5. Mensch und Energon
Die in den vorangehenden Kapiteln aufgezeigten allgemeinen Grundlagen der Energontheorie führen zu einer gänzlich neuen und in vielen Bereichen unkonventionellen Beurteilung des Menschen und seines Standortes in der Evolution. Bisher sah sich der Mensch als Endpunkt und Höhepunkt der Lebensentwicklung; nach der neuen Beurteilung ist er der Ausgangspunkt einer weiteren Entwicklungsphase in der sich steigernden Lebensentfaltung.
Ausschlaggebend für die weitere Entwicklung sowohl des Menschen als auch der von ihm aufgebauten Energone ist nicht allein der somatische, aus Zellen aufgebaute menschliche Körper, sondern dieser plus aller zusätzlich gebildeten Funktionsträger, die ihm zu seinen gesteigerten Leistungen verhelfen. Diese zusätzlichen Organe sind die Basis unserer materiellen Kultur. Sie ermöglichen uns die Nutzung neuartiger Ressourcen, erhöhen unsere Effizienz und bedingen somit eine immer schneller voranschreitende Steigerung der Lebensentfaltung.
Zusätzliche Organe sind letztlich auch die Voraussetzung für die Entstehung von Energonen noch höherer Integrationsstufe, in deren Zentrum nicht mehr ein einzelner Mensch steht. Aufbau und Steuerung solcher Energone werden von einem überindividuellen Kollektiv bewerkstelligt, wobei die Übernahme und Ausführung einzelner Funktionen nach den Gesetzen der Funktionsdynamik erfolgt. Ihr Energieerwerb basiert kaum noch auf räuberischen Akten, sondern auf mehr oder weniger friedlichen Tauschgeschäften. Die Erfindung des Universalvermittlers Geld war eine funktionelle Notwendigkeit, die sich aus dieser dritten Form des Energieerwerbes ergab. Die anfallenden Energieüberschüsse werden nun auch in vermehrtem Maße in Einheiten investiert, welche keine lebensnotwendigen Funktionen erfüllen. Diese sogenannten Luxusstrukturen werden aber zu einer immer stärkeren Triebfeder für den Aufbau neuer Energone und damit der gesamten Lebensentfaltung.
Die Energontheorie führt letzten Endes auch zu einer differenzierten Einschätzung der Staatenbildung. Das komplexe und zunehmend unüberschaubare Erscheinungsbild, welches uns die heutigen Staaten bieten, läßt sich auf einige wenige grundlegende Funktionen und Ausrichtungen zurückführen. Vielleicht kann hier die Energontheorie auch einen Beitrag zum besseren Verständnis des Phänomens "Staat" leisten. Wenden wir uns aber zunächst den für die derzeitige Phase der Lebensentfaltung so bedeutenden zusätzlichen Organen zu.
Die Auswirkungen zusätzlicher Organe
Wesentlich für sämtliche zusätzlichen Organe ist nicht die Art und Weise ihres Zustandekommens, sondern, wie bei allen übrigen Organen, ihre erbrachte Leistung. Bevor wir die Vorteile und Auswirkungen zusätzlicher Organe näher analysieren, soll geklärt werden, welche Funktionsträger überhaupt unter diesen Begriff fallen. Die vorliegende Einteilung wurde ausschließlich nach funktionellen Kriterien getroffen. Sie spiegelt also keine phylogenetische Entwicklungsreihe wieder.
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Erstens gibt es Funktionsträger, die aus körpereigenen Stoffen aufgebaut werden, jedoch mit dem somatischen Körper des Lebewesens nicht fest verbunden sind. Ein Paradebeispiel dafür ist das Spinnennetz.
Zweitens gibt es Funktionsträger, die aus Material bestehen, welches der Umwelt entnommen wurde. Sie sind entweder dem Zellkörper direkt angefügt, wie der Köcher der Köcherfliegenlarve, oder von diesem klar getrennt, wie etwa Vogelnester und andere Tierbauten. In der Biologie werden solche Strukturen auch als "tierische Artefakte" bezeichnet. Sie sind unmittelbare funktionelle Vorstufen der vom Menschen angefertigten Kleider und Bauten.
Drittens gibt es Funktionsträger, deren Gebrauch auf angeborenen tierischen Verhaltensweisen beruht und welche gemeinhin als "Werkzeuge" bezeichnet werden. Obwohl Werkzeuggebrauch bereits von Wirbellosen bekannt ist, stellt er im Tierreich eher eine Ausnahme dar.7 So nimmt etwa die Grabwespe Ammophila ein Steinchen zwischen die Mandibeln und stampft damit das Erdreich zum Verschluß des Brutbaues fest. Weitere Beispiele sind Kaktusstacheln, mit deren Hilfe der Spechtfink Insekten aus dem Holz stochert, oder Steine, welche von Seeottern zum Öffnen von Muschelschalen benützt werden.
Viertens gibt es Funktionsträger, deren Gebrauch auf erlerntem Verhalten beruht. Werkzeuggebrauch dieser Art ist lediglich von einigen hochentwickelten sogenannten "Lerntieren" - vor allem Affen - und dem Menschen bekannt. Schimpansen verwenden beispielsweise aus zerkauten Blättern angefertigte "Trinkschwämme", mit deren Hilfe sie Wasser aus Astlöchern aufsaugen. Das Anfertigen dieser Schwämme ist sehr wahrscheinlich eine tradierte Erfindung und auch insofern bemerkenswert, als den Blättern, im Gegensatz zu anderen von Tieren verwendeten Werkzeugen, ihr späterer Verwendungszweck kaum von vornherein anzusehen ist (Wickler 1970). In diese Kategorie von zusätzlichen Organen fallen praktisch alle technischen Produkte des Menschen, ob es sich nun um einen Faustkeil oder ein Raumschiff handelt.
Fünftens können auch andere Energone erzwungenermaßen oder über Tauschakte zu Funktionsträgern werden. Vielfach kommen solche Fremdleistungen dem Leistungskörper eines Energons nur kurzfristig zugute, wie im Falle von erworbenen Dienstleistungen etwa eines Rechtsanwaltes oder eines Friseurs. Energone können aber auch für längere Zeit miteinander vergesellschaftet sein und von den Leistungen des jeweils anderen profitieren. Dies trifft auf tierische und pflanzliche Symbiosen zu, aber auch auf Unternehmer, welche fixe Angestellte beschäftigen. Hier vollzieht sich bereits ein Übergang zu Energonen höherer Ordnung.
Offensichtlich geht der Begriff des "zusätzlichen Organs" weit über jenen des herkömmlichen Begriffes "Werkzeug" hinaus. Zum besseren Verständnis kann deshalb auch auch von der Summe aller leistungserbringenden Einheiten gesprochen wer-
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den, welche neben dem aus Zellen bestehenden Körper die Struktur und Gesamtleistung eines Energons bedingen.
Der Gebrauch zusätzlicher Organe hat bereits im Tierreich zahlreiche funktionelle Vorstufen, doch erst der Mensch erweitert durch erlernte Verhaltensweisen regelmäßig und zielhaft seinen Zellkörper durch leistungserbringende Einheiten. So definierte Oakley8 den Menschen als ein "Wesen, welches regelmäßig Werkzeuge nach einem bestimmten Muster anfertigt" und Bartholomew und Birdsell9 hoben hervor, daß "der Mensch das einzige Säugetier ist, dessen Überleben unablässig von Werkzeugen abhängt". Dichterisch drückte Goethe den Unterschied zum Tier aus: "zielhaft ändert der Mensch selbst die ererbte Gestalt". Welche besonderen Eigenschaften zeichnen nun die zusätzlichen Organe gegenüber den aus Zellen bestehenden aus, und welche Auswirkungen auf die Lebensentfaltung ergeben sich daraus?
Ablegbarkeit und Austauschbarkeit
Zusätzliche Organe sind in der Regel mit dem somatischen Körper des Menschen nicht fest verbunden und können nach Gebrauch wieder abgelegt werden. Anderen Lebewesen ist dies nur in äußerst beschränktem Umfang möglich. So werfen etwa die Geschlechtstiere mancher staatenbildender Insekten ihre Flügel nach dem Hochzeitsflug ab, doch ist dieser Vorgang irreversibel und die Tiere haben dann ihre Flugfähigkeit für immer eingebüßt. Die Werkzeuge des Menschen können dagegen beliebig verwendet und anschließend wieder beiseite gelegt werden. Osche (1972) nannte sie deshalb auch sehr treffend "Organe nach Bedarf".
Welche eminenten Vorteile diese Eigenschaft mit sich bringt, zeigt ein Vergleich mit den fest verwachsenen Organen der Tiere. Deren Zahl ist, da sie Teile des Zellkörpers sind, naturgemäß beschränkt, und sie werden daher meist für verschiedene Funktionen eingesetzt (Polyfunktionalität). Der Schnabel eines Vogels dient beispielsweise neben der Nahrungsaufnahme auch der Fütterung der Jungen, der Gefiederpflege, der Verteidigung, dem Bau des Nestes, der Lauterzeugung und bei manchen Arten darüber hinaus als optisches Signal zur Kommunikation mit dem Geschlechtspartner. Zudem muß der Schnabel so beschaffen sein, daß er die Bewegungsfähigkeit des Vogels nicht beeinträchtigt, was seine Form beeinflußt und seine Größe und sein Gewicht limitiert. Dies zeigt ganz allgemein, daß die Organe der Tiere zumeist einen funktionellen Kompromiß darstellen. Sie sind nicht einer Funktion optimal angepaßt, sondern mehreren Funktionen "so gut es eben geht". Selbstverständlich finden sich auch unter den vom Menschen hergestellten Funktionsträgern unzählige Beispiele für funktionelle Kompromisse, was jedoch nichts daran ändert, daß gerade die Ablegbarkeit der zusätzlichen Organe zu entscheidenden Fortschritten in der Evolution geführt hat.
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Zusätzliche Organe sind aber nicht nur ablegbar, sie können auch, wenn sich die Anforderungen verändert haben, innerhalb kürzester Zeit gegen andere ausgetauscht werden. Die Greifhand des Menschen, der unter anderem auch die Funktion der Bindung zukommt, hat diese Entwicklung sehr begünstigt, wenn nicht sogar erst ermöglicht. Konrad Lorenz (1959) bezeichnet den Menschen als einen "Spezialisten im Unspezialisiertsein", was sicherlich zutrifft, solange man nur dessen körperliche Leistungen berücksichtigt.
Unter den Säugetieren nimmt der Mensch tatsächlich die Stellung eines "Allrounders" ein, der so verschiedene Tätigkeiten wie Laufen, Springen, Klettern, Schwimmen, Tauchen usw. in mittelmäßiger Weise auszuführen vermag. Ein gänzlich anderes Bild bietet sich hingegen, wenn - wie von der Energontheorie gefordert - der gesamte Leistungskörper des Menschen als Einheit angesehen wird, die sich mit der natürlichen Auslese auseinandersetzt. Aus dieser Sicht wurde der Mensch zu einem Spezialisten in vielseitiger Spezialisation. Um sich dieser Tatsache bewußt zu werden, stelle man sich nur einige verschiedene Funktionsträger der Fortbewegung wie etwa Autos, Flugzeuge, Tauchgeräte und Schlittschuhe vor. Fügt ein Mensch diese zusätzlichen Organe seinem Leistungskörper an, so wird er augenblicklich zu einem Spezialisten der Fortbewegung an Land, in der Luft, unter Wasser und auf dem Eis - und jeweils nahezu allen Tieren entsprechend überlegen. Voraussetzung dafür ist allerdings, daß der Mensch diese Funktionsträger auch richtig zu handhaben versteht, wobei ihm sein leistungsfähiges Gehirn zugute kommt. Es ist demnach auch der somatische Körper des Menschen nicht wirklich unspezialisiert, sondern in erster Linie auf geistige Leistungen ausgerichtet.
