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11. Unternehmen und Staat als Organismen - bloße Analogie oder echte Verwandtschaft?
 

Die Reihe der Schriften, in denen Unternehmen, Staaten oder die menschliche Gesellschaft schlechthin mit Lebewesen oder Teilen von diesen verglichen werden, ist lang. Und obwohl diese Thematik in Anbetracht unserer selbstverschuldeten Umweltkrise gerade wieder in Mode zu kommen scheint, sind derlei Vergleiche keineswegs neu. Geändert haben sich allerdings die Vorzeichen, unter denen die Betrachtungen angestellt werden. War früher die Tendenz zur Reduktion biologischer Systeme auf physikalische Gesetzmäßigkeiten vorherrschend, so dient heute die Natur als Vorbild.

Die klassischen Vergleiche zwischen Lebewesen und Maschinen, Ausdruck eines mechanistisch-reduktionistischen Weltbildes, wurden abgelöst vom Bestreben, die Prinzipien des scheinbar problemlosen Wirtschaftens der Natur auf die problematische, ja selbstzerstörende Wirksamkeit des Menschen zu übertragen. Daneben gibt es auch zahlreiche Versuche, Erfolgsrezepte der Natur auf einzelne Erwerbseinheiten (Unternehmen) anzuwenden, etwa mit dem Ziel, innere Abläufe zu verbessern oder die Konkurrenzfähigkeit insgesamt zu steigern. Auch die Energontheorie beschäftigt sich mit vergleichbaren funktionellen Einheiten einerseits bei Tieren und Pflanzen und andererseits in der Wirtschaft. Die Denkanstöße, die von solchen Vergleichen ausgehen, wurden in der Wirtschaft mit zum Teil regem Interesse aufgenommen und weiterentwickelt (siehe Kapitel 8).

Groß war und ist hingegen die Skepsis in den Reihen der Naturwissenschaft, insbesondere in der Biologie! Wiederholt wurde der vergleichende Ansatz der Energontheorie als "bloßes Analogiedenken" zurückgewiesen und dessen Erklärungswert angezweifelt. Es ist deshalb unumgänglich, hier näher auf diese Thematik einzugehen. Einmal, um den Standpunkt der Energontheorie klar darzulegen und zum anderen, weil ähnliche Vergleiche auch von anderen Autoren vorliegen, ohne daß dann manchmal entsprechende Diskussionen darüber erfolgten, inwieweit und unter welchen Voraussetzungen diese berechtigt und sinnvoll sind.

In der menschlichen Kommunikation werden Sachverhalte oftmals vergleichend und damit anschaulicher dargestellt. Außerdem zeigt sich das Bestreben, Einzelphänomene in einen größeren, umfassenden Rahmen einzuordnen. Die Grundlage dafür bilden Ähnlichkeiten oder Entsprechungen verschiedenen Grades. Einer Ähnlichkeit "niedrigsten" Ranges bedient sich der bildhafte Vergleich - kurz das Bild oder die Metapher. Ein Bild besitzt an sich noch keinen Erklärungswert, kann jedoch hervorragende Dienste leisten, wenn es darum geht, eine Mitteilung anschaulicher und interessanter zu gestalten.

Es entspricht etwa einem Bild, Führungskräfte im Unternehmen als Gärtner zu sehen: Der Führende legt nicht mehr wie früher Wert auf Befehl und Gehorsam, sondern praktiziert mit der pflegenden Hand des Gärtners den Umgang mit seinen Mitarbeitern und behält doch seine Autorität. Auch der jedem Wirtschaftstreibenden gut bekannte Produktlebenszyklus fällt in diese Kategorie. Es erübrigt sich darauf hinzuweisen, daß Produkte nicht leben oder sterben. Auch sonst birgt der Vergleich keine

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tiefergehenden Einsichten. Bilder bereichern unsere Sprache und erwecken das Interesse des Zuhörers. Niemals sollte jedoch bei deren Gebrauch der Eindruck entstehen, es handle sich um tiefere Einsichten oder gar um wissenschaftliche Erkenntnisse.

