8. Energie und Information
Die Grundstruktur sämtlicher Energone wird von einer Reihe von Anforderungen determiniert. Jedes Energon muß, diesen Anforderungen entsprechend, bestimmte, klar definierbare Leistungen erbringen, um bestehen und seine Struktur vermehren zu können. Die Energontheorie geht dabei vom Energieerwerb als einer notwendigen, aber bei weitem nicht hinreichenden Grundbedingung aus und zeigt eine Reihe von weiteren relevanten Leistungen auf. Mancher Leser wird dabei den Erwerb und die Weitergabe von Information vermissen, die nach weit verbreiteter Auffassung ebenfalls als eine zentrale Eigenschaft des Lebens gelten. Kann daraus geschlossen werden, daß für die Entfaltung der Energone Information keine Rolle spielt? Dies ist ganz offenbar nicht der Fall! Bevor wir näher auf den Stellenwert der Information für die Energontheorie eingehen, bedarf es aber erst einiger grundlegender Klarstellungen.
Hinter dem Wort "Information" stehen zwei voneinander prinzipiell verschiedene Begriffe, deren gleichlautende Bezeichnung mitunter irreführend sein kann. Der wissenschaftliche Informationsbegriff wurde von Ronald A. Fischer, Norbert Wiener und Claude Shannon in den vierziger Jahren unseres Jahrhunderts entwickelt und ist einer der wichtigsten Termini der Kybernetik. Daneben gibt es aber noch den Informationsbegriff der Umgangssprache, der sich nur in Teilbereichen mit dem wissenschaftlichen Begriff deckt. Häufig werden beide Begriffe miteinander vermischt, so daß naturwissenschaftlich ausgerichtete Autoren, die sich des Wortes "Information" bedienen, erklären sollten, in welchem Sinn sie dieses gebrauchen. Insbesondere gilt dies für den Biologen, denn in der Biologie können in verschiedenen Bereichen beide Begriffe eine Rolle spielen. Eine weitere Schwierigkeit ergibt sich aus den Bezeichnungen "wissenschaftlich" und "umgangssprachlich", denn daraus könnte man schließen, daß der Informationsbegriff der Umgangssprache unwissenschaftlich, vage und nicht klar zu definieren wäre. Daß dem keineswegs so ist, zeigt Bernhard Hassenstein, der in einer 1966 publizierten Darstellung die Gemeinsamkeiten bzw. Unterschiede der beiden Begriffe klar herausstreicht.23
Wir wollen Hassensteins diesbezügliche Ausführungen kurz zusammenfassen: uunächst zum Informationsbegriff der Umgangssprache; hier bedeutet Information stets "Information über etwas". Unabdingbare Voraussetzung ist also ein Tatbestand, welcher der Information einen Inhalt verleiht. Ebenso nötig sind Informationsträger - das können Bilder, Zeichen oder sprachliche Formulierungen sein, mit deren Hilfe die Information übermittelt wird. Und zuletzt bedarf es noch eines zuvor uninformierten Empfängers, denn ohne jemanden zu informieren wäre Information nicht vorstellbar.
Daraus ergibt sich ein typischer, dreigliedriger Informationszusammenhang, bestehend aus einem Tatbestand, einer in Zeichen codierten Information über diesen Tatbestand und einem Empfänger. Es zeigt sich bereits jetzt, daß die umgangssprachliche Bedeutung des Wortes "Information" keineswegs unscharf oder verw-
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aschen, sondern sehr wohl eindeutig festgelegt ist. Stets ist aber dieser Begriff von Information mit einer qualitativen Komponente verbunden. Der Wert bzw. die Richtigkeit der Information hängt davon ab, inwieweit sie einen existierenden Tatbestand auch wirklich repräsentiert. Beginnt eine Vorstellung um 19 Uhr und erhalte ich die Auskunft, sie wäre um 20 Uhr angesetzt, so wird der Tatbestand durch die Information nicht richtig, d.h. im Sinne der tatsächlichen Verhältnisse, repräsentiert. Die entsprechende Information ist falsch und daher wertlos.