Baumaterial
Die Zelle als Grundbaustein aller vielzelligen Tiere und Pflanzen bietet eine Reihe erheblicher Vorteile. Sie ist teilungs- und regenerationsfähig und kann sich auf eine Vielzahl benötigter Funktionen spezialisieren. Auch dann bleibt sie noch bis zu einem gewissen Grade wandlungsfähig und autonom. Dafür aber müssen alle lebenden Zellen laufend mit Energie und Stoffen versorgt und von ihren Stoffwechselabfällen befreit werden. Daß Funktionsträger aus totem Zellmaterial bestehen, welches dieser Aufwendungen nicht mehr bedarf, ist eher die Ausnahme. Totes Gewebe, wie Rosenstacheln oder die Borke von Bäumen, kann zwar ebenfalls noch für eine gewisse Zeit lebensnotwendige Leistungen erbringen, muß aber letztendlich durch neues Material ersetzt werden.
Außerdem sind dem lebenden Zellmaterial, welches größtenteils aus Eiweißstoffen besteht, auch in anderer Hinsicht Grenzen gesetzt. Es erträgt Temperaturen nur bis zu einer bestimmten Höhe und kann nur in beschränktem Umfang chemische Umsetzungen bewirken. Deshalb konnten Tiere und Pflanzen weder Metalle zu Funktionsträgern verarbeiten noch Kunststoffe, wie die Industrie sie heute liefert, produzieren. Die vom Zellkörper getrennten zusätzlichen Organe erweiterten diese funktionellen Grenzen beträchtlich! Heute kann praktisch jeder zur Bildung neuer Funktionsträger geeignete und verfügbare Stoff von Energonen genutzt, oder, um mit Teilhard de Chardin zu sprechen, "vitalisiert" werden.
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Wegfall stammesgeschichtlicher Belastungen
Die auf den ersten Blick so perfekte Beschaffenheit der Organismen weist bei näherer Betrachtung eine Fülle von konstruktiven Mängeln und Unzweckmäßigkeiten auf, die, wie es Dawkins (1987, Seite 114) so treffend formuliert, "jeden ordentlichen Ingenieur beleidigen würden". Die Ursache dieser Unvollkommenheiten liegt darin, daß jeder Organismus auch gleichzeitig ein Abbild seiner eigenen stammesgeschichtlichen Entwicklung ist und dementsprechende Bürden zu tragen hat. Da Veränderungen in der organismischen Evolution nur in kleinen Schritten über Mutationen, Rekombination und Selektion erfolgen können, ist ein einmal eingeschlagener Entwicklungspfad kaum mehr umkehrbar, selbst wenn dies in einem späteren Stadium der Entwicklung von selektivem Vorteil wäre. Dollo’s Gesetz von der Irreversibilität der Evolution ist letztlich eine statistische Aussage über die Unwahrscheinlichkeit, daß die Evolution über Mutationen genau dem gleichen Weg, den sie schon einmal beschritten hat, nun in umgekehrter Richtung folgt.
Für derartige stammesgeschichtliche Belastungen und Zwänge - auch als "phylogenetic constraints" bezeichnet - sind viele Beispiele bekannt.10 Oft zitiert wird das Auge der Wirbeltiere. Die Photorezeptoren der Netzhaut liegen hier auf der dem Licht abgewandten Seite, was zur Folge hat, daß die ableitenden Nervenfasern und die Blutkapillaren an der Oberfläche der Netzhaut zwischen dem auftreffenden Licht und der eigentlichen Rezeptorschicht verlaufen. Dies aber bedeutet, daß das Licht, statt ungehindert zu den Photozellen zu gelangen, zunächst ein Geflecht von Nerven passieren muß, wodurch es eine gewisse Abschwächung und Verzerrung erfährt. Außerdem muß der Sehnerv auf seinem Weg zum Gehirn durch ein Loch in der Netzhaut hindurchtreten, was die Ursache für den "blinden Fleck" ist.
Bei dem sehr ähnlich gestalteten Auge der Tintenfische liegt kein solcher "Konstruktionsfehler" vor. Hier stehen die Sehzellen in zweckmäßiger Orientierung. Der Grund dafür ist, daß sich bei den Mollusken die lichtempfindliche Schicht der Augen aus Zellen der sich einstülpenden Körperoberfläche, jene der Wirbeltiere aus einer Ausstülpung von Gehirnteilen entwickelte. Eine in beiden Fällen vor Jahrmillionen einsetzende Organbildung konnte somit bei den Wirbeltieren nicht mehr "richtiggestellt" werden.
Auch manche zusätzliche Organe des Menschen besitzen vergleichbare historische Konstruktionsmerkmale, die sich bisweilen als Nachteil erweisen. Da diese Funktionsträger aber, abgesehen von einigen Ausnahmen, wie etwa alten, gewachsenen Stadtteilen, weitgehende Neubildungen sind und vielfach auch noch vor ihrer Fertigstellung vor dem "geistigen Auge" des Menschen entworfen und erprobt werden können, spielen hier solche Belastungen eine weitaus geringere Rolle.
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Fremd- und Kollektivnutzung
Die fest verwachsenen Organe der Pflanzen und Tiere können normalerweise nicht von anderen Organismen im Sinne ihrer Funktion weiterverwendet werden. Sie dienen räuberischen Energonen lediglich als Nahrung, wobei sie in ihre elementaren molekularen Strukturen zerlegt und anschließend zu neuen Funktionsträgern aufgebaut werden. Die bereits oben erwähnten Kleptokniden, welche von Korallenpolypen stammen, aber von räuberischen marinen Nacktschnecken direkt und ohne vorangehenden Abbau als Abwehrorgane weiterverwendet werden, stellen eine äußerst seltene Ausnahme dar. Tierische Artefakte wie Nester, Bruthöhlen und ähnliche Bauten werden jedoch bereits häufig von anderen übernommen und weiterbenützt. So stehen manche Greifvogelhorste in jahrzehntelanger Verwendung und werden nacheinander von mehreren Brutgenerationen aufgesucht. Dieser eminente Vorteil, den die nicht mit dem Körper verwachsenen Funktionsträger mit sich brachten, ist allerdings durch die Hypothek belastet, daß sie auch viel leichter entwendet werden können. Jedes zusätzliche Organ muß also - oft mit erheblichem Aufwand - geschützt und in irgendeiner Weise an den Leistungskörper gebunden werden. In arbeitsteiligen Gesellschaften sorgen infolgedessen stets spezielle "Wachorgane" für den Schutz des Eigentums.
Eine weitere Auswirkung zusätzlicher Organe besteht darin, daß ihre Verwendungsmöglichkeit keineswegs mit dem Tod ihres Besitzers erlischt. Der mit erheblichem Aufwand aufgebaute Betrieb geht, sieht man von der Erbschaftssteuer ab, ohne jeglichen Verlust an Energie und Stoffen auf die Nachkommen über. Andere Menschen nehmen dann die Rolle des steuernden Zentrums ein, was die Funktionsfähigkeit der gesamten Erwerbsstruktur aber keineswegs beeinträchtigen muß. Schutz- und Wachorgane sowie die in der Gesetzgebung verankerten Erb- und Eigentumsrechte sind also letztlich aus funktionellen Anforderungen entstanden, welche die vom Körper getrennten zusätzlichen Organe mit sich brachten.
Die Möglichkeit der Verwendung von zusätzlichen Organen durch andere Energone hat auch zur Bildung von Gemeinschaftsorganen geführt, welche beim Menschen erhebliche Dimensionen erreichen können. Autobusse und Flugzeuge, aber auch das Straßennetz, Wasserleitungen und Bibliotheken sind Beispiele für solche. Ihr großer Vorteil liegt darin, daß es dem einzelnen Energon aufgrund seiner beschränkten Ressourcen an Energie und Stoffen gar nicht möglich wäre, diese aufwendigen Strukturen aufzubauen, selbst wenn es über das dazu nötige "Know-how" verfügte. Durch kollektive Nutzung von Funktionsträgern können die Gesamtkosten geteilt, die Leistungsfähigkeit der einzelnen Energone aber erheblich gesteigert werden.
Erwerb von Fremdleistungen
Zusätzliche Organe bieten weiterhin den Vorteil, daß sie vom Energon, welchem sie dienen, nicht selbst hergestellt werden müssen. Vielmehr spezialisieren sich einzelne Energone auf bestimmte Aufgaben und bieten die von ihnen produzierten Funktionsträger gegen entsprechende Gegenleistungen jenen an, die sie benötigen. Auch diese Möglichkeit förderte die Bildung von größeren sozialen Verbänden und Gemeinschaften. Durch Arbeitsteilung können sich die Hersteller gänzlich auf einen
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oder wenige Funktionsträger konzentrieren, entsprechendes Fachwissen sammeln und ihre Produkte billiger, präziser und schneller anfertigen. Mit zunehmender Größe der Produktionsstätten kommen auch verstärkt die Prozesse der Funktionsrationalisierung zum Tragen, und industrielle Fertigung bzw. Massenherstellung bewirkten vor allem in den letzten Jahrzehnten eine explosionsartige Steigerung der Lebensentfaltung. Auch wenn die Hersteller für ihre Erzeugnisse und den von ihnen geschaffenen Mehrwert im Tausch mehr Energieäquivalente verlangen, als sie die Herstellung selbst an Energie gekostet hat, ist beiden Seiten gedient. Erst durch die Spezialisierung auf die Herstellung einzelner Funktionsträger wurde den Energonen eine neue, dritte Form des Energieerwerbs eröffnet - der Tausch!
Für die Energiebilanz der am Leistungstausch beteiligten Energone mag es günstig sein, wenn der spezialisierte Hersteller auch gleichzeitig die Pflege und Wartung der zusätzlichen Organe übernimmt. Mit fortschreitender Arbeitsteilung spezialisieren sich aber immer mehr Betriebe ausschließlich auf die Fremdpflege. So kann ein Automechaniker zwar ein Fahrzeug reparieren, dieses aber kaum noch selbst herstellen.
Ist für ein einzelnes Energon der Erwerb eines zusätzlichen Organs mit einem zu großen Aufwand verbunden, so besteht weiterhin die Möglichkeit, dieses für die Zeit des benötigten Gebrauchs zu mieten. Zu besonderer Bedeutung gelangte dieser Vorgang beim Erwerb von Dienstleistungen. Aus funktioneller Sicht wird dabei dem Leistungskörper eines Energons eine weitere Leistung angegliedert. Wird diese Leistung nicht mehr gebraucht, so erlischt innerhalb kurzer Zeit auch die Bindung, ohne daß die Energiebilanz des Energons noch weiter belastet wird. Welch gewaltige Einsparungen sich dadurch ergeben können, zeigt etwa das Beispiel eines zu übersetzenden Schriftstückes. Der Aufwand, den das Erlernen der betreffenden Fremdsprache eigens für diesen Zweck bedeuten würde, steht in keiner Relation zu den Kosten der gemieteten, temporären Leistung eines Übersetzers.
Antrieb durch Fremdenergie
Zusätzliche Organe müssen nicht zwangsläufig mit Energie betrieben werden, die dem somatischen Körper der Lebewesen entstammt. Es ist durchaus möglich, daß Fremdenergie sie direkt und ohne den Umweg über den Zellkörper antreibt. Auch hierfür finden sich funktionelle Vorstufen unter den Pflanzen und Tieren, man denke nur an die Verbreitung von Samen durch den Wind oder an Meeresströmungen, welche das Plankton verdriften. Doch erst dem Menschen ist es gelungen, Fremdenergie in großem Umfang in den Dienst seiner Erwerbsstrukturen zu stellen. Zug- und Lasttiere oder benzinbetriebene Motoren sind Beispiele dafür. Die Entdeckung und maßlose Ausbeutung der in den fossilen Brennstoffen gespeicherten Energie bringt aber für die Lebensentfaltung auch gewaltige Nachteile und unerwartete Probleme mit sich.
