche Viren - bis sie erschöpft zugrunde gehen. Die Larve des Malwurmes hat auch ein angeborenes Verhaltensrezept, über die sie günstige Umweltbedingungen zu willfährigen Rössern macht. Sie klettert an Blüten hoch, wartet, bis eine Biene sich dort niederläßt, klammert sich an ihr fest, wird von ihr unbemerkt in den Bienenstock getragen und gelangt so - unbemerkt an den Wachen vorbei - direkt zu den Eiern, die sie samt dem für die Larven bestimmten Nahrungsvorrat auffrißt.
(Originalbuchseite 352)
Hat man erst das Auge für diese Betrachtungsweise geschärft, dann stößt man überall - bei primitiven wie hochentwickelten Energonen - auf den Kniff, bestehende Vorgänge und Umstände in das eigene Funktionsgefüge miteinzubauen -, wodurch eigene Anstrengung erspart, die eigene Leistungskraft gesteigert wird.
Steuerkausalität und Wirkungsfeld (zu Seite 97)
Der von B. Hassenstein geprägte Begriff der Steuerkausalität bezieht sich auf das Grundprinzip aller Steuervorgänge - auf genau jenes Phänomen, von dem Norbert Wiener, der Begründer der Kybernetik, ausging.
Steuern wir etwa ein mit konstanter Geschwindigkeit fahrendes Motorboot, dann benötigen wir für die Betätigung des Steuerrades Energie. Von dieser fliegt jedoch nicht der allergeringste Teil in den von uns gesteuerten Vorgang über. Auch wenn wir das Steuerrad noch so sehr hin und her drehen, wird die Fahrt nicht schneller. Wir beeinflussen bloß die Richtung - die Fortbewegung wird durch den Motor bewirkt. Zwei kausale Verkettungen kreuzen sich hier: Der Motor dreht den Propeller - das ergibt die Fahrt. Wir drehen das Steuerrad - das ergibt die Richtung. Die zum Steuern verwendete Energie ist ungleich geringer als jene, die der Motor produziert. Trotzdem - ohne in sie einzutreten - beeinflußt sie deren Richtung.
Von großer praktischer Bedeutung ist dabei, daß so über eine Energieform auch ganz andere beeinflußt werden können. Dies zeigt etwa die Betätigung eines Regelwiderstandes. Drehen wir diesen, dann verstärken oder drosseln wir elektrische Energie. Die Drehbewegung ist kinetische Energie - und damit steuern wir elektrische Energie.
Auf eben diese Art wird die Evolution der Energone durch Umweltgegebenheiten gesteuert, determiniert. Vom Funktionellen her unterteilen wir in große Gruppen: Energiequellen, Stoffquellen, Ausbreitungsraum, störende und förderliche Umweltfaktoren - im menschlichen Bereich auch noch Glücksvermittler. Jede dieser mehr oder minder deutlich unterscheidbaren Gruppen ist als ein "Wirkungsfeld" besonderer Art und Ausrichtung anzusehen. In sich mannigfach überschneidende Wirkungsfelder wächst der Lebensstrom hinein, breitet sich in ihnen aus. Durch Selektion nimmt jedes von ihnen - über Steuerkausalität - auf die Formbildung der
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Energone Einfluß. Keines trägt unmittelbar zu deren Bildung bei - und doch steuern sie den evolutionären Weg ihrer Entwicklung. Was zweckmäßiger ist, erhält sich - Zweckmäßigkeit entsteht so ganz von selbst. Und zwar deshalb: weil Unzweckmäßiges - gleichbedeutend mit funktionell nicht Geeignetem - den Lebensstrom nicht fortsetzen kann. Der dem menschlichen Denken so widersinnige Vorgang einer ganz von selbst - also auch über Zufälle - entstehenden Zweckmäßigkeit findet so seine Erklärung. Jedes der Wirkungsfelder stellt gleichsam Ansprüche, setzt Grenzen, eröffnet Möglichkeiten - und nimmt so Einfluß darauf, was den Lebensprozeß fortsetzen kann.
Eine andere Möglichkeit, die Zusammenhänge zu sehen und zu erklären, ist über den Begriff des "Lernkreises" gegeben. Er entstammt der Kybernetik und ist jenem des "Regelkreises" eng verwandt. Regelkreise sind dadurch charakterisiert, daß die Auswirkungen eines Vorganges diesen über Rückwirkungen unmittelbar beeinflussen - und zwar derart, daß er konstant gehalten wird, indem Abweichungen von einem Sollwert automatisch ausgeglichen werden. Beim Lernkreis wird nicht eine bestehende Ordnung aufrechterhalten, sondern verbessert, etwa durch Anpassung an Umweltbedingungen. Effizienz wird so gesteigert. Betrachtet man nun den Lebensstrom in seiner Gesamtheit und jede Energonart als eine ihn über entsprechend viele Individuen fortsetzende Einheit, dann kann man Verbesserungen in der Struktur dieser Art als einen Lernakt ansehen. Die Rückwirkungen - "Rückkoppelungen" - erfolgen dabei so, daß sie nicht das Individuum treffen, von dem die Wirkung ausgeht, sondern sich auf spätere Individuen in der Generationsfolge auswirken. Nachteil dieser Betrachtungsweise ist indes, daß sie zu einer atomistischen Beurteilung der Evolutionsvorgänge führt - ein Fehler, der vielen Biologen unterlaufen ist. Man faßt ein bestimmtes Merkmal ins Auge, verfolgt seine evolutionäre Entwicklung - und verfährt dabei so, als wäre dies ein isolierter Vorgang. In der Tat ist ein solcher jedoch gar nicht möglich. Wollte man wirklich die Evolution über Lernkreise beschreiben, dann müßte man berücksichtigen, daß diese keineswegs säuberlich getrennt wirken, sondern Millionen von ihnen durcheinanderlaufen: sich gegenseitig beeinflussen, behindern, begünstigen. Dies aber ergibt ein geradezu aussichtslos unübersichtliches Konzept. Dagegen macht das Denkmodell der sich überschneidenden Wirkungsfelder, in welche die Energone hineinwachsen und deren jedes über Steuerkausalität die Formbildung beeinflußt, sehr anschaulich deutlich, wie eine vernetzte Vielheit von Einflüssen den Evolutionsweg der Ener-
(Originalbuchseite 354)
gone determiniert. In manchen Zeitstrecken mag eines der Wirkungsfelder von größerer Bedeutung für eine Energonart sein als die übrigen - dann wird es für diese Spanne zum leitenden Architekten seiner Gestaltung. An Überschneidungspunkten mehrerer Wirkungsfelder können Einzelmerkmale zu besonderer Bedeutung gelangen - dann werden sie zum gravierenden Problem: zum wichtigsten für das Energon zu überwindenden Engpaß, zum schwächsten Glied in der Kette seiner Gesamtwirkung. Im Gegensatz zur atomistischen Betrachtungsweise über unzählige gesonderte Lernkreise vermittelt diese universalistische Beurteilung weit eher Überblick und Verständnis. Die sich überschneidenden Wirkungsfelder diktieren jedem einzelnen Energon - an jedem einzelnen Raum-Zeit-Punkt, wie es beschaffen sein muß, um den Lebensprozeß fortzusetzen und zu steigern. So determinieren sie die jeweils notwendige und optimal mögliche raum-zeitliche Struktur.
Hinzuzufügen ist, daß letztlich eine wechselseitige Determination stattfindet. Durch die Anforderungen, denen die Energone entsprechen müssen, entscheiden letztere darüber, welche Umweltfaktoren für sie von Bedeutung sind. Und diese wiederum - in ständigem Wechselspiel - gewinnen dann Einfluß auf die notwendige Beschaffenheit ihrer Struktur.
Innere Wirkungsfelder (zu Seite 98)
Der Begriff des Wirkungsfeldes ist nicht nur für die von außen her die Energone formenden Umweltfaktoren anwendbar, sondern auch für jene, denen sie an ihrer Innenfront gegenüberstehen. Freilich wird hier dieser Begriff noch weit mehr abstrakt. Kälte oder Gravitation als ein Wirkungsfeld anzusehen, liegt eher nahe. Dagegen ist die Notwendigkeit einer Bindung aller Teile aneinander, der Koordination von Bewegungsabläufen und aller übrigen Ausrichtungen an der Innenfront weit weniger sinnlich erfaßbar, legen unserem Vorstellungsvermögen weit weniger nahe, sie gleichsam als Kräfte anzusehen.
