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4. Effizienz der Energone

Der Selektionsbegriff

Die Theorie der Selektion oder natürlichen Auslese ist ein wesentlicher Bestandteil der von Charles Darwin 1859 unter dem Titel "Origin of Species by Natural Selection" veröffentlichten Theorie über den Ursprung und die Entstehung der Arten. Die Idee einer Auslese im Sinne von Elimination (Ausmerzung) ungeeigneter Entartungen existierte bereits vor Darwin und ließ sich problemlos mit der im 17. und 18. Jahrhundert vorherrschenden essentialistischen Vorstellung von idealen, statischen Typen von Lebewesen vereinbaren. Tatsächlich ist die Ausmerzung untauglicher Varianten auch Teil der Selektionstheorie und wird dort als stabilisierende oder negative Auslese bezeichnet. Der Selektionsbegriff ist jedoch weit umfassender. Er ermöglichte die Überwindung des statischen, typologischen Denkens, welches Darwin durch die Vorstellung variabler Populationen ersetzte.

Darwin selbst gelangte zu folgender Definition: "Diese Erhaltung vorteilhafter individueller Unterschiede und Veränderung und diese Vernichtung nachteiliger nenne ich natürliche Zuchtwahl"2. Darwin erkannte, daß ohne die Erzeugung von Variabilität die Selektion nirgendwo ansetzen könnte: "Kommen keine nützlichen Variationen vor, so kann die natürliche Zuchtwahl nicht wirken". Die Wirkung dieser natürlichen Auslese ist allerdings ein rein statistisches Phänomen, welches das Überleben geeigneter Varianten keinesfalls garantiert, sondern lediglich wahrscheinlicher macht.

Der Begriff der natürlichen Auslese stellt ein Pendant zu der von Tierzüchtern betriebenen künstlichen Zuchtwahl dar, welche Darwin zum Ausgangspunkt seiner Theorie machte. Im Zusammenhang mit der Selektionstheorie wurde in der Folge auch häufig vom "Überleben des Bestgeeigneten" (Survival of the fittest) gesprochen. Dieser Terminus wurde von Herbert Spencer vorgeschlagen, um Mißverständnissen vorzubeugen.3 Spencer war der Auffassung, daß die Bezeichnung "natürliche Auslese" fälschlicherweise den Eindruck einer bewußten Auswahl erwecken könnte. Auch Darwin selbst übernahm später diese neue Formulierung.

Die natürliche Auslese hat auf das Evolutionsgeschehen zwei grundlegende Auswirkungen: Zum einen wirkt sie stabilisierend, indem sie ungünstige Varianten beseitigt und bewährte Formen erhält; zum anderen wirkt sie aber auch kreativ. Durch Begünstigung bestimmter Varianten ermöglicht sie Leistungssteigerungen und eine adaptive Höherentwicklung der Organismen. Sie ist der wesentliche Schrittmacher

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in der evolutionären Entwicklung und führt zur Aufsplitterung in verschieden spezialisierte Arten. Die besondere Bedeutung von Darwins Selektionstheorie liegt letztlich darin, daß sie das einzige Instrument für eine kausale Erklärung von "Zweckmäßigkeit" in der Natur ist.

Daß auch menschliche Erwerbsstrukturen einer ständigen Selektion unterliegen, ist eine allgemein anerkannte Tatsache. Ebenso ist der Gedanke, daß Betriebe in einer Art von "Kampf ums Dasein" bestehen und sich gegenüber Anderen behaupten müssen, keinesfalls neu. Bisher wurde darin aber bestenfalls eine Analogie zu den Gegebenheiten in der Natur gesehen. Diese Trennlinie existiert jedoch nur scheinbar und ist das Produkt einer Denkweise, derzufolge die kulturelle Entfaltung des Menschen als etwas von der biologischen Evolution grundsätzlich Verschiedenes betrachtet wird. Aus der Sicht der Energontheorie ist jedoch die gesamte Lebensentfaltung ein einheitlicher Prozeß, welcher sich kontinuierlich in den vom Menschen aufgebauten Energonen fortsetzt. Somit kann das Konzept der natürlichen Auslese auf sämtliche Energone ausgeweitet werden. Auch im Falle der Berufskörper und Erwerbsorganisationen erfolgt die Auswahl der "Geeignetsten" nach prinzipiell denselben Kriterien, die auch für die Organismen gelten.

