4. Die Funktionsdynamik der Lebensträger
Alle im Rahmen des Lebensstromes benötigten Leistungen werden Funktionen genannt. Funktionen können ebenso gut in einer benötigten Aktion wie auch in einem benötigten Widerstand gegenüber einwirkenden Kräften bestehen. Funktionen können sich nur über materielle Strukturen verwirklichen - diese werden Funktionsträger genannt.
Der Lebensstrom wird gemäß der Energontheorie samt und sonders von Energonen getragen, fortgesetzt und gesteigert, wobei es unerheblich ist, welches Erscheinungsbild sie bieten. Ebenso unerheblich ist, aus welchem Material ihre Teile bestehen, ob diese fest miteinander verbunden sind oder auf welche Weise sie zustande kommen. Es sind Funktionsgefüge, bei denen es darauf ankommt, welche Kosten jede benötigte Leistung verursacht, wie präzise und mit welcher Geschwindigkeit sie erfolgt. Das Grundgerüst der benötigten Leistungen ist bei allen Energonen das gleiche.
A. Funktionsgeburt und Funktionsende
Jedes Energon ist ein Funktionsgefüge. Alle benötigten Funktionen werden durch materielle Strukturen, die Funktionsträger, erbracht.
Die Energontheorie unterscheidet zwischen Energonen und Energaten. Der Begriff Energat bezeichnet alle Materie und sämtliche Vorgänge, die nicht Energonen dienlich und demgemäß nicht Teil des Lebensstromes sind. Dieser ist eine energetische Manifestation, die Energate in Energonstrukturen verwandelt.
Wie schnell sich dieser Vorgang vollzieht, lehrt uns die Betrachtung beliebiger Energone. Jedes Photon Sonnenenergie, das von einer Pflanze in molekulare Spannung umgewandelt und ihr so dienstbar gemacht wird, verwandelt sich bei diesem Vorgang in einen Funktionsträger der Pflanze. Jedes Atom, das ein Tier mit seiner Nahrung aufnimmt und zum Aufbau körpereigener Struktur verwendet, verwandelt sich bei diesem Vorgang in einen Funktionsträger des Tieres. Ergreift ein Mensch einen auf dem Boden liegenden Stein, um ihn als Wurfwaffe zum Erlegen eines Tieres zu
(Originalbuchseite 121)

Abb. 17: Schematische Darstellung von Funktionsgeburt und Funktionsende
Energone benötigen Funktionen, die sich nur über
materielle Strukturen - Funktionsträger - verwirklichen können.
Zur Funktionsgeburt kommt es, indem sich eine benötigte Funktion (Leistung,
Wirkung) über eine materielle Struktur verwirklicht und diese damit
in einen Funktionsträger verwandelt (A). Oder indem ein Funktionsträger
zu einer weiteren, vom Energon benötigten Leistung gelangt (B). Oder
indem durch Zusammentreten mehrerer Funktionsträger ein neuer entsteht,
der eine grundsätzlich neue Funktion erbringt (C). Erübrigt sich
eine von einem Funktionsträger erbrachte Funktion, dann wird dieser
funktionslos (A).
x = benötigte Funktion (Leistung, Wirkung)
F-F3
= Funktionsträger
F0
= funktionslos gewordener Funktionsträger
a-d = Funktionen
verwenden, dann wird der Stein für die Dauer seiner Verwendung zum Funktionsträger dieses Menschen. Energate können so im Bruchteil von Sekunden und für beliebige Zeit zu Funktionsträgern werden und sich ebenso schnell wieder in Energate verwandeln. Stirbt ein Lebewesen, dann wird sein Gesamtkörper zu einem Energat. Auch wenn der äußere Schein es anders darstellt, trifft dies auch für Betriebskörper und Erwerbsorganisationen zu: Just in dem Augenblick ihres Zusammenbrechens werden sie, für welche Zeitspanne auch immer, zu Energaten werden. Daß bei solchem Erlöschen Teile funktionsfähig bleiben und in veränderter Form dem Lebensstrom weiter angehören und dienen können, wird nicht verneint.
