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12. Kapitel
 

Der Glücksucher



Es dauert jetzt wohl nicht mehr lange, und der erste Mensch wird auf dem Mond landen. Ob der ungeheure Energleeinsatz, den der Mensch in dieses Neugierverhalten investiert, Früchte tragen wird, bleibt abzuwarten. Ein Ergebnis ist jedoch schon heute vorauszusehen. Für die Wissenschaft ergibt sich auf dem Mond eine einmalige Gelegenheit. Gelingt es, dort ein Riesenteleskop aufzubauen, dann wird es möglich sein - da der Mond keine die Lichtstrahlen störende Atmosphäre hat -, noch etwas weiter in den unermeßlichen Weltraum hinauszuschauen; dann werden wir auch noch kosmische Erscheinungen beobachten können, die Millionen von Lichtjahren von uns entfernt sind. Wir werden dann noch besser erkennen können, eine wie winzige Erscheinung in Raum und Zeit wir sind.

Nehmen wir an, der auf dem Mond stationierte Astronom könnte einige Stunden seines Forschungsprogramms erübrigen, und er blickte zu seinem Vergnügen zu unserem Erdball herüber. Nehmen wir weiter an, sein Teleskop wäre so stark, daß er inder Lage ist, einzelne Menschen bei ihrem Tun zu beobachten. Was würde er sehen?
Er würde uns als das sehen, was wir tatsächlich sind - als

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allseitige Bewohner einer Kugel. Das heißt, er würde etwas sehen, das wir uns trotz besseren Wissens nicht vorstellen können, weil unser Geist in seiner Oben-unten-Vorstellung offenbar in einer Kantschen Kategorie "a priori" festliegt. Er würde sehen, wie auf der "Oberseite" dieser Kugel - jener nämlich, die gerade zufällig mit seiner Lage übereinstimmt - die dort befindlichen Menschen "aufrecht" gehen. Er würde, wenn er das Fernrohr zum seitlichen Teil der Kugel richtet, die Menschen in entsprechend seitlicher Lage herumgehen, Kaffee trinken und sonstiges tun sehen. Und richtet er das Fernrohr zur unteren Seite, dann würde er sehen, wie dort die Flugzeuge "abwärts" aufsteigen, wie dort jener Sportler den Preis erringt, der beim Hochspringen "abwärts springend" die höchste Leistung erzielt. Auf einsamen Bänken würde er Liebespaare sehen, wie sie kopfabwärts sich und die Welt vergessen ... Kurz, er würde uns in unserer wirklichen Lage sehen - und dieser Anblick würde ihm vielleicht auch eine Besonderheit des Menschen deutlicher vor Augen führen, die wir noch selbstverständlicher als alle übrigen nehmen: unser Streben nach "Glück".

Als unser Planet - dieser, kosmisch betrachtet, so winzige Körper - entsprechende Voraussetzungen bot, setzte an seiner Oberfläche ein Prozeß ein, der sich in der Bildung von immer komplizierteren und leistungsfähigeren Körpern äußerte. Einen eigentlichen Zweck oder ein eigentliches Ziel strebte dieser Prozeß - soweit wir heute erkennen können - nicht an oder vielmehr nur eben den, sich selbst zu vergrößern. Das "Leben" gleicht in dieser Beziehung dem Feuer, das auch gewissermaßen nach "Nahrung sucht" und diese zur Steigerung seines Vorganges "verwendet". Auch das Feuer benötigt Energie und macht diese dann zum Teil seines Prozesses. Beim Lebensprozeß ist das auch so: auch er sucht nach verfügbarer Energie, die dann ebenfalls zu einem Bestandteil und zum eigentlichen Ausführer dieses Prozesses wird. Der große Unterschied besteht allerdings darin, daß sich der Lebensprozeß in der Bildung "geordneter" Strukturen äußert, die zur aktiven Gewinnung von Energie befähigt und in diesem Sinne "zweckmäßig" sind. Diese Körper "wachsen", und sofern ihnen dabei

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natürliche Grenzen gesetzt sind - etwa durch die Erdschwerkraft oder durch die begrenzte Erweiterungsfähigkeit ihrer eigenen Organisation -, "vermehren" sie sich. Hätte der Lebensprozeß diese beiden Fähigkeiten nicht entwickelt, dann wäre er schnell zum Stillstand gekommen. Er gelangte jedoch zu diesen Fähigkeiten und setzte sich fort. Wenn Nietzsche in diesem Prozeß keine andere Zielhaftigkeit sah als einen "Willen zur Macht", dann ist dem naturwissenschaftlich kaum zu widersprechen. Allerdings kommt ein solcher "Wille" auch dem Feuer zu - nur eben in einer weit weniger komplizierten Weise.

Auch jeder von uns - jeder "Mensch" - ist ein solcher Leistungskörper, eine solche "Ordnung", zu der der Lebensprozeß gelangte, und zwar die komplizierteste und mächtigste von allen. Als einziger solcher Körper vermögen - wir in unserer Phantasie - auf unser eigenes "Leben" zu schauen, vermögen uns selbst zu bewerten, vermögen dieses "Leben" selbst bewußt zu gestalten. In uns kam der Lebensprozeß an den Punkt, da sich zu einem recht blinden "Willen" Überlegung gesellte - also die Fähigkeit, die Richtung dieses Willens zu lenken. Und in welche Richtung lenkte der Mensch ihn nun? Unsere Aktivität ist ungeheuer kompliziert geworden - welches ist ihr letztes Ziel?