Welche Faktoren bestimmen die natürliche Auslese? Diese genau zu analysieren, ist aufgrund der vielfachen wechselseitigen Beziehungen zwischen Energonen untereinander und zu ihrer Umwelt ein beinahe unmögliches Unterfangen. Bereits Darwin erkannte diese Problematik sehr deutlich. Auch innerhalb von Betrieben kann häufig nicht der Prozeß der Funktionserfüllung, sondern lediglich das Ergebnis gemessen und verglichen werden. Auch können sich dieselben Umwelteinflüsse auf verschiedene Energone sehr unterschiedlich auswirken. Auf die Organismen hat etwa das Klima meist einen stärkeren Einfluß als auf die vom Menschen aufgebauten Energone, welche durch die fortschreitende Technisierung zunehmend von diesem unabhängig werden. Daß der Entfaltung jedoch auch hier gewisse Grenzen gesetzt sind, liegt auf der Hand. Dagegen spielen Konkurrenten im Wettbewerb um Energie, Stoffe, Wohn- und Erwerbsraum für alle Energone eine entscheidende Rolle.

Bedingt durch die besonderen geistigen Fähigkeiten des Menschen treten im Bereich seiner Erwerbsstrukturen zusätzliche Selektionskriterien - sozusagen als evolutiver Neuerwerb - hinzu. Bei der Züchtung von Tieren und Pflanzen vermag der Mensch die natürliche Auslese durch eine künstliche zu ersetzen. Auch bei der Herstellung seiner zusätzlichen Organe verfährt er in ähnlicher Weise. Was zweckmäßig ist, kann der Mensch nun selbst schnell herausfinden. Geeignete Konstruktionen werden durch Versuch und Irrtum ermittelt oder, was immer häufiger geschieht, durch Simulation vor dem "geistigen Auge" bzw. mit Hilfe des Computers getestet, weiterentwickelt, realisiert oder wieder verworfen. Vom Prinzip her geschieht hier jedoch genau dasselbe, was auch bei der Fortpflanzung der Lebewesen der Fall ist. Es treten unterschiedliche Varianten in größerer Anzahl auf, wovon die geeignetsten ausgewählt werden und weiter bestehen.

Für die Betriebe stellt der Markt das wichtigste Selektionskriterium dar. Neben dem Bedarf sind hier die Konkurrenz sowie die ökonomische, rechtliche und politische Umwelt bestimmende Faktoren. Durch die Einsicht in bestehende Zusammenhänge ist es dem Menschen erstmals in der Evolution möglich, der na-

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türlichen Auslese vorzugreifen, diese zu ergründen und willentlich zu beeinflussen: Marktforschung ist beispielsweise ein Instrument, mit dessen Hilfe geeignete Varianten im vorhinein ermittelt werden können. Und durch Kommunikationsstrategien, wie sie etwa die Werbung anwendet, kann der Bedarf, also die eigentliche Energiequelle des Unternehmens, bis zu einem gewissen Grad beeinflußt, ja gesteuert werden.

Im Normalfall aber geht die steuernde Wirkung keineswegs von den Energonen aus. Es ist die natürliche Auslese, welche die Struktur der einzelnen Funktionsträger bzw. der gesamten Energone determiniert. Da der Energieerwerb für die Lebensentfaltung eine zentrale Rolle spielt, müssen alle Energone in erster Linie so beschaffen sein, daß sie eine bestehende Erwerbsquelle zu erschließen vermögen. Jedes Energon steht dabei seiner Erwerbsquelle in gleicher Weise gegenüber wie ein Schlüssel einem zu öffnenden Schloß. Obwohl zwischen den Aufbau- und Steuerungsrezepten der Energone und ihren Erwerbsquellen kein unmittelbarer energetischer Zusammenhang besteht, legen letztere zwingend fest, wie ein Energon beschaffen sein muß, um sie erschließen zu können.4