(Originalbuchseite 122)
Eine weitere Form der Funktionsgeburt tritt in Erscheinung, wenn ein Funktionsträger aufgrund eintretender Veränderungen eine neue Bedeutung gewinnt und in diesem Sinne eine neue Funktion auszuüben vermag. Im Zuge der Evolution der Pflanzen und Tiere ist solches häufig vorgekommen und wurde zur Grundlage elementarer Verbesserungen. Wenn etwa bei der ersten Landeroberung durch Fische die besonders dünnwandigen und stark durchbluteten Zellen des Gaumendaches einen Gasaustausch zwischen der Luft und dem Blut vermittelten und so zum Ausgangspunkt der Lungenbildung wurden, dann zeigt dies ein Beispiel für diesen bedeutsamen Vorgang auf. Auch wenn es abwegig erscheint, ist der analoge Fall bei einem Antiquar gegeben, wenn er Waffen ihrer ursprünglichen Bedeutung als Streitinstrumente entkleidet und sie in Dekorationsobjekte umfunktioniert.
Eine dritte Form von Funktionsgeburt liegt dann vor, wenn durch Zusammentreten oder willentliche Zusammenfügung verschiedener Funktionsträger eine neue Einheit entsteht, die eine bis dahin nicht existente Leistung erbringt. Bei den Pflanzen und Tieren konnten solche Entwicklungen immer nur in kleinen Schritten erfolgen, während dem Menschen dank seiner Intelligenz und der Mobilität seiner artifiziellen Funktionsträger eine unbeschränkte Kombinationsfülle offensteht. Fast jede menschliche Erfindung und jedes Unternehmen fußen auf der Neukombination von mehr oder minder vielen bereits vorhandenen Elementen.
Daraus läßt sich folgender Satz ableiten:
B. Einzelfunktion und Mehrfunktion
Jedes Energon ist ein Funktionsgefüge. Alle benötigten Funktionen werden durch materielle Strukturen, die Funktionsträger, erbracht.
Der einfachste Fall einer Funktionserfüllung ist dann gegeben, wenn ein Funktionsträger nur eine Funktion erbringt. Er ist dann ausschließlich auf diese ausgerichtet und kann im weiteren Verlauf durch Spezialisierung und Rationalisierung auf ein Optimum an Leistungsfähigkeit gebracht werden.
Verschiedene Funktionsausübungen werden einem Funktionsträger dann möglich, wenn entsprechend viele Steuerungen hinzutreten, die dies bewirken. Naheliegendes Beispiel ist die menschliche Hand, die ohne irgendeine Veränderung mannigfaltige Tätigkeiten auszuüben in der Lage ist. Von der Energontheorie her müssen Funktionsträger und die sie lenkenden Steuerungen als Einheit erkannt werden. Sie liegen zwar räumlich getrennt - bedingen sich aber gegenseitig.
Die gleiche Betrachtungsweise ist auch bei den artifiziellen Funktionsträgern angemessen, wenn Steuerungen notwendig sind, um ihre Funktionsleistung zu bewirken. Hier wie bei anderen Beurteilungen wird deutlich, wie die visuelle Abgrenzung von Einheiten und die sich daraus ergebende Begriffsbildung zu einer Betrachtungsweise geführt hat, die vielfach das Wesentliche, das heißt die relevanten Zusammenhänge und Abhängigkeiten, übersehen ließ. Was derselben Funktion dient, muß also bei der Betrachtung, Beurteilung und Bewertung als Einheit gesehen werden.
