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15. Die weitere Entwicklung der Lebensentfaltung

Zukunftsprognosen

Lassen sich aus den Erkenntnissen der Energontheorie Zukunftsprognosen ableiten? Hass versuchte dies bereits 1970 in seinem Werk "Energon". Er stellte dort vier Modelle für mögliche politische oder wirtschaftliche Entwicklungen auf unserem Planeten vor, die sich aus den Gesetzen der Energonentwicklung ableiten lassen.82 Eine dieser Prognosen hat sich bereits verwirklicht - und zwar über schnellere Vorgänge, als Hass damals annahm. Die übrigen gewannen deutlich an Wahrscheinlichkeit.

Erstes Zukunftsmodell: Dieses stützt sich auf die allen Energonen inhärente Ausrichtung auf Machtsteigerung. Eine solche müsse geradezu zwangsläufig zu einer Selbstzerstörung der Lebensentfaltung führen, meinte Hass. Kriege seien eine geradezu notwendige Folge des Konkurrenzkampfes der Energone, und seit der Atombombe sei eine Selbstzerstörung in greifbare Nähe gerückt. Hass schreibt, dieses Modell ergäbe "-von unserem bedauerlichen Schicksal abgesehen - ein nicht unharmonisches Bild". Energie entfalte sich bis zu einem bestimmten Potential, dann zerstöre dieser Prozeß seine eigene, ihn hochtragende Struktur.

Diese Möglichkeit einer Zukunftsentwicklung hat inzwischen - wie allgemein bekannt - deutlich an Wahrscheinlichkeit zugenommen. Zwar hat die Atombombe durch die abschreckende Wirkung ihres Einsatzes zu einer besonders langen Friedensperiode geführt. Sie wird vom Menschen gefürchtet und verdammt, konnte aber bisher trotzdem nicht abgeschafft werden. Fast noch gefährlicher wurde jedoch die "friedliche Nutzung" der Atomenergie. Die Ausrichtung auf immer größeren Wohlstand und Genuß, im Zusammenwirken mit der Bevölkerungsexplosion, läßt heute weltweit Atomkraftwerke wie Pilze aus dem Boden schießen. Man betrachtet sie immer mehr als notwendig und unvermeidbar. Jeder solche Reaktor stellt nun aber eine potentielle Atomwaffe für den Fall zukünftiger Kriege dar. Dann müssen Atombomben gar nicht mehr produziert und mit Raketen über weite Strecken geschossen werden, sondern befinden sich bereits in Form von Atomkraftwerken im Zielareal. Es genügt sie durch Sabotage, Abwurf konventioneller Bomben oder Kanonenbeschuß in Vernichtungswaffen zu verwandeln, die sehr wohl eine Verseuchung der Welt durch Radioaktivität bewirken können.

Die Angst vor einem Weltuntergang tauchte wohl immer wieder in der Geschichte auf, bezog sich jedoch meist auf eintretende Naturkatastrophen. Die Gefahr, daß die Menschheit sich selbst und alles übrige Leben vernichten könnte, wurde erst seit Hiroshima aktuell. Daß aber nicht Irrsinn, sondern die Gesetze der Lebensentfaltung selbst ein solches Desaster gleichsam vorprogrammieren, ist ein neuer Gedanke, den Hass aus der Energontheorie unmittelbar abgeleitet hat. Gelingt es dem Menschen nicht, die sich über ihn hinweg fortsetzende Energonentfaltung abzubremsen - und so aus einem Diener zum Herren zu werden -,

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dann ist ein solch bedauerlicher Abschluß immer weiterer Energiepotenzierung durchaus denkbar.83

Zweites Zukunftsmodell: Dieses bezieht sich auf die Möglichkeit einer weltweiten Machtausbreitung des Kommunismus oder einer ähnlich totalitären Weltanschauung und die sich daraus ergebenden Folgen. Hass schreibt: "Von der Energontheorie her erscheint mir dann folgende weitere Entwicklung ziemlich klar vorgezeichnet: Der äußere Feind fällt weg, gegen den sich dieses System richtet. Es verbleibt ein einziges riesengroßes Energon, das jedem Menschen der Welt seinen funktionellen Platz zuweist, seine Pflichten, sein Entgelt und seine Luxusmöglichkeiten festlegt. Nach den bisherigen Erfahrungen der Menschheitsgeschichte ist eine solche gewaltsame Unterdrückung des Strebens nach individueller Entfaltung auf die Dauer nicht möglich. Nur so lange ein Feind dieses Systems existiert, kann sie aufrechterhalten werden. Bei den kommunistischen Staaten zeigt sich dies deutlich darin, wie häufig und wie ausgiebig dort das Schreckgespenst eines Feindes herhalten muß. Gibt es dieses Schreckgespenst nicht mehr, dann muß - meines Erachtens - ein solches totalitäres System früher oder später aus inneren Ursachen zusammenbrechen. Es geht dann ganz von selbst in andere Staatsformen und schließlich in ein marktwirtschaftliches System über. Warum gerade in dieses? Einfach deshalb, weil nur in diesem die divergierenden Interessen von Mensch und Lebensstrom ihren Ausgleich finden."84

