3. Kapitel
 
 
Die künstlichen Organe

 

Kaum etwas erscheint uns Menschen selbstverständlicher als der Gebrauch von Werkzeugen. Seit früher Jugend nehmen wir unaufhörlich Dinge in die Hand und legen sie wieder weg. Trotzdem sollten wir dieses so Selbstverständliche einmal mit anderen Augen sehen.

Da sind die winzigen einzelligen Organismen; versuchen wir uns einmal vorzustellen, wie sich aus ihnen die großen "vielzelligen" Wesen entwickelten. Es begann wohl damit, daß solche Einzeller sich teilten - sich aber nicht trennten. Es blieben vielmehr soundso viele in einem Klumpen beisammen, sie bildeten eine "Kolonie". Im Lauf der Zeit spezialisierten sich dann in solchen "Zellkolonien" einzelne Zellen auf bestimmte Aufgaben. Die einen bildeten etwa eine schützende Haut, andere wieder Muskelstränge, die eine Fortbewegung der Kolonie ermöglichten, wieder andere ein Stützskelett, Nerven und so weiter. Das jeweilige Organisationsrezept befand sich in den "Keimzellen", deren gleichfalls spezialisierte Tätigkeit es war, sich von der Kolonie, wenn diese entsprechend anwuchs, abzulösen und weitere Kolonien zu bilden. Die die Evolution fördernde Einrichtung der Zweigeschlechtlichkeit - das gelegentliche Verschmelzen von Keimzellen - stammt bereits von den Einzellern und blieb erhalten. Sehr vereinfacht dargestellt ist das der Weg, der nach heutiger Auffassung zur Entstehung der immer komplizierter werdenden "vielzelligen" Organismen geführt hat. Jeder solche Organismus ist ein arbeitsteiliges System. Hunderte, Tausende, ja Millionen von Zellen bilden besondere "Organe". Es sind gleichsam Betriebsabteilungen, die auf die Erfüllung bestimmter Funktionen ausgerichtet sind. Jedes Organ stellt Ansprüche: es muß ernährt werden, muß repariert werden, der Gesamtkörper muß es ständig mit sich herumtragen. Er muß es pflegen, schützen, ihm Energie zuführen. Jedes Organ leistet also einerseits gewisse Dienste, ist jedoch andererseits wieder eine Bürde. Und niemals ist es den Lebewesen geglückt, Organe, die sie gerade nicht brauchten, von sich abzulösen, um sie dann später - bei Bedarf - wieder mit dem Körper zu verbinden.

Manche Tiere benötigen zum Beispiel ihre Geschlechtsorgane nur einmal im Jahr oder einmal im Leben - sie müssen sie aber ständig mit sich tragen, ernähren, pflegen, verteidigen. Das Nashorn braucht sein Horn nur gelegentlich - und trägt dieses doch ständig mit sich herum. Schläft ein Tier, dann benützt es viele seiner Organe nicht - diese müssen aber trotzdem ernährt werden. Hier steht nun plötzlich ein Wesen - der Mensch -, das Organe ablegt und gegen andere vertauscht ! Das ist durchaus nichts Selbstverständliches, sondern vom Standpunkt der Evolution aus eine Ungeheuerlichkeit ! Ein Fortschritt mit ganz unabsehbaren Folgen.

Schon das Wort Werkzeug ist irreführend. Es handelt sich hier nicht einfach um ein "Zeug", mit dem man "werkt". Es ist vielmehr eine Erweiterung unseres Körpers durch künstliche Hinzufügung von Organen; ein Fortschritt, dem wir mehr oder weniger unser Menschsein verdanken.

Wir neigen zur Ansicht, die Grundlage zu unserem Fortschritt sei unser besonders entwickelter Geist gewesen, unsere Intelligenz. Das stimmt, ist aber nur die Hälfte. Denn eine zweite Voraussetzung war ebenso entscheidend: ein Organ, mit dem wir künstliche Gebilde herstellen und mit unserem Körper verbinden konnten - unsere Hände.