Eine grundlegende Fähigkeit aller vom Lebensprozeß hervorgebrachten Körper ist eine Bewertung dessen, was den Prozeß "fördert" und was ihn "nicht fördert". Diese Unterscheidung ist - wie man in der Biologie sagt - nach dem "Lust-Unlust-Prinzip" gesteuert. Auf manche Wahrnehmungen reagieren die Lebewesen "positiv", sie werden von ihnen gleichsam angezogen, sie streben zu ihnen hin - diese Reize vermitteln ihnen "Lust". Andere dagegen stoßen sie ab, bewirken ein Zurückziehen, eine Abwendung - sie vermitteln ihnen "Unlust". Ob diese Lust- und Unlustempfindungen mit unseren menschlichen vergleichbar sind, können wir nicht feststellen, da wir uns mit den Pflanzen und Tieren nicht verständigen können. Wenn also gewisse Psychologenschulen darauf hinweisen, daß wir aus unseren Empfindungen nicht auf jene der Tiere schließen dürfen, dann ist das richtig. Daß unsere Empfindungen jedoch auf der

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gleichen Lust-Unlust-Unterscheidung beruhen, die den gesamten Lebensprozeß kennzeichnet - ja sein eigentlicher, zentraler Motor ist -, dürfte kaum ernsthaft zu bezweifeln sein.

Der springende Punkt ist nun der - und hier liegt eine weitere entscheidende Besonderheit des Menschen -, daß wir uns dieser Lustgefühle nicht nur bewußt werden, sondern auch die Kausalität ihres Zustandekommens überschauen können. Wir erkennen, was uns im einzelnen diese Empfindungen verschafft - und es ist nur natürlich, daß der Mensch seine Intelligenz dahingehend einsetzt, seine lustvollen Zustände zu fördern und die unlustvollen nach Möglichkeit zu vermindern. Noch mehr: er verändert die Dinge so oder erzeugt künstlich derart beschaffene Situationen, daß sein Lustzustand noch gesteigert wird. Die stärksten "Lustspender"' sind unsere angeborenen Instinkte. Diese funktionieren so, daß uns bei Erreichen des entsprechenden Triebzieles angenehme Empfindungen zuteil werden, während uns eine Nichterfüllung zu unlustvollen Spannungszuständen führt. Deshalb standen die angeborenen Verhaltensweisen von Anbeginn im Zentrum menschlichen Interesses. Unsere Vorfahren gelangten offenbar sehr bald dahin, diese "positiven" Empfindungen - ursprünglich nicht mehr als ein notwendiger Bestandteil im Gesamtmechanismus der Arterhaltung - zu einem Zielpunkt zu machen. Aus einem "Mittel" wurde so ein Selbstzweck.

Heute ist diese Entwicklung sehr weit gediehen; unsere Nahrungsaufnahme ist dafür ein Beispiel. Wir essen längst nicht mehr nur im Sinne der biologischen Funktion dieses Vorganges - also um unserem Körper die notwendige "Nahrung" zuzuführen -, sondern wir haben, durch entsprechende Zubereitung und Würzung, unsere Speisen für uns erhöht lustspendend gemacht. Für viele Menschen liegt heute das Problem längst nicht mehr darin, genug zu essen, um gesund zu bleiben - sondern vielmehr darin, wie man möglichst viel und möglichst gut essen kann, ohne dabei die Gesundheit zu schädigen. Schon dieses Beispiel zeigt, wie neuartig - aus dem Sichtwinkel der Evolution - diese Entwicklung ist. Der Lebensprozeß, bisher nach "außen" gerichtet und darauf zielend, körperfremde Substanz in körpereigene zu verwandeln - sich zu

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vergrößern und zu vermehren -, wendet sich nun gleichsam gegen sich selbst, zielt auf die Auslösung ihm selbst eigener Vorgänge. Kraß ausgedrückt, wird der Mensch so zu einem Ausbeuter seiner eigenen lustspendenden Mechanismen, zu einem höchst eigenartigen Parasiten an seiner eigenen Nervenstruktur. Er wurde zu einem Spezialisten im Genießen und gelangte so zur "Kultur".

Die Worte "Ausbeuter", "Parasit" und vor allem das Wort "Lust" haben in unserem Sprachgebrauch einen negativen Beigeschmack, der durchaus nicht im Sinne dieser Betrachtung liegt. Aus kosmischer, nüchterner, vorurteilsloser Sicht - um die wir uns hier bemühen - ist jedes Lebewesen ein "Ausbeuter", ja ein "Parasit". Die Pflanzen beuten die Energiequelle der Sonnenstrahlen aus und sind deshalb, wenn man so will, "Parasiten" des Sonnenlichtes. Sämtliche Tiere verwenden den Körper irgendwelcher anderer Organismen (Tiere oder Pflanzen) als Energiequelle, beuten also diese anderen Körper aus, sind deren "Parasiten". Parasiten im eigentlichen Sinn nennen wir jedoch solche Tiere (und Pflanzen), die sich an andere anhaften und dauernd von ihnen zehren. In unserer subjektiv menschlichen Vorstellung ist uns diese Form des Nahrungserwerbes unsympathischer, widerlicher - sehr wahrscheinlich eine angeborene Reaktion, die sich gegen unsere eigenen Parasiten richtet und die wir auch auf alle uns nicht betreffenden analogen Vorgänge in der Natur übertragen. Aus biologischer Sicht - aus der Sicht des Lebensprozesses - ist diese Erwerbsform selbstverständlich in keiner Weise "schlechter" als irgendeine andere. Ja Moralwertungen wie "gut" und "schlecht" entbehren hier überhaupt jeglicher Grundlage. Die einzige gültige Wertung heißt "lebensfähig" oder "nicht lebensfähig". Das am Menschen so Neue und Ungewöhnliche ist somit nicht, daß er ein Ausbeuter und Parasit (im weitesten Sinn des Wortes) ist; diese Eigenschaft teilen wir mit allen Lebewesen. Wir sind Ausbeuter, Parasiten der Rinder, Orangen, des Getreides und so weiter. Worin unsere Besonderheit liegt, ist der Umstand, daß bei uns dieser Energie-(und Stoff-)Gewinn zwar immer noch wichtig und notwendig, aber nicht mehr das zentrale "Ziel", der eigentliche "Zweck" ist, sondern zu einem Mittel wurde, um etwas anderes zu er-