Vor 25 Jahren betrachtete man die Möglichkeiten einer Ausbreitung des Kommunismus über die ganze Welt noch als durchaus ernstzunehmende Realität. Wie sich inzwischen jedoch zeigte, bedurfte es keiner Welteroberung, um den Kollaps dieser Ideologie zu bewirken. Aufgrund der wirtschaftlichen Insuffizienz dieses Systems und des menschlichen Strebens nach privatem Verdienst - also nach freier Energonbildung -, brach es weit schneller zusammen. Die Einengung des privaten Luxusstrebens, welches ein so potentes Motiv für die menschliche Energonbildung darstellt, kam hier noch als weiterer gravierender Faktor hinzu.

Drittes Zukunftsmodell: Dieses bezeichnete Hass als "den konsumwirtschaftlichen Endpunkt". Er hielt einen solchen deshalb für besonders wahrscheinlich, weil über die Marktwirtschaft "die Interessen des Lebensstromes endgültig die Oberhand gewinnen".

Der Einfluß der Anbieter auf die Nachfrage würde in der Marktwirtschaft immer wirksamer und perfekter. Jeder Mensch würde in zunehmendem Maß - über den Umweg seiner Wünsche - von anderen beeinflußt und geleitet. Das "Ich" des Individuums würde sich schließlich "nur noch aus Teilen zusammensetzen, die von anderen aufgebaut wurden, oder denen zumindest andere ein Zaumzeug angelegt

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haben". Der Mensch würde auf diese Weise zu einem Zustand hoher Zufriedenheit gelangen, weil er dann "so manipuliert ist, daß er mit diesem Zustand zufrieden ist".

Hass bezeichnete dieses Modell als "die letzte Krönung von Wissenschaft und Technik". Er fuhr fort: "In diesem Modell sind schließlich alle politischen und weltanschaulichen Gegensätze abgebaut - weil sie den Wirtschaftsfluß stören. Die Geburtenkontrolle ist so geregelt, daß die Menschheit an ein für den Wirtschaftsprozeß optimales Volumen gelangt. Die Interessen sind so aufeinander abgestimmt, daß ein perfekter Interessenausgleich gegeben ist, so daß jeder überzeugt sein darf, daß ihm im Rahmen der Gemeinschaft angemessenes Genußvolumen zukommt. Unzufriedenheit gibt es insofern nicht, als das Angebot der Nachfrage stets voraus ist. Die angeborenen und erworbenen Triebkräfte sind in ihrer Mechanik erkannt und statistisch voraussagbar: es wird ihnen stets rechtzeitig durch ein passendes Angebot entsprochen. Tritt eine Abwehrreaktion gegen das Manipuliertsein auf, dann sind Situationen erwerbbar, in denen der Mensch sich frei ausleben kann. Es wird ihm Gerät und Spielzeug geboten, sich gegen das auszuleben, was ihm Ärger macht."

Dieses System sei perfekt leistungsfähig, perfekt vernünftig. Habe es sich erst einmal eingespielt, dann könne es von sehr langer Dauer sein: "Die Kinder werden auf die Werte hin erzogen, die ihnen später zugänglich sind, alle unklaren und vagen Triebtendenzen werden abgebaut oder in saubere Marktkanäle geleitet. In diesem Modell haben die Interessen des Lebensstromes endgültig die Oberhand gewonnen. Der Mensch geht in diesen Interessen auf, die Tendenzen menschlicher Individualität - soweit sie den Tendenzen der Gesamtenergonentwicklung zuwiderlaufen - sind versiegt."

Ein Maximum an erhaltungsfähiger Biomasse würde so erreicht. Der gesamte Erdball würde so für den Lebensstrom zugänglich gemacht. "In immer höheren Gerüsten und Schichten türmen sich seine Strukturen übereinander: Unabdingbare Funktion des Menschen in diesem gigantischen Lebensblock ist es, Wünsche zu haben und sich diese Wünsche zu erfüllen. Ein Denken in anderen Bahnen als in denen dieses Geflechtes ist kaum noch möglich, einfach unsinnig, denn die Welt ist ja nun optimale Erfüllung der "eigenen" Wünsche geworden."

