2. Das Energon als Leistungsgefüge
Der Energonbegriff ist ein abstrakter Begriff, der aufzeigt, über welche Eigenschaften materielle Strukturen generell verfügen müssen, um aus innerer Ursache ein energetisches Steigerungsphänomen zu bewirken, welches wir als Lebensprozeß bzw. Lebensentfaltung bezeichnen. Aus Sicht der Energontheorie handelt es sich dabei um einen einheitlichen Prozeß, der mit der Entstehung der ersten Lebewesen seinen Anfang nahm und sich bis heute in den vom Menschen aufgebauten Erwerbsstrukturen kontinuierlich fortsetzt. Es ist nicht das Hauptanliegen der Energontheorie, den Begriff "Lebewesen" durch den Begriff "Energon" zu ersetzen. Die beiden Begriffe decken sich über weite Strecken der Evolution, gelangen jedoch mit dem Auftreten des Menschen und seiner kulturellen Entfaltung zu höchst unterschiedlicher Ausprägung.
Die Energontheorie besagt, daß für alle Erscheinungsformen der Lebensentfaltung, unabhängig davon, ob es sich nun um Pflanzen, Tiere, Handwerksbetriebe oder Großunternehmen handelt, dieselben Gesetzmäßigkeiten maßgebend sind. Darüber hinaus legt sie die Rahmenbedingungen für jeden hypothetischen analogen Prozeß fest, ob und wo immer ein solcher auch stattfinden mag. Jedes derartige Geschehen kann sich nur über materielle Strukturen vollziehen, welche eine Reihe von klar zu definierenden Grundleistungen erfüllen. Diese ergeben sich zum einen aus den Anforderungen, denen sich sämtliche Energone in Auseinandersetzung mit ihrer Umwelt zu stellen haben, und zum anderen aus dem inneren Gefüge der Energone.
Den auf sie einwirkenden Umweltfaktoren begegnen Energone mit einer Reihe von Maßnahmen, die den Aufbau von Funktionsträgern ebenso umfassen wie die Ausbildung entsprechender Verhaltenssteuerungen. Umwelteinflüsse erfordern also bestimmte Reaktionen und Merkmale des Energons, und diese werden unter der Bezeichnung Außenfront der Energone zusammengefasst.
In der Biologie zeigt sich zunehmend die Tendenz, der äußeren Umwelt eine sogenannte innere Umwelt gegenüberzustellen. Damit sind all jene Bedingungen gemeint, die sich aus den inneren Erfordernissen, also aus der Konstruktion der Organismen selbst, ergeben. Die Energontheorie versteht unter "Umwelt" aber weiterhin nur jene Faktoren, die von außen auf das Energon einwirken und stellt diesen solche gegenüber, die sich aus der inneren Organisation der Energone erklären. Alle notwendigen Reaktionen auf Erfordernisse des inneren Gefüges von Energonen werden im weiteren als deren Innenfront bezeichnet.
Essentielle Grundbedingungen
Eine Gewichtung der einzelnen, für Energone maßgebenden Leistungen ist schwierig. Je nach Erwerbsform, Umwelteinflüsse, Komplexitätsgrad u.v.m. mag für ein Energon die eine oder andere Leistung von größerer Bedeutung sein. Kaum ein Energon kann jedoch gänzlich ohne eine der in diesem Kapitel diskutierten, grundlegenden Leistungen auskommen (Abb. 1).
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Abb. 1
Leistungsgefüge eines Energons. Die Grundleistungen,
welche jedes Energon zu erbringen hat, sind als Sektoren einer Kreisfläche
dargestellt. Außerdem symbolisiert die Kreisfläche den gesamten
Energiebedarf des Energons. Die Größe der einzelnen Sektoren
zeigt bei jeder Energonart an, welchen Anteil am gesamten Energiebudget
jede der Grundleistungen beansprucht. Die Trennlinien zwischen den Sektoren
gelten nur für die Leistungen, nicht aber für die sie erbringenden
Funktionsträger, die sehr wohl auch in mehreren Sektoren Leistungen
erbringen können (vgl. Funktionsdynamik, S. 55 ff.). Unter den Grundleistungen
nimmt der Energieerwerb insofern eine Sonderstellung ein, als er zwar ebenfalls
den Aufbau von Funktionsträgern nötig macht und somit Energie
kostet, insgesamt aber mehr Energie vereinnahmt werden muß, als die
Grundleistungen in Summe verbrauchen. Die Trennung zwischen Außen-
und Innenfront soll verdeutlichen, welcher Anteil der vom Energon erworbenen
Energie für die Auseinandersetzungen mit Umweltfaktoren und Faktoren
der inneren Organisation aufgewendet wird. Eine scharfe Grenzziehung ist
bei der außerordentlichen Vernetzung der einzelnen Leistungen jedoch
kaum möglich.
Die für jede der in der Abbildung definierten Grundleistungen notwendigen Funktionsträger sind gemäß der sehr unterschiedlichen Aufgaben, die sie zu erfüllen haben, in ihrer Struktur und in ihrem allfälligen Verhalten außerordentlich verschieden. Gemeinsam ist jedoch allen - gemäß der Energontheorie -, daß sie dem Anforderungsprofil der jeweiligen Aufgabe ebenso entsprechen müssen wie ein Schlüssel dem Mechanismus des zu öffnenden Schlosses. So ist beispielsweise für alle dem Stofferwerb dienenden Funktionsträger die von ihnen zu erschließende Stoffquelle das zu öffnende Schloß. Ihr Schlüsselbart (Leistungsprofil) muß demnach so beschaffen sein,
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daß er diese Stoffquelle aufzuschließen vermag. Schon hier sei darauf hingewiesen, daß bei dieser Schlüssel-Schloß-Relation, die hier für das Verständnis des Evolutionsvorgangs eine wichtige Rolle spielt, eine ungewöhnliche Kausalverbindung besteht: Wie ein Schlüssel zustande kommt, ist von untergeordneter Bedeutung - wesentlich ist, daß er ein bestimmtes Schloß aufzusperren vermag. Bei den von Menschen gefertigten Schlüsseln ist man verleitet, anzunehmen, daß der Schlüsselhersteller (also der Schlosser) für die Gestalt des Schlüsselbartes verantwortlich ist, der das Aufsperren bewirkt. Das stimmt jedoch nicht. Denn die Form des Schlüsselbartes wird durch den Mechanismus des zu öffnenden Schlosses festgelegt - obwohl das Schloß kein Quentchen Energie zur Herstellung des Schlüssels beiträgt. Für die Relation zwischen den Funktionsträgern und den von ihnen zu erbringenden Leistungen bedeutet dies, daß nicht nur ihr Hersteller, sondern die jeweils zu erfüllende Aufgabe festlegt, über welche Gestalt oder welches Verhältnis sie verfügen müssen, um erfolgreich zu sein. Dieser für sämtliche Energone relevante Zusammenhang, der dem Zustandekommen aller zweckdienlichen Strukturen über den Vorgang der natürlichen Auslese zugrundeliegt, wird uns im weiteren noch mehrfach beschäftigen.
Für eine Charakterisierung des Leistungsgefüges "Energon" scheinen uns drei dieser Grundleistungen ganz besonders ausschlaggebend. Es sind dies: der Erwerb arbeitsfähiger Energie, der Erwerb benötigter Stoffe sowie die Vermehrung der Energonstruktur. Alle drei erfordern eine intensive Auseinandersetzung der Energone mit ihrer Umwelt. Energie und Stoffe werden in letzter Konsequenz ausschließlich aus Umweltquellen gewonnen, was spezielle Funktionsträger und Steuerungsmechanismen erfordert. Und Strukturvermehrung der Energone bedeutet schließlich nichts anderes als deren Ausbreitung in der Umwelt. Daß Energie- und Stoffgewinn sowie Strukturvermehrung auch eine Reihe von Leistungen im inneren Gefüge der Energone bedingen, liegt auf der Hand. Zunächst wollen wir uns aber den äußeren Faktoren zuwenden.
Der Erwerb arbeitsfähiger Energie
Nach dem heutigen Weltbild der Physik gibt es im Universum nichts Bekanntes und Nachweisbares, das nicht eine Erscheinungsform von Energie wäre. Demzufolge tritt Energie in den verschiedensten Ausprägungen auf, doch was sie letzten Endes ist, vermag bis heute kein Physiker und auch kein Philosoph eindeutig zu sagen. Energie kann am besten durch ihre Eigenschaften charakterisiert werden, und diese sind u.a. durch den ersten und zweiten Hauptsatz der Thermodynamik exakt beschrieben.
Die für alle Energone maßgebende Eigenschaft der Energie ist ihre Fähigkeit, Arbeit zu leisten. Ohne die "Arbeitsfähigkeit" der Energie könnten keine der mannigfachen Funktionen eines Energons ablaufen und keine Leistungen erbracht werden. Wenn also in der Folge von Energie die Rede ist, so ist damit stets im physikalischen Sinne "freie", das heißt arbeitsfähige Energie gemeint, oder - nach heutiger Diktion - "freie Enthalpie". Da bei jeder Umwandlung von einer Energieform in eine andere ein gewisser Anteil in Gestalt von Wärme "verlorengeht", müssen sämtliche Energone, so verschieden sie auch ihrem Äußeren nach sein mögen, ausnahmslos so beschaffen sein, daß sie mehr arbeitsfähige Energie aus ihrer Umwelt zu gewinnen vermögen, als sie selbst verbrauchen.
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Unter allen Energiequellen, welche von den Energonen genutzt werden, spielen die auf die Erde auftreffenden Sonnenstrahlen eine Schlüsselrolle. Die in den Photonen enthaltene Energie wird von den grünen photoautotrophen Pflanzen eingefangen und zum Aufbau von körpereigenen, organischen Stoffen genützt. Durch Abbau dieser Stoffe gewinnt die Pflanze wiederum Energie, die sie für alle weiteren Leistungen benötigt. Die eigentlichen Funktionsträger bei dieser Form des Energieerwerbes sind die Chloroplasten, in welchen sich die für die Photosynthese notwendigen Pigmentmoleküle (Chlorophylle) befinden. In der Lichtreaktion gelingt es den Pflanzen, die Energie des Sonnenlichtes zu speichern; in der Dunkelreaktion synthetisieren sie dann mit Hilfe der gewonnenen Energie körpereigene Stoffe. Der Aufbau körpereigener Stoffe wird als Assimilation bezeichnet.
Was den genauen Chemismus der Photosynthese betrifft, sei an dieser Stelle auf die einschlägige Fachliteratur verwiesen. Wesentlich aussagekräftiger ist es, den Arzt und Physiologen Julius Robert Mayer zu zitieren, der bereits vor mehr als hundert Jahren als erster die energetische Bedeutung der Photosynthese erkannte und mit klassischen Worten folgendermaßen ausdrückte: "Die Natur hat sich die Aufgabe gestellt, das der Erde zuströmende Licht im Fluge zu erhaschen, und die beweglichste aller Kräfte, in starre Form umgewandelt, aufzuspeichern. Zur Erreichung dieses Zwecks hat sie die Erdkruste mit Organismen überzogen, welche lebend das Sonnenlicht in sich aufnehmen und unter Verwendung dieser Kraft eine fortlaufende Summe chemischer Differenz erzeugen. Diese Organismen sind die Pflanzen." Wenn im weiteren von Pflanzen schlechthin gesprochen wird, so sind damit stets die grünen, photosynthetisch aktiven gemeint.
Eine andere Energiequelle, die vom Menschen in entsprechender Weise genutzt wird, ist die Wasserkraft. Die Bewegungsenergie (kinetische Energie) des Wassers wird von Turbinen "eingefangen" und über Generatoren in elektrische Energie verwandelt. Über weitere Umwandlungen wird die Elektrizität dann zur Erzielung der unterschiedlichsten Leistungen verwendet.
Nicht immer ist Energie frei verfügbar wie im Falle des Sonnenlichtes oder der Wasserkraft. Häufig müssen Energone in einem ersten Schritt Energieträger gewinnen und dann in weiteren Schritten die in diesen enthaltene Energie entziehen. Ein Beispiel dafür sind chemoautotrophe Bakterien. Sie gewinnen die Energie zur Synthese ihrer organischen Stoffe aus der Oxidation anorganischer Stoffe mit Sauerstoff. Im Gegensatz zu den Pflanzen ist dabei der energieliefernde Prozeß stets mit dem Syntheseprozeß, bei dem die körpereigenen, organischen Substanzen dieser Bakterien gebildet werden, gekoppelt.
Dieser Methode entspricht auch der heterotrophe Energieerwerb, dem insbesondere alle Tiere nachgehen. Ihre Energiequelle ist primär die von den Pflanzen aufgebaute organische Struktur, genauer gesagt, die in deren Molekülen enthaltene Bindungsenergie. Julius Robert Mayer hat es wie folgt formuliert: "Die durch die Tätigkeit der Pflanzen angesammelte physikalische Kraft fällt einer anderen Klasse von Geschöpfen anheim, die den Vorrat durch Raub sich zueignen und ihn zu individuellen Zwecken verwenden. Es sind dies die Tiere." Diese "physikalische Kraft" - gemeint ist die chemische Bindungsenergie - wird letztlich ebenfalls durch Oxidation freigesetzt. Zuvor müssen sich aber Tiere, denen die Energieträger, anders als den chemoautotrophen Bakterien, nicht in überreichem Maß zur Verfügung stehen, mit
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deren Erwerb auseinandersetzen. Da die Energieträger ausnahmslos Bestandteile anderer Lebewesen sind, entspricht die tierische Erwerbsform in jedem Fall einem Raub, egal ob es sich bei der "Beute" um eine Pflanze handelt oder um ein anderes Tier, das seine Energie ebenfalls direkt oder indirekt über die Pflanzen bezieht.
