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10. Die Entstehung der Energone oder die erweiterte Evolutionstheorie
 

Mit dem Energonbegriff wurde ein abstraktes Modell für alle energieerwerbenden und zur Vermehrung und Verbesserung ihrer Struktur befähigten Systeme geschaffen. Die Energontheorie sieht in der Gesamtevolution eine Erscheinungsform, eine Entfaltung der Energie. In kürzester Definition ist das Energon "die notwendige Struktur des Energieaktiven". Anorganische Phänomene, denen ohne eigenes Zutun über eine bestimmte Zeitspanne hinweg Energie und Stoffe zufließen - wie etwa ein Fluß -, fallen nicht unter diesen Begriff. Die Entfaltung der Energone ist ein Prozeß, der seit nunmehr vier Milliarden Jahren ununterbrochen andauert. Der notwendige Aufbau der beteiligten Strukturen, so erklärt Hass, ergibt sich aus den der Energie und Materie innewohnenden Eigenschaften.

Genau darin liegt auch der Grund, warum die Energontheorie keine Evolutionstheorie im üblichen Sinne ist. Denn angenommen, eine Theorie über die Entstehung der Energone - und wir werden anschließend auf eine solche zurückkommen - wäre falsch, ja angenommen, sogar die ursprüngliche Darwin’sche Lehre wäre falsch, so wäre die Energontheorie davon in keiner Weise betroffen. Denn wie auch immer Energone entstanden sein mögen, um die Lebensentfaltung fortzusetzen, müssen sie aufgrund der geltenden Naturgesetze so beschaffen sein, wie sie es sind. Diese Feststellung ist keine Trivialität! Denn die von der Energontheorie aufgezeigten Gesetzmäßigkeiten bilden jenes Rahmengerüst, innerhalb dessen sich auch die künftige Lebensentfaltung vollziehen muß.

Das Bestreben der Energontheorie, die richtungsweisenden bzw. limitierenden Bedingungen innerhalb der Lebensentfaltung zu erforschen, hat vom Ansatz her entsprechende Parallelen in der herkömmlichen Biologie. Ein Blick auf den bisherigen Verlauf der Lebensentfaltung zeigt uns, daß diese vielfachen Beschränkungen unterliegt, daß die Entwicklung für bestimmte Zeit oder gar für immer in enge Bahnen gezwungen wird. In der Biologie werden derartige, die Entwicklungsrichtung bestimmende bzw. einschränkende Faktoren als "evolutionary constraints" bezeichnet. In der deutschen Sprache läßt sich dieser Terminus noch am ehesten mit dem etwas unschönen Ausdruck "entwicklungsgeschichtliche Zwänge" umschreiben, weshalb wir hier lieber bei "constraints" bleiben wollen. Deren Rolle in der Evolution wurde lange Zeit zugunsten der natürlichen Auslese unterschätzt. Häufig ergeben sich solche Einschränkungen aus dem Umstand, daß eine bestimmte Entwicklungsrichtung einmal eingeschlagen wurde, und dies nicht mehr rückgängig gemacht werden kann.

Constraints, die aus der Stammesgeschichte von Organismen erklärbar sind, gibt es in großer Zahl. So limitieren beispielsweise bei den Insekten die Atmung über Tracheen sowie das aus Chitin bestehende Außenskelett die maximale Größe dieser Tiere auf wenige Dezimeter. Je nachdem, ob sie einen engeren oder weiteren Kreis von Organismen betreffen, lassen sich "lokale" bis hin zu "universellen" Constraints unterscheiden. Manche gelten generell für alle Lebewesen. So unterliegen Pflanzen und Tiere für gewöhnlich der entscheidenden Einschränkung, daß die Bildung von Funktionsträgern nur im Rahmen dessen erfolgen kann, was die Zelle als Baumaterial gestattet.