Hass fügt noch hinzu: "Hier mag eingewendet werden, daß auch im zweiten Modell - die Welt ein einziges großes Energon - eine solche Manipulation des Menschen möglich wäre. Trotzdem halte ich eine perfekte Manipulation und Entindividualisierung des Menschen im zweiten Modell für nicht wahrscheinlich. Hier sind die Maßnahmen zu deutlich, das gegen das Individuum gerichtete Interesse zu leicht durchschaubar. Nicht über Gewalt, sondern nur über Tausch - über Wunscherfüllung - kann der Mensch den anderen Menschen perfekt manipulieren. Nur im Vorgang einer totalen gegenseitigen Manipulation lassen sich - so glaube ich - die Individualtendenzen ausrotten." Daß diese Zukunftsvision - welche manche Parallelen zu A. Huxleys "Schöne neue Welt" aufweist und hier aus Gesetzen der Energonentfaltung abgeleitet ist - an Wahrscheinlichkeit gewonnen hat, ja ansatzweise bereits verwirklich wurde, ist nicht zu übersehen.

Viertes Zukunftsmodell: Von diesem schrieb Hass, "es hätte einstweilen noch keinen Namen". Es stellt einen Gegenpol zu Modell drei dar, ist ebenfalls eine marktwirtschaftliche Struktur, der jedoch "Zügel angelegt worden sind". Die Weiterentwicklung verläuft hier gerade entgegengesetzt dem Modell drei. Der Endpunkt ist

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hier die totale Beherrschung des Lebensstromes - also der Energonentwicklung - durch den Menschen.

"Diese Entwicklung setzt damit ein, daß sich eine wachsende Unzufriedenheit breit macht, ohne daß man recht weiß, warum. Die Bewegungen in der heutigen Jugend könnten vielleicht so zu deuten sein: auch ihnen ist gemeinsam, das nicht recht klar ist, wogegen sie sich eigentlich richten. Letztlich richten sie sich einfach gegen das Establishment, gegen die bestehenden Strukturen. Hier wird dies, dort jenes bekämpft, aber dies und jenes ist nicht der eigentliche Feind, sondern bloß eine seiner vielen Gestalten."

In diesem Modell erwache im Menschen die Tendenz, sich zu "entmanipulieren". Hass meint, dies sei eine weit komplexere Aufgabe, als es auf den ersten Blick erscheinen mag. Mit dem Fortschreiten der Energonentwicklung treten zunehmende Differenzen zwischen den Interessen des menschlichen Individuums und jener des Lebensstromes auf. In einer Gegenüberstellung gab er konkrete Beispiele für die divergierenden Tendenzen zwischen dem Menschen und dem Lebensstrom an:
 
 

Persönliches Interesse
Lebensstrominteresse
Großer Glücksbezug aus wenigem. Glücksbezug aus möglichst teuren Gütern und Dienstleistungen. Unersättlichkeit.
Lange Haltbarkeit und Nutznießung der künstlichen Organe. Möglichst schnelles Verschleißen, besonders jener des Luxuskörpers. Unmodern-, Wertloswerden.
Zufriedenheit aus Freundschaftsbeziehungen. Freundschaftsbeziehungen, die zu Konsum führen (Essen, Trinken, Reisen, Unterhaltung usw.).
Bescheidenheit, Glück aus dem eigenen Selbst. Unbescheidenheit, ja kein Glück aus dem eigenen Selbst, Glück aus konsumfördernden Handlungen.
Verringerung der unangenehmen Arbeit, Freude an der Arbeit. Vermehrung jeglicher Arbeit, Umsatz, Steigerung des Nationalproduktes.
Befriedigung der Welt, niedrigere Steuern. Gefühl der Unsicherheit, das hohe Staatsausgaben für Verteidigung rechtfertigt.
Abstimmung der Luxuskörper auf die eigenen Fähigkeiten. Keine solche Abstimmung. Jeder soll sich bis zum Tod nach etwas sehnen, das er noch nicht hat.
Entwicklung der eigenen Interessen. Entwicklung der eigenen Interessen derart, daß sie in konsumführende Kanäle einfließen.
Eigene Meinung. Ja keine eigene Meinung.
Charakter, Ehrenhaftigkeit. Charakter und Ehrenhaftigkeit nur insofern, als sie nicht zu einem Stagnieren der Machtsteigerungswünsche führen.
Eigener Entschluß. Ja kein eigener Entschluß. Die Entschlüsse werden fertig ins Haus geliefert, und zwar so, daß sie zu Konsum führen.