Es muß hier angemerkt werden, daß auch Pflanzen die zur Aufrechterhaltung ihrer Lebensvorgänge nötige Energie durch Oxidation organischer Stoffe unter Sauerstoffverbrauch gewinnen. Im Unterschied zu den Tieren (und anderen heterotropen Organismen, z.B. Pilzen) bauen sie jedoch die organische Substanz zuvor selbst mit Hilfe der Energie des Sonnenlichtes aus anorganischer Materie auf. Daß die räuberische Erwerbsform im allgemeinen differenziertere Erwerbsstrukturen nötig macht, liegt auf der Hand. Räuberische Energone müssen sich in der Regel zu ihrer Energiequelle hinbewegen - sie brauchen dazu Fortbewegungsorgane. Sie müssen die Energiequelle suchen und finden - das erfordert Sinnesorgane. Sie müssen der Beute habhaft werden, sie einverleiben und zerkleinern - was ebenfalls entsprechende Organe und Steuerungseinheiten voraussetzt. Der räuberische Energieerwerb ist somit die Hauptursache dafür, daß Tiere über viel komplexere Strukturen verfügen und zu weitaus differenzierteren Leistungen befähigt sein müssen als die Pflanzen. Bei näherer Betrachtung zeigt sich, daß die gesamte Grundorganisation des pflanzlichen und tierischen Körpers - etwa der Sonne zugewandte Blattflächen oder ein mit Sinnesorganen und Mundöffnung ausgestatteter "Kopf" - vorrangig von der Art des Energieerwerbes bestimmt wird. Und da Tiere wie alle anderen Energone eine positive Energiebilanz erzielen müssen, macht der höhere Energieaufwand ihrer Erwerbsform auch entsprechend höhere Einnahmen notwendig.
Als weitere Beispiele für den Erwerb von Energieträgern und die Freisetzung der in ihnen enthaltenen Energie sind hier noch die Verbrennung von Kohle und Erdöl zur Wärmeerzeugung und dem Antrieb von Maschinen sowie die Nutzbarmachung der in den Atomkernen enthaltenen Energie anzuführen.
Was seine Ernährung betrifft, ist der Mensch in die Reihe der heterotroph, das heißt von organischen Bestandteilen anderer Organismen lebenden Tiere zu stellen. Hinsichtlich seiner Erwerbsform hat er sich jedoch bereits wesentlich von diesen entfernt. Daß es auch heute noch Menschen gibt, welche die benötigte Energie ausschließlich über räuberische Akte gewinnen, ändert nichts an der Tatsache, daß die eigentliche und für den Menschen typische Erwerbsform längst eine andere geworden ist. Die vom Menschen hergestellten zusätzlichen Organe wurden im Lauf der Zeit immer umfangreicher und differenzierter, was nicht zuletzt durch seine seßhafte Lebensweise noch gefördert wurde. Innerhalb größerer, seßhafter Verbände konnten sich einzelne Menschen auf die Produktion bestimmter zusätzlicher Organe spezialisieren. Diese tauschten sie dann gegen andere benötigte Güter ein, in erster Linie wohl Nahrungsmittel, im weiteren auch verschiedene Waren.
Wie sind nun diese Vorgänge hinsichtlich des Energieerwerbes zu beurteilen? Im einfachsten Fall bietet ein Mitglied der Gemeinschaft eine von anderen benötigte Leistung an. Ob es sich dabei um ein Produkt oder einen Dienst (Dienstleistung) handelt, ist für unsere Betrachtung einerlei. Als Gegenleistung erhält der Anbieter zunächst Nahrungsmittel, etwa einen adäquaten Anteil an der Jagdbeute. Die von ihm benötigte Energie gewinnt er somit auf indirekte Weise über einen Tauschakt. Die Tauschakte waren zunächst einfach, es wurden also eigene Leistungen gegen Leistun-
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gen von anderen getauscht. Auch heute noch werden solche Geschäfte in größerem Umfang betrieben, etwa beim Handel mit devisenschwachen Ländern der Dritten Welt (Bartergeschäfte). Der einfache Tauschakt stieß jedoch bald an seine funktionellen Grenzen, denn erstens sind hergestellte Güter nicht beliebig teilbar, und zweitens kann der Tauschpartner sehr oft nicht das, was gerade selbst benötigt wird, liefern.
Die Lösung dieser Problematik lag in der Erfindung des Geldes als notwendigem Vermittler zur Überwindung der aufgezeigten Schwierigkeiten. Nun konnten in einem ersten Schritt Leistungen gegen Geld getauscht werden und in einem zweiten, davon unabhängigen Schritt, dieses wiederum in beliebige andere Leistungen verwandelt werden. Ein doppelter Tauschakt löste so den einfachen Tauschakt ab und hat diesen heute beinahe vollständig verdrängt. Bemerkenswert ist, daß die verschiedensten menschlichen Kulturen zur prinzipiell gleichen Lösung des Problems - nämlich der Erfindung des Vermittlers Geld - gelangten. Daraus kann man schließen, daß die Entstehung einer Einrichtung wie der des Geldes kein Zufall war, sondern eine funktionelle Notwendigkeit für die Entfaltung der vom Menschen aufgebauten Energone.
Tauschakte als dritte, wesentliche Möglichkeit des Energieerwerbes anzusehen, erfordert ein gewisses Umdenken, denn sie haben auf den ersten Blick wenig mit der Photosynthese oder dem Raub organischer Substanz gemeinsam. Trotzdem weisen sie alle für den Erwerb von Energie charakteristischen Grundzüge auf. Die Energiequelle ist beim Tauschakt der Bedarf des Tauschpartners. Dieser Bedarf ergibt sich einerseits aus den Grundbedürfnissen des Menschen nach Nahrung, Kleidung und einer Behausung, die in allen Kulturen nahezu identisch sind. Vermehrt kommen aber auch Bedürfnisse hinzu, die kulturell erlernt sind und vielfach in unserem Luxusstreben wurzeln. Als Triebfeder menschlicher Energonbildung kommt ihnen eine besondere Bedeutung zu. Davon soll aber später (Kapitel 5) noch die Rede sein. Zum Funktionsträger des Energieerwerbes - zum Erwerbsorgan - wird somit die vom Menschen angebotene Leistung. Entweder handelt es sich dabei um die Herstellung eines benötigten Produktes oder um einen unmittelbaren Dienst. Das im Gegenzug gebotene Geld ist aber keine neue Energieform! Sein Wert schwankt je nach politischer und ökonomischer Lage beträchtlich, und im Gegensatz zur Energie kann es auch vollständig vernichtet werden. Im Sinne der Energontheorie ist somit Geld eine Art von Anweisungsschein auf Energie oder auf verschiedenste menschliche Leistungen.
Alle Energone, ob es sich nun um ein Bakterium oder einen multinationalen Konzern handelt, müssen auf einem der drei aufgezeigten Wege mehr Energie erwerben als sie die Summe ihrer Tätigkeiten an solcher kostet. Sie müssen eine im Durchschnitt positive Energiebilanz erzielen. Für die derzeitige Phase der Lebensentfaltung spielt der indirekte Energieerwerb über doppelten Tausch eine besonders wesentliche Rolle. Ohne ihn wäre die enorme Expansion der vom Menschen gebildeten Energone nicht möglich. Auf diesen wichtigen Sachverhalt gehen wir in Kapitel 6 noch näher ein.
Stofferwerb
Zur Aufrechterhaltung der energoneigenen Struktur sowie zu deren Vermehrung durch individuelles Wachstum oder durch Fortpflanzung sind bestimmte Stof-
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fe erforderlich. Jedes Energon muß deshalb auch über Funktionsträger verfügen, welche geeignet sind, Stoffe aus der Umwelt zu gewinnen. Es darf dabei allerdings nicht übersehen werden, daß bereits der zur Strukturerhaltung nötige Stoffaufwand mitunter beträchtlich ist. So wird beispielsweise die Substanz des menschlichen Körpers innerhalb eines Jahres zu 90 Prozent erneuert!
Der Erwerb von Stoffen kann entweder an den Energieerwerb gekoppelt sein oder aber völlig unabhängig davon erfolgen. Energone tierischer Erwerbsart nehmen mit der Nahrung sowohl Energie als auch Aufbaustoffe auf. Demgemäß wird in der Physiologie zwischen Energiestoffwechsel und Baustoffwechsel unterschieden. Die Endprodukte des Nahrungsabbaus (Glukosemoleküle, Fettsäuren, Glycerin und Aminosäuren) gelangen über den Darm in die Blutbahn. Von dort aus können sie jenen Stoffwechselweg beschreiten, der dem Energieerwerb dient. In diesem Fall werden sie über komplizierte chemische Reaktionen noch weiter in ihre Bestandteile zerlegt. Im anderen Fall werden die genannten Bausteine wieder zu höhermolekularen, körpereigenen Einheiten zusammengefügt. Der wichtigste derartige Vorgang ist die Eiweißsynthese. Alle Funktionsträger, die für den Nahrungserwerb bis zur Aufnahme der elementaren Bausteine in die Blutbahn verantwortlich sind, stehen somit im Dienste zweier, aus Sicht der Energontheorie klar zu unterscheidenden Leistungen: dem Erwerb von Stoffen und dem Erwerb von Energie.
Im Unterschied zu den Tieren erwerben Pflanzen Stoffe und Energie unabhängig voneinander. Die anorganischen Bestandteile, welche etwa die Landpflanzen zur Erhaltung und Vermehrung ihrer Struktur brauchen, werden der Luft und dem Boden entnommen. Das zur Glucosebildung unentbehrliche Kohlenstoffdioxid stammt aus der Luft und ist, ebenso wie die in den Sonnenstrahlen enthaltene Energie, fast überall in ausreichender Menge vorhanden. Der limitierende Faktor ist für die pflanzlichen Energone häufig das Wasser, in dem die essentiellen Nährstoffe gelöst sind. Deshalb sehen viele Botaniker nicht im Energieerwerb, sondern im Stofferwerb das eigentlich Wesentliche. Denn die Fähigkeit der Pflanze, die reichlich zur Verfügung stehende Sonnenenergie auszunützen, ist, neben dem eigenen Umsetzungsvermögen und der Behinderung durch Konkurrenten, vor allem durch den Stofferwerb beschränkt.
Wie bei den Pflanzen, so sind auch bei den vom Menschen aufgebauten Energonen Energie- und Stofferwerb weitgehend getrennt. Die Energieanweisung "Geld" wird durch Tauschakte über die Befriedigung bestehender Nachfrage erworben. Die zur Aufrechterhaltung und Vermehrung der Struktur sowie zur Herstellung der Tauschobjekte nötigen Stoffe werden hingegen über völlig andere Vorgänge und Betriebsinstanzen gewonnen. Für die Energone wird somit nicht nur die Beschaffung von Energie und der damit verbundene Aufwand an Kosten und Risiken zunehmend zum zentralen Problem. Vor allem für die großen Erwerbsorganisationen ist der Stofferwerb nicht minder von Bedeutung. Mit Hilfe immer aufwendigerer Funktionsträger werden neue Stoffquellen erschlossen und die gewonnenen Stoffe oft über weite Strecken transportiert. Innerhalb der Unternehmen sorgen die als "Logistik" bezeichneten Planungs- und Steuerungsvorgänge für die Sicherstellung des Nachschubs und die Verminderung kostenintensiver Lagerbestände. Die Planung und Koordination des Stofferwerbs sowie der anschließenden Verteilung werden heute auf Basis modernster EDV-Systeme erledigt und sind zu einem wesentlichen Faktor betrieblicher Effizienz geworden.
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Vermehrung der Energonstruktur
Energie- und Stoffgewinn sind essentielle Grundleistungen jedes einzelnen Energons. Werden keine Energie und keine Stoffe erworben, so ist die individuelle Existenz des Energons bedroht. Manche Energone können während langer Ruhephasen ihren Stoffbedarf auf ein Minimum reduzieren oder ganz einstellen, wie etwa Tiere während der Kältestarre oder Unternehmen, die saisonbedingt geschlossen bleiben. Auch die Zufuhr von Energie kann für einige Zeit unterbleiben, jedoch müssen dann energoneigene Reserven aufgebraucht werden. Über kurz oder lang ist es aber unumgänglich, daß wieder Stoffe und Energie von außen, also aus Umweltquellen, vereinnahmt werden.
Für die Vermehrung der Energonstruktur gelten andere Voraussetzungen. Hat das Energonindividuum erst einmal eine bestimmte Größe erreicht, so kann es durchaus auch ohne weitere Strukturvermehrung auskommen. Eine Steigerung der Lebensentfaltung ist aber letztlich nur dann möglich, wenn auch die Gesamtmasse der Energonstruktur anwächst. Das kann nach Hass auf drei prinzipiell verschiedenen Wegen erfolgen: durch individuelles Wachstum, durch artgleiche Vermehrung und durch artungleiche Vermehrung. Alle drei Möglichkeiten der Strukturvermehrung machen wiederum Funktionsträger der Steuerung und der Ausführung nötig.
Individuelles Wachstum durch Zunahme an Größe oder Masse ist ein weitaus komplizierterer Vorgang, als es scheint. Die Mehrzahl der Energone, ob es sich nun um ein Insekt oder um eine Automobilfabrik handelt, ist durch allometrisches Wachstum charakterisiert. Das bedeutet, daß bei der Vergrößerung des Gesamtenergons die einzelnen Funktionsträger nicht im gleichen Verhältnis anwachsen, und es ist eines der erstaunlichsten Phänomene bei Pflanzen und Tieren, wie wenig störanfällig diese Prozesse bei ihnen ablaufen. Jedes Unternehmen zeigt auf, welch radikale Veränderungen eine Vergrößerung von Betrieben mit sich bringt, wie viele Um- und Neubauten sowie sonstige Investitionen dazu erforderlich sind, und wie leicht es dabei zu unvorhergesehenen Komplikationen kommen kann. Dieser Vergleich demonstriert in eindrucksvoller Weise die Leistungsfähigkeit des Bausteins Zelle einschließlich der steuernden Mechanismen. Da aber individuelles Wachstum durch viele Faktoren limitiert wird, kann die anwachsende Lebensentfaltung letztendlich nur über materielle Einheiten fortschreiten, welche fähig sind, weitere gleichartige oder andersartige Einheiten hervorzubringen.