Eine weitere Möglichkeit, wie ein Funktionsträger zur Mehrfunktion gelangen kann, besteht darin, daß er durch strukturelle Ergänzungen und Zusätze dazu befähigt wird. Dies zeigt ein Hammer, dessen eine Schlagseite so eingekerbt ist, daß mit ihm auch Nägel herausgezogen werden können. Es ist möglich, daß solche Abänderungen weder die Herstellungskosten erhöhen noch die ursprüngliche Funktionskraft beeinträchtigen. Im allgemeinen jedoch ist es die Regel, daß durch Anpassung an mehrere verschiedene Funktionen für jeden der Verwendungszwecke Einbußen die Folge sind. Eben dies tritt in Erscheinung, wenn in Unternehmen derselbe Mitarbeiter oder dieselbe Abteilung eine entsprechende Zahl verschiedener Aufgaben zu verrichten und zu bewältigen hat. Es läßt sich dann kaum vermeiden, daß dies Leistungsminderungen mit sich bringt. Es ist somit erkennbar, daß Mehrfunktion Kompromisse nach sich zieht.
Im Laufe der gesamten Evolution der Energone spielt das Hinzunehmen
(Originalbuchseite 124)

Abb. 18: Schematische Darstellung von Einzelfunktion und Mehrfunktion
Ein Funktionsträger kann ohne Abänderung seiner
Struktur zu weiteren Funktionen befähigt werden, indem Steuerungen
hinzutreten, die neue Verwendungszwecke ermöglichen (A). Sodann kann
ein Funktionsträger durch Erweiterung oder Differenzierung seiner
Struktur zu neuen Funktionserbringungen befähigt werden (B). Durch
Verbindung dieser Vorgänge können Funktionsträger in Funktionserweiterung
zu vielfachen Leistungserbringungen gelangen, was zu einer Funktionsüberbürdung
führen kann (C). Beispiel für A ist die menschliche Hand, für
B der Hammer mit zusätzlicher Zangenfunktion, für C der Blutkreislauf
(siehe Text).
F1-F3=
Funktionsträger
S1-4
= Steuerungen
a-d = Funktionen
x, y, z = zusätzliche Strukturen oder Differenzierungen
zusätzlicher Funktionen - die Funktionserweiterung - eine wesentliche Rolle. Ein Beispiel in der tierischen Evolution ist die Entwicklung des Blutkreislaufes, der zunächst der Nahrungszufuhr zu den einzelnen Zellen diente. Er übernahm dann in weiterer Folge auch den Abtransport der Stoffwechselschlacken, bei den Wirbeltieren den Gastransport für die Atmung, wurde auch zum Postweg für Hormone, zum Verkehrsweg für die als innere Polizei fungierenden weißen Blutkörperchen und Antikörper, um bei den Warmblütern schließlich noch zum zusätzlichen Träger einer inneren Zentralheizung zu werden - und bei zahlreichen Arten auch noch die Schwellkörper der Genitalorgane zu bedienen.
(Originalbuchseite 125)
Ein nicht minder instruktives Beispiel ist in der Evolution der Berufskörper und Erwerbsorganisationen - und im Luxussektor bei den menschlichen Haushalten - die Verwendung von Elektrizität. Zunächst wurde diese in Gemeinschaftsleistung aufgebaute Energieversorgung in erster Linie zur Beleuchtung und zum Betreiben von Geräten und Maschinen entwickelt. Im weiteren Verlauf wurde sie dann mitverwendet, um Haushalts- und Unterhaltungsgeräte verschiedenster Art zu betreiben.
Das zugrunde liegende Prinzip ist unschwer zu erkennen: Wie auch immer ein Energon beschaffen sein mag: es ist ökonomisch leichter, durch Erweiterung einer schon bestehenden Einrichtung zu neuen Leistungen zu gelangen, als wenn für solche eine von Grund auf neue Anlage geschaffen werden muß. Ohne das Vorhandensein des Blutkreislaufes hätten die höheren Wirbeltiere nie zu einer inneren Heizung gelangen können.
