7. Die Evolution bis zum Menschen
Ehe wir uns der tatsächlichen Stellung des Menschen im Rahmen der Lebensentwicklung zuwenden, soll der Entstehungsweg dieses bisher höchstentwickelten Vielzellers, also der Gesamtweg der Evolution bis zum Menschen in kurzen Zügen skizziert werden.
Bis zu diesem Punkt decken sich die als Energone bezeichneten Strukturen weitgehend mit jenen, die man bisher unter dem Begriff "Pflanzen und Tiere" zusammenfaßte. Artifizielle, mit dem Körper nicht verwachsene Funktionsträger - künstliche Organe - spielten in den ersten beiden Phasen der Evolution nur eine höchst untergeordnete Rolle. Die nachstehende Schilderung stützt sich somit weitgehend auf die Ergebnisse der biologischen Evolutionsforschung, die durch Untersuchung von Fossilien, durch morphologische und physiologische Vergleiche bei den heute lebenden Tier- und Pflanzenarten und über weitere Methoden den Entwicklungsweg der Organismen in seinen wichtigsten Etappen, ja manchmal bis in feinste Detail aufzudecken vermochte.
Von der Energontheorie her stellen wir das Funktionelle in den Vordergrund und beurteilen aus dieser Sicht die wesentlichen Phasen in diesem sich über vier Milliarden Jahre erstreckenden Geschehen. Wenn somit von Tieren und Pflanzen gesprochen wird, ist im Auge zu behalten, daß die Begriffe "Energon" und "Lebewesen" sich nicht völlig decken. Sämtliche Pflanzen und Tiere sowie ihre Vorstufen - die Protobionten - sind Energone. Andererseits umfassen Energone auch nicht verwachsene Funktionsträger, sofern Pflanzen und Tiere solche ausbilden.
Der Weg zur Zelle
Voraussetzung für das sich potenzierende energetische Geschehen, das bisher Leben und Lebensprozeß genannt wird und dessen Gesamtvolumen wir als Lebensstrom bezeichnen, war die Entstehung von Materie im Universum. Jedes Atom und Molekül, das von Energonen aufgenommen und funktionalisiert, also in ihren Dienst gestellt wird, ist gleichsam ein vorfabrizierter Baustein, der ganz bestimmte spezifische Eigenschaften, spezifi-
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sche Wirkungen, also potentielle Fähigkeiten hat. Die Entstehung dieser Einheiten war somit Vorbedingung - gleichsam ein Prolog zu dem dann später einsetzenden, auf dieser Voraussetzung aufbauenden Geschehen.
Es wird heute angenommen, daß das Universum, so wie wir es kennen, mit einer energetischen Manifestation von kosmischem Ausmaß, mit einer gigantischen Explosion - dem Urknall - begann. Damals - vor 13 bis 18 Milliarden Jahren - dürften die Elementarteilchen entstanden sein, die man in unseren Tagen dank der physikalischen Forschung bereits im Experiment aus Energie zu erschaffen in der Lage ist. Es sind mehr oder minder stabile Gleichgewichtszustände - zu Materie gewordene Energiepakete. Die stabilsten, welche die Atome aufbauen, sind die positiv geladenen Protonen, die tausendmal kleineren, sie umkreisenden, negativ geladenen Elektronen und die Neutronen, die durch Vereinigung von Protonen und Elektronen entstanden sind. Jedes Proton stellt Ruhmassenenergie im Wert von 1,5.10-3 erg dar - was bedeutet, daß in einem Gramm Protonen die gleiche Energiemenge enthalten ist, die beim Abwurf der Atombombe über Hiroshima frei wurde. Kreist ein Elektron um ein Proton, dann ist ein Wasserstoffatom entstanden. Kreisen zwei Elektronen um zwei Protone, dann ist ein Heliumatom entstanden. Die Gesamtmenge an Materie im Universum wird heute auf 1080 Elementarteilchen geschätzt, sie besteht zu 99.9 Prozent aus Wasserstoff - und Heliumatomen. Unter bestimmten Voraussetzungen bilden sich im Weltenraum große Materienansammlungen, die durch die Gravitationskraft aller Materie außerordentlich verdichtet werden. So kommt es zur Bildung der sogenannten Roten Riesen, in deren Inneren aufgrund extremer Hitze Kernreaktionen stattfinden, durch die weitere Atomarten entstehen. Bei 800 Millionen Grad entstehen Magnesiumatome - 12 Elektronen, die 12 Protonen und 12 Neutronen umkreisen. Bei 1500 Millionen Grad entstehen Siliziumatome - 14 Elektronen, die 14 Protonen und 14 Neutronen umkreisen. Mit Ausnahme der extrem voluminösen Uranatome - 92 Elektronen, die 92 Protonen und 143 -146 Neutronen umkreisen - stellen auch alle diese Atomarten sehr konstante Gleichgewichtszustände dar. Jedes hat andere Wirkungspotenzen, die dafür maßgebend sind, welche Verbindungen sie untereinander eingehen. Diese Verbindungen sind die Moleküle. Auch sie stellen Gleichgewichtszustände dar, jedoch weit labilere als Elementarteilchen und Atome. Die Materie unseres Erdballes entstammt - dem Stand der internationalen Forschung gemäß - Roten Riesen, die vor mehr als 5 Milliarden Jahren explodierten. Sie ist somit älter als die Sonne, welche vor etwa
3,5 Milliarden Jahren entstand.
Soweit die Vorgeschichte. Der Planet Erde, der, wie man annimmt, aus sich zusammenballendem kosmischem Staub entstand, war durch Verdichtung anfänglich weißglühend, kühlte dann im Verlauf des weiteren Zeitgeschehens an der Oberfläche ab. Aus Dämpfen, die dem Erdinneren entströmten, bildeten sich kochende Meere. In der Uratmosphäre, die zunächst noch keinen Sauerstoff enthielt, fanden starke elektrische Entladungen statt. Es ist experimentell erwiesen, daß unter den Voraussetzungen der damaligen Gegebenheiten auch heute Aminosäuren und Nucleotide entstehen - die gleichen, welche auch Bausteine der Zellen sind. Dies bedeutet, daß in dieser Ursuppe - wie dieses damalige Meer genannt wird - die für den Lebensbeginn notwendigen Bausteine bereits fertig herumschwammen. Es kam nun darauf an, daß diese Bausteine in entsprechende Kombination gelangten - eine solche, die autokathalytisch wirkte. Das heißt, es kam auf das Zustandekommen von Molekulargefügen an, die so beschaffen waren, daß sie weitere Bausteine an sich zogen und weitere ebensolche Strukturen bildeten. War dies der Fall, dann setzte ganz von selbst ein sich lawinenhaft steigernder Prozeß ein, der sich wie Feuer in immer weitere Bereiche ausbreitete.