Pflanzliche und tierische Energone sind ausschließlich zu artgleicher Vermehrung befähigt. Jedes Lebewesen stellt, auch wenn es verhältnismäßig einfach gebaut ist, ein Ergebnis hochgradiger Anpassung an die Umwelt dar. Es ist daher grundsätzlich von Vorteil, wenn das neue Energon seinem "Vorfahren", der sich in Auseinandersetzung mit der Umwelt bereits bewährt hat, möglichst detailgetreu gleicht. Es sei vorweggenommen, daß es hier zu einem der schwersten Funktionskonflikte der Lebensentfaltung kommt. Einerseits ist es wichtig, daß alle Strukturen über die artgleiche Vermehrung möglichst unverändert weitergegeben werden, zum anderen aber kann eine Verbesserung nur über Veränderungen erfolgen! Auf diese Problematik wird später noch genauer eingegangen.
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Bereits die einfachste Methode der artgleichen Vermehrung, nämlich die Teilung eines Einzellers, ist an äußerst komplizierte Funktionsträger gebunden. Die Struktur dieser Energone ist schon so komplex, daß eigene Einheiten nötig sind, welche die Teilung steuern und die daraus hervorgehenden neuen Energonindividuen entsprechend ergänzen. Für die Zellvermehrung im vielzelligen Körper gilt das gleiche. Noch weitaus aufwendiger sind die sexuellen Vorgänge, doch dienen diese primär nicht der Strukturvermehrung, sondern der Strukturverbesserung, auf die wir ebenfalls noch ausführlicher zu sprechen kommen. Aus Sicht des Energonindividuums bringt die Funktion der Fortpflanzung insofern Nachteile mit sich, als sie mit erheblichen Kosten verbunden ist, und das Energon sich gleichzeitig auch selbst neue Konkurrenten schafft. Für das Weiterbestehen der Art ist sie jedoch eine Voraussetzung. Mitunter haben die Nachkommen weitaus bessere Chancen, mit auftretenden Schwierigkeiten fertig zu werden und können so die Lebensentfaltung fortsetzen.
Auch bei den Berufskörpern und Erwerbsorganisationen lassen sich Energonindividuen und Energonarten unterscheiden, wobei hier die Individuen einer Art eine weitaus größere Variabilität aufweisen, als bei den Tieren und Pflanzen. Die bei den Organismen gegebene Einschränkung, daß nämlich jedes Energon immer nur artgleiche Energone hervorbringen kann, existiert bei den vom Menschen aufgebauten Energonen nicht mehr. Sie sind neben artgleicher auch zu artungleicher Vermehrung befähigt. Mit den Energieüberschüssen eines Energons kann ein völlig andersartiges gebildet werden, und außerdem können individuelle Erfahrungen von Vertretern einer Energonart - über die informationsübermittelnden Funktionsträger Sprache und Schrift - auch in den Aufbau und die Verbesserung völlig anderer Energonarten einfließen.
Haben sich die Existenzbedingungen für eine Energonart rapide verschlechtert, so können in kürzester Zeit andersartige Energone aus ihr hervorgehen, für welche die neuen Bedingungen durchaus optimal sein mögen. Während sämtliche Pflanzen und Tiere in jedem Fall immer wieder nur Artgenossen und damit in der Regel Konkurrenten hervorbringen können, sind die vom Menschen gebildeten Energone höchst flexibel und reagieren schnell auf veränderte Umweltbedingungen. Bei Pflanzen und Tieren geht der Artwandel in außerordentlich langen Zeiträumen vor sich, bei den Berufskörpern und Erwerbsorganisationen quasi "über Nacht". Für die Lebensentfaltung stellt deshalb diese neue Möglichkeit der artungleichen Vermehrung, die in der bisherigen Biologie nicht einmal diskutiert wurde, einen gewaltigen Fortschritt dar.
Weitere relevante Leistungen der Außenfront
Die Umwelt von Energonen umfaßt ganz allgemein "positive" bzw. fördernde und "negative" bzw. feindliche und störende Faktoren. Diese Attribute sind aber äußerst relativ, denn sie gelten nur für ein ganz bestimmtes Energon in einer konkreten räumlichen und zeitlichen Situation. Umweltbedingungen, welche einen ungünstigen Einfluß ausüben, können sich nämlich kurze Zeit später auf dasselbe Energon sehr förderlich auswirken. Wir werden darauf noch näher eingehen. Wenden wir uns aber zunächst den negativen Umweltfaktoren zu.
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Abwehr von feindlichen und störenden Umweltfaktoren
Die Unterteilung in feindliche und störende Einflüsse der Umwelt beruht darauf, daß erstere gezielt auf ein bestimmtes Energon einwirken, während letztere, gleichwohl sie auf manche Energone einen negativen Einfluß haben, allgemein und ungezielt wirken.
Freßfeinde, die eine Pflanze oder ein Tier bedrohen, Diebe, die versuchen, sich gewaltsam fremder zusätzlicher Organe zu bemächtigen oder Invasoren, die in Erwerbsgebiete Anderer eindringen, sind Beispiele für feindliche Umweltfaktoren. Aber auch Konkurrenten um Stoff- oder Energiequellen gehören hierher.
Ziel der räuberischen Tätigkeit von Tieren ist die organische Struktur anderer Lebewesen, aus der sie benötigte Energie und Aufbaustoffe gewinnen. Sie müssen also ihre Beute in der Regel zuerst umsetzen. Beim Menschen haben es Räuber in erster Linie auf zusätzliche Organe abgesehen. Zum Unterschied zu den Tieren können diese auch anderen Energonen direkt im Sinne ihrer ursprünglichen Funktion dienen und sind darüber hinaus ein Energieäquivalent, das über die Vermittlung des Geldes in jede andere Leistung verwandelbar ist. Eine aus dieser Sicht höchst bemerkenswerte Ausnahme im Tierreich soll hier nicht unerwähnt bleiben: die als "Nesselkapseln" bezeichneten Zellorganellen der Nesseltiere (Cnidaria). Es sind Funktionsträger der Abwehr. Einige Freßfeinde der Nesseltiere, etwa marine Nacktschnecken der Gattung Aeolidia, verdauen jedoch gefressene Nesselkapseln nicht, sondern verfrachten sie in eigene Körperausstülpungen, wo die geraubten Nesselkapseln (Kleptokniden) ihre ursprüngliche Funktion als Schutzorgane nun für ein anderes Energon ausüben. Wir haben es hier mit dem äußerst seltenen Fall zu tun, daß geraubte somatische Organe nicht wie üblich verdaut, sondern vom Räuber in eigene Organe verwandelt und weiter verwendet werden!
Aus den bisherigen Ausführungen geht hervor, daß Feinde, seien es nun Diebe, Konkurrenten oder Freßfeinde, ausnahmslos andere Energone sind, die, bewußt oder unbewußt, jedoch immer gezielt auf das betroffene Energon einwirken. Die gleiche von einem Energon entwickelte Abwehrmaßnahme kann sich aber sowohl gegen feindliche wie auch gegen störende Umweltfaktoren richten. Ursprünglichste Abwehreinheit aller Organismen ist deren Körperoberfläche. Ihre Wirksamkeit kann auf verschiedene Weise erhöht werden: Verhornungen, Panzer und Stacheln bei Pflanzen und Tieren sowie die vom Menschen hergestellten Rüstungen, Stahlhelme, Zäune, Mauern und Befestigungsanlagen sind Funktionsträger im Dienste derselben Leistung. Sie weisen oft bei den unterschiedlichsten Energonen große Ähnlichkeit auf; das ist kein Zufall, sondern Ausdruck funktioneller Verwandtschaft.
Aus der Anforderung, sich gegen Feinde abzuschirmen, kann sich aber auch ein ernster Funktionskonflikt zum Erwerbsvorgang ergeben. Die schützende Einheit muß nämlich so beschaffen sein, daß sie Erwerbsakte bei gleichzeitiger Erfüllung der Abwehrfunktion zuläßt. Eine mögliche Lösung dieses Konfliktes ist der Funktionsträger "Türe", der sowohl bei einer Deckelschnecke als auch bei einem Stadttor die funktionelle Anforderung widerspiegelt, während günstiger Bedingungen Erwerbsakte zu ermöglichen, bei feindlichen Einwirkungen dagegen Schutz zu bieten.
Neben Vorrichtungen zur Abschirmung gegen feindliche Einflüsse gibt es aber noch gänzlich andere Methoden der Abwehr. Manche Energone entziehen sich feind-
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licher Bedrohung durch Flucht oder Verteidigung, also durch Verhaltensweisen, deren Steuerungen auf speziellen Verhaltensprogrammen beruhen. Solche können wiederum nicht nur gegen Räuber eingesetzt werden, sondern auch gegen die nicht minder gefährliche Gruppe der Konkurrenten. Diese bemühen sich ja um die Erschließung der grundsätzlich gleichen Energie- und Stoffquellen, was die eigene Lebensbasis entsprechend gefährdet. Verhaltensprogramme können also der Abwehr sämtlicher feindlicher oder störender Umweltfaktoren dienen.
Was ihr Zustandekommen betrifft, so lassen sich zwei prinzipiell verschiedene Möglichkeiten unterscheiden. Angeborene Verhaltensprogramme sind im Genom des Organismus codiert und werden während der Individualentwicklung gleichsam in dessen Zentralnervensystem "einprogrammiert". Die jeweiligen Verhaltensweisen laufen dann nach einem starren, vorgegebenen Schema ab, können aber, vor allem bei höheren Tieren, durch individuelle Erfahrungen modifiziert werden. Im Unterschied dazu werden erworbene Verhaltensprogramme vom Zentralnervensystem über Lernvorgänge selbst aufgebaut. Vielfach sind an der gleichen Verhaltensweise sowohl angeborene als auch erworbene Programme beteiligt, und gerade uns Menschen ist es ja wohlbekannt, wie heftig bisweilen angeborene und erworbene Weisungen im Widerstreit liegen.
Hervorzuheben ist, daß aus Sicht der Energontheorie auch Verhaltensprogramme als Organe angesehen werden müssen - als materielle Einheiten also, die im Dienste einer benötigten Leistung stehen! Ihre Struktur ist der Forschung aufgrund ihrer geringen Größe sowie ihrer hochgradigen Vernetzung nur beschränkt zugänglich. Es mag uns aus diesem Grund schwerfallen, auch Verhaltensprogramme als Organe von Lebewesen anzusehen; ersetzen wir jedoch die Bezeichnung "Organ" durch das Wort "Funktionsträger", so bereitet uns dies wohl weit weniger Schwierigkeiten.
Hier zeigt sich zugleich eine grundsätzliche Bewertung, zu welcher die Energontheorie führt. Es ist von untergeordneter Bedeutung, wie und über welche Funktionsträger eine benötigte Leistung zustandekommt, wesentlich ist bloß, daß sie erbracht wird. Im Rahmen der Feindabwehr können zum Beispiel Panzer und Dornen genau dasselbe bewirken wie eine Verhaltenssteuerung zur Flucht oder eine Tarnfärbung zur Täuschung des Gegners. Für jede dieser Abwehrmethoden sind völlig andere Funktionsträger nötig, die jedoch alle zur gleichen benötigten Leistung führen. Diese Einsicht gilt nicht nur im Sektor der Abwehr, sondern generell für alle Anforderungen, denen Energone genügen müssen, um die Entfaltung des Lebens fortzusetzen. Es sei an dieser Stelle auch schon vorweggenommen, daß Organe und die sie steuernden Einheiten funktionell zusammengehören, auch wenn sie räumlich oft weit getrennt sind. Ein Auto und die erlernten Programme, welche uns dazu befähigen, es in Betrieb zu nehmen und zu lenken, bilden eine funktionelle Einheit, die im Dienste derselben Leistung, nämlich der Fortbewegung, steht.
Wenden wir uns noch einem anderen, der Abwehr feindlicher Umwelteinwirkungen dienenden Funktionsträger zu. Das komplizierteste und wohl auch leistungsfähigste Abwehrorgan, welches Energone je hervorgebracht haben, ist das körpereigene Immunsystem. Es findet sich bereits bei einigen höher entwickelten Wirbellosen, gelangt aber erst bei den Wirbeltieren zu höchster Perfektion. Sind feindliche Energone erst einmal in das Innere des Organismus eingedrungen, so stoßen sie dort auf einen doppelten Schutzwall.
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Unspezifische Abwehrmaßnahmen richten sich gleichermaßen gegen alle eingedrungenen Fremdkörper. Vermögen diese die unspezifische Immunität (deren Funktionsträger beispielsweise die weißen Blutkörperchen sind) zu durchbrechen oder zu umgehen, dann stoßen sie auf einen weiteren Schutzwall - die spezifische Immunreaktion. Einheiten, die von den Zellen des Immunsystems als "fremd" erkannt worden sind, lösen eine speziell gegen sie gerichtete Abwehrmaßnahme aus, die auf der Produktion von Antikörpern und spezifischen Lymphozyten beruht. Ähnlich wie bei den Verhaltensprogrammen lassen sich auch hier angeborene und erworbene Reaktionen unterscheiden. Die unspezifische Abwehr ist angeboren und funktioniert von Geburt an praktisch während der gesamten Lebensspanne. Bei der spezifischen Abwehr ist hingegen nur die Fähigkeit, spezifische Antikörper zu bilden, im Genom verankert. Die Reaktion auf Fremdkörper, mit denen der Organismus noch nie konfrontiert war, muß ebenfalls erst in einer Art Lernakt erworben werden und wird im "immunologischen Gedächtnis" des Immunsystems, den B-Zellen, gespeichert. Das Immunsystem besteht also, ähnlich den Verhaltensprogrammen, aus konkreten materiellen Strukturen (im Falle der spezifischen Abwehr aus B-Zellen und den von ihnen sezernierten Antikörpern) und muß im Begriffssystem der Energontheorie als Organ des Energons, dem es dient, angesehen werden.
