9. Das "erweiterte" Lebewesen
Im folgenden Abschnitt werden wir auf Autoren eingehen, die auf den ersten Blick nur sehr wenig gemeinsam haben. Sie stammen aus verschiedenen Fachdisziplinen, vertreten unterschiedliche Weltanschauungen, und doch verbindet sie ein gemeinsamer Gedanke. Es geht um die Erweiterung von Lebewesen - in erster Linie des Menschen - durch künstlich hergestellte Hilfsmittel, die gemeinhin als Werkzeuge oder Maschinen bezeichnet werden.
Die Energontheorie faßt sämtliche leistungserbringenden Einheiten, unabhängig von ihrer somatischen oder nicht-somatischen Natur, als Funktionsträger zusammen. Neutrale Begriffe in Verbindung mit dem Wort "Träger" sind sonst vorwiegend in der Soziologie und der Staatslehre verbreitet. Man spricht dort von Organisationsträgern, Kulturträgern, Rechtsträgern, usw. Den Begriff "Funktionsträger" verwendeten zuvor bereits in der Biologie Carl C. Schneider (1902) und in der Wirtschaftswissenschaft Erich Gutenberg (1951).
Der Volkswirtschaftler Othmar Spann bezeichnete in seiner "Kategorienlehre" (1939) sowohl Organe wie auch wirtschaftliche Strukturen als "Leistungsträger". Auch sonst gelangte Spann zu einer Reihe von Schlußfolgerungen, welche sich mit jenen der Energontheorie decken. So prägte er die Sätze "Leistung geht vor Leistungsträger" und "die Leistung schafft sich das Organ". Auch die Energontheorie betont, daß es nicht so sehr auf die jeweilige materielle Struktur und deren Herkunft ankommt, sondern auf deren Leistung. In diesem Zusammenhang sprach auch Spann von "Leistungsgefügen". Hass prägte ursprünglich für jene Einheiten, aus denen sich Energone zusammensetzen, den Begriff "Wirkungsträger", entschied sich aber später für die anschaulichere Bezeichnung "Funktionsträger".
Das Wort "Organ" wird in der Hauptsache für somatische Strukturen und bisweilen auch für staatliche Institutionen bzw. für in deren Auftrag tätige Menschen gebraucht. Karl Stefanic-Allmayer nennt in seiner "Allgemeinen Organisationslehre" (1950) die künstlichen Erweiterungen des Menschen "technische Organe", Marshall McLuhan, auf den wir noch näher zu sprechen kommen, nennt sie "Medien". In der Biologie werden die Werkzeuge des Menschen von Günther Osche (1973) sehr treffend als dessen "Organe nach Bedarf" bezeichnet. Hass verwendete erstmals 1968 für nicht zum Zellkörper eines Lebewesens gehörende Hilfsmittel den Begriff des "künstlichen Organs". Dieser Name erwies sich später insofern als problematisch, als das Attribut "künstlich" entweder als "vom Menschen geschaffen" oder aber auch als "aus künstlichem Material, also Kunststoff hergestellt" verstanden werden kann. Er entschloß sich deshalb später für die Bezeichnung "zusätzliches Organ", welcher deutlicher aussagt, worin der wesentliche Unterschied zu den aus Zellen gebildeten und mit dem Zellkörper nicht fest verbundenen Organen besteht.
Die genannten Beispiele zeigen bereits, daß im Sprachgebrauch mancher Autoren durchaus gewisse Parallelen zwischen Organen und Werkzeugen zum Ausdruck kommen. Nur die wenigsten sehen jedoch darüber hinaus eine tiefere Wesensverwandtschaft zwischen beiden Gruppen. Das ist erstaunlich, bedenkt man, daß im antiken Griechenland das Wort "organon" ursprünglich für Werkzeuge benützt wurde.
