I. Teil
Das Denksystem der Energontheorie
Johann Wolfgang von Goethe
(Originalbuchseite 13)
1. Über die Energontheorie
Die Entstehungsgeschichte
Gerade weil häufig nach der Entstehungsgeschichte der Energontheorie gefragt wird, sollen hier einige Zeilen vorangestellt werden, die darüber nähere Auskunft geben und auch den größeren, in sich geschlossenen Zusammenhang der wissenschaftlichen Arbeiten von Hans Hass aufzeigen.
Die als "Energontheorie" bekannt gewordene, interdisziplinäre Grundlagentheorie wurde von ihm in den Jahren 1960 bis 1970 entwickelt und in der nachfolgenden Zeit weiter ausgebaut. Bereits lange vor 1960 war Hass im Rahmen seiner meeresbiologischen Forschungen auf Zusammenhänge gestoßen, die allgemeine Gesetzmäßigkeiten der lebenden Natur und der gesamten Evolution aufzeigten. Sie führten ihn zu immer differenzierteren Fragestellungen bis hin zu der grundlegenden, naturphilosophischen Problematik: Was überhaupt ist "Leben" und welchen Gesetzmäßigkeiten unterliegt es? Lassen sich für alle Lebensformen - einschließlich der vom Menschen initiierten Strukturbildungen und Verhaltensweisen - gemeinsame Gesetzmäßigkeiten feststellen?
Die jahrzehntelange Unterwassertätigkeit, bei der Hass in Korallenriffen auf engstem Raum die Lebensgemeinschaften der Tiere und ihre zwischenartlichen Beziehungen als unbeteiligter, neutraler Außenstehender studieren konnte, führte ihn unwillkürlich auch zu einer ganz anderen Betrachtungsweise der Vorgänge über der Meeresoberfläche, besonders der mannigfachen, oft mehr als wundersamen Entfaltung des Menschen. Diese Überlegungen ließen derart faszinierende Perspektiven erkennen, daß Hass sich ab 1960, nachdem er all seine Forschungsvorhaben auf den Sektoren der Meeresbiologie und des Vordringens in eine noch unberührte Unterwasserwelt abgeschlossen hatte, ganz der Erarbeitung dieses unkonventionellen Denksystems widmete.
Der Mensch erschien Hass bei seinem neuen Forschungsansatz als Lebenskörper besonderer Art: Er setzt den Lebensprozeß nicht nur direkt über seinen Zellkörper fort, sondern indirekt auch über sämtliche von ihm verwendeten, ihm dienliche Einheiten - Werkzeuge, Waffen, Kleider, Bauten und Maschinen. Diese halfen ihm, größere und speziellere Leistungen zu erbringen und dadurch im Rahmen der natürlichen Auslese der übrigen lebenden Natur überlegen zu werden.
Bereits in der Tierwelt gibt es Arten, die nur überlebensfähig sind, weil sie aus körpereigenen oder fremden Materialien Hilfsmittel bilden, die ihnen Nahrungserwerb ermöglichen oder Schutz bieten; Beispiele sind das Netz der Spinne oder das Schneckenhaus des Einsiedlerkrebses. Hass nennt solche künstlichen Erweiterungen des somatischen Körpers "zusätzliche Organe". Sie müssen nicht aus lebenden Zellen bestehen, können vom Körper getrennt sein und dienen doch der Erhaltung der Art. Das Verhalten, das zu ihrer Bildung und Verwendung führt, ist bei Tieren genetisch programmiert. Den Selektionsvorteil, den sich Tiere durch solche "zusätzlichen Organe" verschaffen, kann die herkömmliche Evolutionslehre nicht fassen, weil sie nur den Zellkörper
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betrachtet. Hier gehört z.B. bei Einsiedlerkrebsen das Schneckenhaus nicht dazu. Aber es kommt nach Hass auf die evolutionäre Leistung eines Gefüges mit all seinen funktionserbringenden Bestandteilen an, einschließlich solcher, mit denen er nicht verwachsen ist. Hass nennt diese Gesamtheit den Leistungskörper.
Der Mensch hat schon sehr früh Werkzeuge - etwa Steinmesser oder Wurfgeräte - verwendet, jedoch nicht aufgrund genetischer Programmierung, sondern wegen seiner höher entwickelten Intelligenz. Mittlerweile verschmilzt der moderne Mensch geradezu mit seinen künstlich hergestellten Behelfen und Maschinen, was zu neuartigen Leistungen führt. Mit ihrer Hilfe vermag er vieles, wozu sein "natürlicher" Körper nicht fähig ist. Einen besonderen Vorteil erwirbt der Mensch dadurch, daß diese "zusätzlichen Organe" jederzeit ablegbar und austauschbar sind, was ihn zu einem "Spezialisten in vielseitiger Spezialisation" werden läßt.
Ausschlaggebend für jede leistungserbringende Einheit ist die jeweilige Energiebilanz: Sie muß positiv sein, damit der Leistungskörper im Lebenskampf bestehen und sich vermehren kann. Für diese energieerwerbenden Systeme prägte Hass den Begriff "Energone". Diese sind nicht durch ihre Gestalt, sondern durch ihr Leistungsergebnis definiert. Über sie entfaltet sich der Urstoff allen Lebens auf dieser Erde: die Energie.
Hass fand Übereinstimmung seiner Ansichten mit dem Weltbild der modernen Physik, in der die Energie ja ebenfalls eine zentrale Rolle spielt. Von besonderem Interesse war und ist bei seinen Forschungen der 2. Hauptsatz der Thermodynamik (Entropiesatz), der zum gedanklichen Ausgangspunkt wurde. Ein Prozeß wie das Leben, der aus sich selbst heraus wächst, erscheint nach diesem 2. Hauptsatz unmöglich - ein energetisches Paradoxon.
