8. Station Mensch im Strom des Lebens
Die menschliche Intelligenz
Die besonderen geistigen Fähigkeiten des Vielzellers Mensch wurden von der Forschung in aller Welt eindeutig als Leistung der besonders entwickelten Großhirnrinde erkannt. Es konnten bisher keine grundsätzlich anderen Differenzierungen von Gehirnzellen beim Menschen gegenüber jenen der uns nahe verwandten Affen ermittelt werden. Die weit größere Anzahl dieser Nervenzellen und ihre Kompartimentierung dürften hier den Ausschlag geben oder zumindest ein wesentlicher Faktor für das Zustandebringen gesteigerter Leistungen sein. Worin diese, funktionell betrachtet, bestehen, wo also die entscheidende Grenze zwischen tierischen Gehirnleistungen und jenen beim Menschen liegt, haben besonders klar Experimente gezeigt, die Koehler 1923 mit Schimpansen. anstellte. Hoch über diesen Affen wurde an der Käfigdecke außer Reichweite eine Banane befestigt, während mehrere Kisten sowie zusammensteckbare Holzstangen im Käfig verteilt waren. Die intelligentesten unter den Versuchstieren vermochten nach längerem Probieren und Überlegen die Aufgabe zu lösen. Sie schichteten die Kisten übereinander, fügten die Stockteile zusammen, kletterten auf den Kistenturm und angelten sich die Banane. Verstreute man dagegen Kisten und Stockteile über mehrere, durch Gänge miteinander in Verbindung stehende Käfige, dann wurde die Aufgabe nicht gelöst. Nur wenn sich die Komponenten zum Lösen der Aufgabe im unmittelbaren Sichtbereich der Schimpansen befanden, war es ihrem Gehirn möglich, die Kombination zur Erreichung eines bestimmten Zieles zu ermitteln.
Diese Versuchsergebnisse lassen erkennen, worin die gesteigerte Funktionsfähigkeit des Gehirns beim Menschen besteht. Aufgrund der besonders entwickelten Großhirnrinde vermögen wir Umweltgegebenheiten und gewonnene Erfahrung auch dann miteinander in Bezug zu setzen, wenn sie räumlich und zeitlich weit voneinander getrennt sind. Unsere Vorstellungskraft bietet uns gleichsam einen inneren Projektionsschirm, auf dem wir Erinnerungen und Erfahrungen aufblitzen lassen und mit unmittelbar gewonnenen Eindrücken kombinieren können. Die schon bei niederen Tieren nachweisbare Fähigkeit zur Assoziationsbildung ist hier immens, ja fast schrankenlos gesteigert. Auf den inneren Projektions-
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Abb. 24: Vorstufen zur Bildung von künstlichen Organen durch den Menschen im Tierreich (nach H. Hass 1970)
A: Schutzpanzer bei Amöben. Amoeba euglypha
baut aus selbstgebildeten Kalkplättchen ein schützendes Gehäuse
auf (A1). Amoeba difflugia
bildet ein ganz ähnliches Gehäuse aus Sandkörnchen (A2).
Sie verwendet also bereits fertig in der Umwelt vorhandenes Material und
bildet ohne Umweg über den Körper künstlich einen Funktionsträger.
Die Effizienz des Panzers wird durch seine Herstellungsart nicht beeinflußt.
Worauf es ankommt, sind die Präzision seiner Abwehrleistung sowie
die Kosten und Schnelligkeit seiner Herstellung.
B: Spinne und Netz. Das Netz ist entscheidend
wichtiges Organ des Energie- und Stofferwerbes der Netzspinne. Es ist aus
körpereigenem Material gebildet, jedoch mit dem übrigen Funktionsgefüge
nicht mehr fest verwachsen. Worauf es jedoch ankommt, ist die Leistung
und nicht das Verwachsensein.
C: Einsiedlerkrebs und Schneckenhaus. Einsiedlerkrebse
verwenden leere Schneckenhäuser als schützende Panzer. Sie ersparen
sich aufgrund einer angeborenen Verhaltenssteuerung die Ausbildung einer
Panzerung für den Schwanz. Sie verwandeln das funktionslos gewordene
Schutzorgan eines anderen Energons in ein eigenes künstliches Organ.
D: Wollkrabbe mit Tarnungsschild. Die Wollkrabbe
Dromia vulgaris steigert die Abwehrkraft ihres natürlichen Panzers
durch Tarnung. Sie schneidert sich aufgrund angeborener Verhaltenssteuerung
einen Schwamm derart zurecht, daß er ihren Rückenschild genau
bedeckt. Mit dem letzten Gehfußpaar hält sie ihn fest. Ein fremder
Organismus wird so künstlich verändert und in ein eigenes Schutzorgan
verwandelt.
E: Einsiedlerkrebs und Seerosen. Der Einsiedlerkrebs
Pagarus arrosor pflanzt Seerosen auf sein Schneckenhaus, was seine Abwehrfähigkeit
gegenüber seinem Hauptfeind, dem Tintenfisch, steigert. Wächst
der Einsiedlerkrebs und muß er in ein anderes größeres
Haus übersiedeln, dann überpflanzt er auch die Seerosen. Durch
Streicheln mit den Scheren bewirkt er, daß sie sich ablösen
lassen. Die Partnerschaft beruht auf angeborenen Verhaltenssteuerungen
bei beiden Tierarten, wobei jede die andere zum künstlichen Organ
macht. Die Seerose wird für den Einsiedlerkrebs zu einem zusätzlichen
Schutzorgan, der Einsiedlerkrebs für diese zum Organ der Fortbewegung.
Hier liegt bereits echter Leistungstausch vor.
F: Verstärkte Partnerschaft. Bei dem
Einsiedlerkrebs Eupagurus prideauxi leistet die Seerose Adamsia noch einen
zusätzlichen Dienst. Durch entsprechende Kalkabscheidung vergrößert
diese sein künstliches Organ Schneckenhaus derart, daß für
den Einsiedlerkrebs die Notwendigkeit der risikoreichen Übersiedlung
wegfällt. Zu einer Dienstleistung tritt hier die Produktion eines
benötigten Funktionsträgers durch ein anderes Energon hinzu -
im Tausch für eine Gegenleistung: die Fortbewegung der Seerose, die
solcherart in nahrungsreicheres Wasser gelangt.
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schirm können wir uns auch selbst projezieren, wir können uns selbst objektivieren und in das Kombinationsspiel unserer Vorstellungen miteinbeziehen - wodurch unser Ichbewußtsein entsteht. Im Geist, in unserer Phantasie, wie man diesen Projektionsschirm nennt, vermögen wir auf diese Weise Pläne für Handlungen zu entwerfen und sie, ohne sie ausführen zu müssen, auf ihre Tauglichkeit zu untersuchen. Ebenso können wir rein theoretisch erkunden, wie eine materielle Einheit beschaffen sein müßte, um eine von uns benötigte Funktion zu leisten, welche Eigenschaften und Merkmale also artifizielle Funktionsträger haben müssen, um funktionsfähig zu sein. Wir können sogar im Geist sämtliche je gewonnenen Erfahrungen heranziehen, um festzustellen, aus welchem Material und wie sie herzustellen wären. Wir können also ihre Herstellung und Verwendung erproben, ohne mit dieser praktisch begonnen zu haben.
Eine weitere wichtige Überlegenheit gegenüber den Tieren liegt in unserem weit stärker entwickelten Abstraktionsvermögen. Wenn wir alle wahrgenommenen Bäume aufgrund ihrer ähnlichen Eigenschaften unter dem Begriff Baum zusammenfassen und in analoger Weise alle für uns relevanten Erscheinungen der Umwelt ebenso in Pakete zusammenfassen, dann schafft das Gehirn sich auf diese Weise Werkzeuge, die ihm bei der Bewältigung der ständig einflutenden Sinnesreize wesentlich helfen.
Daß auch schon Tiere solche Werkzeuge zur Umweltbeurteilung schaffen, konnte bei Affen experimentell bewiesen werden. Tiere vermögen indes nur averbale Begriffe zu bilden, das heißt, sie vermögen Begriffe nur in minimalem Umfang mit Gesten und im besonderen mit Lautfolgen zu assoziieren. Genau das aber war die Grundlage für die menschliche Verständigung über den Weg der Sprache. So wird etwa der Begriff Baum mit der Tonfolge BAUM assoziiert, an den Begriff wird gleichsam das Etikett einer bestimmten Bezeichnung angeheftet. Auf diese Weise entstehen verbale Begriffe, also mit Worten assoziierte Abstraktionen für materielle Strukturen. Beispiele dafür sind VOGEL, TISCH, MASCHINE. Ebensolche mit Lautfolgen assoziierte Abstraktionen, Begriffe also, bildet der Mensch auch für Eigenschaften und Vorgänge. ROT, SCHNELL, KALT sind Beispiele für Eigenschaften, GEHEN, SCHLAGEN, ERSCHRECKEN solche für Vorgänge. Dinge, Eigenschaften und Tätigkeiten werden dann noch durch eine Fülle von Verbindungswörtern in Beziehung gesetzt und vernetzt. So entsteht die Sprache mit ihren Wortformen, Wortarten und Satzgliedern. Dieser uns einfach und selbstverständlich dünkende Vorgang kennzeichnet eine außerordentliche Gehirnleistung, zu welcher Tiere
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nicht im Stande sind. Wohl kann man höhere Tiere auf bestimmte Lautfolgen dressieren, doch zur eigenen Entwicklung einer differenzierten Sprache sind sie nicht fähig. Sie können bloß über akustische, visuelle und chemische Signale Emotionen wie Angst, Drohstimmung, Gereiztheit oder Paarungsbereitschaft auf andere übertragen und bei diesen entsprechende Reaktionen auslösen. Ein sprachlicher Verkehr ist dagegen den Tieren verschlossen, ebenso wie die Entwicklung eines Ichbewußtseins und die Fähigkeit, bewußt zu überlegen, zu planen, zu verwerfen, zu erfinden. Gesteigerte Vorstellungskraft, verbale Begriffsbildung und Ichbewußtsein waren Voraussetzung für die zielhafte Erweiterung der körperlichen Leistungskraft durch Schaffung und sinnvolle Verwendung artifizieller Funktionsträger.
Der sich auf dem inneren Projektionsschirm mit seiner Umwelt vergleichende Mensch machte sich in notwendiger Folge Gedanken über die Ursachen seines Daseins und über die Bedeutung seiner Existenz, die in der bis auf den heutigen Tag erregenden Frage nach dem Sinn des Seins gipfeln. Im Kampf ums Dasein wurde der Mensch ständig mit den übermächtigen Naturgewalten und mit dem Verhältnis zum Mitmenschen konfrontiert, wobei Geburt, Leben und Tod das Denkgefüge bis auf den heutigen Tag beherrschen. Die Vorstellung von unsichtbaren Dämonen, weiterlebenden Ahnen, göttlichen und teuflischen Kräften und einer vom Körper trennbaren Seele drängten sich dem Menschen geradezu auf und führten zur Bemühung, natürliche Angst durch Verehrung und Besänftigung dieser Mächte wenn schon nicht zu kompensieren so doch zu beschwichtigen. Die Erlebnisse grauer Vorzeit gruben sich tief im erwachenden Bewußtsein ein und sind bis auf den Tag in unserem Unterbewußtsein verankert, was sich in gesteigerter Furcht vor Dunkelheit und Ungewißheit manifestiert. Dazu kam die in den Gemeinschaften so gravierende Polarität zwischen Gut und Böse, die ebenfalls in letzter Ursache auf die Wirksamkeit jener unsichtbaren Mächte und ihrer Auswirkungen projiziert wurde. Dunkel und Hell, Gut und Böse, Oben und Unten sowie die Vierheit Wasser, Feuer, Erde und Luft wurden zu Kriterien, die fast überall zu metaphysischer Bedeutung gelangten.
Durch das Einbrechen naturwissenschaftlicher Erfahrung und Erkenntnis wurden viele der ursprünglichen Erklärungskonzepte entwertet. Die höchst reale Grundlage von Naturphänomenen wurde aufgedeckt. Es wurde erkannt, daß die Erde nicht Zentrum im All ist. Und es wurde erkannt, daß der Mensch nichts von den Pflanzen und Tieren prinzipiell Ge-
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sondertes, sondern vielmehr selbst aus ihrer Mitte hervorgegangen ist.
Immer noch sieht sich der Mensch jedoch als Höhepunkt der evolutionären Entwicklung - wogegen sich die Energontheorie diametral wendet. Die Evolution ist seit mehr als zehntausend Jahren über den Menschen hinweggeströmt - er ist jedoch dank seiner Intelligenz der talentierteste Erfüllungsgehilfe in diesem physikalischen Geschehen. Die Evolution setzt sich in den vom Menschen geschaffenen größeren Einheiten fort.
Alle Materie und die gesamte Lebensentfaltung sind eine Manifestation von Energie - deren letztes Wesen, Ursprung und Sinn uns verborgen sind.
Daraus ergibt sich folgendes Resümee:
Die Auswirkungen der künstlichen Organe
Die künstlichen Organe schufen ein total anderes äußeres Bild. Der neue Vorgang, Funktionsträger nicht durch Zelldifferenzierung, sondern unmittelbar aus anorganischem Material zu bilden, leitete nach der Entfaltung der Einzeller und der Vielzeller eine dritte Epoche in der Evolution ein. Wir selbst sind Zeugen dieses atemberaubenden Prozesses, der in den letzten 200 Jahren so weit gediehen ist, daß die Lebensentfaltung mit Hilfe der Technik bereits die Atomkraft entfesselt und mit artifiziellen Funktionsträgern andere Planeten bemannt und unbemannt berührt. Grundlage für diese gewaltige Wende war eine an sich geringfügige Funktionsverlagerung, wie es deren bei den Vielzellern schon zahlreiche gegeben hatte. Die Funktion der Organbildung ging aus der Kompetenz des Genetischen Code - eines Zellorganes - mit in den Verantwortungsbereich des vielzelligen Gehirnes über. Die so entstehenden größeren und mächtigeren Energone, die sich den Sinnen eben nicht mehr als fest zusammenhängende Körper darbieten, stellen sich dem Menschen, der Zentraleinheit in diesem Abschnitt der energetischen Entfaltung visuell derart anders dar, daß er sie als etwas grundsätzlich anderes betrachtet. Der visuelle Unterschied und das eigene Verflochtensein in diesen Prozeß legten ihm gleichsam Scheuklappen an, vernebelten seine klare Einschätzung, machten ihn zu einem Sklaven seiner Augen, verwischten die Konturen der Erkenntnis.
Das völlig andere Erscheinungsbild von Organen, die aus Zellen gebildet und einem Zellkörper fest verhaftet sind, gegenüber solchen, die von ihm getrennt auf ganz andere Art zustande kommen, erweckte ihm den irrigen Eindruck, als ob hier ein totaler Bruch im Evolutionsablauf vorläge, als hätte hiermit eine total andere Entwicklung - kulturelle Evolution des Menschen genannt - begonnen. Übersehen wurde dabei, daß es bei jedem Organ primär stets auf die Leistung ankommt, nicht auf das Material, aus welchem es besteht, nicht auf die Art seiner Verbindung mit dem restlichen Körper und vor allem nicht auf die Weise, wie es zustande kommt. Über Intelligenzakte kann Zweckdienliches wohl enorm viel schneller zustande kommen als über den plumpen Vorgang von Mutationen und einer Kette von Zufallskombinationen. Unbestreitbar können auch durch Intelligenz Einheiten zustandekommen, welche über Mutation und Selektion nie erreichbar wären. Wie sie indes beschaffen sein müssen, um funktionsfähig und effizient zu sein, kann geistige Tätigkeit nicht beeinflussen, da dies von den relevanten Faktoren determiniert ist - also von der jeweils ge-
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stellten Aufgabe diktiert wird. Ob über Zufälle oder Intelligenz ein Bleistift zustande kommt: er muß so beschaffen sein, daß er sich zum Schreiben eignet. Der Mensch mißt somit dem Geistigen einen unrichtigen Stellenwert zu. Wohl ist die menschliche Intelligenz ein eminent wirkungsvolles Werkzeug, ein Beschleuniger und Katalysator sondergleichen, ein Funktionsträger der Verbesserung, wie es einen ähnlichen noch nicht gab.
Die geistige Schöpfung ist indes alles eher als frei. Sie muß sich vielmehr, um Zweckmäßiges zu schaffen, an die für die gesamte Energonentwicklung gültigen Spielregeln halten: es gibt somit keinen echten Erfinder, sondern bloß Finder.
Die Epoche menschlicher Energonbildung nahm ihren Lauf, beeinflußte in immer steigendem Ausmaß die Gesamtheit der den Lebensprozeß weitertragenden räumlichen und zeitlichen Strukturen. Heute sind wir an der dramatischen Wendemarke, wo sich in dieser Entwicklung eine drohende Selbstzerstörung abzeichnet, ja aufgrund der immer anwachsenden Potenzierung des Lebensstromes beinahe errechenbar ist. Um so wichtiger wird es, den kausal vorgezeichneten Weg dieser dritten Phase der Evolution - nach jener der Einzeller und der Vielzeller - rational zu erkennen und emotionsfrei zu bewerten. Wie hier bewiesen werden soll, erklärt sich dieser vorgezeichnete Weg aus den Auswirkungen der nichtverwachsenen, artifiziellen Funktionsträger, welche die möglichen Entwicklungsrichtungen vorzeichnen. Hinzutreten die angeborenen und über Erziehung erworbenen Eigenschaften des Menschen, die darüber entscheiden, welche Entwicklungsrichtungen bevorzugt wahrgenommen und ausgebaut werden, also welche Sonderselektion im Rahmen der Gesamtselektion seinen Neigungen nach erfolgt.
Die Auswirkungen der nichtverwachsenen Funktionsträger lassen sich in zwanzig Punkten gliedern, welche das faszinierende Spiel von Geben und Nehmen und die Wechselwirkungen des sogenannten Schicksals - seine Quellen - aufzeigen:
Erstens: Ablegbarkeit
Mit dem Zellkörper nichtverwachsene, artifizielle Funktionsträger - künstliche Organe - bieten den Vorteil, daß sie ablegbar sind.
Sie können für die Dauer der Benötigung dem Funktionsverband des Zellkörpers angegliedert werden, belasten diesen jedoch nicht ständig. Ein Messer wird zum Gebrauch zur Hand genommen und wieder fortgelegt.
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Ein Haus wird aufgesucht und wieder verlassen. Der menschliche Zellkörper bewegt sich zum Brunnen, verbindet sich mit diesem, indem er ihm Wasser entnimmt, und entfernt sich wieder. Aufschlußreiche Vorstufen bei den Tieren sind etwa Schutzhöhlen, Vogelnester und Spinnennetze ebenso wie die Bienenwaben. Während Schnecken ihr schützendes Haus und Schildkröten ihren Panzer ständig mit sich herumtragen müssen, flüchtet das Kaninchen bei Gefahr in seinen Bau, es ist während der Futtersuche nicht mit einer ähnlichen Last beschwert. Allerdings zeigt sich schon bei jenen Tieren, die über nichtverwachsene, artifizielle Funktionsträger verfügen, mit welcher Hypothek diese belastet sind. Die Spinne verteidigt ihr Netz bei drohender Beschädigung, Tiere mit Wohnhöhlen werden nicht selten von anderen daraus verdrängt. Die meisten artifiziellen Funktionsträger haben die Eigenschaft, auch von anderen Zellkörpern zur Steigerung ihrer Fähigkeiten verwendet werden zu können. Dem Menschen nützen also diese leistungssteigernden Einheiten nur in dem Ausmaße, als er sie nicht ständig bewachen oder mit sich herumtragen muß. Seine Bindung an sie wird zum Problem, ihr Verlust zur Gefahr. Ein Weg, sie zu schützen, besteht darin, sie zu verstecken, zu vergraben, was nur bei kleineren Werkzeugen möglich ist. Die einzig wirklich wirkungsvolle Möglichkeit ihres Schutzes ist die Bildung von arbeitsteiligen Verbänden, in denen einige sich ganz auf Schutzfunktionen spezialisieren und für diesen Dienst von den Beschützten Entgelt erhalten. Große seßhafte Verbände sind die Staaten, die über Legislative, Judikative und Exekutive den Schutz gegenüber den Mitbürgern im Inneren und in Gestalt der Landesverteidigung nach Außen übernehmen. Wie auch immer Verbände und Staaten zustande kommen und strukturiert sind: Die Bildung von artifiziellen Funktionsträgern machte sie einfach nötig, determinierte sie als notwendige Konsequenz. Dies bedeutet, daß die Wirksamkeit der artifiziellen Funktionsträger an die Schaffung von Verbänden und Staaten gebunden ist.
Zweitens: Austauschbarkeit
Mit dem Zellkörper nichtverwachsene, artifizielle Funktionsträger - künstliche Organe - bieten den Vorteil, daß sie austauschbar sind.
Während Tiere, die Spezialorgane entwickelten, nur eng umrissene Spezialleistungen erbringen können, kann der Mensch - vermittels des Universalbindemittels Hand - sich abwechselnd auf dies oder jenes spezialisie-
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ren, was ihm unbegrenzte Möglichkeiten der Leistungssteigerung verschafft. Wenn Konrad Lorenz behauptet, der Mensch sei ein Spezialist im Unspezialisiertsein, dann kennzeichnet dies die total kurzsichtige Betrachtungsweise, nur das zum Leben gehörig anzusehen, was den Zellkörpern unmittelbar angehört. Ganz im Gegenteil ist nämlich der Mensch ein Spezialist in Vielseitigkeit der Spezialisation. Er ist ein Wesen, das sich dank seiner künstlichen Organe chamäleonhaft verwandeln kann, jeder Gegebenheit und Aufgabe anpaßt, seine Umwelt und Mitwelt fast beliebig verändert und somit in jedem Bereich zu Hause ist: zu Lande, auf dem Meer, unter Wasser, in der Luft und im Kosmos. Alles gerät unter seine sich erweiternden Hände - unter seine künstlichen Organe. Auch Pflanzen und Tiere gelangten über Mutationen zur Fähigkeit, sich in Körperbau und Verhalten entsprechend den Umweltbedingungen wesentlich zu verändern, doch erst über die artifiziellen Funktionsträger des Menschen entstanden Energone von praktisch unbeschränkter Wandlungsfähigkeit. Bei pflanzlichen und tierischen Modifikationen kann es bestenfalls zu additiver Leistungssteigerung kommen, dagegen führen die auswechselbaren Organe zu einem multiplikativen Effekt. Innerhalb von Verbänden und Staaten - ein weiterer Vorteil dieser Einrichtungen - konnte eine geradezu unbeschränkte Spezialisierung auf ineinandergreifende, vernetzte Einzelleistungen stattfinden. Daher der gravierende Unterschied zwischen den Resultaten, zu denen die Energonentfaltung in der dritten Evolutionsphase gegenüber jenen der Einzeller und Vielzeller gelangte.
Drittens: Kollektivnutzung
Mit dem Zellkörper nichtverwachsene, artifizielle Funktionsträger - künstliche Organe - bieten den Vorteil, daß sie mehr als einem Energon dienstbar sein können.
In einem Kollektiv können Geräte und Transportmittel abwechselnd von mehreren Mitgliedern verwendet werden, was die Bilanz jedes einzelnen Energons drastisch entlastet. Auch Vermietung von künstlichen Organen ist möglich, sie können für Gegenleistung zeitweise anderen überlassen werden. Der bedeutsamste Transfer liegt jedoch in der Vererbbarkeit, indem die Funktionsfähigkeit von künstlichen Organen nicht mit dem Tode ihres Besitzers erlischt. Stirbt eine Pflanze oder ein Tier, dann kann kein Blatt von einer anderen Pflanze verwendet werden, kein Maul und keine Leber von einem anderen Tier. Die Organe abgestorbener Organismen
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können nur zur Nahrung dienen - dabei gehen jedoch 90 Prozent an Biomasse verloren. Für den Lebensstrom ist es somit von immensem Vorteil, daß die artifiziellen Funktionsträger des Menschen ohne den geringsten Wertverlust in den Leistungskörper anderer Energone hinüberwechseln können. Dank der artifiziellen Instrumentaltechnik ist es heute sogar möglich, Zellstrukturen auszuwechseln, indem etwa die Niere eines Verunglückten jene eines Kranken ersetzt, oder ein Auge geopfert wird, um die Sehkraft eines Erblindeten wiederherzustellen.
Als Folgeerscheinung der prinzipiellen Trennbarkeit von Energon und artifiziellen Funktionsträgern kam es zur Problematik des Eigentums, seiner Definierung, seines Erwerbes, seiner Erweiterung und Übertragung. Es führte im weiteren zur gravierenden Frage der Erbgesetze, zur noch gravierenderen Polarität zwischen Individual- und Gemeinschaftseigentum, zur komplexen Mischung von Gemeinnutz und Eigennutz, von privaten und idealistischen Vorstellungen, die unsere heutige Zeit bewegen und die Menschheit weltweit in einen latenten Bürgerkrieg verwickeln. Schließlich erklärt sich aus dieser Gesamtproblematik auch der Konflikt zwischen Eigentum und Besitz, insbesondere unter dem Gesichtspunkt, ob ungenutztes, also funktionsloses Eigentum schutzberechtigt oder für die Gemeinschaft von Schaden und von Schande ist.
Schon diese Auswirkungen der artifiziellen Funktionsträger brachten es mit sich, daß der sich ihrer bedienende Mensch vom Herrn zum Knecht wird, den sein Besitz und Eigentum schließlich beherrschen. Diese Willenseinengung - herbeigeführt durch die künstlichen Organe und ihren möglichen Einsatz - verhindert bis auf den heutigen Tag die klare Einsicht in die kausalen Wechselwirkungen eines physikalischen Geschehens, welches den Menschen zum Spielball seines eigenen technischen Fortschrittes macht: immer mehr Energie benötigend und darum sammelnd.
Viertens: Fremdherstellung
Mit dem Zellkörper nichtverwachsene, artifizielle Funktionsträger - künstliche Organe - bieten den Vorteil, daß sie nicht vom Benutzer selbst hergestellt sein müssen.
Im Rahmen organisierter Verbände und Staaten - ein weiterer Vorteil dieser Einrichtungen - können sich einige der Energone auf diese Aufgabe spezialisieren und die von ihnen hergestellten Funktionsträger gegen entsprechende Gegenleistung jenen, die sie benötigen, übertragen. Aus dieser
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Arbeitsteilung ergibt sich der entscheidende Vorteil, daß die Hersteller sich ganz auf diese Aufgabe konzentrieren, entsprechendes Fachwissen sammeln und die von ihnen erzeugten Funktionsträger billiger, präziser und auch schneller herstellen können, als es dem mit vielen anderen Aufgaben belasteten Nichtspezialisten je möglich wäre. Wenn somit die Hersteller für ihre Erzeugnisse und für den von ihnen geschaffenen Mehrwert im Tausch mehr Energieäquivalente verlangen, als ihnen der Herstellungsaufwand selbst verursacht, dann ist trotzdem beiden Teilen gedient. Somit wurde für Energone eine neue Form des Energieerwerbes eröffnet: die Herstellung benötigter Funktionsträger und deren Vergabe im Tausch oder Verkauf mit Gewinn.
Die Energiequelle ist hier jeweils ein bestehender Bedarf, verbunden mit gespeicherter Energie, also mit Energieüberschuß und der Bereitschaft, diesen zur Befriedigung des Bedarfs freiwillig abzugeben. Darauf aber gründet sich die gesamte Entfaltung, die wir Gewerbe und Handel nennen. Es konnte sich nunmehr nämlich eine Vielzahl von neuen Energonarten bilden - von Berufskörpern und Erwerbsorganisationen -, die nicht mehr tierhaft über Raub, sondern über friedlichen Leistungstausch erwerben.
Die nächste Welle der Weiterentwicklung war ebenfalls vorgezeichnet: die Industrialisierung, in deren Rahmen immer komplexere, leistungsfähigere Funktionsträger hergestellt wurden. Durch Massenproduktion wird die Herstellung optimal rationalisiert, die Herstellungskosten sinken rapide, und die industriellen Erzeugnisse können preiswert am Markt feilgeboten werden. Die Industrien - Riesenenergone - verdrängen kleinere Unternehmen und schaffen sich immer weitere Absatzmärkte, ihr Potential und Volumen steigernd. Parallel. dazu wachsen die Handelsunternehmen, die keineswegs auf die Vermittlung eines einzigen Erzeugnisses ausgerichtet sein müssen, sondern in der Lage sind, den Konsumenten eine Vielzahl an Produkten anzubieten. Dies steigert die Erwerbschancen erheblich, senkt das Vermittlungsrisiko und erspart dem Verbraucher doppelte Wege. Warenhäuser und Supermärkte führen dies anschaulich vor Augen. Spezialisten nehmen die Chance wahr, Funktionsträger in Gebieten abzusetzen, wo deren Gebrauch und Nützlichkeit unbekannt sind; sie werden so zu Agenten der kulturellen und zivilisatorischen Expansion. Gewaltige Wirtschaftsbereiche sind so die klare Konsequenz des Umstandes, daß zusätzliche Organe nicht selbst hergestellt werden müssen, weil sie mit dem Zellkörper nicht fest verbunden zu sein brauchen. Dieser Umstand bestimmte die Entfaltungsrichtungen für Gewerbe, Handel und Industrie.
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Die menschliche Intelligenz, welche alle diese Einrichtungen schuf, trat somit nicht als eigentlicher Erfinder auf, sondern folgte vorgezeichneten Möglichkeiten der Energonentfaltung. Nur wo es ihr gelang, dafür zweckdienliche Strukturen zu finden, setzten sich diese durch.
Fünftens: Baumaterial
Mit dem Zellkörper nichtverwachsene, artifizielle Funktionsträger - künstliche Organe - bieten den Vorteil, daß sie nicht aus lebenden Zellen bestehen müssen, sondern auch aus unbelebtem Material gebildet sein können.
Die Baueinheit Zelle bietet den pflanzlichen und tierischen Energonen erhebliche Vorteile - sie ist autonom, wandlungsfähig und regenerationsfähig. Sie ist jedoch mit der gewichtigen Hypothek belastet, laufend ernährt und betreut werden zu müssen. Damit die Zelle ihre Funktionsfähigkeit bewahren kann, müssen ihr nicht nur Energie und Stoffe zugeführt, sondern auch alle in ihrem Getriebe anfallenden Stoffwechselschlacken laufend beseitigt werden. Im Verband der größeren Vielzeller machte dies aufwendige Systeme der Zuführung und Ableitung nötig. Bei den Wirbeltieren seien hier das Blutgefäßsystem, das Lymphsystem, Lunge, Nieren, Leber, Blase und Darm genannt. Wohl gibt es auch bei Pflanzen und Tieren Organe, die nach bisheriger Begriffsverwendung als tot bezeichnet werden können. Dies gilt bei Einzellern für Kieselskelette und Stacheln, bei Krebsen und Insekten für Kalk- und Chitinpanzer, bei Mollusken für die Muschelschale und das Schneckenhaus, bei Bäumen für das abgestorbene, jedoch funktionserbringende Holz älterer Stämme. Beim Stachel der Rose ist es sogar so, daß dieser, indem er verholzt und abstirbt, entsprechend härter wird und so an Leistungsfähigkeit gewinnt. Das sind jedoch eher Ausnahmen. Die meisten pflanzlichen und tierischen Organe, sogar die Knochen der Wirbeltiere, müssen laufend mit Energie und Stoffen versorgt werden. Um die ganze Tragweite dieser Belastung zu verstehen, stelle man sich vor, unsere Kleider, unsere Werkzeuge, die Räder unserer Maschinen bestünden aus einem Material, welches vergleichbare Ansprüche stellte. Die Evolution ist hier eindeutig determiniert. Sie kann sich über einen gewissen Punkt hinaus nur über nichtverwachsene Funktionsträger weiter steigern. Nur über Energone mit künstlichen Organen kann der Lebensstrom diese Barriere mit explosionsartigen Auswirkungen überwinden und sich in Potenz und Volumen noch weiter steigern.