Einen wesentlich höheren Stellenwert besitzen hingegen Funktionsähnlichkeiten oder Analogien. Sie spiegeln stets gleichartige funktionelle Anforderungen wieder und besitzen deshalb auch immer einen gewissen Erklärungswert. In der Biologie werden all jene Organe als analog bezeichnet, deren Ähnlichkeit auf der gleichen Funktion beruht. Das trifft etwa auf die Flügel der Vögel und Insekten zu oder auf die Augen der Wirbeltiere und der Tintenfische. Aber auch ähnliche Muster des sozialen Zusammenlebens, wie die Staatenbildung bei manchen Insekten und Nagetieren oder einander entsprechende ökologische Nischen in verschiedenen Ökosystemen, fallen unter diesen Begriff.

In der Biologie scheinen Analogien gegenüber den Homologien, auf die wir noch zu sprechen kommen, von geringerer Wichtigkeit zu sein, da sie als Instrument der stammesgeschichtlichen Forschung ungeeignet, ja hinderlich sind. Trotzdem kennt auch die Biologie die Methode des Analogievergleiches, denn funktionelle Ähnlichkeiten geben oft Auskunft über vergleichbare Selektionsbedingungen, wie sie in der Evolutionsforschung eine Rolle spielen.

Die Mehrzahl der Parallelen, die zwischen Organismen und Unternehmen aufgedeckt wurden, beruhen ebenfalls auf Analogievergleichen. Beispiele dafür ließen sich in größer Zahl anführen. Ein häufig zitiertes ist der Informationstransfer, der im Organismus über Nervenbahnen erfolgt. Diese können entweder - entsprechend den wirtschaftlichen Schemata - "horizontal" verlaufen, wie das etwa beim Reflexbogen der Fall ist, oder "vertikal", von den peripheren Sinnesorganen hinauf zum obersten Zentrum, dem Gehirn. Vergleiche mit Betrieben drängen sich hier geradezu auf, man denke nur an den Informationsfluß zwischen gleichgestellten Mitarbeitern bzw. zwischen Angestellten und der Chefetage.

Auch die Energontheorie bedient sich solcher Analogien, wo es um funktionell vergleichbare Antworten auf Anforderungen an das Leistungsgefüge "Energon" geht. Darüber hinaus sucht sie, wie andere Strukturtheorien auch, nach formalen Entsprechungen (Isomorphien) in unterschiedlichen Prozessen. Auch Isomorphien sind Analogien, allerdings weniger im konkreten materiellen Bereich, sondern mehr im Sinne allgemeiner Systemgesetze.

Nicht immer ist es einfach, zwischen bildhaften Vergleichen und Analogien zu unterscheiden, zumal es Übergänge gibt und viele Autoren ihre Beispiele diesbezüglich nicht weiter hinterfragen. Sich auf Analogien zu berufen, ist aber immer dann gerechtfertigt, wenn es um die funktionelle Betrachtung von unterschiedlichen Systemen geht. Deshalb ist auch das Analogiedenken fest in der Energontheorie verwurzelt, obgleich sie über die herkömmliche Bedeutung des Begriffes hinausgeht. Darauf werden wir noch zurückkommen.

Im Unterschied zur Analogie werden jene Organe als "homolog" im streng biologischen Sinn bezeichnet, die entwicklungsgeschichtlich verwandt sind, die also Lebewesen angehören, welche ein Stück gemeinsamer Stammesgeschichte hinter sich haben. Die Brustflossen der Fische, die Vorderextremitäten der Säugetiere und die Flügel der Vögel sind homologe Bildungen. Wie aus diesem Beispiel hervorgeht, sind Homologien nicht zwangsläufig durch Ähnlichkeiten gekennzeichnet.

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Homologe Organe unterliegen oft den mannigfachsten Abänderungen im Dienste ihrer Funktion. Da nach heutigem Wissensstand alles Leben auf einen gemeinsamen Ursprung zurückgeht, besitzen letztlich alle Lebewesen eine gemeinsame Stammesgeschichte. Die Beurteilung von Homologien ist deshalb auch immer von der jeweiligen taxonomischen Ebene abhängig. So sind die Flügel der Vögel und der Fledermäuse, geht man vom gesamten Wirbeltierstammbaum aus, homologe Organe. Für sich alleine betrachtet handelt es sich hingegen um analoge Bildungen, da kein direktes Verwandtschaftsverhältnis zwischen Vögeln und Fledermäusen besteht, wohl aber eine funktionelle Ähnlichkeit ihrer Flügel.

