Pierre Teilhard de Chardin (1925)
6. Lebensbeurteilung und Energontheorie
Bis heute betrachtet man die Zelle als Träger des Lebens. Unter Evolution faßt man die Entwicklung zur Zelle, die Entfaltung der Einzeller und jene der Vielzeller, zusammen. Aufgrund seiner geistigen Überlegenheit sieht man im Menschen den derzeitigen Höhepunkt der Evolution. Dieses Konzept ist so augenscheinlich, daß kaum Zweifel auftauchten. Die Körper der vielzelligen Pflanzen und Tiere stellen sich unseren Sinnen derart überzeugend als Einheiten dar, daß kaum Grund bestand, sie nicht als vollständige und einzige Repräsentanten dieses gewaltigen Entwicklungsvorganges anzusehen.
Die Entfaltung der menschlichen Organisation und Technik wird als kulturelle Evolution der biologischen Evolution gegenübergestellt. Bis auf den heutigen Tag ist man der Ansicht, daß es sich bei der kulturellen Entfaltung des Menschen um etwas grundsätzlich Anderes handelt. Im Gegensatz zur Evolution der Zelle und der Vielzeller - über deren Ursache und Verlauf es erhebliche Meinungsverschiedenheiten gibt - handelt es sich nach übereinstimmender Ansicht praktisch sämtlicher Wissenschaften bei der kulturellen Evolution um ein Ergebnis menschlicher Intelligenz, also um ein durchaus anderes Geschehen. Die vom Menschen geschaffenen Werkzeuge, Bauten, Maschinen und sonstigen Werke bestehen aus grundsätzlich anderem Material, sind mit den Zellkörpern nicht fest verbunden. Man sah keine Veranlassung, sie mit diesen in nähere Beziehung zu setzen, geschweige denn, sie als ihnen unmittelbar zugehörig zu betrachten. Teilhard de Chardin gehört zu den ganz wenigen, die sich überzeugend gegen diese Betrachtungsweise wandten, indem sie nicht den Augenschein, also das Material und das Verwachsensein in geschlossenen Körpern, sondern Funktionsfähigkeit zum Kriterium dafür machten, was die Lebensentfaltung charakterisiert.
Die Abtrennung des Organischen vom Anorganischen wurde immer wieder angezweifelt - besonders aufgrund des in beiden Bereichen durch die Forschung immer eindeutiger nachgewiesenen Stufenbaues. Dieser Stufenbau zunehmender Komplexität manifestiert sich im gesamten uns bekannten Universum und im besonderen auf unserem Planeten. Aus drei
(Originalbuchseite 168)

Abb. 23: Gesamtheit der Auseinandersetzungen an der Außenfront und an der Innenfront der Energone
Die Sektoren ergeben die Hauptkategorien des Begriffssystems der Energontheorie. Jede Erscheinungsform des Prozesses Leben läßt sich nach diesen Hauptkategorien relevant aufschlüsseln, einordnen, beurteilen und bewerten.
verschiedenen Elementarteilchen sind die Atome aufgebaut, deren es an die hundert verschiedene Arten gibt - die Elemente. Aus Atomen setzen sich die Moleküle zusammen - eine kaum überschaubare Zahl von Arten. Aus Molekülen sind die Zellen aufgebaut, von denen es heute einige tausend freilebende Arten gibt - die Einzeller. Aus Zellen sind schließlich Vielzeller aufgebaut - deren wir schon weit über eine Million Arten kennen.
Stellt man diesen Stufenbau in den Vordergrund, dann wird zunehmende Komplexität zum besonderen Kriterium der Lebensentfaltung. Die einen sehen darin eine der Materie immanente Eigenschaft, die anderen eine geistig übersinnliche Willensbekundung. Wer eine theistische Deutung zielhafter Schöpfung ablehnt, für den erhebt sich - besonders im Hinblick auf den Entropiesatz - die Frage, wie aus weniger Differenziertem höher Differenziertes entstehen kann, aus wenig Geordnetem Geordnetes, aus Leistungslosem Leistungsstarkes. Aus diesem Blickwinkel zweifelt man an der grundsätzlichen Berechtigung einer Abtrennung des Organischen vom Anorganischen, was noch dadurch unterstützt wurde, daß die Forschung einen geradezu lückenlosen Übergang nachweisen konnte. Es gelang, im Reagenzglas primitive Vorstufen des Lebens zu erzeugen. Über die ersten Entfaltungsschritte der Urahnen allen Lebens gibt es heute schon detaillierte, gut fundierte und überzeugende Hypothesen. Die Folgerung war, daß führende Biologen die anorganische Evolution - also jene der Atome und Moleküle - mit der organischen als Einheit sehen, während die kulturelle Evolution des Menschen als etwas davon Getrenntes betrachtet wird.