Bei jeder Umwandlung von einer Energieform in eine andere geht nach dem Entropiesatz Arbeitsfähigkeit verloren. Das bedeutet praktisch, daß die energetischen Phänomene früher oder später abklingen und zu Gleichgewichtszuständen führen. So wühlt der Sturm die Wellen auf, doch bald glätten sie sich wieder. Ebenso gelangen chemische Umsetzungen - aber auch galaktische Vorgänge - an ein prognostizierbares Ende. Und auch bei anschwellenden Flüssen ist es so, daß ihre sich steigernde Kraft bei Erreichen der "tiefsten", dem Erdmittelpunkt nächstgelegenen Stelle, etwa beim Einmünden ins Meer, wieder versiegt. Demgegenüber ist das Leben ein Prozeß, der dieser Gesetzmäßigkeit zu widersprechen scheint.
Vergessen wir, welche Vorstellung wir von den einzelnen Lebewesen haben und betrachten wir den Evolutionsverlauf in seiner Gesamtheit als einen Prozeß, der sich über immer größere und komplexere materielle Strukturen fortsetzt und ständig steigert. Vor rund vier Jahrmilliarden hat das Leben über kleinste molekulare Strukturen begonnen, sich dann über die gesamten Gewässer und anschließend auch über die Landgebiete ausgedehnt, hat über mannigfache Energieumwandlungen immer komplexere Leistungen erbracht, sich über den Menschen und seine Werkzeuge fortentwickelt und seither noch schneller an Macht gewonnen.
Der Lebensstrom hat im Laufe der Evolution immer mehr Materie in sich aufgenommen und seine Fähigkeit, Arbeit zu leisten, ständig gesteigert. Diese Steigerung ist meßbar, beispielsweise an der Zahl aller Lebensstrukturen bzw. an der Gesamtheit der Leistungen. Wie müssen Strukturen beschaffen sein, die dies ermöglichen, ohne dem Entropiesatz zu widersprechen? Diese Fragestellung war der Ausgangspunkt für die evolutionstheoretischen Forschungen von Hans Hass.
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Parallelen zu seinen Grundeinsichten fand Hass bei seinen Studien sowohl bei Heraklit als auch bei Empedokles (Prinzip der Selektion), Platon, Kant, Hegel, Engels, Schopenhauer und Nietzsche. Die Energontheorie knüpft dort wieder an, wo die Gedankenrichtung Goethes und einiger seiner Zeitgenossen abriß. Sie behauptet, daß sich der Lebensprozeß notwendigerweise nach einem gemeinsamen Grundkonzept entfaltet. Dieses verborgene Grundgerüst zwingt zu einer Betrachtungsweise, die sich kraß gegen unsere gewohnten Denkkategorien wendet. Wie Goethe sagte, läßt sich dieses verborgene Gemeinsame "nicht den Sinnen, nur dem Geiste nach darstellen".
Hass stellt sich gemeinsam mit Teilhard de Chardin in die Reihe jener, die sich nicht vom "Augenschein täuschen ließen". Auch Hass ist der Ansicht, daß nicht das Material und das Verwachsensein in geschlossenen Körpern, sondern Funktions- und Leistungsfähigkeit das Kriterium für die Lebensentfaltung sei. Es geht im Hinblick auf den Entropiesatz um die Frage, wie es denn möglich ist, daß aus wenig Differenziertem höher Differenziertes, aus niederen Ordnungen komplexere und leistungsfähigere entstehen.
In der Kybernetik gelangte man zu der Vorstellung, daß Information neben Materie und Energie eine dritte Grundausrichtung der Welt sei. Zunehmende Komplexität kann als Zielrichtung der Evolution angesehen werden, welche über Elementarteilchen, Atome, Moleküle, Zellen und vielzellige Lebewesen zu Strukturen von immer höherem Informationsgehalt führt. Man beschäftigte sich deshalb mit der Frage, wie Zufälle ein so hohes Maß von Zweckmäßigkeit hervorbringen können. Die Energontheorie sieht dagegen in der Lebensentwicklung ein energetisches Phänomen besonderer Art: einen Prozeß, der nicht Gleichgewichtszustände anstrebt, sondern in Potenz und Volumen zunimmt.
Nur zwei Forscher hatten bis dahin die Energiebilanz zum
Ausgangspunkt ihrer Betrachtungen gemacht: Der französische Soziologe
Ernest Solvay versuchte - im rein Theoretischen verbleibend - mathematische
Grundformeln für die Strukturen der menschlichen Gemeinschaftsbildung
aufzustellen. Der zweite war der Begründer der physikalischen Chemie
und Nobelpreisträger Wilhelm Ostwald, der 1909 sein Buch "Die energetischen
Grundlagen der Kulturwissenschaft" verfaßte. Er wandte sich mit diesem
an die Soziologen, blieb jedoch weitgehend unbeachtet. Durch Ostwald erhielt
Hass vor allem zu den vielfältigen Aspekten des Phänomens "Energie"
wichtige Anregungen. Ostwald dachte nicht evolutionär, kam jedoch
in vielen Punkten zu sehr ähnlichen Schlußfolgerungen. Er wies
darauf hin, daß sämtliche Organe und von Menschen gebildete
Werkzeuge als Energietransformatoren anzusehen seien, welche "Rohenergie"
in "Nutzenergie" verwandeln. Hass stimmt dem zu und betrachtet diese Erkenntnis
als für seine Theorie von fundamentaler Bedeutung.