Artungleiche Vermehrung von Energonstruktur
Die wohl für die Lebensentfaltung insgesamt bedeutendste Auswirkung zusätzlicher Organe ist die, daß Energone nun nicht mehr ausschließlich darauf ange-
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wiesen sind, artgleiche Energone aufzubauen. Denn die artgleiche Vermehrung der Organismen ist oftmals mit erheblichen Nachteilen verknüpft. Sind die Lebensbedingungen für eine Art schlecht, so ist es dem Genom auf Grund seiner Struktur nicht möglich, eine andere Energonart hervorzubringen, deren Überlebenschancen unter den gegebenen Bedingungen größer wäre. Die vom Menschen aufgebauten Energone unterliegen diesen Einschränkungen dank der zusätzlichen Organe nicht mehr. Aus den Erträgen bzw. Energieüberschüssen einer Erwerbsstruktur kann nun grundsätzlich jede andere aufgebaut werden. In der Praxis ist es sogar die Regel, daß neue, andersartige Erwerbsstrukturen entstehen, wenn die Möglichkeiten für die bisherige Erwerbsart ausgeschöpft sind. Ist beispielsweise die Marktlage für ein bestimmtes Produkt schlecht, dann werden die Überschüsse ganz automatisch in andere Branchen investiert, so daß sich das Wachstum fortsetzt. So gesehen ist auch die Marketingstrategie der Diversifikation nichts anderes als artungleiche Vermehrung von Energonstruktur. Bemerkenswert ist, daß gleichartige Erwerbsstrukturen untereinander meist weit größere strukturelle Unterschiede aufweisen, als es innerhalb von Organismenarten der Fall ist. Die Ausbildung der Energone wird also zunehmend von Individualität geprägt.
Berufskörper und Erwerbsorganisationen sind aber nicht nur zu artungleicher Fortpflanzung befähigt. Auch Verbesserungen, welche von einer Energonart erzielt wurden, können die Entfaltung andersartiger Erwerbsstrukturen wesentlich begünstigen und fördern. Dies zeigen am besten die Fortschritte, welche auf dem Gebiet der Datenübermittlung und -verarbeitung erzielt wurden. Zwischen den Angehörigen verschiedener Energonarten findet ein zunehmender Informationstransfer statt, der einen wesentlichen Anteil an der Steigerung der gesamten Lebensentfaltung hat.
Liquidierbarkeit
Pflanzen und Tieren ist die Entledigung nicht mehr benötigter Organe nur in beschränktem Umfang möglich. Der vollständige Abbau funktionsloser Einheiten kann über die Mechanismen von Mutation, Rekombination und Selektion nur in kleinen Schritten und über sehr lange Zeiträume erfolgen. Das zeigen uns beispielsweise Höhlentiere, deren Augen nach und nach reduziert wurden, oder auch manche Insekten, die ihre Flügel aufgrund von veränderten Umweltbedingungen schrittweise rückbildeten. Die betreffenden Organe werden teilweise heute noch in mehr oder weniger rudimentärer Form angelegt und belasten so weiterhin die Energiebilanz des Gesamtorganismus. Manche Funktionsträger können allerdings auch innerhalb kürzerer Zeiträume abgestoßen und bei Bedarf wieder neu gebildet werden. Laubbäume nördlicher und gemäßigter Zonen werfen die im Winter funktionslosen Blätter ab, Hirsche werfen in periodischen Abständen ihr Geweih ab, und Vögel mausern sich regelmäßig.
Trotzdem sind die Möglichkeiten zur Liquidation somatischer Organe sehr beschränkt. Zusätzliche Organe können dagegen jederzeit abgestoßen werden. Manchmal ist auch dies mit Kosten verbunden, man denke etwa an ein Gebäude, welches abgerissen werden muß. Kleinere Funktionsträger werden dagegen einfach abgestoßen, also "weggeworfen". Darin liegt auch eine Ursache unserer heutigen Umweltproblematik. Werden zusätzliche Organe weiterverkauft, so leisten sie sogar noch
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einen Beitrag zur positiven Energiebilanz des Energons. Ein Kuriosum der dritten Form des Energieerwerbs über Tauschakte ist die Tatsache, daß die Liquidation eines alten, funktionslos gewordenen Funktionsträgers mitunter mehr an Energieäquivalenten - sprich Geld - einbringt, als dieser ursprünglich gekostet hat. Liebhaber- und Sammlerobjekte erbringen keinerlei lebensnotwendige Leistungen mehr, trotzdem steigt ihr Wert ständig an.
Der Mensch als Keimzelle neuer Energone
Entwicklungsgeschichtliche Voraussetzungen
Wir gingen davon aus, daß eine Steigerung der Lebensentfaltung nur über Strukturen mit besonderen Eigenschaften erfolgen kann, welche unter dem Begriff "Energon" zusammengefaßt werden. Eine gemeinsame Eigenschaft aller Energone ist, daß sie arbeitsteilige Gefüge darstellen. Sie setzen sich aus funktionserfüllenden Einheiten zusammen, welche unabhängig von ihrer Beschaffenheit, ihrer speziellen Wirkung und der Art ihres Zustandekommens als Funktionsträger bezeichnet werden. Für das betreffende Energon ist es letztlich unerheblich, wie es zu einem Funktionsträger gelangt, solange dieser die benötigten Funktionen erfüllt und zur Effizienz des Energons und damit zur Lebensentfaltung beiträgt. Für die Beurteilung des Menschen aus der Sicht der Energontheorie ist es aber unerläßlich, sich mit dem Entwicklungsweg zu beschäftigen, der schließlich zur Entstehung von mächtigen, überindividuell gesteuerten Energonen führte.
Beginnen wir unsere Betrachtungen bei jenen Einzellern, welche einen vom übrigen Plasma abgegrenzten Zellkern besitzen - den einzelligen Eukaryonten. Bereits diese Organismen sind verhältnismäßig komplex organisierte Energone, die über eine beträchtliche Anzahl von Funktionsträgern verfügen. Das Pantoffeltierchen (Paramecium) besitzt etwa Funktionsträger der Abwehr (Trichocysten), der Fortbewegung (Cilien), der Koordination (Klein’sches Silberliniensystem), der Verdauung (Nahrungsvakuolen), der Exkretion (pulsierende Vakuolen) sowie der Vermehrung und Verbesserung (Macro- und Micronucleus). In Anlehnung an die Organe der vielzelligen Organismen werden die Funktionsträger der Einzeller als Organellen bezeichnet. Es ist bemerkenswert, daß es bereits auf zellulärem Niveau zu solch reichhaltigen Differenzierungen kommen konnte. Zellorganellen werden vom Erbrezept (Genom) der betreffenden Zelle aufgebaut und gesteuert. Auch die Aufgabe der Fortpflanzung obliegt dem Genom der Zelle.
Wie wir bereits festgehalten haben, beinhaltet die Fortpflanzung der Organismen zwei verschiedene Leistungen - die Vermehrung von Energonstruktur und deren Verbesserung. Während die Vermehrung eine möglichst fehlerlose Kopie der "Vorlage" erfordert, können Verbesserungen nur über Veränderungen erfolgen. Die Quelle dieser Veränderungen - der genetischen Variabilität - liegt bei Organismen, welche sich ausschließlich asexuell fortpflanzen, in den fehlerhaften Kopien des Genoms (Mutationen). Die "Erfindung" der Sexualität erschloß der Lebensentfaltung aber noch eine zweite, reichhaltige Quelle der Variabilität. Die mit der sexuellen Fortpflanzung einhergehende Neukombination des genetischen Materials (Rekombination) erhöht den
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Grad der genetischen Vielfalt noch beträchtlich und trägt so zur Beschleunigung der Evolutionsgeschwindigkeit bei. Der Verbesserungsmechanismus der Sexualität ist bereits bei vielen Einzellern und nahezu allen Vielzellern verwirklicht.
Über Zellkolonien entstanden nun die ersten mehrzelligen Organismen. Zunächst waren sie sehr einfach organisiert und bestanden nur aus gleichartigen Zellen. Im Rahmen fortschreitender Arbeitsteilung spezialisierten sich nach und nach verschiedene Zellen auf bestimmte, enger begrenzte Aufgabenbereiche, was zur Bildung höher organisierter, vielzelliger Organismen führte. Lebensnotwendige Funktionen und Leistungen verlagerten sich nunmehr von Zellorganellen auf vielzellige Funktionsträger (Organe). So wird etwa die Fortbewegung bei Vielzellern nicht mehr von Geißeln oder Cilien, sondern von Flossen, Beinen und Flügeln bewerkstelligt. An die Stelle von Verdauungsvakuolen treten vielzellige Verdauungsorgane, die Exkretion wird von Nieren oder Malphigischen Gefäßen anstatt von pulsierenden Vakuolen besorgt. Allerdings ist jede einzelne Zelle eines Vielzellers nach wie vor bis zu einem gewissen Grad eine autonome Einheit. Einige wesentliche Leistungen verblieben sogar vollständig in der Kompetenz von Zellorganellen. So laufen auch bei den höchstentwickelten Vielzellern die Prozesse des Atmungsstoffwechsels (Energiefreisetzung) weiterhin in den Mitochondrien ab.
Wesentlich nachhaltiger wirkt sich auf die Lebensentfaltung der Umstand aus, daß auch die Leistungen des Aufbaus und der Fortpflanzung weiterhin in der Kompetenz eines Zellorganells, nämlich des Zellkerns bzw. des in ihm enthaltenen genetischen Codes verblieben. Denn letztlich ist der Aufbau des gesamten vielzelligen Organismus einschließlich seiner mannigfaltigen Funktionsträger auf das im Zellkern der Ausgangszelle (Zygote) enthaltene genetische Material zurückzuführen. Jede der aus vielfachen Zellteilungen hervorgegangenen Körperzellen besitzt nach wie vor die gesamte für den Aufbau des Organismus relevante Information. Es werden jedoch nur jene Abschnitte der DNA-Stränge aktiviert, welche für die Erfüllung der gerade benötigten Funktionen in der jeweiligen Zelle maßgeblich sind. Auch die Fortpflanzung und somit die beiden Leistungen Vermehrung und Verbesserung obliegen nach wie vor dem genetischen Code. Die verschiedenen vielzelligen Geschlechtsorgane der Organismen erfüllen bei der Fortpflanzung lediglich Hilfsfunktionen.
Eine wichtige Leistung ging bei den vielzelligen Tieren vom Genom ebenfalls auf ein vielzelliges Organ über, und es zeigt sich, daß gerade dieser Verlagerung in weiterer Folge eine entscheidende Bedeutung im Evolutionsverlauf zukommt. Es handelt sich um die Steuerung. Während bei den Einzellern die Steuerung sämtlicher Abläufe vom Genom ausgeht, übernimmt bei allen höher organisierten Tieren diese Aufgabe das Gehirn als Zentrum des Nervensystems. Das Genom baut in diesem Fall ein vielzelliges Steuerungsorgan auf und stattet dieses auch mit den nötigen Verhaltensprogrammen aus.
Zusammenfassend kann also festgehalten werden, daß das Genom letztlich dreierlei Leistungen erbringt. Zum ersten den Aufbau von vielzelligen Funktionsträgern wie Fortbewegungsorganen, Verdauungsorganen, Sinnesorganen, usw.; zum zweiten die Bildung eines übergeordneten Steuerungsorgans (Gehirn), und zum dritten die Ausstattung des Gehirns mit der für die Verhaltenssteuerung nötigen "Software". Dieser Entwicklungsstand ist kennzeichnend für all jene Tiere, die ausschließlich somatische Organe besitzen, welche vom zentralen Gehirn gesteuert und koordiniert werden.
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Als eine weitere Leistung kann das Gehirn jedoch auch die Steuerung des Aufbaus von zusätzlichen Organen übernehmen. Dies bedeutet aber nicht weniger, als daß erstmals im Laufe der Evolution Funktionsträger nicht vom Genom eines Organismus direkt hergestellt werden. Beispiele dafür sind in der Natur etwa die Nester und Waben von Wespen oder die Köcher der Köcherfliegen, also alle jene zusätzlichen Organe, deren Aufbau auf angeborenem Verhalten beruht. Allerdings obliegen diese Einheiten weiterhin zumindest indirekt der Kompetenz des Genoms. Von noch wesentlich tiefgreifenderer Bedeutung für die Lebensentfaltung ist jedoch der Umstand, daß das Gehirn, gewissermaßen in Eigenregie, bestimmte Verhaltensprogramme auch selbst aufbauen kann. Das ist bei allen über Lernakte zustandegekommenen - und somit nicht angeborenen, sondern erworbenen - Verhaltensweisen der Fall.