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reichen - das somit zum eigentlichen Ziel geworden ist. Dieses andere sind nun aber eben unsere "Lustempfindungen", also Begleiterscheinungen unseres Lebensvorganges. Um sich diese zu verschaffen, unternimmt der Mensch weit größere Anstrengungen, als es zu seiner eigentlichen "Lebenshaltung" nötig wäre. Auch in dieser Form der Ausbeutung, des "Selbstparasitismus", liegt selbstverständlich nichts "Schlechtes" - sofern es die Lebenseignung nicht schädigt. Der Mensch ist jedoch allen anderen Lebewesen gegenüber zu so ungeheurer Übermacht gelangt, daß er sich diesen "Luxus"' ohne weiteres leisten kann. Indem er seine eigenen Lustgefühle "züchtet", gibt er dem Lebensprozeß eine neue, eigenartige Richtung - die wohl schon bei einigen Tieren (besonders unseren Haustieren) angedeutet ist, bei uns jedoch infolge unserer selbstbewußten Intelligenz zur zentralen Erscheinung unserer Entwicklung wurde.

Das Wort "Lust" ist gleichfalls mißverständlich, da manche Lustäußerungen einen negativen Beigeschmack erhalten haben. So empfinden wir sehr gesteigerte Eßlust oder sexuelle Lust als etwas eher "Tierisches" und moralisch nicht Einwandfreies, während uns gesteigerte Lustempfindungen aus dem Brutpflegetrieb oder aus unseren sozialen Instinkten - also intensive Freude über das Wohlergehen der Kinder oder Genugtuung über eine Tat der Hilfsbereitschaft anderen gegenüber - einwandfrei "gut" und berechtigt vorkommen. Zum Teil hängt dies mit religiösen Wertvorstellungen zusammen; Lorenz hat jedoch darauf hingewiesen, daß diese Unterscheidung wahrscheinlich bereits auf einer angeborenen Reaktion beruht. Die entwicklungsgeschichtlich älteren "primitiven" Triebe, die bei uns zur Überfunktion gelangt sind, empfinden wir, sobald sie das normale Maß übersteigen, als "schlecht"; bei jenen dagegen, die in Rückbildung begriffen sind, empfinden wir ein analoges Übermaß sogar als lobenswert. Es ist dies gleichsam eine Art von Korrektur der durch Domestikation geschaffenen Abweichung vom natürlichen Ausleseprinzip. Für den Biologen hat der Begriff Lust keinen solchen positiven oder negativen Beigeschmack, sondern umfaßt alle Erregungsvorgänge, auch die subtilsten, sofern diese "positiv getönt" sind, also den Organismus zur Zuwendung oder zum Verharren in einer Reizsituation

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veranlassen. Da dieser Begriff jedoch im Alltagsgebrauch keine solche neutrale Bedeutung hat, eignet er sich nicht für unsere weiteren Überlegungen - deshalb soll statt dessen ein anderer verwendet werden, der zwar den Philosophen und Dichtern sehr geläufig ist, von Naturwissenschaftlern aber noch kaum verwendet wurde - der Begriff "Glücklichsein" oder "Glück" schlechthin. Er hat den großen Vorzug, daß er fast völlig wertneutral ist - wir bezeichnen einen Orgasmus ebenso als einen Glückszustand wie die Empfindungen, die durch Kunstgenuß vermittelt werden; ein weiches Bett kann uns ebenso "glücklich" machen wie eine gewonnene Auszeichnung, wie die Geburt eines Kindes, wie das rücksichtslose Niederzwingen eines Feindes. Als "Glück" kann ein ganz vorübergehender Zustand bezeichnet werden - ein "Augenblick des Glücks" -, im allgemeinen jedoch bezeichnen wir Menschen dann als "glücklich", wenn über längere Strecken die positiven Empfindungen bei ihnen überwiegen, wenn ihre Lebensführung und Lebenseinstellung so ist, daß sie mehr kontinuierlich im Zustand des "Glücklichseins" - der sich aus sehr vielen Einzelempfindungen zusammensetzen kann - verharren.

Ebenso wie das Essen lernte der Mensch auch das Trinken erhöht lustspendend zu gestalten - also zu einer Steigerung seines Glückszustandes einzusetzen -, und sogar die Funktion des Atmens beuten wir in diesem Sinn aus - indem wir rauchen. Stark bei uns entwickelt ist der Fluchttrieb, der sich in unserer "Angst" äußert. Ursprünglich sprach dieser Instinkt auf gefährliche Tiere, auf fremde Menschen, fremde Umgebung und auf Naturerscheinungen an, durch unser kausales Denken dehnte er sich jedoch auf eine viel größere Zahl von Zusammenhängen aus, die wir als irgendwie bedrohend empfinden und die uns deshalb Angstvorstellungen erwecken. Aus diesem Instinkt resultiert unser Trieb zur Sicherheit - dem wir etwa entsprechen, wenn wir uns zum Zweck des Schlafens oder zur Ausführung des Paarungsaktes verstecken; aus ihm resultiert eine ungeheure Zahl von Einrichtungen, die dem Menschen glückspendende Sicherheitsgefühle schenken: absperrbare Häuser, Zäune, Waffen, Schutzbündnisse, Versicherungsgesellschaften, eine große Zahl der Gesetze, die Einrichtungen der Landesverteidi-