Wenn die Molekularbiologen, die sich mit der Erforschung der ersten Lebensanfänge beschäftigen, den Energieerwerb dieser ursprünglichsten Lebensträger als eher nebensächlich ansehen, dann ist dies sehr verständlich, weil Energieerwerb in dieser Periode keinerlei Problem war. Die Ursuppe war von energiereichen Molekülen erfüllt, die ersten Lebensträger schwammen gleichsam in Energie. Der erste zu überwindende Engpaß war somit die Bildung von Einheiten, durch die Eigenschaften von einem Molekulargefüge auf weitere sich bildende übertragen wurden. Für diese Funktion eigneten sich die Nucleinsäuren, die sich zu Ketten zusammenschlossen - zu Polymeren - zum Uranfang des Genetischen Code. Diese Ketten bewirkten ihre eigene Vervielfältigung und die Anlagerung von Aminosäuren. Damit war ein Geschehen in Gang gesetzt, das sich über Strukturen besonderer Art fortsetzte. Auch diese mußten bereits über eine im Durchschnitt positive Bilanz an arbeitsfähiger, ihnen dienlicher, also für sie nutzbarer Energie verfügen, aber diese zentrale Aufgabe regelte sich gleichsam von selbst. So also entstanden nach heutigem Wissensstand die ersten Lebensträger - die Protobionten, wie man sie nennt - die ersten Energone.
Der sich so ausbreitende Prozeß gelangte an einen weiteren Engpaß, als
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die fertig in der Ursuppe umherschwimmenden Bausteine - die bereits vorfabrizierten Funktionsträger - knapp wurden. Jetzt wurde zur Voraussetzung, daß sich der Genetische Code weiterentwickelte und seine Fähigkeiten steigerte. Er mußte ebensolche Bausteine aus Atomen und einfacheren Molekülen selbst synthetisieren können. Beim Akt der Fortpflanzung über Teilung der Nucleinsäurefäden kam es gelegentlich auch zu Unregelmäßigkeiten und Fehlern, die meist Leistungseinbußen bewirkten. Gelegentlich konnten solche Fehler bei der Replikation - die Mutationen - aber auch Leistungsstärkeres schaffen. Man stellt sich vor, daß auf diese Weise auch die zweite Hürde genommen wurde.
Allerdings tauchte alsbald ein neuer Engpaß auf. Auch die energiereichen Atome und Moleküle wurden in der Ursuppe allmählich knapp, und der Prozeß konnte sich nur fortsetzen und steigern, wenn es zur Bildung von Energonen kam, die nicht länger ihnen von selbst zugehende Energiepakete verwerteten, sondern zur Fähigkeit gelangten, Energie im ungebundenen Zustand in ihren Dienst zu zwingen. Erst an diesem Punkt der Entwicklungsgeschichte - der Phylogenese - trat die für Energone zentrale Auflage an den Tag. Ohne arbeitsfähige und nutzbare Energie sind weder Vermehrung, noch Synthese noch überhaupt eine Tätigkeit möglich - Energie ist conditio sine qua non. Da den Urenergonen dieser Schatz wie eine schon gebratene Taube ins Maul flog, indem die vorfabrizierten Bausteine in der Ursuppe auch noch Energie in Hülle und Fülle mitbrachten, war Energieerwerb kein Problem, kein limitierender Faktor. Nachdem indes diese Energieträger knapp wurden, kam es einerseits zur Notwendigkeit, sie synthetisch selbst bilden zu müssen, und andererseits zur weiteren, aus neuen Quellen arbeitsfähige und für das Energon verwertbare Energie zu gewinnen. Wie und in welcher Reihenfolge die Energonentwicklung diese Hürden nahm, wissen wir nicht. Über zahlreiche Zufallskonstellationen und Umwege dürfte es dahin gekommen sein. Tatsache ist: beide Hürden wurden genommen. Die Energone wurden sowohl zur synthetischen Bausteinherstellung als auch zum aktiven Energieerwerb fähig.
Eine neue Energiequelle, die von einigen Energonen erschlossen wurde, war das - zumindest in den höheren Wasserschichten - in beliebiger Menge vorhandene Sonnenlicht. Aus Proteinen entstanden Funktionsträger, die Lichtenergie einfingen. Diese wurde dazu gebracht, Elektronen auf entferntere Umlaufbahnen um die Atomkerne anzuheben, wodurch sich der Energiegehalt vergrößerte. Die Lichtenergie wurde so gleichsam in Kä-
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fige eingefangen - und in weiterer Folge dazu gebracht, aus energiearmen Atomen energiereiche, in erster Linie Zucker, aufzubauen. Damit war die als Photosynthese bezeichnete Form der Energiegewinnung und Energiebündelung in die Welt gekommen. Immer mehr anorganische Materie konnte nun in Energonstruktur verwandelt werden, was die Weiterträger des Lebensstromes entsprechend potenter machte. Im Konkurrenzkampf um Energie, Stoffe und Aktionsraum verdrängten jeweils die mit besseren Fähigkeiten ausgestatteten Energone die weniger effizienten. In dieser Periode gab es sicher schon zahlreiche Energontypen, die in der einen oder anderen Umwelt höhere Lebenseignung hatten. Manche gelangten damals zu Haftvorrichtungen, was ihnen festsitzende Lebensweise ermöglichte und den Vorteil eines gesicherten Standortes schuf. Andere gelangten zu Schwebevorrichtungen oder Organen der Fortbewegung, was Absinken in lichtlose Tiefen verhinderte und die Suche nach geeigneten Stoffen im freien Wasser möglich machte. Jeder solche Fortschritt wirkte sich für den Lebensstrom freilich nur dann positiv aus, wenn er in einem Genetischen Code verankert war - also bei Fortpflanzung auch an Nachkommen weitergegeben wurde. Der Genetische Code wurde so zu einem Sammelbecken und Speicherorgan für Fortschritte und damit für Information - wobei freilich im Auge behalten werden muß, daß anwachsendes Informationsvolumen nie einen Freipaß für generell besseres Weitertragen des Lebensstromes darstellt. Nur in bestimmten Umwelten verhilft es zu höherer Effizienz.