(Originalbuchseite 169)
Im Rahmen der Kybernetik wurde ein technischer Informationsbegriff geschaffen, der sich jedoch nicht mit dem in der Alltagssprache und auch in der Biologie verwendeten deckt. Bei Übermittlung von Signalen treten um so größere Fehler auf, je undeutlicher diese wahrgenommen werden, je unvollständiger sie an ihr Ziel gelangen. Je geringer diese Unschärfe ist, desto größer ist der Informationsgehalt des Signals - also der übermittelten Nachricht - im kybernetischen Sinne. Man stellt demnach fest, wieviel Informationsgehalt ein Signal enthält, und mißt, wieviel Informationseinheiten es in einem binären Maßsystem umfassen muß. Diese werden "bit" genannt - die Grundmaßeinheit der Kybernetik. Bei der Fortpflanzung der Lebewesen sind eine bestimmte Anzahl von Befehlen des Erbrezeptes - Genom genannt - an die beteiligten Zellen nötig, um ein neues Artindividuum aufzubauen. Dieser vom Genetischen Code ausgehende Befehlsumfang ist, zumindest theoretisch, in Informationseinheiten meßbar. Der Aufbau einer Katze erfordert viel mehr Informationseinheiten als der Aufbau eines Bakteriums. Je höher die Differenzierung, je komplexer die Organisation, desto mehr Informationseinheiten - bits - an Einzelbefehlen müssen somit richtig übertragen werden, um sie zu schaffen.
Daraus schloß man, daß sich Höherentwicklung als Informationssteigerung betrachten läßt. Die Berechtigung dieser Annahme schien sich auch daraus zu ergeben, daß man Angepaßtsein an Umweltfaktoren als Informationsgewinn auffassen kann. In je mehr Einzelheiten eine Pflanze oder ein Tier an seine Umwelt angepaßt ist, desto mehr Kenntnis - also Information - über diese hat es gleichsam gewonnen und in seinem Genetischen Code gespeichert. Da man - wie gesagt - in der Höherentwicklung, in der steigenden Differenzierung das auffälligste, ja überhaupt kennzeichnende Merkmal in dieser Entwicklung sieht, erblicken heute tonangebende Denker in den Pflanzen und Tieren - in den Lebewesen - in erster Linie informationserwerbende Systeme.
Dem Energieerwerb wird demgegenüber nur untergeordnete Bedeutung eingeräumt. Energie sei der für dieses Geschehen notwendige Treibstoff - nicht mehr. Der Informationsbegriff wurde darüber hinaus auf jede Differenzierung angewandt, auch im anorganischen Bereich, wo keine Nachrichtenübermittlung stattfindet. Ein Atom zeigt höhere Differenzierung als ein Elementarteilchen, und Moleküle sind komplexere Strukturen als die sie aufbauenden Atome. Moleküle haben darum weit spezifischere Wirkung - ihr Informationsgehalt wäre demnach größer als jener der Atome und Elementarteilchen. In letzter Folgerung wurde der Informa-
tionsbegriff bereits vom Begründer der Kybernetik, Norbert Wiener, den Begriffen Materie und Energie ebenbürtig zur Seite gestellt, als eine dritte Grundrichtung der Welt. Die erste wäre Materie, die zweite Energie, die dritte Information als Maß für Differenziertheit.
Die Energontheorie wendet sich gegen diese, das heutige Weltbild entscheidend beeinflussenden Konzepte. Der nahtlose Übergang vom Organischen zum Anorganischen wird nicht bestritten. Trotzdem aber ist eine klare Trennungslinie gegeben. Der Lebensprozeß stellt nämlich ein energetisches Phänomen besonderer Art dar - das im Gegensatz zu allen übrigen nicht Gleichgewichtszustände anstrebt, sondern sich in Potenz und Volumen steigert. Die dafür geeigneten Strukturen - die Energone - unterscheiden sich grundsätzlich, ausnahmslos und eindeutig abgrenzbar vom anorganischen Bereich - also von der Gesamtheit aller Energate, der nicht an diesem Geschehen beteiligten Materie und Kräfte. Alle Energone sind energieerwerbende und energiepotenzierende Systeme, die über Stofferwerb, Wachstum, Fortpflanzung und Bildung andersartiger Energontypen einen sich in Potenz und Volumen steigernden Strom bewirken und fortsetzen. Diese Eigenschaft macht sie von allen nicht dem Lebensstrom angehörenden Atomen, Molekülen, Kristallen und auch von den Sternsystemen abgrenzbar. In den bisher vorliegenden Allgemeinen Organisationslehren wurde dies übersehen.
