3. Funktionsdynamik
Funktionserfüllung
Im vorhergehenden Abschnitt wurde gezeigt, welchen grundlegenden Anforderungen alle Energone gegenüberstehen. Diese ergeben sich aus der Notwendigkeit des Stoff- und Energieerwerbes, der Vermehrung, den Einwirkungen der Umwelt sowie der inneren Organisation der Energone. In der hier angeführten, allgemeinen und abstrakten Form stellen diese Anforderungen ein mehr oder minder statisches Rahmengerüst für die gesamte Lebensentfaltung dar.
Wie die vom Energon zu erbringenden Leistungen im einzelnen auszusehen haben, hängt von der konkreten räumlichen und zeitlichen Situation ab, in der sich das betreffende Energon befindet. So können die Einflüsse der Umwelt einmal fördernde, dann wieder hemmende Auswirkungen auf ein Energon haben, und ebenso kann der Konkurrenzdruck, der auf einer Tierart oder einer Erwerbsorganisation lastet, zu einem Zeitpunkt stärker, zu einem anderen weniger stark sein. Allen Leistungen, welche im Rahmen der Lebensentfaltung erbracht werden müssen, ist gemeinsam, daß sie über materielle Strukturen zustande kommen, welche vereinnahmte Rohenergie in benötigte, differenzierte Nutzenergie - sprich Leistung - verwandeln. Auch Verhaltensweisen, seien sie nun angeboren oder erworben, beruhen auf materiellen Strukturen im Gehirn, die benötigte, differenzierte Leistungen erbringen. Alle diese materiellen Strukturen sind Funktionsträger, deren letzte "Aufgabe" es ist, den Lebensprozeß, ein sich steigerndes energetisches Phänomen, fortzusetzen.
Es ist nahezu unmöglich, die beiden Begriffe "Funktion" und "Leistung" exakt voneinander zu trennen. Im Rahmen der Energontheorie bezeichnet "Funktion" einen auf einer konkreten materiellen Struktur beruhenden aktiven oder passiven Vorgang, der zum Zustandekommen einer benötigten Leistung beiträgt. Leistungen sind in einem übergeordneten Sinn Erfüllungen von grundlegenden Anforderungen und setzen sich meist aus einer Fülle von Einzelfunktionen zusammen. Wird ein Gebäude durch einen Anbau vergrößert, so ist das Ergebnis aller beteiligten Abläufe eine Leistung: die Vermehrung von Energonstruktur. Eine Betonmischmaschine erfüllt dabei nur eine von unzähligen Einzelfunktionen, welche für diese geforderte Leistung nötig sind.
Wesentlich ist, daß ein- und dieselbe Leistung meistens über eine Vielzahl von unterschiedlichen Funktionsträgern erbracht werden kann, deren Beschaffenheit im einzelnen somit für das Zustandekommen der Leistung sekundär ist. Um sich gegen Kälte zu schützen, können Vögel ein wärmendes Wintergefieder ausbilden oder die kalte Jahreszeit in warmen Gegenden verbringen. Zwei völlig verschiedene Funktionsträger - Federn und angeborene Verhaltensprogramme - erbringen dann dieselbe Leistung: die Abwehr schädigender Umwelteinflüsse. Auch kann es sein, daß ein- und derselbe Funktionsträger für mehrere Leistungen benötigt wird, oder daß er neue, zusätzliche Funktionen übernimmt und alte aufgibt.
Auf die Anforderungen der Umwelt und ihrer inneren Organisation, welche die Erbringung von Leistungen nötig machen, reagieren Energone mit einem dyna-
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mischen Prozeß vielfacher Funktionserprobung. Die eigentliche Aufgabe dieser Dynamik ist letztendlich das Auffinden neuer, besserer Möglichkeiten der Leistungserbringung, durch welche dann ganz automatisch die Konkurrenzfähigkeit - und damit auch die Fortpflanzungsquote der betreffenden Energonart - insgesamt gesteigert wird. Auch in diesem Bereich der Lebensentfaltung existieren grundlegende, für alle Energone relevante Gesetzmäßigkeiten, denen wir uns nun zuwenden wollen.