Die Photosynthese hatte eine bedeutsame Auswirkung. Im Verlauf dieses Vorganges wird Sauerstoff abgeschieden. Dieser reicherte sich nun allmählich im Wasser an und bot - über Diffusion - auch im Gasmantel des Planeten, der Atmosphäre, zu einer weiteren Entwicklungsrichtung der Energone die Voraussetzung. Schon vorher mag es Energone gegeben haben, die anderen Teile ihres Gefüges entrissen und sich einverleibten. Jetzt jedoch kam der Kannibalismus zwischen den Energonen als permanente und lukrative Einrichtung in die Welt - er wurde zur Norm. Eine neue Quelle für Energie und Stoffe bot sich an - die Überwältigung anderer Energone. Also der Raub der in ihren Molekülen gespeicherten Energie, der Umbau ihrer Proteine in eigene Struktur. Während wir alle über Photosynthese Energie gewinnenden Energone den Pflanzen zuordnen, fassen wir alle solche Raubenergone als Tiere zusammen. Die erste große Energongruppe, die den Anfang gemacht hatte - die Protobionten -, gewann somit Energie über ihr von selbst zuteil werdende Geschenke. Die
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zweite Gruppe, die Pflanzen, spannten anorganische Energie, besonders jene der Lichtstrahlen, vor ihren Wagen. Die dritte - die Tiere - stellen anderen Energonen nach, gleichwohl ob Pflanze oder Tierkollege, überwältigen sie und bauen deren Struktur auf dem Wege der Gärung und Oxydation ab. Es ist aus der Sicht des Menschen ein eher grotesker Zusammenhang, daß die Pflanzen durch Sauerstoffproduktion die Voraussetzung für ihre eigene permanente Bedrohung und Dezimierung schufen.
Andererseits freilich scheiden Tiere bei ihrer Erwerbsform der Zertrümmerung fremder Energonstruktur in Gestalt der Verdauung Kohlendioxyd ab, welches die Pflanzen als Rohstoff für ihren Strukturaufbau und ihren Energieerwerb benötigen. So waschen hier gleichsam die Hände einander gegenseitig. Für den Lebensstrom ergab sich die Folge, daß er nunmehr von zwei großen Energongruppen weitergetragen wurde, deren eine ihren Kollegen rücksichtslos nachstellte, sie rücksichtslos vernichtete. In der Gesamtbilanz bedeutete das insofern einen Nachteil, als bei jeder solchen Umsetzung von einer Energonstruktur in eine andere sich die Arbeitsfähigkeit der gehorteten Energie vermindert und nicht alle geraubten Stoffe in eigene Struktur überführt werden können. Bis auf den heutigen Tag gehen bei jeder solchen Umsetzung durchschnittlich 90 Prozent der Substanz verloren. Andererseits jedoch schafft jeder Abbau einer Energonstruktur Kohlendioxyd, dessen Mangel ein limitierender Faktor für das Gedeihen von Pflanzen ist. Und jede Pflanze erhöht die Entfaltungsfähigkeit für Tiere, bei denen wieder Sauerstoffmangel einen limitierenden Faktor darstellt.
Die eminente Bedeutung der von Hassenstein aufgezeigten Steuerkausalität für den Evolutionsverlauf trat nun in Erscheinung. So wie bei Betätigung eines Wasserhahnes kein Quentchen Energie von unserer Hand in den Wasserstrom, also vom regelnden Vorgang in den geregelten übergeht, so regelte sich die pflanzliche und tierische Weiterentwicklung quasi gegenseitig. Die Räuber determinierten, welche Energone ihnen am ehesten entkommen und darum überleben konnten - regelten also deren Entwicklung, ohne selbst an ihr beteiligt zu sein. Im Konkurrenzkampf setzten sich pflanzliche und tierische Energone mit immer besseren Abwehrorganen durch - im Kampf ums Dasein, wie Darwin es nannte. Andererseits determinierten Pflanzen und Tiere, wie Räuber beschaffen sein mußten, um an sie zu gelangen und sie zu überwältigen. Die Beute steuert auf diese Art und Weise die Angriffswaffen bei den Räubern - ohne im entferntesten selbst an ihr beteiligt zu sein. Daraus ergab sich ein Fort-
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schrittswettlauf zwischen Räubern und Betroffenen, Jägern und Gejagten, was einerseits zur Entwicklung immer besserer Angriffswaffen, anderseits zur Ausbildung immer besserer Abwehrwaffen führte.
Als ein besonderer Vorteil dieses mörderischen Geschehens erwies sich für den Lebensstrom die Tatsache, daß durch gewaltsame Verkürzung individueller Lebensdauer sozusagen mehr offene Planstellen frei wurden, neue Individuen schneller aufrücken konnten - also die Chance eher gegeben war, daß günstige Umbauten im Erbgut zustande kamen und Verbesserungen bewirken konnten. Hatten sich bis dahin im wesentlichen nur die Umweltfaktoren als Scharfrichter der Selektion betätigt, so wurden nun auch die Tiere zu solchen Scharfrichtern, die darüber entschieden, was ausgemerzt wurde. Sie wurden zu einem evolutionsfördernden Faktor von höchstem Stellenwert. In diesem Sinne überwogen die Vorteile, die sich für den Lebensstrom aus der räuberischen Tätigkeit der Tiere ergaben, bei weitem die Nachteile, die sie für ihn nach sich zogen. So wie die Baustoffsynthese und die Energiegewinnung aus dem Licht, bewirkte auch das Entstehen der Tiere ein ganz eminentes Anschwellen der Biomasse - ein ganz eminentes Anschwellen des sich über Energone fortsetzenden Lebensstromes, seiner Potenz und seines Volumens.