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Aristoteles verwendete es dann erstmals für Teile des Körpers und für Werkzeuge gleichermaßen. Rudolf Eisler schreibt zum Organbegriff in seinem "Wörterbuch der philosophischen Begriffe" (1927): "Die Zweideutigkeit von Organon als natürliches Organ und technisches Werkzeug war keine bloße Konzession an die Umgangssprache, sondern bringt das aristotelische Prinzip der durchgängigen Analogie von Natur und Kunst (Technik) zum Ausdruck. Auf abstraktem Niveau war die Verwendung von Organon bei Aristoteles immer an die Funktion gebunden, in seiner allergemeinsten Form steht Organon für "Mittel zum Zweck". Metaphorisch bezeichnete Aristoteles auch Gehilfen und Sklaven als "beseelte Werkzeuge" oder "Organe"."
Die Konzepte von Ernst Kapp und Teilhard de Chardin
Ernst Kapp war der Erste, der die Erweiterung des menschlichen Zellkörpers durch zusätzliche Organe andeutete. In seinen "Grundlinien einer Philosophie der Technik" (1877) prägte er den Begriff der "Organprojektion". Damit wollte Kapp ausdrücken, daß sich der Mensch Werkzeuge und Einrichtungen schafft, die nach einem allgemeinen, wissenschaftlichen Prinzip betrachtet den Organen seines Körpers gleichen und durch Nachahmung derselben entstanden sind. Eine große Anzahl menschlicher Werkzeuge läßt sich als bewußte oder unbewußte Nachbildung von Gliedern seines Körpers ansehen. So betrachtete Kapp den Hammer als "eine in das grob Stoffliche übertragene Faust".
Die verschiedenen in der Technik angewandten Gelenkverbindungen, wie Winkel-, Kugel- und Sattelgelenk, entsprechen ähnlichen und gleichnamigen Teilen an unseren Extremitäten. Nur sind die einen aus Metall oder anderen leblosen Stoffen angefertigt, die anderen aber auf dem Wege der organischen Entwicklung aus Zellen entstanden. Aber noch weitaus kompliziertere Bildungen wurden von der Natur in die Werkzeuge und Maschinen des Menschen "projiziert". Dem Auge entspricht die photographische Kammer, mit Linse, Retina, einem Mechanismus zum Scharfstellen der Bilder, usw.
Entsprechend der Denkkategorien des 19. Jahrhunderts sah
Kapp in erster Linie das Maschinenhafte im lebenden Organismus. Dennoch
zog er auch weitergehende Schlüsse. Kapp vertrat die Auffassung, daß
sich über die Werkzeuge hinaus - sozusagen als höhere Stufe der
Projektion - der leibliche menschliche Organismus im Gemeinwesen fortsetzt.
Die völlige Entsprechung zur Menschennatur, deren organische Totalprojektion,
sah er jedoch im Staat. Er schrieb: "Der Staat ist das allmählich
ins Bewußtsein tretende Nachbild des leiblichen Organismus."
Aus einer ganz anderen Lebenseinstellung kommend wies der Geistliche und Philosoph Pierre Teilhard de Chardin auf die tiefe Wesensverwandtschaft von Organen und menschlichen Werkzeugen hin und zog daraus auch weitreichende Konsequenzen für die Evolution. Teilhard dachte wohl konsequenter in naturwissenschaftlicher Richtung als je ein Priester vor ihm. Die Vernachlässigung oder gar Ablehnung naturwissenschaftlicher Erkenntnisse durch die Kirche erachtete er als einen schwerwiegenden Fehler, gar als eine Mißachtung Gottes. Denn wenn die Welt nach göttlichem Willen geschaffen wurde, so dürfen die wissenschaftlichen Einzelheiten
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dieser Welt dem Willen Gottes nicht widersprechen. Teilhard bemühte sich zeitlebens um einen Brückenschlag zwischen christlichem Glauben und den Ergebnissen der Naturwissenschaften28.
Die Suche nach dieser Synthese sollte sein Lebenswerk werden - ein Werk, das ihn letzten Endes persönlich zufriedenstellte. Doch noch in einer anderen Hinsicht übte Teilhard Kritik: "Wie eng in der Natur auch das Menschliche und das Nichtmenschliche verbunden sein mögen, wir beobachten sie hartnäckig von zwei vollständig verschiedenen Standpunkten aus: in der Praxis, wenn nicht in der Theorie, handeln die Forscher und Denker immer so, als ob selbst vor der Wissenschaft der Mensch ein bestimmtes Universum wäre und alles das, was nicht Mensch ist, ein anderes Universum."