Auch kann eine Information unverständlich sein. Dies trifft beispielsweise dann zu, wenn sie in einer dem Empfänger nicht geläufigen Sprache übermittelt wird. Und mit einer Scheininformation haben wir es in jenen Fällen zu tun, in denen zwischen einem Tatbestand und dem entsprechenden Informationsträger kein kausaler Zusammenhang besteht. So können uns etwa die Sterne keine Information über das zukünftige Schicksal eines Menschen vermitteln, da eine kausale Verknüpfung zwischen diesen beiden Phänomenen offenbar nicht nachzuweisen ist. Soll die Übermittlung von Information gewährleistet sein, so darf die beschriebene Kette des Informationszusammenhanges an keiner Stelle unterbrochen sein.
Eine wesentliche Eigenschaft der Information bleibt noch zu nennen, zumal sie eine gedankliche Brücke zum wissenschaftlichen Informationsbegriff herstellt. Stets vermindert Information die Unsicherheit des Empfängers in jenem Maße, in dem sie seine Sicherheit erhöht. Unbekanntes wird durch Bekanntes ersetzt, und die Wahrscheinlichkeit des Eintretens einer bestimmten Voraussage nimmt zu.
Den Schöpfern des wissenschaftlichen bzw. informationstheoretischen Informationsbegriffes lag in erster Linie daran, Information quantitativ erfaßbar zu machen, also eine einheitliche Maßeinheit zu schaffen, mit deren Hilfe der Informationsgehalt einer beliebigen Anzahl von Zeichen festgelegt werden kann, und zwar unabhängig von deren Qualität oder Relevanz. Ursprünglich wurde dieser Informationsbegriff aus der Nachrichtentechnik hergeleitet. Er beinhaltet zwei wesentliche Komponenten. Die erste ist der Entscheidungsgehalt, der davon abhängt, wievieler elementarer (binärer) Ja/Nein-Entscheidungen es bedarf, um ein bestimmtes Zeichen oder Ereignis innerhalb einer größeren Grundgesamtheit festzulegen. Mathematisch wird der Entscheidungsgehalt durch den logarithmus dualis (ld) des gesamten Zeichenvorrates ausgedrückt und in "bit" gemessen.
Die Wahl zwischen "Kopf" oder "Zahl" einer Münze erfordert zum Beispiel nur eine grundsätzliche Entscheidung zwischen zwei denkbaren Möglichkeiten. Demnach kann durch den Wurf einer Münze nur ein bit (ld von 2=1) an formaler Informationsmenge ausgedrückt werden. Hingegen enthält ein beliebiger Buchstabe des Alphabets (26 Buchstaben) 4,7 bit an formaler Informationsmenge (errechnet aus dem ld von 26=4,7).
Die zweite Komponente, welche in die mathematische Formulierung der Information einfließt, ist die Wahrscheinlichkeit des Auftretens eines Zeichens oder Ereignisses. Seltene Ereignisse beinhalten prinzipiell mehr Information als häufige. Der Informationsgehalt (I) eines Zeichens oder Ereignisses ist also gleich dem logarithmus dualis des Kehrwertes seiner Wahrscheinlichkeit (I=ld 1/P). Mit dieser Formel ist es nun beispielsweise möglich, den Informationsgehalt eines beliebigen Textes zu bestimmen, indem man erstens den Entscheidungsgehalt (26 Buchstaben!) und zweitens die Wahrscheinlichkeit des Auftretens jedes Buchstabens, die sich aus
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dessen Verwendungshäufigkeit in der jeweiligen Sprache ergibt, einsetzt. Ob der Text aber irgendeinen Tatbestand im Sinne umgangssprachlicher Information repräsentiert, ist dabei ebensowenig von Bedeutung wie die Existenz eines Empfängers oder die Sinnhaftigkeit des Textes an und für sich.
Aus der Diskrepanz zwischen den beiden Informationsbegriffen ergeben sich eine Reihe von Umständen, die auf den ersten Blick paradox erscheinen. So beinhaltet ein Text, welcher sich aus sinnlosen Silben zusammensetzt, stets mehr an Information als ein sinnvoller Text, da die Wahrscheinlichkeit des Auftretens bestimmter Buchstaben nicht durch grammatikalische oder andere sprachspezifische Gegebenheiten vermindert wird. So enthielte etwa der Buchstabe "y" in der deutschen Sprache mehr Information als im Englischen, da er im Deutschen viel seltener verwendet wird. Eine Gemeinsamkeit zwischen dem umgangssprachlichen und dem wissenschaftlichen Informationsbegriff läßt sich lediglich in der erwähnten Verringerung von Unsicherheit erkennen, welche sich einerseits in der "besseren Informiertheit" des Empfängers und andererseits in der "Wahrscheinlichkeit des Auftretens" eines Zeichens ausdrückt. Wie Hassenstein ausführt, stellt der Informationsbegriff der Informationstheoretiker ohne Zweifel einen entscheidenden wissenschaftlichen Fortschritt dar und bildet zudem ein gedankliches Grundelement der Kybernetik. Für die Biologie ist er indes aufgrund der aufgezeigten Widersprüche zum umgangssprachlichen Informationsbegriff nur in eng begrenzten Teilgebieten brauchbar.
