13. Das verborgene Gemeinsame
Noch eine weitere Gedankenrichtung ist zu berücksichtigen, welche zur Energontheorie wesentliche Bezugspunkte hat, ja konkret zu ihrer Konzipierung beitrug. Sie besteht darin, in der Vielheit der Erscheinungen in der Natur nach etwas zu suchen, das Hass im Untertitel seiner 1970 erstmals veröffentlichten Energontheorie sehr bezeichnend "Das verborgene Gemeinsame" nennt. Immer wieder waren einzelne Forscher bestrebt, hinter die Kulissen der bunten Vielfalt ihrer Forschungsobjekte zu blicken und nach gleichen, verbindenden Grundkonzepten Ausschau zu halten.
Auf der Suche nach Vorläufern der auf verborgene Gemeinsamkeiten ausgerichteten Denkweise stieß Hass sehr bald auf Johann Wolfgang von Goethe, der als Naturforscher nicht minder von Bedeutung ist wie als Dichter, wenngleich viel weniger bekannt. Hass schreibt dazu: "Nahezu erschlagen wurde ich von der parallelen Denkrichtung Goethes. Wenn er nach dem Urtier und der Urpflanze suchte, dann dachte er nicht an gemeinsame Ahnen, sondern an ein gleiches Grundkonzept, das den höheren Pflanzen und den höheren Tieren, so verschieden sie sich unseren Sinnen auch darbieten, verbindend zugrunde liegt. "Alle Gestalten sind ähnlich und keine gleichet der andren, und so deutet das Chor auf ein geheimes Gesetz, auf ein heiliges Rätsel" - so schrieb er in einem Gedicht über die Metamorphose der Pflanzen. Nirgends fand ich deutlicher ausgesprochen, was mich selbst in meiner Forschung bewegte, wohin sie mich Stück für Stück weiterführte."61
Der erste, der den Gedanken von einem "Urbild" aller Pflanzen und Tiere aussprach, war Immanuel Kant.62 Er sah voraus, daß eine noch fehlende "Naturgeschichte" uns die "Abartungen" aller Geschöpfe von einem gemeinsamen "Urbild" lehren würde. Diese Naturgeschichte "würde vermutlich eine große Menge scheinbar verschiedene Arten zu Racen eben derselben Gattung zurückführen und das jetzt so weitläufige Schulsystem der Naturbeschreibung in ein physisches System für den Verstand verwandeln."
Der bekannte französische Morphologe Geoffroy Saint-Hilaire unternahm den Versuch, einen einheitlichen, beherrschenden Plan ("unite de composition organique") für das gesamte Tierreich zu erstellen. Er folgte dabei Goethes idealistischem Konzept eines einheitlichen Typus. Im Pariser Akademikerstreit von 1830 unterlag Geoffroy allerdings den Argumenten Cuviers und scheiterte in seinem Bestreben, die von Cuvier anerkannten vier Stämme des Tierreiches auf einen einzigen zu reduzieren.
Wie bereits angedeutet, suchte Goethe im "Urtier" und in der "Urpflanze" nicht den gemeinsamen Ahnen, sondern die gemeinsame Grundstruktur, auf welche sich die beinahe erdrückende Vielheit der Natur zurückführen läßt. Auf Grund dieser auf das verborgene Gemeinsame gerichteten Sicht gelangen Goethe zwei bedeu-
(Originalbuchseite 168)
tende Entdeckungen. In der Botanik entdeckte er die Metamorphose des Blattes: Bildungen wie Dornen und Ranken, aber auch Staubgefäße und Stempel sind umgewandelte Pflanzenblätter. In der Zoologie entdeckte er den Zwischenkieferknochen beim Menschen. Dieser war bis dahin nur bei Affen und anderen höheren Wirbeltieren nachgewiesen worden, und man erachtete es als Besonderheit des Menschen, daß dieser Schädelknochen bei ihm fehlte. Goethe stellte genaue Untersuchungen an und es gelang ihm, den Knochen zu finden. Wenn Hass in seinen Schriften wiederholt auf die Übereinstimmungen mit Goethe hinweist, dann geht es vor allem um die Gesamtbetrachtung der Dinge, wie sie der urbildlichen Denkweise Goethes zugrunde liegt. Wir wollen deshalb etwas näher auf diese Art der Betrachtung eingehen.