Die Parallelen zur Energontheorie in diesem Punkt sind nicht zu übersehen. Auch heute noch zeigt sich uns in der praktischen Forschung eine scheinbar unüberwindbare Kluft zwischen der sogenannten Natur, also dem vom Menschen unbeeinflußten Bereich, und den Werken des Menschen. Es muß aber auch eingeräumt werden, daß diese willkürlich gezogene Grenze, zumindest was die theoretischen Ansätze betrifft, durchlässiger geworden ist. Die praktischen Auswirkungen von interdisziplinären, umfassenden Denkmodellen sind hingegen noch kaum zu bemerken.
Die von Teilhard angestrebte Verbindung zwischen christlicher Glaubenswelt und den Naturwissenschaften zielt darauf ab, der Erde und dem Menschen jene zentrale Bedeutung zurückzugeben, welche diese durch die Lehren von Kopernikus, Galilei und Darwin eingebüßt hatten. Dazu entwickelte er folgende Vorstellung: Die Materie besitzt von vorneherein und gleichsam als universelle Eigenschaft Bewußtsein. Wesentlichster Faktor der Evolution ist deren anwachsende Komplexität. Dadurch kommt es zur "Verdichtung" der Materie und zu einem "Aufstieg des Bewußtseins". Der Entstehung von komplexen Molekülen folgt die Phase der biologischen Evolution - der "Vitalisation". Teilhard schreibt: "Ohne die biologische Evolution, die das Gehirn aufgebaut hat, gäbe es keine geheiligte Seele."
Innerhalb der menschlichen Gemeinschaft findet nun eine weitere Verdichtung, ein weiterer Aufstieg des Geistig-Seelischen statt. Nach den Phasen der "Vitalisation", der Entfaltung des Lebens, und der "Hominisation", der menschlichen Entfaltung, kommt es zur dritten Phase, der "Planetisation". Die während dieser letzten Phase entstehende Gesamtseele löst sich schließlich vom Planeten Erde ab. Ziel- und Endpunkt aller Entwicklung, aller Verdichtung der Materie, sei Gott selbst - der "Punkt Omega", wie Teilhard ihn nannte. Und letztlich werde es nur noch Gott geben, "alles in allem".
Diese streng teleologische, einem Punkt zustrebende Interpretation der Evolution ist natürlich nach allen Ergebnissen, die der modernen Forschung bisher vorliegen, strikt abzulehnen. Wir wollen aber nicht näher darauf eingehen, da Glaubensinhalte von vorneherein weder beweisbar noch widerlegbar sind, und es deshalb auch
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nicht ein Anliegen der Naturwissenschaft sein kann und soll, sich damit auseinanderzusetzen. Was Teilhard aber in aller Deutlichkeit gesehen hat, und was viele Naturwissenschaftler nur ungern aussprechen wollten, ist, daß mit jedem Schritt der Evolution auch ein Wertzuwachs verbunden ist! Für ihn war es die Verdichtung des Geistig-Seelischen. Dieser Wertzuwachs äußert sich in der subjektiven Tendenz vieler Menschen, im Leben etwas prinzipiell Wertvolleres zu sehen als in unbelebter Materie und höheren Tieren mehr "Wert" zuzubilligen als den niederen.
Den bisherigen Ausführungen zufolge scheint die Weltanschauung Teilhards unendlich weit von jener der Energontheorie entfernt zu sein. Das mag auch durchaus zutreffen. Und trotzdem gelangte er auf seinem Gedankenweg zu einer Reihe von Schlußfolgerungen, die sich sehr weitgehend mit denen der Energontheorie decken. Teilhard erachtete es, wie bereits dargestellt, als Fehler, den Menschen und dessen Werk von der übrigen Evolution zu trennen: "Unser Blick auf das Leben ist durch den absoluten Schnitt verdunkelt, den wir immer wieder zwischen dem Natürlichen und dem Künstlichen machen." Diese Erkenntnis ließ ihn die Evolution - die Entwicklung des Lebendigen - als ein Ganzes sehen, das sich über den Menschen hinweg konsequent und kontinuierlich fortsetzt.