Und doch diktieren diese Notwendigkeiten ganz ebenso Strukturen und Verhaltensweisen wie der fühlbare Sturm, wie der deutlich sichtbare Feind. Auch die Gesamtheit aller Bindungen, über die ein Energon verfügen muß, um bestehen - um den Lebensstrom fortsetzen zu können, stellt ein "Wirkungsfeld" dar. Nicht anders die Notwendigkeit der inneren Ab-
(Originalbuchseite 355)
stimmung. Nicht anders die Notwendigkeit der Erhaltung von Funktionskraft. Die Vorstellung dieser inneren Wirkungsfelder ist zweifellos weniger anschaulich - aber sie hilft, die für alle Energone notwendigen Ausrichtungen auch an der Innenfront zu sehen. Auch in diese Wirkungsfelder wachsen die Energone gleichsam hinein, auch ihrem Diktat müssen sie sich fügen. Auch diese zwingen ihnen Strukturen und Verhaltensweisen auf, die bestimmte benötigte Leistungen erbringen.
Einfluß der Energontheorie auf die Wirtschaftsberatung (zu Seite 105)
Wolfgang Mewes, der von der Bilanzbuchhaltung her zu unorthodoxen Schlußfolgerungen gekommen war, wurde 1970 mit der Energontheorie bekannt und begründete 1971 die inzwischen erfolgreiche EKS (= engpaß-orientierte Strategie, später: "energonkybernetische Managementlehre" und zuletzt: "evolutionskonforme Managementstrategie"), die besonders im Gebiet der Bundesrepublik Deutschland zahlreiche Anhänger gefunden hat. Drei Grundgedanken, die der Energontheorie entsprechen, stehen hier im Vordergrund. Erstens: das Schlüssel-Schloß-Prinzip. Mewes entwickelte neun Denkstufen, über die der Anbieter von Produkten und Leistungen dazu gelangen kann, seine Fähigkeiten richtig einzuschätzen und an das geeignete Schloß - einen zu erschließenden Bedarf - zu gelangen. Zweitens empfiehlt Mewes "engpaßorientiertes Verhalten" und folgt so dem gleichen Weg, der für die biologische Evolution charakteristisch ist. Unter x möglichen Mutationen erweisen sich nur jene als bedeutsam, die den Selektionswert wirklich steigern. In gleicher Weise gibt es in jeder Wirtschaftsstruktur "schwächste Glieder in der Kette", durch deren Beseitigung der höchste Nutzeffekt erzielt wird - was man bis dahin in der Nationalökonomie "Dominanz des Minimumfaktors" nannte. Indem man sich auf diese schwächsten Punkte konzentriert, folgt man einer "kybernetischen Spirale". Drittens - und dies ist wohl der bedeutendste Aspekt - lehrt die EKS einen egoistischen Altruismus. Indem die Bedürfnisse der zunächst enggehaltenen Zielgruppe nicht nur optimal befriedigt werden, sondern der Anbieter einen Teil seines Gewinnes dazu verwendet, den hier zum Ausdruck kommenden Grundbedarf noch besser zu erforschen, ihm
(Originalbuchseite 356)
noch besser zu entsprechen, ja seiner Entwicklung sogar zeitlich vorauszueilen, macht sich der Anbieter unentbehrlich, verankert sich in seinem Markt - wo er dann die angesprochene Zielgruppe allmählich erweitern kann. Mit optimalen Bedarfsbefriedigungen verbindet sich somit eigener Erfolg, eigene Zufriedenheit, persönliche Entfaltung. Von der Energontheorie her wird diese dritte Strategie durch die Erfordernisse an der Innenfront "Abstimmung" nahelegt. So wie optimale Abgestimmtheit eines Organs auf den Gesamtkörper sich positiv für das Organ auswirkt - indem der Gesamtkörper besser gedeiht -, so hat auch optimale Bedarfsbefriedigung innerhalb der Volkswirtschaft eine positive Rückwirkung auf den Bedarfsbefriediger. Offen bleibt bei diesem Konzept freilich die Problematik, daß jeder so Erfolgreiche im Konkurrenzkampf Erfolgsärmere verdrängt und ihnen die Erwerbsbasis entzieht. Ob auch diesen dann über Empfehlung gleichen Verhaltens zu ebensolchem Erfolg verholfen werden kann, bedarf noch der Bestätigung.
Vater Krieg (zu Seite 109)
Der vielzitierte Satz des griechischen Philosophen Heraklit, der 500 vor Christus in Ephesos lebte, heißt im vollen Wortlaut: "Der Krieg ist der Vater aller Dinge, aller Dinge König." Von besonderem Interesse ist Heraklits Weiterführung dieses Gedankens: "Man soll aber wissen, daß der Krieg das Gemeinsame ist und das Recht der Streit, und daß alles durch Streit und Notwendigkeit zum Leben kommt."
Ohne Zweifel vollzog sich die Höherentwicklung der Organismen über ständigen Konkurrenzkampf, über rücksichtslose Auseinandersetzung. Auch Symbiose und Gemeinschaftsbildung - Recht in ursprünglichster Form - müssen als sekundäre Phänomene zum Zwecke des Machtgewinnes in diesem Kampf angesehen werden. Erst über Vernunft und Ich-Bewußtsein des Menschen kam echter Friedenswille in die Welt. Funktionell betrachtet ist er das einzige Regulativ, welches verhindern kann, daß der Lebensstrom, über seine Energone immer stärker anschwellend, sich letztendlich selbst zerstört.
(Originalbuchseite 357)
Goethes Sicht (zu Seite 119)
In seiner Schrift "Erster Entwurf einer allgemeinen Einleitung in die vergleichende Anatomie, ausgehend von der Osteologie" (Jena 1795) führte Goethe aus: "Deshalb geschieht hier ein Vorschlag zu einem anatomischen Typus, zu einem allgemeinen Bilde, worin die Gestalten sämtlicher Tiere der Möglichkeit nach enthalten wären, und wonach man jedes Tier in einer gewissen Ordnung beschriebe. Dieser Typus müßte so viel wie möglich in physiologischer Rücksicht aufgestellt sein. Schon aus der allgemeinen Idee des Typus folgt, daß kein einzelnes Tier als ein solcher Vergleichskanon aufgestellt werden könne; kein einzelnes kann Muster des Ganzen sein."
Und etwas später heißt es dort: "Doch müßte man vorerst über ein allgemeines Schema sich verständigen, worauf das mechanische der Arbeit durch eine Tabelle befördert werden könnte, welche jeder bei seiner Arbeit zugrundelegt ... "
Solche Schemata bietet die Energontheorie.
Die Begriffe "Natur" und "Seele" (zu Seite 120)
Die viel verwendeten Begriffe "Natur" und "Seele" werden in diesem Buch vermieden. Dies bedarf wohl einer Erklärung.
Der Begriff Natur gewinnt dort Bedeutung, wo es darum geht, die vom Menschen geschaffenen Werke gegen alles übrige abzugrenzen. Was der Mensch schafft, ist künstlich geschaffen -, alles übrige Natur. Und zwar sowohl Anorganisches als auch Organisches. Ein Vulkan und das Meer sind ebenso Natur wie ein Fisch, ein Grashalm oder eine Muskelzelle. Da jedoch von der Energontheorie her alle vom Menschen geschaffenen Objekte als Teile der Lebensentfaltung angesehen werden und da hier - zweitens - klar unterschieden wird zwischen Materie, die dem Lebensstrom angehört, und solcher, die das nicht tut, wäre die Verwendung des Begriffes Natur in doppelter Hinsicht irreführend. Dazu kommt noch, daß dieser Begriff in der neueren Zeit den in den Hintergrund tretenden Begriff Gott häufig ersetzt. Die Natur ist "weise", die Natur hat es so oder so "eingerichtet", dies oder jenes ist "wider die Natur" - solche Formulierungen findet man in der wissenschaftlichen und volkstümlichen Literatur in jeder
(Originalbuchseite 358)
Zahl. Auch Autoren, welche die Tiere und Pflanzen keineswegs als Ergebnis eines gewollten göttlichen Herstellungs- oder Planungsaktes ansehen (sondern als Ergebnis von Mutation und Selektion), verwenden das Wort Natur - eher gedankenlos - überall dort, wo ihnen in der Aussage ein passendes Substantiv fehlt. Auch das ist irreführend, weil Äußerungen wie "die Natur will dies" oder "die Natur schuf jenes" die Vorstellung eines wollenden Agens hervorruft. Von der Energontheorie her sind jedoch alle Lebenserscheinungen die notwendige Voraussetzung und Folge eines an sich völlig blinden physikalischen Geschehens.