Neben der streng biologischen Auslegung taucht der Homologiebegriff in der Literatur auch in einem erweiterten Bedeutungszusammenhang auf. So bezeichnete Erich Jantsch die Prinzipien, welche dem gesamten Evolutionsgeschehen, dem biologischen wie dem soziokulturellen, zugrunde liegen, als homolog. Auch Teilhard de Chardin äußerte sich in ähnlicher Weise. Homolog in diesem weiteren Sinne bedeutet folglich nicht stammesgeschichtlich, das heißt genetisch verwandt, sondern bezieht sich auf gleichartige Prinzipien und Gesetzmäßigkeiten, die auf einem einheitlichen Grundphänomen beruhen. So gesehen, könnten auch die von der Energontheorie aufgezeigten Grundprinzipien der gesamten Lebensentfaltung als homolog erachtet werden. Es ist aber fraglich, inwieweit eine solche Ausdehnung des Homologiebegriffes sinnvoll ist.

Eine saubere Unterscheidung zwischen analogen und homologen Organen wurde in der Biologie erstmals 1848 von Richard Owen getroffen. Heute gilt sie als Grundlage der stammesgeschichtlichen Forschung und es ist nur allzu verständlich, wenn die Biologen auf einer exakten Anwendung dieser Begriffe beharren. In der Energontheorie tritt jedoch die Frage nach dem stammesgeschichtlichen Werden der Energone gegenüber ihren vergleichbaren Funktionen und Leistungen in den Hintergrund. Deswegen befaßt sie sich, wie gesagt, häufig mit Analogien. Eine gepanzerte Türe und der Panzer einer Schildkröte sind analoge Funktionsträger. Ihre Ähnlichkeit beruht auf derselben funktionellen Anforderung, schädigende Umweltfaktoren abzuwehren.

Es geht in der Energontheorie jedoch noch um weit weniger sinnfällige Zusammenhänge. Auch ein Giftstachel und ein Steuerungsrezept für Fluchtverhalten dienen, ebenso wie der Panzer, der Abwehr von Feinden. Jedoch sind diese Organe weder homolog noch analog und schon gar nicht handelt es sich bloß um einen bildhaften Vergleich! Die genannten Funktionsträger sind funktionsverwandt. In der Bilanz scheinen sie im Abwehrsektor auf. Ob so oder anders die Einwirkung von Feinden neutralisiert wird, ist für das Energon von sekundärer Bedeutung. Primär sind die Kosten, welche die Abwehrstruktur verursacht, sowie die Präzision und die Schnelligkeit ihrer Leistung. Organe völlig verschiedenen Aussehens und völlig verschiedener Entstehungsweise können einander im Leistungsgefüge der Energone durchaus vertreten, diesen gleichwertige Effizienz und Konkurrenzfähigkeit vermitteln.

Der Begriff der "Funktionsverwandtschaft" überbrückt manche Schwierigkeit, welche die Unterscheidung zwischen Analogie und Homologie mit sich bringt. Funktionsverwandte Organe können durchaus auch homolog sein! Immer aber sind sie Funktionsträger, die unabhängig von ihrem äußeren Erscheinungsbild im Dienste derselben Leistung stehen. Während in der Biologie die Unterscheidung zwischen homolog und analog im Vordergrund steht, fügt sich die Verwandtschaft, welche

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hier aufgezeigt wird, nicht in diese Alternative. In der Energontheorie tritt eine derartige Beurteilung in den Hintergrund, denn der eigentliche Schlüssel zum Verständnis des Evolutionsverlaufes sind die Funktionsverwandtschaften! Deshalb wollen wir den negativ belasteten Begriff "analog" nur beschränkt verwenden und überall dort, wo es berechtigt ist, durch den das Wesentliche besser hervorhebenden Begriff "funktionsverwandt" ersetzen.