Er schreibt weiter: "Um den Menschen in seinem wahren zoologischen Wert einzuschätzen, dürfte man nicht so absolut, wie wir es tun, in unseren Perspektiven "natürlich" und "künstlich" voneinander scheiden, das heißt das Schiff, das Unterseeboot, das Flugzeug nicht ohne tiefgreifende Zusammenhänge mit den tierischen Umformungen betrachten, die den Flügel oder die Flosse ergeben haben." Die momentane Phase der Entwicklung, die sich augenscheinlich erst am Beginn des Aufstiegs der Seele befindet, erachtete er als die "werkzeugliche Phase des Lebens". Dementsprechend nüchtern und funktionell beurteilt Teilhard die Differenzierungen der Tiere. Viele Gruppen des zoologischen Systems seien durch "werkzeugliche Besonderheiten" gekennzeichnet - der Vogel wäre ein Fliegwerkzeug, der Tümmler ein Schwimmwerkzeug, usw.
Obwohl also auch das menschliche Werkzeug als zu dessen Körper gehörend und als eine direkte Weiterführung der Evolution zu betrachten ist, hat der Mensch mit seiner Hilfe gegenüber den Tieren ungleich mehr Freiheit erlangt. "Wenn wirklich die somatischen Differenzierungen, mit denen sich alle Zoologen in erster Linie befassen, an die Transformation von Organen in Werkzeuge gebunden sind, entgeht der Mensch, der fähig ist, Werkzeuge herzustellen, ohne sich in sie zu inkarnieren, dem Zwang sich zu verwandeln, um zu handeln", so heißt es, und weiter: "Dasselbe Individuum kann abwechselnd Maulwurf, Vogel oder Fisch sein. Als einziges unter allen Tieren hat der Mensch die Fähigkeit, Abwechslung in sein Werk zu bringen, ohne endgültig sein Sklave zu werden."29
Die Miteinbeziehung von unbelebter Materie in den Strom der menschlichen Entfaltung, - in die "Noosphäre" - nannte Teilhard sehr anschaulich das "Vitalisieren" von Materie. Tatsächlich geht es darum, Materie für die Lebensentfaltung dienstbar zu machen. Man könnte dies auch als "Funktionalisieren" bezeichnen, was der Terminologie der Energontheorie besser entspräche. Jedenfalls bezeichnet dieser
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Begriff ziemlich genau jenen Vorgang, durch welchen aus einem Energat, also aus funktionsloser Materie, ein Funktionsträger eines Energons wird.
Was die Entsprechung von somatischen Organen und den Werkzeugen des Menschen betrifft, ging der Geistliche Teilhard weiter als jeder andere Autor! "Wir reden uns immer ein, diese Analogien seien literarische Vergleiche. Wie kommt es, daß wir nicht sehen, daß sie dasselbe sind?" so schreibt er, und er fährt fort: "Das Werkzeug ist in der menschlichen Reihe das Äquivalent des differenzierten Organs in der Tierreihe; - das Äquivalent, das heißt: das wirkliche Homologon und nicht die oberflächliche, aus einer banalen Konvergenz entstandene Nachahmung."
Die Konzepte von Marshall McLuhan und Richard Dawkins
Während Teilhard de Chardin die Entwicklung der menschlichen Werkzeuge als einen Teil des Weges zu Gott ansah, stehen für den kanadischen Soziologen Marshall McLuhan die konkreten Auswirkungen der zusätzlichen Organe auf den Menschen im Mittelpunkt des Interesses. In seinem umstrittenen Werk "Die magischen Kanäle" (1968) legt er eine Reihe von bemerkenswerten Ideen vor. Die Ausweitung des menschlichen Körpers durch die Gesamtheit der technischen Hilfsmittel, ein Gedanke, der vielfach auf nur mäßige Akzeptanz stößt, ist für McLuhan geradezu eine Selbstverständlichkeit. Er übergeht insofern die Energontheorie, als er sich sofort mit noch weiterreichenden Konsequenzen dieser Ausweitung beschäftigt.