Auch Berufskörper und Erwerbsorganisationen verfügen über eine große Vielfalt von wirkungsvollen Abwehrmaßnahmen. Zäune, Türen, Waffen und Befestigungsanlagen dienen dem Schutz von Menschen und ihren zusätzlichen Organen. Davon sprachen wir bereits. Dazu kommen auch hier Verhaltensprogramme der Abwehr, die entweder spezifisch gegen Feinde oder ungezielt gegen Störfaktoren wirken. Hier können Verhaltensprogramme - etwa Managementstrategien - mit Hilfe der informationsübermittelnden Sprache und Schrift von einem Energon an völlig andere weitergegeben werden! Dies ist etwa der Fall, wenn ein Unternehmen der Elektronikbranche oder ein Waschmaschinenhersteller sich die von einem Automobilkonzern entwickelten Wettbewerbsstrategien mit einigen branchenspezifischen Abänderungen zunutze macht. Für die Lebensentfaltung ist dieser im Prinzip unbeschränkte Informationstransfer von einer Energonart auf völlig andere ein außerordentlicher Vorteil. Innerhalb einer Art entstandene Fortschritte können so plötzlich die Artgrenzen überschreiten und andere Arten verbessern! Und auch hier gilt das nicht nur für Abwehrmaßnahmen, sondern für sämtliche Leistungssparten, die innerhalb der vom Menschen aufgebauten Leistungsgefüge eine Rolle spielen.
Der wirkungsvollste Funktionsträger der Abwehr ist hier jedoch die Organisationsform des Staates, denn durch Landesverteidigung, Gesetzgebung und deren Vollzug schützt sie die innerhalb seines Gebietes ansässigen Energone gleichermaßen gegen Feinde, störende Einflüsse und unlauteren Wettbewerb. So betrachtet ist der Staat ein großes Gemeinschaftsorgan des Schutzes. Doch erfüllt er darüber hinaus meist noch eine Reihe weiterer wichtiger Funktionen und kann aus diesem Blickwinkel auch als übergeordnetes, selbständiges Energon eingeschätzt werden. Wir kommen darauf noch ausführlicher zu sprechen (Seite 88).
Die angeführten Beispiele sollen zeigen, welchen vielseitigen Anforderungen die Energone im Abwehrsektor der Außenfront gegenüberstehen. Daran anschließend sei noch kurz auf die störenden, ungezielt wirksamen Umweltfaktoren einge-
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gangen. Charakteristisch für diese ist, daß sie nicht bloß auf bestimmte Funktionsträger einwirken, sondern die Energone in ihrer Gesamtheit belasten. Nicht jeder Umweltfaktor ist dabei für jedes Energon gleich relevant. Eine Ausnahme bildet hier die Schwerkraft, die gleichermaßen auf alle Energone unseres Planeten einwirkt. Sie ist auch ein Beispiel dafür, wie derselbe Umweltfaktor sowohl günstige als auch ungünstige Auswirkungen haben kann. So ist sie für jedes Energon, welches eine Bewegung gegen die Schwerkraft auszuführen hat - etwa beim Transport einer Last bergauf - eine ungünstige Einwirkung, deren "Abwehr" erhöhten Energieaufwand erfordert. Erfolgt die Bewegung dagegen mit der Schwerkraft, also bergab, dann wird sie augenblicklich zum günstigen Umweltfaktor, welcher den Energieverbrauch vermindert.
Auch klimatische Faktoren können sich hemmend auf die Entfaltung fast aller Energone auswirken. Eine wesentliche Rolle spielen hier Schwankungen der Temperatur, da diese die Geschwindigkeit sämtlicher Stoffwechselvorgänge beeinflußt. Zahlreiche Energone haben demnach Funktionsträger zur Wärmeregulierung hervorgebracht. Die wechselwarmen Organismen sind noch weitgehend von der Umgebungstemperatur abhängig. Sinkt diese unter einen bestimmten kritischen Punkt ab, so kommen die Lebensprozesse zum Stillstand. Die Ausbreitung dieser Organismen ist daher in kälteren Klimazonen entsprechend eingeschränkt, doch wurden auch hier effektive Abwehrmaßnahmen entwickelt. So besitzen beispielsweise Insekten und arktische Fische in ihrer Körperflüssigkeit Funktionsträger der Kälteabwehr in Form chemischer Substanzen (z.B. Glycerol), welche den Gefrierpunkt in gleicher Weise erniedrigen wie Frostschutzmittel im Autokühler. Zur aktiven Thermoregulation sind nur Vögel und Säugetiere befähigt: Über chemische und physikalische Mechanismen vermögen sie ihre Körpertemperatur konstant zu halten. Dies bewirken steuernde Einheiten, die nach dem Regelkreisprinzip mit negativer Rückkopplung arbeiten. Auch hier bilden wieder steuernde und ausführende Organe eine funktionelle Einheit.
Mit klimatischen Faktoren haben sich naturgemäß auch die meisten der vom Menschen aufgebauten Berufskörper und Erwerbsorganisationen auseinanderzusetzen. Das Vordringen in die kalten Regionen der Erde machte Kleidung und Behausungen zur funktionellen Notwendigkeit. Der Mensch wurde so einerseits von der Kälte unabhängig, muß aber andererseits einen gewissen Teil seiner eingenommenen Energie dafür investieren.
Für die Ausbreitung von Erwerbsorganisationen spielen klimatische Bedingungen unter Umständen eine ebenso wesentliche Rolle wie für die Tiere und Pflanzen. So scheiterte schon manche Expansionsbestrebung von Unternehmen deswegen, weil die lokalen Wetterbedingungen falsch eingeschätzt wurden! Lokale Bedingungen ganz anderer Art, mit denen sich nur die vom Menschen gebildeten Energone auseinandersetzen müssen, sind tradierte Geschäftsgepflogenheiten und Handelsbräuche, deren Kenntnis oft Voraussetzung für einen erfolgreichen Geschäftsabschluß ist. Zum unentbehrlichen Funktionsträger der Erwerbsorganisation wird hier der kompetente Mitarbeiter, dessen Erfahrungen mit bestimmten Geschäftspartnern und Handelsgepflogenheiten wesentlich zur Entfaltung des übergeordneten Energons beitragen können.
Wie auch diese beliebig herausgegriffenen Beispiele zeigen, können störende Umweltbedingungen, anders als feindliche, sowohl von anorganischen Einwirkungen (z.B. Wind, Kälte und Schwerkraft) als auch von anderen Energonen (z.B. Geschäftspartnern und Konkurrenten) ausgehen.
(Originalbuchseite 38)
Nutzung fördernder Umweltfaktoren
Die Nutzung fördernder Umweltfaktoren steht in keinem direkten Zusammenhang zum Erwerb von Energie und Stoffen. Sie übt auf diesen eine begünstigende Wirkung aus, ist aber sonst völlig von ihm getrennt. Der Unterschied zum eigentlichen Energieerwerb besteht vor allem darin, daß Energie nicht erst vereinnahmt und dann in entsprechende Leistungen umgesetzt wird. Vielmehr werden Fremdkräfte dazu gebracht, einzelne Funktionsträger oder auch das gesamte Energon unmittelbar "anzutreiben" und auf diese Weise eigenen Energieaufwand zu sparen.
Sowohl anorganische Kräfte als auch andere Energone können zu fördernden Umweltfaktoren werden. Nur in seltenen Fällen wirken diese "von selbst", so daß das begünstigte Energon keine eigenen Aufwendungen tätigen muß, um in den Genuß der Förderung zu kommen. Werden Meerestiere durch Strömungen in bessere Lebensräume verdriftet oder wird durch ebensolche Strömungen Nahrung an sessile Organismen herangespült, dann müssen diese meist keinen eigenen Beitrag dazu leisten. Immerhin müssen die Korallenpolypen mächtige Wälle bauen, um an diesen begünstigten Plätzen verweilen zu können und nicht weggespült zu werden. Oder spezielle Funktionsträger - Verhaltensprogramme oder Fortbewegungsorgane - sind nötig, um in den Genuß von fördernden Umweltfaktoren zu gelangen. So haben viele Planktonorganismen Schwebefortsätze entwickelt, die dem Wasser eine entsprechend große Angriffsfläche bieten und sie so vor dem Absinken in grundlose Tiefen bewahren. Lassen sich Spinnen vom Wind verdriften, dann benötigen sie dazu einen Faden, an welchem dieser angreifen kann. Ebenso verhält es sich mit Pflanzensamen, die vom Wind verbreitet werden: Sie haben entsprechende Flugeinrichtungen ausgebildet. Auch bei einem Segelboot, einem Flugdrachen oder einem Fallschirm ist das gleiche Nutzungsprinzip ersichtlich. In jedem dieser Fälle leisten Energone zuerst einen bestimmten Aufwand und bauen Funktionsträger auf, welche die Kraft oder den Widerstand von Umweltmedien dienstbar machen. Insgesamt wird dann aber mehr Energie nutzbar gemacht, als ausgegeben wurde. Die Energiebilanz bleibt somit positiv.
Auch Verhaltensprogramme eröffnen einen Zugang zu fördernden Umweltbedingungen, unabhängig davon, ob sie angeboren sind oder erworben wurden. Bartgeier (Gypaetus barbatus) lassen Knochen aus der Luft fallen und an Felsen zerschellen, um an das Mark im Inneren zu gelangen. Im Mittelmeerraum wenden sie dieselbe Technik an, wenn sie den Panzer von Schildkröten zerbrechen. Fördernder Umweltfaktor ist auch hier wieder eine anorganische Kraft - die Schwerkraft.
Ein Beispiel dafür, wie über ein Verhaltensprogramm die fördernde Wirkung eines anderen Energons erschlossen wird, ist die Phoresie. Hier benützt ein Tier ein anderes, um sich an einen günstigen Ort tragen zu lassen: etwa Milben, welche von einem Mistkäfer zum nächsten Dunghaufen transportiert werden. Die Milben machen sich hier die Bewegungsenergie des Käfers zunutze, ohne diesem zu nutzen oder zu schaden. Ein weiteres Beispiel aus dem Insektenreich zeigt bereits Übergangserscheinungen zu einer anderen Nutzung fördernder Bedingungen - dem "Mitessertum" oder Kommensalismus. Der Springschwanz Calobatinus grassei läßt sich am Kopf eines Soldaten der Termite Macrotermes subhyalinus sitzend umhertragen. Während der Fütterung des Soldaten durch einen Arbeiter gelangt er gleichzeitig an anfal-
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lende Nahrungsreste: hier liegt also Kommensalismus vor. Für die Termite hat der um vieles kleinere Springschwanz kaum eine Bedeutung; für den Springschwanz aber ist die Termite zu einem Funktionsträger der Ernährung und Fortbewegung geworden. Von der Energontheorie her muß sie deshalb, trotz des gewaltigen Größenunterschiedes, als sein zusätzliches Organ angesehen werden.
Eine weitere Möglichkeit, an fördernde Umweltbedingungen zu gelangen, besteht in der Nutzung von Verhaltensprogrammen anderer Energone. Der Kuckuck erspart sich den Nestbau, das Brutgeschäft und die Fütterung der Jungen, indem er seine Eier in Nester fremder Vogelarten legt. Er hat es keineswegs auf die organische Struktur dieser Lebewesen abgesehen, und trotzdem ist er ein Parasit, der fremden Energieaufwand zum eigenen Vorteil freisetzt! In der Biologie wird diese Methode als Brutparasitismus bezeichnet. Während sich der Kuckuck angeborenes Verhalten zunutze macht, manipuliert der Mensch sowohl ererbte als auch erworbene Verhaltensnormen, um andere Menschen seinem Willen zu unterwerfen und sich dienstbar zu machen.
Bei den vom Menschen gebildeten Leistungskörpern kommt einem anderen fördernden Umweltfaktor seit jeher eine besondere Bedeutung zu: den "guten Beziehungen". Mit ihrer Hilfe werden - ganz ebenso wie durch andere "günstige Umweltbedingungen" - angestrebte Geschäftsziele oft wesentlich einfacher, schneller und kostengünstiger erreicht. Den berufstätigen Menschen bringen Freundschaften und andere persönliche Kontakte weiter. In den großen Erwerbsorganisationen arbeiten ganze Public-Relations-Abteilungen daran, ein für das Unternehmen günstiges und förderliches "Umweltklima" zu schaffen. Auch hier gilt das, was eingangs über die Nutzung günstiger Umweltbedingungen gesagt wurde: Der Aufbau des Funktionsträgers "PR-Abteilung" bedeutet zwar zunächst für das Energon einen Energieaufwand, begünstigt aber in weiterer Folge den Absatz der Produkte und somit den Energieerwerb des Energons, so daß sich die Bilanz insgesamt sogar verbessert. Auch Modeerscheinungen und gesellschaftliche Trends können zu fördernden Faktoren einer Erwerbsorganisation werden. Auch hier gilt es, diese rechtzeitig zu erkennen und das Angebot darauf abzustimmen.
Wie die bisherigen Beispiele gezeigt haben, macht die Nutzung günstiger Bedingungen in den allermeisten Fällen eigene Funktionsträger, also eigene Aufwendungen nötig. Gehen fördernde Wirkungen von anderen Energonen aus, so können diese über Gegenleistungen erworben werden. Als Beispiel eignet sich auch hier die Verbreitung der Pflanzensamen: Wird diese vom Wind bewerkstelligt, benötigt der Same eigene Flugeinrichtungen. Übernehmen Vögel diese Aufgabe, so bietet die Pflanze eine Gegenleistung in Form schmackhafter Früchte an. Bei der Bestäubung durch Insekten ist es nicht anders. Neben den Funktionsträgern "Blüte" und "Duftstoff" bietet die Pflanze zuckerhaltigen, energiereichen Nektar, um an die Bewegungsenergie des Insektes zu gelangen. Auch in diesem Fall handelt es sich um ein Tauschgeschäft: Das Insekt erwirbt mit dem Nektar benötigte Stoffe und Energie, die Pflanze im Gegenzug einen fördernden Umweltfaktor in Gestalt benötigter Fremdenergie. Wird der Tauschakt obligatorisch und sind die beiden Partner mehr oder weniger dauerhaft miteinander vereint und aufeinander angewiesen, dann spricht man von Symbiose. Durch solche entstehen aber bereits Energone nächst höherer Integration, auf die wir im fünften Kapitel noch näher eingehen werden.