Als drittes Beispiel sei noch der talentierte Mitarbeiter eines Unternehmens angeführt, dem immer neue Aufgaben übertragen werden. Hier zeigt sich der Endpunkt solcher Funktionserweiterungen, wo Vorteil schließlich in Leistungseinbuße umschlägt, besonders deutlich. Am Ende führt Funktionserweiterung, also extreme Steigerung von Vielfunktion, zur Funktionsüberbürdung mit den sich daraus ergebenden Konsequenzen.
Hieraus läßt sich folgender Satz ableiten:
Jedes Energon ist ein Funktionsgefüge. Alle benötigten Funktionen werden von materiellen Strukturen, den Funktionsträgern, erbracht.
Über den Vorgang der Funktionserweiterung kann es zum Funktions-
(Originalbuchseite 126)

Abb. 19: Schematische Darstellung von Funktionswechsel
Bei Funktionsträgern, die über Funktionserweiterung
eine neue Funktion hinzugewinnen, kann diese zur Hauptfunktion werden,
während die ursprüngliche überflüssig wird. Dann hat
ein Funktionswechsel stattgefunden. Zu diesem Vorgang kann es durch Verknüpfung
mit Steuerungen (A) oder Strukturveränderungen (B) kommen.
F1-3
= Funktionsträger
S = Steuerung
a, b = Funktionen
x = Strukturerweiterung oder Differenzierung
wechsel kommen. Zu einer ursprünglichen Hauptfunktion tritt eine Nebenfunktion, die an Bedeutung gewinnt, während die ursprüngliche Funktion an solcher verliert. Endpunkt solcher Entwicklung kann sein, daß die ursprüngliche Funktion völlig überflüssig wird und der Funktionsträger schließlich nur noch der neuen Funktion dient.
In der Evolution der Pflanzen und Tiere hat dieser Entwicklungsweg zu zahlreichen Organbildungen geführt. So wurde aus dem Legestachel mancher Insekten ein Giftstachel - also aus einem Funktionsträger der Fortpflanzung ein solcher der Abwehr.
Nicht minder häufig führte dieser Entwicklungsweg auch in Technik, Wirtschaft und anderen menschlichen Tätigkeitsbereichen zur Entstehung funktioneller Einheiten aus solchen, die zunächst für völlig andere Zwecke entwickelt worden waren. Manche Knöpfe an unseren Kleidern dienen zum Beispiel nicht mehr der ursprünglichen Aufgabe des Verschließens, sondern wurden zu Elementen des Schmuckes - also zu Funktionsträgern
(Originalbuchseite 127)
der Befriedigung unseres Schönheitssinnes. Das heute im Auto verwendete Differential wurde durchaus nicht für dieses sondern für Webmaschinen erfunden - wechselte also in andere Energonbereiche über, denn aus den Webmaschinen entwickelten sich ja nicht die Autos. Das wiederum ist nur bei den vom Menschen gebildeten, nicht verwachsenen Funktionsträgern möglich. Der ökonomische Vorteil derartiger Organentstehung ist darin zu erblicken, daß eine zur Bildung sonst notwendige Anstrengung zum Zeitpunkt der Benötigung bereits aus einem anderen Lebensstromkontingent erbracht worden ist.
Daraus läßt sich folgender Satz ableiten:
Jedes Energon ist ein Funktionsgefüge. Alle benötigten Funktionen werden von materiellen Strukturen, den Funktionsträgern, erbracht.
Ist ein Funktionsträger mit zu vielen auszuübenden Funktionen überbürdet, dann bieten sich zwei Möglichkeiten zur Entlastung. Entweder geschieht dies durch Hilfseinheiten, die ihm Teilbereiche seiner Aufgabenerfüllung abnehmen, oder Funktionen werden abgetrennt und gehen auf einen neuen Funktionsträger über. Beide Vorgänge sind in der pflanzlichen und tierischen Evolution wie auch jener der Berufskörper und Erwerbsorganisationen gang und gäbe und haben - hier wie dort - einerseits zur Bildung hierarchischer Strukturen, andererseits zu immer weitergehender Differenzierung und Spezialisierung geführt.