Immer neue Arten von Energontypen entstanden. Freilich nur sehr langsam. Denn die Weiterentwicklung war stets auf Mutationen angewiesen, von denen die überwiegende Zahl zur Effizienzverminderungen führten und unter denen mit einer Chance von 1:1000 bis 1:100000 nur sehr selten einmal ein Treffer war. Hier kam das phylogenetische Geschehen an eine fast unüberwindbare Barriere, an einen besonders gravierenden Engpaß. Um gewonnene Effizienzsteigerungen zu bewahren und an Nachkommen getreulich weiterzugeben, mußte der Genetische Code sich jeweils fehlerfrei teilen. Andererseits aber mußten sich Veränderungen einstellen, damit es bei sehr geringer Chance - mit Hilfe eines glücklichen Zufalles - zu einer Verbesserung, zur Bildung anders strukturierter Nachkommen von höherer Effizienz kam. Also durch Zufall zur Notwendigkeit.
Auch diese Hürde wurde genommen. Die Lösung des Problems - die einzige in diesem Entwicklungsstadium offenbar erreichbare - hieß Zweigeschlechtlichkeit. Von Zeit zu Zeit und schließlich vor jeder Vermehrung mußten die Genetischen Codes verschiedener Individuen sich miteinander vereinen, wodurch die bei einem oder anderem erfolgten Änderungen im Erbrezept gekreuzt und damit neue Kombinationen, Genkombinationen, geschaffen wurden. Wenn man bedenkt, daß der Genetische Code, aus ei-
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nem oder mehreren endlosen Fadenmolekülen bestehend, bereits bei Bakterien fünfhundertmal länger ist als deren Durchmesser, dann wird ersichtlich, welches enorme technische Problem die Verschmelzung der Fadenknäuel zweier Genetischer Codes darstellt. Und nach der Verschmelzung müssen sie bei jeder Zellteilung wieder geschieden werden !
Verständlich ist, daß nur die Verschmelzung recht ähnlicher Codes und ihre anschließende Trennung zur Bildung lebensfähiger und allenfalls besserer Energone führen konnte. Es mußten also nicht nur Funktionsträger zustande kommen, die solche Vereinigungen und Trennungen bewirkten, sondern darüber hinaus auch solche, die sicherstellten, daß ähnliche Energontypen einander erkannten und nur solche sich paarten. In diesem Stadium der Entwicklung entstanden die Arten, wie die bisherige Biologie sie definiert. Sie sind dadurch charakterisiert, daß ihre Angehörigen und nur diese sich so paaren, daß zum Leben und zu seiner Fortpflanzung fähige Nachkommen entstehen. Innerhalb der Art werden so die beim einen oder anderen Individuum aufgetretenen Mutationen gekreuzt. Daraus ergibt sich eine hundertfach bis tausendfach größere Chance, daß auf dem mühsamen Wege zufälliger Mutationen Verbesserungen entstehen. Diese gelangen dann, eben über die Paarungen auch zu den anderen Artgenossen, so daß die Art als Ganzes sich Umweltbedingungen besser anpaßt. Fortschritte mußten nun nicht mehr nacheinander in der individuellen Generationskette erfolgen, sondern konnten einer großen Zahl anderer Energone - den Artgenossen - zugute kommen und auf deren Erbgut einwirken. Wie der Biologe sagt, verfügt die Art über einen gemeinsamen Genpool - über ein Informationsreservoir, das ihre Anpassungsfähigkeit an die Umwelt erhöht.
Lamarck und Darwin, die Entdecker der Abstammung aller Lebewesen von gemeinsamen Urformen, vermuteten, daß sich bei den Individuen die im Laufe ihres Lebens erworbenen Eigenschaften vererbten. Ein solcher Mechanismus wäre viel eleganter und um mehrere Zehnerpotenzen effektiver, konnte aber offenbar nicht erreicht werden. Individuelle Anpassungen an Umweltbedingungen, die den Lebenswert steigern, müßten in solchem Fall den Genetischen Code entsprechend verändern. Alle bisherigen Versuche, einen solchen Mechanismus nachzuweisen, schlugen indes fehl. Er müßte überdies eng an jenen der geschlechtlichen Paarung geknüpft sein, da sonst diese so aufwendige und risikosteigernde Einrichtung überflüssig und rückgebildet worden wäre.
Dem heute in der Wissenschaft verwendeten Artbegriff haftet eine er-
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hebliche Unschärfe an. Neue Arten, so argumentiert man, entstünden durch Absplitterung von Gruppen, die sich dann in geographisch getrennten Räumen weiterentwickeln, dortigen Gegebenheiten anpassen und schließlich von der Mutterart so verschieden werden, daß sie sich mit dieser nicht mehr kreuzen können. Im Klartext bedeutet das, daß sie mit dieser keine fruchtbaren Nachkommen hervorbringen. Nimmt man diesen dynamischen Artbegriff genauer unter die Lupe, dann bleibt die Stammart, so sehr sie sich auch weiterentwickeln und verändern mag, die gleiche Art. Da aber die Evolution über eine gewundene Linie mit vielen Abzweigungen schließlich bis zum Menschen führte, wäre nach dieser Begriffsbestimmung unsere gesamte Ahnenlinie als ein und dieselbe sich immer weiter anpassende Art anzusehen. Demnach müßte man uns nicht Homo sapiens sondern nach unserem protobiontischen Ururahn Structura autocathalytica benennen.
In der Energontheorie sprechen wir darum von Arten im Sinne anders strukturierter Typen. Gewinnt ein Energon im Laufe seiner Fortpflanzungskette wesentliche neue und erbliche Merkmale hinzu, dann ist ein neuer Strukturtyp, ein neuer Lebensträger - eine neue Energonart - entstanden. Dieser Standpunkt ist um so mehr am Platz und berechtigt, als in einem späteren Evolutionsabschnitt - bei der Energonbildung durch den schaffenden Menschen - die notwendige Verhaftung von Fortschritten an den Genetischen Code überwunden und über Sprache und Schrift die Weitergabe, sprich Vererbung, erworbener Eigenschaften möglich wurde.