Zum entscheidenden Fortschritt kam es somit erst, als das Zentralnervensystem dahin gelangte, in individueller Auseinandersetzung mit der Umwelt neue, nicht im genetischen Code verankerte Verhaltensprogramme zu bilden, über die dann in weiterer Folge auch neue, ebenfalls nicht im Genom codierte zusätzliche Organe aufgebaut werden konnten. Nun erst hatten sich Aufbau- und Verbesserungsleistung wenigstens teilweise aus dem Kompetenzbereich des Erbrezeptes auf ein vielzelliges Organ verlagert. Ansatzweise ist dieses Prinzip bereits im Tierreich verwirklicht. Schimpansen verwenden zum Beispiel Werkzeuge, deren Herstellung und Gebrauch auf erlernten, tradierten Verhaltensweisen beruhen. Durch fortgesetzte Lernvorgänge können diese zusätzlichen Organe auch verbessert werden, ohne daß dazu Mutationen und deren Rekombination - die beiden nur langsam arbeitenden Verbesserungsmechanismen des Genoms - notwendig wären. Auch ist die Vererbung der zusätzlichen Organe bzw. der für ihren Aufbau und Gebrauch nötigen Steuerungen nicht mehr wie bisher an das Genom gebunden, sondern erfolgt direkt von einem Individuum zum nächsten. Erstmals in der Evolution wurde dadurch eine Vererbung erworbener Eigenschaften möglich. Eine solche wurde zwar auch lange Zeit beim genetischen Code vermutet, konnte jedoch bis heute nicht nachgewiesen werden.
Mit dem Übergang der Aufbau- und Verbesserungsleistung auf das vielzellige Gehirn, genauer gesagt auf die Großhirnrinde, wurden derart eminente Fortschritte möglich, daß es gerechtfertigt erscheint, neben der Phase der Einzeller und Vielzeller von einer neuen, dritten Phase der Lebensentfaltung zu sprechen. Auf sie wollen wir im zweiten Teil im Kapitel "Die erweiterte Evolutionstheorie" noch vertiefend eingehen. Diese dritte Phase, in der wir uns momentan befinden, ist geprägt vom Energonbau des Menschen. Sie wurde, um es nochmals zu betonen, dadurch eingeleitet, daß sich zwei für die Lebensentfaltung entscheidend wichtige Funktionen, nämlich Organbildung und Strukturverbesserung, teilweise auf das menschliche Gehirn verlagerten. Mit zunehmender Vergrößerung der menschlichen Erwerbsstrukturen verlagerte sich noch eine weitere grundlegende Leistung, nämlich jene der Vermehrung von Energonen und Funktionsträgern, immer mehr vom Genom auf das Gehirn. Diese neue Möglichkeit der Vermehrung ist zudem wesentlich flexibler als jene des Genoms, denn dem Menschen steht es ja prinzipiell frei, welche Arten von Energonen er aufbaut und damit fortpflanzt. Ist eine Energonart erfolgreich, so braucht sie sich um ihre Vermehrung gar nicht mehr selbst zu sorgen. Gleichartige Erwerbsstrukturen werden durch Nachahmung gleichsam "wie von selbst" entstehen.
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Bevor wir auf die vom Menschen gebildeten Energone zu sprechen kommen, wollen wir noch einmal auf die beiden Begriffe "Mensch"und "Energon" eingehen. Als Beispiel soll uns ein Mensch aus der jüngeren Altsteinzeit dienen. Soweit uns heute bekannt ist, unterschied er sich hinsichtlich seines Körperbaus nicht von den heute lebenden Menschen. Der zur Verfügung stehende kurze Zeitraum von etwa 10.000 Jahren hätte auch nicht ausgereicht, um über die Mechanismen von Mutation, Rekombination und Selektion merkliche Veränderungen seines Körpers zu bewirken. Unser Steinzeitmensch erweiterte jedoch bereits seinen somatischen Körper mit einer ganzen Reihe von zusätzlichen Organen wie Feuerstein- und Knochenwerkzeugen, Jagdwaffen und verschiedenen Haushaltsgeräten wie Nadeln, Trinkschalen aus Tierschädeln, usw. Auch wird angenommen, daß Menschen zu dieser Zeit bereits Kleidungsstücke anfertigten. Das "Energon Steinzeitmensch" besteht also nur zu einem Teil aus dessen nacktem Zellkörper, welcher weiterhin vom Genom aufgebaut wird.
Auch die Funktion der Verbesserung wird, soweit sie den Zellkörper betrifft, weiterhin vom Genom ausgeübt. Innerhalb des Energonganzen übernimmt das Gehirn jedoch den Aufbau sämtlicher zusätzlicher Organe und aller erworbener Verhaltensweisen, die zu deren Verwendung nötig sind, sowie Verbesserungen und deren Weitergabe an nachfolgende Generationen. Wenn hier von einer Aufbaufunktion des Gehirns die Rede ist, so ist selbstverständlich damit gemeint, daß das Gehirn die Steuerung und Koordination dieser Vorgänge, aber nicht notwendigerweise deren Ausführung übernimmt.
Es ist also festzuhalten, daß das "Energon Mensch" über zwei höchst unterschiedliche Funktionsträger des Aufbaus und der Verbesserung verfügt - über das Genom und das Gehirn. Für die Lebensentfaltung, welche sich über den Menschen in den von ihm aufgebauten Energonen fortsetzt, gewinnt der beschriebene zweite Weg der Organbildung über Lernvorgänge des Gehirns, auf welchem Funktionsträger von erheblicher Dimension und Effizienz entstehen können, zunehmend an Bedeutung. Der Mensch kann daher bildhaft mit einer Keimzelle verglichen werden, aus welcher neue, größere Energone hervorgehen. Mit diesen wollen wir uns nun beschäftigen.
Berufskörper und Erwerbsorganisationen
Über lange Strecken seiner Entwicklung behielt der Mensch die ursprüngliche Erwerbsform als Jäger und Sammler bei. Die meisten seiner ältesten Geräte stellen noch buchstäblich Erweiterungen seines Körpers dar. So verlängert die Steinaxt seinen Arm, ebenso der Wurfspeer und der mit Hilfe eines Bogens abgeschossene Pfeil. Ein Pferd verbessert die Funktion der Beine, Grabstock und Tragkorb verbessern die Hand beim Sammeln, und auch das Feuer, welches zum Zubereiten der Nahrung verwendet wurde, ist eine funktionelle Erweiterung des Magens. Gekochtes pflanzliches und tierisches Gewebe kann von den Verdauungssekreten leichter aufgeschlossen werden. Zunächst bestand das "Energon Mensch" also aus dessen Zellkörper und einigen wenigen zusätzlichen Organen. Es darf jedoch nicht übersehen werden, daß gerade jene einfachen, durch die Leistung des Gehirns aufgebauten und betätigten Funktionsträger nicht unwesentlich zum Leben und Überleben des Men-
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schen beitrugen und letztendlich wohl dafür verantwortlich waren, daß sich der Mensch trotz seiner mäßigen körperlichen Leistungen gegenüber Feinden, Konkurrenten und störenden Umwelteinflüssen behaupten konnte. Die zusätzlichen Organe erweiterten zwar den Körper des Menschen, änderten aber zunächst noch nichts an seiner räuberischen Erwerbsform.
Mit fortschreitender Arbeitsteilung innerhalb der menschlichen Gemeinschaften entstanden die ersten Berufstätigen, die wir als Berufskörper bezeichnen. Solange noch jedes Individuum alle für sein Überleben notwendigen Leistungen selbst erbrachte, gab es auch noch keine mit den heutigen Berufskörpern vergleichbaren Energone. Denn die Bezeichnung "Berufskörper" trifft ja lediglich auf solche Energone zu, die auf einem Gebiet Leistungsüberschüsse produzieren und diese dann gegen andere, von ihnen selbst benötigte Leistungen eintauschen. Für unsere Überlegungen spielt es keine Rolle, ob die ersten Berufskörper "Dienstleistungsbetriebe" waren - etwa Schamanen, welche bei kultischen Handlungen eine bestimmte Rolle einnahmen oder das sogenannte "älteste Gewerbe der Welt" -, oder ob es sich um "Gütererzeugung" handelte, beispielsweise die Herstellung von Jagdwaffen oder Haushaltsgeräten. Wesentlich ist, daß sich die damit verbundene neue Form des Energieerwerbs durch Tausch als eine notwendige Konsequenz aus Arbeitsteilung und Spezialisierung auf bestimmte Leistungen ergibt. Die Tauschakte selbst blieben lange Zeit einfach, was bedeutet, daß Waren bzw. Dienstleistungen direkt und ohne die Vermittlung von Geld getauscht wurden.
Bereits im Tierreich finden sich einfache Tauschvorgänge und somit funktionelle Vorstufen von Berufskörpern. So zeigen langjährige Beobachtungen des Sozialverhaltens von Mantelpavianen die besondere Rolle auf, die ältere männliche Tiere innerhalb der Gemeinschaft spielen. Während sie beinahe ihr ganzes Leben hindurch in schärfstem Konkurrenzkampf mit ihren männlichen Artgenossen stehen, übernehmen sie im Alter die Aufgabe, die Gruppe zu den äußerst spärlich vorhandenen Wasserstellen zu führen. Ihre langjährige Erfahrung kommt ihnen bei der Bewältigung dieser Spezialaufgabe zugute. Obwohl manche dieser Leittiere bereits schwer vom Alter gezeichnet sind, werden sie von der Gruppe nicht verstoßen, sondern als Gegenleistung für ihre Dienste beschützt und mit Nahrung versorgt. Auch wenn es durchaus wahrscheinlich ist, daß die ersten menschlichen Berufskörper ähnliche Dienstleistungen erbrachten, so wurde deren weitere Entfaltung wesentlich durch die Herstellung zusätzlicher Organe begünstigt, wenn nicht sogar erst ermöglicht.
Zwei Eigenschaften zusätzlicher Organe waren für die künftige Entwicklung besonders wesentlich. Erstens erlauben es Fremdherstellung und Fremdnutzung, bestimmte Funktionsträger in größerer Anzahl herzustellen und sie gegen andere einzutauschen. Und zweitens resultiert aus der Ablegbarkeit zusätzlicher Organe gleichzeitig auch die Notwendigkeit, diese zu schützen, was die Entstehung von größeren Gemeinschaften und die Bildung von Wachorganen nach sich zog. Im weiteren Verlauf der Lebensentfaltung traten zunehmend Arbeitsteilung und Spezialisierung in den Vordergrund und es entwickelten sich drei hauptsächliche Sparten des Erwerbs: die Gütererzeugung, Dienstleistungen und Vermittlung. Aus der Spezialleistung der Vermittlung zwischen Anbieter und Nachfrager erwuchs die Erwerbsbasis für das Berufsfeld des Handels. All diesen Berufskörpern ist gemeinsam, daß sie eine doppelte Ausrichtung haben. Einerseits müssen sie an Bedarfsträger herankommen und über
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deren spezifische Wünsche und Bedürfnisse informiert sein, und zum anderen müssen sie die Anbieter von gewünschten Produkten oder Dienstleistungen kennen und deren Leistungen verfügbar machen.
Mit der Herstellung von immer mannigfaltigeren und effizienteren zusätzlichen Organen kam es nun zu einem äußerst bemerkenswerten Phänomen: Lebensnotwendige Leistungen verlagerten sich in immer stärkerem Ausmaß vom somatischen Körper des Menschen auf seine zusätzlichen Funktionsträger. Das wohl eindrucksvollste Beispiel für derartige Funktionsverlagerungen sind unsere Transportmittel. Zumindest in der westlichen Industriegesellschaft wird ein immer geringerer Anteil der Fortbewegung mit Hilfe somatischer Funktionsträger - sprich Beinen - bewerkstelligt. Die Fortbewegung hat sich bereits zu einem beträchtlichen Teil auf zusätzliche Organe wie Rolltreppen, Autos, Flugzeuge u.v.m. verlagert. Ganz ähnlich ist es auch mit der Speicherung von Informationen. Die Erfindung der Schrift ermöglichte es dem Menschen, Informationen sozusagen "außer Haus" auf Steintafeln, Papyrusrollen oder in Büchern aufzubewahren. Zuerst waren diese zusätzlichen Informationsspeicher nur sporadisch eingesetzte Hilfsmittel, doch mittlerweile hat sich der überwiegende Teil der dem Menschen zur Verfügung stehenden Information vom Gehirn auf Funktionsträger wie Bücher und Computerdatenbanken verlagert.