Ein Beispiel für Funktionsteilung im Zuge der Evolution der Wirbeltiere liefert der Darmtrakt, der mit zunehmender Höherentwicklung in immer mehr spezialisierte Abschnitte unterteilt wird. Der analoge Fall ist in Unternehmen und Organisationen die Aufteilung in Delegationsbereiche, im
(Originalbuchseite 128)

Abb. 20: Schematische Darstellung von Funktionsteilung
Ein Funktionsträger, der durch eine Vielzahl von
Funktionen überbürdet ist, kann durch Teilung entlastet werden,
indem einige seiner Funktionen von anderen Funktionsträgern übernommen
werden (A). Eine Entlastung kann dem Funktionsträger auch durch Delegation
von Funktionen an ihm unterstehende Funktionsträger zuteil werden
oder durch Bildung eines Kollegiums (B). Eine Entlastung kann auch erfolgen,
indem auf das Erbringen bestimmter Funktionen ganz verzichtet wird (C).
F1-3
= Funktionsträger
a-f = Funktionen
Produktionsbetrieb in Fertigungsabschnitte, etwa am Fließband. Wie sich beim Anwachsen eines Funktionsträgers eine hierarchische Struktur subordinierter Einheiten entwickelt, zeigt im Zentralnervensystem der über Hirnreizungen experimentell ermittelte hierarchische Aufbau von Bewegungssteuerungen. Im Staatskörper begegnen wir der gleichen Entwicklung bei den Beamtenhierarchien der einzelnen Ministerien.
Bei militärischen und paramilitärischen Formationen sowie ausgeprägt in der Wirtschaft erfolgt die Entlastung der Linie durch Stäbe oder externe Beratungen. Im Bereich der menschlichen Energonbildung wirkt sich hier vorteilhaft aus, daß für praktisch jede Art von Leistung darauf spezialisierte Energone ihre Dienste anbieten und so mit zur Entlastung auch kurzfristig gemietet werden können.
(Originalbuchseite 129)
Neben hierarchischen Hilfsstrukturen mit beratenden Stäben und Differenzierung über Abtrennung einzelner Funktionsbereiche ist für Energone noch die weitere Möglichkeit gegeben, unter dem Druck nachteiliger Auswirkungen einer Funktionsüberbürdung auf die eine oder andere Funktion völlig zu verzichten, wodurch ebenfalls Entlastung erzielt wird. Entsprechende Rückbildungen sind Ausdrucksform dieser dritten Form einer Entlastung.
Daraus läßt sich folgender Satz ableiten:
Jedes Energon ist ein Funktionsgefüge. Alle benötigten Funktionen werden von materiellen Strukturen, den Funktionsträgern, erbracht.
Mit Funktionsstreuung wird der Tatbestand bezeichnet, daß an mehreren Punkten eines Energons gleichartige Funktionsausübungen erfolgen. Solches kann für Energone von Vorteil oder von Nachteil sein. Sind mehrere Funktionen innerhalb eines Energons mit der gleichen Funktionsausübung beschäftigt und würde die Zusammenlegung in ein Organ oder eine Werkstätte ökonomische Vorteile bringen, dann handelt es sich um einen notwendigen Abbau von Doppelarbeit oder Doppelgleisigkeit. In solchem Fall ist Zusammenlegung auf einen Funktionsträger, also Zentralisation, von Vorteil, weil sie Struktureinsparung ermöglicht sowie Übersichtlichkeit, schnelle Wege und kurze Entscheidungsketten im Funktionsraum gestattet.
Im Gegensatz dazu - besonders im Rahmen größerer Steuerungssysteme - gibt es auch Funktionen, bei denen Dezentralisation vorteilhafter
(Originalbuchseite 130)

Abb. 21: Schematische Darstellung von Funktionskonzentration und Funktionspartnerschaft
Haben mehrere Funktionsträger im Funktionsgefüge eines Energons
die gleiche Funktion zu erbringen, dann kann es durch Funktionskonzentration
auf einen Funktionsträger (Zusammenlegung) zu einer Leistungsverbesserung
kommen (A). Ebenso sind Rationalisierungen möglich, indem sich Funktionsträger
in Teilbereichen ihrer Tätigkeit zu einer Funktionspartnerschaft verbinden
(B).