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Verlässliche Nachrichtenübermittlung. Nachrichten werden zum Unterhaltungs- und Beeinflussungsmittel.
Unaufdringliche Staatsleitung. Aufdringliche Staatsleitung.
Gemächlichkeit. Steigerung der Schnelligkeit. Die Reise von Europa nach den USA nicht fünf, sondern nur mehr zwei Stunden dauern. Das ist ungeheuer wichtig.
Beherrschung der menschlichen Technik. 
Sie soll sein Diener sein, den man selbst ruft, wenn man etwas braucht. Der Diener soll einen nicht unaufhörlich stören, indem er seine möglichen Dienste anpreist.
Beherrschung des Menschen durch seine Technik. Anhaltendes, rapides Wirtschaftswachstum.

Hass setzt hier fort: "Ein wichtiger Motor für diese Entwicklung ist das Mißtrauen, besonders gegenüber Luxus, der angepriesen wird. Zur Richtschnur wird die Frage: Was sind fremdwirksame Werte? Anders ausgedrückt: Welche Werte dienen tatsächlich der eigenen Steigerung des Wohlbefindens - und welche Werte dienen den Erwerbsinteressen von anderen? Eine ungeheuere Macht hat - auf Grund einer angeborenen, "unbelehrbaren" Reaktion - die mitreißende Wirkung von Handlungen anderer Menschen. Der sich zu entmanipulieren Versuchende wendet diesen Wirkungen besondere Aufmerksamkeit zu. Ebenso weckt der Besitz von anderen - instinktiv - den Wunsch nach ähnlichem Besitz. Beide Reaktionen dienen eindeutig dem Lebensstrom - nicht dem Individuum. Wird das eigene Haus wertgeringer und weniger glücksspendend, weil ein anderer daneben ein schöneres Haus baut, dann kann der Wertverlust nicht am eigenen Haus liegen - es ändert seine Dienste ja nicht im Geringsten. Der Wertverlust liegt somit nur in der eigenen Reaktion - in einer Beeinflußung durch die Umwelt."

Von beträchtlicher Wichtigkeit für optimales Wohlbefinden sei in diesem vierten Modell die Abstimmung zwischen den eigenen Anlagen und der Anzahl zusätzlicher Organe: Wie viele Objekte soll ein Mensch besitzen? Durch wie viele Einheiten soll er seinen Körper erweitern? Diese Fragen ließen sich nur individuell beantworten, denn der eine habe Kraft genug, die Bindung eines ganzen Königreiches an seinem Leistungskörper zu verkraften, einem anderen wüchse schon geringer Besitz und geringe Koordination "über den Kopf". Es geht hier somit um die Frage der Bindung und Koordination - sowie um die immer stetig steigenden Anforderungen, welche der notwendige Schutz und die Pflege von zusätzlichen Luxusstrukturen nach sich ziehen. Hass schreibt: "Die Wünsche des Menschen mögen unersättlich sein, doch für die Möglichkeit, zusätzliche Einheiten an sich zu binden, gibt es praktische Grenzen. Der Einzelne muß also für sich erkunden, welche Größe des Erwerbs- und Luxuskörpers für ihn optimal ist. Und zwar optimal im Sinne seiner Annehmlichkeit und Zufriedenheit."

Dem menschlichen Vergnügen sind demnach aus ganz natürlichen Gründen Grenzen gesetzt. Preßt man in die gleiche Zeiteinheit zehnmal so viel Vergnügungshandlungen, dann muß dies nicht unbedingt dazu führen, daß zehnfacher Genuß gewonnen wird. Hier zu einer Optimierung zu gelangen, sei eine Lebenskunst, die

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nicht von selbst gegeben ist, sondern erst ausgebildet werden muß und bislang noch in keiner Schule gelehrt wird. Hass schreibt weiter: "Diese Entwicklungsrichtung setzt somit eine erhebliche Beschäftigung mit dem eigenen Ich und den Kräften, aus denen es sich zusammensetzt, voraus. Zwei Erkenntnisse werden hier bedeutsam: Die Gefühlswelt ist für den Menschen das unmittelbar Wertvollste - und gleichzeitig auch das eigentliche Zentrum des Menschen und seine stärkste Waffe -, gleichzeitig aber auch das Tor, durch das fremde Einflüsse in das eigene Ich gelangen. Auf keinem Weg können sich Fremdkräfte leichter in dem Ich einnisten als durch Einflußnahme auf unsere Gefühle und unsere Phantasie."