Vergleicht man diese Entwicklung mit jener der Vielzeller, die einst aus einzelligen Lebensformen hervorgingen, so ist festzuhalten, daß sich in einem ersten Schritt Funktionen bzw. Leistungen von Zellorganellen auf vielzellige Organe verlagerten und in einem zweiten Schritt - wir befinden uns gerade mitten in dieser Übergangsphase - Funktionen und Leistungen von vielzelligen Organen auf zusätzliche Organe übergehen! Auf den ersten Blick mag dieser von Hass angestellte Vergleich überaus kühn und unkonventionell erscheinen, doch trifft er auf die Mehrzahl der von zusätzlichen Organen erbrachten Leistungen zu. Handelt es sich hier bloß um eine interessante Analogie, einen originellen Vergleich? Die Energontheorie behauptet, daß sich die Evolution der Organismen in den vom Menschen aufgebauten Erwerbsstrukturen, in den Berufskörpern und Erwerbsorganisationen, fortsetzt. Von diesem Standpunkt aus erscheint es nicht weiter verwunderlich, ja vielmehr als eine funktionelle Notwendigkeit, wenn sich mit der Vermehrung von Energonstruktur - mit zunehmender Steigerung der Lebensentfaltung in Volumen und Potenz - Funktionen und Leistungen auf neue, leistungsfähigere Funktionsträger verlagern.
Mit der fortschreitenden Vergrößerung der vom Menschen gebildeten Erwerbsstrukturen kam es zum Aufbau von Erwerbsorganisationen. Der eigentliche Unterschied zwischen diesen und den Berufskörpern liegt aber nicht so sehr in ihrer Dimension, auch wenn im Normalfall die Größe von Erwerbsorganisationen jene der Berufskörper bei weitem übertrifft. Eine Unterscheidung der beiden Energontypen ergibt sich vielmehr aus dem Umstand, daß Berufskörper weiterhin von einem einzelnen Menschen betrieben bzw. gesteuert werden, während die Steuerung der Erwerbsorganisationen von einem Kollektiv wahrgenommen wird. Es geht also letztlich um die Frage, ob die Entscheidungsbefugnis für die gesamte Organisation einem einzelnen Menschen oder einer Gruppe obliegt.
Sowohl Berufskörper als auch Erwerbsorganisationen sind dadurch gekennzeichnet, daß neben den herkömmlichen zusätzlichen Organen wie Werkzeugen
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und Maschinen auch vermehrt Leistungen anderer Energone in die eigene Energonstruktur miteinbezogen werden. Da Dienstleistungen zeitlich begrenzt und auch nacheinander mehreren verschiedenen Energonen angegliedert werden können, kommt es zu einer immer stärkeren Durchdringung und Vernetzung von Energonstruktur. Während es noch durchaus im Bereich unseres Vorstellungsvermögens liegt, einen Handwerker samt seiner Werkzeuge, seiner Werkstätte und den Leistungen der Lehrlinge und Gesellen als ein Energonindividuum anzusprechen, so haben sich die großen Erwerbsorganisationen bereits weit vom geläufigen Bild einheitlicher Lebewesen entfernt. Ihre Funktionsträger wechseln, können mitunter über die ganze Welt verstreut sein, und die Bindung untereinander und an das übergeordnete Energon besteht nur noch in "unsichtbaren" Verträgen und finanziellen Verflechtungen.
Spätestens seit dem Entstehen großer Unternehmen können also Umfang und Grenzen der einzelnen Energone sinnlich nicht mehr wahrgenommen werden. Es sind nur noch geistig erfaßbare Strukturen. Im Rahmen ihrer Buchführung und in Steuererklärungen treten sie aber trotzdem als durchaus konkrete und klar abgrenzbare "juristische Personen" auf.
Die Entstehung von Energonen höherer Ordnung
Energone werden als leistungserbringende Einheiten definiert, die so beschaffen sind, daß sie den Lebensprozeß fortsetzen, in die verschiedensten Bereiche ausdehnen und steigern. Jedes Energon setzt sich aus untergeordneten leistungserbringenden Einheiten - den Funktionsträgern - zusammen, die zur Erfüllung dieser Anforderungen beitragen. Die von Zellen gebildeten Energone enden sozusagen "an der Außenhaut". Dagegen umfassen die vom Menschen gebildeten Energone auch Funktionsträger, die nicht fest mit ihnen verbunden sind und die wir als zusätzliche Organe bezeichnen. Zu diesen gehören neben Bauten, Werkzeugen, Maschinen etc. auch andere Energone, die temporär oder auf Dauer für sie benötigte Leistungen erbringen. Über eine solche Inanspruchnahme fremder Leistungen kommt es vielfach zur Entstehung von Energonen höherer Ordnung, mit denen wir uns in der Folge näher befassen wollen.
Einige Leistungen, die von anderen Energonen erbracht werden, haben wir bereits bei der Nutzung fördernder Umweltbedingungen besprochen. Milben, die sich von einem Käfer von einer Nahrungsquelle zur nächsten transportieren lassen, nehmen diesen Dienst nur für beschränkte Zeit und ohne Gegenleistung in Anspruch. Bei der Bestäubung von Blüten durch Insekten wird von der betreffenden Pflanze ebenfalls die Leistung eines fremden Energons, eben des Insekts, für einen begrenzten Zeitraum benötigt und in Anspruch genommen. Da aber die Pflanze für die Dienste des Bestäubers eine Gegenleistung in Form von zuckerhaltigem (energiereichem) Nektar bietet, ist der gesamte Ablauf nicht mehr unter die bloße Nutzung fördernder Umweltbedingungen einzureihen. Er weist bereits die wesentlichen Grundzüge eines Leistungstausches auf. Das Insekt erbringt eine für die Pflanze essentielle Spezialleistung, und beide Partner profitieren von diesem "Geschäft". In der Energiebilanz der Pflanze stellt die Produktion des Nektars einen gewissen Aufwand dar, der aber durch die Übertragung der Pollen auf andere Blüten gerechtfertigt wird.
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Von Menschen erbrachte Leistungen können ebenfalls von anderen über einfache oder doppelte Tauschakte erworben werden. Ob es sich um Hilfs- oder Spezialdienste handelt, spielt dabei keine Rolle. Berät etwa ein Steuerberater ein Unternehmen, so liegt ein Leistungstausch zwischen zwei selbständigen Energonen, in diesem Falle einem Berufskörper (dem Steuerberater) und einer Erwerbsorganisation vor. Man kann diesen Vorgang auch als "Leistungsmiete" bezeichnen, da hier, ebenso wie bei der Miete eines Hotelzimmers oder eines Autos, eine leistungserbringende Einheit gegen Bezahlung einem Energon temporär angegliedert wird.
Vielfach werden aber von anderen Energonen erbrachte Leistungen nicht nur gelegentlich, sondern für einen längeren Zeitraum oder sogar ständig in Anspruch genommen. Ein anschauliches Beispiel dafür bietet die Symbiose zwischen Einsiedlerkrebs und Seeanemone, die ebenfalls auf einer Art von Leistungstausch beruht. Der Krebs nutzt die Schutzfunktion der Nesselzellen der Anemone, und diese wiederum profitiert von der Mobilität und dem Nahrungserwerb des Krebses. Zwischen den beiden Energonen läßt sich nun eine zunehmende Abhängigkeit von den Leistungen des Anderen beobachten. Manche Arten sind nur gelegentlich miteinander vergesellschaftet, während andere nie mehr isoliert auftreten. Aus dem fakultativenLeistungstausch ist dann ein obligatorischer geworden. Einsiedlerkrebse und Seeanemonen, welche obligatorisch miteinander vergesellschaftet sind, können aber nicht mehr als selbständige Energone bezeichnet werden, da sie gemeinsam eine leistungserbringende Einheit - ein Energon höherer Ordnung - bilden.
Vielfach ist der Übergang vom selbständigen Energon zum Energon höherer Ordnung fließend. Bei den Pflanzen und Tieren gibt es zahlreiche Beispiele für derartige Übergänge, welche oft die phylogenetische (stammesgeschichtliche) Entwicklung widerspiegeln. Manche Symbionten sind ohne ihren Partner noch durchaus lebensfähig, andere wiederum gehen ohne diesen zugrunde. Tragen Symbiosepartner zur Erbringung essentieller Grundleistungen bei, so ist die Abhängigkeit von ihnen besonders stark. Termiten beherbergen beispielsweise in ihrem Darm einzellige Symbionten (Flagellaten), welche ein zur Zellulosespaltung nötiges Ferment produzieren. Ohne die Tätigkeit dieser "Verdauungshelfer" würden die Termiten buchstäblich mit vollem Magen verhungern. Ein nicht minder eindrucksvolles Beispiel bietet die Foraminifere Heterostegina, die ihren gesamten Energiebedarf mit Hilfe symbiontischer Grünalgen deckt! Hier sind außerdem beide Symbionten Einzeller. Dies zeigt, auf einer wie niederen Stufe der Lebensentwicklung bereits die Tendenz zur Bildung von Energonen höherer Ordnung in Erscheinung tritt.
Auch bei den vom Menschen gebildeten Energonen ist der Übergang zu Energonen höherer Ordnung allmählich und fließend. Die Dienste der Partner werden unterschiedlich lange in Anspruch genommen, und ebenso sind die Bindungen von sehr verschiedener Intensität. Die Skala reicht vom Freundschaftsdienst über kurzfristige, gemietete Dienstleistungen bis zur lebenslangen Anstellung. Ein Unternehmen einschließlich seiner Mitarbeiter bildet eine leistungserbringende Einheit, ein Energon höherer Ordnung. Die Mitarbeiter ziehen am selben Strang, und benötigte Leistungen werden gemeinsam und in Arbeitsteilung erbracht. Energone höherer Ordnung kommen somit durch Eingliederung oder Zusammenschluß von ehemals selbständigen Energonen zustande. Die übergeordnete Einheit muß sich wiederum mit den Anforderungen der Umwelt und der inneren Organisation
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auseinandersetzen. Auch für sie gelten dieselben Kriterien der Effizienz und Konkurrenzfähigkeit.
Die Vorgänge bei der Entstehung von Energonen höherer Ordnung sind einander in ihren Grundzügen sehr ähnlich. Nehmen wir als Beispiel einen Handwerker, etwa einen Schuster, der das Zentrum des von ihm aufgebauten Berufskörpers ist. Das selbständige Energon "Schuhmacherwerkstätte" muß sämtlichen für Energone maßgebenden Anforderungen genügen. Es muß sich um benötigte Stoffe, etwa um Leder und Leim bemühen, seine Funktionsträger pflegen und warten, Konkurrenten abwehren und vor allem Kunden gewinnen. Es gilt, günstige Umweltbedingungen, etwa die Nähe einer belebten Straße, zu nützen und sich feindlichen Bedingungen, zum Beispiel Dieben, zu widersetzen. Nicht zuletzt muß das Energon aus der Summe aller dieser Tätigkeiten eine positive Energiebilanz - sprich Gewinn - erwirtschaften. Mit anderen Worten, das Energon hat sämtliche aufgelisteten Leistungen in Eigenregie zu erbringen.
Gänzlich anders ist die Situation, wenn - um beim Beispiel zu bleiben - unser Schuhmachermeister seine Werkstätte zusperrt und eine Anstellung in einer nahegelegenen Schuhfabrik antritt. Er hat nun Tätigkeiten auszuüben, welche er auch in seiner eigenen Werkstätte zu verrichten hatte. Und trotzdem hat sich etwas Grundlegendes verändert. Die Mehrzahl der auf den Schuster einwirkenden Anforderungen übernimmt nun das übergeordnete Unternehmen. Als selbständiges Energon höherer Ordnung ist es für benötigte Stoffe und Energie, Konkurrenten und Kunden, Pflege und Wartung der Maschinen, für günstige und störende Umwelteinflüsse und vieles mehr zuständig. All diese Leistungen kommen natürlich auch dem Schuster zugute, und über sein Gehalt und entsprechende Sozialversicherungsabgaben wird er vom Unternehmen geschützt und ernährt. Als Gegenleistung erbringt er dafür lediglich Spezialleistungen und ist so zum Funktionsträger, zum Organ einer übergeordneten Organisation geworden. Diese neue Situation bringt es allerdings mit sich, daß die Chancen des Schuhmachers auf höheren Gewinn drastisch gesunken sind. Mit der festen Bindung an die Erwerbsorganisation wurde eine höhere Gewinnchance zugunsten vermehrter Sicherheit eingetauscht.