Was den Begriff "Seele" betrifft, so wurde bereits in einer früheren Schrift darauf hingewiesen, in wie vielen verschiedenen Bedeutungen er im Laufe der Geschichte verwendet wurde - und nach wie vor verwendet wird (H. Hass "Über das Wort ‘Seele’" in "Energon" 1970). Nach der christlichen Religion ist die Seele immateriell und unsterblich, nach der buddhistischen Glaubenslehre besiedelt sie in Aufeinanderfolge zahlreiche Menschen und andere Lebewesen. Für Spinoza war Seele und Körper ein und dasselbe, Aristoteles - und mit ihm viele Denker bis heute - sehen in der Seele ein "Formprinzip", eine ordnungschaffende Kraft, welche Materie in Lebendiges verwandelt. Alkmaion sah in der Seele eine "sich selbst bewegende Zahl", Cicero war der Ansicht, daß sie stofflicher Natur sei - "denn nur Stoffliches kann wirken und leiden". Der Wiener Psychologe H. Rohracher wieder erklärte, daß Atome nicht leiden könnten - Materie könne weder "Angst noch Hoffnung empfinden". Descartes erklärte, die Seele sei "unausgedehnt", nach Kant ist sie kein "Ding an sich", sondern nur "das Subjekt der Bewußtseinsprozesse". Teilhard de Chardin vertrat die Ansicht, daß "eine gesteigerte Verdichtung des Geistigen, welches aller Materie innewohnt", zur Bildung der Seele führe. R. Martin und K. Saller schlossen sich in ihrem "Lehrbuch der Anthropologie" (-1966) der von Fischel gegebenen Definition an, derzufolge nicht der Geist die Seele, sondern vielmehr die Seele den Geist hervorbringt.
Die meisten heutigen Naturwissenschaftler sehen mit Schopenhauer und Nietzsche im Wort "Seele" einen Sammelbegriff für unser Innenerleben. In diesem Sinne definiert auch R. Eisler im "Wörterbuch der philosophischen Begriffe" (1942) die Seele als "die von innen erfaßte, sich unmittelbar in ihrer Eigenqualität erlebende Organisation, von welcher die einzelnen Bewußtseinszustände abhängig sind, durch deren Zusammenwirken sie selbst konstruiert und charakterisiert ist". Da Worten - als Werkzeugen der Verständigung - nur dann Wert und Bedeutung zukommt,
(Originalbuchseite 359)
wenn einigermaßen feststeht, welchen Begriff sie bezeichnen, ist es unzweckmäßig, solche zu verwenden, die der eine mit dieser, der andere mit jener Bedeutung assoziiert. Das führt zwangsläufig dazu, daß die Gesprächspartner "aneinander vorbeireden".
An diesem Punkt sei darauf hingewiesen, daß sich die Energontheorie gegen keine Glaubenslehre richtet - ja gar nicht richten kann. Wenn von naturwissenschaftlicher Seite her immer wieder religiöse Lehren angegriffen werden, dann ist dies - streng genommen - als unwissenschaftlich zu bezeichnen. Denn keine Religion oder Gottesvorstellung ist gegenbeweisbar - und das gilt auch für jene Religionen oder Gottesvorstellungen, die heute längst keine Anhänger mehr haben. Selbst die Götter der Griechen oder der Azteken sind nicht gegenbewiesen - es mag vielmehr in deren "unerforschlichem Ratschluß" liegen, erst wieder in zehntausend Jahren in Erscheinung zu treten. Die Forschungsergebnisse der Naturwissenschaften, insbesondere der Biologie, machen es unwahrscheinlich, daß der Mensch Zentrum des Interesses übersinnlicher Mächte ist - doch gegenbeweisbar ist das nicht. Die Energontheorie führt zur Schlußfolgerung, daß die energetische Entfaltung sich selbst determiniert -; warum sie jedoch stattfindet und was überhaupt Energie ist, bleibt völlig offen. Am Wert oder Unwert des Menschen, seiner Würde oder Nichtwürde, wird durch die Energontheorie nicht das geringste verändert. Sie präzisiert bloß seinen Standort im Rahmen der Evolution und zeigt Zusammenhänge auf, die ihn von den übrigen Lebenserscheinungen nicht prinzipiell gesondert, sondern ihnen zugehörig, ja auf das engste mit ihnen verwandt darstellen.
Präzision und Kunst (zu Seite 137)
Bei oberflächlicher Beurteilung der Energontheorie kann es leicht zur Kritik kommen, daß hier Welt und Mensch vom rein ökonomischen Standpunkt her beurteilt würden, während in entscheidend wichtigen Bereichen menschlicher Ausrichtung das Ökonomische von höchst untergeordneter Bedeutung sei - etwa bei Liebe und Freundschaft, Lebenskultur und ganz besonders in der Kunst.
Hier ist zu entgegnen, daß die Energiebilanz nur deshalb als vorrangig betrachtet wird, da arbeitsfähige Energie unabdingbare Voraussetzung für jegliche Aktivität ist. Den weiteren, die Lebensentfaltung beeinflussen-
(Originalbuchseite 360)
den, sie determinierenden Faktoren wird durchaus Rechnung getragen. Von den drei Hauptkriterien für die Funktionseignung jeder Struktur - Kosten, Präzision und Zeitaufwand - ist das Kriterium Präzision das am weitaus schwierigsten zu erfassende und in meßbare Werte zu übertragende. In sehr vielen Lebensbereichen, die für den Menschen von besonderer Bedeutung sind, steht jedoch gerade dieses Kriterium im Vordergrund. So beruhen sexuelle Anziehungskraft, Liebe, Sympathie und Freundschaft auf einem ungemein komplexen Passungsverhältnis zwischen Umweltreizen und dem menschlichen Zentralnervensystem. Sind diese Wirkungen so beschaffen, daß sie - wie ein Schlüssel ein bestimmtes Schloß - im Empfangs- und Verarbeitungsapparat des Anderen Zuwendungsreaktionen bewirken, dann kommt es zu diesen Regungen.
Nicht anders ist es in den Künsten: Auch hier geht es um die Präzision der Passung zwischen Reizkombinationen und dem bewertenden Gehirn, das - genetisch bedingt oder auf Grund von Milieueinflüssen - sehr verschieden reagiert und auch je Stimmung nicht immer gleich reagiert. Die Faktoren Kosten und Zeit beeinflussen auch in der Kunst den Eignungswert einzelner Werke. So kann manches Werk wegen mangelnder Geldmittel nicht zustande kommen, und eine doppelt zu schnell oder zu langsam gespielte Symphonie von Beethoven verliert ihre Wirkungskraft. Im besonderen liegt jedoch der Eignungswert von Kunstwerken in der Kompetenz des Faktors Präzision. Höchst subtile raumzeitliche Passungsverhältnisse geben hier den Ausschlag. Manche sind - im statistischen Schnitt - für Menschen in aller Welt maßgebend. Andere sind nur in bestimmten Kulturkreisen wirksam - wo über Sitte und Erziehung der Schloß-Mechanismus ästhetischer Reaktionsnormen zurechtgefeilt wird. Wieder andere - und dies zeigt sich besonders in der modernen Kunst - sind auf sehr individuelle Wirkungen angewiesen und können auch ganz entgegengesetzte Regungen auslösen.
Präzision, Risiko und Chance (zu Seite 144)
Präzision und Risiko sind Kontraste. Je höher die Präzision, um so geringer das Risiko - je geringer die Präzision, um so größer das Risiko. Aber ganz so einfach ist die Sache nicht. Denn Risiko ist ebenso komplementär zum Erwerb. Dieser kann sehr präzise sein - und trotzdem höherem Risiko un-
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terworfen, ebenso gibt es auch Erwerb ohne Risiko und mit geringer Präzision.