Diese Art der Verknüpfung entspricht dem von Bernhard Hassenstein 1960 aufgezeigten Grundprinzip aller kybernetischen Steuerungsvorgänge, der Steuerkausalität.5 Die Erwerbsquelle trägt weder unmittelbar zur Bildung von Aufbaurezepten der Energone bei, noch greift sie direkt in die Vorgänge ihrer inneren Organisation ein. Trotzdem steuert sie die Entwicklung der Energone sowohl hinsichtlich ihrer Anpassung an die Umwelt als auch hinsichtlich ihrer inneren Organisation. Die bemerkenswerte Zweckmäßigkeit der Energone ist im Grunde ein äußerst relativer Anpassungszustand an ihre spezielle Erwerbsquelle. Je perfekter diese Anpassung ist, desto eher wird es dem Schlüssel gelingen, das jeweilige Schloß zu öffnen.

Kriterien der Konkurrenzfähigkeit

Eine der Kernaussagen der Energontheorie lautet: So unterschiedlich Energone ihrem äußeren Erscheinungsbild nach auch sein mögen, ihre Existenz steht und fällt mit einer zentralen Eigenschaft - der Konkurrenzfähigkeit. Dieser Begriff deckt sich weitgehend mit dem in der Biologie gebräuchlichen Terminus "Selektionswert". Die Energontheorie geht aber im Unterschied zur herkömmlichen Biologie davon aus, daß sämtliche Energone vergleichbaren Selektionsbedingungen unterworfen sind. Daran schließt die Frage an, welche Strukturen, Funktionen oder Mechanismen denn nun die Konkurrenzfähigkeit von Energonen bedingen. Im folgenden wird ein klarer und einfacher Rahmen aufgezeigt, in welchem sich nach stets gleichen Grundgesetzen Strukturen entwickeln müssen, um konkurrenzfähig und somit effizient zu sein. Wie gezeigt werden soll, ist es durchaus möglich, die Effi-

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zienz nach einem allgemeinen Schema, welches auf alle Energone gleichermaßen zutrifft, zu beurteilen.6

Phasen der Energone

Die Existenz aller Energone zerfällt in zwei große Abschnitte: in eine Aufbauperiode und in eine Erwerbsperiode. Die Trennung dieser beiden Perioden erfolgt nicht nach äußerlichen, sondern vielmehr nach funktionellen und energetischen Aspekten. Es ist zu bedenken, daß Energone ausschließlich von anderen Energonen aufgebaut werden. Dazu sind Energie, Stoffe und ein entsprechendes "Aufbaurezept" erforderlich. In die Erwerbsperiode tritt ein Energon dann ein, wenn es fähig wird, aus eigener Kraft eine positive Energiebilanz zu erzielen. Bei manchen Energonen überschneiden sich die beiden Hauptperioden für einige Zeit. Dazu ein Beispiel: Der Student, welcher einen Teil seiner Ausbildung durch eigene Arbeit, den anderen Teil mit Unterstützung seiner Eltern finanziert, befindet sich in einem solchen Zwischenstadium. Auch etliche Pflanzen zehren noch von jenem Energievorrat, den sie im Samen mitbekommen haben, während ihre ersten jungen Blätter bereits selbst photosynthetisch aktiv sind. Früher oder später sind aber die Reserven, die ein Energon bei seinem Aufbau quasi als Startkapital mitbekommen hat, endgültig erschöpft, und es muß eigenständig seinem Energieerwerb nachgehen.

Die Erwerbsperiode der Energone läßt sich in drei verschiedene Phasen unterteilen: in die Erwerbsphasen, die Ruhephasen und allfällige Stilliegephasen. Für die Ermittlung der Konkurrenzfähigkeit sind die Erwerbsphasen von entscheidender Bedeutung, denn während dieser finden die eigentlichen Erwerbsakte statt, über welche die für sämtliche Funktionen nötige Energie eingenommen wird. Beginn und Ende von Erwerbsphasen lassen sich zumeist eindeutig festlegen. Auch wenn dazu in der Biologie und der Wirtschaft sehr unterschiedliche Verfahren angewendet werden, handelt es sich letztlich um dasselbe Grundproblem.