Die Entdeckung immer neuer Tier- und Pflanzenarten und immer neuer innerer Strukturen gegen Ende des 18. Jahrhunderts ließ die Vielgestaltigkeit der lebenden Welt immer größer erscheinen. Und dennoch gab es zugrundeliegende Muster, welche eine vorhandene Einheit des Plans bestimmter Organismengruppen dokumentierten. Der Trend, nach solchen Plänen zu suchen, erreichte seinen Höhepunkt in der idealistischen Morphologie der deutschen Naturphilosophen, deren prominentester Vertreter eben Goethe war. Die daraus entstandene Lehre wird auch als Archetypuslehre bezeichnet. Sie ist charakterisiert durch die Annahme einer realen Essenz, eines Idealtypus oder einer Urform hinter der beobachteten großen Variabilität.
Die Vorstellung eines solchen Urbildes findet sich bereits im Essentialismus Platons. Sowohl Goethe als auch Platon betrachteten die Gestalt als "einzige unteilbare Idee", und Platon gebrauchte die Begriffe "Eidos" (Bild) und "Morphe" (Gestalt) als Synonyme. Das Prinzip der Urbildlichkeit beruht auf dem sogenannten typologischen Denken. Unter einem Typus versteht man das für eine Organismengruppe Bedeutsame, Vorbildliche, das ihr Gemeinsame, für sie Charakteristische. Goethe beschreibt selbst, wie er zum Typusbegriff gelangte: "So entfernt die Gestalt der organischen Geschöpfe voneinander ist, so finden wir doch, daß sie gewisse Eigenschaften miteinander gemein haben, gewisse Teile miteinander verglichen werden können. Recht gebraucht, ist dies der Faden, woran wir uns durch das Labyrinth der Gestalt hindurchhelfen."63 Der Typusbegriff Goethes setzt sich in dem fort, was wir heute als Bauplan bezeichnen. Wilhelm v. Buddenbrock64 charakterisiert diesen Begriff folgendermaßen: "Die Gestaltung jedes einzelnen Gliedes ist den größten Schwankungen unterworfen, während das Zueinander dieser so variablen Teile, der Bauplan, streng fixiert und keinerlei Änderungen unterworfen ist." Ganz in diesem Sinne läßt sich das Grundgerüst der Energonstruktur als Bauplan aller Einheiten mit positiver Energiebilanz - aller Erwerbskörper - bezeichnen.
Bekanntlich hat auch die Morphologie als einheitliche, fest gefügte Lehre von Gestalt und Urbild ihren Ursprung bei Goethe. Der Morphologiebegriff wurde 1807
(Originalbuchseite 169)
in seiner Abhandlung "Bildung und Umbildung organischer Naturen" geschaffen. Goethes morphologische Arbeit war von der Suche nach Urbildern geprägt, sowohl im Tier- wie auch im Pflanzenreich. Er nahm eine ganze Reihe von Sektionen vor, um sich mit der Struktur der Pflanzen und Tiere, insbesondere der Wirbeltiere, vertraut zu machen. Seine theoretischen Überlegungen spiegeln sich in folgender Feststellung aus dem Jahre 1795 wieder: "Dies also hätten wir gewonnen, ungescheut behaupten zu dürfen: daß alle vollkommneren organischen Naturen, worunter wir Fische, Amphibien, Vögel, Säugetiere und an der Spitze der letzteren den Menschen sehen, alle nach einem Urbilde geformt seien, das nur in seinen sehr beständigen Teilen mehr oder weniger hin- und her- weicht und sich noch täglich durch Fortpflanzung aus- und umbildet."