Atome, Moleküle, Kristalle und Sternsysteme sind Gleichgewichtszustände mehr oder minder konstanter Beschaffenheit; verändern sie sich, dann streben sie weitere Gleichgewichtszustände an. Das an der pflanzlichen und tierischen Evolution Charakteristische ist keineswegs das Aufrechterhalten von Ordnungen, von Fließgleichgewichten, wie Berthalanffy es nannte. Die Aufrechterhaltung von Ordnungen und Gleichgewichtszuständen - meist über Regelkreise - ist wohl bei den einzelnen Lebensträgern wichtig, aber die Gesamtentwicklung ist darauf angewiesen, daß immer neue Ordnungen die vorhergehenden ablösen, ja zerstören. Die Potenzierung von Energie ist das wesentliche Moment - und eine solche kann nur über die als Energone bezeichneten Strukturen stattfinden, deren notwendige Eigenschaften einerseits von den für sie relevanten Umweltbedingungen determiniert sind, andererseits durch Erfordernisse im inneren Gefüge. Ihre anwachsende Differenzierung ist keineswegs primäres, richtungsetzendes Phänomen sondern notwendige Konsequenz.
Energone sind Werkzeuge - und immer komplexeren Aufgaben können nur immer stärker differenzierte Strukturen gerecht werden. Informa-
(Originalbuchseite 171)
tionsreichtum hat mit Effizienz, auf die es bei der Lebensentwicklung und der Lebensentfaltung ankommt, an sich nicht das geringste zu tun. Dies zeigt sich überall auf das deutlichste, wo primitive Lebensformen hochdifferenzierte verdrängen - und das kann sichtbar gemacht werden, indem man etwa ein Tier gemäßigter Breiten auf das Polareis verpflanzt. Hoher Informationsgehalt hilft dann nicht das mindeste, das Tier geht zugrunde. Effizienz ist vielmehr ein Passungsverhältnis gegenüber zahlreichen Faktoren, dessen Wert mit Informationsgehalt im kybernetischen Sinn nicht übereinstimmt und der sich darum auch nicht in bit messen läßt. Während der Informationsumfang beim Vorgang der Fortpflanzung eine wichtige Rolle spielt, da es sich hier um eine Befehlsübermittlung, also um einen echten Informationstransfer handelt, bei dem es auf die Zahl von zu übermittelnden Einzelsignalen ankommt, ist er für Bewertung von Effizienz völlig ungeeignet und nicht zuständig.
Ebenso abwegig ist auch die Übertragung von Informationswerten auf Atome und Moleküle, weil diese Gleichgewichtszustände von mehr oder minder großer Wahrscheinlichkeit sind, die nicht über Nachrichtenübermittlung entstehen. In der Information eine der Materie und der Energie gleichwertige Dimension zu sehen, muß als abwegig erkannt werden. Ein vom Menschen geschaffenes Maß, ein Werkzeug unseres Geistes also, wird dann zur Gottheit erhoben. Ein vergleichbarer Denkfehler unterlief den Pythagoreern, die in der Zahl den Ursprung aller Dinge sahen.