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gung, der Polizei, der Gerichte und Gefängnisse und viele andere mehr. Mit den Steuern, die der Bürger zahlt, erkauft er sich zu einem beträchtlichen Prozentsatz Sicherheit. Den bei uns ebenfalls starken Aggressionstrieb kann der Mensch - wie schon hervorgehoben - in der geordneten Gemeinschaft nicht wünschenswert ausleben. Die durch ihn vermittelten Glücksgefühle verschafft er sich durch erlaubte, nicht tätliche Auseinandersetzungen, durch Intrige und List, durch den Besuch von Schaukämpfen und Wettrennen (wo er sich mit den Kämpfenden identifiziert), durch Sport, Theater, Film und anderes mehr. Wer nicht selbst kämpfen kann (oder durch zu starke Angstgefühle daran gehindert ist), hat über seine Phantasie auch eine Möglichkeit, an diese Lustquelle zu gelangen. Unser Brutpflegetrieb führt uns zu Glücksgefühlen - über den Weg der Beglückung unserer Familie. Die sozialen Instinkte - dem Umfang der heutigen Massengesellschaften durchaus nicht mehr entsprechend - schenken uns Freude durch geselliges Beisammensein und durch "Feste" - zu deren "Erfindung" der Mensch überall kam; schenken uns (die heute recht gefährlich gewordenen) Glücksgefühle der nationalen Begeisterung und Kampfbereitschaft; schenken uns Befriedigung aus der Zugehörigkeit zu einer Gruppe, aus dem Eintreten für eine Idee, aus dem Befolgen einer "Lehre"'. Ebenfalls aus diesem Instinktverhalten - beeinflußt auch vom Sexualtrieb - ergibt sich das sehr starke Rangstreben des Menschen und die glückspendenden Machtgefühle, die sich mit Imponieren, dem Erreichen erhöhter Positionen, mit Titeln, Auszeichnungen und Anerkennungen verbinden. Der Ordnungstrieb - sofern meine Vermutung zutrifft und ein solcher bereits in erblicher Fixierung vorliegt - schenkt uns Glücksgefühle über erfolgreiche Koordinierung von Abläufen: dem Mann im Beruf, der Frau daheim im Haushalt. Der Neugiertrieb schenkt uns Freude durch Abwechslung, durch Spiel, Hasard, ja selbst durch Gefahr. Die ungeheuren Fremdenverkehrsströme unserer Zeit beuten diese glückspendende Reaktion ebenso aus wie die sich in Kinos und um Fernsehschirme versammelnden Massen. Ganz besonders starke Glücksgefühle schenkt der Sexualtrieb - von rein körperlichen zu ganz verfeinerten geistig-seelischen -, und die ungeheuren

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Auswirkungen gerade dieses Glücksstrebens sind allgemein bekannt. Mit ihm eng verknüpft ist wieder die uns angeborene Fähigkeit zu ästhetischer Wertung - die zur Kultur im eigentlichen Sinn geführt hat, indem wir unsere so mannigfachen künstlichen Organe nach Möglichkeit so gestalten, daß sie uns nicht nur im Sinn ihrer Funktion (und allenfalls auch zum Imponieren) dienen, sondern uns auch noch durch "Schönheit" erfreuen, uns also auch ästhetische Glücksempfindungen schenken. Bewegungstrieb, Sprechtrieb und weitere angeborene Tendenzen drängen uns ebenfalls zu Handlungen, schenken uns ebenfalls durch Ausübung "Glück".

Charakteristisch für das menschliche Triebverhalten ist, daß unsere Triebe nicht mehr starr an festliegende Erbkoordinationen geknüpft sind und daß wir auch nicht mehr selektiv auf klar umgrenzte Schlüsselreize ansprechen. Schon bei den Lerntieren wurden - wie besprochen - die starren Bewegungsfolgen zerbrochen, und durch die menschliche Selbstdomestikation verloren auch unsere Mechanismen angeborenen Erkennens an Selektivität. Das bedeutet praktisch: es sind uns zwar die Triebe verblieben - manche haben sich sogar verstärkt -, doch sie führen meist nicht zu streng vorgezeichneten Bewegungsfolgen, und sie werden durch sehr verschiedene Umweltsituationen ausgelöst. Daraus erklärt sich die Unklarheit unserer Triebe - der "dunkle Drang", wie Goethe es nannte. Wird einer von ihnen durch passende Reize angesprochen - oder macht er sich durch spontane Erregungsproduktion bemerkbar -, dann werden wir unruhig, wissen jedoch nicht ohne weiteres, wohin dieser Drang uns eigentlich lenkt. Erst wenn eine "abschaltende Situation" gefunden ist, in der sich der Trieb abreagiert und uns Glücksgefühle spendet, erkennen wir das erreichte Triebziel, merken es uns und suchen später wieder danach. Durch Erfahrung wird so unser Instinktverhalten selektiver; wir lernen allmählich, was wir "wollen". Da die Ausprägung der verschiedenen Instinkte beim einzelnen Menschen oft sehr variiert, kann bei dem einen dieser Trieb, beim anderen wieder jener überwiegen. Dazu kommen dann noch die erworbenen Aktions- und Reaktionsnormen, die, wenn sie sich genügend gefestigt haben, ebenfalls zu Trieben werden, deren

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zeitgerechte Abreaktion Glücksgefühle auslöst. Und dazu kommen schließlich noch die in der Phantasie gebildeten Bewegungsfolgen - "Pläne" und "Illusionen" -, die sich gleichfalls wie Triebe verhalten und die bei Erfüllung gleichfalls Glücksgefühle spenden. Der menschliche Körper läßt sich mit einem Wagen vergleichen, der von sehr verschiedenen Pferden nach sehr verschiedenen Richtungen gezogen wird. Der Wagenlenker, das bewußte Ich, ist zunächst - bei Geburt des Menschen - noch gar nicht da. Die angeborenen "Pferde" sind es, die zunächst diesen Wagen ziehen - im übrigen wird er von den Eltern und der Gesellschaft gelenkt. Dann tritt allmählich der Wagenlenker in Erscheinung, erhält unzählige Ratschläge mit auf den Weg und bemüht sich, die Zügel seiner Pferde in die Hand zu bekommen. Weitere schafft er sich selbst an - und auch diese müssen gezügelt werden. Die Fahrt - der Berufs- und Vergnügungsweg - geht durch das Verbotsdickicht der für den Platz gültigen Ordnungen. Hindernisse und Schwierigkeiten stellen sich in den Weg; jedes der Pferde will Futter, will laufen; oft ziehen sie gegeneinander - für den Wagenlenker kein einfaches Problem.