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Diese Steigerung gründete sich letztlich auf die simple Tatsache, daß nichtverwachsene Funktionsträger auch aus Material gebildet werden können, welches die Zelle nicht bearbeiten oder hervorbringen kann. Das gilt in erster Linie für Metalle, deren Verarbeitung nur bei Temperaturen möglich ist, welche die Zelle nicht erträgt. In artifiziellen Funktionsträgern - Schmieden und Hochöfen - wurde dies dagegen ohne weiteres möglich. Die dadurch eröffnete Entwicklungsrichtung war so bedeutsam, daß man nicht umsonst Epochen in der Geschichte der Menschheit nach der Gewinnung und Verarbeitung bestimmter Metalle und ihrer Legierung benennt.
Derzeit befinden wir uns im Leichtmetallzeitalter, dessen bisherigen Höhepunkt die Überwindung der Gravitationsgrenze durch Flugkörper, die in den Weltenraum vordringen, darstellt.
Ein weiteres Baumaterial, das Zellen nicht bilden, dessen sie sich nicht zur Organbildung bedienen können, sind die Kunststoffe. Die Berufskörper und Erwerbsorganisationen befreiten sich von einer weiteren Fessel - was dem Lebensstrom beim Anwachsen seiner Potenz und seines Volumens zugute kam. Praktisch jeder zur Bildung künstlicher Organe geeignete, auf dem Planeten Erde verfügbare oder von Energonen synthetisierbare Stoff wird nun funktionalisiert und vitalisiert. Er kann mit in die Energonbildung, mit in das Funktionsgefüge des Lebensstromes einfließen.
Sechstens: Rezeptbildung
Mit dem Zellkörper nichtverwachsene, artifizielle Funktionsträger - künstliche Organe - bieten den Vorteil, daß ihre Entwicklung oder Entdeckung nicht vom einzelnen Energon oder seiner direkten Ahnenreihe selbst finanziert, also mit eigenem oder arteigenem Energieaufwand zustande gebracht werden muß.
Denken wir an unser Auge. Weit über hundert Millionen Generationen an Ahnen waren an seiner Entwicklung beteiligt, zu seiner Entwicklung nötig. Das erste Lichtsinnesorgan, aus dem sich allmählich das Linsenauge der Wirbeltiere entwickelte, entstand vor etwa 900 Millionen Jahren bei wurmartigen Vorfahren der Fische. Die Kosten seiner weiteren Entwicklung sind kaum zu errechnen, da die Entwicklung der Augen mit jener aller übrigen Wirbeltierorgane parallel lief. Bei genauer Buchhaltung müßte errechnet werden, wieviel Individuen in der Generationsfolge entstehen mußten, damit es über Zufall und Wahrscheinlichkeit zu den nötigen Mu-
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tationen kam, was also der Aufwand all dieser Individuen ausmachte.
Dem Menschen ermöglichte seine Intelligenz, die Schnelligkeit dieses mühseligen Vorganges um ein Millionenfaches zu steigern und die Kosten um einen nicht mehr erfaßbaren Stellenwert zu vermindern. Auf dem inneren Projektionsschirm seiner Phantasie entwirft er, wie eine Struktur beschaffen sein müßte, um eine bestimmte Aufgabe zu erfüllen. Durch Dialog und Schrifttum wird dieser Vorgang noch gefördert. Selbst wenn der Theorie Experimente in der Praxis folgen müssen und sich im Ergebnis etwas als nicht realisierbar oder als nicht wirklich funktionsfähig erweist, ist der Aufwand zur Entwicklung eines neuen Funktionsträgers, seiner Konstruktion also, um ein unvergleichliches geringer. Diese Kosten müssen darüber hinaus keineswegs vom Energon, das den Funktionsträger benötigt, oder der betreffenden Energonart selbst getragen werden. Andere Energone - Unternehmen und Staaten - übernehmen diesen Entwicklungsaufwand, an dem dann der Käufer nur zu einem ganz geringen, kaum meßbaren Anteil beteiligt ist. Während also den Pflanzen und Tieren die Hervorbringung neuer Organe einen immensen Aufwand an Kosten und Zeit verursacht, wird den Berufskörpern und Erwerbsorganisationen die Last solcher Entwicklung - dank des Nichtverwachsenseins dieser Organe - fast völlig abgenommen.
Siebentens: Belastung
Mit dem Zellkörper nichtverwachsene, artifizielle Funktionsträger - künstliche Organe - bieten den Vorteil, daß sie durch ihre Entwicklungsgeschichte weit weniger belastet sind.
Bei den Pflanzen und Tieren konnten sich neue Funktionsträger immer nur in kleinen Schritten und meist nur aus schon bestehenden Einheiten entwickeln. Wir sprechen von phylogenetischen, sprich stammesgeschichtlichen Belastungen. So verlaufen die Halsarterien beim Menschen durchaus nicht derart, wie es für ihre Funktion am zweckmäßigsten wäre, weil sie sich aus den Kiemenarterien unserer Fischvorfahren entwickelten, welche umfunktioniert wurden. Auch die Werkzeuge und Maschinen des Menschen lehnen sich vielfach an Konstruktionsmerkmale früherer Erzeugnisse an - im Prinzip jedoch ist jeder artifizielle Funktionsträger eine totale Neubildung oder kann es jedenfalls sein. Bei Pflanzen und Tieren ist das fast nie der Fall. Betrachten wir hier die Organe genauer, dann können wir meist aus Struktur und Funktionsweise den historischen Werdegang
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des betreffenden Energons erschlüsseln. Im Gegensatz zu den Zellstrukturen der Tiere und Pflanzen können die artifiziellen Funktionsträger somit funktionell perfekt und bar jeder geschichtlichen Belastung sein.
Achtens: Fremdenergie
Mit dem Zellkörper nichtverwachsene, artifizielle Funktionsträger - künstliche Organe - bieten den Vorteil, daß sie nicht mit körpereigener Energie betrieben werden müssen.
Die Kraft des Windes, des Wassers, von Haustieren, von fossilen Brennstoffen und Kernenergie können dazu gebracht werden, unmittelbar, also ohne den Umweg über den Zellkörper mit Nahrungsaufnahme und Verdauung, künstliche Organe anzutreiben. Vorstufen solcher Nutzbarmachung zeigen bereits Pflanzen und Tiere. Samen sind mit Flugeinrichtungen versehen, zahlreiche Tiere machen sich die Kraft von Wasser und Wind zunutze. In jedem solchen Fall wird nicht Energie mit der Nahrung vereinnahmt, sondern direkt dazu gebracht, für das Energon funktionell zu wirken. Die artifiziellen Funktionsträger steigern diese Möglichkeiten ins Unermeßliche. Mit Segeln und Windmühlen begann es, über Metallschmelzung und das Maschinenzeitalter bis hin zur Kernkraft setzte es sich fort, wobei die Elektrizität zum Universalmittler wurde. Durch sie kann ein kilometerweit entfernter Fluß dazu gebracht werden, ein Zimmer zu beleuchten, einen Staubsauger zu betätigen. Durch sie wird der Betrieb von Riesenorganen möglich, die als Roboter für Menschen und Lebensstrom wirken. Das Bild der Energone, deren Zentrum der Mensch ist, entfernt sich so immer mehr von der geläufigen Vorstellung der Lebensstrukturen. Die Lebenskörper höherer Ordnung, welche die eigentliche Realität sind - die Berufskörper und Erwerbsorganisationen samt Luxusstrukturen bestehen aus Teilen, die nicht nur nicht miteinander verwachsen sind, sondern auch noch vielfach völlig unabhängig aus verschiedenen Energiequellen betrieben werden.
Neuntens: Gemeinschaftsorgane
Mit dem Zellkörper nichtverwachsene, artifizielle Funktionsträger - künstliche Organe - bieten den Vorteil, daß Gemeinschaftsorgane von gewaltiger Größe, Ausdehnung und Leistungskraft erreichbar sind.
Straßennetz und städtische Kanalisation können sich einzelne Energone
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nicht leisten, ebenso wenig wie etwa Brücken, Wasserleitungen, Universitäten, Eisenbahnen, Fluglinien, Dämme, Postorganisation und Energieversorgung. Indem sich mehrere zusammentun, ihre Kräfte zusammenlegen, wird die Bildung und der Betrieb solcher Riesenorgane, die dann der gesamten Gemeinschaft dienen, möglich. Die Kosten können anteilig gedeckt werden, wodurch das einzelne Energon nur wenig belastet ist, während es zu eminenter Machtsteigerung gelangt. Gemeinhin werden Straßen, Schulen oder Wasserleitungen nicht als Organe der sie benutzenden Einzelmenschen angesehen. Von der Energontheorie her muß dagegen jede dem Menschen dienliche Struktur als zu einem Energon gehörig betrachtet werden -, selbst wenn dieses sie nur vorübergehend benutzt, also ihren Dienst in Anspruch nimmt. Die Schutzbauten der Termiten sind dazu eine Vorstufe. Schon bei ihnen zeigt sich die für Gemeinschaftsorgane maßgebende Voraussetzung, daß sie nicht mit dem Zellkörper fest verbunden sind, nicht aus diesem hervorwachsen müssen. Das Energon Termitenstaat bildet aufgrund angeborener Verhaltensweisen diese Schutzeinheit; die vom Menschen gebildeten Gemeinschaftsorgane entstehen dagegen aufgrund erworbener, also von Intelligenz geschaffener Verhaltensrezepte. Daraus ergibt sich jedoch nicht - wie bis heute angenommen - ein grundsätzlicher Unterschied. Ob eine Einheit über Mutationen oder durch Leistung der Großhirnrinde entsteht, ist sekundär; was einzig zählt, sind Funktionsfähigkeit und das Maß an Effizienz. Die Potenzsteigerung, zu der diese Gemeinschaftsorgane verhelfen, läßt sich an der Leistungseinbuße ablesen, welche für das einzelne Energon einträte, wenn sie nicht vorhanden wäre. Wesentlich dabei ist, daß Gemeinschaftsorgane auch konkurrierenden Energonen gleichermaßen dienen - woraus zwar den einzelnen Individuen kein Vorteil erwächst, was jedoch das Anwachsen des Lebensstromes in Potenz und Volumen immens fördert.
Zehntens: Fremdpflege
Mit dem Zellkörper nichtverwachsene, artifizielle Funktionsträger- künstliche Organe- bieten den Vorteil, daß sie nicht von den Energonen, welche sie benützen, gepflegt, kontrolliert und repariert werden müssen.
In arbeitsteiligen Gemeinschaften können einige Berufskörper und Erwerbsorganisationen sich auf die Aufgabe solcher Fremdpflege spezialisieren, indem sie dies im Auftrag zahlreicher Energone ausführen und daraus eine permanente Erwerbsquelle machen. Eine Autoreparaturwerkstätte,
eine chemische Reinigung, ein Masseur oder ein Scherenschleifer zeigen dies deutlich. Nach dem gewohnten Denken erscheinen derartige Dienste selbstverständlich. Aus Sicht der Energonentwicklung bedingen sie jedoch gegenüber den Zellorganen der Pflanzen und Tiere eine wesentliche Bilanzentlastung.
Elftens: Artwandel
Mit dem Zellkörper nichtverwachsene, artifizielle Funktionsträger - künstliche Organe - bieten den Vorteil, daß durch sie die Fessel der gezwungenermaßen artgleichen Fortpflanzung von Energonen fortfällt.
Die enorme Konsequenz dieser Auswirkung wurde von Philosophen und Biologen bisher übersehen. Wenn jede Tanne ihre gewonnenen Überschüsse nur eben wieder in weitere Tannen und jeder Wurm die seinen nur eben wieder in die Bildung weiterer Würmer investieren kann, dann ist dies keineswegs ein natürlicher Vorgang, sondern für den Lebensprozeß von eminentem Nachteil.
Jeder neue Artgenosse ist der ärgste Nahrungskonkurrent; die Auflage, sich selbst Konkurrenten schaffen zu müssen, ist aus Sicht der Gesamtentwicklung höchst absurd. Solange jedoch der Genetische Code für die Funktion der Energonvermehrung zuständig blieb, war eine andere Lösung einfach nicht möglich. Selbst wenn für Mäuse die Lebensbedingungen schlecht waren, für Moskiten dagegen günstig, konnten über diesen Funktionsträger der Vermehrung Mäuse niemals Moskiten hervorbringen -, sondern eben nur weitere Mäuse. Gemäß den Denkbahnen, in denen wir seit Jahrtausenden festgefahren sind, erscheint uns die artgleiche Fortpflanzung als etwas Gottgegebenes und Selbstverständliches, während der Gedanke einer artungleichen Fortpflanzung höchst grotesk und wider die Natur erscheint. Hier liegt der große Trugschluß, denn genau das Gegenteil ist der Fall.
Aus Sicht der Energonentfaltung ist es eine krasse Fehlinvestition, wenn Pflanzen und Tiere bei ungünstigen Lebensbedingungen gezwungen sind, mit immer bescheideneren Erträgen ausgerechnet weitere ebensolche Energone in die Welt zu setzen. Diese dramatische Schwäche wurde just in jenem Augenblick überwunden, als die Funktion der Vermehrung von Energonen vom Genetischen Code in die Kompetenz des Gehirns überging. Vom Menschen gebildete Berufskörper und Erwerbsorganisationen sind aufgrund der artifiziellen Organbildung keineswegs mehr gezwungen,
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sich bei Neubildung von Energonen artgleich zu vermehren. Ein Buchhändler muß seine Erträge keineswegs in sein Geschäft investieren oder weitere Buchhandlungen begründen. Er kann ebensogut eine Diskothek eröffnen oder seiner Tochter ein Rechtsstudium ermöglichen und ihr die Etablierung einer eigenen Kanzlei finanzieren. Wer sich an einem Geschäft beteiligt oder Obligationen kauft, verwendet gewonnene Überschüsse zur Finanzierung völlig anderer Energone. In dieser dritten Phase der Energonentwicklung wird es sogar zur Seltenheit, daß Energone anderen zur Bildung verhelfen, wenn für solche die Erwerbschancen, also die Renditen, ungünstig sind.
In unzähligen Schriften finden wir von Denkern aller Disziplinen die Weisheit der Natur verherrlicht: wie jede Art für ihre Nachkommen sorgt. Zweifelsfrei ist es für den Lebensstrom wichtig, daß effiziente Energontypen sich verbreiten und das für sie mögliche Existenzvolumen ausschöpfen. Nicht minder wichtig jedoch ist - ja, insgesamt sicher von weit größerer Bedeutung, daß Energone zur Fähigkeit der artungleichen Vermehrung gelangten. Bis zum Entwicklungspunkt Mensch bestand die Evolution aus zahllosen von einander weitgehend unabhängigen Entwicklungsketten. In der Folge verzweigten sich diese geradezu beliebig, indem jeder Entwicklungsweg in jeden anderen einmünden und diesen stärken kann.
Zwölftens: Informationstransfer
Mit dem Zellkörper nichtverwachsene, artifizielle Funktionsträger - künstliche Organe - bieten den Vorteil, daß Neuerungen und Erfahrungswerte einer Energonart der Entwicklung völlig anderer Energone zugute kommen.
Berufskörper und Erwerbsorganisationen können sich nicht nur artungleich fortpflanzen, sondern liefern dank der bei ihnen anfallenden Resultate Information, die gewollt oder ungewollt auch zur Förderung total anderer Entwicklungen führen kann. Kugellager kamen beispielsweise durchaus nicht nur jenen Maschinen zugute, für die sie entwickelt wurden, kleinste Transistoren durchaus nicht nur ihrem ersten Verwendungszweck in Weltraumraketen. Bei den aus nichtverwachsenen Funktionsträgern bestehenden Energonen können Erfahrungen und Fortschritte aus praktisch jeder Entwicklungskette in jede andere überwechseln. Nach dem überkommenen, bisher als naturgegeben angesehenen Denken - landläufig gesunder Menschenverstand genannt - erscheint es völlig abwegig, daß ein
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Fortschritt in der Evolution der Echsen zur besseren Strukturierung von Veilchen oder Seeigeln führen soll. Oder Informationsgewinn bei Bakterien zur besseren Abstimmung im Körper eines Elefanten. Wider die Natur wäre es jedoch keineswegs. Bei den über Zelldifferenzierungen entstandenen Pflanzen und Tieren ist ein solcher Vorgang technisch unmöglich - doch am Wendepunkt Mensch streifte die Energonentwicklung dann auch diese Beschränkung endgültig ab. Zunächst nur im kleinen Umkreis. Mit zunehmend verbesserter Kommunikation konnten jedoch in immer größerem Umfange Erfahrungen und Fortschritte bei einem Energontyp auch völlig andere befruchten und ihnen darum ebenfalls zur Leistungssteigerung verhelfen. Die Energonentwicklung wird in dieser dritten Entwicklungsphase mehr und mehr zur globalen Einheit.
Dreizehntens: Verwandlung
Mit dem Zellkörper nichtverwachsene, artifizielle Funktionsträger - künstliche Organe - bieten den Vorteil, daß Energone sich individuell in andersartige verwandeln können.
Auch der Gedanke, daß ein Tiger sich in eine Palme und ein Nußbaum sich in einen Schwan verwandeln könne, tauchte bisher bestenfalls in Kindermärchen oder utopischen Romanen auf, während wir es als völlig normal ansehen, daß ein Finanzmakler sein Geschäft aufgibt und zum Maler wird, wie es etwa bei Paul Gaughin der Fall war, oder ein Zeitungsausträger sich über mehrere völlig andere Berufskörper in einen Superreeder verwandelt, wie es sich bei Onassis zutrug. Eine Konkubine wird zur Kaiserin, ein Generalstäbler wird zum Wirtschaftsführer. Dank dieser Wandelbarkeit können erfolglose Energone - über Veränderung ihrer Funktionsträger - zu völlig anderen, erfolgreichen werden. Bislang jämmerliche Bilanzen können sich jäh in stattliche Gewinne verwandeln. Der Trugschluß liegt in der falschen Betrachtungsweise, die das Auge uns nahelegt. Unserem visuellen Denken erscheint der stets gleich oder ähnlich aussehende Mensch als das Wesentliche. Seine Bedeutung erhält er indes durch die zu ihm gehörenden, seinen erweiterten Körper ausmachenden Erwerbseinheiten und Luxusstrukturen.
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Vierzehntens: Sinnesausweitung
Mit dem Zellkörper nichtverwachsene, artifizielle Funktionsträger - künstliche Organe - bieten den Vorteil, daß sie Energonen zu ungemein gesteigerten Sinnesleistungen verhelfen.
Fernrohr und Mikroskop machen Weltall und Kleinstwelt zugänglich. Über Fernsehen wird das unmittelbare visuelle Miterleben von Vorgängen am anderen Ende der Welt ermöglicht. Unser Ohr erweitert Telefon und Radio. Wie McLuhan richtig bemerkte, wird der Planet Erde durch die technischen Kommunikationsmittel allmählich zum Dorf, in dem jeder weiß, was sich beim anderen abspielt. Über den Weg der Schrift können auch längst Verstorbene zu Lebenden sprechen. In der Wissenschaft wird sämtliche Erfahrung geordnet, gespeichert und für den Menschen und seine Energone verfügbar gemacht. Während Pflanzen und Tiere auf ihre persönlichen, höchst beschränkten Sinneswahrnehmungen angewiesen sind, können Berufskörper und Erwerbsorganisationen blitzartig nach Meldungen aus allen Weltteilen unter Einbeziehung der gesamten Vergangenheit ihre Dispositionen treffen. Eine Entscheidungsmatrix von ungleich höherer Dimension steht ihnen zur Verfügung.
Nur dank der artifiziellen Sinnesorgane formte sich die menschliche Weltsicht -, welche ihrerseits den Lauf der Geschichte entscheidend beeinflußte. Nur durch sie gelangten Kepler, Kopernikus und Galilei zur Erkenntnis unserer wahren Situation im Weltall, nur durch sie gelangten Schwann und Schleiden zur Entdeckung der Zelle, Morgan und Watson-Craig zur Entdeckung des Genetischen Codes, nur durch mechanische Meßgeräte gelangte Newton zur Entdeckung des Gravitationsgesetzes, Curie zu jener der Radioaktivität, Mendelejew zum Periodischen System der Elemente, Einstein zur Erkenntnis der Äquivalenz von Energie und Materie. Sinnesorgane von solch gesteigerter Leistungskraft hätten Pflanzen und Tiere über Veränderungen im Genetischen Code auch in 10 Millionen Jahren nicht hervorbringen können. Über den Weg der artifiziellen Funktionsträger, der künstlichen Organe des Menschen, erreichte die Energonentwicklung dies in knapp zehntausend Jahren.
Fünfzehntens: Durchdringung
Mit dem Zellkörper nichtverwachsene artifizielle Funktionsträger - künstliche Organe - bieten den Vorteil, daß ungleich größere und mächtigere Energone entstehen können, die sich gegenseitig durchdringen.
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Bei den Pflanzen und Tieren ist das Größenwachstum durch zahlreiche Faktoren, insbesondere durch die verfügbare Nahrung und an Land durch die Gravitationskraft der Erde, begrenzt. Bei Landpflanzen wächst das von Stielen und Stämmen zu tragende Gewicht mit dem Kubus, der Querschnitt der tragenden Einheiten dagegen nur mit dem Quadrat. Deshalb können Bäume nur eine bestimmte Größe erreichen. Bei Landtieren, die ihre Körper zur Fortbewegung über den Boden heben müssen, fällt dies noch stärker ins Gewicht und macht bei zunehmender Größe unproportional dicke Gliedmaßen erforderlich. Eine weitere Schranke setzt die innere Organisation. Denn die Problematik, alle Bestandteile in einem immer größeren, fest zusammenhängenden Körper zu ernähren, zu steuern und zu betreuen wird schließlich zu schwierig. Mit Hilfe der künstlichen Organe des Menschen wurde auch diese unerbittliche Hürde überwunden. Die Berufsträger und Erwerbsorganisationen - und über sie auch der Mensch selbst - können sich über die gesamte Erdoberfläche und darüber hinaus ausdehnen. Teile der Energone sind fest mit dem Boden verhaftet - wie Fabrikanlagen, Wohnhäuser, Ministerien und Festungen - sie sind immobil. Andere Teile entfernen sich mehr oder minder weit vom Energonzentrum - Handwerker, Hausfrauen, Makler, Vertreter, Unterhändler, Spione. Irgendwo hat jedes Energon seinen Sitz - bei Landwirtschaften und Staaten ist dieser besonders groß. Und von diesem aus agieren mobile Teile.
Diese Besonderheit in der dritten Phase der Energonentfaltung gründet sich darauf, daß die Funktionsgefüge der Energone einander gegenseitig, ohne sich stören zu müssen, durchdringen. Es ist unmöglich, daß sich die Tatze eines Tigers quer durch einen Baumstamm bewegt, oder eine Sardine quer durch den Körper eines Pottwales schwimmt. Auch solches erscheint durch die Beschränktheit der überkommenen Denkgeleise widersinnig, lächerlich, ja ernsthafter Erwägung überhaupt nicht wert. Aufgrund der nichtverwachsenen Funktionsträger wurde jedoch gerade dies möglich, ja zur bedeutsamen Regel. Die in einer Großstadt komprimierten Energone durchdringen einander tausendfach, millionenfach. Für den Lebensstrom bedeutet dies, daß auf gleichem Areal mehr große Energone sich etablieren und Menschen sich tummeln können. Dieser innige Kontakt, dieses außerordentliche Verwobensein schafft sogar förderliche Berührungspunkte, verkürzt viele sonst notwendige Wege. So entsteht ein filzartiges Gewebe, in dem unsere Sinne Umfang und Grenzen der einzelnen Energonkörper nicht mehr wahrnehmen können.
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Der Geist indes vermag diese Abgrenzungen wohl vorzunehmen, und im Rahmen der Rechtsordnungen und Steuergesetzgebungen sind diese bis ins Detail definiert. Geht eine Firma in Konkurs - kann ein Energon seinen Verpflichtungen nicht nachkommen -, dann werden seine Bestandteile, seine Funktionsträger auf das genaueste ermittelt. Der Begriff der juristischen Person deckt sich weitgehend und vielfach ganz mit dem Begriff Energon.
Sechzehntens: Transferierbarkeit
Mit dem Zellkörper nichtverwachsene, artifizielle Funktionsträger - künstliche Organe - bieten den Vorteil, daß Energie und Stoffe in gesteigertem Ausmaß und wesentlich einfacher von einem Energon auf andere Energone übertragen werden können.
Wenn Schwalben ihre Jungen füttern, findet bereits ein solcher Transfer statt - ebenso, wenn Arbeiterbienen Futter einbringen, welches im Bienenstaat nach gemeinschaftsnützlichen, im Genetischen Code aller Bienen verankerten Regeln verwendet wird. Das sind aber insofern Sonderfälle, als erwachsene Tiere und Pflanzen im übrigen ihre Energie- und Stoffpotentiale strengstens hüten und keineswegs freiwillig an andere weitergeben. Jede Pflanze und jedes Tier hat seine höchst individuelle Bilanz. Ein zielhafter Austausch von Energie und Stoffen, besonders zwischen Energonen verschiedener Art, findet nur selten und geringfügig statt.
Bei den vom Menschen aus nichtverwachsenen Funktionsträgern gebildeten Berufskörpern und Erwerbsorganisationen ändert sich auch diese Situation schlagartig. Hier ist Stofftransfer ohne Schwierigkeit möglich -, und zum idealen Werkzeug des Energietransfers wurde das Geld. Es ist kein Energieäquivalent, kann also nicht nach konstanter Norm in die eine oder andere Energieform umgerechnet werden. Vielmehr stellt Geld eine Anweisung auf Leistung menschlicher Energone, also von Berufskörpern und Erwerbsorganisationen, dar. Da sich der Wert von Leistungen weitgehend nach Angebot und Nachfrage, Preisen und Zahlungsfähigkeit regelt, haben Leistungen an verschiedenen Plätzen unterschiedlichen Wert, was bedeutet, daß der Käufer mehr oder minder viel für den Erwerb eines Objektes oder einer Dienstleistung zu entrichten hat. Der Universalvermittler Geld - auch ein mit den Zellkörpern nichtverwachsener, artifizieller Funktionsträger - bietet den außergewöhnlichen. Vorteil, daß er jedes Leistungsergebnis teilbar und seinem Wert gemäß in andere Leistungen oder
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deren Ergebnisse transferierbar macht. Die Tätigkeit eines Zahnarztes kann in eine Schreibmaschine oder ein Nahrungsmittel transferiert werden, eine Anzahl fabrizierter und verkaufter Kleider verwandelt sich über Geld in den Besitz eines Autos, in Theaterbesuche und den Genuß von Wein.
Zwischen Geld und Elektrizität besteht eine enge funktionelle Verwandtschaft. Während die Elektrizität zum optimalen Umwandler von einer Energieform in andere wurde und diese auch teilbar und über weite Strecken übertragbar macht, ist das künstliche Organ Geld der ideale Umwandler von einer Energonleistung in beliebige andere. Es erweist sich ebenfalls als perfekter Teiler und ebenso perfektes Transportmittel, macht dadurch sämtliche Leistungsergebnisse von Berufskörpern und Erwerbsorganisationen marktgängig. Allerdings ist für den Geldverkehr unabdingbar, daß der Wert der Geldeinheit präzise festgelegt ist. Das macht Maßnahmen erforderlich, die mit unter die Funktionen des Staates oder supranationaler Institutionen, ihrer Souveränität und Sorgfaltspflicht fallen. Die Erkrankung des Geldes, Inflation in allen ihren Spielarten, ist dabei das im nationalen und internationalen Rahmen zu bewältigende Problem. Wird mit Geld Energie erworben, etwa in Gestalt von Nahrung, Treibstoff oder Elektrizität, dann ist zu beachten, daß der jeweilige Preis nicht für die Energie an sich bezahlt wird, sondern stets und ausnahmslos für die zu ihrer Heranschaffung und Nutzbarmachung notwendige Arbeit von Energonen.
Nicht anders verhält es sich bei Stoffen und Produkten. Nie kann ein Stoff oder ein Produkt an sich durch Geld verfügbar gemacht werden, sondern immer nur über Leistungen, die dann mit Geld abgeltbar sind. Die Energonentfaltung gelangte über diese neuen Wege der Transferierbarkeit von Energie und Stoffen zu einer Flexibilität, welche jene der pflanzlichen und tierischen Evolution um einen nicht abschätzbaren Wert übertrifft. Sie beinhaltet sogar die Möglichkeit einer zeitweisen Abdeckung negativer Bilanzen - über Kredite. Geld ist eine Anweisung auf Energie, die über entsprechende Bündelung an einem bestimmten Raum-Zeit-Punkt zu spezialisierten Leistungen gelangt.
Siebzehntens: Potenzierung
Mit dem Zellkörper nichtverwachsene, artifizielle Funktionsträger - künstliche Organe - bieten den Vorteil, daß unbeschränkte Machtpotenzierung möglich wird.
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Schon Pflanzen und Tiere legen innerhalb oder außerhalb ihres Zellkörpers Reserven an, die ihre Macht vergrößern und sie der Umwelt gegenüber besser absichern. Im übrigen können sie jedoch erzielte Überschüsse nur zu individuellem Wachstum und zur Bildung artgleicher - oder im Falle von Mutationen äußerst artähnlicher Energone einsetzen.
Durch den artifiziellen Funktionsträger Geld wurde es erstmals möglich, daß Leistungsergebnisse zahlreicher Energone zusammenfließen und so bis dahin unerreichbare Machtpotentiale entstehen. Vertreter aller Richtungen des Sozialismus haben im Lauf der Geschichte auf die negativen Auswirkungen hingewiesen, die sich für abhängige Menschengruppen und unterjochte Völker ergeben, wenn solche Kapitalmacht in den Händen Weniger konzentriert ist. Aus Sicht des Lebensstromes ist dagegen Kapitalkonzentration in keiner Form ein Nachteil - ja, kann es gar nicht sein, da die Bildung von Energieüberschüssen zentrale Voraussetzung und deshalb zentrale Funktion sämtlicher Energone ist. Durch Kapitalzusammenballung wird zweifellos die Möglichkeit erhöht, daß Energongruppen über andere besondere Überlegenheit gewinnen und diese entsprechend schädigen. Aber auch das ist in der Energonevolution durchaus nicht neu, sondern der normale Alltag. Hier ist im Auge zu behalten, daß der Lebensstrom als ein total blindes physikalisches Geschehen anzusehen ist, in dem von allem Anfang an einzelne Komponenten andere schädigten und bei dem es auch durchaus möglich ist, ja naheliegt, daß er sich durch Überpotenzierung letztlich selbst zerstört. Die menschlichen Wertungen sind von dieser Entwicklung gesondert zu betrachten. Zwar ist der Mensch selbst Teil der Lebensentfaltung, doch hat er kraft seiner Intelligenz durchaus die Macht, eigene, ihm richtig erscheinende Ziele zu setzen und sie der Gesamtentwicklung aufzuzwingen. Über weite Strecken haben sich menschliche Interessen mit jenen der Energonentfaltung und damit mit jenen des Lebensstromes gedeckt. Sehr oft aber auch nicht -, und in unserer Zeit wird diese Diskrepanz zum Hauptproblem und zum eigentlichen Anliegen dieses Buches, weil dem sich deutlich abzeichnenden Untergang über die Wege des überkommenen Denkens kaum Einhalt geboten werden kann.
Achtzehntens: Leistungserwerb
Mit dem Zellkörper nichtverwachsene, artifizielle Funktionsträger - künstliche Organe - bieten den Vorteil, daß auch Pflanzen und Tiere, insbesondere aber Menschen und sämtliche von ihnen gebildeten Energone
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in Funktionsträger verwandelt werden können.