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Der Evolutionsbiologe Stevan J. Arnold (1992) geht über jene Beschränkungen, die aus der Stammesgeschichte der Organismen resultieren, hinaus und definiert "evolutionary constraints" ganz allgemein als "limitierende Faktoren, welche den Verlauf oder das Resultat der Evolution bestimmen"31 . Setzt man den Begriff "Lebensentfaltung" an die Stelle des Begriffes "Evolution", dann zielt diese Definition genau auf den Hauptinhalt der Energontheorie ab. Denn diese befaßt sich mit constraints, welche nicht alleine für die aus Zellen bestehenden Organismen relevant sind, sondern für die Gesamtheit aller Energone. Dabei bezieht sie sich ausschließlich auf bereits bestehende Energone. Die Frage, wie diese Energone entstanden sind, ist Gegenstand einer erweiterten Evolutionstheorie32 , welche in Teilbereichen auf der Energontheorie aufbaut, aber nicht mit ihr identisch ist! Sie fördert jedoch wesentlich das Verständnis der Energontheorie, insbesondere jenes der Rolle des Menschen in der Entfaltung des Lebens. Wir werden uns nun mit dieser Theorie eingehender befassen.

Die Leistung als Ansatzpunkt der natürlichen Auslese

Die erweiterte Evolutionstheorie geht davon aus, daß mit der gewaltigen Expansion der vom Menschen aufgebauten Energone auch gleichzeitig eine neue Phase der Evolution ihren Anfang nahm. Der Übergang zu dieser Phase erfolgte indes ganz ohne Bruch oder Diskontinuität. Hass nannte in seiner jüngsten Schrift (1994) diesen neuen Abschnitt der Energonentfaltung die Ära der Hyperzeller, welche unmittelbar an jene der Einzeller und Vielzeller anschließt. Der neue Begriff "Hyperzeller" soll veranschaulichen, daß die momentane Evolutionsphase von Lebensformen dominiert wird, die über die Grenzen des Zellkörpers hinaus leistungserbringende Strukturen aufbauen, welche ihre Konkurrenz- und Überlebensfähigkeit bedingen. Diese Lebensformen sind die Berufskörper und Erwerbsorganisationen.

Der Grundgedanke der erweiterten Evolutionstheorie beruht darauf, den Menschen mitsamt seiner Produkte zwar als integralen Bestandteil der biologischen Evolution zu betrachten, ihm aber trotzdem aufgrund seiner geistigen Leistungen und seines Vermögens, ein gewaltiges Volumen an anorganischer Materie in den Lebensprozeß miteinzubeziehen - zu vitalisieren, einen besonderen Rang zuzuerkennen. In ähnlicher Weise äußerte sich zuvor bereits der prominente Evolutionsforscher Julian Huxley33 , indem er vorschlug, den Menschen in einen eigenen, höheren taxonomischen Rang innerhalb des zoologischen Systems zu erheben, nämlich jenen der Psychozoa. Huxley räumte ein, daß diese neue systematische Stellung

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der Psychozoa gleichzeitig eine völlig neue Phase des Evolutionsprozesses verkörpert. Und er wies außerdem darauf hin, daß dieses Taxon eine gehörige Bandbreite in der Entwicklung des Lebens einnimmt, die zumindest jener des gesamten restlichen Tierreiches entspricht.

Bekanntlich ist der Mensch nach der herkömmlichen zoologischen Systematik nur eine von etwa 1,5 Millionen beschriebener Tierarten. Diese Einschätzung mag zwar biologisch korrekt sein, sie wird hingegen der wahren Bedeutung des Menschen für die Lebensentfaltung nicht gerecht. Offensichtlich bezieht sich Huxleys Vorschlag auf diese Unzulänglichkeit der bisherigen systematischen Einteilung.