Zu allen Zeiten haben sich Denker und Dichter gefragt, wie man es in dieser Situation am besten anstellt, um den Wagen recht harmonisch zu führen, um zu einem möglichst dauernden Glückszustand zu gelangen. Die von ihnen hinterlassenen Meinungen und Ratschläge widersprechen einander oft diametral. Manche sahen in der Machterweiterung, in der Überwindung von Widerständen das Glück (etwa Nietzsche), andere wieder empfahlen, auf Macht und auf krampfhafte Anstrengungen überhaupt zu verzichten (etwa Tschuang-tse). Die von Aristippos begründete kyrenäische Philosophenschule erklärte, alles, was Lust schenke, sei glücklichmachend und deshalb "gut"; eine andere Schule, die Stoiker, erklärten, Lust sei eine Fessel, eine Beschränkung der Freiheit, sie mache daher den Menschen unglücklich - sei deshalb "schlecht". Nach Horaz - dessen Ansicht wohl von besonders vielen geteilt wird - macht Besitz glücklich; doch Diogenes - und manch anderer seither - zeigte, daß auch Besitzlosigkeit eine gute Basis für Glück und Zufriedenheit ist. Nach dem jüdischen, christlichen und moham-

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medanischen Glauben liegt das Glück in einem anderen Dasein. Goethe erklärte, das Glück sei "überall" in der Welt zu finden - allerdings sagte er an anderer Stelle, es sei immer gerade dort, wo man selbst nicht ist. Von Hölderlin hören wir, daß Glück schwerer zu tragen sei als Unglück. Cicero war der Ansicht, das Glück liege nicht in der Erfüllung, sondern im Verlangen. Seneca erklärte, das Glück trage seinen Sturz in sich selbst. Laotse hinterließ uns den Rat, man müßte auf das Glück verzichten, um es zu gewinnen - und diese Aufzählung könnte noch fortgesetzt werden.

Eine Eigenart des Glücks, die vielen Denkern zu schaffen machte, ist dessen geheimnisvolle "Flüchtigkeit". Es tanzt wie ein Irrlicht vor dem Menschen einher - und wenn man es endlich zu fassen bekommt, dann zerrinnt es gleichsam zwischen den Fingern. Dieser so geheimnisvolle Vorgang findet seine fast banale Erklärung in dem Phänomen der sich verändernden Reizschwelle. Ein Durstiger schleppt sich durch die Wüste - je stärker sein Drang nach Flüssigkeit wird, um so mehr treten alle sonstigen Wünsche in den Hintergrund. Reichtum, Macht, sexuelle Freuden - alles das wird schal und bedeutungslos; ein Glas Wasser wird wichtiger, glückverheißender als alles übrige in der Welt. Die Reizschwelle des einen Instinktes ist hier auf ihr Minimum abgesunken; alle übrigen Parlamentsabgeordneten kauern kraftlos in ihren Stühlen. Der Körper folgt ausschließlich den Direktiven des einen, allübermächtigen Instinktes: Durst. Dann gelangt der Unglückliche zu einer Oase, und in einem wahren Glückstaumel trinkt er. Die abgesunkene Reizschwelle steigt nun wieder an. Jetzt melden sich Hunger und Schlaf. Tags darauf beginnt er wieder für andere Dinge "Sinn zu habent" - "die Erde hat ihn wieder". Die verschiedenen anderen Wünsche im Instinktparlament melden sich jetzt wieder zu Wort. Weitere Mengen von Flüssigkeit bewirken keinen Glückstaumel mehr. Und nach ein paar Tagen ist ihm das Trinken wieder ebenso selbstverständlich, ebenso Teil der normalen Routine geworden wie eh und je.

Noch ein Beispiel. Ein Mann hat es sich in den Kopf gesetzt, ein eigenes Haus zu besitzen, und setzt alle Kräfte ein, dieses Ziel zu erreichen. In diesem Fall ist der zuständige Par-

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lamentsabgeordnete eine durch. Phantasie gebildete Struktur - auch er drängt die übrigen Stimmen in den Hintergrund, beherrscht bald diesen Geist und damit die Handlungen dieses Körpers. Auch hier liegt eine Reizschwelle tief und bewirkt eine Appetenz. Dann gelingt es dem Mann, das Haus zu erwerben. In einem wahren Glückstaumel zieht er ein. Noch nach Wochen und Monaten schenkt dieser Besitz ihm Freude und Glück - allerdings haben sich inzwischen wieder andere Wünsche gemeldet. Jetzt denkt der Mann an ein Auto. Dann wird er Millionär. Da nun jeder Wunsch, kaum geäußert, bereits erfüllt wird, steigen ringsum im Parlament bei allen Trieben die Reizschwellen an - und nur noch übernormal starke Reize können diesen Gehirnstrukturen Glücksgefühle entlocken. Der "arme" reiche Mann weiß schließlich nicht mehr, was er wollen soll. Dann verläßt ihn das Glück, er verliert alles. Er wird krank, seine Freunde verlassen ihn, es geht ihm schlecht. Und siehe da, plötzlich schenken ihm ganz bedeutungslose Kleinigkeiten Glück. Ein Vogel setzt sich in seiner Nähe auf den Boden, er wirft ihm ein paar Krumen hin, der Vogel pickt sie auf - dem Mann steigen Tränen in die Augen. Jetzt denkt er wieder an das Haus - es war ein schöner Besitz! Und die Gesundheit - bisher so selbstverständlich -, sie war ein Geschenk! Sobald etwas selbstverständlich wird, steigt die Reizschwelle an; ist man nach etwas ausgehungert, dann sinkt sie ab. Nicht das Unglück ist somit der eigentliche Gegenspieler zum menschlichen Glück, sondern das Gesättigtsein, das Selbstverständlichwerden.