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Anforderungen der inneren Organisation
Ebenso wie man die einflußnehmenden Faktoren an der Außenfront der Energone in klar unterscheidbare Gruppen (Sektoren) unterteilen kann, so ergeben sich auch im inneren Gefüge jedes Energons Probleme, die praktisch in jeder Organisation auftreten und Maßnahmen erfordern, die man in klar unterscheidbare "Sektoren der Innenfront" unterteilen kann. Sie machen weitere Funktionsträger notwendig, welche arbeitsfähige Energie (freie Enthalpie) benötigen, also verbrauchen: einerseits zu ihrer Bildung oder Beschaffung und andererseits zu ihrer laufenden Leistungserbringung.
Erstens müssen alle Funktionsträger eines Energons in irgendeiner Form dauernd oder für die Zeitspanne ihrer benötigten Leistung an das Energonganze gebunden sein. Zweitens müssen vielfach Bewegungsabläufe verschiedener Funktionsträger miteinander koordiniert sein. Drittens müssen die Funktionsträger in Lage, Größe und Leistung aufeinander und auf das Energonganze abgestimmt sein, damit gegenseitige Störungen und Fehlausgaben minimiert werden. Viertens sind Funktionsträger der Instandhaltung, Reparatur oder Erneuerung, also der Aufrechterhaltung des gesamten Leistungsgefüges, von unabdingbarer Wichtigkeit. Fünftens sind Funktionsträger von entscheidender Bedeutung, welche zu Strukturverbesserungen und zur Ausbildung neuer, effizienter Energonarten führen.
Auch zwischen den einzelnen Sektoren der Innenfront sind nicht immer eindeutige Grenzziehungen möglich. Auch hier kann sehr wohl ein Funktionsträger zusätzlich auch in anderen Bereichen des Energongefüges in Mehrfunktion oder Funktionserweiterung weitere Aufgaben erfüllen. Trotzdem ist aber hier - ebenso wie an der Außenfront der Energone - die funktionelle Verwandtschaft so deutlich, daß eine gedankliche Abtrennung sinnvoll erscheint und nicht nur den Überblick erleichtert, sondern das gesamte Leistungsgefüge auch einer rechnerischen Erfassung besser zugänglich macht.
Sämtliche Funktionsträger sind funktionelle Antworten auf Anforderungen und Probleme, welche die Abstimmung nach außen und die innere Organisation der Energone mit sich bringt. Sie werden von Energonen mit höchst unterschiedlichen Erwerbsarten und unter verschiedensten Umweltbedingungen gleichermaßen benötigt. Die Energontheorie postuliert, daß auch diese für sämtliche Energone relevante Einteilung die enge Verwandtschaft aller, vom Einzeller bis zum industriellen Großunternehmen, trotz ihrer großen äußerlichen Verschiedenheit dokumentiert und beweist.
Bindung
Alle Funktionsträger eines Energons müssen auf irgendeine Weise an dieses gebunden sein. Ohne Bindung kann ein Funktionsträger nur ausnahmsweise, durch Zufall, eine für das Energon relevante Leistung erbringen. Dient ein Funktionsträger mehreren Energonen, dann bestehen zu jedem einzelnen eigene Bindungen. Auch zwischen zwei oder mehreren selbständigen Energonen können Bindungen entstehen. Je nach Beschaffenheit der Energone bzw. ihrer Funktionsträger lassen sich verschiedene Arten der Bindung unterscheiden. Daß dabei Phänomene, die nach herkömmlicher Betrachtungsweise nicht das Geringste miteinander zu tun haben, in
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denselben Sektor der Innenfront einzuordnen sind, ist eine Konsequenz, die sich aus der Sichtweise der Energontheorie ergibt: Nicht sinnfällige Ähnlichkeit ist ausschlaggebend, sondern funktionelle Notwendigkeit!
Bei den Organismen sind die einzelnen Funktionsträger in der Regel fest miteinander verwachsen. Die Zellen sind durch eigene Einheiten - Desmosomen und Schlußleistenkomplexe bei den Tieren und Mittellamelle bei den Pflanzen - verbunden. Dazu kommen bei den Tieren verschiedene Arten von Bindegeweben, aber auch Knorpel und Knochen stehen neben ihrer Stützfunktion im Dienste der Bindung von Körperteilen. Diese Bindungen können mehr oder weniger fest sein. Sollen einzelne Einheiten gegeneinander bewegt werden, entsprechen Gelenke dieser funktionellen Anforderung. Auch die menschliche Technik hat zahlreiche Möglichkeiten hervorgebracht, um Funktionsträger aneinander und an Energone zu binden. Mörtel, Schrauben, Leim, Drähte, Klammern, Lötmetalle, Steckverbindungen und Gelenke sind nur einige Beispiele für technische Bindemittel, deren Beschaffenheit von den zu bindenden Einheiten abhängt. Sämtlichen angeführten Beispielen ist gemeinsam, daß die jeweiligen Teile, ob es sich nun um Zellen oder Metallplatten handelt, durch Bindemittel oder komplexere Funktionsträger unmittelbar und entsprechend fest aneinander gefügt werden.
Es gibt aber noch eine zweite, prinzipiell andere Möglichkeit der Bindung, bei welcher die einzelnen Teile nicht unmittelbar zusammenhängen, sondern durch eine Art von "unsichtbarem Band" miteinander verbunden sind. Diese Bindungen kommen durch angeborene oder erworbene Verhaltensweisenzustande. Bei Tierarten, welche Brutpflege betreiben, wird eine Bindung der Jungen an ihre Eltern von angeborenen Verhaltensprogrammen bewirkt. Entenküken werden während der dreizehnten bis sechzehnten Stunde nach dem Schlüpfen auf ihre Mutter geprägt, wobei nur die Fähigkeit, eine derartige Bindung einzugehen, angeboren ist, nicht aber die Information, wie die Mutter auszusehen hat. Aus diesem Grund folgen junge Enten jedem beliebigen Objekt nach, das ihnen während der sensiblen Phase dargeboten wird. Eine andere Form der Bindung bei Tieren wird ebenfalls durch angeborene Verhaltensrezepte bewirkt - die sexuelle Bindung.Manche Tierarten gehen sogar eine lebenslange Verbindung mit ihrem Geschlechtspartner ein, die in der Verhaltensforschung als "Ehe" bezeichnet wird. Bei Graugänsen, deren Bindung zum Ehepartner besonders stark ist, wird diese durch ein besonderes Verhaltenszeremoniell eingeleitet.
Auch die "Bandbildung" zwischen Menschen beruht zu einem guten Teil auf angeborenem Verhalten, das jedoch vielfach von einer Reihe kulturell bedingter, erworbener Verhaltensnormen überlagert wird. Bei der Bindung von Mitarbeitern an eine Erwerbsorganisation kommen beispielsweise sowohl angeborene als auch erworbene Verhaltensweisen zum Tragen. Neben dem angeborenen Streben nach Sicherheit und Gemeinschaft spielt dabei diefinanzielle Bindung eine nicht unwesentliche Rolle. Dazu kommen verschiedene kulturelle Normen wie Verantwortungs- und Pflichtgefühl, welche die Bindung noch weiter festigen. Ein im Bereich der vom Menschen aufgebauten Energone beinahe universell verwendbarer Funktionsträger der Bindung ist der Vertrag. Ein Vertrag muß so beschaffen sein, daß durch ihn eine Bindung zustandekommt und diese auch hält, was durch schriftliche, formgebundene Abfassung, durch Zeugen oder einen Notar gewährleistet werden kann. Anzahlung, Konventionalstrafe, Bürgschaften u.a. sind Beispiele für Verstärkungen der durch Verträge bewirkten Bindung. Ein guter Teil der Zivilgesetzgebung beschäftigt sich
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mit Fragen des Eigentumsrechtes, also mit dem Problem der Bindung von zusätzlichen Organen an Energone. Diese wird durch eine Vielzahl von Bestimmungen geregelt, deren Einhaltung heute meist nur mehr im Rahmen von organisierten Staatsgebilden gewährleistet ist. Letztendlich kommt also dem Staat auch die Aufgabe der Aufrechterhaltung und der Sicherstellung dieser Art von Bindungen zu.
Einige weitere "Bänder" sind zwar weniger sinnfällig, jedoch für die Entfaltung der Berufskörper und Erwerbsorganisationen nicht minder wichtig. So können gute Geschäftsbeziehungen zwischen Betrieben eine wesentlich stärkere und dauerhaftere Verbindung herstellen, als Verträge jemals dazu in der Lage wären. Und eine starke Motivation mag mitunter einen wesentlich größeren Anteil an der Bindung eines Mitarbeiters an sein Unternehmen haben als sämtliche vertraglichen Verpflichtungen und finanziellen Anreize. Einer der Erfolgsfaktoren der japanischen Wirtschaft ist ja bekanntlich die emotionale Bindung des Funktionsträgers "Mitarbeiter" an das Energon "Erwerbsorganisation".
Funktionellen Kriterien folgend können Bindungen folgendermaßen eingeteilt werden: Bei der direkten Bindung werden zwei Einheiten mit Hilfe eines bindenden Funktionsträgers zusammengefügt, beispielsweise zwei verleimte Holzplatten oder zwei durch Verträge gebundene Geschäftspartner. Sind zwei Einheiten jeweils mit einer dritten Einheit und somit auch untereinander verbunden, so sprechen wir von indirekter Bindung. Ein Beispiel dafür sind die Mitarbeiter eines Unternehmens, welche alle an dieses gebunden sind und dadurch auch untereinander eine Bindung eingehen. Weiterhin können Bindungen permanent oder temporär sein. Permanente Bindungen bleiben während der gesamten Lebens- oder Funktionsperiode eines Energons aufrecht, temporäre Bindungenhingegennur für eine bestimmte Zeitspanne. Die menschliche Hand ist beispielsweise ein vielseitiger Funktionsträger im Dienste temporärer Bindungen. Mit Hilfe der Hand können zusätzliche Organe zeitweilig an den Körper gebunden und wieder abgelegt werden. Auch das Mieten leistungserbringender Einheiten stellt eine zeitlich begrenzte Bindung dar.
Wie die Beispiele zeigen, können Bindungen außerordentlich vielfältig sein, doch worauf es wirklich ankommt, ist nicht die Art der Bindung, sondern die dadurch gewährleistete Verfügbarkeit von Funktionsträgern. Denn die Aufgabe der Bindung liegt letztendlich in der Herstellung und Sicherung der Funktionsbereitschaft. Einheiten, welche zwar formell an Energone gebunden sind, aber keine relevante Leistung erbringen oder sogar eine schädigende Wirkung ausüben - wie etwa Krebszellen oder ein Mitarbeiter, der in die eigene Tasche wirtschaftet -, sind de facto keine Funktionsträger des Energons.
Im Gefüge der Energone spielt aber noch eine andere Leistung eine wesentliche Rolle, die ebenfalls als eine Form der Bindung angesehen werden kann: Vorgänge, die im Inneren der Energone ablaufen sowie die Verhaltensweisen des gesamten Energons müssen in zeitlicher Abfolge miteinander verknüpft - koordiniert - werden.
Koordination
Ein Unterschied zwischen Koordination und Bindung besteht darin, daß alle Funktionsträger in irgendeiner Form an das Energon gebunden sein müssen, jedoch
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nicht jeder Ablauf im Energongefüge mit jedem anderen koordiniert zu sein braucht. Das zeigen etwa die Nesselzellen der Korallenpolypen, welche bei einer Reizung ihre Kapseln völlig unabhängig von der Tätigkeit der Nachbarzellen entladen. Hingegen erfordert die über den Schlag zahlreicher Wimpern zustandekommende Fortbewegung des Pantoffeltierchens bereits Funktionsträger der Koordination, denn ohne solche Einheiten würde es diesem Einzeller genauso ergehen wie einer Bootsmannschaft, wenn jedes ihrer Mitglieder in eine andere Richtung ruderte. Die Ruderer müssen zuvor vereinbarte Anweisungen und Signale befolgen. Im Falle der Wimpern sind diese untereinander durch Plasmastränge verbunden, so daß ein erregungsleitendes Netzwerk entsteht, welches einen koordinierten Wimpernschlag ermöglicht.
Es geht hier ganz allgemein darum, die Tätigkeit zweier oder mehrerer Funktionsträger eines Energons miteinander und im Sinne des gesamten Gefüges zu koordinieren, beispielsweise die Mitarbeiter eines Unternehmens, die beiden Elterntiere bei der Brutpflege oder die acht Laufbeine einer Spinne. Auch die Koordination macht Funktionsträger der Steuerung notwendig. Die vergleichende Untersuchung von Steuerungsvorgängen innerhalb koordinierter Abläufe ist Gegenstand der von Norbert Wiener 1948 begründeten Kybernetik. Diese Wissenschaft untersucht - ganz im Sinne der Energontheorie - die oft völlig verschiedenen Systemen zugrundeliegenden, gemeinsamen Steuerungsprinzipien und beschreibt diese mit Hilfe einer neutralen, allgemein gültigen Terminologie.
Für das Zustandekommen der Koordination sind mindestens vier funktionelle Einheiten nötig: Erstens muß ein sendender Funktionsträger (Sender) in der Lage sein, entsprechende Signale abzuschicken. Der Sender kann ausschließlich für diese Funktion bestimmt sein, zum Beispiel die Sendestation eines Rundfunkunternehmens oder die Pheromondrüsen verschiedener Tiere, deren Sekrete der Koordination innerartlicher Verhaltensweisen dienen. In anderen Fällen kann ein Funktionsträger in Erweiterung seiner Funktion zusätzlich die Rolle eines Senders übernehmen, wie die bunte Haut vieler Fische oder die rot-weiß gestreifte Jacke eines Straßenarbeiters. Neben ihrer Schutzfunktion übermitteln diese beiden Funktionsträger ja auch Signale an Artgenossen.
Zweite benötigte Einheit ist das Signal selbst, welches in der Kybernetik als Informations- oder Nachrichtenträger bezeichnet wird. Signale können in verschiedenster Form ausgesendet werden - vor allem sind es akustische, optische, chemische und elektrische Signale. Im Inneren von Pflanzen werden vor allem chemische Botschaften weitergegeben, Wuchs- bzw. Hemmstoffe koordinieren die Zelltätigkeit und regulieren das Wachstum. Bei Tieren werden entsprechende Botenstoffe (Hormone) in innersekretorischen Drüsen oder in bestimmten Geweben gebildet und innerhalb des Körpers über Blutbahnen transportiert.