Die erweiterte Evolutionstheorie stützt sich im wesentlichen auf die Darwin’sche Selektionstheorie und unternimmt den Versuch, deren grundlegende Erkenntnisse auf die vom Menschen aufgebauten Energone auszudehnen. Zusätzlich beinhaltet sie aber auch zwei gänzlich neue Gesichtspunkte, auf die wir anschließend noch zu sprechen kommen. Zuvor jedoch einige Worte über Charles Darwin. In seinem Werk über die Entstehung der Arten legte Darwin dar, daß die verschiedenen Arten keine Einzelschöpfungen sind, sondern von gemeinsamen Vorfahren abstammen. Auch der Mensch ist ein Teil dieses Entwicklungsprozesses. Die Nachkommen der Lebewesen gleichen einander in ihren Merkmalen nicht völlig, sondern weisen untereinander eine bestimmte Variabilität auf. Ein Selektionsprozeß - die natürliche Auslese - bewirkt, daß sich die für die jeweiligen Lebensumstände bestgeeigneten Individuen durchsetzen. So kam es über lange Zeiträume hinweg zu einer Höherentwicklung, zur Spezialisierung und Differenzierung der Lebewesen und zur Entstehung neuer Arten.

In den letzten Jahren wurde auch unter manchen Biologen eine zunehmende Kritik am Darwinismus bzw. seiner modernen Form, der synthetischen Evolutionstheorie, laut. Es wurde wiederholt darauf hingewiesen, daß nicht alle Evolutionsphänomene anhand der Selektionstheorie zu erklären sind und das ursprüngliche Konzept in einigen Punkten einer Erweiterung bedarf. Wir können auf diese Diskussion hier nicht näher eingehen. An den grundlegenden Tatsachen der Darwin’schen Selektionstheorie ist indes nach allen bisherigen Ergebnissen der Forschung nicht zu zweifeln.

Wir haben bereits oben erwähnt, daß es nach wie vor ein strittiger Punkt ist, an welchen Einheiten die natürliche Auslese nun eigentlich ansetzt. Es wurden verschiedene Möglichkeiten in Betracht gezogen, von den Einzelindividuen über Gruppen und Populationen bis hin zu den Genen. Die neue Antwort der erweiterten Evolutionstheorie auf diese alte Frage lautet: es ist keine dieser Alternativen. Denn die natürliche Auslese greift letztenendes nicht an materiellen Strukturen oder Verhaltensweisen (die ebenfalls auf materiellen Steuerungsstrukturen im Gehirn beruhen) an, sondern an der Leistung, genauer gesagt am Leistungsergebnis.

Worin besteht hier der Unterschied? In der bisherigen Biologie hält man die körperliche Beschaffenheit der Lebewesen und ihrer Organe sowie ihr Verhalten als maßgeblich für ihren Selektionswert. Nun ist es aber so, daß die gleiche Leistung, oder besser das gleiche Leistungsergebnis, über die verschiedensten materiellen Strukturen, Organe wie Verhaltensweisen, erzielt werden kann.

Greifen wir ein Beispiel unter vielen heraus - die Abwehr der Bedrohung durch Raubfeinde. Diese Abwehr kann mit den verschiedensten Mitteln erreicht

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werden, etwa durch Panzerung, schnelle Flucht, giftige Abwehrsekrete, Tarnfarben, Stacheln oder Dornen - die Auflistung ließe sich sicher noch verlängern.34 Was der natürlichen Auslese gegenüber zählt, ist aber nicht die konkrete Beschaffenheit des Tarnkleides, des Giftstachels, einer Verhaltenssteuerung zur Flucht oder des Panzers, sondern einzig das Resultat; ob es dem Individuum, so oder so, gelungen ist, seinen Feinden zu entgehen.