Nehmen wir an, Wölfe oder Löwen oder Antilopen hätten vor einer Million Jahren ein dem Menschen ähnliches Gehirn entwickelt: Was wäre dann aus ihnen geworden ? Nichts wesentlich anderes. Und zwar einfach deshalb, weil die Tatzen eines Löwen oder eines Wolfes und ebenso auch die Läufe einer Antilope nicht imstande sind, künstliche Organe anzufertigen und mit dem Gesamtkörper zu verbinden. Ein Löwe könnte vielleicht mit dem Maul einen Bleistift führen - er könnte aber niemals einen solchen herstellen . . . Wenn man die Dinge so betrachtet, dann rücken unsere so unerfreulichen Verwandten - die Affen - plötzlich in ein ganz anderes Licht.

Als Baumkletterer entwickelten sie zum Klettern geeignete Gliedmaßen. Sie konnten nun besser an die Früchte der Bäume gelangen, konnten sich im Astwerk vor Raubtieren in Sicherheit bringen, sie hatten also eine sichere Lebensbasis, und sie vermehrten sich. Dann kamen Trockenperioden. Die Bäume wurden spärlicher, Steppengebiete breiteten sich aus. Damals - so vermutet man heute - waren die Affen gezwungen, über den Boden von einem Baum zum anderen zu laufen. Da es in den Bäumen nicht mehr genug Nahrung gab, gingen einige Arten - darunter auch unsere Vorfahren - dazu über, auf Tiere der Steppe Jagd zu machen. Schon in den Bäumen war die Haltung der Affen ziemlich aufrecht gewesen; jetzt bot sich ihnen in dieser Stellung die Möglichkeit, über das hohe Gras hinwegzuschauen. Sie lernten, aufrecht auf den Hinterbeinen zu laufen, und die Kletterhände wurden plötzlich für andere Verwendungszwecke frei.

Eine weitere Begleiterscheinung dieses Vorganges war die Vergrößerung des Gehirns. Im aufrechten Gang wird der Kopf von der Wirbelsäule getragen; die Zellen, die bis dahin die starken Rückenmuskeln zum Tragen des Kopfes bildeten, wurden somit arbeitslos. Allmählich bildeten sich diese Organe zurück - der Schädel vergrößerte sich. Wieso es im einzelnen zu dieser Vergrößerung kam, ist noch nicht geklärt; jedenfalls vergrößerte er sich derart, daß er schließlich frei, im Gleichgewicht auf der Wirbelsäule ruhte. Die Schädelkapsel wurde dabei größer, und die Zahl der in diesem Raum Platz findenden Ganglienzellen stieg beträchtlich an. Die Funktionsfähigkeit des Organes, das sie bildeten - des Gehirns -, wurde dadurch gesteigert. Durch Ausguß von fossilen Schädeln konnte die Entwicklung einzelner Hirnabschnitte nachträglich verfolgt werden. Besonders das Vorderhirn nahm bei dieser Entwicklung an Volumen zu - jener Teil also, in dem sich heute unser Assoziationsdenken abspielt. Während die uns nächstverwandten Menschenaffen ein Hirnvolumen von 300 bis 685 Kubikzentimeter haben, lag es bei unseren Vorfahren, den Australopithecinen, bereits bei 450 bis 800 Kubikzentimeter. Und bei den heute lebenden Menschenrassen ist es auf 1000 bis 1800 Kubikzentimeter angewachsen.

Wie ungeheuer lange es dauerte, bis dieses Gehirn zu seiner späteren Leistungskraft kam, geht daraus hervor, daß unsere Vorfahren über eine halbe Million Jahre lang auf dem Stadium der Verwendung einiger weniger, sehr primitiver "künstlicher Organe" (besonders des Faustkeils) verblieben. In dieser Zeit differenzierte sich im Vorderhirn ein besonderer Abschnitt - die "Brocasche Region" -, der wir unser Sprechvermögen verdanken. Die in Jagdgemeinschaften lebenden Urmenschen gelangten jetzt zur Fähigkeit sprachlicher Verständigung - das dürfte den nunmehr einsetzenden Fortschritt beschleunigt haben.