Es gibt Hinweise dafür, daß es nicht nur über den Vorgang fortschreitender Differenzierung und Anpassung zur Entstehung der Zelle kam, die dann aufgrund ihrer Überlegenheit alle Vorstufen ausradierte. Auch Symbionten, die zu Organen wurden, waren an diesem Vorgang beteiligt. Die Plastiden, welche die Pflanzenzelle zur Photosynthese befähigen, und die Mitochondrien, welche innerhalb der Zellen die Eiweißsynthese bewirken, werden nicht vom Genetischen Code der Zelle fortgepflanzt, sondern haben ihren eigenen Genetischen Code und pflanzen sich selbsttägig innerhalb der Zellen fort. Es wird deshalb angenommen, daß sich einige Protobionten auf Photosynthese, andere auf Proteinaufbau spezialisieren, daß diese sich dann symbiontisch anderen Protobionten anschlossen, in deren Körper einwanderten und so schließlich zu Zellorganen wurden. So kam es zum zweiten Male durch Verbindung bereits fertig entwickelter, sozusagen vorfabrizierter Einheiten zur Höherentwicklung. Der Spruch: créer cést unir - schöpfen heißt vereinen - erfaßt diese Vorgänge treffend.
Daraus ergibt sich folgendes Resümee:
Auch der weitere Verlauf der Evolution läßt sich nach heutigem Wissensstand bereits in den wichtigsten Grundzügen skizzieren.
Mit der Zelle war ein perfekter, überaus anpassungsfähiger Energontyp entstanden. Einzelzellen pflanzlicher und tierischer Erwerbsform paßten sich den verschiedensten Umweltbereichen im Meer und im Süßwasser an. Sofern es noch Protobionten gab, wurden sie verdrängt und im Konkurrenzkampf besiegt. Die größte Bedeutung dieses Energontyps war indes eine andere. Über Mutationen entstanden auch Einzeller, die sich nach der Teilung nicht trennten, sondern in Klumpen zu mehreren zusammenblieben. Das mochte in dem einen oder anderen Lebensbereich von Vorteil sein. Der große Vorteil stellte sich ein, als es innerhalb der so entstande-
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nen, fest verbundenen Kolonien zur Arbeitsteilung kam. Die vielseitigen Fähigkeiten der Zelle konnten sich nun voll entfalten. In den immer größer werdenden Zellgemeinschaften - den ersten Vielzellern - spezialisierten sich einige der Geschwisterzellen auf Funktionen der Außenfront - etwa auf Energieerwerb, Fortpflanzung und Feindabwehr, andere spezialisierten sich auf Funktionen an der Innenfront - etwa auf Bindung der Teile, Energieverteilung, Stoffverteilung und Koordination von Bewegungen.
Der Mechanismus für solche Differenzierung ist äußerst primitiv und hat sich bis zu den höchstentwickelten Vielzellern nicht verändert. Bei den Teilungsvorgängen erhält jede Zelle den vollständigen Genetischen Code, der somit die Anweisungen für sämtliche Einzelfunktionen enthält. Besondere Eiweißmoleküle - Regelproteine genannt - bewirken jedoch, daß in den einzelnen Tochterzellen der Kolonie alle für sie nicht maßgebenden Befehle blockiert werden. Es treten auf diese Weise nur jene Teile des Genetischen Code in Aktion, welche die für sie maßgebende Funktion bestimmen. Wollte man nach der gleichen Technik eine Fabrik aufbauen und lenken, dann müßte man sämtliche Anweisungen für alle beteiligten Mitarbeiter in einem Produktionsbuch lückenlos aufführen und jedem Beteiligten ein Exemplar davon aushändigen, wobei jene Seiten, die den einzelnen Mitarbeiter nicht betreffen, durchgekreuzt sind. Ein Vorteil dieser Mechanik liegt allerdings darin, daß Zellen im Bedarfsfall umfunktioniert werden können. Es genügt dann, daß die Regelproteine andere Teile des inneren Befehlsrezeptes freigeben. Besonders bei Verletzungen und notwendiger Regeneration wird dies bedeutungsvoll. Andere Zellen im großen Verband können dann mobilisiert werden - derselbe Grundbaustein stellt sich nunmehr auf eine neue Aufgabenerfüllung um. Voraussetzung ist freilich ein entsprechendes Netzwerk kreuz und quer laufender Meldungen und Rückmeldungen innerhalb der Zellkolonie.
Weitere Voraussetzung für das Funktionieren dieser Mechanik ist das wirkliche Befolgen dieser Befehlsverteilung. Wird aus irgend einem Grund die Blockierung durch die Regelproteine innerhalb der Zellen außer Funktion gesetzt, dann verhalten sie sich nicht länger als gebändigte, gelenkte Einheiten, sondern werden zu unabhängigen Einzellern, die ihre Umwelt als Nahrungsquelle betrachten und sich zügellos vermehren. Wir nennen solche entfesselte Zellen Krebszellen. Es gibt sie bei zahlreichen Vielzellern, und der Mensch betrachtet sie als gefürchtete Krankheit.
So entstanden Vielzeller - vielzellige Energone -, die schon wegen ihres größeren Volumens manchen Einzellern überlegen wurden. Auch bei ih-
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nen setzte sich die Trennung in pflanzliche und tierische Erwerbsform fort. Je größer diese Energone wurden, aus je mehr Einzelzellen sie sich aufbauten, desto mehr Funktionen gingen von Zellorganen auf vielzellige Organe über - ein überaus bedeutsamer Vorgang, dessen Nichtbeachtung zu krassen Fehleinschätzungen führt. So wird bei noch heute existierenden einfachsten Vielzellern, etwa bei Schwämmen und Hohltieren, die Nahrung von Einzelzellen mit Hilfe von Zellorganen erbeutet und dann durch die Zellwand oder über Transportzellen an die übrigen weitergegeben.