Vorstufen dazu gibt es in den Ökosystemen der Natur zur Genüge. Wenn der britische Naturforscher Pearse einmal gezählt hat, daß im Hohlraumsystem eines großen Meeresschwammes nicht weniger als 12343 Einmieter lebten, dann bedeutet dies aus der Sicht der Energontheorie, daß jeder dieser Kleinorganismen - dieser Kleinenergone - das Energon Schwamm zu einem Funktionsträger des Schutzes und zu einem Hilfsorgan der Energie- und Stoffgewinnung gemacht hatte. In den Gängen des Hohlraumsystems bot der Schwamm - obwohl ohne Wissen und Wollen - Schutz, und die von ihm über Wimpernschlag erzeugte innere Wasserzirkulation brachte auch zu ihnen Nahrung, ebenso wie zu seinen eigenen nahrungserwerbenden Zellen. Genau so profitieren im Wald, im Ackerboden, im Schlick eines Seeufers die dort lebenden Pflanzen und Tiere in mannigfacher Weise voneinander: sehr viele Energone machen hier andere zu ihrem Funktionsträger. Für die Betroffenen hat das oft keine Auswirkung. Bäume stört es in keiner Weise, wenn Bodentiere in ihrem Geäst Schutz suchen. Manchmal jedoch erfolgt dieser Vorgang auch über Gewalt und bei Symbiose zu beidseitigem Vorteil. Wenn der Einsiedlerkrebs Seeanemonen auf sein Schneckenhaus pflanzt, dann verwandelt er sie in ein artifiziell angefügtes Schutzorgan, während er selbst wiederum für die Seeanemonen zu ihrem künstlichen Organ der Fortbewegung wird.
Die mit dem Menschen einsetzende Bildung von größeren, wandlungsfähigeren, mächtigeren Energonen, die einander durchdringen, stützt sich in ganz besonderem Maße auf diese zusätzliche Möglichkeit, zu artifiziellen Funktionsträgern zu gelangen. Durch seine überlegene Intelligenz vermag der Mensch Pflanzen und Tiere gezielt in die Funktionsgefüge der von ihm gebildeten Energone einzugliedern. Er züchtet sie und verwandelt sie so in Funktionsträger der Nahrungslieferung. Der dazu nötige Grund und Boden wird damit zur Lebensgrundlage und demgemäß zum Gegenstand erbitterter Auseinandersetzung. Bis zum Einsetzen des Gewerbes und der Industrialisierung stützte sich die Macht der menschlichen Berufskörper und Erwerbsorganisationen direkt oder indirekt auf Grundbesitz als Basis für die Dienstbarmachung von Pflanzen und Tieren. Ebenso werden Pflanzen und Tiere auch für andere Dienste herangezogen, also in Funktionsträger verwandelt. Pflanzen dienen zur Verschönerung von Wohnstätten - werden also Luxusstrukturen. Tiere werden Zugorgane, also Funktionsträger des Transportes von Gütern.
Der am vielseitigsten verwendbare Zellkörper war indes der intelligente
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Mitmensch. Gelingt es, ihn willfährig zu machen, dann lassen sich verschiedenste, sonst selbst zu erbringende Funktionen auf ihn übertragen. Gewalt war hier der erste Weg. Und als erste Objekte solcher gewaltsamen Leistungsgewinnung boten sich naturgegeben die Familienangehörigen an. In den meisten ursprünglichen Kulturen machte der Mann die Frau und seine Familienmitglieder zu Dienern, hielt sie an, für ihn Leistungen zu verrichten. Das Familienoberhaupt erweitert auf diese Weise seinen Machtkörper, gewinnt zusätzliche Organe. Unseren Sinnen stellen sich Frau, Kinder und Verwandte anders dar als Hammer, Pflug, Wagen, Ochse und Haus - eben weil sie äußerlich uns selbst gleichen. Funktionell sind sie diesen Einheiten jedoch durchaus vergleichbar, indem auch sie im Funktionsgefüge eines Energons leistungserbringende Einheiten werden.
Auch der zum Dienen gezwungene Mitmensch stellt einen artifiziellen Funktionsträger dar: er ist zwar nicht künstlich hergestellt, jedoch künstlich gewonnen, künstlich dem Energon angefügt - also nicht vom eigenen Genetischen Code über den Weg der Zellteilung und Zelldifferenzierung geschaffen. Eine weitere Möglichkeit, über Gewalt zur menschlichen Dienstleistung zu gelangen, waren Sklaverei, Helotentum und Leibeigenschaft - welche allerdings erhebliche Bindungsmechanismen notwendig machten, um zu verhindern, daß die gewaltsam in Funktionsträger verwandelten Mitmenschen nicht desertierten, um dem Wirkungsbereich des Energons zu entfliehen. Staatliche Organisation wurde hier zum notwendigen Helfer, zum Büttel. Selbst ganze Verbände wurden und werden in dieser Weise zu Funktionsträgern anderer Energone gemacht - sämtliche unterjochten oder tributpflichtigen Gruppen, Stämme, Völker und Klassen.
Die wichtigste Möglichkeit, Dienstleistungen anderer Menschen und der von ihnen gebildeten Berufskörper und Erwerbsorganisationen zu gewinnen, liegt jedoch im Leistungstausch. Über den Weg der Gegenleistung kann praktisch jeder Dienst erworben werden, gestützt noch durch den Universalvermittler Geld. Dies führte zur Bildung von Berufskörpern und Erwerbsorganisationen, die spezialisierte Dienstleistung zum Werkzeug ihres Energieerwerbes machen.
Mieten wir die Dienste einer Köchin, eines Rechtsanwaltes, eines Arztes, einer Versicherungsgesellschaft oder eines Transportunternehmens, dann gliedern wir diese für die Zeit ihrer Dienstleistung dem eigenen Funktionsgefüge an, machen sie zum Bestandteil der von uns gesteuerten Energone oder Luxusstrukturen. Auch hier läuft das bisherige, auf den vi-
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suellen Eindrücken basierende Denken völlig anderen Geleisen. Immerhin ist kaufmännisches Denken jenem der Energontheorie gar nicht so ungleich. Auch der auf Effektivität ausgerichtete wirtschaftende Mensch denkt nicht so sehr in Strukturen denn in Funktionen. Er fragt sich, wie notwendige Leistungen erzielt werden können - über welche Strukturen auch immer.
Die geradezu beliebige Angliederung fremder Energone für kleinste und größte Zeiträume führt zu jener außerordentlichen Verflechtung, die es schwierig macht, die unmittelbare Verwandtschaft zwischen den von Menschen gebildeten Energonen und den pflanzlichen und tierischen Körpern zu erkennen. Die Berufskörper und Erwerbsorganisationen verändern sich in einem faszinierenden Facettenspiel und sind aus dem Kausalfilz der sie umgebenden Energone erkenntnismäßig kaum mehr herauszulösen. Wie jedoch die Steuergesetzgebung anschaulich zeigt, ist die menschliche Intelligenz und Organisation dazu trotzdem bestens fähig.
Neunzehntens: Luxus
Mit dem Zellkörper nichtverwachsene, artifizielle Funktionsträger - künstliche Organe - bieten den Vorteil, daß gewonnene Überschüsse nicht mehr unmittelbar Energonen dienen müssen, sondern der Schaffung von Luxus zugute kommen können.
Vorstufen dazu gibt es bei den Pflanzen und Tieren kaum, weil dieser Vorgang Bewußtsein voraussetzt. Erst beim Menschen kommt es zur eigentlichen Luxustendenz, da sein hochentwickeltes Gehirn es ihm ermöglicht, nicht bloß den angeborenen Trieben zu folgen und die hierdurch vermittelten Lustgefühle zu empfangen, sondern aktiv nach Tätigkeiten und Einrichtungen zu suchen, die Gefühle der Annehmlichkeit - aus welchen Gründen auch immer - vermitteln. Wenn der Mensch Spezialist in vielseitiger Spezialisation, Spezialist im vielseitigen Energonbau ist, so ist er nicht minder auch Spezialist in der Entwicklung von Tätigkeiten und Strukturen, die ihm positive Gefühle vermitteln und ihm negative ersparen. Alles, was wir im weitläufigsten Sinne des Wortes unter Lebenskultur zusammenfassen, findet hier seine Wurzel. Das angeborene und erworbene Triebinventar ist beim einzelnen Menschen höchst verschieden strukturiert, so daß beim einen diese und beim anderen jene Tendenz das Handeln stärker bestimmt. Über Erziehung, Brauch, Sitte, Religion, Ideologie und unzählige andere Kanäle werden Motivationen höchst verschie-
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dener Stärke geformt, welche die erblich bedingten erweitern, ergänzen, verstärken oder abschwächen. Deshalb finden wir bei der menschlichen Suche nach Glück, Lust, Vergnügen und Annehmlichkeit eine ungeheuere Vielheit verschiedener Tendenzen und verschiedener Verwirklichungen. Vom Lebensstrom her betrachtet ist es von besonderer Bedeutung, daß gerade diese Triebe zum eigentlichen Motor in der dritten Entwicklungsphase der Evolution wurden. Nach dem weitgehend festgelegten Verhalten der Einzeller und Vielzeller wird im Rahmen dieser Entfaltung jeder neue Wunsch, jede neu auftauchende Sehnsucht automatisch zu einer potentiellen Energiequelle für Energone, die sich auf Befriedigung solchen Bedarfs spezialisieren. Sicher mehr als die Hälfte aller Berufskörper und Erwerbsorganisationen finden so weltweit ihre Existenzbasis. Und wahrscheinlich mehr als drei Viertel aller menschlichen Anstrengung zur freiwilligen Energonbildung wurzeln wiederum in eben dieser Tendenz. Denn der Mensch übt Berufe aus, um zu verdienen und sich mit diesem Verdienst Wünsche erfüllen zu können.
Die meisten Unternehmen und Organisationen verdanken deshalb dieser Triebfeder direkt oder indirekt ihr Dasein. Würden die menschlichen Luxuswünsche, also die gesamte Palette von der primitivsten Begierde bis zu den zartesten, sublimsten Regungen hin, erlöschen, dann fiele der gigantische vom Menschen geschaffene Energonbau wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Hier stehen wir vor einem weiteren Beispiel für das bedeutsame Phänomen, daß die Interessen der einzelnen Energone durchwegs nicht immer mit jenen des Lebensstromes, den sie ermöglichen, weitertragen und steigern, übereinstimmen. Vom jeweiligen Energon her gesehen, sind alle Gewinne, die in Luxuskanäle fließen, ein klarer Verlust. Für den Lebensstrom dagegen sind sie es nicht. Vielmehr heizen sie die Gesamtentwicklung an - nicht unähnlich der kannibalischen Tätigkeit aller tierischen Energone.
Zwanzigstens: Liquidierbarkeit
Mit dem Zellkörper nichtverwachsene, artifizielle Funktionsträger - künstliche Organe - bieten den Vorteil, daß sie leichter abstoßbar und mit Nutzen liquidierbar sind.
Pflanzen und Tieren ist die Entledigung nicht mehr benötigter Organe nur im beschränkten Umfange möglich. Laubbäume nördlicher und gemäßigter Zonen werfen zur Winterzeit die in dieser Periode funktionsunfähig
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werdenden Blätter ab, die Männchen mancher staatenbildender Insekten entledigen sich nach dem Hochzeitsflug ihrer Flügel. Die durch Wachstum zu klein gewordenen Körperpanzer von Krebsen werden gesprengt, Hirsche entledigen sich periodisch des nicht mehr wuchsfähigen Geweihes. Darüber hinaus ist besonders niederen Pflanzen und Tieren die Fähigkeit zu eigen, in Hungerperioden Organteile oder ganze Organe zu liquidieren, indem sie sich dann von körpereigener Struktur ernähren. Höher organisierte Pflanzen und Tiere vermögen dies nur in sehr beschränktem Ausmaße. Bei den Berufskörpern und Erwerbsorganisationen ist dagegen das Abstoßen jedes nichtbenötigten artifiziellen Funktionsträgers ohne weiteres möglich. Das Abreißen eines Gebäudes mag Kosten verursachen, eine nicht funktionsfähige Uhr kann dagegen ohne weiteres weggeworfen werden. Ja, sehr oft können nicht mehr benötigte Funktionsträger - etwa bei Liquidierung eines Energons - verkauft, also für einen Geldwert an Interessenten vertauscht werden. Gerät ein Berufskörper oder eine Erwerbsorganisation in Bedrängnis oder Not, dann kann durch Veräußerung von Energonteilen oder Luxusstrukturen das Getriebe weiter aufrechterhalten werden. In äußerster Not erweist sich erst, was letztlich Energonstruktur und was Luxusstruktur ist. Über artifizielle Funktionsträger wurde es sogar möglich, Teile von Zellkörpern abzustoßen, die dieser selbst nicht abstoßen kann. Ein zerstörtes Bein kann amputiert, ein krebshaftes Geschwür operativ entfernt werden. Auch die Einpflanzung einer künstlichen Niere hat zur Voraussetzung, daß die ursprüngliche Niere künstlich entfernt wird - was dramatisch aufzeigt, wie die Fähigkeit zur Regeneration auf jener der Abstoßung oder Liquidierung fußt.
Ein Kuriosum der dritten Entwicklungsphase der Evolution stellt die Tatsache dar, daß ältere Funktionsträger beim Verkauf manchmal mehr einbringen, als ihre Neuanschaffung ursprünglich kostete. Das betrifft etwa Kunstwerke und Sammelobjekte, wenn ihre Wirkung sich durchsetzt oder sie aufgrund ihrer Einmaligkeit zum Gegenstand gesteigerter Nachfrage werden. In Notzeiten und Notsituationen erhält sich der Wert mancher Funktionsträger - etwa von Kleidern, Waffen und Werkzeugen - konstanter als jener des Tauschmittels Geld, ja kann sogar beträchtlich anwachsen. Der Funktionsträger Geld verliert seine Bedeutung, wenn seine Wertkonstanz nicht aufrechterhalten oder kein potenter Tauscher mehr vorhanden ist. Da andererseits Berufskörper und Erwerbsorganisationen darauf ausgerichtet sind, Funktionsträger herzustellen und mit Gewinn abzugeben, liegt es in ihrem Interesse, daß die Nachfrage nicht abreißt, also die ver-
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kauften Objekte nicht allzu lange ihre Benutzer befriedigen. In Staatsordnungen, die freie Energonbildung gestatten, werden die Erscheinungsformen der Mode - die im menschlichen Trieb nach Veränderung wurzeln - dazu verwandt, den Wert von Funktionsträgern künstlich zu senken. Künstliches Anheizen des Geschmackwandels ist das hier angewandte Mittel. Ebenso liegt es im Interesse aller Anbieter von Gütern und Leistungen, daß eine möglichst rege Nachfrage nach solchen besteht. Dies führt automatisch zur Tendenz, durch gezielte Aktivierung von Wünschen oder Erweckung von Unzufriedenheit Bedarf zu verstärken oder neu zu schaffen, was über verschiedenste Methoden durch beeinflussende Information geschieht. Während all dies dem Anschwellen des Lebensstromes in Potenz und Volumen durchaus dienlich ist, indem es vermehrten und beschleunigten Umsatz bewirkt, werden menschliche Interessen dadurch geschädigt.
Einerseits werden dem einzelnen so Funktionsträger entwertet, andererseits werden ihm Funktionsgefüge aufgedrängt, die oft für ihn zu groß werden und deshalb Überanstrengung und Konflikte verursachen. Das janusköpfige Profil des Fortschrittes wird an diesem Beispiel besonders deutlich, weil Erwartung und Bewältigung sich keineswegs decken. Dazu kommt noch, daß die totale Blindheit des über den Menschen hinwegbrandenden physikalischen Geschehens zu einer wachsenden Vergeudung von Energie und Stoffen führt, die unsere Interessen, ja unsere Existenz in tödliche Bedrohung geraten läßt. Abstoßbarkeit und Liquidierbarkeit von artifiziellen Funktionsträgern - der vom Menschen gebildeten künstlichen Organe - bieten somit nicht nur Vorteile, sondern haben auch schwerwiegende Nachteile, die gerade zum heutigen Zeitpunkt schicksalhaft in den Vordergrund rücken. Nicht umsonst daher die Behauptung, daß die Menschheit an einem Wendepunkt angelangt sei, an dem es zum wichtigsten Anliegen wird, die Grenzen unseres Willens zu erkennen und unsere Fähigkeit, das Steuer an uns zu reißen, aufzudecken.
Daraus ergibt sich folgendes Resümee:
Ehe wir uns der Deutung menschlichen Verhaltens zuwenden, muß in aller Klarheit darauf hingewiesen werden, daß die Energontheorie prinzipiell nicht davon berührt wird, wie sich einzelne menschliche Verhaltenstendenzen erklären lassen. Die Energontheorie zeigt, wie Strukturen beschaffen sein müssen, um ein in Potenz und Volumen sich steigerndes energetisches Geschehen zu bewirken und fortzusetzen. Diese Gesetze sind universell.
Auch in jedem anderen Teil des Universums - soweit die uns bekannten Energiegesetze ihre Gültigkeit bewahren - kann ein solcher Vorgang notwendigerweise nur über Energone erfolgen. Sie können zwar aus anderem Material bestehen, sich im Aussehen anders darbieten, doch im wesentlichen müssen auch sie sich aus Funktionsträgern der Energie- und Stoffgewinnung, der Feindabwehr und Umweltnutzung zusammensetzen, müs-
sen über Steuerungen des Wachstums der artgleichen und artungleichen Fortpflanzung verfügen, müssen weitere Funktionsträger aufweisen, welche die Bindung der Teile, die Koordination von Bewegungen, Abstimmung, Erhaltung, Verbesserung und Verminderung funktionsloser Einheiten bewirken. Dies ist das unabdingbare Rahmenwerk, welches die Struktur jedes Energons determiniert und somit keineswegs an die Vorgänge auf dem Planeten Erde gebunden ist.
Der Mensch - ebenso wie die Zelle - wurde bei der auf dem Raumschiff Erde stattfindenden Lebensentfaltung zum Ausgangspunkt der Bildung von Energonen nächsthöherer Größenordnung. Stellte der Weg bis zum Einzeller die erste Entwicklungsphase der Evolution dar, der Entfaltungsweg der Vielzeller die zweite, so wurde die Bildung von Energonen durch den Menschen zur dritten. Durch die von ihm hergestellten mit dem Zellkörper nichtverwachsenen, artifiziellen Funktionsträger - künstliche Organe - wurden völlig neue Entwicklungseinrichtungen eröffnet und festgelegt. Sie bestimmen die Bahnen, in denen sich die nun stürmisch einsetzende Entstehung von Berufskörpern und Erwerbsorganisationen vollzog und weiterhin vollzieht. Es muß hierbei im Auge behalten werden, daß der Mensch aufgrund seiner Entwicklungsgeschichte ebenso wenig auf diese neue Funktion vorbereitet war wie die Einzeller auf die Bildung der Vielzeller. Als Säugetier, aus der engeren Gruppe der Affen hervorgehend, ist er in seiner phylogenetischen Vergangenheit verankert. Nachdem sich die Gemüter über die Abstammungslehre beruhigt haben, steht heute weltweit die Frage im Vordergrund, welches die eigentlichen Antriebskräfte der menschlichen Geschichte sind, wie darum Phänomene bewältigt werden können, die als Unzulänglichkeiten empfunden werden, welches also die eigentlichen Wurzeln menschlicher Natur sind. Letztlich ist es die gleiche schicksalshafte Frage, mit der sich seit Hammurabi über Herodot bis auf den heutigen Tag Philosophen, Naturwissenschaftler, Historiker und Staatsmänner beschäftigen, wie nämlich die soziale Einbettung des Menschen in die Gegebenheiten dieser Welt erfolgen kann. Wie also der Mensch durch Kenntnis der ihn festlegenden Naturgesetze mit Sachverstand - wie Engels sagt - entscheiden kann, um nicht länger Spielball wechselhafter und divergierender Emotionen zu sein.
Die Energontheorie zeigt erstmalig, welchen allgemeinen Gesetzen und Prinzipien sich jede Lebensstruktur primär fügen muß - und damit auch der Mensch samt seiner künstlichen Organe und Luxusstrukturen. Inwieweit und warum das Verhalten dieses Lebensträgers durch seine Vorge-
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schichte beeinflußt ist, steIlt sich aus Sicht der Energone nur als eine Frage von sekundärer Bedeutung dar. Aus der Sicht des Menschen ist sie dagegen von primärer Wichtigkeit - insbesondere, wenn er sich anschickt, den über ihn hinwegbrandenden Lebensstrom zu bändigen. Die vergleichende Untersuchung tierischen und menschlichen Verhaltens - so sehr sie ähnlich der Abstammungslehre dem eingefleischten menschlichen Empfinden auch widersteht - ist der hierfür einzige offene Weg.
Selbstherrlich, wie den Menschen seine Intelligenz macht, hält die überwiegende Mehrheit ihren Willen für frei - nur durch Reflexe, Erziehung und Umwelt beeinflußt. Besonders in den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion wird die an religiöse Dogmatik grenzende Überzeugung vertreten, alle Menschen seien von Natur aus gleich. Demgemäß könne man über den Weg der Erziehung einen gesunden Menschen fast beliebig formen. Nachdem jedoch als erwiesen angesehen werden muß, daß der Mensch aus der Gruppe der Säugetiere und aus der näheren Verwandtschaft der Affen hervorging, liegt die berechtigte Frage nahe, ob neben der engen körperlichen Verwandtschaft nicht auch eine solche in den angeborenen Verhaltenssteuerungen besteht. Die Intelligenz macht den Menschen wohl zweifellos ungemein überlegen -, daß aber auch bei ihm ähnliche instinktive Antriebe in Erscheinung treten wie bei den Tieren, lehrt die tägliche Erfahrung. Hunger, Durst und der Geschlechtstrieb führen das deutlich vor unser aller Augen. Dazu kommt als wichtiges Forschungsergebnis im Rahmen vergleichender Untersuchungen, daß sich in der Evolution angeborene Verhaltenssteuerungen genauso langsam, ja eher noch langsamer zurückbilden wie nicht benötigte Organe. Ein instruktives Beispiel ist etwa das bei allen Völkern im Zustand der Wut und Drohung auftretende seitliche Herabziehen der Unterlippe, wodurch - ähnlich wie bei anderen Säugetieren - die unteren Eckzähne entblößt werden. Diese angeborene Bewegung der Mimik entstand bei unseren Affenvorfahren, deren untere Eckzähne als Waffen besonders ausgebildet waren. Ihr Entblößen wurde zum Signal der Einschüchterung gegenüber gegnerischen Artgenossen und sonstigen Feinden. Beim Menschen bildeten sich die Eckzähne zurück und stellen nicht länger besondere Waffen dar. Die angeborene Bewegung ihres Vorzeigens blieb jedoch erhalten, obwohl sie als Signal ihre Funktion verlor. Diese Verhaltensweise erwies sich somit als viel weniger wandlungsfähig als jenes Organ, auf welches sie sich bezog. Ähnliche Beispiele für Beharrlichkeit von Verhaltenssteuerungen gibt es in der gesamten Tierreihe in großer Zahl. Dieser Umstand und die äußerst kurze
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Zeitspanne der Menschwerdung - knappe zwei bis drei Millionen Jahre - machen es außerordentlich unwahrscheinlich, daß uralte, seit hunderten von Jahrmillionen in der Ahnenreihe nachweisbare Instinkte in dieser kurzen Periode, noch dazu ohne besonderen biologischen Vorteil, rückgebildet, also im menschlichen Genetischen Code über Mutation und Selektion ausgelöscht worden wären.
Bei den Instinkten der Tiere müssen, wie eingehende vergleichende Untersuchungen gezeigt haben, drei grundsätzlich verschiedene Leistungen unterschieden werden. Das sind: angeborene Bewegungen, angeborenes Erkennen bestimmter Umweltreize und innerer Antrieb, nach eben diesen Reizen zu suchen und die daran gekoppelten Bewegungen auszuführen. Treten solche Schlüsselreize, wie sie genannt werden, nicht in Erscheinung, dann wird das Tier unruhig und sucht nach ihnen. Stößt das Tier auf den Schlüsselreiz und läuft daraufhin sein Instinktverhalten ab, dann verklingt seine Trieberregung. Zumindest bei den höheren Tieren führt die Beobachtung zum Analogieschluß, daß sich auch bei Tieren - ebenso wie beim Menschen - mit dem Triebverhalten positive und negative, also lustbetonte oder unlustbetonte Innenerlebnisse verbinden. Findet ein Tier trotz aller Bemühung entsprechende Schlüsselreize nicht, dann können die betreffenden Instinkthandlungen auch im Leerlauf abrollen - also sinnlos. Oder die Trieberregung springt in andere Bahnen über, indem eine andere Instinkthandlung abläuft, was meist ebenfalls keinen Vorteil bringt. Diese Einrichtungen sind gleichsam innere Blitzableiter.
Da jedem Tier zahlreiche Instinkthandlungen angeboren sind - etwa Futtersuche, Fluchtverhalten, Verteidigung, Werbeverhalten, Paarung, Reaktionen gegenüber Artgenossen, Revierverhalten und anderes mehr - sprach Lorenz von einem Parlament der Instinkte. Ein Trieb nach dem anderen meldet sich zu Wort, übernimmt die Steuerung des Körpers. Treten verschiedene Triebe gleichzeitig in Aktion, dann kommt es zu Konfliktverhalten: ein Trieb blockiert den anderen. Oft springt dann auch hier die Erregung in eine andere Bahn über, so daß ein drittes Instinktverhalten sinnlos abläuft. Halten etwa bei kämpfenden Hähnen der Aggressionstrieb und der Fluchttrieb einander die Waage, dann führen sie mit dem Schnabel Pickbewegungen gegen den Boden aus, obwohl sie auf alles eher als auf Futtersuche ausgerichtet sind.
Wie weitere Untersuchungen zeigten, gibt es Instinkthandlungen, deren Steuerungen durch Umweltreize in einem bestimmten Jugendalter beeinflußt werden. So ist jungen Enten angeboren, daß sie Objekten folgen.
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Welche das sind, entscheidet sich in einer bestimmten sensiblen Periode - und zwar zwischen der dreizehnten und sechzehnten Stunde nach dem Schlüpfen. Sehen sie in dieser Periode die Entenmutter, dann folgen sie weiterhin dieser. Werden ihnen statt dessen im Experiment Luftballone angeboten, dann folgen sie weiterhin - automatenhaft und unbelehrbar - Luftballonen. Man nennt dieses Phänomen Prägung - zahlreiche Schlüsselreize werden auf diese Weise festgelegt. Ebenso gibt es angeborene Lerndispositionen, wie man bei jungen Singvögeln feststellen konnte, bei denen die Art ihres Gesanges geprägt wird. Hören junge Zebrafinken in einer bestimmten sensiblen Periode, - bis zum fünfunddreißigsten Tag nach dem Schlüpfen - den Gesang von Artgenossen, dann singen sie später, nach Eintritt der Geschlechtsreife in der für Zebrafinken typischen Art. Hören sie statt dessen den Gesang anderer Singvögel - etwa japanischer Mövchen - dann singen sie später wie diese. Spielt man den Jungen jedoch mehrere Gesänge vor, dann wählen sie unter den verschiedenen angebotenen Alternativen mit Sicherheit den Zebrafinkengesang. In diesem Fall ist also erblich nicht der Gesang festgelegt, doch immerhin, zu welchem sie tendieren.
Erschwert wird die Analyse tierischen Verhaltens durch zwei Tatsachen. Erstens hat jede Einzelhandlung, aus der sich eine Instinkthandlung zusammensetzt, ihren eigenen Motor, so daß jeder Haupttrieb sich in Wahrheit aus einer ganzen Hierarchie von Einzeltrieben aufbaut. Und jede solche Einzelhandlung kann im hierarchischen Aufbau mehrerer Haupttriebe eine Rolle spielen, woraus sich eine unübersichtliche Vernetzung ergibt. Zweitens ist bei Geburt der Tiere oft eine Instinktsteuerung noch nicht fertig ausgebildet - ähnlich einem bei Geburt noch nicht fertig entwickelten Organ. Der Beobachter gelangt dann zu dem irrigen Eindruck, das Tier gewinne über Lernen seine Fähigkeit, während diese in Wahrheit im Genetischen Code verankert, also angeboren ist, jedoch die Steuerungsstruktur erst später funktionsfähig wird. Klarheit bringt in solchen Fällen die isolierte Aufzucht. Verhindert man beispielsweise bei einem Eichhörnchen von Geburt an, daß es mit Artgenossen und Nüssen in Berührung kommt, dann vermag es trotzdem, zum fertigen Tier herangereift, eine ihm angebotene Nuß in effizienter, für seine Art typischen Weise aufzunagen und zu sprengen oder sie in koordinierter Bewegungsfolge - Aufscharren des Bodens und Ablegen der Nuß, Feststoßen mit der Schnauze, Zuscharren und Festdrücken des Erdreiches - zu vergraben. Damit ist bewiesen, daß diese Fähigkeiten zum erblichen Inventar gehörten, bloß bei Geburt noch
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nicht funktionsfähig vorliegen.
Dem Menschen widerstrebt die Vorstellung, daß die Motivation mancher Handlung und damit sein Wille nicht frei seien, sondern er auf bestimmte Reize hin automatenhaft reagiert. Von der Verhaltensforschung her besteht jedoch kein Zweifel daran, daß dem doch so ist - ja, daß sehr wesentliche Ausrichtungen menschlicher Handelsweisen durch angeborene Gehirnstrukturen unbewußt beeinflußt, also gelenkt werden. Selbst bei nordamerikanischen und sowjetischen Biologen setzt sich diese zur Milieutheorie diametral entgegengesetzte Erkenntnis durch - nicht zuletzt beeinflußt durch die Berichte von Besatzungen der Raumschiffe und Unterseeboote, die in ihrer extremen Isolation mit den unbelehrbaren Komponenten eigenen Verhaltens eindringlich konfrontiert wurden. Ein strenger Beweis ist allerdings nicht möglich, weil er die isolierte Aufzucht von Menschenkindern bis zum Eintritt der Geschlechtsreife notwendig machen würde, was aus humanitären Gründen nicht in Frage kommt.
Der einzige, der einen solchen gezielten Kaspar-Hauser-Versuch in beschränktem Umfang unternehmen ließ, war der im 13. Jahrhundert in Unteritalien herrschende Kaiser Friedrich II., der herausfinden wollte, ob Hebräisch, Griechisch, Latein oder irgend eine andere Sprache die menschliche Ursprache sei. Er ließ mehrere Kinder von Stiefeltern aufziehen, denen es strikt untersagt war, sich mit ihnen zu unterhalten oder auch nur ein Wort zu sprechen. Alle diese unglücklichen Kinder starben frühzeitig.