Funktionserweiterung
Im einfachsten Fall der Funktionserfüllung erbringt ein Funktionsträger nur eine Funktion. Die Lichtsinneszellen in der Haut des Regenwurmes oder eine Glühbirne haben eine einzige Aufgabe: die Wahrnehmung bzw. die Erzeugung von Licht. Die sich ständig ändernden Umweltbedingungen erfordern aber eine fortwährende Reaktion der Energone. Diese können nur bestehen, wenn sie den geänderten Bedingungen entsprechende, neue Funktionen erbringen, was auf prinzipiell zweierlei Arten geschehen kann: entweder bringt das Energon einen neuen Funktionsträger hervor, oder ein schon bestehender übernimmt neue, zusätzliche Funktionen. In letzterem Fall handelt es sich um eine Funktionserweiterung.
Die Anschaffung eines völlig neuen Funktionsträgers ist normalerweise mit erheblichem Aufwand verbunden. In der langsam fortschreitenden Evolution der Organismen ist es überdies auch gar nicht möglich, in kurzer Zeit neue Funktionsträger hervorzubringen. Erst der Mensch mit seinen gesteigerten geistigen Fähigkeiten ist dazu fähig. Doch auch im Bereich der Berufskörper und Erwerbsorganisationen ist es oft ökonomischer, wenn bereits vorhandene Funktionsträger dahingehend modifiziert werden, daß sie neue Funktionen erbringen. Daß ein Funktionsträger ohne Veränderung eine oder mehrere weitere Funktionen erfüllt, ist eher die Ausnahme. Ein Hammer, gemeinhin ein Funktionsträger zum Einschlagen von Nägeln, kann ohne Abänderung zusätzlich zur Waffe der Abwehr oder im Falle eines Raubmordes zu einer solchen des Stoff- und Energieerwerbs werden. Und doch hat sich, äußerlich zwar nicht erkennbar, etwas sehr Wesentliches geändert: die Verhaltenssteuerung des den Hammer gebrauchenden Menschen. Auch hier zeigt sich, daß zusätzliche Organe und entsprechende Verhaltensprogramme als eine funktionelle Einheit zu betrachten sind.
Neben neu hinzugekommenen Steuerungen können aber auch Änderungen in der äußeren Struktur der Funktionsträger eine Funktionserweiterung bewirken. Im Falle des Hammers ermöglicht eine Einkerbung an der flachen Seite, daß damit auch Nägel aus der Wand gezogen werden können. Ein Telefaxgerät, mit dem ich nicht nur eine Nachricht senden, sondern auch eine Kopie anfertigen kann, wäre ein typisches Beispiel aus unserer Berufswelt. Durch geringfügige Modifikationen an Produkten ist es möglich, einen Zusatznutzen zu erzielen und dadurch neue Käufer zu gewinnen. So kann die Funktionserweiterung auch zu einem durchaus wichtigen Marketinginstrument werden.
Da sich die Struktur der pflanzlichen und tierischen Organismen nur über sehr lange Zeiträume hinweg verändert, sind diese ganz besonders auf Funktionserweiterungen angewiesen. Dementsprechend findet sich auch hier eine Vielzahl von
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Beispielen. So übernimmt die Wadenmuskulatur des Menschen zusätzlich eine Funktion bei der Durchblutung der Beine. Jede Kontraktion der Muskeln erzeugt einen Druck auf die benachbarten Beinvenen und unterstützt so den Rücktransport des Blutes zum Herzen. Ein besonders eindrucksvolles Beispiel für sukzessive Funktionserweiterungen bietet das Blutgefäßsystem, dessen ursprüngliche Funktion der Transport von Nährstoffen zu den Zellen ist. Dazu kommen weitere Verteilerfunktionen wie der Transport von Atemgasen und Hormonen, aber auch die Entsorgung von Stoffwechselendprodukten. Bei Tieren, die ein Immunsystem besitzen, werden auch Funktionsträger der Abwehr, zum Beispiel Lymphozyten, durch den Blutstrom zu jenen Orten des Körpers gebracht, an denen sie benötigt werden. Bei Warmblütern übernimmt das Blutgefäßsystem außerdem noch den Transport und die Verteilung von Wärme. Darüber hinaus bewirkt Blut bei manchen Tieren das Anschwellen der Genitalorgane, und auch das Ausrollen des Rüssels der Schmetterlinge zur Nahrungsaufnahme geht auf den Blutdruck zurück.