In der Wirtschaft ergibt die Berechnung des Break-Even-Absatzes (Gewinnschwellenabsatz) jene Menge von abgesetzten Einheiten, welche mindestens nötig ist, um sämtliche Herstellungskosten eines Produktes zu decken. Werden mehr Produkte verkauft, so wird die Geldbilanz und damit gleichzeitig die Energiebilanz positiv und die eigentliche Erwerbstätigkeit beginnt. Einen durchaus entsprechenden Wert liefert auch der Kompensationspunkt der Pflanze. Er gibt jene Stoffwechselintensität an, bei welcher sich der Verbrauch von Kohlenstoffdioxid bei der Photosynthese und die Abgabe von Kohlenstoffdioxid während der Atmung die Waage halten. Überwiegt dann die Photosynthese gegenüber der Atmung, so beginnt die Energiebilanz positiv zu werden, und die Pflanze befindet sich in der Erwerbsphase.

Nur in Ausnahmefällen nimmt ein Energon ständig und ohne Unterbrechung Energie ein. Meist werden die Erwerbsphasen von kürzeren oder längeren Ruhephasen abgelöst. Während dieser Zeiträume erfolgt kein Energiegewinn, aber trotzdem sind laufende Aufwendungen zur Erhaltung der gesamten Energonstruktur nötig.

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Allerdings kann, was vordergründig wie eine Ruhephase aussieht, trotzdem eine Erwerbsphase sein. So vermag etwa Geld in Form von Aktien oder Vermögen auf den Kapitalmärkten zu "arbeiten", obwohl das Unternehmen selbst geschlossen hat und somit nicht direkt produktiv ist.

Manche Energone durchlaufen neben Ruhephasen auch länger andauernde Stilliegephasen, um ungünstige Zeiträume, in denen kein Energieerwerb möglich ist, zu überdauern. In derartigen Stilliegephasen befinden sich beispielsweise sämtliche Dauerstadien von Organismen, geschlossene Saisonbetriebe (die aber ebenfalls über arbeitendes Kapital verfügen können) und Laubbäume, welche im Herbst ihre Erwerbsorgane, die Blätter, abwerfen. Während solcher Phasen muß der Energieverbrauch des Energons auf ein Minimum reduziert werden, und häufig wird zudem auch noch Energonstruktur abgebaut. Zeitweilige Stillegung steht manchmal auch mit einer tiefgreifenden Umgestaltung der inneren Struktur von Energonen in Zusammenhang. Das ist etwa bei Erwerbsorganisationen der Fall, die auf eine neue Erwerbsart "umrüsten" und deshalb längere Zeit ihren Betrieb einstellen. Ähnlich ist es beispielsweise mit der Puppenruhe der Schmetterlinge. Die äußere Stillegung geht mit einem beträchtlichen inneren Strukturwandel einher, bei dem das Energon letztlich ebenfalls auf eine andere Erwerbsart umgestellt wird. Denn Energieerwerb von Raupe und Schmetterling unterscheiden sich ja erheblich voneinander.

Sowohl die Aufbauperiode wie auch alle drei angeführten Phasen der Erwerbsperiode liefern grundsätzlich meßbare Daten über die Konkurrenzfähigkeit jedes beliebigen Energons. Denn diese ist abhängig von drei hauptsächlichen Kriterien: dies sind Kosten, Präzision und Zeitaufwand. Mit Hilfe dieser mehrdimensionalen Kriterien ist es möglich, die Effizienz und somit auch die Konkurrenzfähigkeit jedes Energons während der genannten Zeitabschnitte und auch insgesamt zu bestimmen.

Diese drei Effizienzkriterien lassen sich aber nicht bloß auf Energone in ihrer Gesamtheit anwenden, sondern auch auf jeden untergeordneten Funktionsträger und auf jede seiner Funktionen und Leistungen! Handelt es sich um Funktionsträger, so empfiehlt es sich, statt von Erwerbsphasen von Funktionsphasen zu sprechen.

