Heraklit (540-480 v. d. Z.)
1. Lebensstrom und Energone
A. Die Energontheorie und ihr Begriffssystem stützen sich auf das Weltbild der modernen Physik.
Nach den Erkenntnissen dieser Wissenschaft kommt im Universum der Energie besondere Bedeutung zu. Nicht nur beruhen alle bekannten Bewegungen und Kräfte auf Energie, sondern auch alle Materie, aus Elementarteilchen aufgebaut, stellt sich als energetisches Phänomen dar. Im Experiment konnten Elementarteilchen, also Masse, in Energie zerstrahlt und aus Energie Elementarteilchen, also Masse, geschaffen werden. Die Einsteinsche Masse-Energie-Relation, der zufolge jedes Gramm Masse einen Energiewert von 8,987 . 1020 erg darstellt, ist bewiesen. Was dagegen Energie letztlich ist, entzieht sich unserem Wissen.
Energie hat zwei Grundeigenschaften, die in den beiden Hauptsätzen der Thermodynamik formuliert wurden:
Erstens ist sie unzerstörbar, wie der erste dieser Hauptsätze besagt. Sie kann sich von einer Erscheinungsform in andere verwandeln, bleibt dabei jedoch zur Gänze erhalten. Erscheinungsformen von Energie sind: Gravitationsenergie, Kinetische Energie, Elektromagnetische Energie, Kernenergie und Ruhmassenenergie. Aus letzterer bestehen die Elementarteilchen, aus denen sich - unter Beteiligung von Kernenergie und elektromagnetischer Energie - die um ein Millionenfaches größeren Atome zusammensetzen.
Zweite Grundeigenschaft der Energie - im zweiten Hauptsatz der Thermodynamik festgehalten - ist, daß sich bei jeder Umwandlung von einer Energieform in andere und bei jeder Auseinandersetzung zwischen Energieformen die Fähigkeit, Arbeit zu leisten, vermindert. Potentiale verringern sich, streben ein Minimum an, Spannungen verlieren an Kraft - es kommt zu Gleichgewichtszuständen.
Der Prozeß "Leben" stellt sich als Ausnahme dar. Er nahm vor vier Milliarden Jahren im damaligen Urmeer seinen Anfang und manifestiert sich in Lebewesen, die anwachsen und sich vermehren. Die Zahl der Arten und der Individuen nimmt zu. Das Volumen der den Lebensprozeß weitertragenden Materie wächst, und die Potenz des Stromes, Arbeit zu leisten,
(Originalbuchseite 64)
steigert sich. Da es nur für den Vorgang eine Bezeichnung gibt - nämlich Leben -, nicht jedoch für die Gesamtheit der diesen Prozeß fortsetzenden und ihn somit ausmachenden Materie, wird diese Gesamtheit Lebensstrom genannt. Der Lebensstrom umfaßt somit sämtliche Materie, die dieses energetische Phänomen fortsetzt. Der Lebensstrom ist demnach dadurch ausgezeichnet, daß sich im Gegensatz zu allen anderen bekannten energetischen Phänomenen sein Volumen und seine Potenz, Arbeit zu leisten - wie eine ständig anwachsende Lawine -, steigert.
Daraus läßt sich folgender Satz ableiten:
Die Energontheorie fußt auf der Behauptung, daß ein solches sich steigerndes energetisches Geschehen nur über Strukturen stattfinden kann, die in zentraler Eigenschaft die besondere Fähigkeit besitzen, mehr arbeitsfähige Energie aus der Umwelt zu gewinnen und in ihren Dienst zu zwingen, als die Gesamtheit ihrer Tätigkeiten an solcher verbraucht. Sie fußt also auf der Behauptung, daß der Lebensstrom sich nur über solche Strukturen fortsetzen kann.
Da es für energieerwerbende Systeme keine gemeinsame Bezeichnung gibt, wird jedes solche System "Energon" genannt.