Funktionserweiterungen sind vielleicht der für die Lebensentfaltung bedeutendste funktionsdynamische Prozeß, der in den unterschiedlichsten Bereichen auftritt. In den Erwerbsorganisationen ist es der talentierte Mitarbeiter, dem neue, zusätzliche Funktionen übertragen werden. Hier zeigen sich auch die Grenzen der Funktionserweiterung besonders deutlich. Werden einem Funktionsträger zu viele Funktionen auferlegt, so kann es leicht zu einer Funktionsüberlastungmit negativen Folgen für das gesamte Energon kommen.
Funktionsüberlastung und Funktionsteilung
Übernimmt ein Funktionsträger laufend neue Aufgaben, dann kommt es oft soweit, daß er keiner dieser Anforderungen mehr zur Gänze gerecht werden kann. Daß dies jedoch keineswegs zwingend der Fall ist, zeigen ebenso das Blutgefäßsystem wie auch die menschliche Hand: Trotz vieler zusätzlicher Funktionen ist der Blutkreislauf weder in seiner ursprünglichen noch in einer seiner später hinzugekommenen Funktionen entscheidend beeinträchtigt. Und die Möglichkeiten für Funktionserweiterungen unserer Hände, die über immer neue Verhaltensprogramme laufend neue Funktionen erbringen, scheinen nahezu unbegrenzt.
Häufig tritt jedoch eine Überlastung von Funktionsträgern ein, welche durch Funktionsteilung überwunden werden kann. Entweder kommt es dann zur Ausbildung neuer Funktionsträger, die zur Entlastung einzelne Funktionen übernehmen, oder der ursprüngliche Funktionsträger wird in mehrere funktionelle Teilbereiche untergliedert. Diese Vorgänge sind mit der Differenzierung identisch, die bei komplexen Energonen zu wachsender Arbeitsteilung führt. Ein Unternehmer, der im Zentrum eines von ihm aufgebauten Berufskörpers steht, ist ein Beispiel für die erste Variante. Mit der Vergrößerung seines Betriebes kommt es bei ihm früher oder später zur Überlastung, was dann zur Folge hat, daß er sein Leistungsgefüge um zusätzliche Funktionsträger in Gestalt neuer Mitarbeiter erweitern muß. Normalerweise gehen dabei nicht alle Funktionen gleichermaßen vom Unternehmer auf die neuen Mitarbeiter über, sondern es werden diesen nur Teilbereiche, wie etwa der Verkauf, die Buchhaltung oder die Produktion übertragen. Wird das Unternehmen noch größer, so wird es immer wieder zu
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Funktionsüberlastungen kommen, was dann eine zunehmende Differenzierung durch die Anstellung von weiteren Mitarbeitern nach sich zieht.
Im anderen Fall wird, um einer Überlastung entgegenzuwirken, der Funktionsbereich eines bereits bestehenden Funktionsträgers in Teilbereiche (etwa Abteilungen) untergliedert. Funktionsteilung bringt also neben einer Differenzierung auch eine stärkere Spezialisierung mit sich sowie auch höheren Koordinations- und Abstimmungsaufwand. Das gilt für die Organismen ebenso wie für Erwerbsorganisationen. Ein enorm expandierender Betriebsbereich ist etwa das Marketing, welches in den letzten Jahrzehnten zu den klassischen Kernfunktionen wie Verkauf, Marktforschung, Werbung und Verkaufsförderung weitere Funktionen wie Service und Public Relations übernommen hat. Die Fülle dieser Funktionen kann, vor allem in größeren Unternehmen, nur mehr von einer entsprechend untergliederten Marketingabteilung wahrgenommen werden. Ob die Gliederung in funktionelle Teilbereiche nach Regionen, Produkten, Kunden oder anderen Kriterien erfolgt, wird einerseits durch die Struktur der jeweiligen Märkte und andererseits durch die innere Organisation des Energons "Unternehmen" bestimmt.