Auch in diesem Modell bilden sich nach Hass ähnliche Erwerbs- und Luxusstrukturen, auch hier würde Fortschritt angestrebt. Aber die Aufmerksamkeit richte sich weniger auf Quantität als auf den höchstmöglichen Annehmlichkeitsgewinn: "Zum Ideal wird nicht der Mächtige, Besitzende, sondern der, der aus seinem Besitz und Vermögen, wie groß oder klein es auch sein mag, den höchsten Wert für sich selbst gewinnt. Der Unterschied zwischen Reich und Arm verliert hier an Bedeutung. Im gleichen Sinne verlieren auch Rassen- oder Intelligenzunterschiede an Wichtigkeit! Dieses Modell ist pluralistisch - im weitesten Sinn."

Vom Lebensstrom her sei dieses Modell insofern kurios, als in diesem Fall ein Prozeß durch eine Struktur, die er hervorbringt, selbst gefesselt und umgelenkt würde: "In diesem Fall verläuft dann die Gesamtentwicklung nur in zwei Perioden: In der ersten tragen die Arten diese Entwicklung weiter. In der zweiten geht dann die Macht auf die Individuen über - und das Gesamtinteresse des Lebensstromes muß sich den Individualinteressen unterordnen."

Deshalb würde im vierten Modell die Geburtenkontrolle schärfer gehandhabt als in Modell drei. Ziel sei ja, dem Menschenindividuum ein Maximum an Entfaltungsmöglichkeit und individuell gesteuertem Glückssuchen zu ermöglichen. Dieses Modell wird somit von einem Menschen getragen, der darauf ausgerichtet ist, sich von direkter oder indirekter Beeinflussung freizuhalten, sich freiwilliger Selbstbeschränkung zu unterwerfen, um so die negativen Faktoren der Lebensentfaltung zu beherrschen. "Auf seiner Fahne steht wieder Freiheit, jedoch vielleicht zum erstenmal völlig zurecht. Sein zentrales Streben ist: Herr im eigenen Haus zu sein. Es läuft darauf hinaus, das Ich von allen fremddienlichen Einheiten zu befreien - so daß jede tatsächliche Fremddienlichkeit eine durchaus selbstgewollte und somit freie ist. Endziel ist hier ein möglichst freier Wille."

Möglichkeiten und Grenzen der Energonentfaltung

Die letzten fünf Jahrzehnte sind von einem noch nie zuvor beobachteten Anwachsen von Energonstruktur geprägt. Angesichts dieser Tatsache erhebt sich die Frage nach den Möglichkeiten und Grenzen der weiteren Entfaltung von Energonen. Da unser Planet von begrenzter Größe ist und somit für die Lebensentfaltung nur beschränkten Raum und die notwendigen Ressourcen bietet, ist die sich steigernde Ausdehnung von Energonen inzwischen an einen kritischen Punkt gelangt.

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Im bisherigen Verlauf der Evolution entschieden bisher drei Faktoren, drei besondere Leistungen darüber, was im Kampf ums Dasein sich unter den Tieren und Pflanzen durchsetzte und was auf der Strecke blieb. Diese drei Hauptselektionsfaktoren waren Wachstum, Vermehrung und Verbesserung. Seit fast 4 Millarden Jahren haben sie den Erfolg der Evolution entscheidend bestimmt. Tatsache ist jedoch, daß sich auf dem beschränkten Raum unseres Planeten Wachstum, Vermehrung und Fortschritt nicht unendlich steigern können.

Wir sehen vor allem zwei entscheidende Konflikte für die weitere Lebensentfaltung. Der erste ist die Bevölkerungsexplosion. In den letzten 50 Jahren hat sich die Zahl der Menschen auf der Erde mehr als verdoppelt. Immer mehr Menschen stellen immer größere, problematischere zusätzliche Organe her, welche die Natur belasten. Wenn die Selbstzerstörung des Lebens verhindert werden soll, ist es nicht möglich, daß der Mensch sich weiter in diesem Ausmaß vermehrt. Zweitens ist aus Sicht der Evolution ein weiteres ständiges Wirtschaftswachstum nicht länger tragbar. Allerdings ist nicht jede Form von Wirtschaftswachstum dadurch betroffen. Die Alternative zwischen qualitativem und quantitativem Wachstum spielt hier - wie im folgenden dargelegt werden soll - eine entscheidende Rolle.