Hass wandte sich nach seinen Exkursionen in die "Welt der Theorien" wieder verstärkt der mehr praktischen Forschung zu und befaßte sich mit der Erforschung des Menschen, seines Verhaltens sowie der von ihm geschaffenen, übergeordneten Systeme wie Wirtschaftsunternehmen und Staaten unter vergleichenden Gesichtspunkten. Seine Arbeiten fanden vor allem bei Konrad Lorenz großes Interesse. Daraus entwickelte sich unter anderem bereits 1963 das gemeinsam mit Irenäus Eibl-Eibesfeldt begründete Institut für Humanethologie, das heute unter dem Dach der Max-Planck-Gesellschaft weltweit Anerkennung genießt.
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Seine Grundgedanken, die sich nicht an den materiellen Erscheinungen, sondern am Leistungsergebnis orientieren, wurden von Hass 1970 in dem Lehrwerk "Energon" veröffentlicht. Diese neue Theorie steht zur bisherigen Biologie - die im weiteren als "klassische Biologie" bezeichnet wird - in keinem grundsätzlichen Konflikt. Sie behauptet nur, daß es noch einen anderen, bisher nicht beschrittenen Weg gibt, das Phänomen "Leben" zu erforschen und besser zu verstehen. Ja, es ist sogar ausdrücklich hervorzuheben, daß die Energontheorie auf der klassischen Biologie aufbaut und ohne diese gar nicht möglich gewesen wäre. Erst durch die Entdeckung der Zelle als Elementarbestandteil aller pflanzlichen und tierischen Organismen, erst durch die Abstammungslehre Darwins, die besagt, daß sämtliche Organismen von gemeinsamen Urvorfahren abstammen, erst durch die Entdeckung des genetischen Codes als universelles Werkzeug des zur Fortpflanzung nötigen Informationstransfers wurde allmählich klar, welch innige Einheit insgesamt die Lebensentfaltung darstellt. Durch die Zellentheorie von Schleiden und Schwann einerseits und durch die Darwinsche Theorie andererseits schien allerdings das verborgene Gemeinsame, das Kant, Goethe und andere gesucht hatten, bereits entdeckt zu sein.
Ebenso waren für die Energontheorie die Erkenntnisse der modernen Physik und Chemie zwingend notwendig. Erst durch die beiden Hauptsätze der Thermodynamik und die Entdeckung, welche Bedeutung der Energie und ihren mannigfachen Erscheinungsformen und Umwandlungen im gesamten Universum zukommt, stellte sich geradezu zwangsläufig die legitime Frage, ob nicht auch das Leben als ein sich kontinuierlich steigerndes Phänomen, also von seiner energetischen Seite her, betrachtet werden sollte.
Es handelt sich somit bei der klassischen Biologie und der Energontheorie ganz und gar nicht um zwei getrennte Wissenschaften, sondern nur um zwei verschiedene Forschungsansätze: Der eine geht von der Frage aus, wie die Organismen und ihre aus Zellen gebildeten Organe beschaffen sind; der andere von der weit allgemeineren Frage, wie Strukturen beschaffen sein müssen, um ein Steigerungsphänomen wie jenes des Lebens zu bewirken. Die Energontheorie geht nicht von der Untersuchung der Organismen, ihrer körperlichen Strukturen und Verhaltensweisen aus, sondern von der Beurteilung des Gesamtvorganges der Evolution des Lebens, welche aus energetischer Sicht einen Ausnahmefall darstellt.
Die Schwierigkeit, sich mit Energonforschung zu befassen, besteht darin, daß sie es gleichsam notwendig macht, alles, was man über die Organismen, ihren Aufbau und ihre Tätigkeit weiß, zunächst in den Hintergrund zu rücken, und die für alle Lebewesen notwendigen Leistungen zum Ausgangspunkt der Betrachtungen und Schlußfolgerungen zu machen.
Bei der Beschäftigung mit der Energontheorie muß man sich von den bisherigen Begriffskategorien lösen, fast so, als wollte man eine andere Sprache lernen. In erster Näherung kann man also die Energontheorie als eine Methode zur Kontrolle der Objektivität und Allgemeingültigkeit unserer bisherigen Anschauung und begrifflichen Einteilung ansehen. Im zweiten Schritt läßt sie in manchen Fällen Zusammenhänge sichtbar und relevant werden, die gleichsam in der Flut bisherigen Informationsmaterials "untergingen", also nicht adäquat beachtet wurden. Und erst in dritter Funktion deckt sie - wie diese Schrift zeigen wird - fehlerhafte Einschätzungen auf, die der bisherigen Forschung deshalb unterliefen, weil sie durch sinnfällige, subjektive Anschauung
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beeinträchtigt wurde, welche sich daraus ergab, daß der forschende Geist trotz aller Fähigkeiten der Abstraktion eben letztendlich doch an ein Lebewesen gefesselt ist, das nicht neutral und losgelöst, sondern selbst in diesem System agiert.