Nach dem "technischen Zeitalter", das von Arbeitsteilung und Spezialisierung gekennzeichnet wird, ist die Menschheit nach McLuhan nunmehr in das "elektrische Zeitalter" eingetreten. Durch die Expansion der elektronischen Medien erfährt das menschliche Zentralnervensystem eine gewaltige Erweiterung. McLuhan schreibt: "Nach dreitausend Jahren der Explosion des Spezialistentums durch die technischen Ausweitungen unseres Körpers wirkt unsere Welt nun in einer gegenläufigen Entwicklung komprimierend." Die neuen Medien führen zu einer zunehmenden Verflechtung der gesamten Menschheit. "Elektrisch zusammengezogen ist die Welt nur noch ein Dorf."
Für McLuhan ist nicht der Inhalt des Mediums das Entscheidende, sondern das Medium an und für sich. Ähnlich wie die Art der verwendeten Verkehrsmittel das Wachstum der Städte kontrolliert und steuert, so nehmen auch die jeweiligen Medien Einfluß auf die weitere Entwicklung der menschlichen Gemeinschaft. Es geht McLuhan also nicht primär um die Rückwirkungen der zusätzlichen Organe auf den einzelnen Menschen, dem sie angehören, sondern auf die gesamte Gemeinschaft. Denn jede neue Erfindung, besonders auf dem Sektor der Medien, beeinflußt ganz wesentlich die Denkformen und Verhaltensweisen, die Tradition und Erziehung des Menschen. McLuhan beschäftigt sich darüber hinaus auch mit den Wechselwirkungen zwischen den verschiedenen "Ausweitungen" des Menschen; ebenso mit der Frage, wie sich die zusätzlichen Organe gegenseitig beeinflussen und steuern, ja fördern und vermehren.
Durch die Verbindung verschiedener zusätzlicher Organe werden "enorme Energien frei", werden gänzlich neuartige Entwicklungen in die Wege geleitet. Jede menschliche Ausweitung, so ein weiterer Gedanke, führt zu einer Art "Betäubung" des Menschen, macht ihn "benommen, taub, blind und stumm". Für das Zentralner-
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vensystem bedeute die Ausweitung eine Schockwirkung, gegen welche es sich durch diese Reaktion schütze. Die Selbsterkenntnis würde dadurch erschwert, ja unmöglich. Es gehe nun darum, das durch diese Ausweitung gestörte innere Gleichgewicht wieder herzustellen.
McLuhans Ausführungen erscheinen teilweise weit hergeholt
und geben in vielen Punkten Anlaß zur Kritik. Trotzdem ist aber nicht
daran zu zweifeln, daß die Aus- und Rückwirkungen der zusätzlichen
Organe mehr und mehr zum bestimmenden Faktor für die menschliche Lebensform
werden. Sie werden zu einem zusätzlichen Bestandteil der natürlichen
Auslese, welche die Weiterentwicklung des Menschen und seiner Energone
entscheidend bestimmt. Ganz besonders gilt dies für die elektronischen
Medien.
Auch der englische Evolutionsforscher Richard Dawkins beschäftigte sich eingehend mit der Erweiterung des somatischen Körpers durch die Verwendung von zusätzlichen Organen. Dawkins ist Zoologe, und sein Konzept fußt ausschließlich auf zoologischen Überlegungen: auf der Ausweitung des tierischen Körpers durch Einheiten, welche in der Biologie gemeinhin als "Artefakte" bezeichnet werden. Seine Schlußfolgerungen lassen sich aber ohne weiteres auch auf den Menschen und dessen Werkzeuge und Maschinen übertragen. Obwohl die Energontheorie ebenfalls aus der Biologie abgeleitet wurde, unterscheidet sich Dawkins Zugang doch ganz wesentlich davon, auch wenn er letztlich zu Konsequenzen gelangt, die jenen der Energontheorie in vielfacher Hinsicht entsprechen. Um den interessanten Weg seiner Argumentation nachzuvollziehen, müssen wir etwas weiter ausholen.