Diese Betrachtungsweise mag anfangs ungewohnt sein; in der Wirtschaft ist sie wahrscheinlich leichter nachzuvollziehen. Denken wir an eine beliebige Leistung in einem beliebigen Produktionsprozeß. Für das Produkt ist es unerheblich, ob diese Leistung von einem Menschen erbracht wurde oder einer Maschine, oder ob sie von einem Unternehmen der Zulieferindustrie quasi fertig erworben wurde. Was zählt, ist das fertige Endprodukt und, für die Konkurrenzfähigkeit des Unternehmens, selbstverständlich der Umstand, wie teuer, schnell und präzise die betreffende Leistung erstellt wurde. Halten wir also zunächst fest: die Selektion setzt nicht an materiellen Strukturen an, sondern am Ergebnis von Leistungen!

Und gehen wir noch einen Schritt weiter. Für die Energontheorie ist es unwesentlich, wie benötigte Leistungen zustande kommen; ob sie von somatischen oder zusätzlichen Organen erbracht werden oder ob es sich um Fremdleistungen handelt, die dem Energon für bestimmte Zeit oder auf Dauer angegliedert werden. Energone bilden Leistungsgefüge und wie die bisherigen Ausführungen zeigen, setzt die Auslese an den Leistungsergebnissen dieser Gefüge an. Wenn wir es einmal ganz salopp formulieren wollen, dann können wir sagen, daß die natürliche Auslese es überhaupt nicht registriert, ja gar nicht registrieren kann, auf welche Weise eine Leistung zustandekommt. Es zählt nur das Ergebnis! Die relevanten Leistungen, die Energone erbringen müssen, um die Lebensentfaltung fortzusetzen, lassen sich sehr konkret angeben. Wir sind darauf im Rahmen der essentiellen Grundbedingungen und der Erfordernisse an der Innen- und Außenfront eingegangen. In der knappest möglichen Formulierung sind diese Leistungen: Energieerwerb, Stofferwerb, Abwehr widriger und Nutzung günstiger Umweltbedingungen, Vermehrung und Verbesserung; dazu kommen noch einige unterstützende Leistungen wie etwa Koordination oder Bindung der Teile an das Ganze. Betrachtet man die Energone als Leistungsgefüge, so ist es nur legitim und folgerichtig, deren Entstehung als eine Evolution von Leistungen einzuschätzen!

Welche Konsequenzen ergeben sich daraus? Vergleichen wir als erstes Beispiel die Fortbewegung eines Einzellers, etwa eines Geißeltierchens, mit jener eines vielzelligen Organismus, der sich mit Hilfe seiner Beine bewegt. Im ersten Fall wird die Leistung der Fortbewegung von einem Zellorganell, der Geißel, erbracht, im zweiten Fall von vielzelligen Organen, den Beinen. Aus Sicht der Evolution von Leistungen ist festzuhalten, daß sich hier eine Leistung von einem Zellorganell auf ein vielzelliges Organ verlagert hat. Dieser Vorgang verlief ganz nach Darwins Auffassung in kleinen Schritten und über sehr lange Zeiträume. Wenn wir sagen, es hätte sich eine Leistung verlagert, so bedeutet dies selbstverständlich nicht, daß der Vielzeller in unserem Beispiel in direkter Ahnenreihe von den Geißeltierchen abzuleiten wäre. Wir beurteilen - wie die natürliche Auslese auch - bloß das Ergebnis.

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Beträchtliche Vorteile bringt es mit sich, wenn Leistungen auf Strukturen übergehen, welche bereits vorhanden sind. Auch dafür lassen sich Beispiele anführen. Oft befähigen neu hinzugekommene Verhaltenssteuerungen Tiere dazu, mittels vorhandener Organe neue Leistungen zu erbringen. So verwendet eine Reiherart, welche im flachen Wasser Jagd auf Fische macht, ihre Flügel zusätzlich zum Beschatten der Wasseroberfläche, was ihr zu besserer Sicht und erhöhtem Jagderfolg verhilft. Ihre Fortbewegungsorgane erbringen so auch eine Hilfsleistung beim Nahrungserwerb. Es ist leicht einzusehen, daß die Verwendung bereits vorhandener Organe wesentlich ökonomischer ist als die Ausbildung neuer. Aber auch dieser Übergang von Leistungen erfolgte in kleinen Evolutionsschritten. Auf noch effizientere Weise können Leistungen jedoch zustande kommen, wenn sie gar nicht erst selbst erbracht, sondern im Leistungstausch von anderen Organismen erworben werden. Das anschaulichste Beispiel hierfür ist wohl die Symbiose von Seeanemone und Einsiedlerkrebs. Die Seeanemone, welche sich mit Hilfe ihrer Fußscheibe nur geringfügig von der Stelle rühren kann, gelangt durch die Partnerschaft mit dem Krebs zu hochdifferenzierten Beinen und verbessert ihre Bewegungsleistung ganz außerordentlich. Und sie "bedient" sich dabei bereits vorhandener Organe, eben der Beine des Einsiedlerkrebses.