Es dauerte aber immer noch sehr lange, ehe der Mensch zu Ackerbau und Viehzucht gelangte, ehe er die künstlichen Organe "Topf", "Pflug" und "Wagen" anzufertigen lernte. Erst in den letzten 10.000 Jahren ging es dann rapide vorwärts - eine Entwicklung, die ohne die von den Affen ererbten Kletterhände undenkbar und unmöglich gewesen wäre.

Betrachten wir die künstlichen Organe des Menschen nun etwas eingehender. Wo sind ihre Vor- und Nachteile ?

Ihr erster Vorteil besteht darin, daß sie nicht aus lebenden Zellen bestehen und daher nicht laufend ernährt werden müssen. Das bedeutet für den Energiehaushalt des Lebewesens eine ganz gehörige Einsparung. Der zweite Vorteil: sie sind ablegbar. Wenn sie nicht gebraucht werden, kann man sie weglegen. Der Mensch braucht sie also nicht ständig mit sich herumzutragen. Das bedeutet eine weitere Energieeinsparung und eine geradezu ungeheuere Erleichterung. Der dritte Vorteil: sie sind austauschbar. Der Mensch wird damit zum höchstspezialisierten Wesen der Welt. Hält er einen Speer, dann ist er auf Jagd spezialisiert. Hält er ein Ruder, dann ist er auf Fortbewegung spezialisiert. Betätigt er einen Webstuhl, dann ist er auf Tuchherstellung spezialisiert . . . Während die Vielzeller in der Evolution gewaltige Zeitabschnitte brauchten, um durch Zelldifferenzierungen zu spezialisierten Organen zu kommen - und dann an diese gebunden blieben -, gelangte der Mensch dahin, sich spezialisierte Organe zu schaffen und diese dann - je nach Bedarf - mit seinem Körper zu verbinden. Der Mensch wurde, biologisch betrachtet, zu einem einzigartigen Verwandlungskünstler.

Vierter Vorteil: Die künstlichen Organe können von verschiedenen Individuen benützt werden. Ein Messer kann jetzt von mir und kurz darauf von einem anderen verwendet werden. Das ist - besonders in Gemeinschaften - ein ungeheurer Vorteil. Während in einem Wolfsrudel jedes einzelne Individuum alle natürlichen Organe des Wolfes hervorbringen muß, genügt im Menschenrudel ein künstliches Organ "Sense" oder "Herd"; es kann von verschiedenen Individuen nacheinander oder gemeinsam verwendet werden. Zu einer ähnlichen "Rationalisierung" kam es bereits bei den staatenbildenden Insekten, jedoch auf erblicher Grundlage. Bei den Bienen besorgt die "Königin" das Eierlegen für alle, und bei den Termiten übernehmen die besonders ausgebildeten "Krieger" die Verteidigung der Gemeinschaft. Auch hier verfügt also die Gemeinschaft über gewisse Organe, nur in geringerer Zahl; bei ihren übrigen Individuen müssen diese also nicht ausgebildet sein. Der Mensch kann nun aber solche spezialisierte Organe künstlich bilden und sie auch von einem zum anderen weitergeben. Auch hier stehen wir also vor einer wesentlichen Einsparung an Material und Kraft.

Von besonderer Bedeutung ist der fünfte Vorteil: das Individuum muß die von ihm verwendeten künstlichen Organe nicht unbedingt selbst anfertigen. Innerhalb einer Gemeinschaft kann sich der eine auf die Anfertigung dieser und ein anderer auf die Anfertigung jener künstlichen Organe spezialisieren. Es kam also zur Ausbildung des "Handwerks" und des "Gewerbes", worauf wir in einem späteren Kapitel noch zurückkommen. Indem ein Mensch sich auf eine bestimmte Herstellung spezialisiert, kann er sie auch besser und rationeller ausführen. Auch hier kommt es zu einer Einsparung von Kraft, die sich noch dazu mit einer Qualitätsverbesserung verbindet.

Noch ein sechster Vorteil ist zu erwähnen: Die Herstellung eines künstlichen Organes braucht nicht unbedingt von einem Individuum allein "finanziert" zu werden. Es können sich mehrere die "Kosten" solcher Herstellung teilen und dann das Organ gemeinsam oder abwechselnd benützen, es gemeinsam "besitzen". Und auch die "Vermietung" oder der "Verkauf" - bei natürlichen Organen undenkbar - wurde jetzt möglich.