Ein Beispiel, welches die Entstehung von "Unterabteilungen" bei den Lebewesen zeigt, ist die Gliederung des Darmes tierischer Organismen. Bei den Hohltieren hat er zunächst die Gestalt eines Sackes mit nur einer Öffnung, welche sowohl der Nahrungsaufnahme als auch der Ausscheidung unverdaulicher Reste dient. Im Laufe der weiteren Evolution kam es zunächst zur Ausbildung einer zusätzlichen Öffnung. Sodann untergliederte sich der Darm nach und nach in funktionelle Bereiche wie etwa Kropf, Speiseröhre, Magen, Blindsäcke, Dünndarm, Enddarm und andere, welche unterschiedliche Aufgaben wie Vorverdauung, Zerkleinerung, Speicherung, Aufschluß, Aufnahme und Eindickung der Nahrung sowie Wasserrückgewinnung übernahmen. Diese bemerkenswerte Differenzierung eines ursprünglich einheitlichen Funktionsträgers ist durch laufende Funktionsteilungen entstanden.
Funktionswechsel
Ein Funktionswechsel liegt dann vor, wenn ein Funktionsträger seine ursprüngliche Funktion aufgibt und eine neue Funktion übernimmt. Zunächst kommt dabei zur Hauptfunktion eine weitere hinzu, die in der Folge an Bedeutung gewinnt, während die alte Funktion an Bedeutung verliert. Voraussetzung für diesen Übergang ist allerdings, daß der Auslesewert der neuen Funktion jenen der ursprünglichen übertrifft. Dazu ein Beispiel aus dem Tierreich: die Flügel der Vögel sind Funktionsträger zur Fortbewegung im Luftraum. Bei den Alkenvögeln übernahmen sie in typischer Funktionserweiterung zunächst auch die Fortbewegung im Wasser. Ihr Flug ist weniger wendig, dafür schwimmen und tauchen sie ausgezeichnet. Bei den Pinguinen ist die Flugfähigkeit zugunsten der Lokomotion im Wasser völlig verloren gegangen. Ihre Funktionsträger "Flügel" haben somit einen vollständigen Funktionswechsel vom Flugorgan zum Schwimmorgan durchlaufen. Daß sich ein solcher auch negativ auswirken kann, zeigt der flugunfähige Riesenalk (Pinguinus impennis), dem der abgeschlossene Funktionswechsel zum Verhängnis wurde: Er war Seefahrern hilflos ausgeliefert und wurde Mitte des 19. Jahrhunderts vollständig ausgerottet.
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Eine andere Möglichkeit des Funktionswechsels ist gegeben, wenn nicht mehr benötigte Funktionsträger schrittweise rückgebildet werden, und die verbleibenden Rudimente später zu einer anderen, neuen Funktion gelangen. So wurde etwa im Verlauf der Wirbeltierevolution das ursprüngliche, "primäre" Kiefergelenk schrittweise reduziert und durch ein neues, "sekundäres" Kiefergelenk ersetzt. Die Anlagen des ursprünglichen Kiefergelenkes blieben lange rudimentär, wurden jedoch bei den Säugetieren zum Ausgangspunkt der Bildung von Gehörknöchelchen (Hammer und Amboß), die Teilfunktionen bei der akustischen Wahrnehmung übernahmen.
Die vom Menschen hergestellten Funktionsträger können mitunter auch direkt, also ohne eine vorherige Phase des Überganges oder der Funktionslosigkeit, neue Aufgaben erfüllen. So kam es bei einstigen Waffen, wie etwa Lanzen und Musketen, zu einem eher unerwarteten und kuriosen Funktionswechsel, indem diese zu Dekorationsobjekten in Wohnungen wurden und nun sogar eigens für diesen neuen Zweck produziert werden. Briefmarken oder Telefonkarten werden zu Sammlerstücken und alte Fahrzeuge zu künstlichen Riffen, auf denen sich Korallen ansiedeln.