Im weiteren Verlauf der Evolution entstand das aus vielen Zellen bestehende Maul, der aus vielen Zellen gebildete Darmtrakt und als Verteilungsapparat das aus vielen Zellen gebildete Blutgefäßsystem mit dem Herzen als Motor des Kreislaufs. Ebenso wird bei einfachsten Vielzellern die Feindabwehr noch von Zellorganen bewirkt, etwa bei den Medusen durch die Nesselkapseln der Epidermiszellen. Auch diese Organe der Feindabwehr wurden im weiteren Evolutionsverlauf durch vielzellige Organe abgelöst, wie die vielzelligen Giftdrüsen und Panzer es aufzeigen.
Die benötigten Funktionen gingen so Stück für Stück von Zellorganen auf vielzellige Organe über - ein in der Wissenschaft bisher kaum gewürdigter Vorgang, welcher zum wirklichen Verständnis der Lebensentwicklung von allerhöchster Bedeutung ist. Denn eine Funktion hinkte in dieser Entwicklung allen übrigen gleichsam nach, indem sie bis zum Menschen an ein Zellorgan verhaftet blieb. Es ist jene der Fortpflanzung, des Neuaufbaues von Energonen also, die bei sämtlichen Vielzellern vom Genetischen Code ausgeübt wird, der jeden neuen Vielzeller und so auch jeden neuen Menschen aufbaut. Wohl gibt es einige Vielzeller, die auch zu anderer Fortpflanzung fähig sind - etwa Pflanzen, von denen man Sprossen abschneiden und einpflanzen kann, woraufhin sich ein neues Pflanzenindividuum entwickelt. Das sind jedoch Ausnahmen. Die vielzelligen Pflanzen und Tiere wurden viel zu umfangreich und differenziert, um eine Fortpflanzung über Teilung ihres Körpers zu erlauben.
Erst als beim Menschen die stärkere Entwicklung der Großhirnrinde einsichtiges Verhalten schuf, konnte auch die Fortpflanzungsfunktion den Übrigen auf ihrem Weg folgen und - zumindest teilweise - auf ein vielzelliges Organ übergehen. Nach wie vor bleibt die Bildung der menschlichen Zellkörper unter der Kompetenz des Genetischen Codes und an den Vorgang einer vorhergehenden geschlechtlichen Paarung gebunden. Den Aufbau aller weiteren, den menschlichen Zellkörper erweiternden und seine Fähigkeiten steigernden künstlichen Organe - Funktionsträger - lei-
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stet indes die menschliche Intelligenz, also die besonders entwickelte Großhirnrinde. Im weiteren Verlauf der Evolution verlagerte sich diese Funktion außerdem noch auf nichtverwachsene artifizielle Funktionsträger - Schrifttum, Baupläne, Zeichnungen und ähnliches, was zu einer revolutionären Steigerung und Potenzierung der Energonentfaltung führte.
Nach heutigem Wissensstand entstanden die ersten Vielzeller vor etwa drei Milliarden Jahren. Sie gaben dem Lebensstrom einen weiteren mächtigen Impuls. Es konnten sich nun immer größere, stärkere und leistungsfähigere Energone bilden. Über sie wuchs der Lebensstrom in Potenz und Volumen an und dehnte sich bis in die letzten Abgründe der Tiefsee und bis zu den Quellen der Flüsse aus. Der nächste Sprung vorwärts - mit Hilfe der sich weiterentwickelnden Energone - war dann die Eroberung des trockenen Landes, die vor ungefähr 500 Millionen Jahren einsetzte. Pflanzen waren die ersten Pioniere und ihnen folgten alsbald die Räuber, die Tiere. Aus Algen entwickelten sich die Landpflanzen. Aus Fischen entwickelten sich die Lurche, die Echsen, die Vögel und die Säugetiere. Aus Krebsen entwickelten sich die Spinnen und die Insekten. Dem Lebensstrom wurde so ein neuer größer Entfaltungsraum eröffnet.
Hauptprobleme an Land waren die Gasgewinnung aus der Luft - die bei den Wirbeltieren die Umstellung von Kiemenatmung auf Lungenatmung notwendig werden ließ. Weitere waren die Überwindung der an Land wirksameren Schwerkraft und der Schutz gegen Verdunstung - gegen Verlust des für alle Zellkörper entscheidend wichtigen Wassers, das für biochemische Vorgänge Voraussetzung ist. Alle Landlebewesen sind gleichsam Wasserwesen im Exil, die um die Bewahrung ihres wichtigsten Bausteines, des Wassers besonders besorgt sein müssen. Im übrigen folgte die Landbesiedlung den gleichen Gesetzmäßigkeiten wie jene im Meeresraum. Auch hier kam es zu Interdependenzen und zur Ausbildung von Ökosystemen. Auch hier kam es zur Symbiose, zur Bildung von Verbänden und besonders bei den Insekten zur Bildung von Staaten. An Land erreichte die Energonentwicklung sogar noch größere Fortschritte als im heimatlichen Wasserreich. Die Fähigkeit, individuell zu lernen, welche im geringen Ausmaß schon bei Einzellern nachweisbar ist, gelangte bei den Landwirbeltieren zu besonderer Perfektion. Funktionell betrachtet, geht es hier darum, ob Verhaltensweisen nach Steuerungsrezepten erfolgen, die der Genetische Code im Zentralnervensystem, im Rückenmark und Gehirn aufbaut - wir sprechen dann von angeborenem Verhalten, von Instinktleistungen - oder ob das Tier in individueller Auseinandersetzung
mit der Umwelt, über Versuch und Irrtum oder durch Nachahmung fremden Verhaltens selbsttätig Steuerungen im Gehirn für seine Aktionen und Reaktionen aufbaut. Während Tiere - also Energone - mit angeborenem Verhalten automatenhaft agieren und reagieren, ist über Lernvorgänge erworbenes Verhalten weit variabler, kann sich den jeweiligen Umweltbedingungen weit besser anpassen. Nachteil ist freilich, daß in diesem Fall das junge - das neugebildete Energon - nicht voll lebensfähig zur Welt kommt und während seiner Lernperiode geschützt sein muß. Es bedarf einer Brutpflege, wie der Biologe es nennt. Diese Funktion fällt in der Regel dem Mutterenergon zu. Manchmal jedoch, wenn die Geschlechtspartner beisammenbleiben, üben auch beide Eltern oder der Vater sie aus. Auch hierfür sind angeborene Verhaltensweisen Voraussetzung. Sie mußten sich somit parallel zur steigenden Lernfähigkeit und zum Abbau der instinktiven, selbsttätigen Verhaltensnormen entwickeln.