Es gilt als eine alte Streitfrage der Biologie, wo die natürliche Auslese nun eigentlich ansetzt. Die klassische Antwort, die bereits Darwin auf diese Frage gegeben hat, lautet, daß die Auslese an den Individuen und ihren Eigenschaften angreift, denn schließlich verkörpern sie jene Einheit, die entweder überlebt und Nachkommen hervorbringt oder zugrunde geht. In Zusammenhang mit dem Aufstieg der Soziobiologie wurden noch andere Alternativen zur Diskussion gestellt, etwa Familien, Populationen oder gar Arten. Heute neigt die Mehrheit der Biologen eher wieder der ursprünglichen Auffassung vom Individuum als Einheit der Selektion zu.
In seinem 1976 erstmals veröffentlichten Buch "The Selfish Gene" (dt.: Das egoistische Gen, 1978), welches weite Beachtung fand und zu zahlreichen Diskussionen Anlaß gab, legte Dawkins eine neue, unorthodoxe Antwort auf die alte Frage vor: Es seien letztendlich die Gene, die als Einheiten der natürlichen Auslese fungieren - allerdings, und das ist sehr wesentlich, könne die natürliche Auslese diese nicht direkt erreichen! Ganz allgemein sei zwischen "Replikatoren" und "Vehikeln" zu unterscheiden. Als Replikator definiert Dawkins "jede Einheit im Universum, von der Kopien angefertigt werden". Im speziellen Fall der Lebewesen sind es die Gene. Sie können aber nicht für sich alleine überleben, sondern benötigen ein Vehikel, welches sie weitertransportiert. Diese Vehikel sind nun die Körper der Lebewesen, der Pflanzen, Tiere und Menschen.
Wie Dawkins, der mit seiner Schrift auch viel Widerspruch erntete, später etwas abschwächend einräumte, kann die Selektion nicht unmittelbar an den Genen angreifen. Sie benötigt hierfür, gleichsam als dazwischengeschaltete Einheit, den Körper des Individuums - den Phänotypus. Es sei also nötig, zwischen dem Überleben des
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Replikators und der Auslese des Vehikels zu unterscheiden. "Es gibt zwei Arten, das Wirken der natürlichen Auslese zu betrachten" schreibt Dawkins dazu, "beide sind richtig, denn sie betonen lediglich zwei verschiedene Aspekte derselben Sache." Diese Überlegungen bilden nun den Ausgangspunkt für die erweiterte Sicht der Lebewesen, die Dawkins in seiner Schrift "The Extended Phenotype" (1982) darlegt.
Fassen wir zusammen:30 Jeder Organismus zerfällt bildhaft in zwei getrennte Einheiten; erstens in seine Gene und zweitens den "Rest", seinen somatischen Körper also, der den Genen als Vehikel dient, oder besser noch als "Überlebensmaschine". "Aber müssen diese Vehikel unbedingt die Körper der Lebewesen sein?" fragt Dawkins, und weiter heißt es: "Wir sollten nicht mehr länger davon ausgehen, daß die phänotypische Wirkung eines Gens unbedingt auf jenen Körper beschränkt bleibt, in welchem sich dieses Gen befindet." Um ihr Überleben zu sichern, erzeugen Gene eine bestimmte Wirkung, und diese könne sich eben auch über den somatischen Körper des betreffenden Individuums hinaus fortsetzen - zum Beispiel in den zusätzlichen Organen der Tiere. Dawkins schreibt: "Haben wir erst einmal akzeptiert, daß es bestimmte Gene gibt, welche das Bauverhalten der Tiere steuern, dann legen es die Umstände nahe, auch im Werkzeug ("artefact") selbst einen Teil der phänotypischen Wirkung der Gene zu sehen."