Funktionsrationalisierung
Eine Möglichkeit, Funktionen effizient zu erfüllen, ergibt sich aus einer Funktionspartnerschaft. Das Prinzip besteht darin, daß zwei Funktionsträger ihre Struktur teilweise vereinigen bzw. sich in Teilbereichen ihrer Funktion derselben Strukturen bedienen. So besitzen die Exkretions- und Geschlechtsorgane der Säugetiere vielfach dieselben Ausführgänge, was ökonomischer ist als getrennte Ausgänge. Dasselbe Prinzip der Rationalisierung ist verwirklicht, wenn sich einzelne Abteilungen eines Unternehmens derselben Funktionsträger bedienen - derselben Fahrzeuge oder Schreibkraft, einer gemeinsamen Telefonzentrale oder Rechenanlage. Außerdem besteht die Möglichkeit, daß auch verschiedene Energone die Dienste desselben Funktionsträgers in Anspruch nehmen. Das ist beispielsweise der Fall, wenn ein Rechtsanwalt oder eine Werbeagentur für mehrere Unternehmen tätig sind.
Zunehmendes Wachstum und steigende Komplexität der Energone können auch dazu führen, daß Funktionen mehrgleisig erfüllt werden. Eine weitere Möglichkeit der Funktionsrationalisierung besteht also darin, daß gleichartige Funktionen, welche an unterschiedlichen Orten eines Energons erbracht werden, zentralisiert und von einem eigens darauf spezialisierten Funktionsträger übernommen werden. Eine solche Funktionszusammenlegung wird zum entscheidenden Vorteil, wenn durch sie Mehraufwand beseitigt wird. Im Unternehmen bleiben, wenn dieses eine bestimmte Größe erreicht hat, einschneidende Umschichtungen meist nicht aus. Gleichartige Funktionen werden in zentralen Abteilungen und Werkstätten zusammengefaßt. Das bringt Einsparungen an Material und Mitarbeitern, und die betreffenden Funktionen können schneller und kompetenter erfüllt werden.
Allerdings hat diese Ausrichtung auch Nachteile: Mit allzu starker Zentralisierung verbinden sich Schwerfälligkeit, Intransparenz und geringe Anpassungsfähigkeit. In vielen Unternehmen werden deshalb Funktionen in einzelnen Teilbereichen sekundär wieder mehrgleisig erfüllt. Meist verbleiben Personalverwaltung, Beschaffung und Finanzierung weiterhin zentralisiert, während Funktionen wie Forschung,
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Produktion und Absatz in die Kompetenz von Unterabteilungen übergehen und dort mehr oder weniger parallel ablaufen. Diese neuen Sparten sind dann oft nach Produkten organisiert und werden als "profit centers" bezeichnet. Sie agieren weitgehend autonom, wodurch ihre eigene Effizienz und somit auch jene des gesamten Energons gesteigert werden kann.
In der Evolution der Organismen kam es nur in beschränktem Umfang zu Funktionszusammenlegungen. Alles in allem sind die Vielzeller sehr föderative Organismen geblieben, denn jede ihrer Zellen ist immer noch ein weitgehend selbständiger "Betrieb", der beispielsweise in den Ribosomen seine eigenen Stätten der Eiweißproduktion besitzt. Auch verfügt jede Zelle nach wie vor über das gesamte Erbrezept, auch wenn sie für die Erfüllung ihrer spezifischen Aufgaben nur einen Bruchteil davon benötigt. Über die Mechanismen von Mutation, Rekombination und Selektion wären im Nachhinein so radikale Umschichtungen, wie sie Funktionszusammenlegungen erfordern, wohl auch kaum möglich gewesen. In manchen Bereichen fanden aber trotzdem Zusammenlegungen statt. So besitzen sowohl primitive Gliedertiere als auch Chordatiere eine größere Anzahl gleichartiger Segmente, welche in einem gewissen Ausmaß autonom sind und über eigene Funktionsträger verfügen. Mit zunehmender Höherentwicklung wurden dann manche Funktionen, wie etwa die Exkretion, von zentralen Organen übernommen. Allerdings müssen dadurch auch Nachteile in Kauf genommen werden. So sinkt beispielsweise die Regenerationsfähigkeit, so daß Verletzungen schwerwiegende Folgen für den Gesamtorganismus nach sich ziehen.