Immerhin erwiesen die von Hass und Eibl-Eibesfeldt von 1963 an mit einer Spezialkamera mit eingebautem Seitenspiegel unbeobachtet ausgeführten Filmaufnahmen mimischer Äußerungen bei Völkern unterschiedlicher Kulturstufe in allen fünf Kontinenten, daß die in den Grundbewegungen überall gleichen Gesichtssignale ohne jeden möglichen Zweifel dem Menschen angeboren sind. Diese Bewegungen auf dem Schlachtfeld des menschlichen Gesichtes reifen erst in der Periode der Säuglingsentwicklung allmählich heran - was sich auch deutlich bei taubblinden Kindern zeigt. Ebenso konnten angeborene Tendenzen zu bestimmten Gebärden mit Signalcharakter bei Menschen verschiedenster Rassenzugehörigkeit übereinstimmend erkannt werden. Diese eindeutigen Beweise für eine angeborene Körpersprache, also für angeborene Motorik und Sensorik, brachen in den Geisteswissenschaften das Eis einer in starren überlieferten Denkformen verkrusteten Grundeinstellung und eröffneten den neuen Wissenschaftszweig der Humanethologie, die, am Tierverhalten orientiert, menschliches Verhalten erforscht. Sodann erkannte bereits Freud,
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daß Prägung und prägungsartige Vorgänge auch bei der Formung des menschlichen Wesens eine entscheidend wichtige Rolle spielen - und zwar längst ehe diese Phänomene bei Tieren entdeckt waren. Die Formung des Urvertrauens, ebenso wie des geschlechtsspezifischen Verhaltens, aber sehr wahrscheinlich auch Fixierungen im ethischen und ästhetischen Bereich erfolgen während sensibler Perioden in der Jugendentwicklung. Während angeborene Motorik mit Ausnahme von Mimik und Gestik sowie einiger Bewegungsmuster beim Säugling kaum vorliegen, dürfte das Ansprechen auf Schlüsselreize beim Menschen eine weit größere Rolle spielen, als gemeinhin angenommen wird. Wenn geschwürige Haut uns Ekel und große, schnell herankommende Körper uns Angst erwecken, dann sind das bloß zwei beliebige Beispiele unter vielen möglichen. Im besonderen sind jedoch beim Menschen die Triebe wirksam - manche sogar stärker als bei Tieren. Auch angeborene Lerndispositionen - von uns als Neigungen empfunden - dürften menschliche Grundausrichtungen wesentlich bestimmen. Wenn es bei praktisch allen Menschengruppen völlig unabhängig voneinander zu äußerst ähnlichen Verhaltenstendenzen kommt - etwa die überall in Erscheinung tretende Vorliebe für Sitten, Feste und Zeremonien - dann spricht dies dafür.
Beim Menschen setzen sich die Triebe in sehr komplexer Weise aus angeborenen und erworbenen Komponenten zusammen. Sie verbinden sich mit bewußten Empfindungen der Lust und Unlust, welche die Willensbildung wesentlich beeinflussen. Durch Erziehung können sie verstärkt oder abgeschwächt, jedoch nicht beseitigt werden. Im Gegensatz zu den angeborenen Reflexen beruhen sie auf endigender Reizproduktion in den Nervenzellen, so daß sie auch ohne äußeren Anstoß spontan in Erscheinung treten. Beim einzelnen Individuum sind sie verschieden stark ausgebildet, was die Grundnorm seines Verhaltens - seinen Charakter - wesentlich beeinflußt. Entwicklungsgeschichtliche Entdifferenzierungen haben beim Menschen dazu geführt, daß angeborene Reaktionen auf ein breiteres Spektrum von Reizen ansprechen. Durch Gewohnheitsbildung werden zusätzliche, erworbene Triebe geschaffen, außerdem werden so angeborene und erworbene Komponenten zu festgefügten Einheiten verschweißt. Sämtliche Triebe treten in mannigfacher Kombination in Erscheinung, sie ergänzen und verstärken sich gegenseitig, stören und verwirren einander. In manchen Fällen führen sie zu einem gemeinsamen, besonders zwingenden und kaum mit der Intelligenz - also über Einsicht - zu unterdrückenden Impuls.
Im folgenden werden die wichtigsten, die menschliche Willensbildung beeinflussenden Antriebe in zwölf Kategorien zusammengefaßt, wobei die Gruppierung den entwicklungsgeschichtlichen Zusammenhang - Phylogenese und Ontogenese - nur beschränkt berücksichtigt. Denn ebenso wie es bei Organen von sekundärer Bedeutung ist, wie sie zustande kommen, und nur zählt, was sie leisten und bewirken, so trifft dies im vollen Maße auch auf Verhaltenssteuerungen und damit auf Verhaltensweisen zu. Weitere Triebe, die sich nicht in die zwölf Hauptausrichtungen einreihen lassen, werden als Nebentriebe in einer dreizehnten Kategorie zusammengefaßt. Gemeinsam ist ihnen, daß es Einzelgänger sind, die ebenfalls - oft machtvoll - im Instinktparlament ihre Stimme erheben. Zu ihnen gehören auch Triebe, die durch Gewohnheitsbildung und über Epiphänomene des Denkens entstehen und ebenfalls die individuelle Willensbildung beeinflussen.
Ziel dieser Gliederung ist es, den praktischen Erfordernissen einer Beurteilung und Führung von Menschen in Gestalt eines Überblickes über die Motivation menschlichen Handelns entgegenzukommen, wobei das Funktionelle wie überall in der Energontheorie Hauptkriterium ist.
Erstens: Nahrungstrieb
Unter dieser Bezeichnung fassen wir sämtliche angeborenen und erworbenen Steuerungen zusammen, welche als Akte von Instinkt und Intelligenz dazu führen, daß alle nötigen Stoffe, Flüssigkeiten und Gase erworben und alle anfallenden festen, flüssigen und gasförmigen Schlacken abgeschieden werden.
Energie- und Stofferwerb sind die primäre Voraussetzung für alle Energone; sie werden bei sämtlichen Tieren durch Instinkthandlungen bewirkt, die - wie jede Instinkthandlung - nach dem Lust-Unlust-Prinzip gesteuert sind. Unsere Atemtätigkeit verläuft reflexhaft, verbindet sich jedoch auch mit positiven und negativen Empfindungen. Halten wir den Atem an, dann erwächst uns schnell steigende Unlust, lassen wir dem Reflex wieder freien Lauf, werden wir mit Empfindungen der Befriedigung und Erleichterung, also mit Lustgefühlen belohnt. Ähnlich verhält es sich bei der Ausscheidung der Körperschlacken, die uns zur Qual wird, wenn sie nicht stattfinden kann. Bei den Empfindungen von Hunger und Durst läßt sich minuziös verfolgen, wie sie in steigendem Maß von unserem Denken und unseren Vorstellungen Besitz ergreifen, immer vehementer unser Wollen
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und unser Handeln bestimmend. Wenn Schopenhauer sagte, daß der menschliche Intellekt Diener der Begierden sei, dann zeigt sich die Berechtigung dieser Einschätzung bereits beim Nahrungstrieb. Speisen werden besonders gewürzt und raffiniert zubereitet: nicht weil sie dadurch etwa nahrhafter würden, sondern weil sie um so besser schmecken, uns also in gesteigertem Maße Annehmlichkeit, sprich Lustgefühle bereiten.
Hier zeigt sich beredt die auf angeborener Lust-Unlust-Unterscheidung beruhende Tendenz zu Luxusstrukturen: besonders gut schmeckende Speisen und Getränke. Hinzu treten Luxushandlungen, etwa durch Kombination der Nahrungsaufnahme mit angenehmer Gesellschaft, Konversation, Vorführung und Tanz. Eßkultur und Trinksitten wurden zu einer wichtigen, ganz bestimmt nicht dem freien Willen entstammenden Ausrichtung des Lebens bei sämtlichen Völkern. Das vernünftige Denken wendet sich sogar vielfach gegen diese Vorgänge, nämlich dann, wenn sie zu Körperbehinderung und Krankheit führen.
Fettsucht und Diätprobleme kennzeichnen die Auswirkung der Wohlstandsgesellschaft in West und Ost, vornehmlich in der Welt des Weißen Mannes. Gaststätten und Trinkstuben, Restaurants und Hotels wetteifern um des Nachfragers Gunst. Kochbücher einerseits und Anleitungen zum Fasten andererseits finden reißenden Absatz und wetteifern miteinander. Französische, italienische, österreichische und exotische Küche sind maßgebende Attraktionen des Fremdenverkehrs und damit Basis florierender Energone. Als Gastgeschenke werden erlesene Getränke und Süßigkeiten überbracht. Ganz automatisch werden Feste, Geschäftsgespräche und Staatsempfänge mit erlesener und reichlicher Speisenfolge verbunden. So wie bei allen Trieben und Drängen des Menschen ist es hier keineswegs so, daß diese Vorgänge dem Willen folgen, sondern diesen bestimmen. Während beim Tier die Lustgefühle das für Instinkthandlungen notwendige Regulativ, also ein Werkzeug, ein Mittel zum Zweck sind, erhebt der ichbewußte Mensch dieses Werkzeug und Mittel zum Zweck, konzentriert sich auf dessen Erschließung und Steigerung, verwendet die Fähigkeit seines Geistes dazu, Wege zu erkunden, den Genuß tunlichst zu steigern.
Dies schließt keineswegs aus, daß manche Menschen zu Abstinenz und Askese tendieren - wodurch ihnen Befriedigung und Lust zuteil wird. Dieses Beispiel zeigt, daß auch in solchem Fall nicht bloß nüchternes und neutrales Denken die Zügel der Handlungen führt. Insgesamt kann wohl kaum bestritten werden, daß das Streben nach Genuß über den Weg des Essens und Trinkens sich beim Menschen weit von der rein funktionellen Bedeu-
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tung dieses Vorganges entfernt hat. Verfeinerung der Genüsse in diesem Sektor wurde zu einem entscheidenden Bestandteil menschlicher Lebenskultur und Zielsetzung. Um sich solche Genüsse zuteil werden zu lassen, unternehmen Menschen beträchtliche Anstrengung, setzen ihre geistigen Kräfte auf das Äußerste ein. Und eine Unzahl von Energonen hat in diesem Trieb, in diesem Streben seine Existenzbasis. Nicht nur die gesamte Landwirtschaft, welche die entsprechenden Rohstoffe liefert, sondern vor allem sämtliche Einrichtungen der Gastronomie samt aller ihrer Lieferanten und Hilfskräfte.
Noch ein weiteres kommt hinzu. Da sich bei unseren Vorfahren, räuberisch lebenden Affen, mit dem Beuteerwerb Verhaltensweisen des Anpirschens, Überlistens und Überwältigens verbanden, ist es wohl nicht abwegig, manche Komponenten menschlicher Jagdlust - die zur Luxustätigkeit wurden - dadurch zu erklären. Noch bedeutsamer dürfte eine weitere Auswirkung sein. Da sich unser Nahrungserwerb auf die indirekte Methode des Leistungstausches verlagerte, mag sehr wohl die Freude am Aufspüren der Erwerbschance, die Überredung, die Überlistung und Überwältigung des Käufers oder Lohngebers mit durch jene weit zurückliegenden Elemente des Beutefangverhaltens beeinflußt sein. Bei allen höheren Säugetieren, den Lerntieren, sind nur Antriebe angeboren, während die Einzelheiten der Ausführung im Rahmen der Jugendentwicklung durch Lernen, Üben und Nachmachen ausgebildet werden. Manche Arten von Spiel und Sport, welche Elemente des Anschleichens, Überlistens und Überwältigens beinhalten, dürften hier somit ebenfalls ihre Wurzeln haben. Schon bei Kindern, besonders jedoch bei Jungen, zeigt sich dies in den Verfolgungs- und Fangspielen auf das Deutlichste. Und wenn uns auch die Auseinandersetzung zweier Gegner beim Schachspiel von der einstigen Tätigkeit unserer Raubaffenahnen himmelweit entfernt erscheint, so mögen doch die lustvollen Gefühle beim richtigen Zug, beim Figurenraub, bei geglückter Strategie und überraschender Taktik bis an den Punkt des Schachmatt beim Gegenüber den damals über Mutation und Selektion entstandenen Steuerungsstrukturen im Gehirn entstammen.
Da für den Menschen Raub fremder artifizieller Funktionsträger zur gegebenen Möglichkeit wurde, sich die Bildung eigener zu ersparen, sie also nicht über Tausch und Gegenleistung erwerben zu müssen, dürften auch die Lustgefühle geglückten Raubes hier einzureihen sein. Selbst die rauschartigen Siegesgefühle, die sich bei Gruppenraub mit Kriegshandlungen, Plünderungen und Vergewaltigungen verbinden - von den großen
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Dichtern und Erzählern aller Epochen plastisch beschrieben - finden offenbar in den angeborenen Einzelmotivationen des Jagdverhaltens ihre kausale Erklärung.
Im Rahmen der Energonentfaltung setzt sich der Nahrungstrieb in der Gesamttendenz, über artifizielle Funktionsträger - künstliche Organe - den Lebensstrom in Potenz und Volumen zu steigern, unmittelbar fort.
Zweitens: Sicherheitstrieb
Unter dieser Bezeichnung fassen wir sämtliche angeborenen und erworbenen Steuerungen zusammen, welche als Akte von Instinkt und Intelligenz dazu führen, daß widrige und feindliche Umwelteinwirkungen abgewehrt werden und Anfälligkeiten des Körpers, gebildeter Energone und Nahestehender begegnet wird.
Neben den angeborenen Steuerungen zur Gewinnung von Energie und Stoffen gehören die Triebe, diesen Hort zu sichern, mit zu den ältesten, die sich bei Tieren herausbildeten.
In Abhängigkeit von der jeweiligen Umwelt sprechen Tiere auf bestimmte Schlüsselreize an, die ihnen einerseits Gefahr, andererseits Schutzmöglichkeit und Fluchtwege aufzeigen, und beantworten sie mit entsprechenden Reaktionen. Schon bei Einzellern sind solche Mechanismen nachweisbar. Bei den höheren Wirbeltieren beobachten wir Flucht- und Abwehrverhalten, wie es auch der Mensch zeigt, und es gibt keinen triftigen Grund, daran zu zweifeln, daß ähnliche Gefühle der Angst sich auch bei ihnen mit derartigen Erlebnissen und Handlungen verbinden.
Beim ichbewußt denkenden Menschen kommt es zu einem enorm gesteigerten Wissen um bestehende Gefahren und zum ausgeprägten Bestreben, diese möglichst auf Null zu reduzieren, sich also unlustvolle Gefühle der Angst und Unsicherheit möglichst zu ersparen und solche der Sicherheit und des Geborgenseins zu genießen.
Den ersten Pol der Sicherheit findet das Kind bei den Eltern. Im weiteren Entwicklungsverlauf werden in organisierten Gemeinschaften die vom Einzelwesen nicht zu bewältigenden Schutzfunktionen vom Verband oder vom Staat übernommen. Hierarchische Strukturen sind Einrichtungen, ohne welche die immer zahlreicheren künstlichen Organe des Menschen nicht sichergestellt werden können - gegen Diebstahl, Raub und Anarchie. Von nicht geringerer Bedeutung ist der Schutz des Zellkörpers selbst, des eigenen Lebens also. Denn die bequemste Form, sich in den Besitz der
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künstlichen Organe eines anderen zu setzen, besteht darin, das aus Zellen gebildete Zentrum auszuschalten.
Durch Befestigungen und Kampfeinheiten, ausgestattet mit entsprechenden Waffen, wird feindlichen Raubstaaten entgegengewirkt. Innerhalb des eigenen Verbands- oder Staatsbereiches übernehmen Sicherheitsorgane die Schutzfunktion, wobei es über deren Machtausstattung - nicht zuletzt aufgrund ideologischer Prägungen - zu erbitterten Auseinandersetzungen kommt. Im Bereich des einzelnen schützen Umzäunungen, Mauern und Verschlüsse Leben und Eigentum, also Zellkörper und künstliche Organe gegen Witterungseinflüsse, Raubtiere und Banditen - sie sichern auch die Intimsphäre ab. Wenn Kinder in ihren Spielen sich so gerne Häuser, Burgen, Verstecke und Höhlen bauen, dann äußert sich darin ohne Zweifel der angeborene Instinkt, sich Schutzvorrichtungen zu schaffen. Die Furcht davor, Gefahren offen ausgesetzt zu sein, die Suche nach glückspendenden Gefühlen beruhigender Geborgenheit tritt hier zutage.
Aus dem gleichen angeborenen Drang bevorzugt der Mensch Stätten, die ihm Rückendeckung bieten, sucht ständig nach Einrichtungen, die seinem Schutzbedürfnis entgegenkommen. Furchterregende Schlüsselreize, auf die wir bis auf den heutigen Tag instinktiv ansprechen, sind Dunkelheit, schnell sich nähernde Körper, heftige Geräusche, gefletschte Zähne von Raubtieren, drohendes Knurren, der Anblick von Schlangen und uns umschwirrenden Insekten. Kinder zeigen deutlich, wie schwer es selbst vernünftiger Einsicht fällt, entsprechende Reaktionen der Abwehr und Flucht zu unterdrücken.
Da der Mensch aufgrund seines Ichbewußtseins der einzige Lebensträger ist, der um die Unabwendbarkeit des eigenen Todes weiß, verursacht ihm auch seine Intelligenz weitere Angstgefühle, die durch die jeweils gegebene Situation in keiner Weise bedingt sind. Er lernt darüber hinaus, wie viele Möglichkeiten von Unfällen und Krankheiten sich mit dem Leben verbinden, wie total unerwartet und unverschuldet Katastrophen hereinbrechen können. All das verursacht - selbst in der so abgesicherten künstlichen Sphäre der modernen Organisationen - gravierende Empfindungen von Unsicherheit, Beklommenheit und Angst, der vom Menschen in jeder möglichen Weise entgegengewirkt wird. Altersfürsorge und Krankheitsvorbeugung wird angestrebt. Lebensversicherungen für sich und die nächsten sollen ein außergewöhnlicher Schutz sein. Alle vom Menschen gebildeten Energone, vornehmlich aber die Erwerbsorganisationen sind in immer steigendem Ausmaße von Schutzmaßnahmen geradezu durchtränkt.
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Je kleiner die Einkünfte sind, um so weniger Reserven können gebildet werden - um so größer wird das Streben nach Einrichtungen der Sicherheit. Diktieren solche Schutzinteressen in einem Staat die Entscheidungen, dann kann dies - über garantierte Krankenpflege, erzwungene Beschäftigungsgarantie und Subventionierung von Erfolglosen - die politischen und ökonomischen Rahmenbedingungen zu Lasten der sozialen Aufwendungen und Einrichtungen derart schwächen, daß Initiative, Konkurrenzfähigkeit und Effektivität ins Hintertreffen geraten. Ja, überzogene Schutzinteressen können das Gemeinschaftsinteresse letztlich gefährden. Der angeborene und durch ichbewußte Erkenntnis noch bedeutend geschürte Sicherheitstrieb ist der dafür verantwortliche Motor.
Die menschliche Vorstellungskraft eröffnet dem Angsttrieb weitere gewaltige Schleusen. Wenn sich Menschen oft so verzweifelt um Verdienst und Bildung von Reserven bemühen, obwohl sie nach vernünftigem Denken gut abgesichert sind, dann sind Schreckgespenster dafür verantwortlich, die auf dem inneren Projektionsschirm ihrer Phantasie erweckt wurden und sie mit einer ständig im Nacken sitzenden Angst antreiben. Als weitere Begleiterscheinung der Phantasie ergibt sich aus diesem Phänomen eine für die menschliche Geschichte schicksalhafte Konsequenz. Über Kommunikation - Sprache, Schrift und Bild - kann auch der Fremde auf dem inneren Projektionsschirm der Vorstellungskraft Instinkte aktivieren - und so auch den Angsttrieb.
Besonders Staats-, Heer- und Parteiführer haben sich dieses Mittels mit geradezu unüberbietbaren Auswirkungen zu bedienen gewußt. Manchmal in fehlerhafter Überzeugung, weit häufiger jedoch aus selbstdienlichen Motiven pflanzten sie das Trugbild einer in Wahrheit gar nicht bestehenden Gefahr oder Bedrohung in fremde Gehirne und lösten so künstlich Angstreaktionen aus, durch die es dann zu langwierigen Auseinandersetzungen, blutigen Rebellionen, Revolutionen und Kriegshandlungen kam.
Auch in der Tagespolitik ist dieses Mittel gang und gäbe. Da persönliche Unfähigkeit, die wirtschaftlichen Probleme zu meistern, oder ideologische Wertvorstellungen zu einer nicht abreißenden Kette von Unzulänglichkeiten und Effizienzeinbußen führen, wird durch das Schreckgespenst eines äußeren oder inneren Feindes, dem mit außergewöhnlichen Schutzmaßnahmen begegnet werden müsse, eine sonst fällige Verurteilung verhindert und eine sonst nicht vorhandene Solidarität aufgebaut. Sonst nicht durchsetzbare politische Maßnahmen werden so sanktioniert, höhere Machtbefugnisse und Steuertribute von der Gemeinschaft erpreßt und an-
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sonsten unrealisierbare Privatgeschäfte getätigt.
Den höchsten Machtzuwachs über den Weg der Angst erzielen Religionen, die außerirdische Bestrafung glaubhaft machen, welcher nur eben über Befolgung ihrer Lehre entgangen werden kann. Um den Qualen eines in allen Farben geschilderten Inferno zu entrinnen, erwies sich der gläubige Mensch so ziemlich zu allem bereit - sogar zur verzweifelten Anstrengung, sämtliche ihm von Natur aus angeborenen Regungen zu unterdrücken.
Treten Ideologien an die Stelle von Religion, dann verstärkt sich unter Umständen noch diese Bereitschaft. Denn Bestrafung für Nichtbefolgung der Lehre erfolgt nun nicht erst im Jenseits, was die Glaubensangst in eine noch schlimmere und unmittelbarere Realfurcht verwandelt.
Im Rahmen der Energonentfaltung setzt sich der Sicherheitstrieb in der Gesamttendenz, über artifizielle Funktionsträger - künstliche Organe - den Lebensstrom in Potenz und Volumen zu steigern, unmittelbar fort.
Drittens: Neugiertrieb
Unter dieser Bezeichnung fassen wir sämtliche angeborenen und erworbenen Steuerungen zusammen, welche als Akte von Instinkt und Intelligenz dazu führen, daß in spielerischer oder ernster Auseinandersetzung mit der Umwelt deren Eigenschaften erkundet und über Erproben, Lernen und Üben neue, eigene Fähigkeiten entwickelt werden.
Während bei niederen Tieren das Verhalten automatenhaft gesteuert wird, sind angeborene Bewegungen bei den höheren Wirbeltieren nur beschränkt ausgebildet. Sie formen - deshalb Lerntiere genannt - die für ihr Leben notwendigen Aktionen und Reaktionen in individueller Auseinandersetzung mit der Umwelt, wodurch sie sich in die jeweiligen örtlichen Gegebenheiten weit besser einpassen können. Das macht sie in ihrem Verhalten weniger starr und verschafft ihnen einen ungleich höheren Grad von Anpassungsfähigkeit.
Zu dieser höchst persönlichen Bildung effektiver Steuerungen im Gehirn regt sie ein Instinkt an, der Neugiertrieb - auch Spieltrieb genannt. Der junge Löwe, der junge Wolf, der junge Schimpanse - und auch das Menschenkind krabbeln triebhaft umher, betasten und untersuchen Objekte der Umwelt, erkunden ihre Eigenschaften, ihre Reaktionen, ihre Verwendbarkeit. Ebenso wird das eigene Bewegungskönnen erforscht. Jede erdenkliche Bewegung wird wieder und wieder erprobt. Gegenstände wer-
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den aus ihrer Lage gebracht, erklettert. Das Junge erkundet alle Möglichkeiten, sich ihnen gegenüber zielführend zu verhalten, sie möglichst zu beherrschen.
Während beim Tier dieser angeborene Trieb mit der Geschlechtsreife abklingt, bleibt der Mensch in dieser Hinsicht sein Leben lang mit einer Jugendeigenschaft seiner Vorfahren ausgestattet: Er bleibt weltoffen, an der Auseinandersetzung mit Neuem grundsätzlich interessiert.
Während sein Sicherheitstrieb ihn vor allem Neuen, Unbekannten warnt, erweist sich der Neugiertrieb als Gegenspieler. Ist dieser aktiv, dann wird Neues, Unbekanntes zum Schlüsselreiz, zu einer Herausforderung der Erkundung. Nicht so sehr dem Intellekt sondern dieser besonderen Triebfeder verdankt der Mensch seine Fortschritte, die Eroberung immer neuer Lebensräume, die Entdeckung immer neuer Lebensformen. Dieser Trieb brachte ihn zur Entdeckung der Funktionsfähigkeit von nicht zum Körper gehörenden Objekten, zu deren Verwandlung in künstliche Organe. Er führte ihn dann im weiteren Verlauf seiner Evolution zur gezielten Herstellung von artifiziellen Funktionsträgern, zu ihrem immer effektiveren Einsatz, zur immer weitergehenden Verbesserung ihrer Konstruktion. So kam es zu immer höheren Wirkungsgraden, indem mit immer weniger Aufwand immer höhere Leistungen erzielt werden konnten. Sowohl Forscherdrang als auch Unternehmungslust wurzeln nicht zuletzt in diesem Trieb.
Denker älterer Schule sahen in Ethik und Ästhetik die Grundpfeiler menschlicher Besonderheit, menschlicher Verschiedenheit vom Tier. Die vergleichende Verhaltensforschung deckte dagegen auf, daß diese Ausrichtungen weitgehend im angeborenen Erbe wurzeln, während der bis ins hohe Alter wirksame Neugiertrieb eine echte Besonderheit des Menschen gegenüber seinen Tierahnen und Tierverwandten darstellt. Der zum Nordpol, in die Meerestiefen und zum Mond vordringende Mensch ist ein Neugierwesen par excellence. Sein Sicherheitstrieb bremst ihn, die Frau mehr als den Mann. Doch immer wieder bricht Neugierverhalten hervor, führt dazu, die gewohnten Geleise zu verlassen, die etablierten Werte zu mißachten - und so grundsätzliche Änderungen einzuleiten.
Nur durch den Neugiertrieb wurde der Mensch zum Spezialisten in vielseitiger Spezialisation, zum Werkzeugbildner und Energonbauer. Intellekt war geistige Voraussetzung, die vom Affen ererbte Greifhand das zur Ausführung des Erdachten, Erplanten, Erphantasierten notwendige Organ. Aber die Antriebskraft, der eigentliche Motor zu den meisten Neuerungen,
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war der Neugiertrieb, der wie jeder Trieb Lustgefühle schenkt: Empfindungen der freudigen Spannung, des prickelnden Interesses, der glücksspendenden Selbstbestätigung und Selbstentdeckung.
So wie jeder Trieb geriet freilich auch dieser beim Menschen in die Mühle der Lustsuche, wurde vom Mittel zum Zweck. Das Erfahren von Neuigkeiten weckt angenehme Empfindungen - bis ins hohe Alter hören wir Menschen über Unzähliges debattieren, was ihre eigentlichen Interessen gar nicht oder kaum berührt. Das Kennenlernen neuer Gegenden weckt angenehme Empfindungen: Überall in der Welt sehen wir Touristenströme zu Orten pilgern, die für ihre Energiebilanz unerheblich sind, ihnen jedoch Abwechslung bieten. Das Erproben neuer Fähigkeiten weckt angenehme Empfindungen: Überall in der Welt sehen wir Menschen Sport betreiben, was ihnen zu neuen außerordentlichen Fähigkeiten und zum Ausbrechen aus der normalen Alltagsroutine verhilft. Das Erkunden neuer Kontakte wird fast von jedem Menschen reizvoll empfunden. Überall in der Welt stoßen wir auf Menschen, die sexuelle Abenteuer suchen, die keineswegs durch Partnermangel bedingt sind, sondern dem Vergnügen dienen, Eigenschaften und Verhaltensweisen neuer Partner auf sich wirken zu lassen. Die Phantasie eröffnet dem Menschen die Möglichkeit, sich Traumschlösser zu errichten und in diesen zu lustwandeln: Allerorts sehen wir Menschen bei der Lektüre von Literatur, über die sie in fremdes Menschenschicksal eindringen, in Theater, Kino und vor dem Fernsehapparat, wo über sämtliche angesprochene Sinne das eigene Empfinden mit dem anderer verknüpft wird.
Sogar die Angst, Hemmschuh aller Neugier, wird über diese zur Lustgewinnung herangezogen. In mäßiger Dosierung wird sogar die Erkundung von Angst zum Vergnügen, das Spiel mit dem Feuer zum reizvollen Pläsier Abwechslung. Waghalsigkeit beim Drachenfliegen, Risikofreude im Beruf, Hasardieren im Glücksspiel, aber auch die Aktivierung prickelnder Furcht durch Lesen von Greuelgeschichten und Miterleben von Kriminalfilmen und Horrorstücken gehören mit zur Aktivierung von gedrosselter Angst. Schon das Kind führt uns dies vor Augen, wenn es in der Geisterbahn fahren, sich auf der Riesenschaukel fürchten will, oder der dunkle unheimliche Keller es magisch anzieht.
Wißbegierde und Wissenschaft waren die Grundlage der gesamten Energonbildung durch den Menschen. Wohl sind sie auch Werkzeug nüchternen Denkens und bewußter Verfolgung ökonomischer Interessen. Doch das dynamische Element ist ein angeborener Trieb, der die Entwick-
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lung der Menschheit machtvoll zu ihren Höhen und Tiefen führt, zu ihren Fortschritten und ihren Katastrophen.
Im Rahmen der Energonentfaltung setzt sich der Neugiertrieb in der Gesamttendenz, über artifizielle Funktionsträger- künstliche Organe - den Lebensstrom in Potenz und Volumen zu steigern, unmittelbar fort.
Viertens: Geschlechtstrieb
Unter dieser Bezeichnung fassen wir sämtliche angeborenen und erworbenen Steuerungen zusammen, welche als Akte von Instinkt und Intelligenz dazu führen, daß bei Zellkörpern gleicher Art die Genetischen Code miteinander verschmelzen.
Wer daran zweifelt, daß die Motivationen menschlichen Handelns durch angeborene Triebe beeinflußt, ja bestimmt werden, dem zeigt der Geschlechtstrieb auf das deutlichste, daß dem doch so ist. Er verursacht beim Menschen vehemente Impulse und nicht minder starke Hemmungen - er versetzt ihn, wie Valensin treffend sagte, in einen zweiten Zustand.
Während er bei den Tieren nur in einer bestimmten Periode des Jahres, der Brunft, in Erscheinung tritt, ist der geschlechtsreife Mensch das gesamte Jahr über sexuell ansprechbar und wird bis ins hohe Alter von diesem Trieb beherrscht. Die moderne Forschung erklärt dies durch die beim Urmenschen gegebene Situation. Das Menschenkind benötigt jahrelange Betreuung, um zu eigener Lebenstüchtigkeit zu gelangen. Dies macht entsprechend langen elterlichen Schutz notwendig, der wiederum die Bindung des ernährenden und schützenden Vaters an die Mutter voraussetzt. Durch die verlängerte Zeit sexueller Bereitschaft gelangte damals - über mutative Veränderung im Erbgut - die Frau zur Fähigkeit, den Mann das gesamte Jahr über physiologisch an sich zu binden, wodurch sich zur Funktion der Fortpflanzung jene der Partnerbindung hinzugesellte.
Die Auswirkungen dieser erblichen Fixierung waren enorm. Die Frau wurde zum begehrten Besitz und damit automatisch zum Raubziel und zum Objekt von Tausch und Verkauf. Durch ihre Fesselung an die langwierige Kinderbetreuung und durch den Brutpflegeinstinkt noch verstärkt, wurde ihr angeborenermaßen eine Rolle zugewiesen, die sie weitgehend vom Mann und seinen Trieben abhängig macht. Ihr Erscheinungsbild wird zum Schlüsselreiz. Je nachdem wie stark dieser ausfällt, sind die Chancen für Besitzerwerb, Luxus und Lebensglück äußerst verschieden, hängen davon ab, ob und welchen Mann sie an sich fesseln kann.
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Von Anbeginn lag es somit im höchsten eigenen Interesse der Frau, diese ihre Schlüsselreize durch entsprechende Maßnahmen und artifizielle Funktionsträger tunlichst zu steigern - durch Haartracht, Schminke, Schmuck, Kleidung und Schuhwerk, aber auch durch Verstärken oder Entwickeln von Verhaltensweisen, die auf den Mann wirken und ihn binden.