Neben ausgiebigen botanischen Studien daheim in Deutschland beschäftigte sich Goethe mit der Idee der Urpflanze besonders auf seinen Reisen nach Italien, wo er mit einer Fülle neuer Arten und Formen konfrontiert wurde. In einem Brief an Frau von Stein, Juni 1787, heißt es: "Sage Herder, daß ich dem Geheimnis der Pflanzenzeugung und -organisation ganz nah bin und daß es das einfachste ist, was nur gedacht werden kann. ... Die Urpflanze wird das wunderlichste Geschöpf von der Welt, über welches mich die Natur selbst beneiden soll. Mit diesem Modell und Schlüssel dazu kann man alsdann noch Pflanzen ins Unendliche erfinden, die konsequent sein müssen, das heißt: die, wenn sie auch nicht existieren, doch existieren könnten und nicht etwa malerische oder dichterische Schatten und Scheine sind, sondern eine innerliche Wahrheit und Notwendigkeit haben. Dasselbe Gesetz wird sich auf alles übrige Lebendige anwenden lassen."
Diese letzte Formulierung beschreibt auch sehr treffend einen wesentlichen Grundgedanken der Energontheorie. Denn die Struktur aller Energone ist gleichfalls von Konsequenz und innerer Notwendigkeit geprägt. Das bedeutet: Ein sich steigerndes energetisches Geschehen kann ausschließlich über materielle Strukturen mit Energoncharakter erfolgen. Und weiterhin folgt daraus, daß auch im übrigen Universum - sofern sich die Naturgesetze nicht grundsätzlich verändern - ähnliche Prozesse immer nur über Energone stattfinden können.
Obwohl der Goethesche Typusbegriff durch die moderne Evolutionstheorie Darwins abgelöst wurde, ist das wissenschaftliche Weltbild Goethes heute aktueller als je zuvor. Nach einer Sitzung der Naturforschenden Gesellschaft in Jena kam es zu einer Begegnung zwischen Friedrich Schiller und Goethe. Schiller bemerkte Goethe gegenüber, daß die dort gepflegte "zerstückelte Art, die Natur zu behandeln, den Laien keineswegs anmuten könne." Goethe erwiderte, daß "es doch wohl noch eine andere Weise geben könne, die Natur nicht gesondert und vereinzelt vorzunehmen, sondern sie...aus dem Ganzen in die Teile strebend darzustellen." Um eine derartige Darstellungsweise ist auch die Energontheorie bemüht, mit allen Vorteilen, aber auch allen Ansatzpunkten zur Kritik, den ein solcher extrem fächerübergreifender Ansatz mit sich bringt. Für Goethe war das, was wir heute als "ganzheitliches Denken" bezeichnen und für eine Erfindung unserer Zeit halten, jedenfalls eine Selbstverständlichkeit. Stets versuchte er, das Organische als eine Einheit zu erfassen; der Zeit und den Umständen entsprechend gab er dieser Einheit verschiedene Namen - eben Idee, Urbild, Typus oder Urphänomen.
(Originalbuchseite 170)
Die organische Einheit
Mit der Zelltheorie von Mathias Schleiden und Theodor Schwann schien 1839 die organische Einheit, nach der Goethe zeitlebens gesucht hatte, praktisch gefunden zu sein. Die Zelle, deren Struktur im wesentlichen bei allen Pflanzen und Tieren übereinstimmt, wurde als entscheidende Gemeinsamkeit aller Organismen erkannt: sie wird seither als "elementarer Baustein alles Lebens" bezeichnet. Dann, 20 Jahre später, zeigte Charles Darwin als noch deutlicher verbindenden Zusammenhang die einheitliche Abstammung aller Organismen von gemeinsamen Urvorfahren auf. Und schließlich wurde noch eine dritte verborgene Gemeinsamkeit entdeckt! Es ist das bei allen Lebewesen nach demselben Prinzip aufgebaute Genom.
Der Atomphysiker und Nobelpreisträger Werner Heisenberg äußerte sich dahingehend, daß man in den Molekülen der Nukleinsäure die Urlebewesen im "Goetheschen Sinn" erblicken kann, da sie "eine Grundstruktur für die gesamte Biologie darstellen". In den Elementarteilchen sieht Heisenberg, den Gedanken Goethes und Platons folgend, die Urbilder, die Ideen der Materie. Und die Nukleinsäuren beinhalten dementsprechend die Idee der Lebewesen.