Dieser sehr wichtige Punkt soll noch vertieft werden: Die klassische Biologie setzt letztendlich die sinnfällige Einschätzung fort, die sich seit den weit zurückliegenden Tagen des zu logischem Denken und Ich-Bewußtsein gelangten Urvorfahren entwickelte. So stellt sich uns, um nur ein Beispiel zu nennen, jedes Individuum als sinnfällig und logisch deutliche Einheit dar. Bei den Tieren und Pflanzen können wir verfolgen, wie sie über Geburt oder Samenverbreitung entstehen, wir können ihre wichtigsten Lebensvorgänge verfolgen - etwa bei Tieren die Suche nach Nahrung, die Abwehr von Feinden und die Paarung. Wir sehen, wie die einzelnen Individuen altern, sehen, wie sie an Lebensfähigkeit verlieren und schließlich sterben. Es gibt somit nicht den geringsten Grund dafür, etwa daran zu zweifeln, daß das in einem deutlich abgrenzbaren Körper Verbundene in der Tat eine Einheit darstellt, die sich im Kampf ums Dasein, um mit Darwin zu sprechen, bewähren muß.
Deshalb muß uns der Körper der Spinne und ihr Netz als etwas Gesondertes erscheinen; ebenso der Vogel und das von ihm als Hilfsorgan der Fortpflanzung gebildete Nest; oder der Biber und sein als Hilfsorgan des Energie- und Stofferwerbes gebildeter Damm. Dieses Getrenntsein anzuzweifeln ist so unerwartet neu, daß wir hier gar nicht bereit sind, weitere Erwägungen anzustellen. Warum auch? Unser tradiertes Weltbild läßt solche Gedanken gar nicht erst aufkommen.
Gleiches trifft auch bei den Werkzeugen zu. Wohl ist uns durchaus klar, daß wir durch sie unsere Leistungsfähigkeit und somit unseren Auslesewert steigern, doch da sie nicht aus Zellen gebildet sind, nicht mit unserem Körper fest verwachsen sind und auch von anderen hergestellt sein können, erscheint es uns außerordentlich abwegig, sie als zu unserem Körper gehörig zu empfinden - was auch noch dadurch erschwert wird, daß unsere Nerven nicht in sie hineinreichen.
In der Botanik und der Zoologie hat man den erwähnten
Zusammenhängen auch deshalb bisher nur ein geringes Interesse entgegengebracht,
weil in der Pflanzen- und Tierwelt nur relativ wenige Arten zusätzliche
Organe, also Organe, die nicht durch Zelldifferenzierung aus dem eigenen
Körper entstanden sind, bilden oder verwenden. Außerdem spielt
es für die Fragestellungen der klassischen Biologie keine wesentliche
Rolle, ob, um beim angeführten Beispiel zu bleiben, das Netz als zur
Spinne gehörig angesehen wird oder nicht. Am Wendepunkt der Entstehung
des Menschen wurde dies jedoch anders. Hier führen, wie dieses Buch
zeigen soll, unsere altüberlieferten Vorstellungen, die aus Sicht
der klassischen Biologie als selbstverständlich richtig erscheinen,
zu einem grundsätzlichen Trugschluß, den die Energontheorie
aufdeckt - und der unser Weltbild geradezu dramatisch verändert.
Die auf die Veröffentlichung der Energontheorie folgenden Jahre waren in erster Linie durch ihren weiteren Ausbau in Bezug auf Anwendungen in der Wirtschaft gekennzeichnet, wo sie auf beträchtliches Interesse stieß. Besonders die energo-kybernetische Strategie EKS, eine von Wolfgang Mewes weitgehend auf den Grundlagen der Hass´schen Energontheorie entwickelte Managementstrategie, wurde im Rahmen zahlreicher Industrieseminare und durch Fernstudienkurse populär. Heute wird diese Strategie vom Informationsdienst der Frankfurter
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Allgemeinen Zeitung verbreitet. Hass entwickelte aber auch selbst Grundprinzipien für eine Wirtschaftsstrategie, die er 1988 unter dem Namen "Optimal Bartering Strategy (OBS)" veröffentlichte.
Ebenso wie die meisten anderen fächerübergreifenden Theorien hatte auch die Energontheorie vielerorts damit zu kämpfen, daß ihre Grundbegriffe sehr abstrakt sind und demnach leicht mißverstanden werden können. Vor allem wurde die Theorie häufig zu einseitig auf den Energieerwerb reduziert, was eine nicht zulässige Begrenzung bedeutet. Es hat sich deutlich gezeigt, daß sich der Energonbegriff nicht allein auf die Energiebilanz gründet, sondern hier auch der Informationsbegriff eine wichtige Rolle spielt. Außer der positiven Energiebilanz müssen Energone noch weitere Grundleistungen erbringen - sie müssen zum Beispiel Fortpflanzung bewirken. Über ein einzelnes, nur anwachsendes Energon hätte die Evolution nie stattfinden können. Artgleiche und artungleiche Vermehrung sind ebenfalls von entscheidender Bedeutung, und hier kommt dem Informationstransfer maßgebende Wichtigkeit zu. Dies wird in einem späteren Kapitel noch speziell ausgeführt.
Der Energontheorie wurde bisher kaum widersprochen, doch sah man in den unkonventionellen Querverbindungen eher oberflächliche Analogien als echte Funktionsverwandtschaften. Auch zu diesen Ansichten soll im weiteren Stellung genommen werden.
Ausgehend von seiner Energontheorie befaßte sich Hass auch mit Fragen zur Weiterentwicklung der Arten und legte die daraus abgeleiteten Ergebnisse 1994 in seiner Hyperzellertheorie nieder, die - stark vereinfacht ausgedrückt - die Evolution der Energone beschreibt. Die Energontheorie an sich sagt ja nur wenig über die Entstehungsweise der verschiedenen Energongruppen aus, sie beschäftigt sich mit den Rahmenbedingungen der Lebensentfaltung und nur am Rande mit dem Weg ihrer evolutionären Entwicklung. Eine Erklärung für diese - und somit die neben der Energontheorie zweite von Hass vorgelegte Theorie - bezeichnete er als erweiterte Evolutionstheorie bzw. Hyperzellertheorie. Hauptargumente sind dabei die Auswirkungen der "zusätzlichen Organe" und des Überganges von Leistungen des Genoms auf das Zentralnervensystem. Die Theorie der Hyperzeller entspringt zwar der Denkweise, zu welcher die Energontheorie führt, ist aber nicht bloß Bestandteil derselben.