Die Energone sind demnach nicht durch ein besonderes Aussehen, sondern durch eine besondere Wirkung definiert. Wir sind der Sklave unseres Auges und gewöhnt, die Erscheinungen vom Sinnfälligen her einzuteilen. Die Energontheorie zeigt verwandtschaftliche Beziehungen zwischen Strukturen auf, die sich äußerlich unseren Sinnen total verschieden dar-
bieten und deshalb zu einer getrennten Beurteilung verleiten.
Schon hier sei festgestellt, daß die Energone, um den Lebensstrom fortsetzen zu können, noch über zahlreiche weitere Fähigkeiten verfügen müssen. Doch da jede Tätigkeit arbeitsfähige Energie verbraucht, sind diese Fähigkeiten mit Energieausgaben verbunden und setzen bereits erzielte Energieüberschüsse voraus. Die Erzielung positiver Energiebilanzen ist somit notwendigerweise die zentrale Fähigkeit, über die jedes Energon verfügen muß - seine conditio sine qua non. Diese Fähigkeit ist Grundvoraussetzung für den Lebensstrom.
Ebenso ist ausdrücklich darauf hinzuweisen, daß ein an Volumen und Potenz anwachsender Prozeß nicht dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik widerspricht. Insgesamt wird auch vom Lebensstrom Energie entwertet, also ihrer Fähigkeit Arbeit zu leisten beraubt. Der Potenzierungsvorgang verläuft so, daß über Einbeziehung und Entwertung größerer Energiemengen kleinere auf ein höheres Potential angehoben werden. Über den Verlust von Quantität wird eine Steigerung der Qualität erreicht. Goethe - nicht minder bedeutend als Naturforscher wie als Dichter - erkannte bereits dieses zentrale Charakteristikum aller Lebewesen, wenn er von ihnen sagte, daß sie nur einen Teil des von ihnen Aufgenommenen verarbeiten, diesem jedoch etwas "Vorzügliches und Eigenes" gewähren.
Der Lebensstrom ist ein sich potenzierendes energetisches Geschehen. Er kann nur über Einheiten stattfinden, die eine im Durchschnitt positive Energiebilanz aufweisen. Das ist eine Notwendigkeit, von der es keine Ausnahme gibt - weil ohne Überschuß an arbeitsfähiger Energie keinerlei Bewegung und damit auch keine Entwicklung und kein Informationserwerb stattfinden kann. In weiterer Konsequenz folgt daraus, daß auch im übrigen Universum - sofern sich die Naturgesetze nicht grundsätzlich verändern - ähnliche Prozesse immer nur über Energone stattfinden können.
Die Energontheorie unterscheidet zwischen Energonen und Energaten. Der Begriff Energat bezeichnet alle Materie und sämtliche Vorgänge, die nicht Energonen dienlich und demgemäß nicht Teil des Lebensstromes sind. Dieser ist, auf einfachsten Nenner gebracht, eine energetische Manifestation, die Energate in Energonstrukturen verwandelt.
Daraus läßt sich folgender Satz ableiten:
Mit dem Begriff "Berufskörper" ist nicht der Mensch an sich gemeint. Es wird hier nicht der genetische menschliche Körper mit jenem der tierischen und pflanzlichen Körper verglichen. Berufskörper ist vielmehr die zur Ausübung einer Erwerbsart notwendige Gesamtstruktur. Diese umfaßt zum Beispiel beim Schuhmacher außer diesem selbst auch seine Werkstatt mit den notwendigen Werkzeugen und der Werkbank, seine Hilfskräfte, einen möglichen Verkaufsraum, seine Buchführung, sein Bankkonto und alles darüber hinaus für seine Berufsausübung Notwendige. Wir sehen also, daß diese Gesamtstruktur nicht wie der Organismus eines Tieres und einer Pflanze zusammengewachsen ist, sondern eine künstliche Erweiterung des menschlichen Körpers darstellt. Durch zusätzliche Einheiten - künstliche Organe - gelangt hier der Mensch zu erweiterten Fähigkeiten und vermag Leistungen zu erbringen, die im Rahmen der organisierten menschlichen Gemeinschaft von anderen benötigt werden. Auf diesen Bedarf, der durch einen Tauschakt befriedigt wird, gründet sich sein Erwerb.