Neben diesen beiden Signalformen spielen bei vielen Tieren auch akustische und optische Botschaften eine wichtige Rolle. Höhere Säugetiere verfügen oft über ein großes Repertoire an unterschiedlichen Lauten, hingegen konnte eine echte, mit jener des Menschen vergleichbaren Sprache bekanntlich noch bei keinem Tier nachgewiesen werden. Optische Signale werden entweder von einem spezialisierten Funktionsträger oder vom gesamten Energon ausgesendet. Im Falle des aufblasbaren roten Kehlsacks eines balzenden männlichen Fregattvogels oder der roten Karte im Fußballspiel wird das Signal von einem einzelnen Funktionsträger
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gesendet, während bei einem drohenden Gorillamännchen oder der Parade eines Militärverbandes die Signale letztendlich vom gesamten Energon ausgehen. Signale, welche der Kommunikation zwischen Individuen dienen, müssen ganz allgemein zwei wichtige Eigenschaften aufweisen: Sie müssen auffällig sein, um leicht wahrgenommen zu werden, sowie sich deutlich von anderen, zur Verwechslung führenden Signalen unterscheiden.
Um Signale zu senden, bedarf es drittens eines übermittelnden Funktionsträgers, der als Übertragungskanal oder besser als Übertragungsmedium bezeichnet wird. Bei den Hormonen sind dies die Blutgefäße, in der menschlichen Technik übernehmen Drähte oder elektromagnetische Wellen, wie etwa Radiowellen, die Weiterleitung elektrischer Impulse. Optische Signale werden ebenfalls durch elektromagnetische Wellen im Bereich des sichtbaren Lichtes, akustische Signale über Schallwellen übermittelt.
Über Kanäle oder Medien gelangen Signale zur vierten benötigten Einheit, dem Empfänger, der, mit entsprechenden Sinnesorganen ausgestattet, diese wahrnimmt. Daß dabei nicht jeder Empfänger jedes Signal aufnehmen kann, liegt auf der Hand. Das Signal muß den empfangenden Funktionsträgern entsprechend beschaffen sein, meist aus einer Vielzahl weiterer Signale herausgefiltert und nicht zuletzt vom Empfänger richtig verstanden werden.
Die interessante Problematik des Verstehens bzw. Mißverstehens von Signalen ist Gegenstand einer ganzen Reihe von Wissenschaften, von der Sinnesphysiologie und Ethologie bis hin zur angewandten Psychologie. Von der Energontheorie her ist aber wesentlich, daß ein Signal, wenn es beim Empfänger ankommt, eine entsprechende Reaktion auslöst. Hier besteht eine ebensolche Schlüssel-Schloß-Relation wie beim Verhältnis jedes Funktionsträgers zu der von ihm zu erbringenden Leistung. Schon hier kann darauf hingewiesen werden, daß bei dieser Relation, die in der Energontheorie eine wichtige Rolle spielt, eine ungewöhnliche Kausalverbindung besteht: Wie ein Schlüssel zustande kommt, ist von untergeordneter Bedeutung - wesentlich ist, daß er ein bestimmtes Schloß aufzusperren vermag. Bei den von Menschen gefertigten Schlüsseln ist man verleitet anzunehmen, daß der Schlüsselhersteller (also der Schlosser) für die Gestalt des Schlüsselbartes, der das Aufsperren bewirkt, verantwortlich ist. Das stimmt jedoch nicht. Denn die Form des Schlüsselbartes wird durch den Mechanismus des zu öffnenden Schlosses festgelegt - obwohl das Schloß kein Quentchen Energie zur Herstellung des Schlüssels beiträgt. Auf die Relation zwischen den Funktionsträgern und den von ihnen zu erbringenden Leistungen übertragen bedeutet dies, daß nicht ihr Hersteller, sondern die jeweils zu erfüllende Aufgabe festlegt, über welche Gestalt oder welches Verhalten sie verfügen müssen, um erfolgreich zu sein. Dieser in der gesamten Evolution der Energone relevante Zusammenhang, der dem Zustandekommen aller zweckdienlichen Strukturen über den Vorgang der natürlichen Auslese zugrundeliegt, wird uns im weiteren noch mehrfach beschäftigen.
Daraus ergibt sich im Bereich der Nachrichtenübermittlung noch eine weitere funktionelle Anforderung, die, obgleich sie nicht immer erfüllt wird, doch sehr entscheidend sein kann: die Kontrolle. Die effektivste Antwort auf dieses Problem ist eine fortgesetzte Rückmeldung des Empfängers an den Sender, wodurch ausgesendete Signale unmittelbar korrigiert werden können. In der Biologie wird diese Methode der Koordination Reafferenzprinzip genannt. Es erlaubt als ein nervös-reflektorischer Kontrollmechanismus die Unterscheidung der durch Eigenbewegung entstehenden Sinneswahrnehmungen von jenen, die durch Änderungen der Umwelt hervorgerufen werden. Dies ist ein Spezialfall des Regelkreises, welcher als allgemeiner Steuerungs- und Kontrollmechanismus für die Koordination der meisten Vorgänge an der Innen- und Außenfront von Energonen verantwortlich ist.
Die Modelle der Kybernetik sind in erster Linie Regelkreismodelle. Die verwendeten Begriffe sind, wie auch jene der Energontheorie, so allgemein gehalten, daß sie für verschiedenste Bereiche Gültigkeit bewahren. Für die Organismen ist die Funktion des Regelkreises so außerordentlich wichtig, daß Konrad Lorenz von ihnen sagt, "daß sie gleichzeitig mit dem Leben auf die Welt gekommen sein müssen"1. Sie sind jedoch für die gesamte Lebensentfaltung, das heißt einschließlich der vom Menschen geschaffenen Energone, von grundlegender Bedeutung, denn auch die meisten Pla-
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nungs- und Steuerungsprozesse innerhalb von Berufskörpern und Erwerbsorganisationen laufen nach diesem Prinzip ab. Wir sind an dieser Stelle deshalb etwas ausführlicher auf die Funktion der Steuerung eingegangen, weil mit der Kybernetik bereits in einem Teilbereich ein grundsätzliches Anliegen der Energontheorie verwirklicht wurde: ein gemeinsames, den einzelnen "Systemen" aus Wirtschaft, Technik und Biologie übergeordnetes, neutrales Begriffsinventar.
Am Beispiel der Koordination läßt sich das hierarchische Organisationsprinzip, ebenfalls ein Charakteristikum der Energone, gut demonstrieren. Der Aufbau der Organismen geht vom Erbrezept (Genom) aus, die einzelnen Vorgänge laufen dann vielfach weitgehend dezentralisiert ab. So erfolgt die Regulation der Körpertemperatur, des Blutdrucks und einer Vielzahl weiterer Prozesse selbsttätig in eigenen Regelkreisen; oberste "Koordinationszentrale" bleibt aber weiterhin das Genom. Dieses steuert auch den Aufbau des Zentralnervensystems, welches im Laufe der Evolution selbst zu einem Zentrum der Koordination wird. Innerhalb des von einem Menschen aufgebauten Berufskörpers ist es nach wie vor das Zentralnervensystem eben dieses Menschen, welches sämtliche Funktionsträger einschließlich der zusätzlichen Organe steuert. Auch in größeren Unternehmerbetrieben kann die Koordination noch von einer einzelnen Person ausgehen. Manche Unternehmerpersönlichkeiten wollen, obwohl ihr Betrieb bereits stark angewachsen ist, nach wie vor jede Entscheidung selbst treffen, was früher oder später in einer totalen Überlastung endet und damit negative Folgen für das gesamte Energon nach sich zieht. Zumindest in Teilbereichen muß dann die Koordination auf nachgeordnete Funktionsträger wie Geschäftsführer oder Abteilungsleiter übergehen.
Die Koordination der großen Erwerbsorganisationen und Staaten basiert in den meisten Fällen nicht mehr auf dem Zentralnervensystem eines einzelnen Menschen, sondern wird von einem ebenfalls hierarchisch organisierten, überindividuellen Kollektiv übernommen. Die höchste Ebene dieses Kollektivs - das sogenannte Top Management (oder im Staat die jeweils regierende Instanz) - koordiniert die betrieblichen Funktionsbereiche, legt die langfristige Unternehmenspolitik fest und trifft weitere Führungsentscheidungen. Wesentlich ist natürlich, ob die Anweisungen auch realisiert werden. Dazu bedarf es einerseits eines effizienten Befehlsweges von der Unternehmensspitze bis zu den unteren Stellen sowie zum anderen gewisser Kontrollinstanzen. Das zentralistisch orientierte, klassische Einliniensystem bietet klare und übersichtliche Kompetenzverhältnisse, aufgrund langer Dienstwege neigt es jedoch zu Schwerfälligkeit und Überlastung.
Eine Lösung liegt hier in der teilweisen Dezentralisierung, die etwa in der Spartenorganisation verwirklicht ist. Die Koordination der einzelnen Sparten, die etwa nach Produkten, Regionen oder Kunden organisiert sein können, erfolgt weitgehend auf autonomer Basis. Zusätzlich können flexible Stabsstellen mit der Vorbereitung von Koordinationsaufgaben betraut werden und auf diese Weise die eigentlichen Entscheidungsträger entlasten. Offenbar ist es sowohl für Unternehmen als auch für Organismen von Vorteil, wenn in Teilbereichen Steuerungsvorgänge auf untergeordnete Einheiten verlagert werden. Die Koordination großer Erwerbsorganisationen und Staaten kann nur dann effizient sein, wenn allzu starke Bürokratisierung vermieden wird. Erfahrungsgemäß sind öffentliche Stel-
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len dafür noch weit anfälliger als Unternehmen. Eine der Ursachen dafür könnte in der Explosion von Rechtsvorschriften zu suchen sein. Außerdem neigen die Funktionsträger des Staatsapparates dazu, sich immer mehr aufzublähen und sind ab einer bestimmten Größenordnung vollends damit ausgelastet, sich selbst zu verwalten (Parkinson´sches Gesetz).
Abschließend sei noch angemerkt, daß koordinierte Vorgänge innerhalb von überindividuell organisierten Energonen wie Tierstaaten, Familienverbänden oder Erwerbsorganisationen mitunter auch zum Zustandekommen oder zur Festigung von Bindungen beitragen können. Das zeigen die oft streng ritualisierten Verhaltensweisen innerhalb militärischer oder politischer Organisationen, der Kirche, aber auch in Insektenstaaten. Sie dienen nicht nur der erforderlichen Koordination verschiedenster Leistungen, sondern - in doppelter Funktion - auch der Bindung der Funktionsträger an das übergeordnete Energon.
Abstimmung
In diesem dritten "Abschnitt" der inneren Front kommt es darauf an, daß die einzelnen Funktionsträger eines Energons hinsichtlich ihrer Größe, Lage und Leistungsfähigkeit auf die Anforderungen des Energonganzen abgestimmt sind und sich bei der Ausübung ihrer Funktionen nicht gegenseitig behindern. Nur so wird das gesamte Energon zu einer leistungserbringenden und konkurrenzfähigen Einheit. Für sich gesondert betrachtet könnten sehr oft Funktionsträger leistungsfähiger sein, doch der Rahmen des Ganzen erfordert eine Beschränkung. Häufig werden Leistungen, damit das Energon effizient arbeitet, gar nicht zu 100 Prozent benötigt. Weiterhin besteht das Problem, daß sich einzelne Funktionen vielfach gegenseitig behindern, wenn nicht gar ausschließen. Deshalb ist wohl bei fast allen Energonen die Gesamtleistung geringer als die Summe der Leistungsfähigkeit ihrer Teile es ergäbe.
Die Beschaffenheit jedes einzelnen Funktionsträgers wird von seiner spezifischen Aufgabe bestimmt. Häufig werden auch seine Lage und seine Form dadurch - gemäß der Schlüssel-Schloß-Relation - von vornherein determiniert. Kann eine Einheit nur an einem bestimmten Ort des Energons ihre Leistung erbringen, so ist sie lagefixiert; ist dies nicht der Fall, ist sie lagevariabel. Lichtsinnesorgane und Organe der Fortbewegung können nur an sehr eng begrenzten Stellen des Körpers optimal funktionieren, während die Lage blutbildender Organe und gespeicherten Fettes weniger streng festgelegt ist. Das gleiche gilt für die verschiedenen Einheiten des industriellen Produktionsprozesses. Deren Lage kann ebenfalls nicht frei gewählt werden, sondern wird von verschiedenen Faktoren wie elektrischen Anschlüssen, Kanalisation oder Verkehrslage, aber auch von Sicherheitsbestimmungen und Umweltauflagen festgelegt.
Auch die Form von Funktionsträgern wird vielfach durch die zu erbringende Leistung bestimmt. Die Augen der Tiere sind neben ihrer Lage auch in der für ihre Funktion notwendigen Gestalt weitgehend fixiert. Dasselbe gilt etwa für eine Schiffsschraube, eine Nähnadel oder einen Hammer. Schon eine geringfügige Abänderung der optimalen Gestalt wirkt sich hier negativ auf die Leistungsfähigkeit aus. Andere Einheiten sind wiederum in ihrer Form weniger stark determiniert. Die Leber kann
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sich in den zwischen anderen Organen verbleibenden Raum einpassen, ohne in ihrer Funktion beeinträchtigt zu sein. Es kann also auch zwischen formfixierten und formvariablen Funktionsträgern unterschieden werden. Auch das sind Rahmenbedingungen der Lebensentfaltung.