In der Wirtschaft wird gewöhnlich zwischen Erwerbsrisiko und Feind- und Störungsrisiko nicht unterschieden. Nach der Definition von K. Oberparleitner ist Risiko "jede außerhalb der Willens- und Machtsphäre liegende Möglichkeit, deren Eintritt oder Unterbleiben den Erfolg einer Leistung zu gefährden vermag". In diesem Sinne ist für ihn Risiko schlechthin alles, was "eine die betriebswirtschaftliche Leistung beeinträchtigende Wirkung hat". Andere legten ihrer Definition die für jede menschliche Erwerbsform charakteristische Planbildung zugrunde und definierten Risiko als "Maß der Planabweichung" (W. Wittmann), als "Distanz zwischen Plandaten und faktischen Daten" (W. Eucken) oder als "Eintreten des Falles, der nicht im Sinne der Zielsetzung war" (W. Krelle). Auch der Unterschied zwischen "inneren" und "äußeren" Gefahren wurde herangezogen - so gelangte etwa A. Walther zur Trennung von "Produktions-" und "Unternehmerrisiko".
Von der Energontheorie her muß zwischen Erwerbstätigkeit und Störungsabwehr (einschließlich Feindabwehr) unterschieden werden. Mit hohem Erwerbsrisiko muß nicht unbedingt ein hohes Störrisiko einhergehen. Ist dagegen das Störrisiko groß, dann erhöht das fast immer auch das Erwerbsrisiko. Energone, die praktische Risikenabsicherung betreiben - etwa Versicherungsgesellschaften -, unterscheiden auch in dieser Weise. Absicherung gegen Schäden durch Sturm, Hagel, Erdbeben, Plünderung, Diebstahl, Raub, Betrug richten sich eindeutig gegen Umwelteinwirkungen und Raubfeinde. Solche gegen Erwerbsunfähigkeit, Arbeitslosigkeit, Transportschaden, Maschinenbruch, Kreditverlust, Geschäftsausfall richten sich ebenso eindeutig gegen Erwerbsgefährdung. Selbst bei der Abdeckung gemischter Risiken - etwa bei Feuer- und Unfallversicherung - zeigen meist die Policen diese funktionell bedingte Unterscheidung bei der Anführung von Kriterien, welche Prämienerhöhungen bedingen.
Vom Lebensstrom her gesehen war Risiko die Begleitmusik der gesamten Entwicklung. Ordnung und Erfolg waren Sicherheit - also vermindertes Risiko. Andererseits konnte Fortschritt nur über Risiko stattfinden. In diesem Sinne wurden Ordnung und Sicherheit auch wieder zum Hemmschuh - und Risiko wurde zur Chance.
(Originalbuchseite 362)
Extremer Wertkonflikt (zu Seite 151)
Ein Beispiel für krasse Wertkonflikte innerhalb des Lebensstromes ist in unseren Tagen die Erpressung des Staates auf dem Weg der Entführung und angedrohten Tötung hochgestellter Persönlichkeiten. Das Individualinteresse der Betroffenen verlangt, daß alles mögliche geschieht, um ihr Leben zu erhalten. Auch ihre besondere Stellung legt dies nahe. Andererseits ist es vom Energon Staat und seiner Rechtsordnung her schwer zu vertreten, solche Erpresserwünsche zu erfüllen. Denn dadurch wird automatisch weiteren Aktionen ähnlicher Art Vorschub geleistet, außerdem wird das Machtpotential jener, die sich solcher Mittel bedienen, noch erhöht.
Interessant ist, wie Friedrich der Große darüber dachte - denn auch damals schon gab es diese Problematik. Als "Geheime Instruktion für den Kabinettsminister Graf Finckenstein" schrieb er am 10. Januar 1757: "Wenn mir das Verhängnis zustieße, in Feindeshand zu fallen, so verbiete ich die geringste Rücksicht auf meine Person zu nehmen und sich im geringsten an das zu kehren, was ich aus meiner Haft schreiben könnte." Sein als Nachfolger bestimmter Bruder und ebenso sämtliche Minister und Generäle hätten mit ihrem Kopf für die Ausführung dieses Befehls zu haften.- Es sei zu verfahren, "als ob ich nie gelebt hätte".
Organisation und Ordnung (zu Seite 157)
Um die Vielheit der Erscheinungen und Vorgänge - besonders im Lebensbereich - besser zu erfassen und zu verstehen, wurde auf den Begriffen "Organisation" und "Ordnung" aufgebaut. Die sich daraus ergebenden Beurteilungssysteme sind von jenem, zu dem der Energon-Begriff führt, verschieden. Einschränkend ist zu sagen, daß Worte nicht die Wirklichkeit repräsentieren, sondern bloß Werkzeuge unseres Gehirnes sind, um Zusammenhänge zu erfassen. In diesem Sinne können sie - wie jedes andere Werkzeug - besser oder weniger gut ihren Zweck erfüllen. Dies ist das einzige vertretbare Kriterium ihres Wertes.
Auf dem Begriff "Organisation" bauten zahlreiche Denker auf. Im Lexikon "Der Große Herder" wurde dieser Begriff wie folgt definiert: "Wie im
(Originalbuchseite 363)
natürlichen Organismus verschiedene Teile als Gliedmaßen zu besonderen werkzeuglichen Verrichtungen im Lebenshaushalt des ganzen Lebewesens zusammengefügt sind, so gliedert menschliche Überlegung und Zielstrebigkeit eine Mehrzahl von Menschen zu einer Einheit zusammen, um in verschiedenartiger Weise zur Erreichung eines vorgesteckten Ziels planvoll zusammenzuwirken." Dieser Organisationsbegriff ist mit dem Lebensbegriff eng verknüpft und weist eine enge Übereinstimmung mit dem Energonbegriff auf.
Die meisten Verfechter "Allgemeiner Organisationslehren" - etwa der russische Nationalökonom A. Bogdanow (1912, 1923) und der österreichische Wirtschaftswissenschaftler K. Stefanic-Allmayer (1950) - sehen indes auch Atome, Moleküle, Kristalle und Planetensysteme als "Organisationen" an. Aus dieser Sicht werden Vergleiche zwischen anorganischen und soziologischen Strukturen angestellt. Daß dies - wenn überhaupt - nur zu sehr allgemeinen und wenig ergiebigen Analogien führen kann, liegt von der Energontheorie her auf der Hand. Atome, Moleküle., Kristalle und Planetensysteme stellen im Gegensatz zu den Körpern der Tiere und den vom Menschen geschaffenen zweckdienlichen Strukturen passive Gleichgewichtszustände dar. Sieht man in ihnen - wie es für die meisten Religionen charakteristisch ist - eine zielhafte Schöpfung, ein gewolltes Werk, dann allerdings sind auch sie funktionell und zweckmäßig. Betrachtet man sie jedoch ohne Glaubensbindung, dann fehlt ihnen die für organische Systeme charakteristische Dynamik. Während diese zweckmäßig oder unzweckmäßig sein können - und demgemäß bestehen und sich fortsetzen oder nicht bestehen -, sind jene das Ergebnis eines Gleichgewichtes von Kräften. Es sind keine freie Energie akkumulierenden und damit der Entropie entgegenwirkenden Systeme.
In sehr ähnlicher Bedeutung wie der Begriff "Organisation" wird auch der Begriff "Ordnung" gebraucht. Aus Blickrichtung der Informationstheorie sehen heute viele in Ordnungen den Ausdruck akkumulierter Information. Das Wesen der Evolution - in physikalische, biologische und geistige unterteilt - wird in wachsender Komplexität und Differenziertheit gesehen. Der Begriff Zweckmäßigkeit tritt dadurch in den Hintergrund und wird tunlichst vermieden. Ordnungen - "Muster" - treten zu höheren Ordnungen zusammen: dies und nichts anderes sei die Evolution. Über Zufälle gelange Materie zu Ordnung, über Regelkreise würden Ordnungen aufrechterhalten. Man versucht aus dieser Sicht, Ordnungen miteinander zu vergleichen, ihr Wesen zu entdecken. Darstellungen dieser Be-
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trachtungsweise, die in der Evolution eine Akkumulierung von Information über Ordnungen sieht, geben C. Bresch ("Zwischenstufe Leben" 1977), R. Riedel ("Die Ordnungen des Lebendigen" 1975, "Die Strategie der Genesis" 1976) sowie M. Eigen und R. Winkler ("Das Spiel" 1975). Es werden hier bemerkenswerte Gedanken darüber vorgelegt, wie über Zufall Ordnungen entstehen können. Doch darüber, wie innerhalb der Lebensentfaltung Ordnungen beschaffen sein müssen, um etwas zu leisten, läßt sich auch über die kunstvollsten Kombinationen von Molekülen nichts aussagen. Hier helfen die Begriffe Information und Ordnung nicht weiter.