Kosten

Für die Effizienz von Energonen spielen die Kosten, welche eine zu erbringende Funktion oder Leistung verursachen, eine gewichtige Rolle, denn Energie und Stoffe stehen meist nicht in unbegrenzter Menge zur Verfügung. Ein Funktionsträger mag seine Aufgabe noch so präzise, das heißt fehlerfrei erfüllen, effizient ist er nur dann, wenn die dabei anfallenden Kosten nicht zu hoch sind. Aber auch eine Übererfüllung der Präzision ist ineffizient, wenn sie mit Kosten verbunden ist, die nicht zu einer Verbesserung der energetischen Bilanz beitragen.

Haben sich die äußeren oder inneren Bedingungen so verändert, daß ein Funktionsträger dadurch seine Bedeutung verliert, dann muß dieser, soll er nicht das Ener-

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giebudget des Gesamtenergons unnötig belasten, rückgebildet werden. Bei Pflanzen und Tieren ist eine Rückbildung von funktionsarmen oder funktionslosen Einheiten nur über sehr lange Zeiträume möglich. Das zeigt beispielsweise die Reduktion der Augen von Höhlentieren. Doch auch in der Wirtschaft stößt der Abbau von Produkten, Mitarbeitern und Abteilungen, deren Effizienz fraglich ist, oft auf erbitterten Widerstand. Eine praktische Auswirkung ist das Phänomen der Kostenremanenz. Gewisse Kosten haben die Tendenz, auch nach der Elimination von unrentablen Produkten auf dem ursprünglichen Niveau zu verharren. Ursache dafür sind etwa Kündigungsfristen, nicht durchsetzbare Kündigungen oder unverkäufliche Maschinen und Rohstoffe.

Die Aufbaukosten von Energonen nehmen unter den Effizienzkriterien in gewisser Hinsicht eine Sonderstellung ein. Für das jeweilige Individuum ist es nämlich völlig gleichgültig, wieviel seine Herstellung gekostet hat! Ergibt sich aus den höheren Kosten eine präzisere Funktionserfüllung, so erhöht dies sogar seine individuelle Konkurrenzfähigkeit. Betroffen ist hier nur die Energonart. Geringere Aufbaukosten bedeuten, daß mit der gleichen Menge an Energie und Stoffen mehr Individuen hergestellt werden können.

Was die Kosten des Energieerwerbes betrifft, so befindet sich immer jenes Energon im Vorteil, welches mit geringeren eigenen Kosten zum selben Erwerbsergebnis gelangt wie seine Konkurrenz. Ebenso verhält es sich mit den Kosten der Ruhe- bzw. Stilliegephasen. Je geringer deren Kosten sind, desto eher wird es dem Energon gelingen, erwerbslose Perioden zu überstehen. Manche Energone kommt die Ruhe nämlich außerordentlich teuer. So sind die Kosten der nächtlichen Ruhephasen bei den Hummelkolibris aufgrund ihres enormen Energieverbrauchs so hoch, daß diese Vögel nicht mehr als 12 Stunden Ruhe ohne Nahrungsaufnahme überleben. Ein Beispiel für das andere Extrem sind Dauerstadien, welche lange Stilliegephasen unter zum Teil lebensfeindlichen Bedingungen überstehen können. Die sogenannten "Tönnchen" der mikroskopisch kleinen Bärtierchen sind etwa in der Lage, einen Aufenthalt von 20 Monaten bei -200°C zu überstehen, was auf mannigfache physiologische Spezialanpassungen zurückzuführen ist. Derartige Leistungen setzen aber ganz allgemein voraus, daß der Energieverbrauch auf ein Minimum gesenkt wird.