Organische Ansätze in Staatslehre und Soziologie

Bereits in der Antike gab es Denker, die den Staat als echten Organismus ansahen. Platon bezeichnete den Staat als "einen Menschen im großen", Aristoteles nannte ihn "ein beseeltes Lebewesen". Später erklärte Schelling, daß der Staat nicht ein Mittel für bestimmte Zwecke sei, sondern die "Konstruktion des absoluten Organismus". In der Staatswissenschaft bildete sich eine "organische" Richtung aus, deren Anhänger die Auffassung vertraten, "daß es sich bei ihrem Objekt um überindividuelle Lebewesen handelt, die ebenso wirklich sind, wie die Einzelindividuen, nur ungleich größer und mächtiger in ihrem Entwicklungsgang".39 Der schwedische Historiker und Staatsgelehrte Rudolf Kjellen (1924), ein prominenter Vertreter dieser auch als "vergleichende Politik" bezeichneten Lehre, ging sogar so weit, den "Lebensformen" Pflanze, Tier und Mensch die Lebensform Staat zur Seite zu stellen.

Ähnlich wie in der Staatslehre entstand auch in der Soziologie ein "organisch" ausgerichteter Zweig, die "organische Soziologie" oder der "soziologische Biologismus". Diese Denkrichtung bedient sich biologischer Vergleiche oder faßt die Gesellschaft selbst als Organismus auf. Nach Paul Lilienfeld (1873) ist die Gesellschaft ein realer, eigenartiger Organismus, dessen Zellen die Individuen sind.40 Es gibt ein soziales Nervensystem, eine soziale Zwischenzellensubstanz usw. Im biologischen wie im sozialen Organismus treten Hemmungs- und Rückbildungserscheinungen auf. Auch der englische Philosoph Herbert Spencer (1873, 1885) betrachtete die Gesellschaft als biologischen Überorganismus.41 Allerdings geht Spencer über das Niveau oberflächlicher Vergleiche hinaus, indem er die organischen Entwicklungsgesetze in allgemeiner Form auf die Gesellschaft überträgt. Darunter fallen Wachstum, Differenzierung der Struktur und Funktion, Arbeitsteilung, die wechselseitige Abhängigkeit der Teile des sozialen Organismus und die einheitliche Beeinflussung durch äußere und innere Verhältnisse.

Wenngleich auch Spencer den Versuch unternahm, für biologische und soziale Organismen gültige, allgemeine Gesetzmäßigkeiten aufzuzeigen, so sind sowohl organische Soziologie wie auch organische Staatswissenschaft doch zum überwiegenden Teil von oberflächlichen, anthropomorphistischen Vergleichen geprägt. Neben

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häufig gebrauchten Metaphern, deren Erkenntniswert nicht allzu hoch einzuschätzen ist, sind die erwähnten "organischen" Denkansätze zudem oft durch eine unkritische und ungerechtfertigte Anwendung des Darwinismus auf soziale und staatliche Probleme gekennzeichnet. Es würde den Rahmen dieser Schrift sprengen, wollten wir darauf eingehen, inwieweit dies auf einzelne Autoren zutrifft.

Eine bemerkenswerte Ausnahme in der Reihe "organischer" Forschungsansätze bildet Oscar Hertwig. Im Unterschied zu den anderen Autoren war Hertwig Fachzoologe und hat in seinem angestammten Wissenschaftsgebiet mit der Erforschung des Befruchtungsvorganges am Seeigelei 1875 bleibende Berühmtheit erlangt. In seinem Werk "Der Staat als Organismus" von 1922 beschäftigt er sich mit der Frage, inwieweit die Einrichtungen eines Lebewesens als vorbildlich für Staats- und Gesellschaftseinrichtungen betrachtet werden können. Als Zoologe geht er davon aus, daß Organismen in formaler Hinsicht eine viel höhere Stufe in sich vollendeter Organisation darbieten als Staaten. In dieser Hinsicht ist Hertwig auch als Vorläufer jener heutigen Autoren zu betrachten, die, meist von der Betriebswirtschaft kommend, in der Natur ein Vorbild bei der Bewältigung von Unternehmensproblemen sehen.