Als Beispiele nennt Dawkins Spinnen und Köcherfliegenlarven. Er führt aus: "Das Gehäuse der Köcherfliegenlarve ist streng genommen kein Teil ihres Zellkörpers, obwohl es exakt diesem angepaßt ist. Betrachtet man den Körper als ein Vehikel der Gene oder als deren Überlebensmaschine, so ist es naheliegend, im steinernen Gehäuse eine zusätzliche Schutzhülle, eine weitere funktionelle Außenwand des Vehikels zu sehen. Nur daß es nicht aus Chitin besteht, sondern aus Steinen. ... Und man stelle sich eine Spinne vor, die inmitten ihres Netzes sitzt. Hier ist das Netz zwar nicht in derselben, offensichtlichen Weise ein Teil des Vehikels, wie das Gehäuse der Köcherfliegenlarve. Denn dreht sich die Spinne, so wird sich ihr Netz nicht mitdrehen. Und doch ist dieser Unterschied ohne Bedeutung, sieht man in der Spinne ein Vehikel ihrer Gene. In Wahrheit ist das Netz der Spinne eine temporäre funktionelle Erweiterung ihres Körpers, eine beträchtliche Vergrößerung des Aktionsbereiches ihrer Fangorgane."
Daran schließt nun die Frage an, wie weit die Wirkung der Gene über den Zellkörper hinaus prinzipiell reichen kann. Dawkins kommt zu dem Schluß, daß sich diese in manchen Fällen "über Meilen hinweg erstrecken kann" - wie etwa bei mächtigen Biberburgen mitsamt dem dazugehörigen Stausee. Und selbst andere Lebewesen können miteinbezogen werden! Verursacht beispielsweise eine Parasitenart einen Selektionsdruck, der ihren Wirt zu einem bestimmten Verhalten oder gar zur Ausbildung gewisser Strukturen veranlaßt, so setzt sich der "Extended Phenotype" in anderen Organismen weiter fort. Als erweiterte phänotypische Wirkungen gelten all jene Effekte, welche die Gene eines Lebewesens über dessen Zellkörper hinweg sonst noch hervorrufen. Es leuchtet ein, daß diese von sehr verschiedener Art sein können, immer aber, und darauf weist Dawkins ausdrücklich
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hin, besitzen sie für das betreffende Lebewesen (genauer: dessen Gene) einen bestimmten Selektionswert.
Ganz der Energontheorie entsprechend, umfaßt die Ausweitung des Individuums also nicht bloß Werkzeuge im engeren Sinne, sondern alle leistungserbringenden Einheiten, welche dem Leben und Überleben des Individuums zugute kommen, einschließlich der Dienste fremder Organismen.
Dawkins selbst betrachtet sein Konzept des "Extended Phenotype"
in erster Linie als eine neue Art, Dinge zu sehen, die als bekannt gelten;
als Anstoß zu einer unorthodoxen Sichtweise, welche zu einem besseren
und tieferen Verständnis von Zusammenhängen in der Natur führt.
Sich von gewohnten, allgemein üblichen Denkschablonen zu lösen
und zu neuer, unkonventioneller Beurteilung von Phänomenen anzuregen,
welche viele von uns als selbstverständlich erachten, war seit jeher
auch ein Anliegen der Energontheorie.
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Anmerkungen:
28 Infolge
eines kirchlichen Schreibe- und Redeverbotes wurden Teilhards Schriften
erst nach seinem Tode 1955 veröffentlicht. Die Zitate sind den Werken
"Die Zukunft des Menschen" (1963) und "Die Schau in die Vergangenheit"
(1965) entnommen. Als Einführung in die Gedankenwelt Teilhards ist
das Buch "Auswahl aus dem Werk" (1967) besonders zu empfehlen.
29 Hier
deckt sich Teilhards Ansicht ganz unmittelbar mit jener von Hass, der den
Menschen als "Spezialisten in vielseitiger Spezialisation" bezeichnet.
30 Zum
Gang der folgenden Argumentation siehe: Dawkins, R.: The Extended Phenotype.
Oxford/San Francisco, 1982, Seite 195 ff. (Übersetzung der Zitate
durch die Autoren).