Man kennt heute über 1,2 Millionen verschiedene "Arten" von Lebewesen (einschließlich der Pflanzen), darunter allein eine halbe Million Insekten. Jede dieser unzähligen Formen stellt ein arbeitsteiliges System, eine ganz bestimmte Anordnung von funktionellen Einheiten dar. Jede ist zu bestimmten Leistungen fähig - wobei es im wesentlichen immer um das gleiche geht: erstens um den Erwerb von Energie und Stoffen und um deren Umbau in arteigene Struktur; zweitens um die Abwehr von störenden und feindlichen Kräften.
Um eine gewisse Ordnung in diese ungeheure Vielzahl zu bringen - um sie für unser Gehirn übersichtlicher zu machen -, haben die Naturforscher die Lebewesen in Gruppen zusammengefaßt. Linné, der als erster erfolgreich diese große Aufgabe bewältigte, ging von äußeren und strukturellen Ähnlichkeiten aus. Als dann durch Darwin die Abstammungslehre zum Durchbruch kam - wonach alle heute lebenden Arten Zweige an ein und demselben großen Stammbaum sind -, bemühten sich die Biologen, diese natürliche Verwandtschaft zur Grundlage der Einteilungen zu machen, also entwicklungsgeschichtlich nahe verwandte Arten zusammenzufassen. Das von Linné geschaffene System wurde dadurch in vielen Punkten geändert, und es entstand ein "natürliches System".
Als erste Haupteinteilung der Organismen trennt man die beiden großen "Reiche" der Tiere und der Pflanzen. Die Art der Energie- und Stoffgewinnung ist bei diesen beiden Gruppen grundsätzlich verschieden.
An der Wurzel freilich überschneiden sich die beiden "Reiche", eine klare Trennungslinie läßt sich hier nicht ziehen. Manche Einzeller können ebensogut als Tiere wie auch als Pflanzen betrachtet werden und werden daher sowohl von den Zoologen als auch von den Botanikern in ihren Systemen geführt. So gibt es etwa Geißeltierchen, die sowohl assimilieren als auch tierisch Nahrung gewinnen. Der Lebensprozeß spaltete sich, und in jeder dieser beiden Hauptrichtungen ist er dann zu einer ungeheuren Zahl von Organisationstypen gelangt.
Sowohl bei den Tieren als auch bei den Pflanzen kann man als weitere Einteilung Einzeller und Vielzeller unterscheiden - doch auch hier ist die Grenze nicht ganz scharf. Unter den Amöben gibt es Formen, die zeitweise als Einzeller leben und sich dann zu recht komplizierten vielzelligen Körpern zusammenfügen (etwa die Schleimpilze). Sodann bilden einige Geißeltierchen - durch normale Teilung - Kolonien von 16 Zellen, die fest miteinander verbunden bleiben. Und bei anderen Geißeltierchen bilden Hunderte von Zellen eine Kugel, wobei es bereits zu einer Arbeitsteilung unter den einzelnen Zellen kommt. Nachdem jedoch die Vielzeller aus den Einzellern hervorgegangen sind, ist es nur natürlich, daß solche Übergangsformen auftraten. Einige von diesen pflanzten sich bis auf den heutigen Tag fort und geben uns so die Möglichkeit, den Weg der damaligen Entwicklung auch heute noch zu sehen.
Das "Reich" der tierischen Organismen wird von den Zoologen (im Gegensatz zu den Botanikern, die keine solche Unterscheidung treffen) in die beiden "Unterreiche" der Protozoen (Einzeller) und der Metazoen (Mehrzeller) unterteilt. Die Mehrzeller werden nach Hauptmerkmalen des "Bauplanes" ihrer Organisation in ein weiteres Schubladensystem von Kategorien ("Stämme", "Klassen", "Ordnungen", "Familien" usw.) eingereiht. So trennt man etwa als große Gruppen: Schwämme, Hohltiere, Würmer, Gliederfüßer, Weichtiere, Stachelhäuter und Chordatiere. Die letztgenannte Gruppe wird wieder in Untergruppen geteilt, zu denen auch die Säugetiere gehören. Eine verwandtschaftlich zusammengehörende Gruppe unter diesen ist die der Affen. Und in dieser wiederum wird der Mensch als Gattung Homo geführt.