Die Entstehung großer Unternehmen hat weitreichende Konsequenzen. Ihre Erwerbsquellen, nämlich die Bedürfnisse der Kunden, entsprechen noch weitgehend jenen der Berufskörper. Durch Massenproduktion und gesteigerte Effizienz werden die großen Erwerbsorganisationen aber zunehmend zu übermächtigen Konkurrenten und gefährden die Existenzbasis der kleineren Betriebe. Wird der Preis zum wichtigsten Wettbewerbsinstrument, so haben kleinere Konkurrenten kaum noch eine Chance. Doch auch hier macht sich die steuernde Wirkung, welche die Erwerbsquelle auf die Energone ausübt, bemerkbar. Überall dort, wo individuelle Wünsche der Zielgruppe im Vordergrund stehen und für deren Erfüllung eine angemessene Bezahlung geboten wird, geraten die billig produzierenden Großbetriebe ins Hintertreffen.
Auch unter den Organismen können vielfach große und kleine Energone nebeneinander und von der gleichen Erwerbsquelle leben. Große Bartenwale ernähren sich ebenso von Krillkrebsen wie eine Reihe kleinerer Fischarten. Solange für den Konsumenten einzig die Steigerung seiner materiellen Besitztümer zählt, solange quantitative Wertmaßstäbe im Vordergrund stehen, werden billig produzierende Riesenunternehmen einen sicheren Markt vorfinden. Die Nachteile dieser "Dinosaurier" folgen jedoch auf dem Fuße! Überhandnehmende Bürokratisierung und ver-
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minderte Flexibilität sind eine fast unvermeidliche Konsequenz. Diesen Problemen wird mit einer nachträglichen Untergliederung in kleine, weitgehend autonome und überschaubare Einheiten, wie etwa den profit centers, begegnet. Aber das Blatt kann sich auch wenden, und die qualitative Komponente nimmt nach und nach einen höheren Stellenwert ein. Den Erbringern von maßgeschneiderten Einzelleistungen erwächst dann eine zunehmende Erwerbsbasis. So können Berufskörper wieder mit den großen Erwerbsorganisationen konkurrieren. Wir kommen auf die Bedeutung dieser Entwicklung für die Lebensentfaltung noch zurück.
Die Entstehung von Energonen höherer Ordnung vollzieht sich in sämtlichen Bereichen der Lebensentfaltung nach grundsätzlich gleichen Gesetzmäßigkeiten. In dauerhaften Symbiosen von Pflanzen und Tieren, in Tierstaaten sowie in Erwerbsorganisationen werden ursprünglich selbständige Energone zu Funktionsträgern von übergeordneten, leistungsfähigeren Einheiten. Die Grundlage dafür bilden Arbeitsteilung und Leistungstausch. Im Gegenzug für eine oder wenige Spezialleistungen übernimmt dann die übergeordnete Einheit die meisten sonst zu erbringenden Leistungen ihrer Funktionsträger.
Bereits die höher organisierte Zelle, aus der in der Folge alle Vielzeller hervorgingen, entstand auf diese Weise. Anaerob vergärende Bakterien nahmen ehemals selbständige Energone, nämlich aerob atmende Bakterien und später auch photosynthetisierende Blaualgen, als Symbionten in ihr Zellinneres auf. Aus den beiden genannten Symbiosepartnern haben sich die als Mitochondrien und Chloroplasten bezeichneten Organellen entwickelt, die beim Energieerwerb aller Pflanzen und Tiere von so entscheidender Wichtigkeit sind. Der weitere Weg zu den höheren Pflanzen und Tieren war damit bereits vorgezeichnet. Mit zunehmender Steigerung der Lebensentfaltung wurde dann die Zelle selbst längst zu einem Funktionsträger, zum "Organ" in hierarchisch strukturierten, übergeordneten Energonen. Innerhalb der Berufskörper und Erwerbsorganisationen, in welchen sich die Lebensentfaltung über den Menschen hinweg fortsetzt, läßt sich die Weiterentwicklung deutlich erkennen.
Die Grundstrukturen des Staates
Nach den Berufskörpern und Erwerbsorganisationen bleiben die Staaten als leistungserbringende Einheiten höchster Integrationsstufe zu besprechen. In Analogie zu den Staaten des Menschen werden auch Vielzeller als "Zellstaaten" bezeichnet oder größere Verbände sozialer Insekten als "Insektenstaaten". Solchen Vergleichen liegt die Gemeinsamkeit zugrunde, daß all diese als Staaten bezeichneten Organisationen arbeitsteilige Gefüge darstellen. Ein weiteres gemeinsames Kriterium ist, daß jede derartige Gemeinschaft bestimmter Verhaltensregeln, einer Art von Verfassung bedarf. Im Falle der Vielzeller (sofern man diese tatsächlich als "Zellstaaten" betrachten will) ist es das Genom, welches, ganz ebenso wie bei den staatenbildenden Insekten, die Tätigkeit der untergeordneten Einheiten steuert und koordiniert. In den Verbänden von höheren Wirbeltieren und Menschen kommen solche Regeln zunehmend über erworbene Verhaltensweisen zustande. Wir wollen uns hier im weiteren ausschließlich auf die vom Menschen errichteten Staaten beschränken.
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Es scheint nicht einfach, eine einheitliche und allgemein akzeptable Definition des Begriffes "Staat" zu finden, zumal je nach geschichtlicher Epoche sehr unterschiedliche Meinungen vorherrschen, was denn das, was als Staat bezeichnet wird, nun letztlich ausmacht. In seiner "Allgemeinen Staatslehre" bemerkte Kelsen (1925, Seite 3), "daß sich schon bei oberflächlicher Sichtung des wissenschaftlichen Sprachgebrauchs weit mehr als ein Dutzend höchst verschiedener Bedeutungen des Wortes Staat feststellen lassen".
Die Beurteilung des Phänomens "Staat" aus der Sicht der Energontheorie beruht auf folgenden grundsätzlichen Gedanken: Über die vom Menschen gebildeten zusätzlichen Organe entstehen Energone mit völlig neuartigen Erwerbsmöglichkeiten. Erst durch sie wird der Mensch zum Spezialisten in vielseitiger Spezialisation und kann, im Unterschied zu allen übrigen Organismen, in individueller Auseinandersetzung mit seiner Umwelt beinahe jede beliebige Erwerbsquelle erschließen. Jedoch sind sämtliche zusätzlichen Organe mit einer entscheidenden Hypothek belastet: Sie können auch von anderen Menschen verwendet werden, so daß ihre Vorzüge nur solange zum Tragen kommen, als sie in der eigenen Verfügbarkeit verbleiben - solange sie also nicht geraubt werden. Für den Schutz zusätzlicher Organe gibt es jedoch praktisch nur eine funktionelle Lösung: den Staat.
Jede weitere Auseinandersetzung mit dem Wesen des Staates muß deshalb von seiner primären Funktion als großes, von allen Berufskörpern und Erwerbsorganisationen eines Verbandes benötigtes Gemeinschaftsorgan des Schutzes ausgehen. Die vom Menschen zusätzlich gebildeten Funktionsträger machen den Staat schlichtweg notwendig und determinieren seine zentralen Funktionen. Die schützende Wirkung dieser Institution richtet sich sowohl gegen feindliche Einflüsse innerhalb des Staatsgebietes als auch gegen äußere Bedrohung.
Wenden wir uns zunächst dem inneren Schutz zu. Hier übernimmt das Schutzorgan Staat die Aufgabe, Energone und deren zusätzliche Organe vor Übergriffen von anderen, dem selben Verband angehörenden Energonen zu schützen. Zur Aufrechterhaltung der inneren Sicherheit sind Verhaltensregeln nötig, die wir in ihrer Gesamtheit "Rechtsordnung" nennen, sowie Einheiten, welche diese Normen festlegen, durchsetzen und im Falle von Konflikten entscheiden und gegebenenfalls bestrafen. Diesen Anforderungen wird in den drei Gewalten des Staates, der Legislative, der Exekutive und der Judikative, Rechnung getragen. Für den Schutz nach außen sind darüber hinaus Einheiten nötig, welche gemeinhin unter den Begriff "Landesverteidigung" fallen. Dazu kommen noch weitere Einrichtungen, ohne welche die genannten Schutzorgane nicht funktionsfähig wären. Zum ersten eine Organisation, welche die nötigen finanziellen Mittel von den dem Staatsverband angehörenden Energonen einzieht sowie deren zweckgebundene Verwendung veranlaßt und überwacht. Und zweitens eine Führung, deren Aufgabe in der Koordination und Kontrolle all dieser staatlichen Tätigkeiten besteht.
Einer solchen Minimalkonstruktion entspricht noch am ehesten der extrem liberale Staat, dessen Mitglieder durch gemeinsame Schutzorgane aneinander gebunden sind. Er schafft Sicherheit, greift aber sonst so wenig als möglich in die Belange der einzelnen Berufskörper und Erwerbsorganisationen ein. Weisen die Energone eines Staatsverbandes darüber hinaus weitere gemeinsame Interessen auf, so gehen in der Folge immer mehr Aufgaben auf das große Gemeinschaftsorgan über. Es kommt
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so zu einer stärkeren Integration, zur Steigerung der Arbeitsteilung sowie zum Verlust von Freiheitsgraden der einzelnen Mitglieder. Im extremsten Fall kann dabei der Staat sogar zur "Ausweitung" eines einzelnen Menschen, zu dessen Berufskörper werden. Bei Diktaturen und absoluten Monarchien ist dies der Fall. Geschichtlich betrachtet dürfte diese Staatsform sogar die älteste sein. Sie entwickelte sich aus den Horden, deren jeweiliger Führer alle übrigen Mitglieder kommandierte und diese Gewalt für seine persönlichen Interessen entsprechend ausnützte. Wurde die Horde seßhaft, dann ist es naheliegend, daß der Häuptling oder Fürst das Verbandsgebiet als Bestandteil seines Leistungskörpers ansah, verdiente Mitarbeiter mit Landstrichen belehnte und von den das Land bewirtschaftenden Untertanen entsprechende Abgaben einhob. In der Regel war er dann auch der höchste Richter und nach seinem Tode gingen diese Rechte auf seine leiblichen Nachkommen über.
Auch ein derartiger Staat setzt sich aus einer Vielzahl von Berufskörpern und Erwerbsorganisationen zusammen. Jedoch kommen erwirtschaftete Energieüberschüsse größtenteils nicht diesen selbst, sondern einer herrschenden Klasse oder einzelnen Machthabern zugute. Auch hier ist stets die Notwendigkeit gegeben, die Energone, insbesondere ihre zusätzlichen Organe, zu schützen. Entsprechende Schutzorgane sind dann aber nur bedingt als bloße Gemeinschaftsorgane anzusehen. Zwar werden sie gemeinsam finanziert, erbringen aber nicht ausschließlich gemeinnützige Leistungen. Organe der äußeren Abwehr werden nicht selten für Angriffskriege eingesetzt und dienen dann vielfach der persönlichen Machtsteigerung der Herrscher. Diese Macht kann sich sogar soweit steigern, daß andere Staaten erobert, unterjocht und zu Tribut- bzw. Reparationszahlungen gezwungen werden. Die betroffenen Vasallenstaaten können dann beinahe zur Gänze den Erwerbsinteressen fremder Energone dienen und so zu deren Erwerbsorganen werden.
Auch die Funktionsträger der inneren Sicherheit besitzen in Staaten, die von einem oder wenigen Machthabern autoritär regiert werden, eine andere Ausrichtung, als jene des liberalen Staates. Sie schützen nicht nur die Energone des Staatsverbandes vor internen Übergriffen, sondern sind auch ein Instrument zu innerer Unterdrückung und zur Aufrechterhaltung der Macht des jeweils Herrschenden.