Die von der Funktion her festgelegte optimale Lage und Form der einzelnen Einheiten findet oft deshalb keine praktische Verwirklichung, weil sie eben nur in Abstimmung mit anderen Einheiten realisiert werden kann. Vielfach tritt eine gegenseitige Störung von Funktionsträgern auf, welche es zu minimieren gilt. Goethe schreibt in seiner Metamorphose der Tiere: "...denn alle lebendigen Glieder widersprechen sich nie und wirken alle zum Leben". Dieser Satz enthält viel Wahres, doch können Energone dies eben nur über die verschiedensten Kompromisse erreichen. Überschneiden sich die optimalen Lagen zweier Funktionsträger innerhalb eines Energons, so müssen sie sich zu Gunsten des Ganzen vom Optimum entfernen - ein räumlicher Kompromiß wird eingegangen. Behindern sich zwei Funktionen insofern, als sie nicht gleichzeitig erfolgen können, was zum Beispiel beim Atmen und Schlucken der Fall ist, so hilft ein zeitlicher Kompromiß, die Kollision zu vermeiden. Bei Schlangen beispielsweise dauert der Schluckakt aber so lange, daß ein zeitliches Ausweichen ohne Ersticken nicht möglich wäre. Ein Ausweg war nur über eine räumliche Verlagerung des Funktionsträgers "Luftröhre" zum vorderen Ende des Mundraumes hin möglich.
Bei der Herstellung von Produkten, welche ja die eigentlichen Erwerbsorgane vieler Betriebe sind, können ebenfalls zeitliche Engpässe auftreten. Oft wird für die Produktion zweier unterschiedlicher Artikel dieselbe Maschine benötigt, deren Kapazität aber zu gering ist, um beide in gewünschter Anzahl herzustellen. So muß die Produktion eines der beiden zugunsten des anderen reduziert werden oder ganz entfallen. Die Entscheidung über diesen Kompromiß fällt in der Praxis nach einer mitunter umfangreichen Kosten-Nutzen-Rechnung, wobei in der Regel dem für den Energieerwerb und die Effizienz des gesamten Energons bedeutenderen Produkt der Vorrang eingeräumt wird.
Ein neu hinzugekommener Funktionsträger muß immer mit den bereits vorhandenen in Einklang gelangen. Ist weder räumliches noch zeitliches Ausweichen möglich, muß über zusätzliche Hilfseinrichtungen ein funktioneller Kompromiß zustandekommen, um einen reibungslosen Ablauf der beteiligten Funktionen sicherzustellen. Ein eindrucksvolles Beispiel bietet der Blutkreislauf der Wirbeltiere: bei den Fischen existiert nur ein einfacher Kreislauf. Das Fischherz ist demnach auch nur als einfaches Rohr ausgebildet, das seiner Aufgabe ohne weiteres gerecht wird. Mit dem Übergang auf ein neues Atmungsorgan, die Lunge, tritt jedoch eine schwerwiegende Komplikation auf. Ein doppelter Kreislauf wird erforderlich (Körper- und Lungenkreislauf), wodurch nun sowohl sauerstoffreiches als auch -armes Blut an das Herz herangeführt wird, was eine Trennung beider Blutströme notwendig macht. Für diese Aufgabe ist aber die Konstruktion des einfachen Fischherzens nicht geeignet. Bei den Amphibien kommt es nach wie vor zu einer Durchmischung beider Blutströme in der Hauptkammer, und auch bei den Reptilien ist die Trennung der Hauptkammer nicht vollständig. Es entstanden in der Folge eine Reihe von Hilfseinrichtungen, welche die beiden Ströme besser voneinander abgrenzten, doch erst das doppelte, aus zwei getrennten Vor- und Hauptkammern bestehende Herz der Vögel und Säuger stellt eine
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vollkommene Beseitigung dieser Schwierigkeit dar. Eine der Ursachen für die raschere Ermüdbarkeit und geringere Leistungsfähigkeit der Amphibien und Reptilien liegt in diesem, bei ihnen nur unvollständig gelösten funktionellen Problem.
Werden die funktionellen Gegensätze so gravierend, daß keine Kompromisse mehr möglich sind, so hilft nur eine gegenseitige Abschirmung der einander störenden Funktionsträger. Diese kann bei den vom Menschen aufgebauten Energonen, deren Funktionsträger nicht fest miteinander verwachsen sind, naturgemäß leichter zur Realisierung gelangen, als bei den Organismen, welche auf schrittweise Veränderungen angewiesen sind, die den Selektionswert nie wesentlich vermindern dürfen. Unser ständig pumpendes Herz ist, um innere Reibung und Schädigung von benachbarten Organen zu vermeiden, durch den flüssigkeitsgefüllten Herzbeutel abgeschirmt. Eine andere Art der Abschirmung ist aus dem Wirtschaftsleben bekannt. Hat ein neues Produkt mit dem bereits bestehenden Angebot eines Unternehmens oder des Firmenprofils keine erkennbaren Gemeinsamkeiten mehr, so ist die Isolation des Produktimages ein möglicher Ausweg. Durch einen neuen Markennamen und differenzierte Marketingstrategien wird das Produkt gleichsam vom Unternehmen abgeschirmt und eine gegenseitige negative Beeinflussung unterbunden. Genausogut kann der Unternehmer auch eine Tochterfirma mit anderem Namen gründen - so stellt etwa Daimler Benz unter dem Markennamen "Mercedes" Automobile und unter mehreren anderen (z.B. "Dasa") Rüstungsgüter her. Auch ein Schriftsteller, der etwa ein brisantes Werk unter einem Pseudonym veröffentlicht, kann bestrebt sein, dieses Produkt von seinem restlichen Energon abzuschirmen, um Störungen zu vermeiden.
Durch geeignete Abstimmung können allerdings nicht
nur störende Wirkungen vermieden, sondern auch Förderungen eines
Funktionsträgers durch andere erreicht werden. Gegenseitige Förderung
kommt oft über Erweiterung, Anlagerung oder Zusammenlegung von Funktionen
zustande, über Prozesse, auf die wir im Rahmen der Funktionsdynamik
noch näher eingehen (Kapitel 3).
Die bisher besprochenen Beispiele betreffen nicht alle Funktionsträger in gleichem Maße. Eine weitere, bedeutende Art der Abstimmung ist aber für jeden einzelnen Funktionsträger der Energone relevant, nämlich die Abstimmung der Teile auf das Ganze: die Integration aller Funktionsträger in den Leistungsrahmen eines Energons. Je reibungsloser diese gelingt, um so größer wird die Leistungs- und Konkurrenzfähigkeit. Funktionsträger dürfen in Relation zum Energon nicht zu klein oder zu groß sein, nicht zu schnell oder zu langsam, weder zu leistungsfähig noch zu leistungsschwach, usw. Denn ist ein Funktionsträger zu groß und aufwendig, dann verursacht er unnötige Energieausgaben. Ist er hingegen zu klein oder zu wenig effizient, dann kann er zum "schwächsten Glied in der Kette", zur Schwachstelle für das gesamte Energon werden. Für Erwerbsorganisationen gilt es, solche Schwächen zu erkennen und zu beseitigen. Ist dies nicht möglich, so muß sich die gesamte Planung nach diesem schwächsten Teilbereich ausrichten. In der Betriebswirtschaftslehre spricht man dann von einer "Dominanz des Minimumsektors".
Die scheinbar perfekte Harmonie lebender Organismen, welche Goethe zu der bereits zitierten Feststellung veranlaßte, daß alle lebendigen Glieder sich nie widersprechen und alle zum Leben wirken, ist das Ergebnis eines Jahrmillionen lang
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andauernden Selektionsprozesses. Doch auch hier können Probleme bei der Abstimmung der Teile auf das Ganze auftreten. Männliche Merkmale etwa, welche eine Rolle bei der Paarbildung spielen - wie etwa lange Federn oder große Geweihe -, können durch fortgesetzte einseitige Bevorzugung durch die Weibchen extreme Dimensionen annehmen und so der Abstimmung auf das Ganze zuwiderlaufen. Bekanntestes Beispiel ist das Geweih des ausgestorbenen Riesenhirsches, das eine Spannweite von über 3,5 Meter erreichte. Der Genetiker Ronald A. Fisher (1930) bezeichnete diese kontinuierliche Eskalation durch sexuelle Selektion als "Runaway"-Prozeß. Die mangelnde Abstimmung der männlichen Merkmale auf den Gesamtorganismus kann dann zu einer Schädigung der gesamten Population und letztendlich auch zum Aussterben von Arten führen.
Erhaltung
Zu den bisher angeführten Anforderungen, die bei jedem Energon entsprechende Funktionsträger notwendig machen, kommt noch eine weitere hinzu, die jedes Energon zu bewältigen hat. Nicht nur muß jedes Energon Energie und Stoffe erwerben, sich gegen ungünstige Umwelteinflüsse schützen und günstige nach Möglichkeit wahrnehmen; nicht nur müssen bei jedem Energon alle Funktionsträger in irgendeiner Weise an dieses gebunden, manche in ihren Tätigkeiten mit anderen koordiniert und alle Funktionsträger in Lage, Größe, Leistung usw. aufeinander und auf das Energonganze abgestimmt sein; es muß außerdem jeder Funktionsträger gewartet, seine Funktionsfähigkeit muß erhalten werden! Daß Funktionsträger während der gesamten Lebens- oder Erwerbsperiode des Energons ohne weitere Maßnahmen funktionieren, ist eher die Ausnahme. Meist sind dazu laufende Aufwendungen erforderlich.
Erste Notwendigkeit zur Erhaltung der Funktionsträger ist ihre Versorgung mit Energie und Stoffen. Beides erwirbt das Energon als zentrale Leistung, doch müssen aufgenommene Energie und Stoffe auch entsprechend verteilt werden. Bereits einzellige Organismen haben für diesen Zweck ein eigenes Transportsystem ausgebildet: das sogenannte endoplasmatische Retikulum. Innerhalb komplexerer Energone liegt die Lösung des Verteilungsproblems in der Errichtung umfangreicher Leitungssysteme. Im Körper der Pflanzen werden Wasser und Assimilate in den Leitbündeln transportiert. Bei den Tieren übernehmen entsprechende Gefäßsysteme die Verteilung. Die Versorgungseinheiten der Energone weisen untereinander eine große funktionelle Ähnlichkeit auf. In den Berufskörpern und Erwerbsorganisationen erfolgt die Verteilung ebenfalls über Rohre, Drähte, Kabel, usw. Auch Nachrichten und Signale können auf diese Weise an ihren Bestimmungsort gelangen. Telegraphen- und Telephonleitungen sind ebenso Funktionsträger der Nachrichtenübermittlung wie das Blutgefäßsystem, welches in zusätzlicher Funktion auch Botschaften in Form von Hormonen transportiert. Mit der neuen menschlichen Erwerbsform über doppelte Tauschakte ist aber noch eine zweite, grundsätzlich andere Möglichkeit der Versorgung von Funktionsträgern hinzugekommen: Innerhalb von Erwerbsorganisationen tätige Menschen erhalten Geld als universell verwendbare Anweisung auf Leistungen, Stoffe und Energie.
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In logischer Konsequenz bringt die Versorgung mit Stoffen die Notwendigkeit der Entsorgung mit sich. Bei verschiedensten Prozessen, die im Inneren des Energons ablaufen, fallen Abfallprodukte an, die für das Energon wertlos oder gar schädlich sind. Schon manche Einzeller verfügen deshalb über spezielle Zellorgane, die pulsierenden Vakuolen, mit deren Hilfe sie Abfallstoffe entsorgen. Die Exkretionsorgane der Vielzeller sind recht unterschiedlich beschaffen, sie bestehen jedoch immer aus Einheiten, welche Stoffe im Körperinneren aufnehmen, sowie aus einem Leitungssystem, über welches diese an die Außenwelt abgegeben werden. Ist es nicht möglich, die Stoffe aus dem Gefüge des Energons zu entfernen, so können diese auch an Orten gespeichert werden, wo sie keine negativen Auswirkungen mehr haben. Viele Pflanzen deponieren ihre Stoffwechselendprodukte in Form von Oxalsäurekristallen in abgestorbenen Zellen. Manche Abfallprodukte erweisen sich aber auch in einer neuen Funktion für das Energon als nützlich. So können die abgelagerten Kristalle der Festigung der Pflanze dienen, und auch die Hautpigmente vieler Fische werden aus Stoffwechselendprodukten gebildet.
Günstig auf die Energiebilanz von Energonen kann
sich auswirken, wenn einmal aufgenommene Stoffe erst gar nicht ausgeschieden,
sondern wiederverwertet werden. Manche Spinnen verzehren ihre abgenutzten
Netze und führen, wie errechnet wurde, auf diese Weise bis zu 95%
der Spinnseide einem Recyclingprozeß zu. Daß bei den vom Menschen
aufgebauten Energonen die Entsorgung mitunter ein größeres Problem
darstellt als die Versorgung, liegt auf der Hand. Als problematisch erweist
sich die Tatsache, daß es heute für die Energiebilanz vieler
Erwerbsorganisationen günstig ist, Abfälle so rasch und einfach
als möglich an die Umwelt abzugeben. Solange das so bleibt, ist auch
keine wesentliche Verhaltensänderung zu erwarten, denn das Wirken
von Energonen wird ja generell von der Notwendigkeit einer positiven Energiebilanz
diktiert. Hier können nur über Einsicht die wirtschaftlichen,
politischen und vor allem die finanziellen Rahmenbedingungen dahingehend
verändert werden, daß Recyclingmethoden attraktiver werden,
sprich, mehr zur positiven Bilanz eines Unternehmens beitragen als die
ungehemmte Erzeugung von Abfällen.
Eine Reihe von Funktionsträgern bedarf über die Ver- bzw. Entsorgung hinaus auch noch der Pflege und Wartung. Das Einfetten des Entengefieders mit einem öligen Sekret aus der Bürzeldrüse dieser Vögel und die Behandlung von Schuhen oder Autos mit wasserabweisenden Substanzen stellt, so verschieden es sich auch darstellen mag, eine echte Funktionsverwandtschaft dar. Beide Vorgänge dienen der vorbeugenden Instandhaltung von Funktionsträgern, die ungünstigen Einwirkungen ausgesetzt sind. Eine andere Form der Wartung von Funktionsträgern ist deren regelmäßiger Gebrauch, denn auch dadurch wird die Funktionsbereitschaft erhalten. Daß viele Funktionsträger, auch jene unseres Körpers, regelmäßig gewartet bzw. aktiviert werden müssen, ist bekannt. Weniger einleuchtend ist auf den ersten Blick, daß auch Verhaltensprogramme, die ja aus Sicht der Energontheorie ebenso als funktionelle Einheiten aufzufassen sind wie Organe, von Zeit zu Zeit aktiviert werden müssen, um erhalten zu bleiben. Besonders die erlernten Fähigkeiten müssen regelmäßig ausgeübt und in diesem Sinne "gepflegt" werden. Neben dem Gebrauch von Funktionsträgern kann auch deren Nichtgebrauch zur Erhaltung beitragen. So verhindern Ruhepausen und Stilliegeperioden, denen auch der Schlaf zuzurechnen ist, eine Schädigung durch Überbeanspruchung.