Die Einrichtung der Ehe als Sicherung für die Frau und als Besitzgarantie für den Mann gewinnt innerhalb der Gemeinschaftsbildungen zentrale Bedeutung und wird Kristallisationszentrum für Sittenbildung und massive religiöse und ideologische Einflußnahme. Hochzeit und Geburt werden Hauptereignisse, Krankheit und Tod werden zur gesteigerten Bedrohung, da sie sich nach erfolgter Familiengründung nicht nur für den Betroffenen, sondern auch auf den Familienverband, seinen Bestand und sein Überleben auswirken. Die Kodifizierung der die Familie betreffenden rechtlichen Bestimmungen werden aufgrund der Eigentums- und Versorgungsfrage zum Grundpfeiler jeder Gesetzgebung. Darüber hinaus legen Tabus über weite Strecken der Geschichte besonders der Frau schwerwiegende Fesseln an. Außereheliche Beziehung wurde zum Verbrechen, das nichteheliche Kind zum Schreckgespenst und zur schicksalhaften Katastrophe.
Andererseits erwuchs der Frau über den Geschlechtstrieb ein ungeheueres Machtpotential, ein Werkzeug zur Machtsteigerung, wie es im Rahmen der Energonentfaltung kaum irgendeinem anderen Lebensträger gegeben ist. Dank der Anfälligkeit des Mannes auf individuelle Schlüsselreize kann ein Mädchen über Nacht zur Gattin eines Krösus und Teilhaberin seines gesamten Reichtums werden. Die Fesselung durch überlieferte Normen wurde in unserem Jahrhundert durch die Berufstätigkeit der Frau und die dadurch erwachsende finanzielle Unabhängigkeit wesentlich vermindert - in besonderem Maße auch durch die artifiziellen Mittel, sich vor ungewollter Konzeption zu schützen. Die Frau gewinnt nun ebenfalls die dem Manne schon lange gegebene Freiheit, den Geschlechtstrieb - gelöst von seiner ursprünglichen Funktion - in eigener Initiative zum Gegenstand persönlicher Lust- und Glückssuche zu machen, wobei ihr jedoch durch die erblich fixierten Bestandteile ihrer biologischen Rolle Grenzen gesetzt sind und Konflikte erwachsen. Erfahrungsberichte und Forschungen der letzten beiden Jahrzehnte über die Auswirkung dieser Emanzipation lassen den begründeten Verdacht aufkommen, daß die Frau über größere Freiheit nicht unbedingt eine ebenso große Steigerung ihrer
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Zufriedenheit gewinnt.
Für die Energonentwicklung hatte der Geschlechtstrieb und seine sekundäre Bindungsfunktion die große Bedeutung, daß es beim Menschen so auf erblicher Basis zur ersten Arbeitsteilung kam. Die Familie wurde zum naturgegebenen Ausgangspunkt für eine sich dann immer weiter steigernde und ausweitende Bildung von Berufskörpern und Erwerbsorganisationen. Durch Hinzunahme und Gewinnung artifizieller Funktionsträger in Gestalt von Werkzeugen und Hilfskräften entstanden die ersten mit den Zellkörpern nichtverwachsenen Energone, über die der Lebensstrom zunächst langsam und dann immer schneller in Potenz und Volumen weiter anschwellen konnte. Bei diesem besonders starken Trieb gewinnt die bei allen Trieben gegebene Mechanik an Bedeutung, daß Impulse, wenn ihnen adäquates Ausleben versagt ist, auch in andere Verhaltenskanäle überwechseln und andere Aktivitäten einleiten, also zu anderen Leistungen führen können. Freud sah schlechthin im Geschlechtstrieb den Motor menschlicher Gestaltungskraft und Initiative, was jedoch nach heutiger Einsicht zu weit geht. Daß dieser Trieb sich jedoch in anderen Tätigkeiten, etwa in künstlerischer Gestaltung sublimiert, dürfte heute von keiner wissenschaftlichen Schule mehr angezweifelt werden.
So wie jeder Trieb, verbindet sich auch der Geschlechtstrieb mit anderen Trieben in mannigfacher Weise, was vom Menschen in Steigerung seiner Luxustendenzen voll wahrgenommen wird und zur Ausbildung unzähliger Energone führt. Mehr noch als die anderen fördert er menschliche Arbeitsbereitschaft, also Bereitschaft, Energone zu bilden oder in ihrem Rahmen tätig zu sein, um sich über erworbene Mittel das Triebziel ersehnter Partnerfindung und Partnerbindung sowie die ökonomischen Konsequenzen einer Familie leisten zu können.
Zu schwerwiegenden Hemmungen, Störungen, Neurosen und Perversionen kommt es durch die Verbindung des Geschlechtstriebes mit dem Ichbewußtsein. Ebenso durch erzwungene Triebstauung, durch Erlebnisse im prägsamen Jugendalter und über den Konflikt mit Normen von Erziehung, Sitte und Gesetz. Unter diesen Einflüssen können sich - ach außen hin oft unsichtbar - Verhaltensweisen einschneidend ändern, ja Denken, Fühlen, Wollen und Handeln über beträchtliche Zeiträume hinweg total blockiert werden.
Ein Beweis dafür, wie eng uns angeborenes Verhalten noch heute mit unseren Tiervorfahren verbindet, ist die Korrelation zwischen dem Geschlechtstrieb und anderen Trieben beim männlichen und weiblichen Part-
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ner. Ganz ebenso wie bei anderen Säugetieren ist auch beim Menschen der Geschlechtstrieb beim Mann mit dem Aggressionstrieb positiv und mit dem Sicherheitstrieb negativ korreliert - während es sich bei der Frau gegenteilig verhält. Im Klartext besagt dies, daß aggressive Stimmung die sexuelle Bereitschaft des Mannes verstärkt, jene der Frau dagegen abschwächt. Andererseits vermögen Zustände der Angst bei der Frau sexuelle Gestimmtheit erheblich zu steigern, während sie diese beim Mann mindern.
Auch Bestandteile anderer Triebe werden zu Werkzeugen des Geschlechtstriebes - etwa solche des Brutpflegetriebes, indem Koseformen und Koseworte, die dem Kind gegenüber Anwendung finden, auf den Geschlechtspartner übertragen werden, oder die positiven Elemente des Sicherheitstriebes, indem Partner durch Vermittlung von Sicherheit gewonnen oder gebunden werden.
Sodann spielt Gewohnheitsbildung eine wichtige Rolle, indem sich Partner über individuelle Eigenschaften und Werbevorgänge aneinander gewöhnen. Vor allem treten jedoch zu den angeborenen Komponenten noch solche des intelligenten Denkens und Bewertens, aus denen sich Achtung, Anerkennung, Dankbarkeit und Freundschaft ergeben sowie die Palette von Werbezeremonien, Werbegeschenken, Liebesbeweisen und sonstigen artifiziellen Maßnahmen, die das Liebeswerben und den Liebesakt zum eigentlichen Zentrum menschlicher Kultur, menschlicher Ästhetik, menschlichen Luxusstrebens und damit menschlicher Lebensausrichtung gemacht haben.
Alle diese durchaus nicht nur auf einen einzigen Partner beschränkten Regungen kommen dabei mit den durch die Ehe gesetzten Ordnungen zwangsläufig und fast regelmäßig in Konflikt. Trotzdem ist bisher jeder Versuch, dieses vom Intellekt geschaffene Instrument der Ordnung durch andere Formen freierer Partnerwahl zu ersetzen - nicht zuletzt aufgrund der durch die Brutpflege gegebenen Problematik - früher oder später gescheitert. Nach wie vor bleibt die Ehe in allen Kulturen und Wirtschaftssystemen Keimzelle des Staates und der Energonbildung.
Im Rahmen der Energonentfaltung setzt sich der Geschlechtstrieb in der Gesamttendenz, über artifizielle Funktionsträger - künstliche Organe - den Lebensstrom in Potenz und Volumen zu steigern, unmittelbar fort.
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Fünftens: Brutpflegetrieb
Unter dieser Bezeichnung fassen wir sämtliche angeborenen und erworbenen Steuerungen zusammen, welche als Akte von Instinkt und Intelligenz dazu führen, daß der Mensch für seine Kinder und Angehörigen sorgt.
Alle höheren Wirbeltiere - alle Lerntiere - sind mit der Hypothek belastet, daß sie nicht voll lebens- und verteidigungsfähig zur Welt kommen und deshalb für kürzere oder längere Zeit entsprechender Fürsorge und entsprechenden Schutzes bedürfen. Die Evolution der Lerntiere war somit nicht nur an das Entstehen des Neugiertriebes gebunden, welcher die Jungen dazu antreibt, in aktiver Auseinandersetzung mit der Umwelt die für ihr Leben notwendigen, ihnen nicht angeborenen Verhaltenssteuerungen selbst aufzubauen. Sie setzte darüber hinaus noch die Ausbildung eines weiteren Triebes voraus, der sicherstellt, daß die hervorgebrachten hilflosen Nachkommen regelmäßig gefüttert, betreut und gegen Gefährdungen abgesichert werden.
Schlüsselreize, die dieses Instinktverhalten auslösen, entstanden im optischen, akustischen, geruchlichen und taktilen Bereich. In erster Linie beziehen sie sich auf das Aussehen der Jungen, ihre Verhaltensweisen sowie auf das Erscheinungsbild von Feinden. Entfernen sich Jungtiere von den Eltern, vom Nest, vom Bau, dann löst dies Reaktionen, sie zurückzuholen, aus. Weitere von den Jungen ausgehende Signale bewirken, daß sie gefüttert, geputzt und liebkost werden. Durch angeborene Spielbereitschaft wird der Neugiertrieb bei ihnen angeregt und ihnen Gelegenheit zum Lernen von Beutefang- und Fluchtbewegungen geboten.
Wenn Menschen zu ihren Kindern Zuneigung empfinden und generell gehemmt sind, Kindern ernsthaftes Leid zuzufügen, dann beruht das durchaus nicht auf reinen Intelligenzakten, also nüchterner Vernunft. Wie Konrad Lorenz zeigte, sind es klar erfaßbare, ja meßbare Schlüsselreize des Kindes, die dem erwachsenen Menschen den Eindruck des Herzigen, Schutzbedürftigen und Liebenswerten verursachen. Solche Schlüsselreize, auf die der Mensch angeborenermaßen anspricht, sind relativ großer Kopf mit hochgewölbter Stirn, weit unten gelegenen großen Augen, Pausbacken, kurze dicke Extremitäten und tollpatschige Bewegungsweise. Bieten junge oder erwachsene Tiere ähnliche Schlüsselreize, dann werden sie vom Menschen ebenfalls als niedlich, herzig und liebenswert empfunden. Wie sich bei Tierversuchen herausstellte, lassen sich durch Anbieten verein-
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fachter Attrappen diejenigen Elemente feststellen, aus denen sich einzelne Schlüsselreize zusammensetzen. Unter Umständen ist es sogar möglich, diese Merkmale künstlich derart zu verstärken, daß die Attrappe dann stärkere Reaktionen als der natürliche Schlüsselreiz auslöst. Im menschlichen Bereich nutzen Industrien, die sich mit der Herstellung von Puppen und Spieltieren befassen, dies geschickt zur Bildung solcher übernormalen Attrappen aus. Sie gestalten ihre Erzeugnisse derart, daß die wirksamen Schlüsselreize des sogenannten Kindchenschemas noch gesteigert werden. Die Filme von Disney schufen hinsichtlich solcher Wirkungen perfekte und für die Forschung äußerst instruktive Produkte.
Weitere Schlüsselreize, die den menschlichen Brutpflegetrieb wirkungsvoll aktivieren, sind Zeichen der Trauer, Weinen und Schreien - sowie Lächeln, Jauchzen und Gebärden des Fröhlichseins. So wie jeder Trieb vermittelt auch der Brutpflegetrieb starke Glücksgefühle, wenn ihm entsprochen wird. Zeichen der Zufriedenheit beim Kind lösen besonders bei der Mutter intensive Gefühle der Zuneigung, des Stolzes und Befriedigtseins aus. Auch der Vorgang des Stillens und die mühevolle Aufgabe des Unterweisens im Sitzen, Gehen, Essen, im Gebrauch von Werkzeug, im Anziehen von Kleidern und sonstigen für das Leben notwendigen Fertigkeiten vermitteln den Eltern glückspendende Gefühle der Befriedigung; sie sind keineswegs bloß Ergebnis von Erziehung, erworbenem Pflichtgefühl und nüchterner Überlegung. Ohne Zweifel werden viele Kinder mit kühler Absicht und Voraussicht gezeugt - etwa um sich formbare Hilfskräfte oder Blutsnachkommen zur Fortsetzung von Berufskörpern sowie zur Wahrnehmung an Erbfolge geknüpfte Rechte zu schaffen. Die Großzahl der Kinder verdankt jedoch den Konsequenzen des Geschlechtstriebes und der von ihm vermittelten Lustgefühle ihr Zustandekommen sowie der Freude, die ihre Geburt und Erziehung vermitteln und die deshalb ebenfalls angestrebt wird.
So wie jeder Trieb ist auch jener der Brutpflege bei manchem Individuum stärker, beim anderen schwächer ausgebildet und kann auch durch Einflüsse der Erziehung verstärkt oder abgeschwächt werden. Insgesamt hat er die Familienbildung und damit die menschliche Energonbildung sicher nicht weniger stark beeinflußt und gefördert als der Geschlechtstrieb.
Wo die egoistischen Triebe stärker in den Vordergrund treten, etwa in den modernen Wohlstandsgesellschaften in West und Ost, wird dies von der Umwelt negativ bewertet.
Auch auf Verwandte und zur engeren Hausgemeinschaft Gehörende
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werden die vom Brutpflegetrieb diktierten Wertungen übertragen und ausgedehnt - schließlich auch auf Berufskörper und Erwerbsorganisationen samt ihren bewährten Mitarbeitern. Der Schneider streichelt den von ihm hergestellten Anzug, ehe er ihn abliefert. Der Heerführer geht nächtens durch die Zeltgassen, schaut nach, ob seine Soldaten gut schlafen, redet sie wie seine Kinder an.
Für die Energonentwicklung ergeben sich negative Auswirkungen durch den Brutpflegetrieb dann, wenn Kinder in Positionen gebracht werden, denen sie funktionell nicht gewachsen sind. Berufskörper und Erwerbsorganisationen können entscheidend an Effizienz einbüßen, wenn unfähige Nachkommen aufgrund elterlichen Willens, verwandtschaftlicher Einflußnahme oder durch Erbgesetzgebung in leitende Positionen gelangen. Bei erblichen Monarchien hat sich dies für ganze Völker und in ihrem Staatsgebiet operierende Energone katastrophal ausgewirkt. Solche Nachteile werden indes von den Vorteilen, die dieser Trieb insgesamt der Energonentfaltung bietet, überreich aufgewogen.
Ohne den triebhaften Wunsch, Kindern und geliebten Verwandten eine noch bessere Zukunft zu vermitteln und sie ökonomisch abzusichern, wären enorme Ausmaße an Anstrengung und Leistung nicht zustande gekommen. Auch hier erweist sich der Intellekt über weite Strecken bloß als der Diener von Begierden. Da diese im Falle des Brutpflegetriebes altruistisch sind, werden sie in subjektiver Einschätzung als lobenswertes Opfer gewertet. Sie sind es jedoch insofern nicht, als sie der bewußten Glückssuche des Menschen ganz ebenso entgegenkommen, wie jene positiven Empfindungen, die etwa der egoistische Nahrungstrieb, der egoistische Sicherheitstrieb oder der egoistische Aggressionstrieb vermitteln.
Dort, wo in Wohlstandsgesellschaften aufgrund der Ausrichtung auf bequemere Formen der Lustbefriedigung die Anzahl der Kinder drastisch zurückgeht, feiert der Brutpflegetrieb in Gestalt von Ersatzobjekten und Ersatzhandlungen eine imposante Auferstehung, indem sich die Zahl der Familienangehörigen um ein Heer von Hunden, Katzen, Ziervögeln und sonstigen Haustieren explosionsartig vergrößert. Darin äußern sich Liebesbedürfnis und Vereinsamung. Es führte dies zu der grotesken Tatsache, daß der Hund - seit Tausenden von Jahren Vasall des Menschen - in pervertierter Umkehr den Menschen in seinen Vasallen verwandelt. Die Ausrichtung auf egozentrische Formen der Lustbefriedigung führte im weiteren auch nicht selten dazu, daß die letztlich unbequeme Funktion der Erziehung vernachlässigt oder, wenn sich die Möglichkeit anbietet, an Dritte
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verlagert wird. Dem Fernsehschirm fällt dabei die bedenkliche Rolle zu, die Kinder in bequemer Weise abzulenken. Daß so einer Manipulierbarkeit sondergleichen Tür und Tor geöffnet wird, kommt als weitere Auswirkung hinzu.
Im Rahmen der Energonentfaltung setzt sich der Brutpflegetrieb in der Gesamttendenz, über artifizielle Funktionsträger - künstliche Organe - den Lebensstrom in Potenz und Volumen zu steigern, unmittelbar fort.
Sechstens: Gemeinschaftstrieb
Unter dieser Bezeichnung fassen wir sämtliche angeborenen und erworbenen Steuerungen zusammen, welche als Akte von Instinkt und Intelligenz dazu führen, daß der Mensch sich einer größeren Gemeinschaft oder Idee verbunden fühlt, ihre Interessen zu den eigenen macht, sich für sie opfert, sogar bereit ist, den Tod zu erleiden.
Bei den Tieren kam es auf verschiedenen Wegen zur Bildung von Gruppen, Rudeln und Verbänden. Der Vorteil erhöhter Sicherheit oder gesteigerter Macht bei der Jagd nach Beute konnte Mutationen im Erbgut, die über angeborenes Verhalten Gemeinschaftsbildung bewirken, Selektionswert verleihen. Aber auch über den Geschlechts- und Brutpflegetrieb kam es in Form der Familienerweiterung zu Horden- oder Verbandsbildung. In jedem Fall liegt dann das Entstehen eines neuen, aus nicht verwachsenen Einheiten gebildeten Energons vor, was die Bindung der Gemeinschaftspartner und ihre Koordination zur Voraussetzung und zum eigentlichen Problem macht. Diese Funktion leistet ein Trieb, der die Bindung an Artgenossen mit Lustgefühlen belohnt, sodann Schlüsselreize, die ihn angeborenermaßen aktivieren, und angeborene Bewegungsfolgen, die über sie ausgelöst werden.
Zu Schlüsselreizen für das Erkennen und Zusammenbleiben von Gemeinschaftspartnern wurden optische, akustische und geruchliche Artmerkmale. Zu Werkzeugen der Verständigung, Kooperation und Befehlsübertragung - also der Koordination - wurden Signale, welche ebenfalls angeborenermaßen verstanden werden. Solche entstanden auch im Rahmen des Paarungs- und Brutpflegeverhaltens, manche von diesen wurden übernommen und in Funktionserweiterung auch zu Funktionsträgern der Verbandsbildung. So entstanden angeborene Not- und Warnrufe, Gebärden des Drohens, des Grüßens, des Bettelns - oder Dispositionen zu ihrer Ausbildung, wobei die spezifische Ausgestaltung durch Prägung in sensi-
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blen Perioden festgelegt wird. Bei Vögeln, Delphinen und Affen finden wir erblich fixierte Reaktionen, dem Rudelgenossen zu helfen. In den höchstentwickelten Verbänden, zu denen die höheren Wirbeltiere, unsere Vorfahren und Verwandten, gelangten - etwa bei Wölfen und manchen Affen - kam es sogar zur Ausbildung einer Rangordnung. Einzelne Individuen gelangen über Auslesevorgänge zu Führungsstellungen und die Rudelgenossen leisten dann instinktgesteuert Folge.
Beim Menschen kam es über die Erweiterung der Familie zur Bildung von Horden und Verbänden. Die Einzelheiten der Organisation sind Leistungen des Intellekts, der jedoch auch bei dieser Tätigkeit nicht frei waltet, sondern erbbedingt beeinflußt wird. Zwischen dem achten und zwölften Lebensjahr, also ungefähr mit Einsetzen der Geschlechtsreife, gelangt das Menschenkind in eine sensible Periode, in der es in angeborenem Drang aus der Enge des Familienverbandes auszubrechen tendiert und in seiner geistigen und emotionellen Ausrichtung nach einer Gemeinschaft höherer Ordnung sucht, mit der es sich identifizieren, der es sich zugehörig fühlen und die es selbst aktiv fördern kann. Richtlinien des Verhaltens gegenüber Mitmenschen - also ethische Normen -, die dem Kind in den nun folgenden zehn Jahren erzieherisch eingeimpft oder über Instrumente der Stimmungsübertragung noch eindringlicher vermittelt werden, beeinflussen die Grundausrichtung wesentlich, ja können seine Wertvorstellung für das ganze Leben in engbegrenzte Kanäle festlegen.
Da die Effekte der Prägung bei Tieren irreversibel sind, während der Mensch prinzipiell durchaus in der Lage ist, solche Fixierungen über Einsicht, Beharrlichkeit und Willen abzuschwächen, zu neutralisieren oder völlig abzubauen und rückgängig zu machen, spricht man beim Menschen nicht von Prägung sondern von prägungsähnlichen Effekten. Die Ergebnisse vergleichender Verhaltensforschung legen jedoch zwingend nahe, daß funktionell der analoge Vorgang vorliegt, der bloß beim intelligenten Menschen Abschwächungen erfährt.
Wie sich allerorts und bei allen Rassen auf das deutlichste zeigt, können Jugendliche, die in dieser sensiblen Periode auf religiöse, doktrinäre oder ideologische Wertvorstellungen ausgerichtet werden, sich im späteren Leben nur schwer über solche hinwegsetzen, weil diese fest in ihnen verankert sind. Ja, sie wollen dies gar nicht - was deutlich zeigt, daß bei ihnen das so Geprägte zum integralen Ausdruck des Ichs und seiner höchstpersönlichen Neigung empfunden wird. Zu allen Zeiten haben sich deshalb Repräsentanten von Religionen, Kulten, Ideologien, Doktrinen und des Staates
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darum bemüht, auf die Jugenderziehung entsprechend einzuwirken, um sich derart der beträchtlichen Vorteile einer gezielten Willensgestaltung zu versichern. Über diesen Vorgang werden - hart formuliert - dem heranwachsenden Menschen äußerst stabile Scheuklappen angelegt, welche ihm in seinem weiteren Leben ein nüchternes Abschätzen andersgerichteter Wertungen erheblich erschweren oder völlig unmöglich machen. Anders ausgerichtete Gruppen und Verbände mit ihren Meinungen und Weltauffassungen geraten so automatisch in den Ruch des Schlechten und Bösen. Ihre Vertreter werden - besonders dann, wenn es sich um konträre Weltanschauungen handelt - zu verabscheuenswerten Teufeln, was ohne jeden Zweifel wesentlich zur Motivation von Kriegen und zum Entstehen von Kampfbereitschaft beitragen kann, immer wieder beigetragen hat und nach wie vor dazu beiträgt. Hier liegt die eigentliche Quelle menschlicher Intoleranz, über deren Zustandekommen und Bewältigung sich Denker und Religionsstifter, aber auch Politiker verzweifelt den Kopf zerbrochen haben, um sie zum Versiegen zu bringen. Daß sich aus dieser Intoleranz dann in weiterer Folge und kausaler Konsequenz auch Schuldkomplexe ergeben, ist weder zu verwundern noch zu bezweifeln.
Schlüsselreize, auf die der menschliche Gemeinschaftstrieb anspricht und die in sekundärer Funktion die Gemeinschaftsbindung verstärken, sind Heldenepen, Hymnen, Symbole, Zeremonien, Denkmäler, Trachten, nationale Spitzenleistungen in Wissenschaft, Kunst und Sport, militärische Machtdemonstrationen, mitreißende Anführer, Würdigungen, Ehrenzeichen und vieles andere.
Wegen der offensichtlichen Vorteile der Verbandsbildung und Verbandsfestigung für alle menschlichen Belange wird der Gemeinschaftstrieb auch durch die Vernunft unterstützt und außerordentlich verstärkt. An sich ist jedoch dieser Trieb im Vergleich zu anderen - zum Nahrungstrieb, zum Sicherheitstrieb und zum Geschlechtstrieb - eher schwach ausgebildet. Wohl zeigen Menschen die Fähigkeit der Freundschaft, spontane Hilfsbereitschaft, und es gibt genug Beispiele für außerordentliche Akte von Nächstenliebe und Aufopferungsbereitschaft, dagegen steht aber die weitverbreitete Klage, daß es Menschen an Gemeinschaftssinn und Hingabe zum Mitmenschen fehlt. Ein wesentlicher Grund dafür ist wohl die Tatsache, daß die menschlichen Verbände zu groß und damit anonym wurden, so daß eine immerhin vorhandene Reaktionsbereitschaft einer zu großen Flut von Schlüsselreizen gegenübersteht. Die weitere von der Verhaltensforschung angebotene Erklärung besagt, daß beim Menschen -
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ähnlich wie bei den Haustieren - die entwicklungsgeschichtlich älteren Triebe, etwa der Nahrungstrieb, der Sicherheitstrieb und der Geschlechtstrieb, hypertrophieren, also übernormal ausgebildet sind, während die entwicklungsgeschichtlich später entstandenen, neben dem Brutpflegetrieb besonders die im Gemeinschaftstrieb zusammengefaßten sozialen Regungen, Abschwächungen erlitten haben.
Bei den Haustieren wird das als eine Folge ihrer Domestikation angesehen, also ihrer künstlichen Abschirmung gegen die natürliche Auslese. Der Mensch schirmte sich ebenfalls künstlich gegen Umwelteinflüsse ab - wir sprechen deshalb von einer Selbstdomestikation des Menschen. Daß jedoch trotzdem angeborene Reaktionen des Gemeinschaftstriebes auch bei uns noch deutlich nachweisbar sind und stark wirken, läßt sich experimentell nachweisen. So bewirkt etwa die Betrachtung von Filmaufnahmen, welche die brutale Mißhandlung eines Kindes zeigen, das Aufwallen von Empörung - und zwar auch dann, wenn die Szene vom selben Betrachter mehrmals hintereinander angeschaut wird. Obwohl der Zuschauer dann weiß, daß er in Wirklichkeit nur eine Filmaufnahme erlebt, und obwohl er diese nun schon mehrmals gesehen hat, kommt es doch - ob er will oder nicht - immer wieder zu dieser Reaktion. Diese Unbelehrbarkeit ist ein Hinweis dafür, daß nicht Vernunft diese Reaktion veranlaßt, sondern unser Verhalten durch erbfixiertes Ansprechen auf einen Schlüsselreiz ausgelöst wird.
Die klassischen Denkschulen erblickten schon früh in der Ethik eine Grundsäule menschlicher Besonderheit gegenüber den Tieren. Nach modernen Forschungsergebnissen ist sie es keineswegs, sondern verbindet uns sogar eng mit unseren rudelbildenden Vorfahren - bei denen diesbezügliche Regungen noch stärker ausgebildet sind. Weit eher erweisen sich Intelligenz und Vernunft als Antriebe für unethisches, rücksichtsloses und egoistisches Verhalten.
Eine der angeborenen Komponenten des Gemeinschaftstriebes führt zu Auswirkungen, die sich für menschliche Interessen negativ, ja katastrophal erweisen. Jede fixierte Identifizierung mit einer Gruppe, mit einem Staat oder mit einer Idee - also jede festzementierte Anhängerschaft - macht nicht nur intolerant, sondern führt auch zu Impulsen, Angehörige anderer Gruppen oder Ausrichtungen zu bekehren, zu schädigen oder zu vernichten - was sich durchwegs mit starken Lustgefühlen verbindet.
Die bei Affen eingehend studierte soziale Verteidigungsreaktion findet beim Menschen in der emotionell genossenen Schädigung oder Vernich-
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tung von Gruppen, die als feindlich empfunden werden, das deutliche Gegenstück. Sämtliche Auswüchse eines übersteigerten Patriotismus, von Nationalismus und Chauvinismus, ideologischem Sektierertum, fanatischer Religiosität, übersteigertem Führungswillen und bedingungsloser Gefolgschaftstreue sind hier einzureihen. Es ist betrübliche Wahrheit, daß die überwiegende Zahl der Menschen den Helden im Kampf emotionell höher einschätzt, er also stärker ihre Bewunderung anspricht als der Vermittler, der Kämpfe verhindert. Da außerdem beim Menschen jedes Triebverhalten durch den inneren Projektionsschirm seiner Vorstellungskraft aktiviert werden kann, wird der Gemeinschaftstrieb zu einem weiteren Instrument für Beeinflussung durch Demagogie und Verhetzung. Die menschliche Geschichte bietet fast zu jeder Epoche und bei fast allen Völkern und Stämmen dafür illustrative Beispiele. Nur allzu oft haben Gruppen und Völker über Handlungen der Grausamkeiten gestaunt, zu denen sie sich selbst hinreißen ließen. Eine Erklärung finden diese Vorgänge in der negativen Konsequenz eines an sich auf Altruismus ausgerichteten Triebverhaltens. Es ist die Kehrseite der Medaille. Wie Arthur Koestler und andere sehr zu Recht hervorhoben, liegt die besondere Tragik beim Menschen darin, daß ausgerechnet die als heiligste und höchste Ideale und Bestrebungen empfundenen Tendenzen mit zu den brutalsten und unmenschlichsten Verhaltensweisen führen.
Aus Sicht der Energonentwicklung hat dagegen der Gemeinschaftstrieb sich als überaus lobenswerter Musterknabe erwiesen. Denn die gesamte Bildung von Energonen aus künstlichen Organen - aus nicht mit dem Zellkörper verwachsenen artifiziellen Funktionsträgern - hatte direkt oder indirekt die Bildung organisierter Gemeinschaften und somit entsprechenden Gemeinschaftsgeist zur Voraussetzung. Artifizielle Funktionsträger ziehen die Notwendigkeit staatlichen Schutzes nach sich. Und Energieerwerb über Tauschakte ist ebenfalls nur im Rahmen geordneter Gemeinschaften möglich. Organisationen und Vereine wurden im Zuge der ersten und zweiten industriellen Revolution zu dynamischen Mechanismen des Vorwärtsstrebens, indem es zur Heroisierung der Arbeit kam. Sogar die für den Menschen negativen Auswirkungen dieses Triebes stellen für den Lebensstrom keineswegs einen Nachteil dar, sondern sind ihm außerordentlich förderlich. Denn solange es Energone gibt, fußt deren Höherentwicklung auf einem untereinander ausgefochtenen Kampf und der damit verbundenen Eliminierung des Schwächeren. Wenn deshalb vom Menschen gebildete Gruppen die Vernichtung von anderen anstreben, ja sogar
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mit vehementen Glücksgefühlen für solche Vernichtung belohnt werden, fällt das keineswegs aus der üblichen Praxis, sondern entspricht jenem rücksichtslosen Willen zur Macht, der die gesamte Evolution kennzeichnet und in dem bereits Nietzsche den tiefsten Wesenszug der Lebensentfaltung sah.
Eibl-Eibesfeldt hob zu Recht hervor, daß der Mensch - trotz des noch hinzutretenden, stark ausgebildeten Aggressionstriebes - alles eher als von Natur aus böse, sondern ein geselliges, universelle Freundschaft und Frieden ersehnendes Wesen ist, dem bloß der schwierige Übergang zur Weltgemeinschaft gelingen muß. Daß dafür eine Verhinderung von Prägungen im sensiblen Jugendalter auf nicht universell gültige Wertungen eine wichtige, ja die überhaupt entscheidende Voraussetzung ist, ergibt sich in klarer Konsequenz. Auch die uns so lieben, weil genußspendenden Ideale kämpferischen Heldentums, bedingungsloser Gefolgschaftstreue und Aufopferung für Gruppenziele müssen aus dieser Sicht als allergefährlichster Feind erkannt werden. Über den nüchternen Verstand und durch ihn bewirkte aufklärende und erzieherische Maßnahmen ist solches jedoch durchaus im Bereich des Möglichen.
Im Rahmen der Energonentfaltung setzt sich der Gemeinschaftstrieb in der Gesamttendenz, über artifizielle Funktionsträger - künstliche Organe - den Lebensstrom in Potenz und Volumen zu steigern, unmittelbar fort.