G1, 2 = Energon, sich wandelnd
F1-4 = Funktionsträger
a-d = Funktionen
x = Partnerschaftlicher Bereich
und damit geboten ist, weil Konzentration auf eine einzige
Stelle Schwerfälligkeit, Intransparenz, geringe Anpassungsfähigkeit,
lange Wege und komplizierte Entscheidungsketten mit sich bringt. Ein instruktives
Beispiel für einen hohen Grad von Doppelgleisigkeit liefern die Zellen,
aus denen alle vielzelligen Pflanzen und Tiere, also auch der Mensch, bestehen.
Jede von ihnen hat ihre eigene Eiweißproduktion, jede produziert
ihre eigenen Energietransportbatterien, das ATP, das laufend auf- und entladen
wird. In Milliarden von Einzelbetrieben gibt es hier die gleichen Werkstätten,
was jedem Nationalökonomen als arge Substanz- und Kraftverschwendung
erscheinen muß. Im Rahmen der Evolution der Vielzeller war es aber
anscheinend über Mutationen nicht möglich oder erreichbar, daß
sich diese Funktionen auf Zentralorgane konzentriert hätten.
Den Vorgang einer sich verwirklichenden Funktionskonzentration
zei-
(Originalbuchseite 131)
gen uns die Bestrebungen der Europäischen Gemeinschaft zur höheren wirtschaftlichen und politischen - und damit auch sozialen - Integration. Nationale Staatsenergone vereinigen sich hier in gewissen Bereichen zu Energonen nächsthöherer Ordnung.
Von Funktionspartnerschaft sprechen wir, wenn zwei oder beschränkt viele Funktionsträger sich in einem Teilbereich vereinigen - wie dies etwa in unserem Körper bei den Nieren und den Geschlechtsorganen der Fall ist. Diese benützen denselben Ausführungsgang für ihre Produkte, teilen sich also in dieser Einheit - was ökonomischer als getrennte Ausgänge ist. Dieselbe Methode, zu Einsparungen zu gelangen, sehen wir, wenn mehrere Abteilungen in einem Unternehmen sich gleicher Funktionsträger bedienen - desselben Boten, derselben Schreibkraft, einer gemeinsamen Telefonzentrale oder ähnlichem.
Besonders weitgehende Funktionskonzentrationen wurden bei den nicht verwachsenen Strukturen der Erwerbsorganisationen möglich - etwa in Betrieben, wo an vielen Stellen benötigte Leistungen wie Reparatur, Versorgung, Verköstigung, Fuhrpark oder medizinische Betreuung in jeweils einem Organ zusammengefaßt sind. Bei sämtlichen vom Menschen gebildeten Energonen ergibt sich darüber hinaus die besonders förderliche, da kostensparende Möglichkeit, daß zahlreiche verschiedene Energone sich desselben Funktionsträgers bedienen, wie das in kleineren Unternehmen etwa bei der Verpflichtung eines Stundenbuchhalters, eines Rechtsbeistandes, beim Anschluß an ein Rechenzentrum oder ähnlichen benötigten Dienstleistungen der Fall ist. Dann konzentriert sich die benötigte Funktion nicht nur an einem Punkt, sondern verläßt gleichsam das Energon - wird zur Grundlage der Erwerbstätigkeit darauf spezialisierter anderer Energone, die exekutiv für ihre Auftraggeber fungieren. Pacht und Leasing sind übliche Bezeichnungen für diesen Vorgang, der allen Beteiligten zugute kommt.
Daraus läßt sich folgender Satz ableiten:
F. Funktionsverbesserung und Funktionserneuerung
Jedes Energon ist ein Funktionsgefüge. Alle benötigten Funktionen werden von materiellen Strukturen, den Funktionsträgern, erbracht.