Weitaus wesentlicher ist jedoch seine Übereinstimmung mit der Energontheorie in der funktionellen Auffassung von Organen als Mittel zum Zweck. Von den Telegraphen- und Telephondrähten sagt Hertwig, "daß sie in den Raum hineinprojizierte Nerven des tierischen Körpers sind". Und er schreibt weiter: "Das Bedürfnis nach Reizübertragung hat also in beiden Fällen Mittel geschaffen, durch die der gleiche Zweck erfüllt wird, und diese Mittel, grundverschieden in stofflicher Hinsicht und in ihrer Entstehung, stimmen doch vollständig in allem, was zur Erreichung des Zweckes dient, überein. Als Leitungsfäden haben sie ein allgemeines Prinzip zur gemeinsamen Grundlage, sie können miteinander verglichen und sogar mit demselben Namen belegt werden." Ganz im Sinne der Energontheorie schließt Hertwig daraus, "daß auf Grund allgemeiner Naturgesetzmäßigkeiten Einrichtungen für gleiche Zwecke mit verschiedenartigen zur Verfügung stehenden Mitteln hervorgebracht werden können".42

Hertwig ließ es aber nicht bei derartigen Funktionsverwandtschaften bewenden, sondern suchte nach allgemeinen Gesetzen in der Organisation der Lebewesen und der menschlichen Staaten. Ein solches ist etwa sein Gesetz der Assoziation, wonach auf verschiedenen Stufen biologischer und staatlicher Organisation durch Verbandsbildung Individuen höherer Ordnung entstehen. Die damit verbundenen Vorgänge kommen auch bei der Entstehung von Energonen höherer Integrationsstufe zum tragen. Hertwig sieht im Assoziationsprinzip einen allgemeinen naturwissenschaftlich-biologischen Prozeß, dessen Bedeutung für die gesamte Evolution auch von heutigen Autoren betont wird43. In enger Beziehung zur

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Arbeitsteilung und Differenzierung steht sein Gesetz der physiologischen Integration, das Hertwig so formuliert: "In dem Maße, als in einer Lebensgemeinschaft ein Teil eine besondere Leistung übernimmt und dementsprechend differenziert wird, gerät er in immer größere Abhängigkeit zu den Teilen und zum Ganzen; er wird als zugehöriger Teil in ein höheres Ganzes, in einen Organismus höherer Ordnung eingefügt und verliert hierdurch entsprechend dem Grad der eingetretenen Arbeitsteilung seine Selbständigkeit und unabhängige Existenzfähigkeit."44

Dem ist noch hinzuzufügen, daß von den lebensnotwendigen Leistungen zumeist alle bis auf eine von der übergeordneten Einheit übernommen werden. Das Organ im Organismus erwirbt diese Leistungen im Tausch gegen die von ihm selbst erbrachte Spezialleistung. Je höher Organismen organisiert und differenziert sind, desto stärker sind deren Organe vom Ganzen abhängig. Ähnlich verhält es sich auch im Staat. Je komplizierter sich die wirtschaftlichen und organisatorischen Prozesse gestalten, umso mehr gerät der einzelne Mensch in die Abhängigkeit übergeordneter Einheiten - und wird zu deren Funktionsträger.

Die Betrachtungen über den Staat als Organismus weisen noch eine Reihe anderer Parallelen zur Energontheorie auf, so daß Hertwig in dieser Hinsicht ohne weiteres als einer ihrer Vordenker angesehen werden kann. Daß sich ein Biologe dieser Thematik annahm, war eine seltene Ausnahme. Das umso mehr, als Hertwig nicht nur - teilweise sehr aufschlußreiche - Funktionsverwandtschaften aufdeckte, sondern auch tiefergehende, allgemeine Lebensprinzipien, die auch in der modernen Literatur eine Rolle spielen.

Aktuelle Konzepte im Management

Die genannten "organischen" Ansätze in der Staatslehre und Soziologie gehen überwiegend auf ältere Autoren zurück und sind heute kaum noch aktuell. Genau das Gegenteil scheint auf Überlegungen zuzutreffen, die auf Vergleichen zwischen Unternehmen und Organismen beruhen. Es ist nicht möglich, auf die große Zahl von neueren Veröffentlichungen näher einzugehen. Die angeführten Beispiele wurden mehr oder minder willkürlich aus einer größeren Anzahl von ähnlichen Publikationen herausgegriffen. Uns soll hier lediglich ihr theoretischer Hintergrund beschäftigen, denn auch die Energontheorie bietet einen solchen Hintergrund für Vergleiche zwischen menschlichen Erwerbsstrukturen und Organismen. Eine Sichtung der Literatur läßt drei Gruppen erkennen, die sich in unterschiedlichem Ausmaß auf umfassende evolutionäre Prinzipien stützen.