Auf die Ineffizienz des informationstheoretischen Begriffes für die biologischen Wissenschaften weist auch Rupert Riedl (1987) anhand eines besonders anschaulichen Beispiels hin.24 Demnach enthielte ein in höchstem Maße "ungeordnetes" Objekt, etwa ein wahllos aufgeschütteter Ziegelhaufen, ungleich mehr an Information als ein Objekt mit erkennbarer Ordnung, etwa ein gotischer Dom (oder auch ein Organismus). Der wissenschaftliche Informationsbegriff ist also für die Biologie ebenso wie auch für die Energontheorie, welche ja ein aus der Biologie entwickeltes Theorem ist, kein geeignetes Instrument zur Untersuchung ihrer Forschungsobjekte. Es bleibt die eher lapidare Erkenntnis, daß der formale Informationsgehalt komplexerer Energone höher ist als jener von weniger komplexen Energonen. Dasselbe gilt freilich auch für die zu ihrem Aufbau nötigen "Rezepte". Komplexitätsgrad und Differenzierung sagen aber an sich nichts über den Selektionswert eines Energons aus. Energone mit niederem Informationsgehalt können somit sehr erfolgreich sein, solche mit hohem Informationsgehalt - wenn ihre Umwelt sich ändert - dagegen unfähig, gegenüber der natürlichen Auslese zu bestehen.
Information und Selektionswert
Inwieweit ist nun Information für die Lebensentfaltung von Bedeutung? Sowohl Biologen wie auch Vertreter verschiedener anderer Wissenschaftszweige sehen häufig im Informationserwerb überhaupt die wesentliche Eigenschaft der Lebens. Auch
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Konrad Lorenz wies wiederholt auf die Schlüsselrolle hin, die der Erwerb von Information für alle lebenden Systeme spielt. Er sah im Leben einen Erkenntnisvorgang und prägte den Satz "Leben ist Lernen". Wer die Ausführungen von Lorenz (1973) genauer studiert, wird feststellen, daß auch er vom Energiegewinn als grundlegender Lebensleistung ausgeht: "Alle lebenden Systeme sind so beschaffen, daß sie Energie an sich zu reißen und zu speichern vermögen....Daß lebende Systeme umso mehr Energie schlucken können, je mehr sie schon geschluckt haben, ist selbstverständlich:....Organismen sind also Systeme, die in einem Kreise sogenannter positiver Rückkoppelung Energie gewinnen." Und Lorenz weist ganz ausdrücklich darauf hin, daß es letztlich der Energiegewinn ist, auf den die natürliche Auslese abzielt. Verbesserungen - durch Mutationen, Neukombination von Erbanlagen und Selektion herbeigeführt - bedingen, daß das Lebewesen in irgendeiner Weise seiner Umwelt besser gerecht wird, "wodurch sich seine Aussichten auf Energiegewinn vermehren oder die Wahrscheinlichkeit des Energieverlustes vermindert wird".25
Für Lorenz sind Lebewesen energie- und informationserwerbende Systeme, und beide Prinzipien sind auf das engste miteinander verknüpft. Stets führt ein Mehr an Information über die Umwelt zu einem gesteigerten Energiegewinn, und ein Teil dieser Energie kann wiederum dafür aufgewendet werden, weitere Information zu gewinnen. Auch hier liegt also eine positive Rückkoppelung vor. Es leuchtet ein, daß Information hier stets "nicht-wissenschaftlich" Information über etwas bedeutet und nur dann zählt, wenn sie für das betreffende Individuum einen Wert bzw. einen Nutzen repräsentiert. Manfred Eigen (1972) spricht in diesem Zusammenhang auch sehr treffend vom "Wertparameter der Information" und meint damit deren Selektionswert.