Diesen Vorteilen steht jedoch auch ein Nachteil gegenüber: die künstlichen Organe muß man bewachen. Natürliche Organe können nicht "gestohlen" werden. Ein Tier kann zwar einem anderen ein Stück wegbeißen, doch dient ihm dieses Stück dann bloß als Nahrung, nicht aber in seiner ursprünglichen Funktion. Beißt eine Eidechse einem Insekt die Flügel weg - dann kann sie mit diesen Flügeln nicht fliegen. Ein künstliches Organ dagegen kann ohne weiteres auch von einem anderen Menschen verwendet werden; deshalb wurde das Problem des "Eigentums" beim Menschen so wichtig. Es gibt eine Reihe von Theorien und Darstellungen, wie der Mensch zur Gemeinschaftsbildung und zu seinen diversen Ordnungsformen gekommen ist, und sehr wahrscheinlich ist diese Bildung auch nicht immer in gleicher Weise erfolgt. Die Notwendigkeit des Schutzes der künstlichen Organe war jedoch bei dieser Entwicklung bestimmt immer maßgebend. Der Mensch konnte seine Macht nur steigern, indem er sich künstliche Organe schuf - diese waren aber andererseits von Anbeginn mit der Hypothek eines notwendigen Schutzes belastet.

Im Lauf der letzten 6000 Jahre - und ganz besonders in den letzten 100 Jahren - stieg dann die Zahl unserer künstlichen Organe ins wahrhaft Gigantische. Dabei entfernten sich diese zusätzlichen Funktionsträger so sehr von unserem Körper, daß ihre Zugehörigkeit zu diesem heute kaum mehr zu erkennen ist. Dazu kommt noch, daß der Mensch diese Gebilde von Anfang an als etwas Gesondertes betrachtete. Da die künstlichen Organe von uns getrennt sind, da sie nicht aus "Fleisch und Blut" bestehen, da sie anders zustande kommen und meist auch ganz anders aussehen als unsere natürlichen Organe, haben wir sie in andere Schubladen unserer Gehirnkartothek eingeordnet. Biologisch gesehen, vom Standpunkt der Evolution aus, ist das jedoch nicht richtig. Sie sind samt und sonders Erweiterungen unseres Körpers und können in ihrem Zusammenwirken auch nur so verstanden werden.

Bei einem künstlichen Gebiß ist es noch ohne weiteres klar, daß dies ein künstlich angefügtes Organ ist, ersetzt es doch unsere natürlichen Zähne. Eine Brille ersetzt zwar nicht ein fehlendes Organ, verbessert jedoch ein geschwächtes. Sie ist daher eine zusätzliche, unsere körperliche Macht steigernde funktionelle Einheit - und in diesem Sinn ein künstliches Organ. Ein Feldstecher wird - im Gegensatz zur Brille - nicht mehr ständig am Auge getragen; ein Fernrohr benötigt bereits eine eigene Stütze; und die Riesenteleskope, mit denen wir bis weit in den Weltraum hinausschauen, sind bereits tausendmal größer als wir selbst. Sie stehen am Ort, festgemauert, und benötigen ein ganzes Gebäude. Ein künstliches Organ kann also auch größer sein als wir selbst; es muß nicht an unseren Körper gebunden sein; es muß nicht herumgetragen werden; es kann vielmehr auch zu einer feststehenden Vorrichtung werden, die wir dann mit unserem Körper verbinden, indem wir zu ihr hingehen, statt sie an unseren Körper heranzubringen.