Siebentens: Aggressionstrieb
Unter dieser Bezeichnung fassen wir sämtliche angeborenen und erworbenen Steuerungen zusammen, welche als Akte von Instinkt und Intelligenz dazu führen, daß der Mensch sich Mitmenschen gegenüber ärgerlich, gegnerisch, bösartig, feindlich, ja sadistisch verhält.
Im Gegensatz zu den übrigen Trieben, die alle deutlich lebenserhaltenden und evolutionsfördernden Charakter haben, scheint der weltweit diskutierte Aggressionstrieb eine Ausnahme zu bilden. Wenn Angriffs- oder Verteidigungsreaktionen sich gegen Artfremde richten, liegt dies im Trend der Evolution - dient den Interessen der pflanzlichen und tierischen Energone. Ein sich wider den Artgenossen wendender Trieb scheint dagegen der Entwicklung entgegenzulaufen und sie zu schädigen.
Daß dem doch nicht so ist, sondern auch dieses Verhalten lebensfördernde Wirkung und somit Selektionswert hat, zeigte Konrad Lorenz. Erstens führen Kämpfe zwischen Artgenossen zu deren gleichmäßiger Ver-
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teilung über den verfügbaren Erwerbsraum - somit wird dessen Nahrungsvolumen optimal ausgeschöpft. Zweitens bewirken kämpferische Auseinandersetzungen zwischen den artgleichen Männchen um paarungsbereite Weibchen, daß die jeweils stärksten, also bestentwickelten sich fortpflanzen - somit kommt im Vorgang der Genverschmelzung effizienteres Erbgut bevorzugt mit anderem in Kombination. Drittens werden bei rudelbildenden Tieren nur über innerartliche Kämpfe die zur Rudelführung Bestgeeigneten ermittelt - somit wird über diesen Vorgang Rudelführung und entsprechender Gehorsam überhaupt erst möglich.
Allerdings ist für diese Evolutionsrichtung Voraussetzung, daß sich in paralleler Entwicklung auch Verhaltenssteuerungen ausbilden, welche sicherstellen, daß die Artgenossen einander in solchen Kämpfen nicht ernsthaft verletzen - geschweige denn umbringen. Wie die Verhaltensforschung aufdeckte, sind solche in der Tat nachweisbar. Die in innerartlichen Kämpfen unterlegenen Tiere nehmen bestimmte Positionen ein - Demutsstellungen und Demutsgesten genannt - woraufhin der Sieger den Besiegten ohne weitere Beschädigung abziehen läßt. Solche angeborene Abwehrstellungen bestehen vielfach darin, daß das unterlegene Tier seine allerverletzbarste Stelle darbietet. Hunde legen sich auf den Rücken und bieten ihre ungeschützte Kehle zum Biß dar. Dieser Anblick wird dann für den Sieger zum machtvollen Schlüsselreiz, der weitere Aggression bei ihm abblockt.
Beim Menschen wurden ähnliche Zusammenhänge zunächst nicht erkannt. Wie die tägliche Erfahrung lehrt, wird Ärger und aggressive Gestimmtheit durch Frustrationen, also Enttäuschungen, Beleidigungen, Störungen, Verletzungen und ähnliche unangenehme Eingriffe in Absichten und Intimsphäre bewirkt. Gibt es keinen unmittelbar Schuldigen, dann zeigt sich, daß Reaktionen sich auch gegen Ersatzobjekte und Ersatzpersonen richten. Man sah deshalb in den aggressiven Tendenzen des Menschen eine höchst natürliche Antwort auf ihn frustrierende Umwelteinflüsse. Aufgrund dieser Sachlage schlossen Nachfolger von Freud, obwohl dieser selbst bereits die Existenz eines autochthonen Aggressionstriebes beim Menschen vermutete, daß über Frustrationen im Lauf der Kindheitsentwicklung zur Aggression neigende Menschen entstehen.
In den Vereinigten Staaten empfahlen darum einige Psychologen den Müttern, ihre Kinder ohne Widerspruch und Strafe, also permissiv und möglichst frustrationsfrei zu erziehen. Diese Anregung wurde in weitesten Kreisen befolgt, führte jedoch keineswegs zu einem überzeugenden
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Resultat. Bei der nach dieser Methode aufgezogenen Generation zeichnet sich durchaus kein Rückgang hinsichtlich Gewaltäußerung und Kriminalität ab - diese haben eher noch zugenommen. Es erhebt sich sogar die schwerwiegende Frage, ob nicht die große Verbreitung von Psychosen in dieser Erziehungsweise mit ihre Erklärung findet. Vieles spricht heute dafür, daß das Kind Frustrationen in Gestalt von Widerspruch und Strafe als wichtigen Entwicklungsanreiz sogar braucht, ja angeborenermaßen danach sucht. Außerdem wird es über diesen Vorgang auf die spätere Einengung in das gesellschaftliche Organisationskonzept von Gesetz und Sitte vorbereitet.
Die Aufdeckung des Aggressionstriebes bei den Tieren eröffnete auch der Beurteilung menschlichen Verhaltens neue Perspektiven. Da er bei unseren unmittelbaren Vorfahren, den Affen, deutlich ausgeprägt ist, erscheint eine Rückbildung beim Menschen unwahrscheinlich - um so mehr, als sie sogar von biologischem Nachteil gewesen wäre. Denn gerade bei der menschlichen Gemeinschaftsbildung wurde es besonders wichtig, daß die jeweils stärksten, intelligentesten, geschicktesten, schlauesten oder listigsten Exemplare in Führungspositionen gelangten - was aber in der Praxis stets nur über innerartliche Auseinandersetzungen geschieht, wie auch immer diese ausgetragen werden mögen. Überdies wurde entdeckt, daß es auch beim Menschen eine Geste gibt, die als Demutsstellung angesehen werden kann, da sie aggressives Verhalten beim Gegner beschwichtigt und weitere Angriffshandlungen deutlich hemmt. Es ist das Niederwerfen oder Niederknien vor dem Sieger, das Neigen des Kopfes, wodurch das besonders verletzbare Hinterhaupt schutzlos dargeboten wird.
Dies alles führte zum Schluß, daß auch beim Menschen ein angeborener Aggressionstrieb vorliegt und ließ bisher unbeachtete oder anders beurteilte Zusammenhänge in ein neues Licht treten.
So wie jeder andere Trieb hat auch der Aggressionstrieb seine eigene, von innen wirkende, also endogene Reizproduktion. Es bedarf somit durchaus keines konkreten Anlasses, um ihn zu wecken. Er kann auch ganz spontan, also ohne äußere Ursache, in Aktion treten. Der Mensch nennt es üble Laune und fühlt sich dann automatisch bemüßigt, nach einem Schuldigen für seinen Ärger zu suchen. Harmlos verläuft der Vorgang, wenn Wetter oder sonstige Umstände zum Sündenbock gemacht werden, weniger harmlos, wenn sich die aggressive Gestimmtheit gegen Nichtschuldige entlädt. Während Affen in aggressivem Zustand auf Rudelgenossen losgehen können, sie beißen und sich so an ihnen abreagieren, ist solches dem
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Menschen im Rahmen der Gesetze und Tabus, die das Zusammenleben in Gemeinschaft regeln, nicht ohne weiteres möglich. Daraus ergeben sich oft gravierende Konflikte und Triebstauungen sowie ein echter Bedarf an Ersatzobjekten, die ein ungestraftes Abreagieren solcher Triebauswirkungen erlauben. Kampfspiele und Wettkämpfe erweisen sich als dafür geeignet - nicht nur für den aktiven Teilnehmer, sondern auch für den passiven Zuschauer. Indem er Partei ergreifend sich mit Kämpfenden identifiziert, vermag er über den Weg seiner Phantasie selbst am Kampf teilzunehmen und über diesen Umweg seinen Triebstau freizusetzen.
Als weitere Ventile, um überschüssige Aggression straflos abzureagieren, bewähren sich Literatur, Theater, Film und Fernsehen. Auch diese Medien verhelfen zur Identifikation mit Personen, die sich dramatisch mit Schicksal und Umwelt auseinandersetzen. Sie verhelfen - als artifizielle Funktionsträger des Aggressionsabbaues - zu einer Abreaktion über den Umweg der Phantasie. Wenn Kriminalromane, Wildwestfilme und Abenteuerberichte sich so großer Beliebtheit erfreuen, dann erklärt sich das aus dem echten Bedarf des zivilisierten Menschen, den solche Produkte befriedigen, und die er auch dann nicht missen will, wenn ihnen für die Jugenderziehung wesentliche Nachteile erkennbar anhaften.
Zum Abbau von Aggressionen, zur Entladung des Aggressionstriebes bieten sich besonders auch Menschen der unmittelbaren Umgebung an - daheim der Ehepartner und die Kinder, im Betrieb die Mitarbeiter, in Organisationen die Befehlsempfänger, im Krieg der Feind.
Wenn es Demagogen so erstaunlich leicht fällt, selbst friedfertige und kultivierte Menschen in Kampfstimmung und Kriegsbegeisterung zu versetzen, dann liegt das daran, daß sie über den Weg der Vorstellungskraft mehrere machtvolle Triebe zur Verfügung haben, um auf der Klaviatur ihre Mechanik zu spielen. Das Aufzeigen eines wirklichen oder vermeintlichen Feindes weckt den Willen zur Abwehr, der Appell an den Gemeinschaftstrieb Aufopferungsbereitschaft. Und dazu kommt noch die Aktivierung des Aggressionstriebes, der die ersehnte Gelegenheit schafft, im Unterbewußtsein angestaute Aggressionslüste freizusetzen. Kampfreden, Kriegslieder, Paraden, Demonstrationen sind hier auslösende Schlüsselreize. Und da die modernen mechanischen Waffen blitzartig und auf große Entfernung wirken, können angeborene Hemmungen über Beschwichtigung nicht aktiviert werden. Die Vernunft wird ausgeschaltet, wird lustvermittelnd hinweggeschwemmt.
Dazu kommt, daß der Mensch im Gegensatz zur bisherigen Ansicht
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durchaus nicht Artgenosse des Mitmenschen ist. Ein Schuhmacher ist leitende Einheit im Energon Schusterbetrieb, der Angestellte in einer Bank ist Funktionsträger dieses Energons. Nach wie vor stehen die Zellkörper in engem Kontakt und sehen einander als wesensgleich an. Tatsächlich sind sie aber ebenso wenig Artgenossen wie etwa die Keimzelle eines Hirsches und jene eines Igels. Durch den Vorgang der Paarung bleibt der Mensch - Keimzelle höherer Ordnung - noch fortpflanzungsmäßig an den Mitmenschen gebunden, doch der Hauptteil der vom Menschen geschaffenen Energonkörper kommt über ganz andere Vorgänge zustande und wirkt auf die steuernde Einheit Mensch entsprechend zurück. Diese Zwitterstellung, verursacht durch noch vorhandene Relikte einer Artverwandtschaft und der tatsächlichen Artverschiedenheit der vom Menschen gebildeten Energone, bewirkt Konflikte, die jedermann belasten. Sie führt zu jener rücksichtslosen Einstellung, die gegenüber andersartigen Energonen generell üblich ist, ganz besonders im Konkurrenzkampf um Energie und Stoffe. Ein Schneider ist alles eher als Artgenosse eines Elektroingenieurs, eine Autofabrik keineswegs Artgenosse eines Lebensmittelkonzerns. Zwischen Berufskörpern und Erwerbsorganisationen derselben Sparte - also von gleicher Art - ist die Auseinandersetzung sogar besonders heftig. Die bei Pflanzen und Tieren gegebene Artbindung fällt hier fort - hier haben sich auch keinerlei den Demutsgebärden ähnliche Hemmungsmechanismen entwickelt. Innerartliche Aggression wird in diesem Energonbereich mit außerartlicher Aggression identisch.
Den Interessen des Lebensstromes kommen auch diese Phänomene durchaus entgegen. Für das menschliche Interesse bedeutet dagegen der Aggressionstrieb eine schwerwiegende Problematik, eine an erster Stelle eingetragene Hypothek. Insbesondere gebündelte Aggression, über Kasernierung erzeugt und aufgeheizt, ist zum Angriff auf jeden - auch auf den Freund von gestern - ohne Hemmung bereit und aus dem Stand heraus fähig. Die Geschichte bietet genügend Beispiele: die Prätorianer, Janitscharen, Sturmtruppen, Leibgarden und Kommandoeinheiten. Dies wird zur sehr ernsten Gefahr. Dazu kommt noch der sich mit religiösem und ideologischem Fanatismus verbindende Glaube, daß die eigene Weltanschauung, die eigene Idee die einzig richtige, allseeligmachende sei und alle Ungläubigen nur nicht den nötigen Bewußtseinsgrad erreicht hätten, um sie zu begreifen. Also sind diese Feinde zu vernichten.
Da erbliche Belastung und nicht Vernunft letzte Entscheidungen auslösen können, hängt heute das Damoklesschwert unkontrollierbarer Mon-
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sterkriege unmittelbar über uns. Gegenüber einem physikalischen Geschehen, in das der Mensch als sein effizientester Erfüllungsgehilfe so eng verstrickt ist, wird die Schaffung entsprechender Sicherungen unabdingbar nötig. Sie müssen wohl darin bestehen, daß die Mechanik dieses bedenklichen Instinktes allgemein begriffen wird, damit die Motive unkontrollierbar aufwallender Gestimmtheit nicht länger auf Objekte der Umwelt, insbesondere auf Mitmenschen und Mitvölker projiziert werden. Der am Fries des Tempels zu Delphi eingemeißelte Mahnruf - Erkenne Dich selbst ! - gewinnt in unseren Tagen dramatische, ja vielleicht letztmalige Aktualität.
Im Rahmen der Energonentfaltung setzt sich der Aggressionstrieb in der Gesamttendenz, über artifizielle Funktionsträger - künstliche Organe - den Lebensstrom in Potenz und Volumen zu steigern, unmittelbar fort.
Achtens: Imponiertrieb
Unter dieser Bezeichnung fassen wir sämtliche angeborenen und erworbenen Steuerungen zusammen, welche als Akte von Instinkt und Intelligenz dazu führen, daß Menschen und die von ihnen gebildeten Energone über Mittel der Beeindruckung und Einschüchterung gesteigerte Wirkung erzielen.
Das Imponieren spielt im Rahmen sämtlicher Haupttriebe eine wesentliche Rolle, ist in ihrem Gefüge ein wichtiger Baustein. Da die funktionelle Ausrichtung dieses Verhaltens überall übereinstimmt und im Bereich der menschlichen Bildung von Energonen und Luxusstrukturen zu universeller Bedeutung gelangt, ist es angemessen, das Imponieren unter die Haupttriebe einzureihen. Von der Energontheorie her ist dies um so mehr berechtigt, als gerade dieser Trieb der zentralen Tendenz des Lebensstromes entspricht, der auf Steigerung von Potenz und Volumen ausgerichtet ist. Dies wird über den Imponiertrieb in besonderer Weise erreicht. Sein funktionelles Ziel ist echte oder vorgetäuschte Steigerung von Potenz und Volumen.
Bei Tieren äußert sich Imponierverhalten in Bewegungen oder sonstigen Signalen, die das Tier größer und mächtiger erscheinen lassen, also Kennzeichen für Größe und Kraft darstellen. Vögel sträuben das Gefieder, die Katze wölbt ihren Buckel, der Gorilla erhebt sich zur vollen Größe und trommelt mit den Fäusten gegen seine Brust. Vielfach wurden sogar körperliche Strukturen eigens zum Imponieren entwickelt - besonders in Ver-
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knüpfung mit dem Geschlechtstrieb. Die überdimensionalen, farbigen, von bizarren Mustern gekennzeichneten Schwanzfedern des Pfaues, mit denen er sein beeindruckendes Rad schlägt, sind ein Paradebeispiel. Der Mensch verfährt ähnlich, wenn er durch erlesene Kleidung seine Wirkung steigert, wenn er im Kampf Mittel der Einschüchterung einsetzt oder im Handel Waren mit Superlativen der Werbung ausstattet. Inhaber von Macht und Würden schüchtern seit eh und je ihre Untertanen und Untergebenen durch Titel, Hofetikette, Zeremonien, Garden, Paraden, Prachtbauten und Prunkentfaltung ein, was dazu beiträgt, Tendenzen der Auflehnung im Keim zu ersticken. Die gleichen Imponiermittel sowie verschwenderische Geschenke und Festgelage erzielen bei fremden Abgesandten, Unterhändlern, Vermittlern und Gästen analoge Resultate.
Im Beruf wird allerorts über Imponieren Erwerbsvorteil angestrebt und oft auch erreicht. Aufkommende Widerstände und Zweifel werden auf diese Weise beseitigt, eigene Kompetenz und Kreditwürdigkeit werden solcherart in die Höhe geschraubt. Imponierverhalten führt jedoch nicht nur zu praktischen Vorteilen, sondern verbindet sich auch mit intensiven Gefühlen von Lust und Triumph. Vater dieses Verhaltens ist keineswegs berechnende Vernunft, die fördernde Ergebnisse anstrebt, vielmehr ist Imponieren eine uns angeborene Waffe, deren sich der Intellekt bloß als Werkzeug bedient. Dies zunächst zur Steigerung des Erfolges, im weiteren jedoch und nicht minder zur Weckung lustspendender Reaktionen.
Diese zusätzlichen Möglichkeiten, die der Imponiertrieb bietet, können vom Menschen durch die künstlichen Organe noch wesentlich gesteigert, kultiviert und intensiviert werden. Der Jüngling, der auf seinem Motorrad dahinbraust, erlebt ebenso Lustgefühle des Imponierens wie das Mädchen auf einem Fest, wenn es in prächtiger Aufmachung zum Mittelpunkt der Aufmerksamkeit wird. Durchaus verwandte Lustgefühle vermitteln das eigene Haus, der Lorbeerkranz in Kampf und Sport, Würden und Ehren in Beruf und Gemeinschaftsdienst, ja praktisch jeder anerkannte Erfolg. Wie der Amerikaner sagt, wirkt am Erfolg nichts mehr - als der Erfolg.
Von einschneidender Bedeutung wurden Imponiertrieb und durch ihn vermittelte Gefühle für die Entfaltung der Künste. Durch seine Werke vermag der Künstler Schlüsselreize besonderer Art zu schaffen oder auszusenden, die nicht nur ihm selbst und anderen ästhetischen Genuß vermitteln, sondern über ihre Wirkung auch Effekte des Imponierens auslösen. Da auch anderen der Besitz solcher Werke zur Möglichkeit verhilft, sich aus dem Kreis der übrigen herauszuheben - also zu imponieren, erhalten
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Kunstwerke neben ihrer ästhetischen Qualität auch noch jene des Imponiermittels par excellence. Damit werden sie zur lukrativen Erwerbsquelle.
In grundsätzlich ähnlicher Weise wird der Imponiertrieb fast jeder menschlichen Tendenz zum antreibenden Bruder, der die Zügel der Entschlußbildung allzugern an sich reißt. Prächtige Besitztümer werden nicht selten deshalb erworben und mühevolle Reisen darum ausgeführt, um Wirkungen des Imponierens auszulösen. Schönheitsköniginnen werden geheiratet, nicht etwa weil sie als Gattinnen besonders geeignet wären, sondern um zu imponieren. Kinder werden in Imponierberufe gezwungen, die ihnen nicht zusagen und für die sie oft nicht geeignet sind. Essen, Sicherheit, Geschlechtsakt, Leistungen jeglicher Art - überall kann sich der antreibende Bruder einmischen. Die eigentliche Ausrichtung der Tätigkeit wird so denaturiert, was manche Luststeigerung einbringt, insgesamt aber wohl eher zu Lusteinbußen führt.
Eine weitere negative Begleiterscheinung des Imponiertriebes ist die nagende, unlustvolle Emotion des Neides, die daraus resultiert, daß andere Menschen stärker imponieren, was die eigene Imponierkraft somit vermindert. Eine Waschmaschine, die ihren Dienst ausgezeichnet erfüllt, verliert wesentlich an Wert, wenn die Nachbarin eine noch eindrucksvollere erhält. Ein Haus, das bis dahin alle zufriedenstellte und an dem sich nicht das geringste verändert, kann zum Anlaß von Unzufriedenheit werden, indem der Freund sich ein noch schöneres einrichtet. Schon ein neuer Anstrich bedeutet Distinktion, indem er alle Blicke auf sich zieht. Verletzter Stolz und verletzte Eitelkeit erwachsen aus der Verminderung eigener Fähigkeit zu imponieren, Eigensinn und Rechthaberei aus dem Bestreben, bei anderen eine Steigerung ihrer Imponierwirkung tunlichst zu verhindern. Je schwächer ein Mensch, ein Stamm oder ein Volk, um so anfälliger sind sie, um so eher kann ein Sturm im Wasserglas zur Tragödie werden. Je höher ein Mensch, ein Unternehmen oder eine Organisation die Sprossen des Erfolges erklimmt, um so größer wird der Anreiz, sie von ihrem Imponierturm herunterzuzerren. Triebhaftes Widersprechen, Kritisieren, Herabsetzen und Verkleinern sind in gleicher Richtung wirksame Mittel. Zu Schadenfreude kommt es, wenn fremde Imponierwirkung zusammenbricht. Was in Beruf oder Familie nicht gelingt, kann durch Imponieren auf der Kegelbahn kompensiert werden. Wen es drückt, armer Schlucker zu sein, der wird im Karneval für drei Tage zum König. Der Renommist imponiert über Phantasiegebilde, der Exhibitionist über krankhaftes sexuelles Verhalten.
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So wie die Zitterbewegung der Moleküle von Wasserteilchen eines Flusses den Gesamtstrom nicht ändert, so beeinflußt das Auf und Ab menschlicher Imponiersucht den Lebensstrom nur wenig, ändert nur gering die Richtung seiner Kanäle. Den menschlichen Alltag berührt der Imponiertrieb wesentlich - die Richtung der Energonentwicklung dagegen kaum. Insgesamt wird sie jedoch erheblich gefördert, da fast jedes Imponieren gesteigerte Mittel voraussetzt, die somit erworben werden müssen. Das heizt die Bildung und Tätigkeit praktisch aller Berufskörper und Erwerbsorganisationen wesentlich an. Neid ist sogar eine besonders wirksame Antriebspeitsche des auf Potenz und Volumen ausgerichteten Lebensstromes.
Der Imponiertrieb wurde zur Existenzbasis ganzer Wirtschaftszweige - Mode, Werbung und Luxus leben in überreichem Maß von ihnen. Über den Menschen überträgt sich der Imponiertrieb sogar auf die Berufskörper und Erwerbsorganisationen selbst. Fast jeder Staatsempfang führt dies vor Augen, fast jedes Büro eines Generaldirektors beweist dies, fast jede Uniform einer höheren Charge, fast jeder Tempel, fast jedes öffentliche Bauwerk. Zwischen dem Schönheitstrieb des Menschen und dem Imponiertrieb besteht eine enge Verwandtschaft, doch läßt sich trotzdem eine klare funktionelle Trennlinie ziehen. Denn während es beim Imponiertrieb um einen generellen Drang nach Wirkung geht - auf welchem Wege auch immer, geht es beim Schönheitstrieb um eine nur enge Reaktionsbereiche ansprechende Mechanik.
Im Rahmen der Energonentfaltung setzt sich der Imponiertrieb in der Gesamttendenz, über artifizielle Funktionsträger - künstliche Organe - den Lebensstrom in Potenz und Volumen zu steigern, unmittelbar fort.
Neuntens: Schönheitstrieb
Unter dieser Bezeichnung fassen wir sämtliche angeborenen und erworbenen Steuerungen zusammen, welche als Akte von Instinkt und Intelligenz dazu führen, daß der Mensch anstrebt, was ihm ästhetischen Genuß verschafft, und meidet, was er als häßlich empfindet.
Die Fähigkeit des Menschen zu ästhetischer Wertung dürfte ähnlich wie beim Imponiertrieb sehr verschiedenen, entwicklungsgeschichtlich getrennten Komponenten entstammen. Heimatgefühl, Schlüsselreize für lebensgünstige Umwelt, Elemente der Tendenz nach Ordnung und Sauberkeit sowie kulturelle Prägungen während sensibler Kindesperioden sind hier sicher von Einfluß.
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Die Hauptwurzel des Schönheitstriebes ist jedoch zweifellos das Paarungsverhalten, bei dem er zu einer zusätzlichen Mechanik im evolutionsfördernden Vorgang der Genvermischung wurde. Schon der Aggressionstrieb bewirkt, daß sich im Kampf um paarungsbereite Weibchen die jeweils stärksten, kampfesfähigsten Männchen durchsetzten - dies ist gegenüber zufälliger Partnerfindung bereits ein wesentlicher Vorteil. Effizienteres Erbgut gelangt so bevorzugt mit anderem in Kombination - dazu kommt noch, daß stärkere Männchen sich auch zum Brutschutz besser eignen. Das ästhetische Unterscheidungsvermögen stellt insofern eine weitere Verbesserung der über Genvermengung Fortschritte fördernden Mechanik dar, als über ihn beide Geschlechtspartner zur Fähigkeit gelangen, bei der Partnerwahl den Harmonischsten, Gesündesten, Lebensfähigsten zu begünstigen. Beim Menschen werden nun die Kriterien, nach denen diese Wertung erfolgt, auch auf den Bereich der artifiziell gebildeten Strukturen übertragen - ein auf den ersten Blick höchst unglaublicher Vorgang, für den die Verhaltensforschung jedoch eine Erklärung liefert und der aus Sicht der Energontheorie als völlig natürliche Entwicklung angesehen werden muß.
Bei domestizierten Tieren, etwa Enten, ist nachgewiesen, daß sie nicht mehr so genau wie ihre wildlebenden Verwandten auf Schlüsselreize ansprechen, also im rezeptorischen Bereich entdifferenziert sind. Das heißt in anderen Worten, daß bei unseren Haustieren Instinkthandlungen durch ein weit größeres Spektrum von Reizen aktiviert werden. Beim Menschen, der sich ähnlich wie seine Haustiere gegen die normale Umwelt abschirmte, dürfte es zu einer ähnlichen Entdifferenzierung gekommen sein, indem unser Schönheitsempfinden nicht nur von den Schlüsselreizen des Geschlechtspartners, sondern auch von ähnlichen Reizen, die von durchaus anderen Objekten ausgehen, angesprochen wird. Daß eine solche Entwicklung tatsächlich stattfand, zeigt etwa die Entdifferenzierung unserer Reaktion auf den angeborenen Schlüsselreiz geschwüriger Haut, die dem Menschen Krankheit beim Mitmenschen anzeigt, ihn vor Kontakten abhält und so lebenserhaltende selektionsfördernde Bedeutung hat. Aussatz bewirkt bei allen Völkern einen alarmartigen Zustand. Auch die Kröte löst aufgrund ihrer ähnlich aussehenden Haut eine analoge Ekelreaktion des Widerwärtigen, Häßlichen in uns aus - obwohl das Tier durchaus gesund ist und uns keine Krankheit vermittelt. Ja, es ist möglich, wenn nicht sogar wahrscheinlich, daß unsere Vorliebe für saubere Flächen und Wände mit dieser angeborenen Hochschätzung gesunder, nicht geschwüriger Haut
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zusammenhängt. Eine analoge Entdifferenzierung bei den übrigen ästhetischen Kriterien kann nun auch erklären, wieso selbst ein Messer, ein Stuhl, ein Haus bei entsprechender Gestaltung uns lustspendende Eindrücke vermitteln können.
Während nach gewohntem Denken ein solcher Übergang als zwar möglich, doch gleichzeitig auch als sehr erstaunlich angesehen werden muß, wird er aus Sicht der Energontheorie zu etwas überaus Natürlichem, das sich folgerichtig aus dem Entwicklungsverlauf erklärt. Beim Menschen trat zu den Eigenschaften des Vielzellers die neue schwerwiegende Funktion der Bildung artifizieller Funktionsträger hinzu, durch die er die Zahl seiner natürlichen Organe vermehrt und so Energone höherer Ordnung und Leistungskraft schafft. Messer, Stuhl und Haus sind aus dieser Sicht etwas vom Menschen durchaus nicht Getrenntes, Gesondertes, also keineswegs beliebige Produkte seines Schaffens. Es sind vielmehr Erweiterungen seines Körpers - ebenfalls Organe. Überträgt er auf diese die zur Erkennung von Körpereignung entwickelten Kriterien, dann ist das somit alles eher als kurios und verwunderlich, sondern geradezu der selbstverständlichste Vorgang der Welt. Die gleichen Schlüsselreize, die Eignung von Beinen, Armen, Augen, Gestalt und sonstiger Ausbildung des Zellkörpers aufzeigen, werden nun auch zur Bewertung der künstlichen Organe maßgebend und erwecken demgemäß ähnliche Empfindungen. Hier wie dort steht das Funktionelle im Vordergrund - demgemäß sprechen auch perfekte Werkzeuge und Maschinen unsere Schönheitsempfindung an. Im weiteren Verlauf überträgt dann der Mensch, durchaus natürlich und folgerichtig, die Kriterien des Schönen, dort wo es hinpaßt, auch auf die von ihm gebildeten Berufskörper, Erwerbsorganisationen und Luxusstrukturen. Ähnlich wie die Auswirkungen des Imponiertriebes das Verhalten des Menschen in fast allen Bereichen durchtränken, so wird über diese Verlagerung auch die Schaffung der vom Menschen gebildeten Funktionsträger und Energone - sofern er es sich leisten kann - bis ins feinste Detail vom Schönheitssinn beeinflußt.
Ein weiteres Phänomen besteht darin, daß sich ästhetische Wertung dabei von der funktionellen oft weit entfernt, ja daß es sogar zu Bildungen kommt, die Effizienzeinbußen bewirken. Auch hierfür gibt es bereits im Tierreich Vorstufen. Bei der nach ästhetischen Wertungen erfolgenden Partnerwahl werden auch dort bestimmte, den Schönheitssinn offensichtlich besonders ansprechende Merkmale bevorzugt, was zur Bildung überdimensionaler Geweihe, überprächtiger, dem Feindschutz keineswegs
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mehr angemessener Gefieder, ja sogar zur Funktionsunfähigkeit von Organen geführt hat. Bei Ebern wirkte sich das dergestalt aus, daß ihre Hauer zu Ringen auswuchsen. Schon Darwin wies auf solche negative Folgeerscheinungen eines an sich evolutionsfördernden Mechanismus hin.
Beim Menschen, durch die Freude am Wechsel von Geschmack und Stilrichtung unterstützt, kam es zu noch groteskeren Abweichungen. In der Kunst wurde sogar das Häßliche, Abstoßende, also Unbehagen und Abscheu Erweckende mit zu einem Werkzeug der Ästhetik, indem über Kontrastwirkung Schönes noch unterstrichen oder das Häßliche, Abstoßende über entsprechende Gestaltung selbst zum Gegenstand ästhetischer Wirkungskraft gemacht wird.
Im Rahmen der Energonentwicklung könnte der Schönheitstrieb in künftigen Jahrhunderten noch an Bedeutung gewinnen. Ja, er könnte zum Zentralpunkt menschlicher Entfaltung überhaupt werden. Denn einer immer weiteren Funktionalisierung, sprich Vitalisierung von Materie setzt die gegebene Größe unseres Planeten eindeutige Grenzen - und nicht minder das dem Menschen angeborene Triebinventar. Ein unbeschränktes Anschwellen des Lebensstromes in Potenz und Volumen ist somit nicht möglich. Gelingt es dem Menschen, das blinde physikalische Geschehen, dessen integraler Teil er ist, zu bremsen - was einschneidende Veränderungen erfordern würde -, dann kann eine weitere Entfaltung im ästhetischen wie auch im ethischen Bereich beliebig erfolgen.