Nach der heutigen biologischen Lehrmeinung betrachtet man aufgrund der Erkenntnisse von Zelltheorie, Abstammungslehre und Biochemie die Suche nach dem "verborgenen Gemeinsamen" wohl als abgeschlossen. Die Energontheorie behauptet dagegen, daß mit diesen Erkenntnissen die Frage noch nicht restlos beantwortet ist und knüpft an die Gedankenrichtung Goethes an. Wenn Goethe erklärte, das allgemeine Bild "müßte soviel wie möglich in physiologischer Richtung aufgestellt sein", dann bedeutet das in die heutige Sprache übertragen, daß nicht sinnfällige Äußerlichkeiten, sondern Funktionen und Wirkungen im Vordergrund zu stehen haben. Das "verborgene Gemeinsame" lasse sich "nicht den Sinnen, nur dem Geiste nach" darstellen. In einer Schrift über die vergleichende Anatomie der Tiere bemüht sich Goethe um ein allgemeines Bild, in dem nach Möglichkeit die Gestalten sämtlicher Tiere enthalten sind. Es heißt dort: "Doch müßte man vorerst über ein allgemeines Schema sich verständigen, worauf das Mechanische der Arbeit durch eine Tabelle befördert werden könnte, welche jeder bei seiner Arbeit zugrundelegt..."65.
Solche Schemata bietet die Energontheorie, jedoch geht sie noch um ein gutes Stück darüber hinaus, indem sie neben Pflanzen und Tieren auch die vom Menschen geschaffenen Erwerbsstrukturen in ihre vergleichende Betrachtung miteinbezieht. Sie sucht, um in der Terminologie Goethes zu bleiben, nicht bloß nach dem "Ur-Organismus", sondern nach dem "Ur-Erwerbskörper".
Der Energontheorie zufolge ist die Zelle sehr wohl über weite Strecken der Evolution als Grundbaustein aller die Lebensentfaltung fortsetzenden Strukturen anzusehen. Sie ist in dieser Funktion überaus vielseitig und verläßlich, allerdings auch kostspielig und anspruchsvoll. Sie benötigt ständige Energiezufuhr und entsprechende Entsorgung ihrer Abfälle. Deshalb kann sie auch nur Organe bilden, die in festem Verband mit den übrigen ihre Aufgabe verrichten. Mit der Bildung von
(Originalbuchseite 171)
zusätzlichen Organen aus anorganischem Material - erst bei einigen Tierarten und dann im großen Stil beim Menschen - verlor die Zelle dieses Monopol.
Ebenso ging bei diesem Übergang die Fortpflanzungsfunktion
des Genoms auf andere Funktionsträger über - auf Sprache, Schrift
und mannigfache Medien der Informationsübermittlung -, was der Lebensentfaltung
zu weiteren wesentlichen Vorteilen verhalf. Was die Abstammung sämtlicher
Pflanzen und Tiere von gemeinsamen Vorfahren betrifft, so wird Darwins
Entdeckung noch auf die Gesamtheit aller vom Menschen gebildeter Lebensträger
ausgedehnt.
Zurück zum Inhalt von "Rahmenbedingungen der Lebensentfaltung"
Anmerkungen:
61 Siehe:
Hass, H. und Lange-Prollius, H., 1978, Seite 38.
62 Siehe:
Kant, I.: Von den verschiedenen Racen der Menschen, In: L. Voss: Immanuel
Kants Schriften zur physischen Geographie, Leipzig, 1839, Seite 321 ff.
63 Die
angeführten Zitate von Goethe sind dem Werk "Schriften zur Biologie",
herausgegeben von K. Dietzfelbinger (1982), entnommen. Das Buch ist auch
wegen seiner weiterführenden Erläuterungen zu Goethes wissenschaftlichem
Weltbild zu empfehlen.
64 Siehe:
Wilhelm Troll: Gestalt und Urbild - Gesammelte Aufsätze zu Grundfragen
der organischen Morphologie. 1984, Seite 8.
65 Siehe:
Goethe, J.W.v.: Erster Entwurf einer allgemeinen. Einleitung in die vergleichende
Morphologie, 1795.