Präzision

Die Definition des Effizienzkriteriums "Präzision" ist wesentlich schwieriger als die der Kosten, welche leicht in Geld- oder Energiewerten auszudrücken sind. Unter dem Begriff der Präzision fallen Kriterien wie Genauigkeit, Zuverlässigkeit, geringe Risikoanfälligkeit, Dauerhaftigkeit, Paßfähigkeit und anderes. Ganz allgemein kommt es darauf an, wie oft ein Energon oder ein Funktionsträger einwandfreie Leistungen erbringen kann und wieviele Bemühungen dagegen nicht zielführend sind. Der Präzisionswert der Leistung wird in Prozenten gemessen, wobei hundertprozentige Präzision das Optimum darstellt. In der Aufbauperiode muß die Anzahl der Störungen und Fehlleistungen möglichst gering gehalten werden. Je mehr funktionstüchtige Energone in die anschließende Erwerbsperiode eintreten, desto präziser erfolgte deren Aufbau. Bei Funktionsträgern, etwa industriell gefertigten

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Produkten, zeigt sich der Zusammenhang besonders deutlich. Je mehr Produkte tatsächlich einwandfrei hergestellt wurden und zum Verkauf bereitliegen, desto präziser - und qualitativ hochwertiger - wurde gearbeitet.

Die Erwerbspräzision kann danach beurteilt werden, wieviele Erwerbsakte im Durchschnitt erfolgreich verlaufen. Sie ist abhängig vom jeweiligen Passungsverhältnis der Energone zu ihren Erwerbsquellen, denn jedes Energon steht, wie bereits erwähnt, seiner Energiequelle gegenüber wie ein Schlüssel einem Schloß. Je präziser der Schlüssel sperrt, desto eher wird der Erwerbsakt gelingen. Das Erwerbsrisiko ist ein zur Erwerbspräzision komplementärer Begriff und bezieht sich auf die Anzahl mißlungener Erwerbsakte, also auf die Verluste.

Nicht zuletzt spielt die Präzision aber auch während der Ruhe- und Stilliegephasen eine Rolle. Sie äußert sich darin, daß während einer Zeitspanne, in der keine Erwerbsakte erfolgen, die sonstigen Funktionen eines Energons trotzdem möglichst störungsfrei ablaufen. Dadurch wird die Fähigkeit des Energons erhöht, erwerbslose Perioden unbeschadet zu überstehen, und somit auch dessen Konkurrenzfähigkeit insgesamt gesteigert.

Zeitaufwand

Das dritte entscheidende Kriterium der Konkurrenzfähigkeit ist der Zeitaufwand, den die zu erbringenden Funktionen und Leistungen erfordern. Im Wettlauf um Energiequellen ist gewöhnlich jenes Energon im Vorteil, welches zuerst zur Stelle ist, diese zu erschließen. "Early bird catches the fly" ist eine gängige englische Redewendung, welche genau diese Problematik trifft.

Schon in der Aufbauphase von Energonen ist ein starker Selektionsdruck in Richtung Geschwindigkeit vorhanden. So sind im tropischen Regenwald die schnellwüchsigen Pflanzenarten beim Kampf um Licht den langsameren entscheidend überlegen. Bieten sich nur gelegentlich günstige Bedingungen, so müssen diese möglichst schnell genützt werden. Die Kaulquappen mancher Amphibien, die in trockenen Gegenden mit rasch versickernden Laichgewässern leben, haben zum Beispiel eine wesentlich kürzere Entwicklungszeit als Arten, welche das ganze Jahr über genügend Wasser vorfinden.

In der Wirtschaft hat der Erfolgsfaktor Schnelligkeit, besonders was die Entwicklung neuer Produkte betrifft, in den letzten Jahren immens an Bedeutung hinzugewonnen. Einer der Gründe dafür ist der rasche Wechsel von unterschiedlichen Moden und Trends. Die Zielgruppen werden zunehmend kleiner und heterogener, und die Bedürfnisse des Konsumenten ändern sich immer rascher. Auch hat sich das Tempo, mit dem Informationen übermittelt werden, dank neuer Technologien erheblich gesteigert. Ein bestehender Bedarf muß daher rechtzeitig erkannt und befriedigt werden. Entscheidend ist jener Zeitvorsprung, der gewonnen werden kann, bis die Konkurrenz mit dem gleichen Angebot am Markt präsent ist. Sämtliche Marketingaktivitäten müssen also mit möglichst geringem Zeitaufwand erfolgen.