Zur Steigerung einer benötigten Funktion kann es auf zwei Wegen kommen. Entweder wird ein bestehender Funktionsträger durch Vergrößerung und Umschichtung seiner Struktur sowie durch Einbeziehung von Hilfskräften zu höherer Leistungskraft gebracht, oder er wird durch einen Funktionsträger ersetzt, der über grundsätzlich andere Verfahren die benötigte Leistung besser erbringt. Im ersten Fall sprechen wir von Funktionsverbesserung, im zweiten von Funktionserneuerung. Beide Wege werden sowohl in der Evolution der Pflanzen und Tiere als auch in jener der Berufskörper und Erwerbsorganisationen häufig beschritten.
So erreichte in unserer Ahnenreihe das Auge über Funktionsverbesserung seine heutige Ausbildung. Aus einem mit lichtempfindlichen Sinneszellen ausgekleideten Becher wurde das Lochauge, das dann durch Linse, entsprechende Muskeln zur Akkomodation, Farbunterscheidungsvermögen, schützendes Lid und anderes in seiner Leistungsfähigkeit immer mehr verbessert wurde. Ebenso wurden Maschinen durch ständige Verbesserung und Zusatzeinrichtungen zu höherer Leistungsfähigkeit gebracht. In den über Erfolg anwachsenden Unternehmen und Organisationen entstehen bei diesem Vorgang immer komplexere hierarchische Strukturen, deren gesteigerte Kraft sich auf Differenzierungen und Spezialleistungen stutzt.
Eine Funktionserneuerung sehen wir in der tierischen Evolution, wenn etwa an die Stelle eines Fluchtverhaltens die Ausbildung eines Giftstachels tritt. Total andere Strukturen und Leistungen führen dann zum gleichen benötigten Ergebnis: dem Feindschutz. Im Wirtschaftskampf werden durch Änderungen im Herstellungsverfahren nicht selten entscheidende Vorteile erzielt und Konkurrenten aus dem Feld geschlagen. Im letzten Weltkrieg brachte der Einsatz der Atombombe den sonst in dieser Zeitspanne nie zu erringenden Sieg über die Japaner.
Alle auf dem einen oder anderen Weg erzielten Leistungssteigerungen beruhen auf dem Stützen, Steigern, Verbreitern, Veredeln, Spezialisieren und Konzentrieren der Funktionen im allgemeinen und ihrem Verbilligen, Präzisieren und Optimieren des Zeitablaufes im besonderen.
(Originalbuchseite 133)

Abb. 22: Schematische Darstellung von Funktionsverbesserungen
Funktionsverbesserungen können erreicht werden, indem
Strukturerweiterungen und Modifikationen stattfinden oder Steuerungen hinzutreten
(A). Ebenso durch Funktionserneuerung, indem ein Funktionsträger durch
einen leistungsstärkeren ersetzt wird (B).
F1-3
= Funktionsträger
a = Funktion
aa = gesteigerte, verbesserte Funktion
ex = Funktionsträgerabgang
in = Funktionsträgerzugang
Daraus läßt sich folgender Satz ableiten:
Jedes Energon ist ein Funktionsgefüge. Alle benötigten Funktionen werden von materiellen Strukturen, den Funktionsträgern, erbracht.
Verliert aufgrund von Änderungen in der Umwelt oder im Leistungsgefüge des Energons eine Funktion an Bedeutung oder wird sie überflüssig,
(Originalbuchseite 134)
dann ist die Rückbildung der sie ausübenden Funktionsträger für das Energon und seine Konkurrenzkraft wichtig und entscheidend.