Auch unser natürliches Organ Gehirn wurde so verbessert. Die ältesten Schrifttafeln, die man in Mesopotamien fand, dienten zur Unterstützung des menschlichen Gedächtnisses. Im weiteren Verlauf wurden ähnliche Tontafeln auch als "Briefe" verwendet - sie wurden so zu künstlichen Organen der Verständigung. Papier, Feder, Schreibmaschine, Druckpresse und so weiter setzten diese Entwicklung fort. Eine öffentliche Bibliothek - wieder eine riesengroße feststehende Einheit - ist schließlich auch ein künstliches Organ. Dieses Beispiel zeigt überdies, daß künstliche Organe auch von der Gemeinschaft geschaffen werden können und dem einzelnen dann anteilig dienen. Weitere Beispiele für solche "Gemeinschaftsorgane" sind etwa die Post - als Organisationskörper, um Informationen zu befördern - sowie "Polizei" und "Militär" als noch größere organisierte Gebilde zu unserem Schutz.

Noch eine Entwicklungslinie: Haut und Fell schützen die Tiere einerseits vor Verletzung und andererseits vor Kälte. Unsere Schuhe und Kleider stellen eine künstliche Verbesserung dieser Funktionen dar. Eine noch wirksamere Hülle, die uns allerdings an einen Ort fesselt, sind unsere "Häuser" und unsere "Wohnungen". Ein Hotelzimmer mieten wir nur vorübergehend; solange wir über dieses Zimmer verfügen, ist es wiederum unser "künstliches Organ". Wir können künstliche Organe also auch nur vorübergehend besitzen. Durch eine Eintrittskarte mieten wir uns das temporäre Gebrauchsrecht eines Kinos, eines Theaters, einer Oper. Für eine gewisse Zeitspanne haben wir dann ein anteiliges "Recht" auf die Leistungen, die sie bieten.

In Kenia filmten Eibl und ich Sunjos, die heute noch mit dem Hackstock das Feld bestellen. Der Hackstock - oder eine Keule - brauchte nicht künstlich angefertigt zu werden, sondern es gab sie bereits in Form von abgebrochenen Ästen. Und die Affenhand war an nichts mehr gewöhnt als an die Umklammerung solcher Objekte. Die ersten künstlichen Organe waren somit nicht das Ergebnis einer Herstellung, sondern einer "Findung". Und die besondere damit verbundene Gehirnleistung bestand darin, zu erkennen, daß sich die Hand durch Hinzufügung eines fremden Objektes in ihrer Leistungsfähigkeit verbessern ließ.

Der "Pflug" wurde bereits mit körperfremder Energie betrieben. In diesem Fall gelingt es dem Menschen, ein anderes Lebewesen - den vor den Pflug gespannten Ochsen - sein künstliches Organ antreiben zu lassen. Das "Haustier" wird so ebenfalls zu einem künstlichen Organ. Künstliche Organe können somit auch Lebewesen sein - vor allem auch Menschen. Jeder "Sklave" war ein universal verwendbares künstliches Organ - und jeder, den wir heute gegen Bezahlung zu einer Dienstleistung für uns veranlassen, ist für die Zeit, da er uns "dient", ebenfalls unser künstliches Organ. Mit dem Wort "künstlich" ist also nicht immer gemeint "künstlich hergestellt" - sondern "künstlich der Organisation unseres Körpers hinzugefügt".

Bis zum Menschen herauf mußte jeder Organismus die von ihm benötigte Energie irgendwie gewinnen, "vereinnahmen" - bei den Pflanzen ist die Quelle das Sonnenlicht, bei den Tieren organische Substanz, die sie abbauen. Manche Lebewesen machen sich auch andere Kräfte, etwa Wind und Wasserbewegungen, zunutze; die Hauptmenge an Energie muß jedoch immer den Umweg über ihren Körper nehmen. Das Dienstbarmachen von Energie, die gleich außerhalb des Körpers direkt für diesen wirkt, ist für den Organismus naturgemäß ein gewaltiger Vorteil. Auf der Perfektionierung dieser Möglichkeit beruht weitgehend unser Fortschritt.

Die künstlichen Organe des Menschen sind also ungeheuer verschiedenartig geworden, sie sind auf das komplizierteste miteinander verflochten - und die meisten lassen kaum mehr erkennen, daß sie tatsächlich Teile unserer körperlichen Organisation sind. In einer Hinsicht aber zeigen sie auch heute noch sehr deutlich ihre Zugehörigkeit zu unserem Körper. - Und damit kommen wir wieder in die Bereiche der Verhaltensforschung zurück.