Betrachtet man nun den Informationserwerb der Lebewesen, der stets die umgangssprachliche Bedeutung des Wortes betrifft, so lassen sich wiederum zwei verschiedene Prinzipien unterscheiden. Zum einen besitzen nahezu alle Lebewesen, selbst jene auf "niederer" einzelliger Entwicklungsstufe, die Fähigkeit, Augenblicksinformation, die für sie relevant ist, aus der Umwelt zu gewinnen. Tiere, die über ein zentrales Nervensystem verfügen, haben diese Möglichkeit zum individuellen Informationsgewinn noch um ein Vielfaches verbessert, und für alle sogenannten "Lerntiere" ist die Speicherung ihres Erfahrungsschatzes das wesentliche Mittel zum Überleben. Gemeinsam ist allen diesen Vorgängen, daß die erworbene Information nicht über den genetischen Code an die Nachkommen vererbt werden kann. Auch bei vielen lernbegabten Tieren geht das Erlernte mit dem Tod des betreffenden Individuums verloren. Nur der Mensch und einige wenige Tierarten sind dazu befähigt, Erlerntes an ihre Nachkommen weiterzugeben, was in der Verhaltensforschung als "tradieren" bezeichnet wird.
Daneben gibt es aber noch einen weiteren, gänzlich andersartigen Vorgang des Informationsgewinnes, den Lorenz den Erwerb von abbildender oder anpassender Information nennt. Es handelt sich dabei aber niemals um ein individuelles Lernen, sondern, wenn man so will, um einen Lernakt, den die gesamte Stammesgeschichte durchläuft. Gemeint ist damit jenes einzigartige Phänomen, daß Lebewesen in sich selbst ein ihrer Erhaltung dienliches Abbild der Umwelt erzeugen. So spiegelt etwa
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die Flosse eines Delphins in ihrer Form und ihrer sonstigen Beschaffenheit die physikalischen Eigenschaften des Wassers wider. Nicht anders ist es beim Auge. Auch seine Struktur enthält Informationen über die entsprechenden Faktoren der Umwelt, an die es angepaßt ist - in diesem Fall über das Licht.
Der Gewinn von abbildender Information bezeichnet aber letztlich nichts anderes als den von der Selektion bewirkten Vorgang der Anpassung der Lebewesen an äußere (und auch innere) Gegebenheiten. Wenn also Lorenz im Leben selbst einen Lernvorgang sieht, umschreibt er damit metaphorisch die im genetischen Code der Organismen in über 3,5 Milliarden Jahren angehäufte Information über die Umwelt, welche in jeder weiteren Generation neuerlich erprobt, verbessert und weitergegeben wird. Dadurch gelangen lebende Strukturen zu höherer Ordnung, sie werden differenzierter, sie lernen im weitesten Sinne des Wortes.
Die für alles Leben ohne Zweifel große Wichtigkeit des Informationsgewinnes führte aber nun dazu, daß Lebewesen vielfach primär als informationserwerbende Systeme betrachtet werden und dem Energieerwerb nur eine untergeordnete Bedeutung im Sinne der Bereitstellung eines nötigen Betriebsmittels beigemessen wird. Auch Lorenz neigt dieser Anschauung zu, wenn er sagt: "Naturforscher, bei denen der Wissenserwerb zum Selbstzweck geworden ist, wie auch Geisteswissenschaftler und ethisch empfindende Kulturmenschen überhaupt können gar nicht umhin, von den beiden großen Gütern des Lebens, dem Kapital potentieller Energie und dem Schatz des Wissens, das letztgenannte ungleich viel höher zu werten als das erste."26
Zu einer - aus Perspektive der Energontheorie - beträchtlichen Überbewertung der Information gelangte Norbert Wiener, der Begründer der Kybernetik, der den Informationsbegriff sogar der Materie und der Energie als eine dritte Grunddimension der Welt ebenbürtig zur Seite stellte. Dagegen ist einzuwenden, daß Information kein physikalisches oder chemisches Prinzip ist, sondern, im wissenschaftlichen Sinn, eine abstrakte mathematische Größe, welche vom Zeichenvorrat eines Systems sowie dessen Wahrscheinlichkeitsstruktur abhängt.