In der Praxis stellen sich derartigen Rückbildungen erhebliche Widerstände entgegen. Bei den Pflanzen und Tieren ist die Rückbildung funktionslos gewordener Einheiten auf entsprechende Mutationen angewiesen und kann vielfach erst im Laufe von Jahrmillionen und zahllosen Generationen allmählich erreicht werden. Die Rückbildung der Augen bei Höhlentieren liefert dafür ein gutes Beispiel. Bei den vom Menschen gebildeten Energonen treten Widerstände auf, wenn Mitarbeiter und ganze Abteilungen ihre ökonomische Existenzberechtigung verlieren. Für die Betroffenen wird damit die etablierte Lebensgrundlage in Frage gestellt, und sie wirken dem entgegen, indem sie über diese oder jene Maßnahme den Bedeutungsverlust der von ihnen ausgeübten Funktion verschleiern oder diese über ihre Wichtigkeit hinaus aufbauschen.
Auf diese Erscheinung wies bereits Parkinson hin, sie fällt teilweise unter den Begriff der bürokratischen Wucherung. Für das Energon, dem sie angehören, ergibt sich daraus die gefährliche Auswirkung, daß solche Funktionsträger ihre Leistung nicht mehr nach dem Energoninteresse ausrichten, sondern sie derart gestalten, daß ihre eigene Position nach Möglichkeit abgesichert bleibt. Auch eingefahrene Gewohnheiten und die Tatsache nun einmal erfolgter Investitionen schlagen sich im Bereich der menschlichen Energone in Widerständen gegen Abänderungen und Abstoßungen von Einheiten - ob Mensch oder technische Einrichtung - nieder.
Funktionsabbau ist durch Verminderung der den Funktionsträger unterstützenden Hilfseinheiten möglich und verläuft dann der Funktionssteigerung entgegengesetzt. Hierarchische Hilfsstrukturen verkleinern sich dann - was sich besonders deutlich in Heeresabschnitten zeigt, die aus technischen oder strategischen Gründen gegenüber anderen an Bedeutung verlieren. Endpunkt derartiger Entwicklung ist die totale Liquidierung des Funktionsträgers. Oder die an Bedeutung verlierende Funktion wird auf einen oder mehrere andere Funktionsträger übertragen, die von ihrer Funktion her selbst nicht voll ausgelastet sind und diese Aufgabenrudimente in Mehrfunktion mitübernehmen können. Dann kommt es bei diesen zur Funktionserweiterung, während der ursprüngliche Funktionsträger ebenfalls verschwindet.
Daraus ergibt sich folgender Satz:
(Originalbuchseite 135)
Jedes Energon ist ein Funktionsgefüge. Alle benötigten Funktionen werden von materiellen Strukturen, den Funktionsträgern, erbracht.
In der Evolution der Pflanzen, Tiere, Berufskörper und Erwerbsorganisationen läßt sich folgendes beobachten: Zunächst werden Funktionsträger für eine bestimmte Funktion gebildet. In der Folge übernehmen sie - da sie nun einmal existieren - oftmals zusätzliche Funktionen, was zur Funktionsüberbürdung und zur anschließenden Funktionsteilung führen kann. So kommt es erneut zu Einheiten, die zunächst nur eine Leistung erbringen und bei denen die gleiche Entwicklung ihren Lauf nehmen kann.
Oder die Mehrfunktion führt zum Funktionswechsel. Auch daraufhin kann es zur Funktionserweiterung, zur Funktionsüberbürdung und anschließenden Funktionsteilung kommen.
Je mehr spezialisierte Einheiten jedoch in einem Energon entstehen, um so mehr wird wahrscheinlich, daß dies Hilfsleistungen notwendig macht, die früher oder später wieder in einem Organ gebündelt werden. Auch dann ist ein Organ mit zunächst einer Funktionsleistung entstanden, bei dem der Spiralprozeß ansetzt.
Differenzierung und Spezialisation resultieren somit aus solchen Spiralprozessen.
Daraus läßt sich folgender Satz ableiten:
(Originalbuchseite 136)
Die Essenz des über Funktionsverwirklichung Gesagten kann wie folgt zusammengefaßt werden.
Fünfter Hauptsatz der Energontheorie: