Vorwort
Ich hatte das große Glück, Hans Hass 1953 auf seiner ersten großen Xarifa-Expedition kennenzulernen. Gemeinsame Tauchabstiege und Gespräche führten uns zusammen, und daraus erwuchs eine Freundschaft, die uns bis heute verbindet. Die zweite Xarifa-Expedition planten wir 1957 bereits gemeinsam. In den frühen sechziger Jahren bemühten wir uns dann, Methoden für die Dokumentation des menschlichen Alltagsverhaltens im Kulturenvergleich zu erarbeiten. Hans Hass hatte dazu eine Spiegeltechnik entwickelt, die es ermöglichte, auf unaufdringliche Weise zu filmen. Er nützte diese neue Möglichkeit - vor allem in Kombination mit der Zeitraffertechnik -, um sich dem Menschen vom Standpunkt des distanzierten, unvoreingenommenen Beobachters zu nähern. Die Spiegeltechnik hat seitdem die Gedankenwelt von Hass nachhaltig beeinflußt. Ich selbst verwende sie bis heute für meine kulturenvergleichende Dokumentation an der Forschungsstelle für Humanethologie in der Max-Planck-Gesellschaft. In der nunmehr über vierzig Jahre bewährten Freundschaft war mir Hans Hass stets einer der anregendsten Gesprächspartner, und er blieb es bis zum heutigen Tag.
Um eine Definition des Phänomens Leben haben sich viele Geister bemüht. Auch Hans Hass ist im Laufe seines Forscherlebens immer wieder in den Bann dieser Problematik geraten und hat sich die Suche nach einer Antwort fürwahr nicht einfach gemacht. Er ging davon aus, daß das Leben insgesamt ein energetisches Phänomen besonderer Art darstellt. In das Zentrum seiner Betrachtungen stellte er den Organismus als energieerwerbendes System. Bei seinen Überlegungen ging Hass jedoch weit über den Rahmen der konventionellen Biologie hinaus. Denn auch beruftstätige Menschen und Wirtschaftsbetriebe sind ja - notwendigerweise - energieerwerbende Einheiten, "Organismen" mit positiver Energiebilanz.
Hass prägte für solche Organismen den Begriff "Energone". In Konkurrenz um Energiequellen entwickeln sie Zusatzeinrichtungen mannigfacher Art, etwa Werkzeuge, die als zusätzliche Organe den aus Zellen bestehenden, "biologischen" Körper verbessern, oder auch besondere Verhaltensrezepte. Manche spannen sogar andere Organismen in ihre Dienste.
Die vom Menschen geschaffenen Betriebe entwickeln als Energone ihre eigene Dynamik und ähneln in ihrer Kosten-Nutzen-Rechnung den lebenden Organismen insofern, als auch hier eine positive Energiebilanz erwirtschaftet werden muß, und die gleichen Kosten in die Bilanzierung eingehen: Kosten für den Aufbau, die Erhaltung, die Abwehr von Störeinflüssen, die Markterschließung, den Erwerbsakt und vieles mehr. Die Effizienz des Energieerwerbs - meßbar nach Kosten, Schnelligkeit und Präzision - ist ein ganz entscheidender Faktor in der Konkurrenz.
(Originalbuchseite 6)
Hass legte seine Gedanken in mehreren Schriften vor, die jedoch innerhalb der Naturwissenschaft wenig Beachtung fanden. Ob es daran liegt, daß Hass in der Öffentlichkeit weithin als Tauchpionier und Meeresforscher bekannt ist, oder daran, daß die Energontheorie in vielen Bereichen zu einer radikal anderen Sichtweise gelangt als die herkömmlichen Wissenschaften, mag dahingestellt bleiben. Interessanterweise wurden die Gedanken meines Freundes Hans Hass von zunächst unerwarteter Seite aufgegriffen: von den Wirtschaftswissenschaften. Tatsächlich ist es mit Hilfe der unkonventionellen Betrachtungsweise der Energontheorie möglich, sich vom herkömmlichen Denken freizumachen und Zusammenhänge und Problemstellungen aus völlig neuartiger Perpektive zu sehen - und so zu neuen Einsichten und Lösungsmöglichkeiten zu gelangen. Die jahrelange Tätigkeit von Hass als Managementberater ist dafür das beste Beispiel.
Erfreulicherweise haben sich die beiden Autoren Andreas Hantschk und Michael Jung die Aufgabe gestellt, nicht nur eine gut lesbare Darstellung der Energontheorie selbst vorzulegen, sondern auch die Beziehung der Energontheorie zu verwandten Konzepten aus Vergangenheit und Gegenwart zu diskutieren. Besonders interessant ist hier das Eingehen auf die Systemtheorie von Bertalanffy sowie die Auseinandersetzung mit der heute sehr aktuellen Selbstorganisationslehre. Auch die Gedanken des prominenten Evolutionsbiologen Richard Dawkins, der, obwohl von einem völlig unterschiedlichen Forschungsansatz ausgehend, in Teilbereichen zu verblüffend analogen Schlußfolgerungen kommt, werden hier näher beleuchtet. Ebenso wird auf erfolgreiche praktische Anwendungen der Energontheorie in der Wirtschaft hingewiesen.
Wie immer, wenn man ein Phänomen unter einem neuen, ungewohnten Gesichtswinkel betrachtet, werden einem neue Zusammenhänge bewußt. Ganz besonders gilt das für die Energontheorie. Für den Leser aus ganz unterschiedlichen Interessengebieten und Berufsfeldern ergeben sich hier vielfältige Anregungen und Denkanstöße.
Ich wünsche dem Buch von Herzen Erfolg!
Prof.Dr. Irenäus Eibl-Eibesfeldt
Andechs, im März 1996
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"Rahmenbedingungen der Lebensentfaltung"
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