Wohlhabende Eltern machen häufig den Fehler, ihren Kindern - eben weil sie es sich leisten können - jeden ihrer vielen Wünsche möglichst schnell zu erfüllen. Sie glauben, ihnen so eine besonders glückliche Jugendzeit zu sichern - und tun ihnen auf diese Weise keinen wirklichen Gefallen. Die Kinder werden unruhig und aufsässig, nichts scheint sie mehr zu freuen. Die Erklärung ist einfach: das Kind sehnt sich nach Glücksgefühlen - diese aber sind an Appetenzen gebunden, die sich nur bei entsprechend schwieriger Wunscherfüllung bilden. In diesem Punkt sind die Kinder von weniger bemittelten Eltern sogar im Vorteil.

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Auf dem Phänomen der sich verändernden Reizschwellen beruht vielleicht die einzige naturgegebene "Gerechtigkeit" dieser Welt. Der Arme - ob jung oder alt - kann so durchaus ebenso starke Glücksgefühle genießen wie der Reiche - sehr wohl auch stärkere. Auch die von vielen geäußerte Meinung, Bescheidenheit sei eine gute Basis für das Glücklichsein, findet so eine ganz reale Bestätigung. Hat einer Willen genug, sich nicht selbst zu verwöhnen, dann kann er die verschiedenen Reizschwellen künstlich niederhalten; die verschiedenen Triebe spenden ihm dann schon bei mäßigen Reizen Glücksgefühle - und mäßige Reize sind eben praktisch leichter zu erlangen als übernormale. Wer verzichtet, gewinnt, sagte Laotse, und knapper läßt sich dieser Zusammenhang wohl kaum formulieren. Die Philosophenschule der Epikureer, die diesen Vorgang ebenfalls durchschauten, ging so weit, eine mäßige Askese zu empfehlen - nicht um die Triebe abzutöten, sondern um sie zu aktivieren. Bricht man mit Gewohnheiten, legt man Perioden einfachen Lebens zwischen andere, dann gelangt man zu einem ähnlichen Resultat.

Unlustvoll sind für den Menschen die durch Konfliktsituationen bewirkten Erregungsvorgänge. Solche treten auf, wenn Triebe untereinander oder mit bewußt geformten Absichten kollidieren - oder wenn sich einer als wichtig empfundenen Handlung unerwartete Schwierigkeiten entgegenstellen, die eine jähe Entscheidung verlangen. In zurückliegenden Zeiten, da noch weitere Bevölkerungsschichten in schwerer Unterdrückung und Not lebten, konnten sich die Empfindungen der Menschen - in ausweglosen Lebenslagen - schließlich nur noch aus solchen Konfliktsituationen zusammensetzen. Die Triebe gelangten zu keiner befriedigenden Abreaktion, das Leben schleppte sich in immer neuen Entbehrungen und Demütigungen weiter - und dazu kamen dann noch Krankheiten und körperliche Schmerzen. Aus dieser Situation erklärt sich die Lehre des Buddhismus, der in diesem Dasein nur noch Leiden, also etwas Negatives, sieht und als Ausweg die völlige Unterdrückung der Wünsche und Begierden predigt. Ein völliges Auslöschen wird hier zum Ziel des Erdendaseins. Da man Triebe durch Nichtausübung allmählich abschwächen kann, bot diese

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Methode gewiß Erleichterung. Die den Wagen ziehenden Pferde, um zu unserem früheren Vergleich zurückzukommen, werden nicht mehr gefüttert, nicht mehr beachtet - alles wird getan, um sie abzutöten. Zur Bildung von neuen Trieben durch Gewohnheiten kommt es in solchen Situationen sowieso nicht, und die Phantasie wird ebenfalls auf Wunschlosigkeit ausgerichtet. Aus der so erzielten Abstumpfung, aus der so gewonnenen inneren Unabhängigkeit ging wohl ein Zustand fatalistischen Gleichmutes hervor - befriedigender als die Situation vorher. Das Christentum, unter ähnlichen Bedingungen entstanden, ging noch einen Schritt weiter. Auch diese Lehre sieht im Leben ein "Tal der Zähren", dieses ist jedoch nur eine Prüfung, ein Übergang. Glücklich alle, die unglücklich sind, denn ihnen wird Seligkeit zuteil werden. Auch diese Einstellung wirkt negativ - aber sie ist glückspositiver als der Buddhismus. Nirgends wurde vielleicht die Macht der menschlichen Phantasie mehr unter Beweis gestellt. Durch dieses Lebensrezept gelang etwas, was wohl überhaupt keiner weiteren Steigerung mehr fähig ist: es gelang, den Leidenden glücklich zu machen, daß er litt, den Unterdrückten, daß er unterdrückt wurde, den Machtlosen, daß er machtlos war.

Auch zu der Frage, inwiefern Besitz glücklich macht, läßt sich aus naturwissenschaftlicher Sicht Konkretes sagen. Was wir "Güter" nennen, sind - abgesehen von Nahrung und "Revieransprüchen" (Grundbesitz) - durchwegs künstliche Organe. Mit jedem dieser uns funktionell dienenden Gebilde verbindet sich - wie ausgeführt - die Notwendigkeit zur Bildung entsprechender Erwerb-Koordinationen (um sich ihrer zu bedienen); die weitere Notwendigkeit ihres Schutzes, ihrer allfälligen Wartung, Ordnung und Pflege. Diese Einheiten stellen somit gewisse Ansprüche - ebenso wie auch jedes körpereigene Organ. Und ihr Besitz führt auch zur Appetenz, sie zu benützen - besonders, wenn es sich um größere, schwieriger zu beschaffende Einrichtungen handelt. Ein gekaufter, aber nicht benützter Bleistift wird ohne weiteres in Vergessenheit geraten - ein Kleid mag uns dagegen bereits dazu nötigen, es zu tragen, und ein Auto kann sehr wohl vom Diener zum Herrn werden, indem es seinen Besitzer zur Benützung drängt. Von