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Kann ein Energon aus seiner Umwelt nicht genügend Stoffe und Energie beziehen, so muß die Erhaltung der Funktionsbereitschaft über Reserven erfolgen. Entsprechende Reservestoffe werden in einzelnen Zellen, innerhalb von Geweben oder spezialisierten Organen, Lagern, Depots und Silos gespeichert. Mit der menschlichen Erwerbsform über Tauschakte trat hier eine andere, neue Form der Reservenbildung auf. Der Universalvermittler Geld kann in beliebiger Menge angesammelt und auch komprimiert und bei Bedarf rasch in benötigte Leistungen zurückverwandelt werden.
Tritt eine Schädigung von Funktionsträgern auf, so erfordert die Erhaltung der Leistungsfähigkeit Reparatur oder Ersatz. Dabei besitzen naturgemäß die zusätzlichen Organe des Menschen gegenüber den fest verwachsenen Funktionsträgern der Organismen einen entscheidenden Vorteil. Sie können wesentlich leichter ausgebessert oder vollständig erneuert werden. Die Möglichkeiten der Reparatur und Erneuerung scheinen hier, von der Kostenfrage abgesehen, nahezu unbegrenzt. Dagegen ist die Regenerationsfähigkeit der Organismen nur in beschränktem Ausmaß gegeben und nimmt im allgemeinen mit zunehmender Organisationshöhe ab. Bei einigen Wirbellosen ist auch der Teil befähigt, das Ganze zu regenerieren. Seesterne können mitunter aus einem einzigen Arm einen vollständigen Seestern bilden, bei Strudelwürmern (Planarien) vermag ein Hundertstel, bei Süßwasserpolypen zwei Hundertstel des ursprünglichen Körpervolumens das ganze Tier zu ersetzen. Fische und Amphibien können immerhin noch ganze Extremitäten erneuern. Das Regenerationsvermögen der Vögel und Säugetiere ist dagegen nur gering und beschränkt sich auf die Heilung von Wunden und Knochenbrüchen. Im Unterschied zu diesen Formen der reparativen Regeneration ersetzt die physiologische Regeneration Körperteile, welche durch die normale Tätigkeit fortlaufend verbraucht werden, wie etwa die oberste Hautschichte, Haare, Federn und andere. Das sind sozusagen die Verschleißteile des Organismus, die, ebenso wie die Bremsbeläge, die Kupplungsscheibe oder die Stoßdämpfer eines Autos, regelmäßig erneuert werden müssen.
Abgesehen von der Erhaltung der Funktionsträger müssen aber auch innere Zustände des Energons, welche das Resultat feiner Abstimmungsprozesse sind, in ihrer Gesamtheit aufrechterhalten werden. So ist die Konstanthaltung des inneren Milieus von Organismen, welches unter anderem von der Körpertemperatur, dem pH-Wert und osmotischen Werten abhängt, eine elementare regulatorische Leistung des Lebens. Sie wird als Homöostase bezeichnet und erfolgt auf der Basis von Regelkreisen.
Mit der bloßen Erhaltung von Energonen und Funktionsträgern hätte jedoch eine Steigerung der Lebensentfaltung in Volumen und Potenz niemals stattfinden können. Absolut konstante Bedingungen kann es bei Energonen alleine schon deswegen nicht geben, weil sich die Umwelt ständig ändert, was kontinuierliche Anpassungen erfordert. Über Reaktionen auf geänderte Umweltbedingungen werden aber auch Fortschritte erzielt, welche mitunter zu einer Verbesserung des gesamten Energons führen.
Verbesserung der Struktur
Die Energontheorie beurteilt die Phänomene der Lebensentfaltung ausschließlich nach funktionellen Kriterien. Deshalb werden Vorgänge, die auf den ersten Blick
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nur wenige Gemeinsamkeiten aufweisen, oft derselben funktionellen Kategorie zugeordnet. Das zeigt sich wohl nirgendwo deutlicher als auf dem Sektor der Strukturverbesserung. Bei Energonen kommen drei höchst unterschiedliche Methoden der Verbesserung zur Anwendung.
Die erste wird als adaptive Modifikation bezeichnet. Sowohl Pflanzen als auch Tiere besitzen die Fähigkeit, einzelne Funktionsträger bis zu einem gewissen Grad auf Umweltbedingungen derart abzustimmen, daß sich daraus Leistungssteigerungen ergeben. So ist es etwa vielen Tieren möglich, ihre Muskelmasse durch vermehrte Beanspruchung zu vergrößern. Es handelt sich hier aber durchweg um individuell erworbene Eigenschaften, welche nach heutigem Wissensstand nicht vererbt werden können, also nur dem Individuum, jedoch nicht der Art als dauerhafte Strukturverbesserung dienen.
Eine solche kann nur erfolgen, wenn Verbesserungen auch auf die Nachkommen übertragen werden. Daraus resultiert aber ein ernsthafter Funktionskonflikt mit der artgleichen Vermehrung der Tiere und Pflanzen. Denn einerseits erfordert diese Form der Fortpflanzung, daß die Nachkommen eine möglichst identische "Kopie" der Eltern darstellen, zum anderen aber können Verbesserungen ja nur über Veränderungen zustande kommen. Je mehr unterschiedliche Varianten von Nachkommen produziert werden, mit anderen Worten, je größer die genetische Variabilität innerhalb einer Population ist, desto wahrscheinlicher wird es auch, daß sich verbesserte Individuen darunter befinden.
Es lassen sich zwei Hauptursachen für genetische Variabilität unterscheiden: erstens die Mutationen, das sind Änderungen im Erbrezept (Genom), welche auf Fehler bei der Replikation oder auf äußere Einflüsse (z.B. von Temperatur oder Giftstoffen) zurückzuführen sind. Die Wahrscheinlichkeit einer Mutation ist für ein einzelnes Gen relativ gering, in Summe wird aber geschätzt, daß 10-40% der Keimzellen des Menschen irgendein mutiertes Gen aufweisen. Die andere Quelle genetischer Variabilität ist die Neukombination(Rekombination)des Genoms. Bei der Herstellung der Keimzellen und deren anschließender Verschmelzung beim sexuellen Vorgang kommt es zu einer neuen Kombination des genetischen Materials.
Hass weist darauf hin, daß mit der sexuellen Fortpflanzung der Organismen zwei an sich völlig verschiedene Funktionen miteinander verbunden werden - und zwar jene der Vervielfältigung und der Verbesserung. Wie verschieden diese beiden Grundleistungen bei genauerer Betrachtung sind, läßt sich gut an einzelligen Organismen verfolgen. Deren Vermehrung beruht auf einer Zweiteilung des Zellkörpers. Auf diesem Wege können Verbesserungen aber nur über Mutationen und eine darauffolgende Auslese zustande kommen. Unabhängig davon treten schon bei Einzellern sexuelle Vorgänge auf, was eine Neukombination der genetischen Programme im Dienste der Verbesserung ermöglicht. Zweiteilung und sexuelle Vereinigung, Vervielfältigung und Verbesserung also, sind hier noch zwei vollkommen voneinander getrennte Akte. Bei den allermeisten Vielzellern beruht hingegen die Strukturverbesserung auf sexuellen Vorgängen, die zweckmäßigerweise dem Vorgang der Fortpflanzung unmittelbar vorgeschaltet sind. Nach bisheriger Ansicht betrachtet man die beiden mehr oder minder als Einheit. Aus evolutionärer Sicht vermählen sich dagegen zwei Aufgaben, die einander nahezu ausschließen: jene der artgleichen Vermehrung mit jener der Bildung von neuen
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Arten. Dies war eine der schwierigsten Hürden, welche die Machtsteigerung der Energone zu überwinden hatte.
Der dritte große Bereich der Verbesserung kann ganz allgemein mit dem Begriff "Lernen" umschrieben werden. Bereits wirbellose Tiere besitzen die individuelle Fähigkeit, ihre angeborenen Verhaltenssteuerungen leistungssteigernd zu modifizieren. Das geschieht jedoch nur in einem sehr bescheidenen Ausmaß, und solcherart erworbene Verbesserungen gehen praktisch nie direkt auf die Nachkommen über. Bei höheren Wirbeltieren, insbesondere bei Säugetieren und einigen Vögeln, gelangte dann diese Fähigkeit zu besonderer Ausbildung. Sie werden deshalb auch als "Lerntiere" bezeichnet. Werden verbesserte Verhaltensrezepte nicht auf dem langwierigen genetischen Weg über Mutation, Rekombination und Selektion, sondern direkt von Generation zu Generation durch Lernen auf die Nachkommen übertragen, so kommt es zur Weitergabe erlernten Verhaltens, das jedoch nur bei wenigen Tierarten in ersten Ansätzen ausgebildet ist. So lernten etwa Makaken in einem japanischen Reservat, daß man mit Sand vermischte Weizenkörner von diesem befreien kann, indem man sie samt dem Sand ins Wasser wirft, worauf der Sand absinkt und die Körner an der Oberfläche eingesammelt werden können. Über den Vorgang des Nachmachens setzte sich diese Methode von einer Generation auf die folgenden fort.
Erst beim Menschen - über Sprache und Schrift - gelangte dann diese Form der Weitergabe von erworbenen Verbesserungen zu besonderer Bedeutung, denn beinahe alle Grundlagen unserer Kultur werden ja in dieser Form "tradiert". Das menschliche Gehirn steuert so nicht nur bewußt körperliche Tätigkeiten, sondern auch den Aufbau und die zielhafte Verwendung von zusätzlichen Organen ("Werkzeuggebrauch" im weitesten Sinne). Dies führte in der Folge auch zur Entstehung von Berufstätigen und Erwerbsorganisationen, welche den Pflanzen und Tieren immer mehr überlegen wurden. Heute hat sich deren Entwicklung bereits so stark vom unmittelbaren Vorfahren des Menschen entfernt, daß man aus Sicht der Biologie den evolutionären Zusammenhang völlig übersieht. Der Mensch hörte damals auf, ein besonders intelligenter Affe zu sein und wurde zum Schöpfer immer größerer Energone. In deren Gefüge wird er schließlich - sehr analog zum Übergang von Einzellern zu Vielzellern - zum aufbauenden und steuernden Zentrum in immer größeren, leistungsfähigeren Lebenseinheiten.
Das menschliche Gehirn steuert nicht nur viele körperliche Tätigkeiten, sondern auch die Entstehung von zusätzlichen Organen, Berufstätigen und Erwerbsorganisationen. Von einem Funktionsträger der Koordination wurde es demnach in zusätzlicher Funktion zu einem Organ der Strukturbildung und in weiterer Folge zu einem solchen der Strukturverbesserung. Individuell erworbene Fortschritte wurden zunächst durch Nachahmung, später auch über Sprache und Schrift an die Nachkommen weitergegeben. Was bei Tieren noch eine Ausnahme ist, wurde beim Menschen zur Regel. Durch unser Ich-Bewußtsein und unsere besondere Fähigkeit zur Abstraktion werden Verbesserungen nicht mehr allein durch Versuch und Irrtum erzielt, sondern Hypothesen in abstrakter Form entwickelt, diese dann überprüft, verworfen oder weitergegeben.
Eine besondere Rolle spielt dabei unsere Phantasie. Denn ähnlich den Mutationen, welche genetische Variabilität erzeugen, bewirkt auch sie eine gesteigerte "geistige Variabilität", eine erhöhte Anzahl möglicher Neuerungen, die jedoch, anders
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als bei Pflanzen und Tieren, oft gar nicht erst in der Praxis erprobt werden müssen. Vieles, was unserer Phantasie entsprungen ist, wird von uns wieder aufgegeben, noch bevor wir es verwirklichen; doch einiges davon gelangt zur erfolgreichen Anwendung, nachdem wir es vor unserem geistigen Auge kritisch geprüft haben.
Zur Erfüllung seiner Aufgabe entwickelte unser zentrales
Verbesserungsorgan "Gehirn" eine Reihe zusätzlicher Funktionsträger.
Dazu zählen Schulen, Universitäten und andere Forschungsstätten
sowie sämtliche innovativen Abteilungen von Erwerbsorganisationen.
Alle diese Institutionen stehen ebenso im Dienste der Verbesserung wie
die Sexualität - im Sinne der Neukombination von Erbrezepten -, und
es zeigt sich auch deutlich die funktionelle Verwandtschaft. Beim Lesen
eines Buches verschmilzt, bildlich gesprochen, das bereits im Gehirn gespeicherte
Wissen des Lesers mit jenem des Buchautors, was zu neuen Ideen anregen
kann. Und die beiden grundsätzlichen Aufgaben der Universitäten
- Lehre und Forschung - resultieren ebenfalls aus der Anforderung, einerseits
bereits erworbenes und bewährtes Wissen möglichst unverändert
auf die Nachkommen zu übertragen und zum anderen, Fortschritte zu
erzielen. Auch die Wirtschaft ist auf ständige Verbesserungen angewiesen.
Erwerbsorganisationen stehen im Konkurrenzkampf unter einem besonders starken
Innovationsdruck, müssen also ihre Programme fortwährend modifizieren
und verbessern, um ihre Produkte erfolgreich absetzen zu können. Dabei
spielen in steigendem Ausmaß qualitative Ansprüche eine Rolle,
auf die wir noch näher zu sprechen kommen.
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Anmerkungen:
1 Siehe: Konrad Lorenz, 1978, Seite 178