Darwins Deszendenztheorie erklärt nach Hass die Vorgeschichte, die zur Entstehung der Menschen geführt hat. Die Theorie der "Hyperzeller" als erweiterte Evolutionstheorie schließt unmittelbar an Darwins Lehre an und befaßt sich mit dem Evolutionsverlauf, der über den Menschen hinweg seinen Weg nahm. Nicht der nackte Mensch, sondern die größere und leistungsfähigere Einheit - der "Hyperzeller" - setzt die Entfaltung der Einzeller und Vielzeller fort. Diese Betrachtungsweise von Hass beruht auf der Annahme, daß die natürliche Auslese in letzter Konsequenz nicht an den materiellen Gefügen und an den Verhaltensweisen ansetzt, sondern am Leistungsergebnis. Denn die meisten lebensnotwendigen Leistungen können auf mehr als eine Weise erbracht werden, und die meisten der für Leistungen maßgebenden Kriterien sind meßbar. Auch hier schließt Hass an Darwin an, indem er sich an die von ihm erkannte natürliche Auslese hält, sie allerdings näher prüft.
Diese Sichtweise der erweiterten Evolutionstheorie von Hass nimmt dem Menschen seine Sonderstellung in der Natur. Zum einen findet er sich nur noch als kleines, steuerndes Zentrum im Universum seiner zusätzlichen Organe, zum ande-
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ren unterliegt nach dieser Theorie die soziokulturelle Evolution des Menschen genau den gleichen Rahmenbedingungen der Lebensentfaltung wie die biologische Evolution.
Soviel zur Entstehungsgeschichte der Energonforschung. Was sind nun die genauen Inhalte und grundlegenden Aussagen der Energontheorie? Im nachfolgenden soll dies ausführlicher aufgezeigt werden.
Der Energonbegriff
Wenn wir den Prozeß des Lebens, der vor etwa vier Milliarden Jahren in den Urmeeren seinen Anfang nahm und sich bis heute fortsetzt, genauer betrachten, so haben wir es mit einem einzigartigen Steigerungsphänomen zu tun. Neben der Entfaltung der Organismen - der biologischen Evolution - äußert es sich in einer ebenso mannigfachen Entfaltung menschlicher Strukturbildungen in Technik, Kultur, Wirtschaft und Staat: der sogenannten "soziokulturellen Evolution". Nach der bisherigen Denkweise und Weltanschauung werden diese beiden großen Bereiche der Lebensentfaltung als etwas vollständig voneinander Verschiedenes angesehen, was in der Abtrennung der Naturwissenschaften von den Geisteswissenschaften sowie in unterschiedlichen, inzwischen unüberschaubar gewordenen Fachterminologien seinen Niederschlag findet.
Aus Sicht der Energontheorie sind jedoch diese - offenbar so unterschiedlichen - Erscheinungen materielle Manifestationen ein- und desselben Entfaltungsstromes. Aufgabe der Energonforschung ist es festzustellen, ob es gemeinsame Gesetzmäßigkeiten gibt, welche sowohl für die Evolution der Organismen als auch für die Produkte menschlicher Tätigkeit gelten. Ein für die gesamte Lebensentfaltung gültiges, den einzelnen Fachdisziplinen übergeordnetes, einheitliches Begriffssystem soll dazu beitragen, den Zugang zu den verschiedenen Forschungszweigen innerhalb der Biologie, der Wirtschafts- und Staatswissenschaften zu erleichtern. So betrachtet ist die Energontheorie in erster Linie eine spezifische Sichtweise, ein Werkzeug des Denkens, das zwar auf manchen Gebieten einen beträchtlichen Umdenkvorgang erfordert, dann allerdings zu neuen Einsichten und einem besseren Gesamtüberblick verhelfen kann.
Folgende wesentliche Prämisse muß hier vorausgeschickt werden: Allen weiteren Ausführungen liegt die zentrale Annahme zugrunde, daß Leben, ebenso wie alles andere in der Natur, eine Erscheinungsform von Energie ist. Folglich ist der Lebensprozeß primär ein energetischer, also von der treibenden Kraft der Energie ausgehender Vorgang. Besonders charakteristisch für den Lebensprozeß ist seine - über die vergangenen Jahrmilliarden gesehen - kontinuierliche Zunahme an Volumen und Potenz.
Unter "Volumen" wird die Gesamtheit der an diesem Vorgang beteiligten Materie verstanden. Da die Energontheorie auch alle Erscheinungsformen der soziokulturellen Evolution des Menschen berücksichtigt, ist offensichtlich weit mehr Materie involviert, als der herkömmliche Begriff "Leben" abdeckt. Die Gesamtheit der in den Lebensprozeß miteinbezogenen Materie wird als Lebensentfaltung oder Lebensstrom bezeichnet. Sämtliche Organismen werden somit ebenso als Bestand-
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teile der Lebensentfaltung betrachtet wie die Produkte menschlicher Strukturbildung, beispielsweise Maschinen oder Unternehmen.