In unserer körperlichen Organisation trennen uns von den Affen nur geringfügige Merkmale. Betrachtet man dagegen den Menschen so, wie es in diesem Buch erstmals vorgeschlagen wird, nämlich als ein Wesen, das seine körperliche Organisation durch Hinzufügung von künstlichen Organen erweiterte, dann sieht die Sache anders aus. Dann ist diese systematische Einreihung nicht mehr gerechtfertigt.
Im Menschen hat der Lebensprozeß ein höheres Organisationsprinzip erreicht, das von den Vielzellern ebenso grundsätzlich verschieden ist wie das Organisationsprinzip der Vielzeller von jenem der Einzeller. In uns gelangte der Lebensprozeß zu einem weiteren, ungeheuer bedeutsamen Fortschritt. Dem Lebewesen "Mensch" gelang es, seinen vom Erbrezept aufgebauten und miteinander verwachsenen Organen weitere hinzuzufügen, die nicht mehr aus körpereigenem Material bestehen müssen und die er auch ablegen, vertauschen und oft sogar mit körperfremder Energie betreiben kann. So kann sich dasselbe Individuum in ganz verschieden organisierte Leistungskörper verwandeln. Ein Jäger mit Fernglas und Gewehr ist ein ganz anderes spezialisiertes Organisationsgefüge als ein mit Boot und Netzen ausfahrender Fischer. Und im Verlauf der weiteren Herausbildung spezialisierter Erwerbsformen - von denen anschließend die Rede sein soll - ist ein Schuster ein völlig anderer Organisationskörper als etwa ein Rechtsanwalt oder ein Zahnarzt.
Der nackte menschliche Körper ist nur noch der Ausgangspunkt zur Bildung dieser aus viel mehr funktionellen Einheiten zusammengesetzten Leistungsgebilde - ähnlich auch wie die Keimzelle der Vielzeller nur Ausgangspunkt zur Bildung größerer Leistungskörper ist. Man wird deshalb der Besonderheit der hier erfolgten Weiterentwicklung nicht gerecht, wenn man nur dieses Zentralstück - eben den nackten menschlichen Körper - zum Vergleich und zur Klassifizierung heranzieht. Der gesamte Erwerbskörper des Berufstätigen ist das den Körpern der Organismen Vergleichbare.
Funktionell läßt sich der Übergang vom vielzelligen Tier zum "Berufsmenschen" sehr klar formulieren, denn er beruht auf einer entscheidenden Funktionsänderung. Bis herauf zu den höchsten Vielzellern war es immer Sache des Erbrezeptes, die einzelnen Organe aufzubauen. Beim Menschen übernahm nun das Zentralnervensystem - bisher nur für die Steuerung der Organe zuständig - die zusätzliche Aufgabe, weitere Organe zu bilden, deren zweckmäßigen Einsatz es ebenfalls wieder lenkt. Diese Funktionsübernahme und die sich daraus ergebenden strukturellen Änderungen erwiesen sich in ihren Auswirkungen als so bedeutend, daß mir eine radikale Abtrennung der menschlichen Organisationstypen gerechtfertigt erscheint. Unter Berücksichtigung der künstlichen Organe ist es nur folgerichtig, die vom Menschen gebildeten Leistungskörper neben den Einzellern und den Vielzellern in einen dritten "Unterstamm" einzureihen, in dem die zahlreichen Gruppen der menschlichen Erwerbsformen zu unterscheiden sind. Vom Standpunkt der fortschreitenden Machtentfaltung des Lebensprozesses aus scheint mir diese Einteilung angemessener, als wenn wir den Menschen - unter Vernachlässigung seiner leistungsmäßigen Besonderheit - zu den Affen zählen, aus denen er wohl hervorging, von denen er sich jedoch - was seine Organisation betrifft - ungeheuer weit entfernt hat.
Wie sehen nun die einzelnen "Erwerbsformen" aus, die den Menschen zu so gesteigerter Machtentfaltung führten ? Genauer: Wie sieht die Struktur und das Verhalten dieser "Erwerbskörper" aus ? Und welches ist im einzelnen ihre "Existenzgrundlage" ?
Das ist genau die gleiche Fragestellung, die der Biologe auch gegenüber allen übrigen Organismen anwendet. Immer ist das zentrale Problem: Wie gewinnt dieser "Käfer" oder jene "Alge" die für die Lebensentfaltung nötigen Mengen an Energie und Stoffen - also die von ihnen benötigte "Nahrung" im weitesten Sinn ? Und weiter: Wie ist die jeweilige körperliche Organisation und das artspezifische Verhalten von diesem zentralen Hauptproblem her zu verstehen ? Wenden wir nun diese Fragestellung auch auf die spezialisierten Erwerbskörper an, die der Mensch in seinen verschiedenen Berufsformen bildet, dann sehen wir als erste Stufe solche, die den tierischen Organismen noch sehr ähnlich sind. Der eben genannte Jäger und der Fischer sind dafür gute Beispiele. Beide Erwerbstypen sind bereits mit künstlichen Organen ausgestattet und ebenso auch mit entsprechenden Erwerb-Koordinationen, um diese Organe sinnvoll einzusetzen. Das Ergebnis ihrer Anstrengungen ist ebenso "Nahrung" wie bei irgendeinem Tier - nur gelingt es diesen Menschen, durch die spezialisierte Ausweitung ihres Körpers den Ertrag wesentlich zu steigern und die damit verbundene Anstrengung zu verringern.
Die zweite Stufe sind Erwerbsformen, in denen sich die Intelligenz des Menschen noch deutlicher manifestiert. Zum Beispiel: der Ackerbauer und Viehzüchter. In der freien Natur konnte normalerweise jedes Areal nur soundso viele Individuen eines bestimmten Organisationstyps - also einer bestimmten Tier- oder Pflanzen-"Art" - ernähren. Unsere Vorfahren, die Affen und Urmenschen, waren davon genauso betroffen wie jedes andere Lebewesen. Die Affen lebten von Früchten, Pflanzenteilen und kleinerem Getier, der Urmensch dehnte seine Jagd auch auf größere Tiere aus. Die Idee, alle nicht eßbaren Pflanzen eines Areals zu eliminieren und statt dessen als Nahrung geeignete Pflanzen künstlich zu kultivieren, erscheint uns heute recht selbstverständlich, bedeutete aber einen wahrhaft gigantischen Fortschritt. Denn dasselbe Areal konnte auf diese Weise weit mehr Individuen ernähren. Und bei der Viehzucht war es genauso. In demselben Gebiet konnte auf diese Art weit mehr Beute erzielt werden - und außerdem fielen noch die Schwierigkeiten des Erjagens weg.
Der größte Geistesblitz aber war ein anderer. Wie wir gesehen haben, kam der Mensch zur Bildung von weit größeren Gemeinschaften, als dies seiner ererbten Anlage, in Rudeln zu leben, entsprach. In diesen größeren Gruppen kam es dann zu einer Arbeitsteilung, wodurch sich der eine auf dies und der andere auf jenes spezialisieren konnte. Bei der Bedeutung, welche die künstlichen Organe gewannen, kam es im weiteren dahin, daß einige in der Gemeinschaft sich auch auf deren Herstellung spezialisierten. Durch Tausch dieser "Produkte" konnte nun gleichfalls Nahrung erworben werden. Das erscheint heute ebenfalls selbstverständlich. In der Tat liegt hier aber eine ganz besondere Intelligenzleistung vor, die einer näheren Betrachtung wert ist.
Schon der Ackerbau erforderte einen Überblick über Ursachen und Wirkungen, die mehr als ein halbes Jahr auseinanderlagen. Die Intelligenzleistung bestand hier in dem Begreifen, daß durch eine Tätigkeit, die zunächst keine Nahrung hervorbrachte - nämlich Roden, Aufgraben und so weiter -, zu einem späteren Zeitpunkt sehr wohl Nahrung gewonnen werden konnte. Und bei der Viehzucht war es genauso. Hier mußte begriffen werden, daß das Nichttöten eines Tieres zu mehr Nahrung führen kann - ein im Grunde ganz widersinniger Zusammenhang. Das ist die wesentliche Intelligenzleistung, zu der das Gehirn des Affen nicht ausreicht. Wohl kann auch er Ursachen und Wirkungen verknüpfen - aber nur dann, wenn diese räumlich und zeitlich dicht beisammenliegen. Beim Nahrungserwerb durch Herstellung von künstlichen Organen wird nun der Erwerbszusammenhang noch wesentlich komplizierter. Bei einem Schwertschmied zum Beispiel führte keine seiner Berufsbewegungen dazu, Tiere oder Pflanzen zu erbeuten - und dennoch gelangte er durch diese Tätigkeit an Nahrung. Die Verknüpfung von Ursache und Wirkung ist hier durch ein Zwischenglied noch unanschaulicher geworden. Versuche, die Yerkes und Wolfe mit Schimpansen anstellten, haben gezeigt, daß auch Affen dahin gebracht werden können, einen so indirekten Zusammenhang zu begreifen. Aber selbst produzieren können sie diesen Zusammenhang nicht.
Wirklich fruchtbar wurde der menschliche "Leistungsaustausch" aber erst durch die weitere Erfindung des Geldes. Erst durch diesen neutralen Vermittler - auch ein "künstliches Organ" - wurde es möglich, jede Leistung in jede andere zu verwandeln und nötigenfalls auch für eine eigene Leistung das Ergebnis von mehreren Leistungen anderer zu erhalten.
Zur Existenzgrundlage solcher menschlicher "Berufe" wurde somit ein Bedarf von anderen Menschen. Auf diesen Bedarf - den wir heute ganz allgemein "Absatzmarkt" nennen - sind nun die einzelnen menschlichen Erwerbskörper in ihrer Struktur und ihrem Verhalten ebenso ausgerichtet wie die Tiere auf ihre Nahrungsquellen. Und so wie bei den Tieren die Entstehung jeder neuen Art wieder zur Existenzgrundlage für andere Arten wurde (als eine mögliche neue Nahrungsquelle), so wird in der menschlichen Wirtschaft jede neu entstehende Berufsart auch wieder zur Existenzgrundlage für andere. Und ebenso wie jedes Areal nur soundso viele Individuen einer Tier- und Pflanzenart ernähren kann - so kann auch jeder Bezirk einer Großstadt oder eines Landgebietes nur eine ganz bestimmte Zahl von Ärzten oder Schustern oder Gemüsehändlern ernähren. Die menschlichen Erwerbskörper sind somit äußerlich von den tierischen und pflanzlichen Organismen ungeheuer verschieden, unterliegen aber trotzdem ähnlichen Gesetzen. Verschieden ist an ihnen zunächst, daß ihre Teile nicht fest miteinander verbunden sind und daß sie daher auch weit mehr anwachsen können, als das bei Organismen der Fall ist. Ihre künstlichen Organe können beliebig erneuert werden. Die "Fortpflanzung" erfolgt hier auf eine völlig andere und viel einfachere Art. Und sogar die Verwandlung von einem Erwerbskörper in einen anderen ist hier möglich. Anderseits aber stehen auch hier Erwerbskörper, die sich um Erschließung der gleichen Erwerbsquellen bemühen, in erbitterter Konkurrenz. Und auch hier wirkt sich eine natürliche Auslese dahingehend aus, daß sich die leistungsfähigeren Körper durchsetzen.
Daß der Mensch künstliche Organe nicht nur zum Zweck des Erwerbs, sondern auch zur Erzielung von "Vergnügen" einsetzt, kompliziert das Bild. Diese Tendenz des Menschen, über die wir noch sprechen werden, ist ein weiterer Ausdruck unserer Intelligenz und unseres Fortschrittes. Tiere und Pflanzen können das "Ergebnis ihrer Anstrengung" nur eben in Vergrößerung oder Vermehrung ihrer Struktur umsetzen - beim Menschen wird auch dieses Prinzip durchbrochen. Er kann den Überschuß seines Erwerbes auch dazu verwenden, sich Vergnügen zu verschaffen - dafür schuf er sich eine Unzahl weiterer künstlicher Organe, die ihn gleichsam wie ein glitzerndes Prachtkleid umgeben. Für das Bestehen und Vorwärtskommen des einzelnen ist jedoch ausschließlich seine Erwerbsstruktur maßgebend.
Sie ist somit zur Beschreibung und Kennzeichnung dieser besonderen Organisationsformen des Lebensprozesses heranzuziehen. Im einzelnen besteht diese Struktur immer erstens aus der berufstätigen Person selbst, zweitens aus der Gesamtheit der für die betreffende Erwerbsform notwendigen künstlichen Organe - seien diese nun im "Eigentum" der Person oder bloß von ihr "gemietet" oder im Rahmen einer bestehenden Gemeinschaft "anteilig verfügbar". Und drittens muß diese Struktur auch alle für diese Berufsausübung nötigen Steuerungsrezepte umfassen - sie befinden sich im Gehirn der Person, können aber teilweise (als Pläne, Anleitung usw.) auch wieder als künstliche Organe vorliegen.