Wie der Blick auf den historischen Ablauf der Lebensentfaltung lehrt, ergeben sich auf Grund eines einmal eingeschlagenen Entwicklungsweges nicht selten Einschränkungen, welche die weitere Entfaltung für eine kürzere oder längere Zeit in weitgehend festgelegte Bahnen zwingen. Von solchen "Constrains" wurde bereits gesprochen; manche gelten sogar für die Gesamtheit der pflanzlichen und tierischen Evolution. Die entscheidende Einschränkung, daß die Bildung neuer Funktionsträger in dieser Entwicklung nur im Rahmen dessen erfolgen kann, was die Proteine als Baustoffe und Bauträger erlauben, ist dafür ein bedeutsames Beispiel. Tiere, die Funktionsträger direkt aus anorganischem Material aufbauen, stellen eine seltene Ausnahme dar, und sind Vorboten einer neuen Ära der Lebensentfaltung.

Kennzeichnend für den Energonbau des Menschen ist nun eine fast unbeschränkte, rasant sich immer mehr steigende Zunahme an anorganischer Materie, welche in diesen Prozess miteinbezogen und in diesem Sinne "vitalisiert" wird. Zunächst entwickelten sich jene menschlichen Erwerbsstrukturen, die durch den alltäglichen Bedarf bedingt waren. Die natürliche Auslese setzte zunächst auch hier Grenzen. Mit zusätzlicher Sättigung dieses Grundbedarfs und verschärft durch den Umstand, daß der Trieb nach dem "Universalvermittler" Geld keiner abschaltenden Endsituation unterliegt, wird derzeit die weitere Entfaltung von Energonen immer mehr von der Produktion von Luxusstrukturen geprägt.

Bedingt durch die Möglichkeiten, welche die zusätzlichen Organe bieten, wird jeder neue Mensch fast automatisch zum Zentrum neuer Organbildung. Diese Energone, die Hass unter dem Begriff "Hyperzeller" zusammenfaßte, übertreffen in ihrer Ausdehnung und ihrem Volumen immer mehr den steuernden Zellkörper des Menschen. Außerdem unterliegt jede neue Erwerbsstruktur auch einer eigenen gesetzmäßigen Dynamik. Die auf dem angeborenen Erbe des Menschen beruhende Tendenz zur Konditionierung auf den Schlüsselreiz Geld sowie die sämtlichen Erwerbsstrukturen eigene Möglichkeit der artungleichen Vermehrung führen zu einem lawinenartigen Anschwellen der Lebensentfaltung.

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Diese Steigerung nähert sich gegenwärtig einem Punkt, an dem sie sich gegen den Menschen und das Leben auf der Erde insgesamt richtet. Die indutrielle Entwicklung schädigt durch ihre Abfälle und sonstigen Begleiterscheinungen die Umwelt, auf die alles Leben angewiesen ist. Besonders die Verschmutzung und Vergiftung der Gewässer und der Atmosphäre sowie die Eniwirkungen auf die fruchtbaren Böden, ihre Lebensgemeinschaften und Vegetationen zeigen auf das Deutlichste eine naturgegebene Grenze auf.

Andererseits wird beinahe global ein ständiges Wachstum der Wirtschaft als selbstverständlich, ja als wichtigstes Ziel aller Bestrebungen angesehen, und fast allen Fachleuten auf diesem Gebiet erscheint ein Null-Wachstum undenkbar. In diesem Dilemma vermag die Energontheorie einen wichtigen Hinweis zu geben, denn Perioden eines erzwungenen, weltweiten Null-Wachstums hat es in der Lebensentwicklung bereits zweimal gegeben - und beide Perioden zeigen deutlich, was dann langfristig geschieht (Abb. 7).

Zunächst breitete sich das Leben ausschließlich in den Meeren und sonstigen Gewässern aus. In grober Schätzung dürfte diese erste quantitative Expansion der Lebensentfaltung vor etwa einer Millarde Jahren an einen Punkt gelangt sein, an dem der zur Verfügung stehende Raum eine weitere Zunahme der Biomasse nicht mehr zuließ. Die für die natürliche Auslese maßgebenden Kriterien verlagerten sich in dieser ersten Periode erzwungenen Null-Wachstums mehr und mehr auf Qualität. Diese fand in immer komplexeren, höher entwickelten Organismen ihren Ausdruck. Deren Leistungfähigkeit steigerte sich derart, daß es vor etwa 350 Millionen Jahren einigen von ihnen gelang, auch das trockene Land zu erobern. Nun war erneut eine Möglichkeit zu quantitativer Ausbreitung gegeben.