Der Begriff "Potenz" bezieht sich auf die Fähigkeit, Arbeit zu leisten. Der Lebensprozeß zeichnet sich durch eine ständige Zunahme an Leistungsfähigkeit aus, wobei Arbeit und Leistung gleichermaßen im physikalischen Sinne wie auch in jenem unserer Wirtschafts- und Alltagssprache zu verstehen sind. Alle die Lebensentfaltung fortsetzenden Individuen (Pflanzen, Tiere, gewerbetreibende Menschen, Unternehmen und Staaten) besitzen die Fähigkeit, sich quasi aus sich selbst heraus zu steigern und unterscheiden sich in dieser Hinsicht von allen übrigen in der Natur zu beobachtenden Vorgängen, deren Fähigkeit Arbeit zu leisten gemäß dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik abnimmt. Sie stehen jedoch dadurch keineswegs im Widerspruch zu den Gesetzen der Physik, denn die beschriebene Form der Steigerung ist ihnen nur möglich, indem sie arbeitsfähige Energie, welche in der Regel nicht frei verfügbar ist, aktiv aus Umweltquellen gewinnen, und zwar wesentlich mehr, als ihre Tätigkeiten in Summe an Energie (freier Enthalpie) verbrauchen. Dieser Forderung müssen sie deshalb entsprechen, weil sämtliche Lebensvorgänge Energieumwandlungen erfordern und sich bei jeder solchen Umwandlung ein bestimmter Teil in die Energieform "Wärme" verwandelt, welche in die Umgebung entweicht und somit benötigten Funktionen nicht zugute kommt.
Somit sind alle den Lebensprozeß fortsetzenden Strukturen notwendigerweise energieerwerbende Systeme. Sie müssen ausnahmslos im Durchschnitt mehr ihnen dienliche Energie aus Umweltquellen gewinnen, als sie selbst verbrauchen, mit anderen Worten, eine positive Energiebilanz erzielen. Dieser Anforderung müssen alle Organismen, ob Bakterium oder Blauwal, ebenso entsprechen, wie alle vom Menschen aufgebauten Wirtschaftsstrukturen, ob es sich nun um einen kleinen Handwerksbetrieb oder ein multinationales Unternehmen handelt.
Da es für energieerwerbende Systeme bisher keine eigene, gemeinsame Bezeichnung gab, benannte sie Hass Energone. Es muß festgehalten werden, daß der Begriff "Energon" keine Zusammensetzung der beiden Wörter "Energie" und "Evolution" darstellt, sondern eine eigenständige Wortschöpfung ist, die sich an die Bezeichnungen "Proton", "Elektron" und "Neutron", also der Elementarteilchen, anlehnt. So wie sich aus diesen sämtliche Atome, Moleküle und damit die gesamte materielle Entfaltung aufbaut, so sind die Energone, gemäß der Energontheorie, die Grundbausteine der gesamten Lebensentfaltung.
Der Begriff "System" soll im weiteren vermieden werden, da er in unterschiedlicher Weise gebraucht wird und daher mißverständlich ist. So wird er in den Naturwissenschaften in zweierlei verschiedenen Bedeutungen verwendet: Erstens bezeichnet man damit - im Sinne der Systematik - eine sinnvolle Ordnung oder Zusammenstellung zur Erleichterung unseres gedanklichen Überblicks. Zweitens aber versteht man unter einem System auch ein Gefüge von Elementen, die aus naturwissenschaftlicher Gesetzmäßigkeit miteinander in Wechselwirkung stehen, etwa das Sonnensystem (Planetensystem). In diesem Sinne werden auch häufig Lebewesen als "lebende Systeme" bezeichnet und übergeordnete Gemeinschaften als "Ökosysteme". In der Wirtschaft hingegen wird die einzelne Erwerbsstruktur, wie etwa ein Handwerker mit all seinen Behelfen, nie als System bezeichnet, sondern nur die übergeordnete wirtschaftspolitische Konstruktion - etwa "marktwirtschaftliches System" oder "zentralverwaltungswirtschaftliches System".
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Durch den Einfluß der Kybernetik faßte der Systembegriff auch in der Betriebswirtschaftslehre Fuß, doch ist er nicht zu den kleineren und einfacheren Erwerbsstrukturen vorgedrungen. Der Begriff "Energon" überbrückt diese Schwierigkeit. Als Energone werden deshalb fortan alle materiellen Gefüge bezeichnet, die eine sich in Volumen und Potenz steigernde Lebensentfaltung bewirken und fortzusetzen vermögen.
An diese Definition schließt nun die zentrale Frage an: Über welche gemeinsamen Fähigkeiten und Eigenschaften müssen alle Energone verfügen, um den an sie gestellten Anforderungen zu genügen?
Aus dem bisher Gesagten geht bereits hervor, daß sich die beiden Begriffe "Energon" und "Organismus" (Lebewesen) nur teilweise decken. Über weite Strecken der Lebensentwicklung stimmen sie durchaus überein, in manchen Bereichen dagegen trennen sie sich radikal.
Die meisten Pflanzen und Tiere sind, um eine positive Energiebilanz zu erzielen und den dadurch bedingten Anforderungen an ihre Existenz gerecht zu werden, auf ihren somatischen, das bedeutet aus lebenden Zellen aufgebauten Körper angewiesen. Es finden sich aber bereits unter diesen Vertretern der Lebensentfaltung zahlreiche Formen, bei denen vom Zellkörper zusätzliche Strukturen aufgebaut oder erworben werden, welche die Leistungsfähigkeit des Organismus steigern. Einige Beispiele sollen demonstrieren, worin der Unterschied zwischen den Begriffen Lebewesen und Energon besteht.