Der Shift als evolutionsfördernder Mechanismus

Sieht man in der Evolution der Energone in erster Linie eine Verbesserung ihres Leistungsgefüges, dann ist festzustellen, daß sich Leistungen immer wieder auf andere, bereits vorhandene Funktionsträger verlagerten. Im Falle unserer Beispiele trifft dies auf die erwähnte Reiherart und die Seeanemone zu. Hass (1994) bezeichnet derartige Leistungsverlagerungen als "Shift" und weist darauf hin, "daß dadurch Fortschritte möglich werden, welche die ursprüngliche Einheit nie hätte erbringen können". Er schreibt weiter: "Bei Mutationen führt, wenn sie sich als günstig erweisen, eine Änderung in der materiellen Beschaffenheit des Genoms zu Leistungsverbesserungen. Beim Shift gehen Leistungen von einem Organgefüge auf andere über, die somit auch über einen anderen Selektionsdruck zustande kamen. Hier besteht deshalb kein unmittelbarer kausaler Zusammenhang zwischen der einen Bildung und der Entstehung der anderen."35

Welche Bedeutung haben nun diese Shifts für die evolutionäre Entfaltung? In manchen Fällen sind ihre Auswirkungen lokal begrenzt, wie etwa bei der Seeanemone; in anderen wieder können sie einen ganz ungeheuren Einfluß auf die weitere Entwicklung nehmen. Durch die sprunghafte Leistungsverlagerung auf schon bestehende, andere materielle Strukturen kommt es zu raschen Leistungsverbesserungen, was den Fortgang der Evolution jedenfalls beschleunigt. Bei den Pflanzen und Tieren nehmen diese Vorgänge aber trotzdem beträchtliche Zeit in Anspruch. Die Symbiose zwischen Einsiedlerkrebs und Seeanemone kam nicht "über Nacht" zustande. Allerdings gelangte die Seeanemone auf diesem Weg trotz allem wesentlich schneller zu effizienten Fortbewegungsorganen, als wenn sie diese über den Mechanismus von Mutation, Rekombination und Selektion selbst gebildet hätte. Im Bereich der vom

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Menschen aufgebauten Energone können allerdings, wie wir noch sehen werden, über Shifts erzielte Leistungsverbesserungen in der Tat plötzlich erfolgen.

Das Vermögen des Menschen, sein Leistungsgefüge durch zusätzliche Organe zu erweitern und auf diese Weise die Steigerung der Lebensentfaltung voranzutreiben, beruht ebenfalls auf Shifts, auf Leistungsverlagerungen mit gewaltigen Folgen. Im ersten Fall steht die Verlagerung in Zusammenhang mit der Entwicklung der menschlichen Intelligenz und seines Ichbewußtseins. Auf einer Art von "geistigem Projektionsschirm" kann der Mensch verschiedene Erfahrungen und Eindrücke miteinander kombinieren, Pläne entwerfen und diese im Vorhinein auf ihre Erfolgschancen hin prüfen. Diese Fähigkeiten kommen naturgemäß der Bildung von zusätzlichen Organen zugute. Aus Sicht des Leistungsgefüges verlagerte sich die bedeutende Leistung der Bildung neuer, leistungsfähigerer Organe vom Genom in die Kompetenz der Großhirnrinde. Der zweite Shift betrifft die gezielte sprachliche Verständigung, durch welche erworbene Fortschritte an andere Mitglieder der Gemeinschaft weitergegeben und somit fortgepflanzt werden können.

