Wenn man die in einem Korallenriff lebenden Fische beobachtet,
dann zeigt sich, daß in ihrem Treiben eine ganz bestimmte Regelmäßigkeit
steckt. Die Tiere bewegen sich durchaus nicht beliebig kreuz und quer,
sondern es gibt hier "Eigentumsrechte" und ganz starr festliegende Verhaltensmuster.
Manche Arten leben in bestimmten Arealen und verteidigen diese gegen Konkurrenten
auf das erbittertste, andere haben sich auf Formen des Nahrungserwerbes
spezialisiert, der nur ihnen gelingt. Jeder Erwerbsform können in
einem Riff nur soundso viele Individuen nachgehen. Begegnen gleiche oder
verschiedene Arten einander, dann zeigen sie so regelmäßige
Reaktionen, daß man oft schon im voraus weiß, was sich abspielen
wird. Und vergleicht man das sich so ergebende Lebensmuster mit jenem in
einem anderen, ähnlich strukturierten Riff, dann zeigen sich auch
hier Übereinstimmungen. Auf Grund der angeborenen Verhaltensweisen
und der ähnlichen Umweltsituation ergibt sich hier wie dort ein ganz
ähnliches Gleichgewicht der Kräfte.
Schaute ein Gast von einem anderen Stern auf eine Großstadt herab, dann würde er ähnliche Beobachtungen machen. Er würde sehen, wie die einzelnen Menschen auf Grund besonderer Verhaltensweisen und mit Hilfe künstlicher Organe sehr verschiedene Erwerbsformen ausüben. Auch hier besetzen manche bestimmte Areale, die sie erbittert verteidigen. Auch hier haben sich Spezialisten herausgebildet, die sich besondere Lebensmöglichkeiten erschließen. Auch hier kann jedes Areal nur soundso viele Individuen der gleichen Erwerbsart "ernähren". Auch hier handelt es sich um ein Gleichgewicht der Kräfte, das eben für diesen Ort typisch ist - und das an benachbarten, ähnlich strukturierten Orten auch wieder recht ähnlich ausgebildet sein kann.
Ein großer Unterschied besteht jedoch darin, daß in der Menschenwelt eine ungeheuer komplexe Zusammenarbeit stattfindet und daß hier gewisse Verhaltensweisen von der Gemeinschaft unterbunden werden. So wird der einzelne daran gehindert, den Mitmenschen körperlich zu schädigen, ihm seine künstlichen Organe zu entwenden oder ihn gewaltsam zu einem künstlichen Organ zu machen. Solche Vorschriften für "erlaubtes und nichterlaubtes" Verhalten liegen irgendwo als Gemeinschaftsrezepte vor, und zusätzliche Einrichtungen - "Polizei", "richterliche Gewalt" - sorgen für ihre Durchsetzung. Hier handelt es sich also nicht bloß um eine Regelmäßigkeit, die sich als ein Gleichgewichtszustand erklärt. Hier werden durch Zusammenarbeit bestimmte Leistungen gesteigert, und andere Verhaltensweisen werden blockiert - es ergibt sich so eine bewußt geschaffene "Ordnung".
Wie sind nun diese "Ordnungen" - zweifellos eine Besonderheit des Menschen - im einzelnen entstanden ? Wo liegen ihre "Rezepte", und wie werden sie gesteuert ? Ist hier in der Evolution etwas völlig Neues hinzugetreten - oder führen Entwicklungswege von den Leistungen der Tiere bis zu jenen unserer menschlichen Organisation ?
In Naberera - einer einsamen Gegend von Tanganjika - besuchten wir eine prähistorische Wasserstelle, zu der die im Umkreis lebenden Massais heute wie einst ihre Rinder hintreiben. Das Wasser liegt am Grunde einiger tiefer Einbrüche, zu denen schluchtartige Wege hinabführen. Am Ende dieser Wege sind trogartige Vertiefungen in das Gestein geschlagen, und in diese Tröge schöpfen die Massais mit Ledersäcken das noch tiefer gelegene Wasser empor. An einem erhöhten Punkt stellten wir dort die Kamera auf und ließen sie - im Zeitraffer allein laufen.