Entstehung neuer Funktionen
Abschließend wollen wir uns ganz allgemein damit auseinandersetzen, wie aus etwas Funktionslosem etwas Funktionelles werden kann und dabei die schon erwähnten Möglichkeiten der Entstehung neuer Funktionen kurz rekapitulieren und ergänzen. Der Übergang vom Funktionslosen zum Funktionellen vollzieht sich in jenem Augenblick, in dem funktionslose Materie zum Funktionsträger eines Energons oder zum Bestandteil eines bereits bestehenden Funktionsträgers wird. Ergreift ein Mensch einen Stein und verwendet ihn als Wurfwaffe zum Erlegen einer Beute, dann wird dieser Stein für die Dauer des Vorganges zu einem Funktionsträger. Bleibt der Stein anschließend unbeachtet liegen, so handelt es sich wieder um funktionslose Materie. Und Entsprechendes gilt auch für das Material, welches beim Bau eines Vogelnestes Verwendung findet. Für die Dauer des Brutgeschäftes wird es zum Bestandteil eines Funktionsträgers - eben des Nestes. Derartige Vorgänge hat Teilhard de Chardin als "Vitalisieren" von Materie bezeichnet. Er sah im Material, aus dem etwa Straßen und Brücken bestehen "vitalisierte Materie", was voll und ganz der Beurteilungsweise der Energontheorie entspricht.
Wie schon gezeigt wurde können neue Funktionen entstehen, indem über die Veränderung von angeborenen oder erworbenen Verhaltensprogrammen bereits vorhandene, durch sie gesteuerte Einheiten zu neuen Leistungen befähigt werden. Auch eine Abänderung der Form oder Struktur eines Funktionsträgers kann neue Leistungen ermöglichen. So sind bekanntermaßen die Flügel der Vögel über Funkti-
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onserweiterung und Funktionswechsel aus den Vorderextremitäten von Vierbeinern hervorgegangen. Laufen und Klettern führten zunächst zu einfachem Gleiten und flatterndem Springen, schließlich zum Fliegen. Dagegen waren die Flügel der Insekten Neubildungen, die aus Auswüchsen der thorakalen Rückenplatten entstanden. In beiden Fällen mußten sich außer den Flügeln auch noch Verhaltensprogramme entwickeln, um diese neuen Organe zu steuern. Die Entstehung völlig neuer Leistungen erfordert somit vielfach ein Zusammentreten mehrerer morphologischer Strukturen und deren Funktionen - eine Funktionsemergenz.
Während bei der Funktionszusammenlegung gleiche Funktionen an einem Ort konzentriert werden, entstehen bei der Funktionsemergenz durch Kombination verschieden ausgerichteter Funktionsträger neuartige Eigenschaften und Fähigkeiten, die sich mitunter als beträchtlicher Selektionsvorteil erweisen. Auch in der menschlichen Technik kam es nicht selten durch Kombination verschiedener Funktionsträger zu komplexeren Einheiten, die bis dahin nicht vorhandene Möglichkeiten eröffneten. Daß auf solche Weise sogar Energie gewonnen werden kann, zeigt das Prinzip der Nickel-Cadmium-Batterie in eindrucksvoller Weise.
Noch einen Schritt weiter führen die Symbiosen. In
diesem Fall gelangen verschiedene Lebewesen durch ihr Zusammenwirken zu
neuen, gemeinsamen Leistungen. Konrad Lorenz prägte für
ein solches Zusammenwirken zweier Systeme, durch das völlig neue Systemeigenschaften
entstehen, den Begriff der "Fulguration". Aus Sicht der Energontheorie
verschmelzen solcherart zwei Energone zu einem einzigen Energon höherer
Integrationsstufe und Fähigkeit. Erweist sich die gemeinsame Energiebilanz
als durchschnittlich besser, als wenn die beiden Partner getrennt operieren,
dann ist durch die Verbindung eine neue Lebensform entstanden - die sich
etwa beim Zusammenschluß von zwei Unternehmen fast beliebig weiterentwickeln
kann. Die Entstehung von neuen Funktionen kann somit auch der Ausgangspunkt
für die Entstehung neuer Energonarten sein.
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