Hass schreibt dazu: "Auch in diesem Fall verlagerte sich eine wichtige Funktion von einem materiellen Gefüge auf ein völlig anderes, nämlich wiederum vom Genom auf die Großhirnrinde, genauer: von dem für Fortpflanzung zuständigen Bereich der Gene auf die in der Großhirnrinde zuständigen Bereiche für sprachliche Verständigung. Auch diese zweite Verlagerung ist insofern mit einem gewaltigen Sprung zu vergleichen, als die eine funktionelle Einheit die andere in keiner Weise direkt beeinflußte. Ein Organkomplex (die Großhirnrinde) mischte sich auch hier gleichsam in die bisherige Kompetenz eines anderen ein. Er übernahm dessen Aufgabe im arbeitsteiligen Gefüge des Körpers, ja führte diese besser weiter."36

Wenn wir feststellen, daß das Gehirn die Leistung des Aufbaus zusätzlicher Organe vom Genom übernahm, so ist damit die Steuerung dieses Vorganges gemeint. Es bedurfte darüber hinaus aber noch ausführender Organe, damit erzielte Verbesserungen auch in die Tat umgesetzt werden konnten. Die Hände des Menschen, welche ursprünglich als Greiforgan zur kletternden Fortbewegung dienten, sind ideal zum Werkzeuggebrauch und zur Werkzeugherstellung geeignet. Durch den aufrechten Gang des Menschen wurden die Hände unvermittelt für diese neue Tätigkeit frei. In diesem Fall ermöglichte ein für eine andere Funktion, nämlich für das Klettern auf Bäumen entwickeltes Organ eine wesentliche Leistungssteigerung in einem gänzlich verschiedenen Bereich.

Die drei angeführten Fortschritte sind die für den Energonbau des Menschen wesentlichen. Ihre Reihenfolge entspricht aber nicht dem tatsächlichen stammesgeschichtlichen Ablauf der Hominisation. Die Verlagerung der Aufbauleistung auf die Großhirnrinde wurde deshalb zuerst genannt, weil sie in unmittelbarstem Zusammenhang mit den für die Hyperzeller so wesentlichen zusätzlichen Organen steht. Die Leistungssteigerungen, welche letztlich die Ära der Hyperzeller einleiteten, nahmen zu unterschiedlichen Zeitpunkten ihren Anfang. So ging unser Vorfahre Australopithecus bereits vor vier Millionen Jahren aufrecht, also lange bevor die Hirnentwicklung den Stand des neuzeitlichen Menschen erreichte. Bemerkenswert ist,

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daß auch der Jetztmensch über lange Zeiträume hinweg kaum nennenswerte kulturelle Fortschritte erzielte. Der Grund für diese Stagnation dürfte in der späten Entstehung der Sprache zu suchen sein, die nach Ansicht mancher Forscher erst vor 60.000 Jahren einsetzte und dann sehr rasch zu einer explosiven Entwicklung und Fortpflanzung der zusätzlichen Organe beitrug37.

Dies zeigt uns, daß die weitere Entfaltung des Lebens hier durch eine Kombination verschiedener Leistungen möglich wurde, die ganz unterschiedlichen Funktionsbereichen entstammen und auch verschieden alt sind. Es entstand so ein Lebewesen, welches durch zusätzliche Organe obligatorisch die Leistungsfähigkeit seines Zellkörpers steigert und Leistungskörper aufbaut, die weit über seinen Zellkörper hinausreichen. Bei allen Lebewesen, die keine zusätzlichen Organe verwenden, setzt die natürliche Auslese an den Leistungen ihres Zellkörpers an. Entstehen jedoch durch die Verwendung zusätzlicher Einheiten größere Leistungsgefüge, so "beurteilt" die Auslese deren Leistungen. Im besonderen trifft dies auf die Berufskörper und Erwerbsorganisationen zu. Aber genauso wie bei der bisherigen Entwicklung steuert die Auslese auch hier die weitere evolutionäre Entfaltung.