Die gesamte Biomasse der Lebewesen steigerte sich wiederum erheblich. Vor ungefähr 220 Millionen Jahren waren dann auch die Kontinente und Inseln, soweit sie Lebensmöglichkeiten boten, erobert und die Lebensentfaltung gelangte zum zweiten Mal in einen "Tunell", welcher dem möglichen Gesamtvolumen Grenzen setzte. Wieder verlagerten sich die für die Selektion relevanten Kriterien vermehrt auf qualitative Fortschritte. Das Ergebnis dieser Qualitätssteigerung war unter anderem ein Lebewesen, dem es mit Hilfe zusätzlicher, aus Umweltmaterial gefertigter Organe gelang, die Lebensentfaltung erneut in quantitativer Hinsicht zu steigern - dies war die Geburtsstunde der Hyperzeller.

Immer mehr anorganische Materie wurde so in diesen Prozeß miteinbezogen und in leistungerbringende Strukturen verwandelt. Nach gängiger biologischer Beurteilung wird diese vitalisierte Materie nicht mehr als "Biomasse" im bisherigen Sinn verstanden, ist aber zweifelsohne ein essentieller Bestandteil der Lebensentfaltung. Sie durchläuft aufgrund der zusätzlichen Organe des Menschen derzeit ihre dritte große Periode quantitativer Expansion. Doch ist nun auch deren Ende in Sicht, und zwar durch limitierende Faktoren, welche sich aus den beschränkten Ressourcen unseres Planeten und den schädigenden Folgeerscheinungen der Industrie zwangsläufig ergeben.

Dementsprechend befindet sich also die Lebensentfaltung abermals vor einem Tunnel, in welchem weiteres quantitatives Anwachsen funktionalisierter Materie nicht stattfinden kann. Soll weiteres Wachstum überhaupt noch möglich sein, so kann es ausschließlich über eine Steigerung der Qualität bei nahezu gleichbleibender Gesamtmasse an funktionalisierter, vitalisierter Materie erfolgen!

(Originalbuchseite 199)

Abb. 7
Quantitatives und qualitatives Wachstum der Energonentfaltung (stark schematisiert).
Die Evolution der Energone umfasst drei Hauptperioden der Expansion (A1, A2, A3), zwischen denen Perioden liegen, in denen weitere quantitative Ausbreitung nicht mehr möglich war, und insgesamt nur qualitatives Wachstum stattfinden konnte (B1, B2). Wegen der begrenzten Grösse unseres Planeten gelangte der Lebensstrom nun wiederum in eine Periode, da qualitatives Wachstum zum maßgebenden Faktor wird (B3). (Nach Hass 1981).

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Das Gleichnis mit dem Tunnel soll nur den räumlich begrenzten Aspekt bei unserer Weiterentwicklung kennzeichnen, jedoch keineswegs eine dunkle, düstere Zukunft. Qualitatives Wachstum spaltet sich diesmal in zwei Richtungen: Die erste besteht - wie in dem vorhergehenden Tunnel - darin, mit gleichem materiellem Aufwand ein besseres Leistungsergebnis zu erzielen, oder das Gleiche mit geringerem Aufwand. Die zweite Ausrichtung betrifft die Steigerung der Lebensqualität des Menschen - ein heute noch eher vager Begriff, der sehr verschieden ausgelegt werden kann.

Qualitatives Wachstum ist somit in zweifacher Richtung möglich: einerseits, indem wir unsere Energone auf bessere und billigere Leistungen ausrichten. Andererseits, indem wir dort ihre Bildung abbremsen, wo sie über uns hinwegwuchern - wo sie unsere Selbstentfaltung nicht mehr fördern, sondern beschränken. Der Mensch muß den Weg der Maximierung, der die Evolution bisher bestimmte, verlassen und neue Wege der Lebensausrichtung in den Vordergrund stellen.
 

Bemerkenswert ist, daß Hass in seinem ausführlichen Werk "Energon" nur in Andeutungen auf die heute so akut gewordene Umweltproblematik einging. Auch unter den 13 Auswirkungen der zusätzlichen Organe des Menschen, die er damals aufzählte, ist nur eine einzige "negative": daß nämlich deren Ablegbarkeit, neben entscheidenden Vorteilen, auch den Nachteil der leichteren Entwendbarkeit nach sich zieht - was das aufwendige Gemeinschaftsorgan Staat zwingend notwendig macht. Nur zwei Jahre nach der Veröffentlichung des "Energon" erschien 1972 "Die Grenzen des Wachstums" von Meadow. Erstmals wurden damit der Menschheit die beschränkten Vorräte unseres Heimatplaneten vor Augen geführt!