Die erste Gruppe umfaßt diejenigen Denkansätze, die in der Natur ein mögliches Vorbild für die menschliche Wirtschaft erkennen. Ihr Abstraktionsgrad ist gering, Vorrang haben praktische Überlegungen. Eine theoretische Basis bildet die Einsicht, daß das Handeln des Menschen ein integraler Bestandteil des globalen Ökosystems der Erde ist. Als ein Beispiel seien die beiden Autoren Apitz und Gege herausgegriffen. Sie gehen der Frage nach, inwieweit die Übertragung von elementaren Mechanismen der

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Natur auf unsere Wirtschaft eine drohende Katastrophe abwenden kann45. Es heißt dazu: "Das biologische System ist eine wahre Fundgrube für technische Vorgänge, für energiesparende Maßnahmen und elegante Kombinationen einer optimalen Energie- und Rohstoffnutzung. Ein Vorbild rationellen und ökonomischen Wirtschaftens."46 Als elementare Mechanismen werden etwa die geschlossenen natürlichen Stoffkreisläufe, das Prinzip der kleinen, sich selbst regulierenden Baueinheiten und die Selbstbegrenzung des Wachstums und der Individuenzahl genannt.

Solche Themen sind auch im Rahmen der Energontheorie von Bedeutung, allerdings sind sie nicht deren primärer Inhalt, sondern eine Konsequenz. Denn die Lebensentfaltung, welche sich ausschließlich über Energone fortsetzt, ist über die vom Menschen gebildeten Energone dahin gelangt, sich selbst in erheblichem Maße zu bedrohen. Als Ursachen dafür sind neben der Bevölkerungsexplosion vor allem das Anwachsen der zusätzlichen Organe und die exzessive Einbeziehung von Fremdenergie in das Leistungsgefüge des Menschen zu nennen. Die vergleichende Untersuchung pflanzlicher, tierischer und menschlicher Erwerbseinheiten kann Hinweise liefern, wie der Krise zu begegnen ist. Eine vordringliche Maßnahme ist etwa der Übergang vom quantitativen zum qualitativen Wachstum - ein "Erfolgsrezept", zu dem die Evolution schon in früheren kritischen Phasen gelangte. Wir kommen darauf im Schlußkapitel noch ausführlicher zurück.

Zur zweiten Gruppe gehören jene Konzepte, die darauf abzielen, dem einzelnen Unternehmen Überlebenshilfen in Zeiten der turbulenten wirtschaftlichen Veränderungen zu bieten. Nicht umweltverträgliches Wirtschaften steht dabei im Vordergrund, sondern ein harmonisches Zusammenwirken innerer und äußerer Kräfte, das letztlich zu einer erhöhten Flexibilität und zur Leistungssteigerung des gesamten Unternehmens führen soll. Als theoretische Grundlage dient das Modell des lebenden Organismus und außerdem die Annahme, daß auch Unternehmen als Organismen im weitesten Sinne anzusehen sind - oder wenigstens eine hinreichend enge Wesensverwandtschaft zwischen beiden besteht.47 Ganzheitlichkeit sowie das Vermögen, sich an ständig wechselnde Umweltgegebenheiten anzupassen, werden als die wesentlichen Merkmale von Lebewesen betrachtet.

Aus dem Zusammenspiel körperlicher und geistiger Fähigkeiten der Mitarbeiter erwächst die Gesundheit des Unternehmensorganismus. Führung bedeutet nicht bloß, Befehle von "oben" nach "unten" zu erteilen, sondern eine fortgesetzte Kommunikation und Rückkoppelung zwischen den ausführenden Organen und der Zentrale. Auch die Zusammenarbeit von Sinnesorganen, Erfolgsorganen und dem Gehirn funktioniert nach diesem Prinzip. Der Egoismus des einzelnen Mitarbeiters ist

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vergleichbar mit einer gefährlichen Krebserkrankung, während ein Nutzen für die Gemeinschaft gleichzeitig auch einen Nutzen für jedes einzelne Organ bzw. jeden Mitarbeiter mit sich bringt. Und was die Bedeutung der Kooperation betrifft, so wurde diese bislang von den Biologen zugunsten der Konkurrenz unterschätzt. Für Unternehmen wie für Organismen sind Zusammenwirken und gegenseitige Hilfestellung wichtige Strategien im Kampf ums Überleben.