Erstes Beispiel: Das schon genannte Spinnennetz ist zwar ein Produkt, welches die Spinne aus körpereigener Substanz herstellt, es wird jedoch nicht zum Lebewesen "Spinne" gezählt, vor allem deshalb, weil das Netz nicht mit dem Körper der Spinne fest verwachsen ist. Andererseits könnte die Spinne ohne ihr Netz die lebenswichtige Leistung des Beuteerwerbes nicht erbringen und müßte zugrunde gehen. Das Wort "Lebewesen" bezeichnet also nur den somatischen Körper der Spinne, während das Energon "Spinne" alle materiellen Strukturen umfaßt, welche die Spinne zum Leben und Überleben benötigt - also auch das zusätzliche Organ Spinnennetz.
Zusätzlich gebildete, den Leistungskörper verbessernde Einheiten müssen aber nicht, wie im Falle des Spinnennetzes, notwendigerweise aus vom Körper abgeschiedenem Material bestehen. Auch Material, welches direkt aus der Umwelt gewonnen wird, kann als Baumaterial für zusätzliche Organe dienen. Das gilt etwa für die aus Lehm gebildeten Urnen der Pillenwespe, in denen die Jungen geschützt heranwachsen, wie auch für die aus Sand errichtete Fangvorrichtung des Ameisenlöwen als zusätzliches Organ des Nahrungserwerbes.
Schließlich müssen zusätzliche Organe auch nicht selbst hergestellt sein. Dies zeigt uns der Einsiedlerkrebs, dem ein leeres Schneckenhaus als Schutz für seinen weichhäutigen, verletzlichen Hinterkörper dient, in das er sich bei Gefahr auch vollständig zurückziehen kann. Das Energon "Einsiedlerkrebs" besteht somit aus dessen Zellkörper plus dem Schneckenhaus, welches zu seinem Schutzorgan geworden ist.
Das Energon "steinzeitlicher Jäger und Sammler" umfaßt dieser Sichtweise folgend den nackten Körper des Menschen sowie alle zusätzlichen Gerätschaften, die er für seinen Nahrungserwerb und sein Fortkommen benötigt, also etwa Faustkeil, Steinaxt, sowie aus Fellen gefertigte Kleidung. Diese Einheiten sind weder mit seinem Zellkörper verwachsen, noch bestehen sie aus körpereigenem Material, noch
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müssen sie von ihm selbst gebildet worden sein. Die Bezeichnung zusätzliche Organe umfaßt somit alle nicht zum biologischen, aus Zellen aufgebauten Körper gehörende Einheiten eines Energons, welche für dieses benötigte Funktionen und Leistungen erbringen.
Dieser grundlegende Begriff der Energontheorie ist in einem sehr umfassenden Sinn zu verstehen, denn das Spinnennetz und das vom Einsiedlerkrebs verwendete Schneckenhaus sind ebenso zusätzliche Organe wie ein vom Menschen benützter Feuerstein oder ein Automobil. Ja, selbst andere Lebewesen, deren Leistungen angegliedert werden, können von der Energontheorie her als zusätzliche Organe betrachtet werden. Beispiele dafür sind tierische Symbiosen oder erworbene menschliche Dienstleistungen, etwa jene eines bezahlten Rechtsanwaltes, eines Postboten oder eines Arztes.
Diese Beispiele mögen zunächst genügen, um die unterschiedliche Bedeutung der Begriffe "Lebewesen" und "Energon" zu demonstrieren. Wesentlich ist die grundsätzliche Behauptung, daß sich die Lebensentfaltung ausschließlich über Energone fortsetzen kann.
Eine Einteilung der Energone ergibt zunächst zwei große Gruppen. Die erste umfaßt die Organismen im herkömmlichen biologischen Sinn. Hier kann, mit geringfügigen Modifikationen, welche sich aus der unterschiedlichen Bedeutung von "Lebewesen" und "Energon" ergeben, die in der Biologie übliche Ordnung übernommen werden. Nach der modernen biologischen Klassifikation werden die Organismen in fünf Reiche unterteilt. Im weiteren soll jedoch der Einfachheit halber und wenn nicht anders erforderlich von Pflanzen und Tieren gesprochen werden. Aus biologischer Sicht wird der heutige Mensch als eigene Art innerhalb der Ordnung der Primaten (Herrentiere) eingestuft. Auf die besondere Rolle, die er in der Entfaltung des Lebens einnimmt, werden wir später noch ausführlicher zu sprechen kommen.
Die zweite große Gruppe von Energonen bilden diejenigen, welche der Mensch aufbaut, indem er seinen Zellkörper (somatischen Körper) durch zusätzliche Organe, wie etwa Werkzeuge, Maschinen oder auch andere Lebewesen, die für ihn benötigte Leistungen verrichten, erweitert. Im einfachsten Fall spricht Hass hier vom Berufskörper des Menschen. Darunter wird die zur Ausübung einer Erwerbsart notwendige Gesamtstruktur verstanden. Diese umfaßt zum Beispiel bei einem Handwerksbetrieb außer dem Handwerker selbst auch dessen Werkstatt mit den notwendigen Werkzeugen und Materialien, allenfalls auch einen Verkaufsraum und seine Hilfskräfte, seine Buchführung, sein Bankkonto sowie alles darüber hinaus für die Berufsausübung nötige. Diese Gesamtstruktur ist nicht mehr wie der Körper eines Tieres oder einer Pflanze fest verwachsen. Ein Mensch kann auch gleichzeitig mehrere Berufskörper bilden, wobei dann jeder als gesondertes Energon zu betrachten ist. Ebenso kann derselbe Mensch im Laufe seines Lebens nacheinander verschiedene Berufskörper aufbauen.