Der Lebensprozeß gelangte über den Menschen aber noch zu einer weiteren Machtsteigerung, zur Bildung von noch komplexeren Strukturen. Verschiedene Menschen mit mannigfachen künstlichen Organen verbanden sich, wie gezeigt, zu Erwerbskörpern von noch höherer Integrationsstufe - so entstanden "Betriebe", "Unternehmen" und sonstige "Erwerbsorganisationen". In diesen nimmt der Mensch selbst nur noch die Stellung eines Organes ein, und manche Funktion kann ebensogut von ihm wie auch von einem künstlich geschaffenen Gebilde (Maschine, Apparat) ausgeführt werden. Legen wir auch an diese Organisationstypen den gleich Maßstab an, dann stellen sie ein weiteres und somit viertes "Unterreich" der Organismen dar.
Diese "Erwerbsorganisationen" - wie ich sie als neue Kategorie zu nennen vorschlage - können sich selbst auch wieder ganz oder teilweise aus anderen Organisationen aufbauen (wie es etwa bei einem Trust oder einem Staatsgebilde der Fall ist). Daraus ergibt sich aber keine Notwendigkeit zu weiteren grundsätzlichen Unterscheidungen. Denn auch wenn die Ineinanderschachtelung noch fortschreitet, wird dadurch kein neues Organisationsprinzip mehr geschaffen. Ist eine Organisation Teil einer anderen, dann ist sie deren Organ - genauso wie ein Mensch oder eine Maschine. Sie ist dann eben auch nur wieder ein Funktionsträger, ein Erfüller von ganz bestimmten Aufgaben innerhalb des arbeitsteiligen Systems. In diese Gruppe gehören somit alle selbständig tätigen überindividuellen Erwerbskörper einschließlich der Staatsgebilde - sofern diese eine Organisation zur Erwerbssteigerung darstellen. Übt ein Staat dagegen nur die Funktion des Schutzes nach außen und der Aufrechterhaltung der inneren Ordnung aus, dann ist er ein Gemeinschaftsorgan seiner Bürger.
Der Übergang vom dritten Unterreich der "Berufsmenschen" zum vierten Unterreich der "Erwerbsorganisationen" läßt sich nicht scharf abgrenzen. Hat ein berufstätiger Mensch auch Hilfskräfte - etwa ein Schuster einen Gesellen und einen Laufburschen -, dann sind das künstliche Organe in der morphologischen Struktur seines Berufskörpers. Vergrößert sich aber sein Betrieb zu einer industriellen Schuhfabrikation, dann handelt es sich bereits um einen überindividuellen Leistungskörper, um eine überindividuelle Erwerbsorganisation. Die Frage, wie dort das Ertragsergebnis aufgeteilt wird, ob ein einziger Gewinn und Risiko trägt oder mehrere Teilnehmer in dieser Organisation einen Anteil haben, erscheint mir dabei nicht wesentlich. Wesentlich ist vielmehr das Überindividuelle, das selbst einen Betriebseigner zu einem organisatorischen - und auch vertauschbaren - Bestandteil macht. Diese Überindividualität konstituiert etwas Besonderes, das meines Erachtens die Abtrennung des vierten Unterreiches rechtfertigt. Da es sich auch hier - wie bei allen Einteilungen des "natürlichen" Systems - um eine künstliche Einteilung handelt, die wir - zum Zweck besserer Übersicht und besseren Verstehens - in die Natur hineintragen, darf es nicht stören, wenn keine klare Abgrenzung gelingt. Praktisch wird man einen Berufstätigen, unter dessen künstlichen Organen sich auch menschliche Hilfskräfte befinden, noch so lange in das dritte Unterreich einreihen, als er selbst der leistungsmäßig wirklich dominierende Teil ist. Fügen sich dagegen immer mehr spezialisierte Menschen zu einem Leistungskörper zusammen, in dem jeder einschließlich des zentralen Organisators nur noch einen beschränkten Beitrag zur Gesamtleistung erbringt, dann handelt es sich bereits um ein andersartiges und höher integriertes Leistungsgebilde.