Der pragmatische Informationsbegriff
Im Gegensatz zu anderen Lehrmeinungen geht die Energontheorie bei der Untersuchung des Lebensgeschehens nicht von morphologischen Strukturen, sondern von Leistungen aus, welche sämtliche die Lebensentfaltung fortsetzende Energone zu erbringen haben. Von sekundärer Bedeutung ist, wie solche Leistungen zustandekommen. Wie Hans Hass in seiner jüngsten Schrift "Die Hyperzeller" (1994) an ausgewählten Beispielen überzeugend aufzeigt, ist es einzig das Leistungsergebnis, welches ausschlaggebend für das weitere Bestehen von Energonen ist, an welchem also letztlich die natürliche Auslese ansetzt. Sämtliche lebensnotwendigen Leistungen sind deshalb von gleicher Wichtigkeit, nur nimmt der Energieerwerb insofern eine Sonderstellung ein, als alle anderen Leistungen bereits Energie kosten. Aus die-
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sem Grund kann es von der Energontheorie her auch keine ethische Bewertung von Leistungen geben, wie sie etwa Lorenz vornimmt, indem er den Informationserwerb höher einstuft als den Energieerwerb.
Was den Erwerb von abbildender Information betrifft, so läßt sich dieser Vorgang mit dem herkömmlichen Begriff der Anpassung weitaus treffender benennen. Denn hier geht es in der Tat um ein Passungsverhältnis zwischen Energonen und ihrer Umwelt, allem voran zwischen Energonen und ihrer Erwerbsquelle. Denn das wesentliche Moment ist die Summierung von arbeitsfähiger Energie - und eine solche kann nur über die als Energone bezeichneten Strukturen stattfinden, deren notwendige Eigenschaften einerseits von den für sie relevanten Umweltbedingungen determiniert werden und andererseits durch Erfordernisse im inneren Gefüge. Die anwachsende Differenzierung ist keineswegs ein primäres, richtungsweisendes Phänomen, sondern die notwendige Konsequenz.
Informationsreichtum hat mit Effizienz, auf die es bei der Lebensentfaltung ankommt, an sich nicht das Geringste zu tun. Dies zeigen einfach strukturierte Energone, die unter bestimmten Umständen hochdifferenzierte verdrängen. Und der größte Gehalt an Information ist für ein Energon wertlos, wenn es am nötigen Passungsverhältnis zur Umwelt mangelt. Dasselbe gilt auch für das "Lernen" im eigentlichen Sinne des Wortes, also für jene Steigerung des individuellen Erfahrungsschatzes, wie sie erst bei höheren Lerntieren und dem Menschen zum Tragen kommt. Hier sagt die Vermehrung der Information selbst noch nichts darüber aus, ob das System, das lernt, sich durch dieses Lernen auch verbessern kann oder nicht. Eignet sich ein Mensch in jahrelanger Anstrengung eine Spezialfähigkeit an, die er aber beispielsweise aufgrund der wirtschaftlichen Situation nie einsetzen kann, dann ist auch keine Effizienzsteigerung bei ihm eingetreten.
Es sei an dieser Stelle ausdrücklich betont, daß es hier um die Effizienz von Energonen geht. Die Freude am Lernen - die "Erkenntnis um der Erkenntnis willen", durch welche das Leben der Menschen so ungemein bereichert wird, soll damit keinesfalls herabgemindert werden. Im Leistungsgefüge des Energons muß diese Anstrengung aber im Sektor "Luxus" im Sinne von "nicht erwerbsförderndem Aufwand" verbucht werden.
Der für die Energontheorie maßgebende Informationsbegriff ist ein pragmatischer. Information ist das, was auch wirklich zu Effizienz führt. Wie Hass ausführt, müßte Information als "Groß I" bezeichnet werden, wenn sie zur Erbringung notwendiger Leistungen beiträgt. Alles das, was sozusagen als "Information-klein-geschrieben" zu bezeichnen ist, ist dann nur potentielle Information, also die Summe dessen, was die Umwelt an Signalstrukturen liefern kann. Das heißt: es wird die für Energone relevante, effiziente und somit leistungssteigernde Information aus einer Unzahl von möglicher, potentieller Information herausgeholt. In dem Augenblick, in dem man den Informationsbegriff pragmatisch versteht, bedeutet Information lediglich das, was effizienzfördernd für ein bestimmtes Energon ist.27
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Die konkrete Stellung der Information im Rahmen der Energontheorie läßt sich durch folgende Vorstellung veranschaulichen: Nehmen wir den Unterschied zwischen "Stoff" und "Nahrung" - Stoff ist das, was grundsätzlich zur Verfügung steht; Nahrung ist das, was ein Organismus benötigt und unter den in der Umwelt vorhandenen Stoffen auswählt. Stoff entspricht potentieller Information; aus dieser gewinnt das Energon jene Information, die es zur Leistungserbringung benötigt. Die Gewinnung von leistungsrelevanter Information ist demnach ein aktiver Selektionsprozeß, welcher in Summe ebenfalls die energetische Bilanz des Energons belastet. Überspitzt formuliert könnte man auch sagen, daß hier die Leistung nicht eigentlich im Erwerb von Information zu suchen ist, sondern in deren Abwehr. Aus einer überwältigenden Menge an Reizen filtert das Energon, stets unter Aufwendung von Energie, jene wenigen heraus, die ihm von Nutzen sind.