Was bisher von den Philosophen und Biologen übersehen wurde, ist die Tatsache, daß die durch Lernen aufgebauten Steuerungsrezepte im Gehirn zwar fest im Körper beheimatet, aber trotzdem keine vom Genetischen Code aufgebauten Funktionsträger, also Organe sind. Diese Funktionsträger werden über Wirksamkeit des vielzelligen Gehirnes geschaffen. Nennt man die vom Genetischen Code diktierten Bildungen natürliche Organe, dann muß man diese durch Lernen geschaffenen Steuerungsrezepte künstliche Organe benennen. Die Unterscheidung wäre nicht sonderlich wichtig, würden nicht im weiteren Verlauf vom geistig besonders leistungsfähigen Menschen auf eben diesem Weg noch zahlreiche andere künstliche Organe gebildet werden, die dem Körper nicht verhaftet sind und darum nach bisherigem Denken als etwas von diesem durchaus Getrenntes angesehen werden. Schafft sich der Mensch einen Faustkeil oder Speer, dann bedeutet dies, daß er über den Vorgang des Lernens neue Organe gestaltet, welche die Fähigkeit seiner Hände enorm steigern. Diese zusätzlichen Funktionsträger kommen über Tätigkeit des Gehirns zustande, desselben vielzelligen Organes, das die Steuerungsrezepte erworbenen Verhaltens aufbaut. Da Faustkeil und Speer nicht im Körper beheimatet, ja nicht einmal mit diesem verbunden sind, betrachtet man sie bis dato als Werkzeuge und nicht als Organe - also als etwas grundsätzlich anderes. Die Betrachtungsweise der Energontheorie zwingt hier zu einer radikalen Umschaltung im Denken, der sich unser Gehirn, stark ans Visuelle gefesselt, nur widerstrebend beugt. Für jedes Energon ist jedoch ausschließlich wichtig, über welche Funktionsträger es verfügt und was diese zustande bringen.
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Ob ein solcher Funktionsträger, ein solches Organ, vom Zellorgan Genetischer Code oder vom vielzelligen Gehirn geschaffen wird, ist dagegen von durchaus untergeordneter Bedeutung. Auch ob es mit dem Zellkörper fest verwachsen ist oder nicht, fällt nicht ins Gewicht - beim Faustkeil und beim Speer ist die Ablegbarkeit sogar ein offensichtlicher Vorteil, da sie bei fester Verbindung mit der Hand diese in ihren sonstigen Funktionen stören, ja solche sogar vereiteln würden.
Faustkeil und Speer waren jedoch nur der erste Beginn in einer langen Entwicklungskette. Ihnen folgten artifizielle Funktionsträger des Körperschutzes, die wir Bekleidung und Schuhwerk nennen. Ihnen folgten artifizielle Funktionsträger des Energie- und Stofferwerbes, die Fangreusen, Fanggruben und Jagdwaffen heißen. Auch Körbe und Säcke zum Aufsammeln eßbarer Pflanzen und Früchte gehören hierhin. Ihnen folgten artifizielle Funktionsträger des Schutzes, die wir Hütten, Häuser, Burgen und Festungen nennen - auch alle Waffen von Dolch und Schwert über Kanonen bis hin zu Raketen und Nuclearwaffen gehören hinzu. Ihnen folgten artifizielle Funktionsträger der Fortbewegung, die wir Boote, Schiffe, Wagen, Bahnen, Autos und Flugzeuge nennen - auch Leitern, Treppen, Brücken und Straßen gehören hinzu. Ihnen folgten artifizielle Funktionsträger zur Versklavung von Umweltkräften, die wir Maschinen nennen und welche es möglich machen, daß Funktionsträger von anderen als dem Zellkörper eigenen Kräften betrieben werden. Ihnen folgten artifizielle Funktionsträger der Verständigung, von Rauchsignalen über Schrift bis hin zur drahtlosen Nachrichtenübermittlung und zum Fernsehen über Satelliten.
Damit sind wir bereits beim Menschen, der aus der Gruppe der Affen hervorging und als wertvollstes Erbe deren Greiforgane, die Hände, empfing. In Anpassung an das Klettern in Bäumen wurden diese Vorderextremitäten besonders auf die Funktion des Ergreifens und Festhaltens ausgerichtet, wobei dem frei opponierenden Daumen besondere Bedeutung zukommt. In folgeschwerem Funktionswechsel verwendet sie der Mensch zur Bildung zusätzlicher Organe und zu deren Bedienung - Handhabung. Bei der bisherigen Fehleinschätzung menschlicher Selbstbewertung ist es notwendig und gerechtfertigt, mit allem Pathos auf die Dramatik dieses evolutionären Vorganges hinzuweisen, der in der Bildung von artifiziellen, den Zellkörper erweiternden Funktionsträgern besteht. An diesem entscheidenden Punkt in der phylogenetischen Entwicklung, also der Evolution der Energone, übernahm das Gehirn in Funktionserweiterung eine zusätzliche, entscheidend wichtige Aufgabe - die der Bildung von Orga-
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nen. Bereits jede durch Lernprozesse aufgebaute Steuerungsstruktur im Gehirn ist ein zusätzlich gebildetes, also nicht genetisch erworbenes Organ. Da es im Zellkörper gebildet ist, zeigt es nicht visuell seine Besonderheit, sondern stellt sich eher als eine Verbesserung oder Ergänzung der angeborenen Steuerungsstrukturen dar. Von noch weit größerer Bedeutung für den Lebensstrom waren indes weitere vom vielzelligen Gehirn gebildete Organe - artifizielle Funktionsträger -, die nicht mehr mit dem Zellkörper verwachsen sind, jedoch dessen Leistungsfähigkeit ergänzen und vergrößern. Es ist irrig und blind, diese Einheiten als etwas anderes anzusehen als vom Gehirn geschaffene zusätzliche Organe unseres Körpers. Bei der phylogenetischen Entwicklung der vielzelligen Energone gingen die benötigten Funktionen - um es zu wiederholen - eine nach der anderen von Zellorganen auf vielzellige Organe über.