Hinzuzufügen ist noch, daß es nicht immer und überall von Vorteil ist, wenn Funktionen so schnell wie möglich ablaufen. Die Qualität einer Opernaufführung wird nicht dadurch gesteigert, daß die Darsteller doppelt so schnell singen wie üb-

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lich. Außerdem muß vielfach die Geschwindigkeit, mit der ein einzelner Funktionsträger seine Funktionen zu verrichten hat, auf jene anderer Einheiten und auf die Tätigkeit des gesamten Energons abgestimmt sein.

Interdependenzen

So einfach und selbstverständlich die drei genannten Kriterien der Konkurrenzfähigkeit auf den ersten Blick erscheinen mögen, letztendlich sind sie es, die in allen Bereichen der Lebensentfaltung über Erfolg und das weitere Bestehen von Energonen entscheiden. Sie sind letztlich das einzig Relevante und auch prinzipiell meßbar. Diese Überlegung führt unmittelbar zur Effizienzforschung, deren Aufgabe es ist, jene Prinzipien ausfindig zu machen, die in biologischen, technischen und wirtschaftlichen Gefügen eine optimale Kosten-Nutzen-Relation unter den Bedingungen von Konkurrenz und aller übrigen Selektionsfaktoren entstehen lassen. Die Konkurrenzfähigkeit nach diesen allgemein gültigen Kriterien praktisch zu messen ist allerdings im biologischen Bereich äußerst schwierig und wurde bisher kaum versucht.

Die gesonderte Betrachtung der Kriterien Kosten, Präzision und Zeitaufwand sagt nur wenig über den Selektionswert von Energonen und Funktionsträgern aus. Es ist offensichtlich, daß das Optimieren aller drei Faktoren zur höchsten Effizienz führen würde. Daß dies in der Realität nicht möglich ist, liegt einerseits daran, daß die meisten Leistungen über sehr verschiedene materielle Strukturen zustande kommen, vor allem aber an den Wechselwirkungen, die zwischen den drei Faktoren bestehen.

Bekanntlich besteht zwischen Kosten und Präzision ein enger Zusammenhang. Soll die Präzision einer Funktion oder Leistung gesteigert werden, so müssen in der Regel zunächst einmal höhere Kosten in Kauf genommen werden. Welchem Kriterium die größere Bedeutung zukommt, ist im Einzelfall zu entscheiden. Handelt es sich um Erwerbsakte, so ist zu berücksichtigen, wie häufig sich eine derartige Chance bietet. Billigprodukte und alltägliche Dienstleistungen werden in großer Zahl konsumiert. Es spielt daher keine gravierende Rolle, wenn ein gewisser Prozentsatz der Erwerbsakte nicht erfolgreich verläuft. Ganz anders ist die Situation, wenn das Energon auf eine seltene Gelegenheit angewiesen ist. Das ist etwa beim Handel mit Liebhaberobjekten wie etwa alten Gemälden der Fall oder bei einer Tapezierspinne, welche im Inneren einer selbstgesponnenen Seidenröhre auf Beute lauert. Dann kommt es auf äußerste Geschicklichkeit (Präzision) beim Erwerbsvorgang an, und entsprechende Nebenkosten fallen nicht ins Gewicht.

Entsprechende wechselseitige Abhängigkeiten existieren auch zwischen Kosten und Zeitaufwand. Soll eine Funktion schneller erfüllt werden, dann verbindet sich das in der Regel mit höheren Kosten. Eine Verringerung des Zeitaufwandes, den ein Energon in eine beliebige Funktion investiert, vermindert wieder in der Regel deren Präzision. Die Verbesserung eines Kriteriums hat also fast automatisch Rückwirkungen auf die beiden anderen. Soll die Gesamteffizienz erhöht werden, so darf eine Steigerung in einem Bereich keine zu starken negativen Auswirkungen auf anderen Gebieten haben. Es liegen also der gesamten Lebensentfaltung Optimierungsstrategien zugrunde, die um so bedeutender werden, je stärker der Konkurrenzdruck auf

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einem Energon lastet. Von solchen Optimierungsstrategien in der Wirtschaft wird in Kapitel 14 mehr berichtet.