Während ein stetiges Wachsen der Bruttosozialprodukte auf die Dauer nicht stattfinden kann und der Wert immer weiteren Anwachsens materiellen Komforts für den Menschen zweifelhaft wird, gibt es für die Nutznießung des Schönheitssinnes und für die Verfeinerung zwischenmenschlicher Beziehung keine wie immer gearteten Grenzen. Folgt also die Entwicklung diesem Weg, dann würde die Zukunft der Energonevolution durch den menschlichen Schönheitssinn und durch die positiven Aspekte des menschlichen Gemeinschaftstriebes in ihrer Ausrichtung bestimmt. Auch das menschliche Streben nach Ordnung käme dann zu besonderer Bedeutung. Denn Voraussetzung für solche Entwicklung wäre ein entsprechendes Rahmenwerk, das sehr verschiedenen Ordnungen Entfaltungsmöglichkeit gestattet. Selbstverständlich würde eine derartige Entwicklung, die das Anwachsen der Bruttosozialprodukte an ein naturgegebenes Ende bringt, sich mit dem Absinken unseres Lebensstandards heutiger Wertvorstellung automatisch und unvermeidbar verbinden. Der Mensch müßte dies in Gegenleistung für Gewinne in Glücksbereichen, die nicht an
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untragbare Energieausgaben und immensen Materialverschleiß gebunden sind, gutheißen - sogar zur weltanschaulichen Basis und zur Maxime seines Lebens erheben. Nicht etwa Askese sondern egoistische Bescheidung, die am Detail orientiert ist, wird dann Trumpf. Im ästhetischen Bereich kann dann materiell Wertloses zum real Wertvollen werden, und im ethischen Bereich wird dann die Initiative des Gebens identisch mit dem Resultat des Empfangens.
Im Rahmen der Energonentfaltung setzt sich der Schönheitstrieb in der Gesamttendenz, über artifizielle Funktionsträger - künstliche Organe - den Lebensstrom in Potenz und Volumen zu steigern, unmittelbar fort.
Zehntens: Nachahmungstrieb
Unter dieser Bezeichnung fassen wir sämtliche angeborenen und erworbenen Steuerungen zusammen, welche als Akte von Instinkt und Intelligenz dazu führen, daß Menschen aktiv oder passiv Verhaltensweisen anderer übernehmen.
Das Nachahmen von Bewegungen eines anderen Individuums erfordert weit mehr Intelligenz, als bisher angenommen wurde. Nur den höchsten Wirbeltieren - etwa Affen und Delphinen - kommt diese Fähigkeit zu, die sich dann beim Menschen eminent steigerte. Junge Affen zeigen einen deutlich ausgeprägten Nachahmungstrieb, der auch beim menschlichen Kind nicht fehlt. Das Nachmachen von Handlungen Erwachsener - besonders aber jener von Altersgenossen - vermittelt dem Kind deutlich Empfindungen der Lust. Während der Neugiertrieb zu beliebigen Erkundungen und Bewegungsversuchen anspornt, übersetzt das Gehirn beim aktiven Nachmachen wahrgenommene Bewegung von anderen in die für gleiche, eigene Bewegungen geeigneten Steuerungen.
Von noch größerer Bedeutung als dieses aktive Nachahmen, das sich dann beim Erwachsenen zur gezielten Intelligenzleistung der Lernbemühung ausweitet, ist jedoch eine andere angeborene Reaktion, die mit Intelligenz überhaupt nichts zu tun hat, sondern diese vielmehr ausschaltet. Es ist die bei sämtlichen rudelbildenden Tieren nachweisbare Stimmungsübertragung, die menschliche Handlungsweise in Gemeinschaften nicht minder bestimmt. Fremdes Triebverhalten wird in diesem Fall zum machtvollen Schlüsselreiz, der gleichgerichtetes eigenes Triebverhalten aktiviert und so zu analogen Aktionen oder Reaktionen führt. Sieht ein Huhn, daß ein anderes frißt, dann weckt ihm dies ebenfalls Appetit. Ergreift eine Ga-
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zelle die Flucht, dann reißt dies andere, ja meist das ganze Rudel mit. Der Vorgang solcher Übernahme von Verhaltensweisen anderer Individuen beruht somit auf einem durchaus passiven, ungewollten Vorgang, der sich auf die für alle Triebe charakteristische Mechanik stützt. Vor dem Tor zu jedem Trieb befindet sich gleichsam eine Schwelle, die ein Reiz erst überwinden muß, um ihn auszulösen. Wächst die Stimmung zur Ausführung einer Triebhandlung, dann sinkt die Schwelle ab, das Hindernis wird also niederer, und schwächere Reize können die Schwelle passieren. Ist eine Triebhandlung abgelaufen, dann schnellt die Schwelle entsprechend hoch und übernormale Schlüsselreize werden nötig, um das gleichgerichtete Triebverhalten nochmals auszulösen.
Die Wirkung der Stimmungsübertragung besteht nun darin, daß der Schlüsselreiz fremden Verhaltens die eigene Reizschwelle jäh absinken läßt. Die Triebstimmung springt so unmittelbar von einem Individuum auf andere über. Versammeln sich Zugvögel, dann kann genau beobachtet werden, wie die Abflugstimmung sich steigert, sich von einem Tier auf das andere überträgt. Ebenso deutlich zeigen rivalisierende Affenrudel, wie ansteckend aggressive Gestimmtheit wirkt. Wenn menschliches Gähnen auch beim Anderen gesteigerte Müdigkeit auslöst, ein Lachen eine ganze Gruppe anstecken kann oder Hysterie auf eine ganze Versammlung übergreift, dann sind das weitere Beispiele für diesen Vorgang.
Noch heftiger zeigen Menschen diese Reaktion bei ausbrechender Panik oder Kriegsbegeisterung, bei Revolten, Plünderungen und Zerstörungen. Das vernünftige Denken erlischt dann jäh und angeborene Triebreaktionen übernehmen das Wollen, bemächtigen sich der Leitung des Körpers. Sich in diesem Zustand dem Vorbild anderer zu widersetzen, erweist sich als schwierig. Es verbindet sich mit den für Konfliktverhalten typischen Emotionen von Unlust, ja Verzweiflung.
Weniger vehement, doch nicht weniger wirksam beeinflußt ebensolche Stimmungsübertragung den Menschen bei erlesenem Kunstgenuß und bei verschiedensten Handlungen im Alltag. Überquert ein Fußgänger bei Rotlicht die Kreuzung, dann reißt das nicht selten andere Wartende mit - senkt ihre Reizschwelle, löst ihren Entschluß aus. Blickt jemand neugierig zu einem bestimmten Punkt, dann verleitet dies andere, die es bemerken, ebenfalls dorthin zu sehen. Am Verkaufsstand lassen sich Kaufentschlüsse blitzartig auslösen, indem ein Käufer entschlossen den Anfang macht. Auch das Liebeswerben beim Menschen, ja selbst die Betrachtung erotischer Bilder oder das Lesen eines erotischen Buches können sexuelle Ge-
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stimmtheit ruckartig aktivieren. Ebenso können großmütige hilfsbereite Handlungen bei anderen Menschen den Impuls wecken, gleiches zu tun.
Intensive stimmungsübertragende Wirkungen haben Geräusche und Gerüche. Einrichtungen, die der Stimmungsübertragung dienen, sind Musik und Tanz. Wenn der Mensch so gern frohe Gesellschaft aufsucht - Feste, Bälle, den Karneval oder das Stammlokal -, dann liegt das daran, daß sich ihm sofort frohe Stimmung überträgt. Die Sorgen des Alltags werden vergessen - werden durch die positiven Gefühle, die der Gemeinschaftstrieb, frohe Gestimmtheit und Gelassenheit vermitteln, verdrängt. Alkohol und sonstige Rauschgetränke kommen noch als weitere Hilfsmittel hinzu, um zwischenmenschliche Barrieren abzubauen, sich über die bewußten und unbewußten Blockaden innerer Konflikte hinwegzusetzen und der Stimmungsübertragung freien Lauf zu gestatten.
Wesentlich langsamer, aber trotzdem über den gleichen Mechanismus wirken Sitte, Gepflogenheit, Mode und Geschmack. Die zahlreichen gleichgerichteten Eindrücke und Erlebnisse summieren sich, stellen eine immer wiederkehrende gleichgerichtete Stimmungsübertragung dar. Der Körper stellt sich darauf ein. Wie die Forschung zeigte, können Triebe durch Erziehung zwar keineswegs beseitigt werden, doch sind über gleichmäßigen Einfluß Abschwächungen oder Steigerungen einzelner Triebkräfte durchaus möglich. Da die Unterschiede im Triebinventar enorm sind, ist der Mensch im angeborenen Verhalten alles eher als gleich. Beim einen ist dieses, beim anderen jenes stärker entwickelt. Da es so verschiedene, vielfach miteinander kollidierende, sich gegenseitig verstärkende oder lähmende Triebe gibt, und darüber hinaus jeder einzelne durch sehr unterschiedliche Reize angesprochen wird, kommen überaus verschiedene Kombinationen zustande. Eine bunte Vielheit von Triebkombinationen kennzeichnet den Menschen und sein Stimmungsgefüge. Dieses breite Spektrum stellt die eigentliche Problematik zwischen Freunden und Ehepartnern dar. Ist der Einfluß langanhaltend und gleichgerichtet, dann können Verschiebungen im Stimmungsgefüge eintreten. Einerseits aufgrund eigener Erkenntnis und dem daraus folgenden Bemühen zur Änderung, andererseits über kontinuierliche Stimmungsübertragung, welche die Reizschwellen verändert. Wenn der Mensch vielfach als Herdentier bezeichnet wird, dann ist dafür weniger der Gemeinschaftstrieb zuständig, sondern die Macht der stimmungsübertragenden Wirkung - die stärkste Komponente im Nachahmungstrieb. Sie beeinflußt den Menschen durch die ihn umgebende Gesellschaft, sie infiziert ihn in unerfaßbarem Aus-
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maß, zumal die künstlichen Organe der Nachrichtenübermittlung die Stimmung von Straße und Stadion direkt in sein Wohnzimmer tragen.
Ob der Nachahmungstrieb für das Interesse des einzelnen von Nachteil oder Vorteil ist, bleibt völlig offen. Einerseits verdankt der Mensch alles, was er ist und vermag, der menschlichen Gesellschaft, der Tätigkeit und Tüchtigkeit unzähliger Mitmenschen, die er nie zu Gesicht bekommt und die in allen Epochen der Vergangenheit mit ihren Leistungen wirkten. Auch die Sprache, wertvollstes Werkzeug des Menschen, verdanken wir ihr und somit auch die zu unserem klaren Denken nötigen verbalen Begriff e. Es fehlt auch nicht an Beispielen dafür, wie Gemeinschaften und Gruppen den Einsamen, Außenstehenden, Labilen oder von Psychosen heimgesuchten Mitmenschen in die Wärme und Geborgenheit ihres Kreises miteinbezogen und ihm so in Güte zu einem neuen Anfang verhalfen. Andererseits überträgt diese ungeheuere anonyme Vielheit dem einzelnen in ständigem, kaum abzuwehrenden Einfluß ihren Willen und wird damit zum schwerwiegenden Hemmschuh, das eigene Wesen zu entfalten, ja dieses überhaupt zu entdecken.
Außenseitern steht diese allgegenwärtige Macht grundsätzlich ablehnend und mißtrauisch gegenüber. Wer nicht tut, was sich gerade schickt, wird schief angesehen, wird kritisiert, verspottet, ignoriert und bekommt Sanktionen zu verspüren. Viele Willensakte unterbleiben deshalb, viele Vorhaben werden im Keim erstickt, weil der große anonyme Gegner oder eine kleine Gruppe es so will, Angst einflößt und mangelnden Respekt vor der vermeintlichen Ordnung nicht duldet. Ist das Verhalten nicht nur ungewohnt, sondern abartig, dann kommt es zu einem noch stärkeren angeborenen Impuls. Im Reich der Tiere ist eine angeborene Ausstoßreaktion bei verschiedenen Arten nachgewiesen, die darin besteht, abnorme oder mißgebildete Artgenossen zu töten. In der menschlichen Gesellschaft kam es in allen Epochen zu ähnlichen Vorgängen, die sich nicht nur gegen Aussätzige und Mißgestaltete richteten, sondern auch gegen Vertreter anderer Richtungen, die sich geheiligten Gemeinschaftsüberzeugungen widersetzten. Also gegen Helden, Abtrünnige, Ketzer, Defaitisten, Anarchisten. Die jeweiligen Normen der Gesellschaft und die Gesetzgebung bestimmen dann darüber, inwiefern solche Instinktäußerungen als lobenswert, entschuldbar, strafhaft, verbrecherisch oder böse gewertet werden. Tragisch wird dies, wenn Außenseiter das Fanal echten Fortschrittes verkörpern und mit Leib und Seele für ihre Sache einstehen. Viele werden nicht nur verlacht und ausgestoßen sondern gar geächtet und getötet.
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Für die Entwicklung der Energone haben sich sowohl die aktive Form des Nachahmens als auch die passive, über Stimmungsübertragung erfolgende positiv und negativ ausgewirkt. Jeder Erfolg anderer wird zum potentiellen Schlüsselreiz für Impulse eigener Ausrichtung und Anstrengung - in diesem Sinne sind jeder Berufskörper und jede Erwerbsorganisation selbst Motiv ihrer Nachahmung. Die Folge ist, daß in der dritten Entwicklungsphase die Vermehrungsfunktion die Energone kaum noch belastet und das Budget des Lebensstromes wesentlich entlastet ist. Was sich in der Bilanz jeder Pflanze und jedes Tieres als notwendiger Ausgabeposten für die Funktion der Fortpflanzung niederschlägt, vollzieht sich bei den Berufskörpern und Erwerbsorganisationen geradezu von selbst, indem erfolgreiche Typen ganz automatisch nachgeahmt - kopiert - und so vermehrt werden.
Sodann spielt Stimmungsübertragung in jedem Unternehmen, in jeder Organisation, in jeder Gemeinschaft eine ungemein positive Rolle, wenn über beeindruckendes Vorbild der Mitmensch zu verstärktem Einsatz und gesteigerter Arbeitsfreude veranlagt wird. Umgekehrt wirkt sich diese Kraft auch sehr schädigend aus, indem gegen Energoninteressen gerichtete Aktivität den Mitmenschen destruktiv beeinflußt, seinen Leistungswillen herabsetzt, seine positiven Impulse unterbindet. Das historische Phänomen, daß sich nicht nur Fortschritt sondern auch Mißstände und Fehleinschätzungen beharrlich fortpflanzen, hat im Nachahmungstrieb seine Wurzel. Wie Bernhard Shaw sarkastisch formulierte, lernt der Mensch aus Erfahrung, daß er aus Erfahrung nichts lernt. Auf der politischen Weltbühne führt das zu dem eher tragischen Phänomen, daß Völker, deren politische, ökonomische und soziale Systeme sich erst in Entfaltung befinden, nicht nur Errungenschaften sondern auch Mißstände eifrig übernehmen.
Im Rahmen der Energonentfaltung setzt sich der Nachahmungstrieb in der Gesamttendenz, über artifizielle Funktionsträger - künstliche Organe - den Lebensstrom in Potenz und Volumen zu steigern, unmittelbar fort.
Elftens: Ordnungstrieb
Unter dieser Bezeichnung fassen wir sämtliche angeborenen und erworbenen Steuerungen zusammen, welche als Akte von Instinkt und Intelligenz dazu führen, daß der Mensch seine künstlichen Organe funktionsfähig erhält, sein Zusammenleben organisiert sowie für Denken, Handeln
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und Gestalten vereinfachende und effizienzsteigernde Richtlinien schafft.
Künstliche Organe können dem Menschen nur dann dienen, können nur dann für Energone wirken, wenn sie bei Benötigung ihrer Funktion verfügbar sind. Daraus ergibt sich die allen artifiziellen Funktionsträgern anhaftende Hypothek, daß sie in Ordnung gehalten werden müssen. Das bedeutet, daß jeweils bekannt zu sein hat, wo sie sich gerade befinden. Je mehr die Zahl solcher zusätzlicher Organe anwächst, um so gravierender wird diese Problematik. Besonders deutlich wird dies in unseren Tagen industrieller Massenproduktion, wo die Ersatzteilhaltung auf ständigen Abruf eine oft größere Problematik schafft als der Produktionsvorgang selbst. Die einzige Lösung bestand von Anbeginn darin, den Sachen bei Nichtgebrauch bestimmte Plätze zuzuweisen - sie also in Ordnung zu halten.
Künstliche Organe der Ordnungserleichterung - Behälter, Bezeichnungen, Inventare, Buchhaltung und für Ordnung zuständige Diener und Mitarbeiter - treten als weitere Hilfsmittel hinzu. Zu einer explosionsartig gesteigerten Dimension gelangte das Erfassen und Ordnen über Rechenmaschinen durch den Computer. Am Terminal des Flughafens genügt der Druck auf den Knopf des elektronischen Buchungssystems, um in das Chaos der in aller Welt gleichzeitig buchenden und abbestellenden Passagiere Ordnung zu bringen.
Da eine Bildung von künstlichen Organen in größerem Umfange erst vor knapp zehntausend Jahren einsetzte, ist es eher zweifelhaft, daß über Mutationen und Differenzierung von Gehirnzellen erbliche Steuerungen entstanden, die das In-Ordnung-Halten triebhaft begünstigen. In der Tat lehrt die Erfahrung, daß der Mensch dies erst lernen, dazu erst angehalten werden muß. Wenn trotzdem auch beim Menschen ein angeborener Ordnungstrieb nachweisbar ist, dann muß er somit einer anderen, entwicklungsgeschichtlich älteren Wurzel entstammen. Als solche bietet sich in erster Linie die bereits höheren Tieren eigene und beim Menschen durch die Sprache noch wesentlich verstärkte Begriffsbildung an. Das bei höher entwickelten Tieren ausgebildete Vermögen zu lernen, sich also individuell mit der Umwelt auseinanderzusetzen, hat zur Voraussetzung, daß die gewonnenen Eindrücke und Erfahrungen im Gedächtnis geordnet werden und bei Bedarf wieder abrufbar sind. Dies erfolgt so, daß das Gehirn ähnlich erscheinende Eindrücke in Komplexe - die Begriffe - zusammenfaßt. Es bildet gleichsam Schubladen, in die jeweils Ähnliches eingeordnet wird. Der Mensch haftet diesen Schubladen dann noch wie Etiketten Sprachsymbole an.
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Daß ein Trieb diesen an sich unbewußten Vorgang antreibt, darf vorausgesetzt werden - sonst würde er nicht stattfinden. Dafür spricht auch, daß erfolgreiche Erinnerungs- und Denkleistungen Gefühle der Zufriedenheit und Freude vermitteln, während nichtzielführendes Denken, Erinnerungsversagen und fehlerhafte Schlußfolgerungen Unlust, Frustrierung und Unsicherheit auslösen. Je übersichtlicher eine Situation ist, desto leichter fällt ihre Beurteilung. Daraus dürfte sich erklären, daß uns Regelmäßigkeit übersichtlicher Reihung und Symmetrie positiv ansprechen, während Unübersichtliches, Unerwartetes und Unkoordiniertes uns Unbehagen verschaffen. Wenn Harmonie der Bewegungen, wie bei Tanz, Zeremonien oder sportlichen Vorführungen, wenn Gleichschritt bei der Parade, saubere Formation bei Flottengeschwadern und Flugzeugstaffeln uns gefallen, imponieren und Befriedigung vermitteln - ebenso wie regelmäßige Fensteranordnung bei Gebäuden, gerade Linien und symmetrische Muster unser Auge erfreuen -, dann ist das ein Hinweis für angeborene Komponenten im Rahmen eines menschlichen Dranges nach Ordnung.
Auch unserem Sicherheitstrieb wird durch Ordnung entsprochen. Denn Funktionsbereitschaft erhöht Abwehrbereitschaft - und damit Sicherheit. Wenn Sitten, Bräuche, Normen und Gesetze positiv empfunden werden, dann spricht das ebenfalls für einen angeborenen Ordnungstrieb, auf dem dann Vernunft, Erfahrung und Erziehung weiter aufbauen und ihn über Gewohnheitsbildung verstärken. Wird Ordnung gestört, dann weckt dies den Aggressionstrieb - was zu ebenso plötzlichen wie heftigen Reaktionen führt. Bricht etwa eine Ehe zusammen, dann bricht die Gesamtordnung zusammen, die sich ein Mensch für sein Leben gesetzt hat, und verzweifelter Widerstand oder die Resignation der Flucht sind die Reaktion.
Hypertrophiert der Ordnungstrieb, dann wird Ordnung zum Selbstzweck und zur stärksten Quelle von Lust. Dies zeigen der Pedant, der Bürokrat. Besonders zeigen es die schon pathologischen Verkrustungen der großen anonymen Verwaltungsgebilde, gegen die der Alltagsmensch wie gegen eine Wand anrennt. Läßt Prägung auf eine bestimmte Ordnungsform diese zum alles verdrängenden Leitbild werden, dann können über den Ordnungstrieb Reiche und Wirtschaftsgebilde zerbrechen. Ja, die gesamte Lebensentwicklung kann über diesen Vorgang eines Tages zugrunde gehen.
Harmloser ist die Tendenz zur Sauberkeit, die mit unter den Ordnungstrieb fällt. Funktionsträger müssen nicht nur verfügbar sein, sondern auch entsprechend gepflegt werden, um einsatzbereit zu bleiben. Bei den mei-
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sten höheren Tieren, besonders jenen des Landes, finden wir angeborene Verhaltensweisen, den Körper sauber zu halten, von Parasiten zu befreien und Wunden, wenn sie es vermögen, zu pflegen. All dies wird bei geselligen Arten auch auf Junge und Rudelgenossen ausgedehnt.
Beobachtet man beim Menschen, mit welchem Eifer Mütter nicht nur ihre Kinder putzen, sondern den Sauberkeitsdrang auch auf Kleider, Küche, Bad, sonstige Wohnungseinrichtung, Haus und Garten ausdehnen, dann liegt der Schluß nahe, daß auch hier eine angeborene Tendenz vorliegt, bei der - ähnlich wie beim Schönheitstrieb - eine Entdifferenzierung stattfand. Nicht nur der putzbedürftige Zellkörper sondern auch artifizielle Funktionsträger lösen sichtlich diese Reaktion aus. Zweifellos spielen hier auch Erziehung, Klima, Umwelt und allem voran die soziale Situation eine wesentliche Rolle. Berücksichtigt man jedoch, welche außerordentliche Bedeutung in der zivilisierten Welt der Reinlichkeit und Waschmitteln beigemessen wird, dann darf als wahrscheinlich angesehen werden, daß nicht nur vernunftbedingte Hygiene hier der motivierende Faktor ist.
Auch das Imponierverhalten spricht dafür, indem mangelnde Sauberkeit als Primitiveigenschaft verurteilt wird - während ein sauberes Heim und ein sauberer Betrieb Anerkennung finden. Auch dieser Trieb schenkt Gefühle der Genugtuung, kann aber auch hypertrophieren, indem er in eine Putzwut ausartet, die alles übrige in den Hintergrund drängt. Sogar in der Beurteilung der Stämme und Völker untereinander spielt die Grundeinstellung zu Ordnung und Sauberkeit eine nicht unwesentliche Rolle.
Zur Sauberkeit gesellt sich noch Disziplin als weiteres Kompetenzfeld des Ordnungstriebes. Hier geht es um die Sauberkeit von planmäßigen Abläufen, um Absicherung gegen deren Verschmutzung durch unachtsames Verhalten. In Berufskörpern und Erwerbsorganisationen erweist sich Disziplin nicht minder wichtig als in der Familie, wobei es neben äußerer Disziplinierung durch entsprechende Befehle und Maßnahmen nicht minder auf die Schaffung von innerer Disziplin ankommt. Denn sie ist es, welche eine emotionsfreie Auswahl von Alternativen ermöglicht und deshalb zu rascheren und richtigeren Entscheidungen führt.
Zentralistische Überspitzung von Ordnungskontrolle wird zur Katze, die sich selbst in den Schwanz beißt, indem sie Eigeninitiative und Kreativität abwürgt. Deshalb kann in Gebieten, wo die Gleichheit des Menschen als das Ziel schlechthin aufs Spruchband gemalt wird, Disziplinierung zum tragischen Ballast, zum Krebsgeschwür für eine ansonsten leistungsfähige Gemeinschaft werden.
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Auch in den vielfältigen Bereichen der Architektur, ganz besonders im Städtebau, wirkt sich überspitzte Disziplinierung negativ, sogar katastrophal aus. Schon die zur Gewohnheit und Sitte gewordene regelmäßige Anordnung von Fenstern zeigt auf, wie Konzepte der Ordnung und Ästhetik sich gegen sich selbst wenden können. Vom Rauminneren her gesehen, liegen Fenster und Türen nur allzuoft am funktionell ungeeigneten Platz, wodurch Wohnlichkeit und Lebensqualität erheblich in Mitleidenschaft gezogen und beeinträchtigt werden. In analoger Weise können sich Städteplaner am Reißbrett von Konzepten der Ordnung und Ästhetik faszinieren lassen, die dann das Alltagsleben in Kanäle zwingt - also diszipliniert -, welche den Eigenarten des Menschen keineswegs Rechnung tragen und die Entfaltung von Wohlbefinden brutal unterbinden.
Mit dem Neugiertrieb steht der Ordnungstrieb, ebenso wie der Sicherheitstrieb, in einem zwiespältigen Verhältnis. Nimmt im Parlament der Instinkte der Neugiertrieb die Zügel des Verhaltens in die Hand, dann stachelt er den Menschen dazu an, bestehende Ordnungen zu mißachten, aus ihnen auszubrechen und nach neuen Möglichkeiten des Verhaltens und der Energonbildung zu suchen. Solche Tendenzen des Widerspruchs und des Trotzes kennzeichnen vornehmlich die Jugend und treten ebenfalls beim Erwachsenen allerorts und in allen Bereichen an den Tag. Was jedoch über den Neugiertrieb gesucht und angestrebt wird - sind wiederum Ordnungen. Nur andere Ordnungen. So tastet sich die Menschheit, vom Neugiertrieb in die eine und vom Ordnungs- und Sicherheitstrieb in die andere Richtung gewiesen - gleichsam in Schüben -, von einer Ordnung zur nächsten fort. Je schneller das Rad der Erfindungen und der Gestaltung künstlicher Organe sich dreht, desto schneller folgt das Niederbrechen von Ordnungen aufeinander. Vollzieht sich der Vorgang über Gewalt in Gestalt von Rebellion oder Revolution, dann ist es fast immer Ziel, sich fremder künstlicher Organe ungefesselt bedienen zu können - sie also nicht im Verfügungsbereich jener zu belassen, die die bestehende Ordnung darstellen und aufrechterhalten wollen.
Ein gravierender Konflikt zwischen Ordnungstrieb und Intelligenz prägt auch von Anbeginn die Entwicklung der geistigen Ausrichtung beim Menschen. Von jenem Augenblick an, da der Mensch zum Ichbewußtsein gelangte, konnte er auf dem inneren Projektionsschirm seiner Vorstellungskraft nicht nur Ursachen und Wirkungen verknüpfen sondern auch sich selbst - Subjekt - als Objekt darauf sehen. Das aber mußte seine aufglimmende Intelligenz sehr bald auf die Frage stoßen lassen, welches denn nun
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die Ursache seiner eigenen Existenz sei, seiner Herkunft, seines Todes, von Gut und Böse, der Naturerscheinungen, der gesellschaftlichen Ungleichheit, ja des gesamten Seins. Unsicherheit schafft Furcht - und damit Unlust. Das Begriffe formende und ständig nach Zusammenhängen suchende Gehirn stieß hier gegen eine Wand, die automatisch den Ordnungstrieb in Form eines Bedürfnisses nach Erkenntnis und Einsicht beharrlich aktivierte.
Welche Erklärung auch immer sich hier anbot - und der menschlichen Phantasie fiel es nicht schwer, Vorstellungen zu bilden -, befriedigte somit ein echtes Bedürfnis, das die Unsicherheit schaffende, quälende Angst abbaute. Geradezu jede Glaubensvorstellung war in diesem Fall besser als keine, und hatte sich eine solche erst einmal etabliert, wurde sie von einer Generation an die nächste weitergegeben. Dann festigte sie sich, wurde zur Pauschalantwort für alle nicht beantworteten Fragen, zum Kristallisationspunkt für Wertungen und Sitten und erwies sich als ungemein beharrlich. Dies um so mehr, als sie für Priester, Kasten, die den Glauben lehrten und die Reinheit der Lehre mit ihren Geboten überwachten, eine bedeutende Machtquelle und Existenzbasis schufen. Diese Glaubensvorstellungen waren Spiegelbild der Sehnsucht, den Allgewalten der Natur und der Willkür von Mitmenschen nicht schutzlos ausgeliefert zu sein. Dämonen und Göttern wurden zur Antwort auf alle Fragen; ihre Macht war unbeschränkt. Sie gegen sich zu haben, bedeutete Verhängnis, sie zum Bundesgenossen zu gewinnen, wird Ziel und Gegenstand kultischer Handlungen. Bis heute sind solche Glaubensvorstellungen - die sich mit fortschreitender Entwicklung entsprechend verfeinerten und läuterten - unwiderlegbar geblieben.
Die Ergebnisse der Naturforschung, das Wissen um die verschlungenen, umständlichen Wege der Evolution lassen es zwar äußerst unwahrscheinlich erscheinen, daß überirdische Macht richtend darauf Einfluß nahm, ja sich überhaupt für die Vorgänge auf unserem Erdball interessiert. Zu widerlegen sind jedoch Religionen nicht - auch nicht mit dem gesamten Rüstzeug der modernen Forschung. Sie erweisen sich somit als Epiphänomen - also natürliche Folgeerscheinung des Ichbewußtseins und der Fähigkeit zur Verknüpfung von Ursachen und Wirkungen. Bis zum heutigen Tag zeigt sich beim Menschen ein überall und immer wieder hervorbrechender metaphysischer Drang. Religiöse oder ideologische Glaubensvorstellungen werden durch Aufgehen in ihnen zu einer Quelle außerordentlicher Kraft, indem sie Geschlossenheit der inneren Ausrichtung schaffen
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und zum Impuls für höchsten Einsatz werden. Für die letzte, mächtigste Ursache des Seins - bis auf den heutigen Tag rätselhaft wie eh und je - die äußersten Kräfte einzusetzen, wurde zum Ansporn für Vollkommenheit und die beeindruckendsten Leistungen auf der Suche nach Schönheit - führten allerdings auch zu allen mit Identifizierung verbundenen negativen Begleiterscheinungen, zu den aus menschlicher Sicht abscheulichsten Auswüchsen und Untaten.
Für die Energonentfaltung waren die verschiedenen Komponenten des menschlichen Ordnungstriebes von überragender Bedeutung. Besonders trifft dies auf jene zu, welche die Begriffsbildung antreibt und damit zur Voraussetzung für Sprache, logisches Schließen und analytisches Denken wurde. Nachteilhaft wirkten sich die Lehren aus, die Askese und Abkehr von irdischen Freuden und Anstrengungen zur Folge hatten. Die Keimzelle Mensch gelangt so dahin, gegen die treibenden inneren Kräfte anzukämpfen und sie möglichst abzutöten. Ein fatalistisches Fügen in die Gegebenheiten und die Ausrichtung auf eine Welt nach dem Tode bedeutet für die Evolution der Energone eine gleichsam im Zentrum ihrer Entfaltung auftretende Krankheit - ein Paralyse des sonst so eifrigen, tüchtigen und effizienten Erfüllungsgehilfen des Lebensstromes.
Im Rahmen der Energonentfaltung setzt sich der Ordnungstrieb in der Gesamttendenz, über artifizielle Funktionsträger - künstliche Organe - den Lebensstrom in Potenz und Volumen zu steigern, unmittelbar fort.
Zwölftens: Besitztrieb
Unter dieser Bezeichnung fassen wir sämtliche angeborenen und erworbenen Steuerungen zusammen, welche als Akte von Instinkt und Intelligenz dazu führen, daß der Mensch sich künstliche Organe schafft, mit ihrer Hilfe Energone und Luxusstrukturen bildet und diese verteidigt.