Der Übergang vom Vielzeller zum Berufsmenschen ist dagegen wesentlich klarer. Er ergibt sich nicht nur aus der schon besprochenen Übernahme der Organbildung durch das Zentralnervensystem, sondern ist noch durch eine weitere, nicht minder bedeutsame Funktionsänderung gekennzeichnet. Bei allen Vielzellern war für jeden evolutionären Fortschritt, also für jeden "Artenwandel", immer das Erbrezept maßgebend. Nur Änderungen in diesem Rezept konnten zu erblichen Veränderungen und Verbesserungen führen. Eine Einrichtung, die das Zustandekommen solcher Verbesserungen förderte, war die geschlechtliche Paarung. Durch sie wurden Erbrezepte miteinander vermischt, und zufällig (durch Mutationen) aufgetretene Erbänderungen wurden mannigfach kombiniert. Die Chance, daß so auch eine leistungsfähigere Struktur zustande kam, wurde dadurch noch größer. Beim Organisationstyp "Mensch" trat auch hier ein bedeutungsvoller Wandel auf. Das Zentralnervensystem übernahm nun auch die Funktion der Evolutionsförderung. Auf Grund unserer Intelligenz verbessern wir Menschen uns selbst. Wir gelangten zur Verbesserung unseres Körpers - und geben die Rezepte für die so entwickelten neuen Strukturen auch direkt (über Sprache und Schrift) an andere Individuen weiter. Der ganze mühevolle Apparat der Vermischung von Erbfaktoren in der Zweigeschlechtlichkeit war von da an überholt. Das Tempo der möglichen Verbesserung - im Sinne von "Anpassung" und Machtsteigerung - wurde so sicherlich um ein Hunderttausendfaches erhöht. Diese Entwicklung hatte sich innerhalb der Vielzeller bereits bei den Lerntieren angebahnt, als deren Zentralnervensystem in zunehmendem Maße die Schaffung von Verhaltensrezepten übernahm. Dadurch wurde jedoch immer nur das Verhalten betroffen - nicht die körperliche Struktur. Im Menschen wurde dann plötzlich der Punkt erreicht, wo sich das Zentralnervensystem auch in die Belange des körperlichen Aufbaues und der körperlichen Verbesserung einmischte. Es entwarf den Aufbau und die Anfügung von zusätzlichen Funktionsträgern, lenkte deren Herstellung und Erprobung und übernahm auch die Funktion der Weitergabe ihrer Aufbau- und Verwendungsrezepte. So konnten nun auch durch Erfahrung geschaffene Körperstrukturen weitergegeben werden. Sogar die Notwendigkeit zu einer aktiven Fortpflanzung - bisher untrennbar an den Lebensprozeß geknüpft - konnte jetzt wegfallen. Denn die vom Menschen gestalteten Erwerbskörper können auch von anderen Menschen nachgemacht werden - dann pflanzt sich ein Erwerbskörper ohne den geringsten eigenen Energieeinsatz fort. Der Trennungsstrich zwischen den zahlreichen Organisationstypen der Vielzeller und den noch weit erfolgreicheren Erwerbskörpern der Berufsmenschen und Erwerbsorganisationen ist somit sehr klar; er ist durch mehrere grundsätzliche Funktionsänderungen gekennzeichnet. Lediglich unser Körper als solcher verblieb unter der Zuständigkeit des Erbrezeptes. Was dagegen unsere eigentliche körperliche Besonderheit ausmacht, ging in die Zuständigkeit des Zentralnervensystems über.
Der Begriff "Art" wurde ursprünglich am Merkmal der
geschlechtlichen Fortpflanzung fixiert. Man zählte alle jene Individuen
zur gleichen Art, die sich paaren konnten und fruchtbare Nachkommen hervorbrachten.
Später ergaben sich jedoch bei manchen Einteilungen Schwierigkeiten,
und man ging deshalb dazu über, als Art jeweils solche Individuen
zusammenzufassen, die in wesentlichen Konstruktionsmerkmalen übereinstimmen
und verwandtschaftlich zusammengehören. Die in diesem Kapitel vorgeschlagene
Einteilung der vom Lebensprozeß hervorgebrachten Leistungskörper
führt diese Betrachtungsweise noch um ein Stück weiter. Da der
Lebensprozeß sowohl die Geschlechtlichkeit als auch die Notwendigkeit
einer aktiven Fortpflanzung überwunden hat, ist es nicht mehr
gerechtfertigt, die vom Lebensprozeß erreichten Konstruktionstypen
grundsätzlich an diese Eigenschaften zu fixieren. Bis zu den Affen
herauf mag dies noch zweckmäßig sein, vom Berufsmenschen an
ändern sich die Voraussetzungen wesentlich. Hier läßt sich
die Art nur noch definieren als: eine raum-zeitliche Ordnung, die gegenüber
einer bestimmten Umweltsituation Lebensfähigkeit und somit Zweckmäßigkeit
hat. Der Artbegriff - wie überhaupt sehr viele menschliche Begriffe
- ist eine vom Menschen geschaffene Kategorie, die wir künstlich in
der Natur errichten. Die jeweilige Abgrenzung hat somit auf jeden Fall
nur praktischen Wert - ist jedoch keineswegs von der Natur her gegeben.