Von der Energontheorie her sind Ordnungen nicht Wesen der Entwicklung, sondern eine Begleiterscheinung. Im anorganischen Bereich sind sie das Ergebnis eines Gleichgewichtes von Kräften. Im organischen Bereich kennzeichnen sie die Struktur erfolgreicher Energone - ebenso aber auch erfolgloser. Ein effizientes Energon hat Ordnung - doch in andere Umwelt versetzt, kann sein Wert auf Null absinken. Ein anderes Maß als Information wird hier notwendig, das über das Denksystem der Energontheorie entwickelt werden kann. Die anwachsende Vielheit zunehmender Komplexität kennzeichnet sehr wohl den Weg der Evolution - ist aber nicht Sinn oder Ursache, sondern Auswirkung.
Das verborgene Gemeinsame in der Lebensentfaltung (zu Seite 167)
Immanuel Kant sprach als erster den Gedanken von einem "Urbild" aller Tiere und Pflanzen aus. Er schrieb, daß eine noch fehlende "Naturgeschichte" die "Abartungen" der Geschöpfe vom "Urbild" lehren würde. Kant hielt die "Abstammung der Arten aus einer einzigen Gattung" für denkbar. ("Von den verschiedenen Racen des Menschen", in L. Voss: "Immanuel Kants Schriften zur physischen Geographie", 1839.) Die gleiche Grundidee wurde zum Leitfaden in Goethes naturwissenschaftlichen Bemühungen. Seine Suche nach der "Urpflanze" und dem "Urtier" galt nicht dem Auffinden eines gemeinsamen Ahnen, sondern je einer Grundstruktur, auf die sich die Vielheit der Pflanzen und Tiere zurückführen ließe. Diese Urbilder wären "wo nicht den Sinnen, doch dem Geiste nach darzustellen". Gemeinsam mit K. F. Burdach wurde er zum Begründer der
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Vergleichenden Morphologie. Seine auf ein "verborgenes Gemeinsames" ausgerichtete Sicht führte ihn zu bedeutenden Entdeckungen - in der Botanik zu jener der Metamorphose des Blattes in Dornen, Ranken, Staubgefäße und Stempel, in der Zoologie zum Auffinden des damals umstrittenen Zwischenkieferknochens beim Menschen. Auch im berühmten Akademikerstreit in Paris (1830) verfocht Geoffroy St.-Hilaire gegenüber Cuvier, daß es ein einheitliches, für das gesamte Tierreich gültiges Prinzip gäbe - eine "unité de composition organique".
Knapp zehn Jahre später wurde die Zelle entdeckt und weitere zehn Jahre darauf veröffentlichte Darwin die Evolutionslehre. Damit schien das "verborgene Gemeinsame" in doppelter Weise gefunden zu sein: in Gestalt einer einheitlichen Grundstruktur und einer einheitlichen Abstammung. Dazu kam später die Entdeckung der Chromosomen und des Genetischen Codes. Im Standardwerk der Evolutionsforschung "Die Evolution der Organismen" von G. Heberer (1943) schrieb W. Zündorf: "Die von Goethe intuitiv erschaute und dichterisch gestaltete Einheit in allem Wechsel und in aller Mannigfaltigkeit der Formen enthüllt sich dem modernen Forscher als das dem Lebendigen zugrunde liegende Erbgut. Jede lebende Gestalt dankt ihm ihr Dasein, ihre Formfülle liegt in seiner Wandlungsfähigkeit begründet." Im gleichen Sinne schrieb Werner Heisenberg, daß man im "Goetheschen Sinne" die Nucleinsäure als Urlebewesen bezeichnen könne - "da sie eine Grundstruktur für die ganze Biologie darstellt". Die Elementarteilchen, aus denen die Atome bestehen, verglich Heisenberg mit den "regulären Körpern" in Platons "Timaios" und fährt dann fort: "Sie sind die Urbilder, die Ideen der Materie. Die Nucleinsäure ist die Idee des Lebewesens. Diese Urbilder bestimmen das ganze weitere Geschehen ..." ("Der Teil und das Ganze", 1969.) Die heutige Lehrmeinung in der Biologie entspricht dieser Einstellung und erklärt die Bemühung der Molekularbiologen, über die Ausbildung des Genetischen Codes die Evolution zu verstehen. Die Energontheorie erklärt dementgegen, daß das "verborgene Gemeinsame" der Lebensentfaltung mit Zelle, Abstammungslehre und Genetischem Code noch nicht entdeckt worden ist -, und nimmt die Gedankenrichtung Kants, Goethes und Geoffroy St.-Hilaires wieder auf. Wenn Goethe erklärte, das allgemeine Bild, der anatomische Typus "müßte so viel wie möglich in physiologischer Richtung aufgestellt sein", dann heißt dies in heutiger Sprache, daß nicht der sinnfällige Aspekt, sondern die Funktion, die Wirkung also im Vordergrund zu stehen habe - "wo nicht den Sinnen, doch dem Geiste nach darzustellen".
(Originalbuchseite 366)
Die Konzepte von Solvay und Ostwald (zu Seite 170)
Dem Energonbegriff kam Ernst Solvay, auf dessen Arbeit sich Wilhelm Ostwald stützte, sehr nahe (1906). Er definierte die Organismen als Energietransformatoren in potentiellem Zustand - "transformateur de I’état potentiel". Den Menschen könne man nicht in sich selbst und für sich selbst beurteilen: "D’autre part, il apparaît avec la même évidence, que l’organisme ‘homme’ ne peut plus être envisagé en lui-même et pour lui-même exclusivement. Il doit être considéré dans ses rapports énergétiques avec la société." Auch in den Menschengemeinschaften sah Solvay energetische Gebilde: "Chaque groupe humain particuller, l’espèce humaine tout entière, doivent être considérés comme une réaction chimique organisée qui se continue et tend à se développer sans cesse, suivant sa loi inéluctable, malgré les obstacles de tout ordres et l’ intervention de facteurs intellectuels toujours nouveaux." Die gesamte Evolution sah er in ihrer inneren Verwandtschaft: "En somme, et au point de vue le plus général, l’être vivant serait une réaction organisée spécialement pour oxyder à froid, de manière continue et avec dégagement final d’énergie, un milieu propre: sa raison d’ être initiale, sa loi, son but, son intérêt seraient la production et la continuation prolongée de cette oxydation dans les meilleures conditions possibles." ("Notes sur les Formules d’Introduction à l’Energétique et Psycho-Sociologique".)
Wilhelm Ostwald übertrug den Begriff "Energietransformator" auf die Organe und auf die Werkzeuge der menschlichen Machtkörper, Maschinen inbegriffen. Ihre Bedeutung beruhe darauf, "daß sie eine günstige Transformation der mit ihrer Hilfe bearbeiteten Rohenergie ermöglichen und dadurch eine günstigere Produktion von Nutzenergie bewirken". In diesem Sinne bezeichnete er das, was der Wirtschaftler "Produktionsmittel" nennt, als "Transformationsmittel". Die Tiere nannte Ostwald "Parasiten des Pflanzenreiches". In den Energiebilanzen sah er die zentrale Erscheinung ("Die energetischen Grundlagen der Kulturwissenschaft", 1909).
Auch den begrifflichen Unterschied zwischen dem Energieerwerb und der Nutzbarmachung von Fremdenergie legte Wilhelm Ostwald bereits dar. Er hob hervor, daß beim Einsatz von "fremden Energien" durch den Menschen "diese nicht aus seinem Körper herrühren, sondern der Außenwelt entnommen sind". In der direkten Nutzbarmachung, die nicht über den Umweg des Körpers erfolgt, sah er "den entscheidenden Schritt
(Originalbuchseite 367)
zur Herrschaft über die Erde". Schon 1912 formulierte Ostwald seinen "energetischen Imperativ", der heute zu besonderer Aktualität gelangt. Er lautet: "Vergeude keine Energie, verwerte sie."