Jedes künstliche Organ benötigt - so wie die meisten unserer natürlichen Organe - eine entsprechende Steuerung. So wie alle angeborenen Funktionen und Verhaltensweisen auf erblich fixierten Steuerungsrezepten beruhen, so wie erworbenes Verhalten nur durch Aufbau entsprechender Erwerb-Koordinationen möglich ist, genauso benötigen wir auch zur Bedienung jedes künstlichen Organes eine entsprechende Erwerb-Koordination. Selbst bei einem so einfachen künstlichen Organ wie einem Sessel müssen wir erst "lernen", durch welche Bewegungsfolge man sich dieses Objekts bedienen kann - wie man sich also darauf niedersetzen muß. Und auch so große und selbständig tätige Gebilde, wie es etwa das künstliche Organ "Eisenbahn" oder das künstliche Organ "Theater" sind, müssen wir entsprechend "bedienen" - müssen also lernen, wo und wie diese Organe tätig sind und wie wir vorgehen müssen, um sie für unsere Bedürfnisse einzuspannen. Die Betrachtung aus dieser durchaus unüblichen Perspektive führt zu wesentlichen Konsequenzen. Im vorliegenden Buch über Besonderheiten des menschlichen Verhaltens ist nur das Grundprinzip dieser Form von Machtentfaltung wichtig, und dieses besteht eben darin, daß die Funktionserfüllungen sich vom Körper lösten, während die Steuerung - zumindest teilweise - beim Gehirn verbleibt.

Gewisse Vorstufen gibt es auch hier bereits bei den Tieren. Einige Arten gebrauchen Werkzeuge. Der Begriff "künstliches Organ" ist jedoch noch wesentlich weiter als der Begriff "Werkzeug"; er umfaßt jede einem Organismus dienende funktionelle Einheit. In diesem Sinne sind auch schon das Netz der Spinne und das Nest des Vogels künstliche Organe.

Um die "Findung" eines künstlichen Organes handelt es sich, wenn ein Tier eine schon bestehende Höhle zu seinem Schutz benützt - wie das auch beim Urmenschen der Fall war. Um "Gemeinschaftsorgane" handelt es sich bei den Bauten der Termiten und bei den Dämmen der Biber. Die Degradierung von Lebewesen zu künstlichen Organen finden wir bei manchen Ameisen, die andere Arten in ihren Dienst zwingen. Und um die Gewinnung der Leistung eines anderen Individuums durch Gegengabe der eigenen Leistung - worauf wir noch zurückkommen - handelt es sich bei den Formen der Symbiose und der Vergesellschaftung. Alle diese Formen der Verwendung von künstlichen Organen (wie auch der Dienstbarmachung von körperfremder Energie) gehen bei den Tieren jedoch fast ausnahmslos auf genetische Veränderungen des Erbrezeptes zurück. Sie sind also mit der Besonderheit der menschlichen Machtentfaltung leistungsmäßig nicht zu vergleichen.

Zu der geistigen Leistung, durch eigene Erfahrung (sowie Weitergabe derselben) zu solchen zusätzlichen Einheiten zu gelangen, reicht das Gehirn der Tiere nicht aus. Allerdings, und damit kommen wir wieder zum Ausgangspunkt dieses Kapitels zurück, war dazu nicht nur eine geistige Leistung erforderlich, sondern auch ein für eine solche Leistung geeignetes Organ. Vom Delphin zum Beispiel wissen wir heute, daß er ein besonders hoch entwickeltes Gehirn hat. Das nützt ihm aber wenig, da er mit seinen Flossen niemals künstliche Organe anfertigen oder diese mit seinem Körper verbinden könnte. Der Greiffuß der Vögel wäre für solche Zwecke geeignet, doch sind bei diesen Tieren die Vorderextremitäten zu Flügeln umgebildet, und so benötigen sie die Hinterbeine, um darauf zu stehen. Aus den Eichhörnchen hätten sich eventuell Wesen mit künstlichen Organen entwickeln können, doch sind diese Tiere wieder recht klein, und bei Gehirnleistungen spielt ja, wie wir gesehen haben, eine entsprechende Anzahl von Ganglienzellen eine wichtige Rolle. Die Affen könnten natürlich mit ihren Händen genau das gleiche erreichen wie wir - ja sogar noch mehr, denn sie haben ja deren vier. Aber auch bei ihnen reicht das Gehirn nicht aus. Von geringfügigen Ausnahmen abgesehen, vermag dieses weder das Prinzip der Verwendung künstlicher Organe zu begreifen noch die zur Herstellung solcher Einheiten nötigen Erwerb-Koordinationen aufzubauen noch schließlich jene weiteren zu bilden, die nötig sind, um die künstlichen Organe auch sinnvoll zu verwenden.