Um Mißverständnissen vorzubeugen, muß hier erwähnt werden, daß ein Mensch gleichzeitig mehr als einen Berufskörper bilden kann, wobei es wichtig ist zu wissen, daß dann jeder als gesondertes Energon zu betrach-
(Originalbuchseite 67)

Abb. 1: Erweiterung des menschlichen Körpers durch künstliche Organe
Der Mensch als aufbauendes und steuerndes Zentrum kann
einen Berufskörper bilden (A) oder auch mehrere (B), ebenso auch Luxuskörper
(L).
M = Mensch als steuerndes Zentrum.
B = Berufskörper. Die Gesamtheit aller für
die betreffende Berufstätigkeit notwendigen Einheiten.
L = Luxusstruktur. Die Gesamtheit aller nicht zum Berufskörper
gehörenden Einheiten.
E1 =
Energieausgabe. Sämtliche mit Erwerb und Luxustätigkeit verbundenen
Energieausgaben.
E2 =
Energieeinnahme. Die für jedes Energon notwendigen Energieeinnahmen,
die im Durchschnitt größer sein müssen als die Gesamtheit
aller Energieausgaben.
x = künstliche Organe, die zwei Berufskörpern
dienen.
y = künstliche Organe, die sowohl einem Berufskörper
als auch der Erzielung von Annehmlichkeiten (Luxus) dienen.
ten ist. Ebenso besteht die Möglichkeit, daß derselbe Mensch im Laufe seines Erwerbslebens verschiedene Berufskörper - Energone - aufbaut.
Die vierte große Gruppe von Energonen, die Erwerbsorganisationen, sind nicht mehr als Erweiterungen eines Einzelmenschen aufzufassen. In ihrem um eine oder mehrere Stufen höher integrierten Gefüge werden auch Berufskörper zu funktionellen, auswechselbaren Einheiten.
Die großen nationalen und internationalen Unternehmen dieser Welt zeigen dies deutlich. Die sie steuernde Technostruktur mit ihren Managern, Technologen und Meistern erneuert sich in eigener Machtbefugnis. Das gilt auch für die großen Verwaltungseinheiten, Staatsbetriebe und Dienstleistungsgesellschaften - obwohl sie Organe einer noch größeren Energoneinheit, nämlich des Staates sind. Der Unterschied der Erwerbsorganisation zum Berufskörper liegt in ihrer Überindividualität.
(Originalbuchseite 68)
Ein hierarchischer Stufenbau kennzeichnet die gesamte Entfaltung und Entwicklung der Energone, die vom Kleinsten bis zum Größten Träger der Lebensentfaltung sind. Die Evolution ist somit durch die Entfaltung der Energone charakterisiert, wobei der Mensch zum effizientesten Aufbauorgan von Energonen wurde. Er bildet außer Energonen - also Berufskörpern und Erwerbsorganisationen - auch Luxusstrukturen. Sie sind somit ebenfalls Teil der Lebensentfaltung - haben jedoch stets und ausnahmslos die Erträge der Energone zur Voraussetzung.
Der Energonbegriff ist insofern relativ, als die Fähigkeit, den Lebensstrom fortzusetzen, von einem geeigneten Passungsverhältnis zu einer Energiequelle und zur sonstigen Umwelt abhängt. So mag sich eine Struktur in einer Umgebung als Energon erweisen, in einer anderen dagegen nicht.
Daraus läßt sich folgender Satz ableiten:
Das Aufdecken dieser universellen Struktur, die alle Lebewesen auf das engste verwandt werden läßt, war die erste entscheidende Entdeckung auf dem Gebiet der Biologie, die erst im vergangenen Jahrhundert gelang. Ihr folgte alsbald - durch Darwin - die weitere, derzufolge alle Lebewesen von gleichen Urformen abstammen.