Es bleibt noch auf eine Konsequenz dieser Entwicklungsvorgänge hinzuweisen. Wenn wir bei den Pflanzen und Tieren von Energonarten sprechen, so deckt sich dieser Begriff mit jenem der biologischen Art. Bei den vom Menschen errichteten Energonen ist dies hingegen nicht mehr der Fall. Der Mensch, der diese mächtigen Leistungsgefüge aufbaut und steuert, repräsentiert weiterhin die Art Homo sapiens38.Die Lebensentfaltung spaltet sich hingegen am Punkt Mensch in eine große Anzahl von neuen Arten auf, die nicht mehr nach den Kriterien des biologischen Artbegriffes behandelt werden können. Die Energontheorie beurteilt das Lebensgeschehen nach notwendigen Leistungen, deren wesentlichste der Erwerb nutzbarer Energie ist. Folglich bedeutet "Art" im Sinne der Energontheorie die Art, wie Leistungen erbracht werden, wie nutzbare Energie erworben wird.

Bei den Organismen ergibt sich daraus kein Widerspruch zum biologischen Artbegriff. Dank seiner zusätzlichen Funktionsträger ist der Mensch zu einem höchst wandelbaren Wesen geworden. Dementsprechend variabel ist auch die Art seines Energieerwerbes. Versiegt eine Erwerbsquelle, so kann er seine Erwerbsart und somit auch die Energonart wechseln. Mit Hilfe gewonnener Erträge und innovativer Ideen kann der Mensch auch gänzlich neue Energonarten gründen. Und Informationen, welche über den genetischen Code immer nur von den Eltern an die direkte Nachkommenschaft weitergegeben werden, können nun mittels Sprache und Schrift beinahe unbegrenzt von einer Energonart zu anderen transferiert werden.

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All dies führte zu immer schnelleren Fortschritten, zu einer immensen Steigerung der Lebensentfaltung. Und trotzdem verliefe die Entwicklung wohl nicht derart rasant, gäbe es nicht einen Funktionsträger, den wir bereits als ein Hilfsmittel beim Energieerwerb über Tauschakte kennengelernt haben. Es ist das Geld, welchem noch eine weit bedeutendere Rolle zukommt als jene des "Universalvermittlers". Erinnern wir uns an die Seeanemone, die über Leistungstausch an effiziente Fortbewegungsorgane gelangt, was für sie zweifellos einen bedeutenden "Shift" darstellt. Sicher nahm die Entstehung dieser Symbiose beträchtliche Zeit in Anspruch. Die evolutionäre Bedeutung des Geldes beruht nun darauf, daß dem Leistungsgefüge eines Energons damit praktisch jede andere Leistung angegliedert werden kann - und dies im günstigsten Fall von einem Augenblick auf den nächsten! Indem sich ein Energon auf die Erbringung einer einzigen Leistung spezialisiert, kann es, sofern es zu entsprechenden Energieüberschüssen gelangt, nahezu jede andere Spezialleistung dafür erwerben. Damit werden Shifts, die schon in der Evolution der Organismen einen nicht unwesentlichen Beitrag zur Leistungssteigerung liefern, sozusagen zum Normalfall.
 