Der Vielzeller Mensch wurde aufgrund gesteigerter geistiger Fähigkeiten zum Hersteller artifizieller Funktionsträger und zum aufbauenden Zentrum von Berufskörpern und Erwerbsorganisationen. Nach der Evolution der Zelle und der Vielzeller wurde er zum Schöpfer aller Energone in der dritten Evolutionsphase. Somit liegt es nahe, das menschliche Gehirn für alle diese Leistungen verantwortlich zu machen und eine Mitwirkung des Genetischen Codes, in Gestalt angeborenen Verhaltens dabei auszuschließen.
Andererseits lehrt jedoch die Erfahrung, wie sehr intensive Gefühle der
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Freude und Befriedigung sich mit der erfolgreichen Schaffung und Verwendung von Werkzeugen verbinden, ebenso gesteigertes Ichbewußtsein, Stolz und Zufriedenheit - und welchen Mißmut es auslöst, wenn eine solche Tätigkeit mißlingt. Betrachtet man als Verhaltensforscher, wieviele Menschen in ihren Berufen aufgehen, welche Lust ihnen zielführende Gestaltung vermittelt, wie sehr sich Unternehmer, Manager und Funktionäre, aber auch die Mehrheit der Mitarbeiter mit den Berufskörpern und Erwerbsorganisationen identifizieren, ja manche ihnen freiwillig Freizeit und Gesundheit opfern, dann legt das die Vermutung nahe, daß auch in diesem Bereich nicht nur nüchterne sachliche Überlegung, also Verstand im Spiel ist.
Besonders aufschlußreich ist das damit in engem Zusammenhang stehende Besitzstreben, welches oft weit über die nötigen Bedürfnisse hinausgeht und Berufskörper, Erwerbsorganisationen, Grundbesitz und Luxusstrukturen zum ausgeprägten Ziel der Lebensausrichtung macht. Neben allen übrigen Trieben ist der Mensch durch ein heftig wirksames Streben nach Besitz ausgezeichnet. Daß auch hier ein Trieb vorliegt, bei dem angeborene Komponenten wesentlich beteiligt sind, erweist sich als höchst wahrscheinlich - um so mehr als zwei Quellen deutlich nachweisbar sind.
Die erste von ihnen ist der Neugiertrieb, dessen Weiterentfaltung über eine angeborene Lerndisposition den Impuls zur Bildung von artifiziellen Funktionsträgern unmittelbar erklärt. Die Tätigkeit des Lernens, welche diesen Trieb so machtvoll anspornt, besteht ja darin, in aktiver Auseinandersetzung mit der Umwelt zielführende Steuerungsstrukturen im Gehirn aufzubauen. Nun beruht aber auch die Verwendung eines Umweltobjektes als Werkzeug - etwa eines Steines als Wurfgeschoß oder eines Stockes als Grabwerkzeug - letztlich auf nichts anderem als auf einer Bewegungssteuerung, die über Lernvorgänge zustande kommt. Ebenso erfordert die Herstellung eines Werkzeuges - etwa einer Hacke oder eines Rades - auch wieder nichts anderes als eine besondere Bewegungskoordination, die Erlernen und Üben, also das Zusammenschalten der Tätigkeit von Ganglienzellen und das Einschleifen dieser Steuerungskoordination voraussetzt.
Beim Menschen gelangte nun das Gehirn zur Fähigkeit, Ursachen und Wirkungen. zu überblicken, auch wenn diese räumlich und zeitlich getrennt sind - damit war die Voraussetzung für solche Leistungen gegeben. Der Trieb, diese Fähigkeit einzusetzen, also zu erkunden, ob Umweltobjekte sich zur Verbesserung der körperlichen Fähigkeiten verwenden oder solche zusätzliche Organe sich künstlich bilden ließen, war somit bereits
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gegeben und brauchte bloß eine geringfügig andere Ausrichtung zu erfahren.
Unsere Vorfahren, die Affen, hatten die dem Klettern in Bäumen angepaßte Greifhand entwickelt, die durch ihren opponierbaren Daumen zum Festhalten von Gegenständen vorzüglich geeignet ist. Vom Umklammern eines Astes zur Verwendung eines Stockes als Waffe oder zum Graben ist aber kein weiter Weg, soweit es die Steuerung für die Befehlsgebung an die Muskeln betrifft. Erforderlich ist dazu freilich ein entsprechender Überblick über Ursache und Wirkung - und zu eben diesem gelangte der nach Tieren jagende und nach nahrhaften Wurzeln suchende Urmensch.
Von der Verwendung eines Steines als Wurfgeschoß, der Zurichtung eines Stockes als Grabwerkzeug oder Speer, bis zum ersten Topf, zum ersten Herd, zum ersten Rad - zum ersten Wagen, zur ersten Maschine war dann wohl noch eine weite Strecke, jedoch nur im Ausmaß der zu lernenden Bewegung. Denn der Grundvorgang blieb stets der gleiche. Jedes spielende Kind führt diesen Vorgang der Umwandlung von Energaten, also funktionsloser Materie, in künstliche Organe auf das deutlichste vor Augen. Es untersucht nicht nur, erprobt nicht nur neue Bewegungen, sondern untersucht Wirkungen, baut Burgen, wirft nach einem Ziel, gräbt Löcher und stochert mit einem Stock - erweitert seinen Körper über das Greiforgan Hand.
Nicht anders vollzog sich Schritt für Schritt auch die menschliche Entwicklung. Über Nachmachen und Sprache wurden Erfahrung und neue Fähigkeiten auf andere übertragen. Der auf Gestaltung von künstlichen Organen und deren sinnvoller Verwendung orientierte Neugiertrieb steigerte sich so über sein Zusammenwirken mit der Intelligenz zum Gestaltungstrieb - zum Bildungstrieb für artifizielle Funktionsträger, zum Schöpfungstrieb für Neuspezialisierungen des erweiterten Zellkörpers, zum Trieb der Schaffung von neuen Energonen.
Unterstützt wurden diese Vorgänge noch durch den Imponiertrieb - auch das zeigt deutlich das spielende Kind, in dessen sich entfaltenden Fähigkeiten die menschliche Entwicklungsgeschichte eine Wiederholung erfährt. Jeder Machtzuwachs durch funktionalisierte Materie, also durch Umwandlung anorganischen Materials in dienliche Werkzeuge, wird nicht nur selbst als Triumpf empfunden - sondern imponiert auch anderen, wird auch von diesen in seiner Bedeutung verstanden, bewundert, nachgeahmt, wird so zum Mittel des Imponierens, der Steigerung von Prestige. Genau so verhielt es sich bei der Errichtung der ersten Hütte, des ersten Zaunes,
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einer Jacke, verschönernden Schmuckes. Die Herstellung artifizieller Funktionsträger schuf somit nicht nur eigene Vorteile sondern auch Prestigegewinn innerhalb der Familie, innerhalb der Horde. Und im weiteren kam dann noch hinzu, daß die Herstellung solcher benötigter Körpererweiterungen auch noch zur Erwerbsquelle für andere Güter und Leistungen werden konnte - über den Weg des Tausches, des Verkaufs. All das wurde durch den Gestaltungstrieb angeheizt und heizte diesen selbst weiter auf.
Wenn von Anbeginn solche künstlich hergestellten Organe als Eigentum betrachtet und entsprechend verteidigt wurden, dann ergab sich das - ganz abgesehen von vernunftgesteuerter Reaktion - aus einem weiteren, sogar noch älteren und universeller verbreiteten Instinktverhalten unserer Tiervorfahren - der territorialen Verteidigung. Dieses sogenannte Revierverhalten ist neben dem Neugiertrieb die zweite Quelle des Besitztriebes. Bei sämtlichen in unserer Ahnenlinie aufeinanderfolgenden Tiergruppen - den Urhaien, den Knochenfischen, den Lurchen, den Echsen und den Säugetieren - ist es überall nachweisbar. Zur Nahrungssuche geeignete Areale sowie für Feindabwehr oder Fortpflanzung geeignete Strukturen werden verteidigt und in diesem Sinne zum Besitz. Insekten zeigen uns, wie sich diese Verteidigung auch auf künstlich geschaffene, vom Körper getrennte Organe ausdehnt. Die Spinne verteidigt ihr Fangorgan Netz, Bienen und Wespen ihr Gemeinschaftsorgan der Feindabwehr und der Brutpflege - ihren Stock. Nicht anders verteidigt der Vogel sein Nest, der Biber den künstlich von ihm gebauten Damm - und das Kind die von ihm gebaute Burg, das ihm geschenkte Spielzeug. Wenn also der Mensch die künstlich von ihm hergestellten Erweiterungen seines Zellkörpers so vehement verteidigt, dann darf mit Fug und Recht angenommen werden, daß dies nicht reine Intelligenzhandlung, sondern eine spontane, aus dem Verhalten territorialer Abwehr hervorgehende Triebhandlung ist.
Diese Beurteilung ist wichtig, weil sie die ursprüngliche menschliche Bindung an Eigentum in Gestalt von artifiziellen Funktionsträgern, Grundbesitz, Energonen und Luxusstrukturen sowie die Abwehrreaktion, dies alles gegen Verlust und Raub zu verteidigen, aus einer tief verankerten Triebkomponente erklärt. Als zusätzlich verstärkender Impuls tritt unbestreitbar das vernünftige Abschätzen der Wichtigkeit von Bindung und der Folgen eines Verlustes hinzu, was wieder den Sicherheitstrieb alarmiert. Doch die starken Emotionen, die sich mit Besitz und seiner Behauptung verbinden, entstammen der entwicklungsgeschichtlich alten
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Wurzel des insbesondere bei den Wirbeltieren tief verankerten Triebes, territoriale Machtbereiche zu bilden und als Eigentum in jeder Weise zu schützen. Dies dehnt der Mensch ähnlich wie jene Tiere, die über Erbvorgänge von ihrem Zellkörper getrennte Funktionsträger bilden, auch auf die Gesamtheit aller von ihm dominierten künstlich gebildeten Strukturen, insbesondere auf seine Energone aus - die Berufskörper und Erwerbsorganisationen samt Luxusstrukturen.
Schon seit dem Altertum ist es Streitpunkt, ob Besitz den Menschen verderbe, indem er ihn egoistisch mache und seine Aggressivität erhöhe. Diese Frage gipfelt in der Behauptung Rousseaus, daß Eigentum Diebstahl sei. Aufgrund der triebhaften Verankerung der Bindung an Revier, künstliche Organe und Energone ist eine Steigerung von Aggressionsbereitschaft schon vom rein Funktionellen her vorgezeichnet. Da jeder solche Besitz auch anderen dienen kann, ist er direkt oder indirekt ständig bedroht, verstärkt damit automatisch die Ausrichtung auf Verteidigung und erhöht somit potentielle Aggressivität. Der Besitzlose hat weniger Grund zur Abwehrbereitschaft - das stimmt. Andererseits ist aber bei ihm wieder die Versuchung größer, daß Fremdbesitz seinen Neid anstachelt und sich dadurch seine Aggressivität verstärkt. Worauf es also offensichtlich ankommt, ist Zufriedenheit. Sowohl zu viel Besitz als auch zu wenig Besitz senkt Reizschwellen von Trieben, die Ärger und Aggression auslösen.
Daraus resultiert die weitere, seit dem Altertum heftig diskutierte Frage, ob Besitz überhaupt glücklich macht - und ob sich Glücklichsein überhaupt steuern läßt. Als Tatsache darf wohl angesehen werden, daß jeder artifizielle Funktionsträger sowie jedes Energon und jedes Territorium, das ein Mensch sein eigen nennt, ihm nicht nur zu größerer Macht und Freizügigkeit verhilft, sondern auch Ansprüche an ihn stellt - besonders an das steuernde Gehirn. Jeder Besitz muß bewacht und betreut werden, seine Nutzbarmachung setzt laufende Gehirntätigkeit voraus. Diese wird weitgehend von Zentren des Unterbewußtseins wahrgenommen, deren Tätigkeit kaum oder überhaupt nicht in unser Bewußtsein tritt - deshalb ist sie aber nicht weniger umfangreich.
Dem zivilisierten Menschen ist eine seit Jahrhunderten immer wachsende Zahl von artifiziellen Funktionsträgern geboten, mit denen er seinen Zellkörper erweitern kann. Ebenso bietet sich ihm eine ständig anwachsende Zahl von Möglichkeiten zur Annehmlichkeitssteigerung und Lusterzeugung, die seine Wünsche anregen. Sowohl die Wirtschaft als auch der auf Wachstum ausgerichtete Staat zielen darauf hin, diese mannigfal-
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tigen Wünsche eher zu wecken und zu steigern, als sie zu unterdrücken oder ihnen entgegenzuwirken - nicht zuletzt wegen der Sorge um die Sicherstellung der Arbeitsplätze. An höherem Bedarf profitiert jeder, an nicht zu hohem Bedarf bloß das Individuum selbst.
Wenn von Epikur und Tolstoi bis zu Denkern unserer Tage immer wieder Bescheidenheit als Basis für Glücklichsein von Philosophen, Religionsstiftern und Denkern nahegelegt wurde - einfaches Leben also - dann vermittelt dies den Mitmenschen meist den Eindruck einer eher abwegigen, wenn nicht schrulligen Versponnenheit, da jeder der inneren Triebe seine gesteigerten Dienste zur Lustgewinnung ebenso beharrlich wie überzeugend offeriert. Die Verhaltensforschung kann in zweifacher Hinsicht auf Zusammenhänge hinweisen, die eindringlich dafür sprechen, daß die Idee einer gewollten und gesteuerten Bescheidung in selbstgesetzte Grenzen durchaus nicht weltfremden Verzicht bedeutet, sondern weit eher eine für das Individuum höchst gewinnbringende und in diesem Sinne für das Ego förderliche Ausrichtung ist. Erstens bedeutet jedes den Trieben ungezügelte Nachgeben ein entsprechendes Anheben ihrer Reizschwellen. Es werden somit immer stärkere Reize nötig, um das gleiche zu erreichen. Jedes verwöhnte Kind führt das vor Augen, wenn ihm schließlich alles langweilig wird, es sich nur noch beklagt und schier mit nichts mehr zufrieden ist. Ein Absenken der Reizschwellen durch bewußte Drosselung der Reize erfordert zwar einen harten Willensakt, führt jedoch zu annehmlichkeitssteigernden Resultaten.
Sodann erweist sich die Frage als wichtig, wieviel Steuerung das Gehirn, besonders das Unterbewußtsein überhaupt bewältigen kann. Oder anders formuliert: wieviel Besitz und daraus resultierende Tätigkeit ein Individuum überhaupt verkraftet. Die Steuerungszentrale des Zellkörpers Napoleon war so beschaffen, daß sie die Ausdehnung ihrer Kompetenz und ihres Sorgenbereiches über fast ganz Europa eher gelassen hinnahm. Dagegen zeigt manche schüchterne Frau, daß ihr schon einige Kleider und Einrichtungsgegenstände mehr Sorgen, Unentschlossenheit und Ratlosigkeit bereiten, als diese künstlichen Organe ihr Wohlbefinden steigern, ihren Glückszustand anheben.
Hier läßt sich bestimmt manches durch Vorbild, Erziehung und Selbsttraining beeinflussen und verändern - unbestreitbar ist jedoch die Tatsache, daß jedem einzelnen Menschen höchst individuelle, meßbare Grenzen gesetzt sind. Aus der nüchternen Perspektive der Naturwissenschaft gesehen, geht daraus erstens hervor, daß Genuß nicht unbedingt zu mehr Ge-
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nuß führt, und zweitens, daß jeder seine Grenzen ermitteln muß, innerhalb derer er über die notwendige Sicherheit und die nötigen Kraftreserven verfügt, um die Klaviatur seines Triebinventars befriedigend zu betätigen. Jedes Überschreiten der individuellen Grenzen ruft automatisch jenen Zustand hervor, den wir heute schädlichen Streß nennen - und der sich aus zu vielen dem Unterbewußtsein zugemuteten Steuerungen ergibt. Solche eminent wichtigen Zusammenhänge werden bis heute kaum an den Schulen den Heranwachsenden vermittelt - und gerade sie sind für die private, berufliche und politische Lebensgestaltung des einzelnen von entscheidender Bedeutung.
Das gleiche gilt aber auch für das Wohlbefinden der Völker. So ist es in den hochzivilisierten Gesellschaften der westlichen und östlichen Industriestaaten bereits zu einer derart komplexen Vernetzung und daraus resultierenden Empfindlichkeit, schon aufgrund allumspannender elektronischer Abhängigkeit gekommen, daß sie gegenüber Erpressung jedweder Art in bedeutsamem Ausmaße anfällig sind. Wie manche Strategen erklären, sind diese nahezu überzivilisierten Staaten und Kulturen nicht mehr verteidigungsfähig. Es bliebe wirklich nichts anderes übrig, als sich um einen Tisch zu setzen, um im Sinne einer Koexistenz eine Regelung zu treffen, die beiderseitigen Besitzstand nicht mehr zum Gegenstand von Auseinandersetzung werden läßt. Dieses erfreuliche Konzept eines Patt hat nun aber den Haken, daß weniger zivilisierte, unterdrückte oder gespaltene Völker dabei nicht mitmachen. Und zwar nicht nur infolge berechtigter Forderungen, sondern - und vor allem - weil Besitz an sich zum Wertkriterium wurde, was Gier nach diesem so unbedingt Erstrebenswerten auslöst.
Solange der Mensch als Individuum oder Gemeinschaft der Wahnidee verschrieben ist, daß Besitzsteigerung automatische Glückssteigerung nach sich zieht, besteht auch nicht der Funken einer Hoffnung für eine Befriedung der Weltsituation. Solange ein Mehr zu einem Weniger führt und das Weniger automatisch das Mehr anstrebt, befinden wir uns in einem sich ständig drehenden Mühlrad.
Im Rahmen der Energonentfaltung setzt sich der Besitztrieb in der Gesamttendenz, über artifizielle Funktionsträger - künstliche Organe - den Lebensstrom in Potenz und Volumen zu steigern, unmittelbar fort.
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Dreizehntens: Nebentriebe
Unter dieser Bezeichnung fassen wir sämtliche angeborenen und erworbenen Steuerungen zusammen, welche die menschliche Willensbildung beeinflussen, sich jedoch nicht den zwölf Hauptausrichtungen menschlichen Triebverhaltens zuordnen lassen.
Bei der Analyse des menschlichen Verhaltens müssen noch weitere Antriebe berücksichtigt werden, die gleichsam als Einzelgänger im Parlament der Instinkte eine Stimme haben und ebenfalls die Entschlußbildung beeinflussen. Ein zweifellos angeborener Trieb manifestiert sich im generellen Drang nach Bewegung, welcher jedem deutlich bewußt wird, der durch Gefangenschaft an die Zelle oder durch Krankheit ans Bett gefesselt ist. Ebenso angeboren ist dem Menschen ein Sprechtrieb, den jedes gesunde Kind zeigt - und der besonders im Alter bei manchen Menschen zur zentralen, die Mitwelt nicht immer erfreuenden Antriebskraft wird. Ein weiterer angeborener Einzelgänger unter den Trieben ist der Schlaftrieb - mit dem wir täglich konfrontiert sind. Er stellt ein Sicherheitsventil dar, welches verhindert, daß die empfindlichen Ganglienzellen des Gehirns überanstrengt werden, und geregelte Ruhe sicherstellt. Weitere angeborene Eigenarten, Dispositionen und Reaktionsweisen haben besonders Verkaufspsychologen in beträchtlicher Anzahl aufgedeckt.
Von noch größerem Einfluß auf die menschliche Willensbildung ist der Umstand, daß auch jede sich einschleifende Gewohnheit die Mechanik echter angeborener Triebe annimmt, indem sie sich mit einem von selbst wirksamen Drang verbindet, auf klar umrissene Schlüsselreize anspricht und ganz bestimmte Handlungen auslöst.
Der menschliche Tagesablauf zeigt solche festzementierte Abfolgen in bunter Vielheit. Der Vorgang des Aufstehens, des sich Waschens, des Bettenmachens, des Kochens - des Nachmittagsschläfchens, des Zeitpunktes und Ablaufes des Geschlechtsaktes, der Ordnung auf dem Schreibtisch, des Blumengießens - dies und viel mehr, wie jeder weiß, wird zu einem Ritual, das den gewohnten Geleisen folgt. Jedes hat seine Macht; wird es unterbrochen, gestört oder gehindert, dann irritiert dies, verursacht Unbehagen, das sich zum Ärger ausweiten kann. Wer jeden Abend den Schlüsselbund aus der Tasche zieht, tut es schließlich in ganz bestimmter Weise. Die Art, wie sich Raucher ihre Zigarette anzuzünden pflegen und den ersten Zug tun, wird für sie typisch. Dürfen Kinder ihre Stunde vor dem Abendprogramm am Fernseher nicht wahrnehmen, dann wird das als Strafe emp-
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funden. Wer sich erst einmal daran gewöhnt hat, zu einer bestimmten Zeit in der Kneipe an der Ecke ein Gläschen zu trinken, fühlt sich nicht minder bestraft, wenn Umstände ihn dazu zwingen, ohne einzutreten vorbeizugehen.
Diese unzähligen Gewohnheitstriebe nehmen ebenfalls sehr tatkräftig an der Willensbildung des Menschen teil. Ein gewohnter Weg zur Arbeitsstelle wird zum automatischen Leitbild, ein gewohntes geschätztes Verhalten wir zur automatisch wirkenden Anziehungskraft, ein eingefahrener Fehler zum stets wiederkehrenden Hemmnis. Festgefahrene Ideen können zur Manie ausarten und stärker als jeder angeborene Trieb wirksam sein. Auch alle diese kurz- oder langlebigen Gewohnheiten - erworbene Triebe also - haben im Triebparlament des menschlichen Unterbewußtseins ihren Sitz, ihre Stimme, warten dort auf den Zeitpunkt ihres Auftretens, werden ungeduldig, erreichen schließlich, daß sie in das Ich des Menschen gleichsam hineinschlüpfen, vorübergehend sein Wille werden und das Kommando des Körpers - des Zellkörpers und seiner künstlichen Organe - übernehmen.
Nicht minder stark fesselt die zementierende Macht von Gewohnheiten Gruppen, Gemeinschaften und ganze Völker. Feste, Sitten und Gepflogenheiten werden zur Tradition, die sich machtvoll über Generationen hinweg fortsetzt, zur nationalen Besonderheit und zum Gegenstand erbitterter politischer Auseinandersetzungen wird, als wirksamer Faktor der Bindung Gemeinschaften fördert und sie zur Rückständigkeit und Verhaftung an hartnäckige Mißstände verdammt. Gemeinschaftsgewohnheit, ebenso wie individuelle Gewohnheit zeigen alle für die angeborenen Triebe charakteristischen Merkmale - was auf eine ähnliche Ausbildung der sie bewirkenden Gehirnstrukturen hinweist.
Aus dieser Sicht stellt sich uns der so machtvolle und mit Recht so hoch auf den Schild gehobene Intellekt als eine eher passive, hin- und hergestoßene Maschinerie dar, die bei ihrem Wirken von verschiedensten Kräften beeinflußt, gelenkt und zum Werkzeug gemacht wird. Theoretisch hat diese effiziente Maschinerie durchaus die Macht, jede angeborene oder erworbene Triebkraft zu hemmen, zu bremsen, in Schranken zu halten, ja für beträchtliche Zeit völlig zu unterdrücken. Allein, das ausführende Instrument, der Wille, ist keineswegs mit dieser Gehirnstruktur identisch. So und so lange hält der Intellekt ihn gleichsam fest, zwingt und diktiert ihn - aber dann, kaum bemerkt, ist der Spieß wieder umgedreht, und einer der Triebe hat sich dieser Befehle ausführenden Einheit bemächtigt, macht
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Abb. 25: Schematische Übersicht über die Hauptkomponenten menschlicher Willensbildung.
Die Aufgliederung in 12 Haupttriebe (1-12) ist nach Funktionskreisen und gemäß der Bedeutung für das menschliche Verhalten vorgenommen. Die Nebentriebe (13) umfassen alle weiteren angeborenen und erworbenen Einzeltriebe, einschließlich jener, die über Gewohnheitsbildung und als Epiphänomene des Denkens entstehen. Allen diesen Kräften steht die Einsicht (14) gegenüber, welche sich mit sämtlichen Trieben verbindet, jedoch auch in freier Entscheidung den Willen formen kann.
den Intellekt selbst zum Diener seiner Ausführung.
Bei dieser Situation nimmt es nicht Wunder, daß den Menschen - als Epiphänomen der Denkfähigkeit - nicht selten der Wunsch anfällt, die Rivalität zwischen Vernunft und Trieben loszuwerden, sie nicht länger ertragen und an ihr teilhaben zu müssen, sondern in das Nirwana eines naiven Gelöstseins einzutauchen. Berauschende Mittel verhelfen dazu, und die gewollte Flucht aus der Wirklichkeit leistet analoge Dienste. Auch die stimmungsübertragende Wirkung vermag dies: sich gehen lassen, ausgelassen sein, sich eine Maske aufsetzen, im Inkognito eines Nicht-Ichs das Fluchtziel zu finden. In religiöser Hysterie findet die aus unbewältigten inneren Divergenzen hervorwachsende Verzweiflung einen Vulkan, ihre Lava und Asche zu entladen. Trancetänze, Gemeinschaftspraktiken wider alle Vernunft, selbstzerstörerische Totalidentifikation mit restlos Absurdem bieten eine erlösende Zuflucht.
Ein weiteres Epiphänomen des Denkens äußert sich darin, daß geistige Erschütterungen, besonders in der Kindheit, als psychisches Trauma spätere Verhaltensweisen ähnlich den Prägungen beeinflussen. Auch sie schaffen Triebverhalten - die von Freud begründete Psychoanalyse ent-
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wickelte Praktiken, um solche im Unterbewußtsein ruhenden Verknüpfungen aufzudecken, zu lösen und den Betroffenen von dieser Willensbeeinflussung zu befreien. Krankhafte Psychosen und andere Geistesstörungen vermindern in der Regel die Effizienz und sind somit - wie jede Mißbildung - auf die Energonentfaltung von negativem Einfluß. Entartungen des Denkapparates können indes auch zu außerordentlichen Leistungen führen. Für den schon seit dem Altertum postulierten Zusammenhang zwischen Wahnsinn und Genialität lieferte die Geschichte immer wieder Beispiele - etwa Nietzsche, Hölderlin, Schumann und Van Gogh.
Im Rahmen der Energonentfaltung setzen sich die Nebentriebe in der Gesamttendenz, über artifizielle Funktionsträger - künstliche Organe - den Lebensstrom in Potenz und Volumen zu steigern, unmittelbar fort.
Vierzehntens: Einsicht
Unter dieser Bezeichnung fassen wir sämtliche angeborenen und erworbenen Steuerungen zusammen, welche als Akte von Instinkt und Intellekt dazu führen, daß der Mensch in einer gegebenen Situation einsichtig handelt.
Die Erkenntnis des Richtigen und Zweckmäßigen stützt sich auf das Verstehen des jeweiligen Sachverhaltes und seiner Komponenten. Einsichtiges Verhalten tritt besonders in Erscheinung, wenn es zu einer Willensbildung führt, die sich gegen angeborene und erworbene Triebe wendet. Einsicht wird dann zum Ausdruck eines freien Willens im eigentlichen Sinne des Wortes.
Wenn auch hier der Einfluß von angeborenem Verhalten, von Instinkt nicht ausgeklammert wird, dann ist dafür maßgebend, daß das Denken an sich - und damit auch die Einsicht - durch die Mechanik des Denkapparates beeinflußt sein mag. Schon Kant postulierte, daß die Möglichkeiten unserer Erkenntnis durch angeborene Grundausrichtungen beschränkt seien, welche a priori die Art und Weise, wie wir die Gegebenheiten beurteilen, beeinflussen. Zahlreiche ihm nachfolgende Philosophen haben diese kritische Auffassung übernommen - in jüngster Zeit von der Verhaltensforschung her auch Konrad Lorenz. Daß unser Denkapparat ganz offensichtlich nicht in der Lage ist, die Gesamtheit der Erscheinungen zu bewältigen und die Dinge an sich zu beurteilen, haben die Ergebnisse der modernen Physik auf das deutlichste gezeigt. Unsere Vorstellungskraft ist nicht in der Lage, unendliche Ausdehnung in Raum und Zeit sowie einen mehr als
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dreidimensionalen Raum zu erfassen, ebensowenig die Äquivalenz von Energie und Materie, von Welle und Korpuskel und praktisch die gesamte inneratomare Situation. Mit künstlichen Organen des Geistes - in erster Linie der Mathematik - vermag der Mensch auch Erkenntnisse in diesen Bereichen zu gewinnen, aber das Gehirn selbst vermag sie nicht nachzuvollziehen. Dazu kommt noch das Postulat der Energontheorie, daß das bisherige Begriffssystem vom Sinnfälligen her beeinflußt ist - eine sicherlich angeborene Komponente - und dadurch die Einsicht in wesentliche Zusammenhänge vereitelt.
Im Rahmen des privaten, auf individuelle Wunscherfüllung ausgerichteten Lebens ist Einsicht an die angeborenen und erworbenen Triebe eng gekoppelt, identifiziert sich mit diesen, ja hält sie für Bestandteile unbeeinflußter Willensbildung. Im beruflichen Sektor - in Wirtschaft und Staat - tritt nüchternes, einsichtiges Verhalten deutlicher an den Tag, besonders im Rahmen der Gesetzgebung und der Ausarbeitung von Unternehmensplanung und Verfassung. In den Wissenschaften ist vorurteilsloses, emotionsfreies Beurteilen von Sachverhalten Postulat und Ziel. Hier versucht die Energontheorie der Einsicht noch weitere Aktionsbereiche zu erschließen.
Im Rahmen der Energonentfaltung setzt sich auch die menschliche Einsicht in der Gesamttendenz, über artifizielle Funktionsträger - künstliche Organe - den Lebensstrom in Potenz und Volumen zu steigern, unmittelbar fort, kann aber auch zum Abbremsen und Bändigen dieses Vorganges führen.
So präsentiert sich in ihren Extremen die alle Energone der dritten Evolutionsperiode schaffende Keimzelle Mensch. Durch künstliche Erweiterung des Zellkörpers gelangt sie zu außerordentlicher Macht. Den von ihr gebildeten Energonen samt Luxusstrukturen sind vom Funktionellen her die möglichen Entwicklungsrichtungen vorgezeichnet. Sämtliche werden realisiert. Wohl bestimmt das angeborene Erbe des Menschen manche Ausrichtungen, durchkreuzt manche Entwicklungslinie - wirkt aber insgesamt für die Entfaltung äußerst förderlich, schafft dem Lebensstrom immer neue Kanäle, führt ihm immer neue Materie, immer neue, noch nicht vitalisierte Kräfte zu. Sein Eigeninteresse, vorübergehend stark im Vordergrund, schrumpft in diesem Prozeß ständig.
Je größer und mächtiger der Prozeß des Lebens wird, um so kleiner, um so mehr Teilchen seiner übermächtigen Strömungen wird der Mensch. In
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seinem Inneren wirbeln die Triebe, stoßen einander, behindern einander, während der Intellekt, so gut er es vermag, nach einem festen Standort sucht. Über alles das jedoch strömt die Entfaltung der Energone völlig rücksichtslos hinweg. Solange die Keimzelle Mensch agiert und sich bemüht, läuft der Motor. Eine Mechanik, sich selbst zu bremsen, an der eigenen Potenz und am eigenen Volumen nicht letztlich zugrunde zu gehen und sich so schließlich selbst zu zerstören, hat dieses blinde energetische Geschehen einstweilen noch nicht hervorgebracht.
Daraus ergibt sich folgendes Resümee:
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