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solchen "Fesseln", von solcher Beeinflussung des Willens befreiten sich Diogenes und seine Anhänger, indem sie nur noch in Besitz einer Decke und eines Bettelsackes durch die Gegend wanderten - und ähnlich verhalten sich manche "Hoboes" und "Gammler" unserer Tage. Daß eine solche Lebensart bloß für einzelne, nicht aber für eine ganze Bevölkerung geeignet ist, versteht sich von selbst. Im übrigen liegt hier aber ein tatsächliches Problem vor, das vor allem die Reichen und Besitzenden trifft. Ihnen kann es sehr leicht passieren, daß sie sich mit mehr künstlichen Organen umgeben, als ihr Zentralnervensystem harmonisch bewältigt, daß sich ihnen zu viele Möglichkeiten, zu viele daraus erwachsende Verpflichtungen ergeben. Erweitert der Mensch seinen Organisationskörper durch zuviel Besitz, durch zu viele künstlich hinzugewonnene Organe, dann wird ihm die Zeit zu knapp, alle durch sie gebotenen Möglichkeiten zu nützen - und sie wenden sich gegen ihn. Sie stellen gewisse Ansprüche, drängen, zwingen, verlocken, und die steuernden Gehirnstrukturen kämpfen gegeneinander und machen den Menschen - sogar inmitten seines Reichtums - rastlos und unfroh. Auch hier ist sicher eine gewisse Beherrschung die Grundlage zum Glück. Wie stark der einzelne ist, Besitz glückhaft zu bewältigen, ist zweifellos verschieden. Solange man im Besitz etwas von uns völlig Getrenntem sieht, ist nicht einzusehen, warum stetig steigender Besitz nicht auch die Glücksfähigkeit steigern sollte. Sieht man dagegen in diesen Einheiten zusätzliche Funktionsträger, die an unser Zentralnervensystem ähnliche Ansprüche stellen wie jedes körpereigene Organ, dann wird verständlich, daß es hier sehr wohl ein Zuviel geben kann, daß der "Körper" schließlich zu groß und zu belastet wird und die Funktionsträger - jeder an sich befähigt, Glücksgefühle zu vermitteln - sich gegenseitig neutralisieren und aufreiben.

Und noch eine Gefahr verbindet sich mit Besitz. Pracht und Reichtum können - wie der Koran sagt - leicht "dürr und welk und zuletzt zu verdorrten Stoppeln werden", und Tukydides sagte: "Weh aber, ein Glück zu verlieren, an das man gewohnt war." Ebenso wie bei Verlust eines Menschen, den man liebte oder an den man gewöhnt war, laufen dann plötz-

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lich Hunderte von Gehirnbahnen "ins Leere", müssen entwirrt, verändert, den neuen Bedingungen angepaßt werden. Die mit den früheren Gewohnheiten bewirkten Triebe müssen abgetötet werden. Manches weist darauf hin, daß auch hier der Lenker des Wagens die Zügel seiner selbst besser oder schlechter bedienen kann. Ist man von vornherein "bescheiden", überlagert man von vornherein der jeweiligen Bindung die "fatalistische" Vorstellung der so leicht möglichen Vergänglichkeit, baut man auf diese Bindung keine allzu weitreichenden Phantasieschlösser - dann dürfte sich zweierlei gewinnen lassen: die Reizschwelle wird niedergehalten, der Augenblick wird dann nicht zur Selbstverständlichkeit; und außerdem ist man immerhin auf den Verlust vorbereitet. Das bedeutet freilich ein Verlassen der paradiesischen Bedenkenlosigkeit - doch dies ist sowieso der Weg, der unsere Menschwerdung charakterisiert.

In der heutigen marktwirtschaftlichen Welt wird das menschliche Besitzstreben noch künstlich angefacht. Durch das so außerordentlich gesteigerte Angebot an glückspendenden Objekten und glückspendenden Leistungen sind der verlockenden Möglichkeiten beinahe zu viele geworden - was zu einer entsprechenden Überbelastung, zu einer Ermüdung und Nervosität geführt hat, die man in den Großstädten besonders deutlich sieht. Die "moderne Welt" erinnert an Goethes Zauberlehrling, der den Geist beschwor und nicht mehr los wird. Jedes neue "Verbrauchsgut", jede neue Form des Genusses und des Vergnügens gewinnt eine Art von Eigenleben, macht sich bemerkbar, stellt Ansprüche, verlockt und kämpft gleichsam um seine Existenz - einfach deshalb, weil Erwerbstätige dahinterstehen, die alles daransetzen, zu "verkaufen". In den kommunistischen Ländern wieder ist Privatbesitz staatlich beschränkt oder ganz unmöglich gemacht; hier ist der einzelne in seiner persönlichen Erweiterung und Entfaltung behindert.

Die heutige Menschheit sieht mit Spannung - und Besorgnis - nach Ost und West und steht unter dem Eindruck, hier oder dort liege des Menschen Zukunft. Die in diesem Buch entwickelten Gedanken sprechen dafür, daß sie weder hier noch dort liegt, daß vielmehr beide Entwicklungen übersteigert sind.
Daß der Kommunismus sich nicht als passende Ordnung für

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einen Endzustand menschlicher Entwicklung eignet, läßt sich aus folgenden Gedanken ablesen: Nehmen wir an, diese Lehre hätte die ganze Welt erobert - was dann? Wenn Einzelwesen in einem höheren Machtkörper aufgehen, dann hat das biologisch Sinn und Bedeutung, indem so ein stärkerer Leistungskörper entsteht. "Stärker" jedoch immer nur im Hinblick auf Konkurrenten und Feinde. Gibt es aber überhaupt nur noch einen solchen Körper auf der Erde - was berechtigt dann noch dessen Bestehen? Diese Ordnung würde dann - in konsequenter Weiterverfolgung ihrer Grundprinzipien - dazu dienen, zu verhindern, daß die Tüchtigen sich entfalten, zu erzwingen, daß jedem Körper, der als Mensch zur Welt kommt, bloß ein prinzipiell ähnliches Leben mit prinzipiell beschränkten Organen und prinzipiell geregelten Freuden und Leiden gestattet ist. Das aber wäre ein der Gesamtevolution derart zuwiderlaufender Zustand, daß spätestens zu diesem Zeitpunkt diese Ordnungsform von selbst zerbrechen würde. Und dann stünde die Menschheit erneut vor der Frage: Was nun ... ?