Die Lebensevolution wird nicht, wie bisher angenommen, von den als Lebewesen bezeichneten Zellkörpern getragen, sondern von Strukturen, die alle für diesen Zweck notwendigen Organe, sprich Funktionsträger, umfassen. Ob diese aus Zellen bestehen oder nicht, ist einerlei. Und ebenso einerlei ist, wie sie zustande kommen und ob sie mit dem restlichen Körper fest verwachsen sind oder nicht. Bei den niedersten Pflanzen und Tieren decken sich die Begriffe Lebewesen und Energon noch weitgehend - doch sehr bald gelangten die Lebewesen auch zu Funktionsträgern, die direkt aus anorganischem Material gebildet werden. So schafft sich die Amöbe Amoeba euglypha einen Panzer, indem sie Körnchen abscheidet, während die ihr verwandte Art Amoeba difflugia sich einen ähnlich aussehenden Panzer schafft, indem sie Sandkörner einsammelt und ihrer Zellhaut künstlich anfügt. Wer behaupten wollte, daß dieser zweite Panzer nicht Organ des Tieres sondern bloß dessen Werk sei, daß dieser Panzer also nicht zur Amöbe gehöre, der geht bewußt oder unbewußt, jedoch bestimmt am Wesentlichen vorbei. Ähnlich ist es bei der Spinne und ihrem
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Netz, beim Kaninchen und seinem Bau und zahlreichen weiteren Einheiten, die sich Tiere bilden beziehungsweise sich anfügen und die ihnen funktionell dienen, ohne mit ihrem Zelleib fest verwachsen zu sein. Entgegen der etablierten Ansicht und Lehrmeinung sei hier ein für allemal festgestellt, daß die Evolution keineswegs eine solche der Zelle ist. Die Evolution setzt sich vielmehr in Energonen fort, welche die Zelle beziehungsweise Zellstrukturen zum Ausgangspunkt und Zentrum haben. Bis zum Menschen war die Bildung von nicht verwachsenen Organen, sprich Funktionsträgern, nur in manchen Funktionsbereichen - besonders bei Schutz- und Erwerbsorganen - möglich und blieb immer an angeborene Verhaltenssteuerungen gebunden, die vom Genetischen Code aufgebaut werden mußten. Erst im Menschen gelangte diese Entwicklung zu einer Einheit, für die die Bildung zusätzlicher, künstlicher Organe zum Charakteristikum wurde, was dem weiteren Evolutionsverlauf außerordentliche neue Entfaltungsmöglichkeiten erschloß. Auch hier verbleibt indes als Regel, daß es nicht auf Informationsvolumen sondern auf Effizienz ankommt. Eine Wirkung also, die sich in der Energonbilanz und im Volumen neugebildeter Energonstruktur niederschlägt.
Während also zwischen dem anorganischen und dem organischen Bereich eine klar definierbare und beweisbare Grenze besteht, besteht zwischen der biologischen Evolution und der sogenannten kulturellen Evolution des Menschen keinerlei Trennwand. Die vom Menschen gebildeten Energone, deren Funktionsträger nur noch zum Teil aus Zellen bestehen, nur noch zum Teil vom Genetischen Code gebildet werden, stellen sich unseren Sinnen ganz anders dar als die festgefügten Zellkörper der Pflanzen und Tiere, sind ihnen aber trotzdem wesensgleich. Dies bedeutet, daß sie in allen wesentlichen Eigenschaften mit ihnen unmittelbar vergleichbar sind.
Die von den Nobelpreisträgern Monod, Luria, Eigen und Lorenz und der Mehrheit der heute richtunggebenden Biologen vertretene Ansicht, daß Informationsgewinn die Richtlinie der Evolution sei, führt zur Frage, warum sie dann stattfinde. Die darauf erteilte Antwort, die Lebensstrukturen seien das Werk einer gigantischen Lotterie, bewirken geradezu verzweifelte Bemühungen nachzuweisen, wie aus Zufällen so viel Zweckmäßigkeit entstehen konnte. Trennt man sich vom Grundkonzept, daß Höherentwicklung die Zielrichtung der Evolution sei, und erkennt man statt dessen, daß alle Differenzierung und Höherentwicklung nur Werkzeuge sind, welche die Eignung haben, einen Bewegungsfluß in Potenz und Vo-
(Originalbuchseite 173)
lumen zu steigern, dann fallen diese Schwierigkeiten fort. Dann ist Zweckmäßigkeit nicht eine rätselhafte Folge dieser oder jener Zufallskombination materieller Grundeinheiten sondern die an einem Raumzeitpunkt einzig mögliche oder beste Voraussetzung, ein sich steigerndes energetisches Geschehen zu bewirken und fortzusetzen. Dies kann ebenso gut über Zufälle wie auch über Intelligenzakte erfolgen: die jeweils notwendige Struktur ist vorgezeichnet. Wenn Demokrit - und nach ihm andere Denker - sagte, daß alles, was im Weltall existiere, die Frucht von Zufall und Notwendigkeit sei, dann kam er der hier vorgetragenen Lebensbeurteilung nahe. Zufälle begründeten das Einsetzen dieses Geschehens und waren an seiner Entfaltung auch weiterhin ständig beteiligt. Welche der unzähligen Zufälle indes Zweckmäßigkeit schaffen, die sich - eben weil sie zweckmäßig sind - fortsetzen, dies beruht auf Notwendigkeit. Die Strukturen, über die sich ein Prozeß steigern kann, sind von der Funktion, solches zu ermöglichen, determiniert.
Daraus ergibt sich folgendes Resümee:
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