Eine gemeinsame staatliche Erwerbsausrichtung kann auch darauf abzielen, daß die gewonnenen Energieüberschüsse nicht wie im liberalen Staat in erster Linie den einzelnen, unabhängigen Erwerbsstrukturen oder, im Falle eines Berufskörpers, einem einzelnen Herrschenden zufallen, sondern dem Gesamtstaat. Das einzelne Energon ist dann nicht darauf ausgerichtet, eigene Gewinne zu verbuchen. Vielmehr leistet es einen Beitrag zur positiven Energiebilanz des gesamten Staates. Dadurch erhält der Staat letztlich den Charakter eines einzigen großen Energons, einer Erwerbsorganisation.
Auch in diesem Fall werden Gemeinschaftsorgane benötigt, primär solche, die innere und äußere Sicherheit gewährleisten. Darüber hinaus werden in zunehmender Zahl noch andere Gemeinschaftsorgane gebildet, die etwa im Dienste der Entsorgung (in Form von Kanalisation), der Fortbewegung (in Form staatlicher Verkehrsmittel) oder der Verbesserung (in Form von Universitäten und anderen Forschungseinrichtungen) stehen. Gemeinschaftsorgane, die über den Schutz und die Verteidigung hinausgehen, gibt es zwar auch in allen anderen Staatsformen, jedoch ist die Tendenz, diese zu bilden, in denjenigen Staaten besonders ausgeprägt, deren Erwerbsausrichtung auf einen Energiegewinn des Gesamtstaates abzielt.
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Weitere Charakteristika dieser Staatsform sind eine zentrale Verwaltung, welche den Erwerb der einzelnen Energone plant und steuert, sowie die mehr oder weniger rigorose Unterbindung privaten Kapitals. Die Versorgung der einzelnen Verbandsmitglieder mit Gütern oder Dienstleistungen obliegt ebenfalls dem Staat. Eine zentrale Koordinationsstelle muß auftretenden Bedarf ermitteln, dessen funktionelle Berechtigung beurteilen und wenn möglich befriedigen. Die größten Schwierigkeiten erwachsen diesen Staaten kommunistischer, planwirtschaftlicher Prägung aus dem Drang der Menschen zur Bildung von Luxusstrukturen und zu eigenem, freien Energonbau. Denn individuelle Luxusstrukturen sind, sofern sie nicht dem Gemeinschaftsinteresse dienen, naturgemäß unerwünscht. Gerade diesen Luxusstrukturen kommt aber eine besondere Bedeutung beim Antrieb der wirtschaftlichen Entfaltung des Menschen zu. Aus diesem Widerspruch erwachsen Konflikte, die wohl letztlich zum Scheitern der meisten Staatsformen dieser Ausrichtung führen müssen.
Daß innerhalb von Staaten erhebliche Interessenverschiedenheiten auftreten, liegt auf der Hand. Sie mögen ideologischer, religiöser oder nationalistischer Natur sein, meist resultieren sie aber aus den Besitzverhältnissen, also aus der Frage, über wieviele Erwerbs- und Luxusstrukturen der einzelne Mensch verfügen soll und kann. Da Stoff- und Energiequellen kaum unbegrenzt zur Verfügung stehen, herrscht beim Aufbau von Energonstruktur meist ein unerbittlicher Konkurrenzkampf. Daraus ergeben sich die klassischen Konflikte zwischen Besitzenden und Besitzlosen, zwischen Reich und Arm oder zwischen Unterdrückern und Unterdrückten. Konfliktpotential bietet außerdem die Frage der gemeinsamen Finanzierung der entsprechenden Funktionsträger sowie das Problem, inwieweit sich der Staat in die Belange der einzelnen Energone einmischen soll - sprich, wieviel "Staat" denn überhaupt notwendig ist.
Von den Interessen der Bürger her betrachtet muß also die Struktur eines Staates möglichst so beschaffen sein, daß er einen weitgehend ausgewogenen Zustand zwischen divergierenden Interessen herzustellen und einen möglichst perfekten Kompromiß zwischen einzelnen Individuen, den von ihnen gebildeten Energonen und dem Gesamtstaat zu erzielen vermag. Der Staatsapparat sollte in diesem Sinne nicht mehr kosten, als er leistet. Er sollte den Energonen, die ihm angehören, optimale Existenz- und Erwerbsbedingungen bieten. Verfassung und Gesetz sollten derart gestaltet sein, daß die verschiedenen Einzelinteressen möglichst gerecht und zur Zufriedenheit aller Beteiligten berücksichtigt werden. In diesem Zusammenhang sprach Jellinek (1914) vom "vollendeten Staat", Krüger (1964) nannte ihn "modernen Staat". Galbraith (1968) bezeichnete jene amerikanischen Riesenbetriebe, welche die Leitung des Unternehmens längst abgestreift haben und zu organisch sich selbst steuernden Erwerbsstrukturen geworden sind, als "ausgereifte Betriebe". Analog dazu könnte die demokratische Idealform eines Staates auch "ausgereifter Staat" genannt werden.
In der Realität stellen sämtliche "gewachsenen" Staaten eine Kombination aus mehreren der angeführten, theoretisch möglichen Ausrichtungen dar. Die zentrale Funktion all dieser Gemeinschaften ist der Schutz sowohl nach außen als auch nach innen. Dementsprechende Funktionsträger, wie immer diese im konkreten Fall aussehen mögen, sind eine unabdingbare Notwendigkeit. Der ausgereifte Staat ist primär eine wirtschaftliche und soziale Organisation. Neben Schutzorganen steigern eine Vielzahl weiterer Gemeinschaftsorgane die gesamte Erwerbsfähigkeit des Staates, indem sie den Erwerb jedes einzelnen Erwerbskörpers, aus denen sich dieser
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zusammensetzt, begünstigen. Der ausgereifte Staat kann dann als Energon höchster Integrationsstufe angesehen werden.
Den Ausgangspunkt für unsere Betrachtung bildete die arbeitsteilige Gesellschaft, welche gemeinsamer Schutzorgane bedarf. Durch den Zusammenschluß vieler Energone kam es im Laufe der Geschichte zur Bildung von Staaten und Gemeinschaftsorganen von gigantischen Ausmaßen, die sich wie alle Energone verhalten, ihre Macht zu steigern versuchen und im Konkurrenzkampf in erbitterte Auseinandersetzungen geraten. Dieser Prozeß setzt sich auch heute noch fort, wobei sich die gewaltsame Auseinandersetzung mit Waffengewalt immer mehr auf den Leistungswettbewerb, den "Wirtschaftskrieg" verlagert. Durch Verträge und Bündnisse zwischen einzelnen Staaten entstehen noch größere Gemeinschaftsorgane, welche mehreren Staaten dienen und von diesen auch gemeinsam finanziert werden. Im Falle wirtschaftlicher Abkommen handelt es sich zumeist um Maßnahmen zur Verbesserung des Energieerwerbes, bei militärischen Bündnissen um solche des Schutzes. Eine Ausgewogenheit zwischen den Interessen der verschiedenen Staaten herzustellen ist mindestens ebenso schwierig wie zwischen den Energonen innerhalb eines Staatsverbandes. Wie schnell eine Staatsform in eine andere übergehen kann, hat die Geschichte zur Genüge bewiesen. Ein Machthaber kann blitzschnell von einem anderen abgelöst werden, eine Partei durch eine andere mit entgegengesetzten Interessen.
Während das Modell des ausgereiften Staates heute zumindest bis zu einem gewissen Grad verwirklicht ist, steht eine "ausgereifte Staatengemeinschaft" noch in den Anfängen. Zur Bewältigung der heute anstehenden globalen Probleme werden aber effiziente "globale Gemeinschaftsorgane" notwendig, nicht zuletzt solche der Planung und Kontrolle der weiteren Energonentfaltung.
Die Luxusstrukturen
Die vielfältigen zusätzlichen Funktionsträger, welche bezeichnend für den Energonbau des Menschen sind, lassen sich in zwei prinzipiell voneinander verschiedene Gruppen einteilen. Die erste Gruppe umfaßt jene Strukturen, welche der Mensch benötigt, um die an seine Existenz gestellten Anforderungen zu bewältigen. Dazu gehören alle zusätzlichen Organe des Stoff- und Energieerwerbes, der Abwehr bzw. Nutzung von Umweltbedingungen, des Aufbaus neuer Energonstruktur und vieles mehr. Charakteristisch für diese Funktionsträger ist, daß sie alle direkt oder indirekt zur positiven Energiebilanz des betreffenden Energons beitragen. Sie werden deshalb unter dem Begriff "Erwerbsstrukturen" zusammengefaßt.
Nun ist es dem Menschen aber zusätzlich möglich, in größerem Umfang auch solche Einheiten aufzubauen, welche nicht seinem Erwerb, sondern seiner Annehmlichkeit dienen. Diese Einheiten, seien es nun konkrete Produkte oder bestimmte Verhaltensweisen, sind als Luxusstrukturen den Erwerbsstrukturen gegenüberzustellen. Luxus kann in diesem Sinne als "nicht erwerbsfördernder Aufwand" definiert werden. Eine klare Unterscheidung ist hier nicht nach äußerlichen Kriterien zu treffen, sondern ausschließlich danach, ob der jeweilige Funktionsträger in Summe mehr Energie kostet als er an solcher einbringt. Genügt dem Arzt ein sparsamer Kleinwagen, um seine Patienten aufzusuchen, so ist der überwiegende Teil seines teuren Prestigeautos den
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Luxusstrukturen seines Energons zuzurechnen. Andererseits können repräsentative Gegenstände oder Einrichtungen sehr wohl den Erwerbsstrukturen eines Energons angehören, wenn durch sie zum Beispiel das Image gesteigert und so Geschäftsabschlüsse begünstigt werden, deren Gewinn den Anschaffungspreis rechtfertigt.
Erwerbsstrukturen und Luxusstrukturen sind somit nicht ohne weiteres klar zu trennen. Der Unterschied wird jedoch sofort deutlich, wenn ein Mensch in Not gerät und zur Sicherung seiner Existenz die Luxusstrukturen Stück für Stück abbaut, bis zuletzt nur die einfache, elementarste Erwerbsstruktur übrig bleibt, die zum Überleben notwendig ist.11
Der Aufbau von umfangreichen Luxusstrukturen ist dem Menschen nur dann möglich, wenn er mit Hilfe seiner Erwerbsstrukturen nennenswerte Energieüberschüsse erwirtschaftet. Durch seine zusätzlichen Organe und geistigen Leistungen, durch die Ausschaltung der meisten tierischen Konkurrenten und nicht zuletzt durch die schonungslose Ausbeutung natürlicher Ressourcen gelingt ihm das in steigendem Ausmaß.
Worin bestehen aber nun die Antriebe zum Aufbau von Luxusstrukturen, welche ja, wie wohl jeder aus eigener Anschauung weiß, die Energiebilanz eines Energons erheblich belasten können? Um diese Frage zu beantworten, müssen wir einen kurzen Exkurs zu den angeborenen Verhaltensweisen des Menschen, zu den stammesgeschichtlichen Wurzeln unseres angeborenen Erbes unternehmen.
Bei sämtlichen Tieren umfassen die für ihre Lebenseignung notwendigen Verhaltensweisen auch motivierende Impulse - die sogenannten "Triebe". Ein sich bei Trieberfüllung einstellender, belohnender Reiz bewirkt, daß das Tier zuvor auch unangenehme Situationen überwindet. Die Belohnung muß um so attraktiver sein, je lebens- bzw. überlebensnotwendiger die entsprechende Verhaltensweise ist. Ganz besonders deutlich zeigt sich dies im Falle des Nahrungs- und Sexualtriebes. Wir haben es folglich mit einer Lust-Unlust-Steuerung zu tun, wobei das erreichte Triebziel zu Lustempfindungen führt, welche Tiere ebenso wie den Menschen dazu motivieren, bestimmte Handlungen auszuführen. Auch zuvor erlebtes Unlustempfinden wird dafür in Kauf genommen.