Besser geeignet für eine globale Ordnungsform dürfte eine solche sein, die grundsätzlich sehr verschiedenen Ordnungen ihr Recht sichert. Die Unterdrückung einzelner Menschengruppen - welche den Kommunismus und andere Bewegungen ins Leben rief - läßt sich zweifellos nicht aufrechterhalten und wurde inzwischen auch auf andere Art beseitigt. Ebenso muß aber wohl auch die Vorstellung beseitigt werden, daß irgendeine Lebensform für alle Menschen gleich passend wäre. Sie ist es ebensowenig, wie auch für den einzelnen Menschen nicht die gleiche Lebensregel zu gleichen Ergebnissen führt. Der einzelne ist vielmehr - bereits von der Ausbildung seiner Instinkte her - sehr verschieden, und gerade hier liegt ein Reichtum, auf den wir nicht verzichten sollten. Die Unduldsamkeit gegenüber anderen Denkweisen ist vielleicht jene erworbene Eigenschaft, die man wirklich als die "schlechteste" bezeichnen darf. Wir sind auf unserem winzigen Planeten zwar Passagiere auf demselben Schiff, aber wir sind nicht notwendigerweise gleiche Passagiere. Weder haben die Menschen das gleiche Erbgut noch die gleichen Talente noch die gleiche Lebenskraft noch die gleichen Wünsche. Die Vorstellung, daß die Menschen einander

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gleich seien, ist grundsätzlich falsch. Richtig ist dagegen, daß wir jedem Menschen gewisse gleiche Grundrechte einräumen sollen, denen freilich auch gleiche Grundpflichten gegenüberstehen müssen. Wie sich jedoch im übrigen - im Rahmen einer für alle notwendigen Gesamtordnung - der einzelne entfaltet, das sollte wohl seine Sache sein. Und kein Weg ist hier grundsätzlich "besser" oder "schlechter".

Die heutige marktwirtschaftliche Entwicklung ist gleichfalls übersteigert. Jeder Fortschritt, jede neue uns irgendwie dienliche raum-zeitliche Struktur ist gewiß an sich "gut"- allerdings nur so lange, als sie uns wirklich dient und als wir nicht dazu übergehen, ihr zu dienen. Heute jedoch - vom Verkaufsstreben angepeitscht - geht die allgemeine Tendenz dahin, den einzelnen dahingehend zu beeinflussen, daß er mehr tut und mehr haben will, als sich mit seiner Kraft und seiner Zeit vereinbaren läßt. Nur der Unzufriedene wird zum "Erwerber", also wird alles getan, um Unzufriedenheit zu bewirken. Besonders schlimm - und biologisch unsinnig - ist dabei die Tendenz, das Bestehende zu entwerten. Das künstliche Organ - wie es auch immer aussehen mag - wird durch seinen Erwerb ein Teil unserer körperlichen Organisation und erhält dadurch (und nur dadurch) seinen "Wert". Einflüsse, die uns dahin bringen, diesen Teil ohne wirklichen Grund wieder von uns abzulösen, ihm "unsere Treue zu brechen" und in endloser Folge nach Neuem zu suchen, sind zwangsläufig für uns schädlich, untergraben unser Selbstbewußtsein, unsere natürliche Lebensbasis.

Das zentrale Übel in dieser Entwicklung liegt im Hochspielen einer gesellschaftlichen Bewertung, die sich auf den Besitz von Kaufobjekten gründet. Solange das, was der Nachbar besitzt, darüber entscheidet, welchen Wert das, was wir besitzen, für uns selbst hat - steht es um uns nicht gut. Bestimmen wir dies nicht selbst, dann sind wir nur Puppen, die an Fäden gezogen werden. Die Bemühung um Absatzmärkte hat schon in kurzer Zeit viele Werte zerstört. Feste - ein Rückgrat menschlicher Kultur - werden zunehmend zu einem Datum, da Menschen dazu gebracht werden können, etwas zu kaufen oder sich gegenseitig zu beschenken - also Produkte oder Dienstleistun-

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gen zu erwerben. Kunstwerke, etwa Musikstücke - sicherlich wertvolle Glückspender -, werden bedenkenlos an Verkaufsobjekte geknüpft, und ihre Auslösekraft wird so vermindert. Und die gleiche werttötende Tendenz ist auch noch in vielen anderen Bereichen sehr deutlich. Indem wir allzu viele Wünsche eingeimpft erhalten, arbeiten wir mehr, als wir wollen, haben somit weniger Zeit, zu überlegen, haben um so weniger Widerstandskraft, uns zu widersetzen und werden so Verkaufseinflüssen um so mehr zugänglich. Das ist die augenblicklich gegebene Verknüpfung von Ursache und Wirkung.

Die "unterentwickelten" Länder liegen im Schlachtfeld dieser beiden Machtbereiche. Von beiden Seiten bemüht man sich um sie - aber nicht eigentlich in ihrem Interesse. Die eine Seite will sie in ihren Machtkomplex mit einverleiben, will Funktionsträger aus ihnen machen, die andere will neue Wertungen und Wünsche in ihnen wecken, um sie in einen Absatzmarkt zu verwandeln. Von beiden Seiten wird ihr ursprüngliches Selbstbewußtsein - berechtigt wie jedes andere - untergraben. Aus etwas vielleicht Primitivem, aber in sich selbst Verwurzeltem wird auf diese Art etwas Zweit- oder Drittklassiges - ein emsiger Teil einer Maschine oder ein emsiges Mitglied einer Käuferherde.
 
 

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