Der Aufbau neuer Energone über den Weg der Fortpflanzung hinkte in dieser Entwicklung nach. Diese Funktion blieb in der Kompetenz eines Zellorganes, des Genetischen Code, was eine entsprechende Überlastung dieser Einheit zur Folge hatte. Bei den Affen und beim Menschen sind die für den Körperaufbau erforderlichen Einzelbefehle, die Summe der zu übertragenden Information, bereits so groß, daß sie, in unsere Buchstaben, Wörter und Sätze übertragen, eine zwanzigbändige Enzyklopaedie von tausend engbeschriebenen Seiten je Band umfassen würde. Alle diese Befehle, in endlosen Fadenmolekülen niedergelegt, befinden sich im Zellkern jeder menschlichen Keimzelle und ebenso im Zellkern aller Zellen, aus denen sich unser Körper aufbaut. Und bei jedem Vorgang der Paarung, der Vereinigung der weiblichen Eizelle mit einer männlichen Samenzelle, müssen diese endlosen Fäden, die um ein Zehntausendfaches länger sind als der Zelldurchmesser, schließlich der ganzen Länge nach sich aneinanderlegen und verschmelzen, um dann ebenso säuberlich wieder sich zu teilen. Wenn je irgendwo ein Funktionsträger überbürdet wurde, dann ist es hier.
Wenn also auch diese Funktionsausübung schrittweise auf ein vielzelliges Organ überging, auf das Gehirn, dann bedeutet das nur die letzte Konsequenz in der Evolution der Vielzeller und ist ein völlig natürlicher, sich mit Notwendigkeit ergebender Ablauf. Von jetzt ab braucht immer nur der Zellkörper durch die so immens präzise Tätigkeit des Genetischen Code aufgebaut zu werden. Weitere zusätzliche Organe bildet das vielzellige Gehirn über erworbene Verhaltensweisen. Die menschliche Sprache tritt als entscheidend wichtiges Hilfsorgan hinzu - und schafft als Begleiter-
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scheinung das abstrakte Denken. Auch die Sprache beruht auf erworbenen Steuerungen, bestimmte Information über entsprechende Lautsignale weiterzugeben. So ist der Mensch nicht nur auf Nachahmung angewiesen, um von anderen erworbene Fähigkeiten auf sich zu übertragen, sondern über Sprache und später über den artifiziellen Funktionsträger Schrift wird die Übertragung jeder Erfahrung, jeder Meinung, jeder Schlußfolgerung noch weit umfassender, einfacher, präziser und nicht zuletzt energiesparender möglich. Während bis zu diesem entscheidenden Entwicklungspunkt nur solche Verbesserungen auf Nachkommen übertragen werden konnten, die im Genetischen Code Niederschlag fanden, wodurch die Fäden immer länger wurden, konnten nunmehr Verbesserungen des Zellkörpers durch künstliche Organe mühelos und fast beliebig transferiert werden. Damit hatte die Energonentwicklung eine weitere hemmende Schranke überwunden, und ähnlich wie bei der Entstehung der Vielzeller eröffneten sich für sie neue Dimensionen.
Von jetzt ab mußte anorganisches Material nicht mehr den Weg durch den Zellkörper nehmen, um dann von diesem in Funktionsträger verwandelt zu werden. Von jetzt ab konnte anorganisches Material gleich außerhalb des Körpers funktionalisiert werden, was eine signifikante Vereinfachung des Vorganges bedeutet. Und über die artifiziellen Funktionsträger Sprache und Schrift konnten sowohl erworbenes Verhalten wie auch jedes Aufbaurezept für zusätzliche Organe direkt und indirekt an andere weitergegeben, an diese übertragen werden. Bis zum heutigen Tage wurde die menschliche Einsicht in die tatsächlichen Zusammenhänge und die Beurteilung des tatsächlichen Standortes des Menschen innerhalb der Lebensentfaltung durch das ähnliche Erscheinungsbild unseres Körpers und jenes der Tiere blockiert. In Wahrheit gehören wir ebenso wenig zu den Affen und den sonstigen Vielzellern, wie die Keimzellen eines Rehs oder einer Tanne zu den Einzellern gehören. Im Menschen gelangte die Evolution der Energone nach dem Entstehen der Zelle zum zweiten Male zu einer besonders effizienten Einheit, die gewaltige neue Entwicklungsmöglichkeiten eröffnete und dem Lebensstrom zu einem immensen weiteren Anschwellen verhalf.
Zusammenfassend ist darauf hinzuweisen, daß es Vorstufen für Bildung oder Erwerb von Funktionsträgern durch den Gesamtkörper bereits zur Genüge gab - besonders bei den Tieren. Der Panzer des Einzellers Amoeba difflugia, das Netz der Spinne, der Bau des Kaninchens, die Verdauungshelfer im Darm von Insekten und Wirbeltieren, das vom Einsiedlerkrebs
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akquirierte leere Schneckenhaus und die symbiotischen Algen im Körper von Korallenpolypen und Mollusken sind dafür beliebige Beispiele. Alle diese zusätzlichen Organe werden jedoch vom Genetischen Code geschaffen oder über seine Wirksamkeit gewonnen, indem dieser Rezepte für angeborene Verhaltenssteuerung zu ihrer Gewinnung aufbaut. Sie kamen also auf dem mühsamen und nur beschränkt ergiebigen Weg über Mutationen und deren günstige Kombination zustande. Die Möglichkeit für wesentliche Fortschritte ergab sich erst, als beim Menschen sich die Leistungsfähigkeit des Gehirnes derart steigerte, daß er über Lernprozesse die Rezepte für Aufbau und Verwendung zusätzlicher Funktionsträger schuf und diese über Sprache und Schrift weitergab, so daß die Erfahrungen jeder Generation den folgenden zugute kommen und zur Basis weiterer effizienzsteigernder Entwicklungen werden.
Daraus ergibt sich folgendes Resümee:
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