Fassen wir zusammen: Die erweiterte Evolutionstheorie beschäftigt sich mit der evolutionären Entstehung der Energone, wobei sie sich im wesentlichen auf die Darwin’sche Selektionstheorie stützt. Als Einheit und "Ansatzpunkt" der natürlichen Auslese gelten Leistungen, genauer die Ergebnisse von erbrachten Leistungen. Diese Sichtweise ist neu. Durch die regelmäßige Verwendung zusätzlicher Organe baut der Mensch größere Leistungsgefüge, die Berufskörper und Erwerbsorganisationen, auf, welche sich nun in ihrer Gesamtheit der natürlichen Auslese gegenüber behaupten müssen. Die momentane Evolutionsphase, die von zusätzlichen leistungserbringenden Einheiten dominiert wird, nannte Hass Ära der Hyperzeller. Sie schließt an die Ära der Einzeller und jene der Vielzeller unmittelbar an und ist durch gezielte Herstellung von zusätzlichen Organen gekennzeichnet.

Die Evolution ist aus dieser Sicht primär als eine Evolution von Leistungen zu betrachten. Als ein wesentlicher, bisher allerdings viel zu wenig beachteter Evolutionsfaktor gilt die Verlagerung von Leistungen auf bereits vorhandene Strukturen, die häufig unter einem ganz anderen Selektionsdruck zustandekamen. Diese Leistungsverlagerungen oder Shifts beschleunigten bereits die Evolution der Pflanzen und Tiere. Auch das Vermögen des Menschen, größere Energone zu bilden, beruht auf Shifts, allen voran auf der Verlagerung der Aufbauleistung vom Genom auf die Großhirnrinde. Aber auch der Entstehung von Sprache und Schrift und der menschlichen Hand als ausführendem Organ kommt eine nicht minder wichtige Bedeutung zu.

Das Geld, das als Hilfsmittel beim Energieerwerb über Tauschakte dient, ermöglichte Shifts von ungeheurem Ausmaß. Erzielt ein Energon Überschüsse auf einem Sektor, so kann es diese mit Hilfe des Geldes in praktisch sämtliche verfügbaren Spezialleistungen verwandeln und diese in sein Leistungsgefüge integrieren. Nach Auffassung der erweiterten Evolutionstheorie sind die dadurch möglich gewordenen sprunghaften Leistungssteigerungen die Hauptursache für das massive Anwachsen der Lebensentfaltung, aber auch dafür, daß diese am Punkt Mensch erstmals dahin gelangt ist, sich selbst zu bedrohen und - sofern sich die Entwicklung ungehemmt fortsetzt - möglicherweise auch selbst zu zerstören.
 
 

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Anmerkungen:

31 Siehe: Arnold, 1992, Seite 85: Evolutionary constraints are restrictions or limitations on the course or outcome of evolution".
32 Einen ersten Entwurf einer erweiterten Evolutionstheorie legte Hass bereits 1970 in seinem Werk "Energon" vor. Eine ausführliche Darstellung findet sich in der Schrift "Die Hyperzeller" (1994).
33 Siehe: Huxley, J.: Evolutionary Processes and Taxonomy with Special References to Grades. Uppsale Univ. Arsskrift 1, 1958, Seiten 21-39.
34 Siehe: Hass, 1994, Seite 25 ff.
35 Siehe: Hass, 1994, Seite 71.
36 Siehe: Hass, 1994, Seite 70 f.
37 Eine ausgezeichnete Darstellung dieser Problematik gibt Jared Diamond in "Der dritte Schimpanse. Evolution und Zukunft des Menschen" (1994).
38 Zur Benennung des ersten Vertreters einer neuen Ära der Lebensentwicklung, also des ersten Hyperzellers, schlägt Hass die Bezeichnung Homo Proteus vor, welche der griechischen Mythologie entlehnt ist. Proteus hieß ein in einer Höhle hausender Riese, der beliebig seine Gestalt verändern konnte. Mit Hilfe seiner zusatzlichen Organe vermag dies auch der Mensch. Er versteht es, seinen Leistungskörper vielseitig zu ergänzen und zu verbessern und so Berufskörper und Erwerbsorganisationen von ungeheurer Ausdehnung und Leistungsfähigkeit aufzubauen.