Außerirdischer Ursprung des Lebens (zu Seite 177)
Der schwedische Nobelpreisträger Sven Arrhenius (1859-1927) - neben Ostwald und van t’Hoff Mitbegründer der physikalischen Chemie - gehörte zu jenen, die den Ursprung des Lebens in den Kosmos verlegten. Durch Strahlendruck seien kleinste Urorganismen von anderen Himmelskörpern auf die Erde gelangt und hätten hier das Leben eingeleitet. Da zu jener Zeit dem Lebensanfang noch die Vorstellung eines besonderen Schöpfungsaktes anhaftete, war dieser Gedanke für viele erregend - obwohl er die Lösung des Geheimnisses bloß von einem Ort zu einem anderen verlegte. Inzwischen ist erwiesen, daß sich unter den Bedingungen, welche vor vier Milliarden Jahren auf unserem Planeten herrschten, in den heißen Urmeeren Bausteine für Proteine und Nucleinsäuren in reicher Zahl bildeten - im Experiment gelingt es heute bereits, sie in der Retorte zu erzeugen, ja sogar autokathalytische Prozesse einzuleiten. Daß solche Bausteine auch im Kosmos entstehen und von dort auf die Erde gelangen können, ist keinesfalls auszuschließen, jedoch von geringer Relevanz. Angewiesen war die Lebensentwicklung darauf jedenfalls nicht. Angewiesen war sie vielmehr auf das glückliche Zusammentreffen von energiereichen Verbindungen, die sie in solche Kombination brachte, daß ein Prozeß über sie seinen Anfang nahm, der sich in Potenz und Volumen steigerte. Die Wahrscheinlichkeit dafür ist im eisigen, nur von sehr verstreuten Materieteilchen erfüllten Weltenraum um ein Vieltausendfaches geringer - praktisch wohl Null. Da sich jedoch heute ein unbefriedigtes metaphysisches Bedürfnis bei vielen Menschen darin äußert, daß Gedanken über außerirdische Einwirkungen und übersinnliche Phänomene gesteigertes Interesse und Schriften über solche Thematik dementsprechenden Absatz finden, wird auch dieser Gedanke, in verjüngter Gestalt wieder aus der Schublade geholt und diskutiert.
(Originalbuchseite 368)
Homologie, Analogie und Funktionsverwandtschaft (zu Seite 184)
In der Biologie steht die Unterscheidung homolog und analog im Vordergrund der Beurteilungen. Als homolog werden Organe bezeichnet, die entwicklungsgeschichtlich verwandt sind - etwa die Brustflossen der Fische, die Vorderextremitäten der Frösche und die Flügel der Vögel. Analoge Organe sind etwa die Augen der Wirbeltiere und jene der Molusken: Ihr Aufbau ist zwar sehr ähnlich, doch entstanden sie im Laufe der Evolution voneinander ganz unabhängig. In der Energontheorie tritt diese Alternative in den Hintergrund. Es geht hier um weit weniger sinnfällige Zusammenhänge. Ein Giftstachel und ein Steuerungsrezept für Fluchtverhalten sind weder homolog noch analog - und doch funktionsverwandt. In der Bilanz scheinen sie im Abwehrsektor auf. Ob so oder so Feindwirkung neutralisiert wird, ist für ein Energon von sekundärer Bedeutung. Primär wichtig sind die Kosten, welche die Abwehrstruktur verursacht, sowie die Präzision und die Schnelligkeit ihrer Leistung. Organe völlig verschiedenen Aussehens und völlig verschiedener Entstehungsweise können einander durchaus vertreten, ihren Energonen gleichwertige Effizienz und Konkurrenzfähigkeit vermitteln.
Das Erbrezept und sein "Programm" (zu Seite 188)
Die Bezeichnung "Rezept" wird nur von wenigen Biologen gebraucht - etwa von W. Weidel in der Virusforschung und von I. Eibl-Eibesfeldt in der Verhaltensforschung. Dieser Begriff ist wichtig, weil er den funktionellen Unterschied zur Steuerung hervorhebt. Rezept und Steuerung können zusammenfallen - bei den Erbrezepten dürfte das weitgehend der Fall sein. Funktionell aber handelt es sich um zwei sehr verschiedene Aufgaben, wie sich bei den vom Menschen gebildeten Energonen besonders gut zeigt: In einem Unternehmen ist es wesentlich einfacher, Leute zu finden, die nach gegebenem Programm Befehle erteilen können, als solche, die imstande sind, selbst neue, zielführende Programme zu entwerfen. Nicht die Steuerung ist die eigentliche Essenz zielführender Abläufe, sondern die dieser Steuerung zugrundeliegenden Koordinationsvorschriften.
(Originalbuchseite 369)
In der Biologie, vor allem in der Verhaltensforschung, wird heute vielfach von angeborenen "Programmen" und von "Programmiertsein" gesprochen. Diese Bezeichnungen haben jedoch den Nachteil, daß sie sich stark mit der Vorstellung eines bewußten Agens, welches das Programm entwarf und vorschreibt, assoziieren. "Rezept" ist demgegenüber neutraler. Ein solches kann übernommen werden, wie es auch immer zustande kam (recipio = ich empfange). Entstehen über Mutation und Selektion förderliche Änderungen im Erbgut, dann ist es weniger mißverständlich, von neuen Erbrezepten als von neuen Programmen zu sprechen.
Über ganz kontinuierliche Änderungen in den Erbrezepten der Tiere unserer Ahnenreihe kam es zur Fähigkeit der Bildung von artifiziellen Funktionsträgern. Dies zeigte H. Hass in einem zehnstufigen Schema ("Zur erweiterten Energontheorie", in "Energon", 1970).
Zu den Vorzügen des vielzelligen Zentralnervensystems gegenüber dem Zellorgan Genetischer Code in seiner Funktion als Rezeptspeicher gehört auch der, daß es sich nichtbenötigter Rezepte leichter entledigen kann - indem es sie vergißt. Auf einen weiteren Vorteil wies K. Lorenz hin: Der Genetische Code gewinnt erhöhtes Angepaßtsein an die lebenswichtigen Bedingungen "nur durch Erfolg", während das lernbefähigte Gehirn "auch durch seine Mißerfolge lernt" ("Innate Bases of Learning", 1969).
Zwei altüberlieferte Sätze (zu Seite 210)
A. Naef schrieb im Handwörterbuch der Naturwissenschaften: "Natura non facit saltus! Jedes Formelement ist an vorherige gebunden und bestimmt nachfolgende, sofern es nicht an einem blinden Zweigende des Lebensbaumes steht. Es gibt morphologisch nichts schlechthin neu Auftretendes!" Dies kennzeichnet die bis heute herrschende Grundmeinung in der Biologie - die von der Energontheorie her als "Zellbiologie" bezeichnet werden muß. Am Entwicklungspunkt Mensch warf die Lebensentwicklung gleichsam die Fessel ab, die sie bis dahin am "Saltus" (Sprung) hinderte. Sobald die Funktion der Bildung von neuen Funktionsträgern vom Genetischen Code auf das vielzellige Zentralnervensystem überging, und im besonderen auf das menschliche Gehirn, wurde jeder "Saltus" möglich. Nicht nur konnten sich beliebig neue Organe entwickeln, sondern eine Energonart konnte auch total andere hervorbringen.
(Originalbuchseite 370)
Gültigkeit behält dagegen der 1651 von dem englischen Anatomen William Harvey prophetisch geäußerte Satz "Omne vivum ex ovo", der erst 1827 durch Karl Ernst von Baer bewiesen wurde, als dieser das Säugetierei entdeckte. Rudolf Virchow änderte Harveys Satz in "Omne cellula ex cellula" ab, W. Preyer in "Omne vivo ex vivo". In dieser letzten Formulierung behält er auch von der Energontheorie her seine Gültigkeit. Ab Einsetzen des Lebensprozesses wird jedes Energon - stets und ausnahmslos - von anderen Energonen aufgebaut. In der durch menschliches Wirken gekennzeichneten dritten Phase der Evolution kam es sogar dahin, daß oft zahlreiche sehr verschiedene Energone an der Bildung eines neuen Energons zusammenwirkten.