Aufgrund der harten Anforderungen, welchen die meisten Organismen (einschließlich des steinzeitlichen Jägers und Sammlers) gegenüberstanden, ist es eine durchaus sinnvolle Strategie des Überlebens, alle Situationen, welche Unlust hervorrufen, zu meiden und möglichst uneingeschränkt nach Lustgewinn zu streben. Bei Tieren ist der Lustgewinn im allgemeinen auf die Abreaktion von Trieben, allen voran des Nahrungs- und Sexualtriebes, beschränkt. Es ist ihnen offenbar kaum möglich, größere Energieüberschüsse in Strukturen und Verhaltensweisen zu investieren, die nicht dem Überleben, sondern dem bloßen Lustgewinn dienen. Auch in den seltenen Fällen, in denen Tiere Werkzeuge gebrauchen, tun sie dies letztlich, um an Nahrungsmittel zu gelangen oder andere lebenswichtige Funktionen zu erfüllen. Daß dies jedoch nicht zwingend der Fall sein muß, zeigen uns etwa Meisen, welche kleine Steine augenscheinlich nur deshalb in Regenrinnen fallen lassen, weil es so schön klappert, wenn diese unten ankommen (Wickler 1970). Auch ist eine Reihe von höheren Säugetieren, wie etwa Delphine, durchaus befähigt, verschiedene Spiele
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zu erfinden, welche ihnen sichtlich Wohlbefinden und Lust bereiten. Neben dem Menschen ist demnach auch höheren Tieren ein gewisses Streben nach Annehmlichkeit eigen, welches seine stammesgeschichtlichen Wurzeln in durchwegs arterhaltenden Triebsteuerungen hat.
Beim Menschen wurde dagegen das Annehmlichkeitsstreben immer mehr zum Motor für den zielhaften Aufbau von Luxusstrukturen. Hinter dieser Motivation, "nicht erwerbsfördernden Aufwand" zu betreiben, steht somit bei genauerer Betrachtung ein ganzes Bündel von Trieben. Sie finden ihren Niederschlag in den primitivsten Begierden bis zu den sublimsten Regungen der menschlichen Psyche. Menschliche Triebe setzen sich in komplizierter und vielfach verwobener Weise aus angeborenen und erworbenen Komponenten zusammen. Wesentliche Ausrichtungen des menschlichen Verhaltens werden nach wie vor von angeborenen Steuerungen unbewußt beeinflußt.
Welcher Anteil dabei auf angeborenen Programmen beruht, und inwieweit diese später von erlernten, kulturell bedingten Verhaltensweisen überlagert werden, läßt sich im einzelnen oft nur schwer feststellen. Derartige Fragestellungen sind Gegenstand der Humanethologie, welche vom tierischen Verhalten ausgehend menschliche Verhaltensweisen vergleichend untersucht. Wir wollen auf diese Thematik nur insofern eingehen, als wir einige Triebe hervorheben, denen eine vorrangige Bedeutung für den Aufbau menschlicher Luxusstrukturen zukommt.12
Besonders anschaulich läßt sich die Tendenz zur Bildung von Luxusstrukturen anhand des Nahrungstriebes verfolgen. Wie alle anderen Instinkthandlungen wird auch er vom Lust-Unlust-Prinzip gesteuert. Nahrungsaufnahme dient den für alle Energone so entscheidenden Leistungen des Energie- und Stofferwerbes, wobei ein besonders starkes Lustempfinden die entsprechende Motivation sicherstellt. Dementsprechend lassen sich in diesem Bereich auch viele Luxusbildungen nachweisen. Speisen werden besonders gewürzt und raffiniert zubereitet, nicht etwa weil sie deshalb nahrhafter würden, sondern weil sie so besser schmecken und dem Annehmlichkeitsstreben des Menschen dienen - sprich, ihm Lust bereiten. Hinzu kommen sämtliche Spielarten der Eßkultur. Sie wurden zu einem entscheidenden Bestandteil aller Formen menschlicher Zivilisation.
Wer daran zweifelt, daß menschliches Handeln durch angeborene Triebe beeinflußt, ja dominiert werden kann, der wird vor allem durch den Geschlechtstrieb eines besseren belehrt. Sehr viele Luxusstrukturen lassen sich direkt oder indirekt auf diesen zurückführen. Dazu zählen zum einen all jene Funktionsträger, welche der Mensch in den Dienst der Partnerfindung stellt. Es soll der Phantasie des Lesers überlassen bleiben, was letztlich alles diesem Bereich zuzuordnen ist. Darüber hinaus fördert der Geschlechtstrieb, mehr noch als andere Triebe, die Bereitschaft, Energone zu bilden oder im Rahmen einer Erwerbsorganisation tätig zu sein, um über die erworbenen Mittel die ersehnten Triebziele der Partnerfindung zu erreichen. Auch neigen viele Menschen dazu, unerfülltes sexuelles Verlan-
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gen durch andere Tätigkeiten zu kompensieren, was wiederum ein Antrieb für die Herstellung von Luxusstrukturen sein kann.
Triebe treten fast nie isoliert auf, sondern stehen in gegenseitiger Abhängigkeit zu anderen. Ein mit dem Geschlechtstrieb positiv korrelierender Trieb ist der Imponiertrieb. Dieses angeborene Bedürfnis, größer und mächtiger erscheinen zu wollen als seine Artgenossen, hat seine Bedeutung über die Partnerwahl hinaus im gesamten gesellschaftlichen Leben. Die Einrichtung der Wohnung oder des eigenen Hauses, die Modeströmungen, die Gestaltung der Ferien und Feiertage, all dies und vieles andere wird vom Bestreben beeinflußt, im Kreise der Mitbürger Anerkennung zu finden. Eine Unzahl von Unternehmen und Industrien haben im Imponierverhalten des Menschen ihren sicheren Absatzmarkt. Der Mann imponiert durch führende Stellung im Staat und in der Wirtschaft, also in den Hierarchien der Energone. Zahlreiche Funktionsträger und Tätigkeiten dienen zu nichts besserem, als seine Freunde, den Gesellschaftskreis, in dem man lebt, positiv zu beeindrucken, deren Achtung und Bewunderung zu erregen.
Ein besonders bemerkenswerter Trieb des Menschen ist der Schönheitstrieb. Neben kulturell erworbenen Normen sind auch hier tiefgreifende stammesgeschichtliche Komponenten von entscheidendem Einfluß. Die Hauptwurzel des Schönheitstriebes liegt zweifelsohne in der Partnerwahl. Hier wird durch Äußerlichkeiten, die als Schlüsselreize wirken, die Eignung als Geschlechtspartner und Lebensgefährte signalisiert, die so eminent wichtig für den beruflichen Erfolg und die Aufzucht der Nachkommen ist. Auch eine lebensgünstige Umwelt enthält eine Vielzahl von Schlüsselreizen, welche wir als "schön" empfinden. Der Mensch überträgt nun diese ästhetische Wertung auch auf seine artifiziell hergestellten Funktionsträger und investiert ein beträchtliches Quantum an Energie und Geld in deren entsprechende Gestaltung. Es soll hier aber keineswegs bestritten werden, daß auch die jeweilige Kultur einen entscheidenden Einfluß darauf ausübt, was im einzelnen als "schön" angesehen wird.
Eine echte Besonderheit des Menschen ist schließlich der bis ins hohe Alter persistierende Neugiertrieb. Klingt dieser bei den höheren Tieren meist mit dem Eintreten der Geschlechtsreife ab, so bereitet dem Menschen das Erforschen und Kennenlernen von Neuem praktisch während seiner gesamten Lebensspanne Lust und Freude. Die Annehmlichkeit, die sich beispielsweise mit dem Kennenlernen von neuen Gegenden verbindet, ist die Grundlage eines der größten Luxussektoren - der Fremdenverkehrsindustrie. Sämtliche Formen des Sportes werden ebenfalls von der Freude, immer wieder Neues kennenzulernen und sich in neuen Fähigkeiten zu erproben, wesentlich beeinflußt - Basis für nicht minder umfangreiche Luxussektoren, die wiederum eine Vielzahl von Arbeitsplätzen schaffen. Und auch die gesamte Wissenschaft und Forschung wurzelt in diesem für die Energonbildung so entscheidend wichtigen Trieb.
Der Neugiertrieb wird wiederum von seinem Gegenspieler, dem Sicherheitstrieb, gebremst. Auch dieser kann den Menschen dazu motivieren, einen Teil seiner vereinnahmten Energie wieder abzugeben, nur um das beruhigende Gefühl der Sicherheit zu empfinden. Der Wunsch nach Sicherheit ist die Erwerbsbasis eines weiteren bedeutenden Wirtschaftszweiges - der Versicherungsunternehmen.
Die Liste der hier angeführten Triebe ließe sich noch um einige weitere ergänzen. Es soll hier jedoch nur exemplarisch gezeigt werden, auf welche Ursachen und
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Motivationen die dem Menschen eigene Tendenz zur Bildung von Luxusstrukturen zurückzuführen ist. Dem Bedürfnis nach Annehmlichkeit kommt insofern eine besondere Bedeutung zu, als es zur Erwerbsbasis ganzer Heere von Berufstätigen und Unternehmen wurde. Über entsprechende Produkte und Dienstleistungen leistet die Wirtschaft dem menschlichen Luxusstreben in jeder Weise Vorschub. Für die Lebensentfaltung ergibt sich daraus die geradezu paradox anmutende Situation, daß Luxusstrukturen zwar jedes Energon, welches über solche verfügt, Energie kosten, daß sie aber insgesamt gesehen mehr und mehr zur Triebfeder für den Aufbau neuer Energonstruktur werden! Und dies in zweierlei Hinsicht: Einerseits bilden die angestrebten und angebotenen Neuigkeiten den Hauptimpuls menschlicher Erwerbsanstrengungen, und zum anderen ist die Zahl der Erwerbsorganisationen, welche direkt oder indirekt an der Produktion und Vermarktung von Luxusstrukturen beteiligt sind, ständig im Steigen begriffen.
Heute zeigt sich außerdem zunehmend die Tendenz, daß Produkte über ihren funktionellen Nutzen hinaus, in einer Art von Funktionserweiterung, zum Träger von emotionalen Wünschen und Werten werden. Nicht das Bedürfnis nach Funktionserfüllung steht schließlich im Mittelpunkt der Kaufentscheidung - diese wird vielmehr vom Konsumenten vorausgesetzt - , sondern die Befriedigung eines oder mehrerer Triebe, etwa des Neugier- oder Imponiertriebes. Ein überzeugendes Beispiel dafür ist das Motorrad: Für den Kauf ist nicht so sehr seine Funktion als Transportmittel ausschlaggebend, sondern, neben Neugierde und Imponieren, der Wunsch nach Freiheit, Unabhängigkeit und Abenteuer.
Für die künftige Lebensentfaltung hat das Streben
nach Annehmlichkeit und das daraus resultierende Bedürfnis nach Luxusstrukturen
jedenfalls unabsehbare Konsequenzen. Ohne die menschlichen Luxuswünsche
mit allen ihren reichhaltigen Facetten würde der gigantische, vom
Menschen geschaffene Energonbau wie ein Kartenhaus in sich zusammenstürzen.
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Anmerkungen:
7 Einen guten
Einblick in die faszinierende Thematik des Gebrauchs von zusätzlichen
Organen im Tierreich geben folgende Werke: Becker, P.-R.: Werkzeuggebrauch
im Tierreich. Stuttgard, 1993. Frisch, K.v.: Tiere als Baumeister. Frankfurt
a.M., 1974. Hansell, M.H.: Animal Architecture & Building Behavour.
London, New York, 1984. Empfehlenswert ist ferner die folgende Veröffentlichung:
Alcock J.: The Evolution of the Use of Tools by Feeding Animals. In: Evolution
26, 1972, Seiten 464-473.
8 Siehe:
Oakley, 1966, Seite 100: "Man is creature which regularly makes tools to
set pattern".
9 Siehe:
Batholomew G.A. und J.B. Birdsell, 1966, Seite 134: " Man is the only mammal
which is continually depent on tools for survival".
10 Gute
Zusammenfassungen zum Thema "phylogenetic constrains" geben: Arnold, S.J.:
Constraints on Phenotypic Evolution. In: The American Naturalist 140, Supplement,
1992, Seiten 85-107. William, G.C.: Natural Selection: Domains, Levels
and Challenges. New York, Oxford, 1992.
11 Siehe
dazu auch "Lean Production", Kapitel 14, Seite 183 f.
12 Eine
ausführliche Darlegung menschlicher Triebe und Verhaltensweisen findet
sich in dem Standardwerk "Die Biologie des menschlichen Verhaltens. Grundriß
der Humanethologie" von Irenäus Eibl-Eibesfeld, München, 1984.