Wie sind nun solche Parallelen zwischen lebenden Organismen und dem "Organismus Unternehmen" einzuschätzen? Die Vergleiche beruhen teils auf oberflächlichen Ähnlichkeiten, teils auf Analogien, wobei zumeist wenig Wert auf eine saubere Unterscheidung gelegt wird. Wie bereits angedeutet, können echte, das heißt auf denselben funktionellen Gegebenheiten beruhende Analogien äußerst anregend und lehrreich sein, und entsprechende Schlußfolgerungen auch tatsächlich zur Lösung von konkreten betrieblichen Problemen beitragen. An dieser Stelle ist aber auch eine kritische Bemerkung angebracht. Häufig entsteht nämlich der Eindruck, als würden bei der Übertragung von naturwissenschaftlichen Prinzipien auf die Wirtschaft nur jene Aspekte berücksichtigt, die sich aus subjektiver menschlicher Sicht als positiv darstellen und sich somit auf Managementseminaren auch entsprechend anbieten lassen.

Daß es in der Evolution kein "gut" oder "schlecht" gibt, ist eine Trivialität. Was etwa die Anpassung der Pflanzen und Tiere an wechselnde Umweltbedingungen angeht, so bietet sich bei flüchtiger Betrachtung das Bild eines scheinbar reibungslosen, harmonischen Vorganges. Dies mag sehr wohl zutreffen, solange man nur den Gesamtvorgang im Auge hat und das Schicksal einzelner Individuen und Arten unberücksichtigt läßt. Aber nicht das einzelne Individuum kann Zeiten rapider Veränderungen überstehen, sondern lediglich ein geringer Teil seiner Nachkommenschaft. Es ist leicht einzusehen, was es bedeutet, würde man auch dieses "Modell" auf die Wirtschaft übertragen - beispielsweise in Hinblick auf die Forderung nach umweltverträglicher Produktion. Wahrscheinlich hätte man wenig Verständnis von Seiten eines Wirtschaftstreibenden zu erwarten, wollte man ihm unter dem Hinweis auf die Evolution klarmachen, daß sein Unternehmen eben aufgrund dieses oder jenen Mangels (oder gar wegen der generellen Umweltunverträglichkeit der Produkte) zum "Aussterben" verurteilt ist, was aber der Gesamtentwicklung zugute käme. Hier zeigt sich uns die weniger sympathische Seite der Evolution, in der das "Überleben des Bestgeeigneten" stets mit dem Aussterben anderer Individuen und Arten einhergeht .

Es sollte indes nur vor dem leichtfertigen Umgang mit halben biologischen Wahrheiten gewarnt werden! Wir wollen diesen Abschnitt mit einem positiven Hinweis schließen: Im Unterschied zu allen übrigen Lebewesen ist der Mensch aufgrund seiner Lernfähigkeit und seiner zusätzlichen Organe dazu befähigt, seine Erwerbsart zu wechseln und sich somit veränderten Bedingungen anzupassen, ohne daß damit zwangsläufig ein individueller Nachteil verbunden ist. Erstmals in der Evolution wurde es also möglich, daß Individuen gänzlich neue Erwerbsquellen erschließen und neue Energonarten gleichsam über Nacht entstehen.

Die dritte Gruppe bilden schließlich solche Denkansätze, die sowohl die Entwicklung der Organismen als auch jene der menschlichen Gesellschaft mitsamt ihren sozialen, wirtschaftlichen und politischen Organisationen bzw. Institutionen als Erscheinungsform ein- und desselben Grundphänomens ansehen. Vergleiche zwischen Betrieben und Lebewesen sowie die Übernahme von grundlegenden Prinzipien des

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Lebens in die Managementlehre sind deshalb eine logische Folge dieser Sichtweise. Derartige Konzepte stützen sich häufig auf Strukturtheorien wie etwa die Allgemeine Systemtheorie und die Selbstorganisationslehre, deren Anspruch auf Gültigkeit noch weiter reicht (näheres im Kapitel 12). Dementsprechend verfügen sie über einen fundierten theoretischen Hintergrund und weisen oft ein hohes Abstraktionsniveau auf. Sie beziehen sich ganz allgemein auf komplexe Systeme, die einem dynamischen Wandel unterworfen sind, und das trifft eben auf die Lebensentwicklung und die Wirtschaft gleichermaßen zu.