Die biologische Betrachtung des menschlichen Verhaltens (zu Seite 225)
Die von Konrad Lorenz und Niko Tinbergen begründete Vergleichende Verhaltensphysiologie stieß, sobald sie die gewonnenen Erkenntnisse auf die Analyse menschlichen Verhaltens anwandte, auf erbitterte Gegnerschaft bei den Geisteswissenschaften. Der Mensch erscheint dem Tier durch seine Intelligenz immens überlegen, der Gedanke, daß wir aus dem Studium tierischen Verhaltens wesentliches über unser eigenes Verhalten und seine Motivationen lernen könnten, scheint darum abwegig. Demgemäß hatten sich die Geisteswissenschaften von den Naturwissenschaften weitgehend unabhängig entwickelt: so lange es Denker gibt, versuchte der Mensch sich aus unmittelbarer Betrachtung zu verstehen. Erst vor hundert Jahren wurde zur Gewißheit, daß wir dem Tierreich entstammen, ihm zugehören - was die Frage nahelegt, ob nicht neben der körperlichen Verwandtschaft auch eine solche im Bereich unseres Verhaltens besteht. Ein neuer, überraschender Weg zur Suche nach Selbsterkenntnis eröffnete sich. Dieser besteht darin, den eigenen Geist nicht mit dem eigenen Geist zu erforschen - also letztendlich ein Werkzeug gegen sich selbst einzusetzen -, sondern auf dem weiten Umweg über die tierische Evolution ein "Erkenne Dich Selbst" anzustreben. In der Ahnenreihe läßt sich verfolgen - und experimentell untersuchen -, welche Mechanismen für tierische Instinkt- und Lernleistungen verantwortlich sind, wie sie im einzelnen funktionieren, wo ihre Grenzen sind. Nähert man sich dem Menschen auf die-
(Originalbuchseite 371)
sem weiten Umweg, der bei den allerniedersten Tieren beginnt, dann gelangt man zu anderen Beurteilungen, Fragestellungen und Denkkategorien, als wenn das Hirn - gleichsam von innen her - das von ihm gesteuerte Verhalten betrachtet. Vieles im Bereich der menschlichen Aktionen und Reaktionen erweist sich dann als den Tieren durchaus verwandt, ja bis zu den einfachsten unserer Verwandten hin verfolgbar. Die Besonderheit des Menschen stellt sich - gegen diesen Hintergrund - in ganz anderen Leistungen und Eigenarten dar, als man sie auf dem alten, direkten Weg zu erkennen glaubte. So bricht zur Zeit die Vergleichende Verhaltensforschung in Gestalt der Humanethologie mit ganz anderen Ausrichtungen und Gesichtspunkten in die Domäne der Philosophie, der Soziologie, der Rechts- und Kunstwissenschaften und vieler weiterer Disziplinen ein. Auch hier erfüllt sich Goethes Voraussicht, der bei seiner Bemühung zur Begründung einer vergleichenden Morphologie ausdrücklich hervorhob, daß die Gesamtschau "möglichst in physiologischer Rücksicht" orientiert sein müßte. Hält man sich dies vor Augen, dann darf man sehr wohl in ihm den geistigen Vater auch dieser erst kürzlich begründeten Forschungsrichtung einer stammesgeschichtlichen Beurteilung des menschlichen Verhaltens sehen. Wörtlich schrieb Goethe 1786: "Die Einsicht zuletzt, wie der Mensch dergestalt gebaut sei, daß er so viele Eigenschaften und Naturen in sich vereinige und dadurch auch schon physisch als eine kleine Welt, als ein Repräsentant der übrigen Tiergattungen existiere, alles dieses kann nur dann am deutlichsten und schönsten eingesehen werden, wenn wir nicht, wie bisher leider nur zu oft geschehen, unsere Betrachtungen von oben herab anstellen und den Menschen im Tiere suchen, sondern wenn wir von unten herauf anfangen und das einfachere Tier im zusammengesetzten Menschen endlich wieder entdecken." ("Vorträge über die drei ersten Kapitel des Entwurfs einer allgemeinen Einleitung in die vergleichende Anatomie, ausgehend von der Osteologie.")
Die Triebe des Menschen (zu Seite 231)
Die hier vorgelegte Einteilung der den menschlichen Willen beeinflussenden Triebkräfte stützt sich auf das klassische, von der Philosophie und der Psychologie entwickelte Triebkonzept und verbindet dieses mit gesicherten Ergebnissen der Vergleichenden Verhaltensforschung. Die von Rudolf
(Originalbuchseite 372)
Eisler im "Handwörterbuch der philosophischen Begriffe" (1942) gegebene Definition lautet: »Trieb ist ein Willensimpuls, der durch gefühlsbetonte Empfindungen oder Vorstellungen unmittelbar, ohne Reflexion, ohne bestimmtes Zweckbewußtsein, aber doch zielstrebig, das heißt zur Befriedigung eines bestimmten Bedürfnisses, zur Entfernung einer Unlust oder Erreichung einer Lust, ausgelöst wird und sich in Bewegungen entlädt, deren Zweckmäßigkeit teils ursprünglich-reflektorischer Art (gattungsmäßig erworben), teils erst individuell-erfahrungsmäßig erworben ist. Triebhandlung ist eine einfache Willenshandlung, eine solche, die durch ein einziges Motiv unmittelbar, mit organisch-psychischer Nötigung, hervorgerufen wird. Primär sind jene Triebe, welche auf ursprünglich-organischen (psychophysischen) Dispositionen beruhen; sekundär jene, welche durch ‘Mechanisierung’ von Willkürhandlungen entstehen."
Mit dieser Definition gehen wir konform. Wo die Übereinstimmung mit tierischem Verhalten eindeutig ist, haben wir die in der Biologie üblichen Bezeichnungen gewählt: das gilt für den Geschlechtstrieb, den Brutpflegetrieb, den Neugiertrieb und den Aggressionstrieb. Den Begriff "Nahrungstrieb" haben wir aus funktionellen Erwägungen auch auf den Erwerb gasförmiger Stoffe und die Exkretion von Nichtbenötigtem und von anfallenden Stoffwechselschlacken ausgedehnt. In Anlehnung an die biologische Terminologie sprechen wir statt vom Geltungstrieb vom Imponiertrieb. Die meisten der weiteren Bezeichnungen wurden bereits von anderen Autoren verwendet. Neu ist die Bezeichnung "Sicherheitstrieb", der außer dem bei Tieren nachweisbaren Fluchttrieb noch weitere Komponenten umfaßt, jedoch - im Gegensatz zum viel verwendeten Begriff des "Selbsterhaltungstriebes", der auch Ernährung miteinschließt - nur die zur Abwehr von feindlichen und störenden Einflüssen dienenden Impulse umfaßt. Ebenfalls neu ist die Bezeichnung "Schönheitstrieb" - in der Psychologie wurde von ästhetischen Trieben, auch von Schönheitsdrang gesprochen. Die als Nebentriebe zusammengefaßte Vielheit mag Anstoß erregen, doch sind diese Triebkräfte insofern verwandt, als sie nicht komplexe, hierarchische Steuerungsstrukturen darstellen, sondern individuelle Einzelgänger - sei es auf organisch-psychischer Grundlage, sei es in Gestalt individuell erworbener "Mechanismen". Die Bezeichnung "Gewohnheitstriebe" wurde auch in der Psychologie bereits verwendet.
In der Verhaltensforschung vermeidet man tunlichst den Triebbegriff und spricht statt dessen von "endogener Reizproduktion", von Antrieben, Drängen und ähnlichem. Dies erklärt sich aus der Bemühung, die Begriffe
(Originalbuchseite 373)
"Instinkt" und "Reflex" im Sinne der von Tinbergen 1951 gegebenen Definition gegeneinander abzugrenzen, sowie aus der Auseinandersetzung mit den Geisteswissenschaften, besonders mit der Milieutheorie. Die Frage "angeboren oder erworben?" steht heute im Zentrum der Betrachtungen. Für die praktischen Bedürfnisse eines Überblickes über die Hauptausrichtungen menschlicher Motivationen ist es dagegen von sekundärer Bedeutung, aus welchen Einzelelementen sich diese zusammensetzen und welches ihr entwicklungsgeschichtlicher Hintergrund ist. Worauf es ankommt, ist die Realität menschlichen Verhaltens - und hier zeigen sich eindeutig universell gültige Ausrichtungen.