Noch größere vom Menschen aufgebaute Energone sind die Unternehmen und Staaten, die bereits überindividuelle Einheiten, Energone nächsthöherer Integrationsstufe darstellen. Diese nennt Hass Erwerbsorganisationen. In ihrem Gefüge werden auch Berufskörper zu funktionellen, auswechselbaren Einheiten. Große nationale und multinationale Unternehmen zeigen dies sehr deutlich. Der Unterschied der Erwerbsorganisationen zu den Berufskörpern liegt vor allem in deren Überindividualität. Bei konsequenter Anwendung dieser Denkrichtung müssen Staaten als
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Energone noch höherer Integration angesehen werden. Vorstufen für diese Energone sind die von Tieren gebildeten Verbände, insbesondere die Insektenstaaten. Bei den vom Menschen gebildeten Staaten kann in mehrere grundsätzlich verschiedene Energontypen unterteilt werden. Hier führt die Energontheorie zur Aufsplitterung eines Begriffs, der bisher als selbstverständliche Einheit betrachtet wurde. Auf diese Problematik kommen wir später noch ausführlich zurück.
So wie alle gedanklichen "Schubladen", die der Mensch benötigt, um Ordnung in die Vielheit der ihn umgebenden Objekte zu bringen, ist auch die hier vorgelegte Einteilung der Energone ein Kunstprodukt, welches eine völlig exakte Abgrenzung nicht zuläßt. Wie jeder Leser anhand selbstgewählter Beispiele leicht nachvollziehen kann, stellen bereits Berufskörper mitunter recht verschiedene Stufen der Erweiterung eines einzelnen Menschen dar. So kann beispielsweise ein Betrieb, der sich in der Hand eines einzigen Unternehmers befindet, noch als dessen extrem erweiterter Berufskörper aufgefaßt werden, auch wenn er längst manche Erwerbsorganisation an Größe übertroffen hat. Energone können auch komplexe Partnerschaften eingehen, wie bei den Tieren die Symbiosen zeigen, in der Wirtschaft Kartelle und Fusionen, im Staatsbereich Bündnisse.
Für die Energontheorie steht nicht der konkrete Verlauf der Evolution im Mittelpunkt der Betrachtung, sondern das Rahmengerüst, welches der gesamten Lebensentfaltung mögliche Entwicklungsrichtungen und limitierende Faktoren vorgibt. Sie zeigt auf, daß die zu erfüllenden Grundbedingungen und der Auslesewert für alle die Lebensentfaltung fortsetzenden Strukturen gleichermaßen relevant sind und grundsätzlich nach den gleichen Hauptkriterien meßbar erfaßt werden können. Wenn diese Strukturen unter dem Begriff Energon zusammengefaßt werden, dann stützt sich dies auf die gemeinsame Notwendigkeit, positive Energiebilanzen zu erzielen. Daraus folgt allerdings die Relativität des Energonbegriffes: Materielle Strukturen mögen sich in der einen Umwelt als Energone erweisen, in einer anderen hingegen nicht. In ersterer setzen sie die Lebensentfaltung fort, in der anderen vermögen sie das nicht und gehen zugrunde.
Dies ist zwangsläufig der Fall, wenn ein Lebewesen in ein Gebiet gebracht wird, in dem es keine Energie gewinnen kann. Eine grüne Pflanze vermag beispielsweise, in eine dunkle Höhle verpflanzt, keine positive Energiebilanz zu "erwirtschaften" - sie ist in dieser Umwelt eben kein Energon. Dasselbe gilt für sämtliche Berufskörper und Erwerbsorganisationen. So ist beispielsweise jedes Unternehmen nur solange ein Energon, als es, zumindest längerfristig, Gewinne erwirtschaftet.
Alle Energone stellen arbeitsteilige Gefüge dar. Sie bestehen aus funktionellen Einheiten, deren Zusammenwirken dazu führt, daß ein sich in Potenz und Volumen steigernder Energiestrom über sie stattfindet. Diese leistungserbringenden Einheiten werden bei den Organismen als Organe bezeichnet. Bei Wirtschaftsunternehmen sind andere Bezeichnungen üblich. Ganz allgemein kann man sie alle unter dem Begriff "Funktionsträger" zusammenfassen. Ob solche fest miteinander verwachsen oder auf andere Art aneinander gebunden sind, ob sie aus organischem oder anorganischem Material bestehen, ob sie vom Energon selbst gebildet oder auf andere Weise erworben wurden, ist aus der Sicht der Energontheorie sekundär. Wesentlich ist, welche Leistungen das Energon als Ganzes zu erbringen vermag. Energone sind somit Leistungsgefüge.
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Die erforderlichen Leistungen sind von den Bedingungen
der Umwelt sowie der inneren Organisation der Energone abhängig und
können im einzelnen sehr verschieden sein. Es gibt aber einige grundlegende
Anforderungen, denen ohne Ausnahme alle Energone gegenüberstehen.
Der Energieerwerb als notwendige, aber bei weitem nicht hinreichende Bedingung
wurde bereits erwähnt. In den folgenden Kapiteln werden weitere Leistungen
behandelt, welche alle Energone erbringen müssen. Wesentlich ist,
daß diese geforderten Leistungen, so unterschiedlich sie sich auch
immer darstellen mögen, das Grundschema der Energonstruktur - das
erforderliche Leistungsgefüge - determinieren. So gesehen ist ein
Energon das abstrakte Modell all jener Einheiten, über die sich die
Lebensentfaltung fortsetzt.
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