Diese universalistischen Gedankengebäude werden etwa als "evolutionäre Synthese", "allgemeine Evolutionstheorie" oder "evolutionäres Management" bezeichnet.48 Zur Energontheorie ergeben sich vielfältige Bezugspunkte, obwohl diese keine Evolutionstheorie im eigentlichen Sinne ist. Berücksichtigt man hingegen auch die Entstehung der Energone, so gelangt man zu einer erweiterten Evolutionstheorie, die ihrem Ansatz nach in diese dritte Kategorie einzureihen ist.

Rudolf Sprüngli, ein Vertreter des evolutionären Denkens im Managements, beschreibt die gemeinsamen Charakteristika von geistigen Strömungen, die um eine integrierende Gesamtschau, um eine evolutionäre Betrachtung des Menschen mitsamt seiner Artefakte bemüht sind49. Solche Gemeinsamkeiten der sogenannten "neueren evolutionären Ansätze" sind: erstens das Operieren mit Analogien bzw. die Ausweitung von Begriffen; zweitens das Postulat einer allem Leben zugrundeliegenden homologen Dynamik; drittens der interdisziplinäre Anspruch. Häufig gesellt sich dazu, viertens, eine kritische Haltung gegenüber dem Darwinismus.

Die Punkte 1 bis 3 gelten auch für die Energontheorie. Zur kritischen Haltung gegenüber dem Darwinismus ist zu sagen, daß sich die Erklärung des evolutionären Werdens der Energone sehr stark an Darwin anlehnt, von einer Kritik also keine Rede sein kann. Viele der sogenannten "evolutionären Ansätze" berufen sich auf Ludwig v. Bertalanffy und Erich Jantsch, auf zwei Autoren also, die sich wiederholt kritisch gegenüber dem Darwinismus geäußert haben. Es würde zu weit führen, wollten wir auf das Für und Wider hier näher eingehen. Auf die evolutionären Managementstrategien kommen wir im 14. Kapitel zurück.
 
 

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Anmerkungen:

39 Siehe: Kjellén, R.: Der Staat als Lebensform. Berlin, 1924, Seite 35.
40 Siehe: Lilienfeld, P.: Gedanken über die Sozialwissenschaft der Zukunft. Mitau, 1873.
41 Siehe: Spencer, H.: The Study of Sociology. London, 1873. Und: Principles of Sociology. London, 1885-95.
42 Siehe: Hertwig, O.: Der Staat als Organismus. Jena, 1922, Seite 4 ff.
43 Der Zellbiologe Wilhelm Schwemmler postuliert ein evolutionäres Prinzip der Symbiosebildung im weitesten Sinn, wonach durch den Zusammenschluß von Einheiten auf einer Ebene die nächsthöhere Ebene erreicht wird. Dieser makroevolutive Mechanismus soll nicht nur zur Entstehung der "echten" Zelle (Euzyte) geführt haben (wo er gut belegt ist), sondern für die gesamte Evolution relevant sein. Näheres in Schwemmler, W: Symbiogenese als Motor der Evolution, Berlin, Hamburg, 1991.
44 Siehe. Hertwig, O.: Der Staat als Organismus. Jena, 1922, Seite 55.
45 Klaas Apitz und Maximilian Gege beschäftigen sich unter dem Titel: "Was Manager von der Blattlaus lernen können" (1991) mit Erfolgsrezepten der Natur, die, auf die Wirtschaft angewendet, dazu beitragen können, einerseits die drohende Umweltkatastrophe zu verhindern und andererseits auch neue wirtschaftliche Chancen bieten.
46 Siehe: Apitz und Gege, 1991, Seite 92.
47 Als Beispiel für einen derartigen Ansatz sei das Buch "Organismus Unternehmen" (1993) von Gerd Ammelberg genannt.
48 Als weiterführende Literatur zu dieser Denkrichtung sei empfohlen: Laszlo, E.: Evolutionäres Management: Globale Handlungskonzepte. Fulda, 1992. Malik, F.: Strategie des Managements komplexer Systeme. Ein Beitrag zur Management-Kybernetik evolutionärer Systeme. Bern/Stuttgart, 1984. Sprüngli, R.K.: Evolution und Management: Ansätze zu einer evolutionistischen Betrachtung sozialer Systeme. Bern, 1981.
49 Siehe: Sprüngli, 1981, Seite 44.