Zwischen dem Effizienzkriterium Präzision und dem Begriff Qualität gibt es eine enge Verbindung, denn "präzise" bedeutet gleichzeitig ja meist auch "qualitativ hochwertig". Trotzdem decken sich die beiden Begriffe nicht zur Gänze. Besonders im Wirtschaftsleben sollte Qualität mehr sein als nur die präzise Erfüllung von Funktionen. Für den Kunden ist es beispielsweise wesentlich, daß Produkte zudem preiswert und rasch verfügbar sind. Bei der Beurteilung der Qualität eines Funktionsträgers oder einer Leistung sind also alle drei Effizienzkriterien mit zu berücksichtigen. Und im Hinblick auf die prekäre Situation unserer Umwelt müssen auch die Bedürfnisse der Allgemeinheit nach einem sorgsameren Umgang mit der Natur und ihren Ressourcen in einem Qualitätskonzept enthalten sein. Davon wird später noch die Rede sein. Das hier vorgestellte Grundgerüst der Effizienz (Abb. 2) ist bewußt sehr allgemein gehalten und wird durch die mannigfachen Interdependenzen zwischen den zwölf Effizienzkriterien noch wesentlich ergänzt. Der Umstand, daß diese Matrx nicht nur für sämtliche Energone relevant ist, sondern ebenso auch für sämtliche funktionserbringende Bestandteile in ihrem meist hierarchischen Leistungsaufbau,

Abb. 2
Die Effizienzmatrix enthält zwölf für die Effzienz aller Energone relevante Kriterien. Da sich die Effizienz jedes Energons aus der Leistungsfähigkeit seiner Organe ergibt, kann im Prinzip jedes Organ seinen Selektionswert beeinflussen. Drei Hauptkriterien sind für die Leistungsfähigkeit jedes Energons und jedes seiner Funktionsträger bestimmend: die entsprechenden Kosten, die Präzision der Leistungserbringer und der erforderliche Zeitaufwand. Der Aufbauperiode schliesst sich die Erwerbsperiode an, welche sich aus alternierenden Erwerbs- und Ruhephasen zusammensetzt. Es können noch Stilliegephasen hinzukommen, in denen das Organgefüge auf ein Minimum reduziert wird. Die Kriterien Kosten, Präzision und Zeitaufwand führen in der Aufbauperiode und in den drei Phasen der Erwerbsperiode zu verschiedenen Werten, die den Selektionswert beeinflussen können (Aus Hass 1994, S. 188).

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ist ein besonders deutlicher Hinweis auf die innere Verwandtschaft aller das Lebensgeschehen fortsetzenden Strukturen.

Die für uns Menschen lange Zeit so rätselhafte Zweckmäßigkeit in der Natur ist einzig mit der kreativen Auswirkung der natürlichen Auslese zu erklären. Daran hat sich bis zum heutigen Tage nichts geändert. Aber erstmals in der Geschichte der Lebensentfaltung hat der Mensch durch seine Einsicht in bestehende Zusammenhänge Mittel und Wege zur Verfügung, um die Effizienz der von ihm aufgebauten Energone bewußt zu kontrollieren und zu erhöhen. Das Abwägen zwischen Qualität und Quantität, die Entscheidung, welcher dieser beiden Ausrichtungen er den Vorrang einräumt, kann von grundlegender Bedeutung für die zukünftige Lebensentfaltung sein.
 
 

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Anmerkungen:

2 Die Bezeichnung "Zuchtwahl" wurde in der ersten deutschen Übersetzung des Darwinschen Werkes "On the Origin of Species" verwendet und hat sich bis heute in manchen Werken behauptet. Sinnvoller ist jedoch die unmittlebare Übersetzung des Wortes "Selektion" mit "Auslese".
3 Siehe: Spencer, Herbert: Die Unzulänglichkeit der "natürlichen Zuchtwahl". In: Biologisches Zentralblatt 13, 1893.
4 Siehe: Hass, 1970, Seite 60 ff., S. 113 f.
5 Siehe: Hassenstein, Bernhard: Die bisherige Rolle der Kybernetik in der biologischen Forschung. In: Naturwissenschaftliche Rundschau 13, 1960.
6 Siehe: Hass, 1970, Seite 90 ff.