Auch die früher in der Biologie ganz ungezwungen verwendeten Bezeichnungen "Lust" und "Unlust" werden in der Verhaltensforschung heute unterdrückt, weil nicht nachweisbar ist, daß sich bei Tieren mit ihren Instinkthandlungen Empfindungen verbinden, die jenen des ichbewußten Menschen entsprechen. Nachweisbar sind bloß Erregungszustände, die sich mit Zuwendebewegungen und Abwehrreaktionen verbinden. Da es bei der erwiesenen und engen Verwandtschaft mit den Tiervorfahren jedoch überflüssig erscheint, päpstlicher als der Papst zu sein, behalten wir diese auch in der Philosophie üblichen Bezeichnungen bei. Dort wo der Lust-Begriff anstößig wird, weil er sich mit tierhafter Regung, ja sündhaften Bestrebungen assoziiert, verwenden wir statt dessen den neutralen Begriff "Glück". Er paßt dort besser, wo sich Triebe mit positiv bewertetem, ja ethischem Verhalten verbinden.
Der Staat als Organismus (zu Seite 299)
Zu allen Zeiten gab es Denker, die im Staat einen echten Organismus sahen. Plato nannte den Staat "einen Menschen im großen", Aristoteles nannte ihn "ein beseeltes Lebewesen". Der englische Philosoph Thomas Hobbes sah in der Furcht den Ausgangspunkt zur menschlichen Staatsbildung und nannte den Staat "ein alles verschlingendes Ungeheuer". Schelling erklärte, daß der Staat nicht ein Mittel für bestimmte Zwecke sei, sondern die "Konstruktion des absoluten Organismus". Hegel sah im Staat die "höchste Form des objektiven Geistes" - des sich entwickelnden Selbstbewußtseins: des Weltgeistes. Der bedeutendste Verfechter der "organischen" Richtung innerhalb der Staatslehre, zu der auch die Philosophen
(Originalbuchseite 374)
G. Fechner und W. Wundt gehörten, war der Rechtsgelehrte Otto von Gierke. Der schwedische Historiker und Staatstheoretiker Rudolf Kjellén stellte den "Lebensformen" Pflanze, Tier und Mensch die Lebensform Staat zur Seite. Er bezeichnete den Staat als "eine wirkliche Persönlichkeit mit eigenem Leben", als einen "Organismus im biologischen Sinne" ("Der Staat als Lebensform", 1924). Auch der Biologe Oskar Hertwig bezeichnete den Staat als eine "dem Menschen übergeordnete, höhere Form von Organismus" ("Der Staat als Organismus", 1922). Er knüpfte an Ernst Kapp an, der in seinen "Grundlinien einer Philosophie der Technik" (1877) den Staat als einen "sich dem Menschenleib nachbildenden Organismus" bezeichnet hatte.
Bei den modernen Auffassungen vom Staat sind wesentliche Übereinstimmungen mit der Gedankenrichtung der Energontheorie festzustellen. So charakterisiert H. Krüger in seiner "Allgemeinen Staatslehre" (1964) den Staat als "ein Gebilde, das der Geschichte angehört", er sei eine "geschichtliche Antwort auf eine zeitlose Frage". Und er fährt fort: "Denn immer muß eine solche Gruppe gebildet und zusammengehalten werden, stets bedarf sie der Ordnung und der Leitung, und allenthalben befindet sie sich in einer Auseinandersetzung mit der Umwelt." Fast genau dieselbe Formulierung trifft als Definition für sämtliche Energone zu. Ihr wesentliches Charakteristikum ist: sie sind eine Antwort. Und zwar einerseits auf eine geschichtlich sich verändernde Umweltsituation - und andererseits auf Probleme, die jedes Zusammenwirken von Einheiten innerhalb einer Gruppe aufwirft.
Die Anstrengung eines veränderten Denkens (zu Seite 309)
Der Wiener Volkswirtschaftler und Philosoph Othmar Spann schrieb 1929: "Alle Stammbegriffe oder Kategorien müssen solche sein, die sich beim Leisten, Verrichten (Funktionieren) der Mittel ergeben." Genau diesem Anspruch fügt sich die Energontheorie.
Das menschliche Gehirn sträubt sich allerdings energisch dagegen, wenn die ihm vertrauten, als Ausdruck der Wirklichkeit betrachteten Stammbegriffe oder Kategorien angetastet und ihm andere angeboten werden. Zu diesem Thema mögen zwei Aussprüche aus der Wende zwischen dem 17.
(Originalbuchseite 375)
und 18. Jahrhundert interessieren. Der deutsche Dichter Friedrich Schiller schrieb: "Wer sich über die Wirklichkeit nicht hinauswagt, wird nie die Wahrheit erobern." Und der Schweizer Sozialreformer Johann Heinrich Pestalozzi schrieb: "Die Freiheit wird unseren Kindern so wenig als eine gebratene Taube ins Maul fliegen, als sie je irgendeinem Volk der Erde also gebraten ins Maul geflogen."
Neue Aufgaben der Frau
Etwa die Hälfte aller Menschen sind Frauen. Auf Grund ihrer biologisch etablierten Funktion der Nachkommenerzeugung befinden sie sich im Rahmen der genetisch erzwungenen Symbiose mit dem Mann in einem Abhängigkeitsverhältnis zu diesem. Die heutigen Bestrebungen, geschichtlich zur Selbstverständlichkeit gewordene Rechtsnachteile und der Frau zum Nachteil gereichende Richtlinien von Sitte und Gepflogenheit zu beseitigen, sind verständlich und berechtigt. Im Eifer dieser Bestrebungen darf freilich nicht außer Acht bleiben, daß die Frau vom angeborenen Erbe her Bindungen anstrebt, ja solche eine wichtige Basis für ihr Glücklichsein und ihre Zufriedenheit darstellen.
Von der Energontheorie her ergeben sich indes Folgerungen, die über die heutigen Gleichberechtigungs- und Mitsprachebestrebungen der Frau noch hinausgehen. Die Denkweise der Energontheorie ist abstrakt und deshalb für das mehr praktisch orientierte Denken der Frau nicht leicht zugänglich. In den Konsequenzen führt jedoch diese Denkweise zu einer sehr nüchternen und praktischen Weltbetrachtung, die dem weiblichen Denken eher entgegenkommen dürfte.
Seit es menschliche Gemeinschaften gibt, hat sich die Frau stets darum bemüht, die Familie zusammenzuhalten, dem Zusammenleben Sinn und Ordnung zu geben - der problemreichen, Fortschritte anstrebenden und immer wieder Kriege entfachenden Grundausrichtung des Mannes ein Gegenpol zu sein. Heute ist die Entwicklung an den schicksalsschweren Punkt gelangt, da die Menschheit, wenn es nicht zu einer globalen Katastrophe kommen soll, lernen muß, den Planeten Erde in seiner beschränkten Größe als gemeinsame Heimat zu betrachten und sich, vernunftgesetzten Grenzen beugend, darauf einzurichten.
Voraussetzung dafür ist, daß der Mensch die eigenen Triebe nicht länger
(Originalbuchseite 376)
mit seiner Phantasie entstammenden Postulaten verwechselt,
und daß die Kinder zu einer nüchternen Einschätzung der
tatsächlichen Situation erzogen werden. Der Mensch ist keineswegs
gleich, und sehr viele verschiedene Lebensformen sind möglich und,
sofern sie andere nicht unter Zwang setzen, berechtigt. Interessenskonflikte
sind so alt wie die Lebensentwicklung selbst - doch wenn die divergierenden
Meinungen nicht überschätzt werden, ist jeder Konflikt zu regeln.
Entscheidend wichtig wird heute somit die Erarbeitung globaler Normen,
die den sehr verschiedenen Ausrichtungen menschlichen Lebens im Rahmen
des insgesamt Möglichen Entfaltungsraum bieten. Bei dieser unabdingbaren
und schwierigen Aufgabe, zu deren Bewältigung die Energontheorie ein
die mannigfachen Wertungen verbindendes Begriffssystem beisteuert, kann
gerade die Frau auf Grund ihres stärker in der Lebenspraxis verwurzelten
Denkens eine hervorragende, ja entscheidende Rolle spielen. Für
die konkrete Konsolidierung neu gewonnener Heimaten war stets sie zuständig.
Nun aber geht es - in globalem Ausmaß - nur eben wieder um diese
Aufgabe: Sein oder Nichtsein künftiger Generationen hängt jetzt
davon ab, ob es gelingt, eine gewonnene Heimat zu konsolidieren - den Planeten
Erde.
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