Lorenz, der junge Affen eingehend studierte, wunderte sich darüber, daß aus diesen Tieren schließlich nicht mehr wird - "als ein geschickt kletternder Affe". Ihm drängte sich die Vermutung auf, daß die Vorfahren der heutigen Menschenaffen bereits höhere geistige Fähigkeiten besessen hätten. Kortlandt, der jahrelang Schimpansen im Freiland beobachtete, kam zu folgender Hypothese: die Vorfahren der heutigen Schimpansen seien in der Tat wesentlich intelligenter gewesen, doch seien sie durch die Australopithecinen - also durch unsere Vorfahren - aus der Savanne wieder verdrängt worden und mußten deshalb in die Urwälder zurückkehren. Die Savanne war offenbar jene Umwelt, die die Weiterentwicklung begünstigte. So wurden - nach Kortlandt - die heutigen Menschenaffen durch unsere Vorfahren in ihrer Entwicklung wieder zurückgeworfen.

Lorenz wies noch auf eine weitere wichtige Eigenschaft des Menschen hin, die wir möglicherweise der kletternden Lebensweise unserer Vorfahren verdanken. Beim Klettern und vor allem beim Springen von Ast zu Ast ist ein richtiges Einschätzen räumlicher Dimensionen wichtig. Schon vor dem Sprung muß das Gehirn eine entsprechende Raumvorstellung erarbeiten - eine "zentrale Raumrepräsentanz", wie Lorenz es nennt.

Diesem Umstand verdanken wir, seiner Ansicht nach, unser sehr optisch orientiertes Denken, was auch in unserer Sprache ausgeprägt zum Ausdruck kommt. So sagen wir etwa, daß wir "unklare" Vorstellungen "anschaulich" machen; wir gewinnen "Einsicht" in Zusammenhänge, "durchschauen" eine Absicht, "erfassen" einen Begriff.

Biologisch betrachtet, ist also unser heutiger Fortschritt in mehrfacher Hinsicht mit jenen fernen Tagen unserer Vergangenheit verknüpft. Nur indem die Affen in Anpassung an das Leben in den Urwaldbäumen ihre Kletterhände entwickelten, ergab sich die Voraussetzung dafür, daß uns eine Herstellung von künstlichen Organen möglich war. Indem unsere Vorfahren dann durch klimatische Veränderungen gezwungen waren, sich einem Leben in der Steppe anzupassen, kam es zu Veränderungen in der körperlichen Organisation und dabei auch zu einer Vergrößerung ihres Gehirns. Und die im Kletterleben gewonnene räumliche Vorstellungsfähigkeit mag für unsere Weiterentwicklung gleichfalls wichtig gewesen sein.

Der Mensch kann als das "Wesen mit den künstlichen Organen" bezeichnet werden. Für diese Besonderheit war unsere Intelligenz ausschlaggebend, doch ebenso auch unsere Hände, unsere Vorstellungskraft - und unser persistierendes Neugierverhalten. Nur indem all dies zusammenwirkte, konnten wir die Grenzen, die unseren körperlichen Organen gesetzt waren, überwinden. Zuerst überaus langsam, dann aber, als Sprache und Schrift dazukamen, erweiterten und wandelten wir uns immer schneller, gewannen wir immer mehr Organe, die unsere Macht vergrößerten und die heute - in tausendfacher Kompliziertheit ineinander verzahnt - bereits den ganzen Erdball umspannen.
 
 

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