Wie Hass in seiner späteren Veröffentlichung "Die Hyperzeller" (1994) schrieb, mache die Reaktion der Umwelt die wichtigste Abstimmung notwendig - jene zwischen der Vermehrung des Menschen und seiner zusätzlichen Organe einerseits und den Kapazitäten unseres Planeten andererseits. In dieser Veröffentlichung stellt Hass neben das Mahnwort auf dem Tempel von Delphi "Erkenne Dich selbst" als weiteres, heute wichtig gewordenes Motto: "Was können wir uns leisten?"

Gelingt es dem Menschen, die ungestüme Lebensentfaltung einzubremsen - den "Willen zur Macht", wie Nietzsche sehr treffend das Lebensgeschehen kennzeichnete, dann ist auch weiterhin die Möglichkeit für qualitative Fortschritte gegeben. Welche Ausrichtungen für diese weitere Entfaltung sich hier anbieten, haben kulturelle Verfeinerungen im Verhalten, welche die Umwelt in keiner Weise belasten, im Verlauf der menschlichen Geschichte bereits deutlich gezeigt.
 

Wir haben in dieser Schrift darzulegen versucht, welchen allgemeinen Rahmenbedingungen alle Formen des Lebens auf unserer Erde unterworfen sind, um weiter bestehen zu können, und über welche Strukturen sich das Leben notwendigerweise entfaltet.

Gleichzeitig haben wir versucht, auf die Aussagen der Energontheorie hinzuweisen, die nun seit einem Vierteljahrhundert mit fundierten Argumenten vorliegt - und trotzdem keiner angemessenen Diskussion unterzogen wurde. Sie widerspricht in wesentlichen Belangen der bisherigen Selbsteinschätzung des Menschen und erfordert deshalb ein rigoroses Umdenken, das vielfach unseren herkömmlichen Denkanschauungen zuwiderläuft. Andererseits ermöglicht sie eine sehr vereinfachte Über-

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sicht über die verwirrende Gesamtheit des Lebensgeschehens. Bei der Aufspaltung in immer zahlreichere Einzelwissenschaften und der damit einhergehenden Informationsflut ist dies von nicht zu unterschätzender Bedeutung.

Die Energontheorie liefert einen Zugang zur Kenntnis jener Rahmenbedingungen, welche die Lebensentfaltung von Anbeginn an gesteuert haben. Diese wurden durch den wissenschaftlichen und industriellen Fortschritt dahingehend beeinflußt, daß die Gefahr einer Selbstvernichtung der Menschheit und des Lebens insgesamt in greifbare Nähe rückt. Die Abstimmung auf die realen Möglichkeiten, die unser Planet bietet, wird nun zum Gebot. Allgemein erhebt sich die Frage: Was ist in dieser Situation zu tun? Hier ist unser Beitrag vielleicht willkommen.
 
 

Wer im Angesicht ökosystemischer
Wirkungszusammenhänge immer noch meint,
dem Menschen käme eine Sonderstellung in
der Natur zu, die eine Wertorientierung alleine
auf den Menschen hin erlaubt,
hat nicht verstanden, worum es geht.
Die Natureinbindung des Menschen läßt
sich nicht durch ein Paradigma erfassen,
das an der Mittelpunktstellung des
Menschen festhält. So wie einst das
geozentrische Modell verschwand,
löst sich heute das egozentrische Modell.
Die Erde steht nicht in der Mitte des
Universums und genausowenig der Mensch.

Klaus Bosselmann, Im Namen der Natur, 1992
 
 

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Anmerkungen:

82 Siehe: Hass, 1970, Seiten 408-417.
83 Die heutige Umweltproblematik ist somit aus Sicht der Energontheorie ein deutlicher Vorbote einer sich aus inneren Ursachen ergebenden, beinahe notwendigen Entwicklung.
84 Hass sprach in seinen früheren Schriften von Lebensstrom, ersetzte den Ausdruck jedoch später durch Lebensentfaltung. Dieser neue Begriff, den wir auch in dieser Schrift übernommen haben, drückt die zunehmende Differenzierung, die steigende Qualität der Energonentwicklung, wesentlich besser aus. Wegen der Authentizität wird in den folgenden Zitaten der ursprüngliche Begriff des Lebensstromes verwendet.