Wenn Manfred Eigen einen "Wertparameter" der Information postuliert, dann zielt er wohl genau auf diese Problematik ab. Der pragmatische Informationsbegriff ist wohl nur im Rahmen der Selektionstheorie zu verstehen. Und daraus ergibt sich doch wieder eine gewisse Annäherung zwischen der Energontheorie und den Auffassungen von Lorenz.
In nahezu allen Sektoren des Leistungsgefüges "Energon" kommt schließlich einer Funktion eine grundlegende Bedeutung zu: dem Informationstransfer, also der Weitergabe bereits verfügbarer Information von einem Funktionsträger oder Energon zu anderen. Bei der Vermehrung von Energonstruktur dürfte diese Notwendigkeit erstmals in Erscheinung getreten sein. Je komplexer ein Energon ist, umso mehr Information wird nötig, um ein neues, ebensolches Gefüge aufzubauen. Deshalb sind zur Fortpflanzung der Organismen umso mehr genetische Buchstaben nötig, je höher diese entwickelt sind. Gleiches gilt für alle Berufskörper und Erwerbsorganisationen. Auch hier erfordert der Aufbau komplizierter Erwerbsstrukturen, etwa eines Versicherungsunternehmens oder einer Bank, mehr Anweisungen als jener von vergleichsweise einfach strukturierten Betrieben.
Bei jeder Steuerung ist die Übermittlung von Befehlen
(Informationen) wichtig. Der Informationstransfer spielt deshalb in den
Sektoren Vermehrung und Verbesserung sowie für die Koordination und
Abstimmung eine besondere Rolle. Müssen Funktionsträger aufeinander
abgestimmt und Vorgänge koordiniert werden, so ist es unumgänglich,
Informationen von einem Ort des Leistungsgefüges zu einem anderen
zu übermitteln. Im Konkurrenzkampf der vom Menschen aufgebauten Energone
kann die rasche Verfügbarkeit von Informationen sogar zum allerwichtigsten
Erfolgskriterium werden. Auch hier kommt es, wie bei allen anderen Funktionen
auch, darauf an, Nachrichten möglichst schnell, kostengünstig
und präzise zu transportieren. Information kostet Geld - und auch
Energie! Sowohl der Erwerb als auch die Übermittlung relevanter Information
("Groß I") lassen sich ohne Schwierigkeit in jenes Schema einordnen,
welches Aufschluß über Effizienz und Selektionswert von Energonen
gibt. Anhand der vorhandenen Information alleine kann keine Aussage über
die Effizienz von Energonen getroffen werden. Denn was letztlich zählt,
ist die energetische Gesamtbilanz!
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Anmerkungen:
23 Siehe:
Hassenstein, B.: Was ist Information? In: Naturwissenschaft und Medizin,
Mannheim, 1966.
24 Siehe:
Riedl, Rupert: Kultur - Spätzündung der Evolution? Antworten
auf Fragen an die Evolutions- und Erkenntnistheorie. München, Zürich,
1987, Seite 179 ff.
25 Siehe:
Lorenz, K.: Die Rückseite des Spiegels. Versuch einer Naturgeschichte
menschlichen Erkennens. München, Zürich, 1973, Seite 33 und 36.
26 Siehe:
Lorenz, K.: Die Rückseite des Spiegels. Versuch einer Naturgeschichte
menschlichen Erkennens. München, Zürich, 1973, Seite 44.
27 Siehe:
Schlögl, R.: Außenseiter der Naturwissenschaft. Dissertation,
Universität Wien, 1992, Seite 297 ff.