Ein drittes verborgenes Gemeinsames wurde dann in der zweiten Hälfte unseres Jahrhunderts entdeckt: der allen Lebewesen gemeinsame Genetische Code, das Aufbaurezept aller Pflanzen und Tiere in Gestalt einer molekularen Schrift innerhalb der Zellkerne. Die Buchstaben dieser chemi-
(Originalbuchseite 69)
schen Schrift sind bei allen Lebewesen dieselben. Diese Gleichartigkeit beweist nicht nur unsere Verwandtschaft mit sämtlichen höheren Pflanzen und Tieren, sondern sogar mit den Einzellern, den Bakterien und den Viren.
Damit ist jedoch die Grundeinheit aller Lebensentwicklung noch nicht aufgezeigt. Nach der Entdeckung der Zelle, der gemeinsamen Abstammung und des Genetischen Codes ist nunmehr die Zeit reif, eine weitere, vierte, noch universellere Gemeinsamkeit aller Lebensstrukturen, einschließlich des vom Menschen Geschaffenen, aus der Nacht der Unkenntnis an das Licht des Tages zu bringen.
Die Energontheorie behauptet, daß sich der Lebensprozeß notwendigerweise nach einem gemeinsamen Grundkonzept entfaltet hat und notwendigerweise in aller Zukunft auch weiterhin nach diesem sich entfalten muß. Sie behauptet, daß sämtliche Lebewesen - um bestehen und sich weiter entwickeln zu können - gleichsam an dieselben Regeln gebunden und daß eben diese Regeln auch für die raumzeitliche Struktur der vom Menschen aufgebauten Erwerbskörper - sprich Energone - maßgebend sind. Die die Effizienz konstituierenden Faktoren sind bei sämtlichen Energonen - so verschieden sich diese auch unseren Sinnen darbieten mögen - die durchaus gleichen. Die Fähigkeit, sich im Lebenskampf durchzusetzen, bei den Pflanzen und Tieren Selektionswert genannt, entspricht in Wirtschaft, Wissenschaft und Verwaltung dem Vermögen, sich im Konkurrenzkampf zu behaupten, um gegenüber Mitbewerbern zu überleben und zu obsiegen.
Es ist offenkundig, daß dieses verborgene Grundgerüst zu einer Betrachtungsweise zwingt, welche sich kraß gegen unsere traditionellen, seit Jahrtausenden überlieferten Denkkategorien wendet. Die Energontheorie erlaubt, dieses den Sinnen verborgene Gemeinsame dem Geiste erfaßbar darzustellen. Sie bezieht in ihre Betrachtung nicht nur Tiere und Pflanzen, sondern die vom Menschen geschaffenen Berufskörper und Erwerbsorganisationen als dazugehörig, von diesen nicht trennbar und ohne diese nicht verständlich, mit ein. In einer Zeit wachsender Zersplitterung der Wissenschaften und Spezialisierung ihrer Vertreter geht es hier darum, eine universell anwendbare Deutung der so ungeheuer komplexen und vernetzten Strukturen des Lebensstromes zu erfassen und zu begreifen.
Ziel und Sinn des Lebens sind nicht, üblichem Denken gemäß, der Mensch und sein Wirken - und ebensowenig die Pflanzen und Tiere. Sämtliche Lebewesen, einschließlich des Menschen und seines Wirkens,
(Originalbuchseite 70)
sind nur Bestandteile einer energetischen Entfaltung, die sich längst über die Zellkörper hinweg fortgesetzt hat. Auch der Mensch ist bloß Erfüllungsgehilfe des Lebensstromes - wenngleich sein effizientester.
Daraus läßt sich folgender Satz ableiten:
Erster Hauptsatz der Energontheorie:
Zurück zu Inhalt von "Die Schöpfung geht weiter"
Weiter zu "Die Funktionsträger" in "Die Schöpfung geht weiter"