Auf der Aufnahme sieht man, wie ein Massai seine Herde durch die Schlucht heruntertreibt, ins Loch hinunterklettert und zu schöpfen beginnt. Er ist splitternackt, und das sehr primitive künstliche Organ - Lederbeutel - ist mit seinen Händen wie verwachsen. In der Verschnellung wird sichtbar, wie außerordentlich regelmäßig die Schöpfbewegung abläuft. Es ist eine Erwerb-Koordination, die sich durch Nachmachen von einer Generation auf die andere fortpflanzte - und von diesem Mann perfekt ausgeführt wird. In der bewußten Rationalisierung äußert sich ein Unterschied zu ähnlichen Erwerb-Koordinationen bei Tieren. Nur durch Selbstbeobachtung kann der Mensch dahin gelangen, ein Bewegungsmuster so kraftsparend auszuführen.
Nun kommt ein anderer Massai die Schlucht herunter, stellt seinen Speer weg, klettert ebenfalls in das Loch - und die beiden schöpfen nun gemeinsam. Der eine bückt sich und füllt den Beutel, der andere übernimmt ihn, hebt ihn zum Bottich hoch und leert ihn dort aus. Ohne die geringste Stockung wandert der Beutel auf- und abwärts; die Bewegung der beiden ist so perfekt synchronisiert, als wären sie Muskeln am gleichen Arm. Drei Grundprinzipien menschlicher Leistungssteigerung kommen hier zum Ausdruck: Erstens wird ein zielhafter Vorgang in Teile zerlegt, die von verschiedenen Individuen ausgeführt werden. Zweitens spezialisiert sich der einzelne auf seinen Arbeitsanteil und bemüht sich, diesen möglichst rationell abzuwickeln. Drittens werden die verschiedenen Teilakte so zusammengeordnet, daß sich ein überindividueller Leistungsablauf daraus ergibt.
Bei den Tieren gibt es angeborene Formen des Erkennens, die wiederum angeborene Bewegungskoordinationen auslösen. Und ebenso kann bei Tieren die Fähigkeit des Erkennens bestimmter Reizsituationen auch erworben werden - und solche Schlüsselreize können dann auch wieder die Auslösung erworbener Bewegungsfolgen bewirken. Nach diesem Prinzip ließ sich auch die sehr einfache Zusammenarbeit der beiden Wasserschöpfer verstehen. Für den einen war das Herabreichen des leeren Sackes die auslösende Reizsituation dafür, diesen zu ergreifen, zu füllen und hochzuheben - und das war dann wieder das Signal für den anderen, den Sack zu übernehmen, ihn im Bottich auszuleeren und zurückzureichen. In der gesamten menschlichen Zusammenarbeit, so kompliziert sie auch im einzelnen geworden sein mag, sind diese beiden Grundleistungen stets erhalten geblieben. Der Mensch muß für solche Zusammenarbeit zweierlei Fähigkeiten erwerben: Erstens muß er lernen, bestimmte Bewegungsfolgen auszuführen. Er muß also in seinem Gehirn entsprechende Steuerungsrezepte aufbauen. Und zweitens muß er lernen und erkennen, wann, wo und im Verhältnis zu welchen äußeren Reizen er die betreffenden Handlungen auszuführen hat. Diese Grundleistungen sind also eine Weiterentwicklung des bereits den Tieren möglichen Verhaltens. Die menschliche Besonderheit äußert sich hier bloß darin, die Zweckmäßigkeit der Zusammenarbeit an sich zu verstehen - von dieser Intelligenzleistung werden wir noch sprechen.
Noch ein weiteres wichtiges Prinzip tritt bereits bei den Wasserschöpfern in Erscheinung. Das von ihnen verwendete künstliche Organ - Lederbeutel - gehört, funktionell gesehen, nicht mehr streng zu dem einen oder anderen. Es wird zum Bestandteil eines leistungserbringenden Prozesses - ebenso wie die beiden Männer selbst. Wird die menschliche Zusammenarbeit komplizierter, dann tritt dieses Phänomen noch deutlicher in Erscheinung. Die beteiligten Personen und die diversen künstlichen Organe werden in einem solchen Prozeß zu Teilen eines überindividuellen Ganzen - Teile eines unsichtbaren Körpers, den wir "Organisation" nennen. Ebenso wie Werkzeuge, Maschinen und sonstige "Produktionsmittel" ist auch der Mensch in einem solchen arbeitsteiligen System nur noch Träger einer Funktion, Erfüller von Aufgaben. Wie sehr das zutrifft, kann man in größeren "Betrieben" heute deutlich sehen. Fällt eine der Einheiten aus, dann muß Ersatz geschaffen werden - und viele Funktionen können von einem Menschen oder von einer Maschine ausgeübt werden. Nicht die Struktur der Funktionsträger ist somit wesentlich, sondern ihre Leistung. Für die Zeit, da ein Mensch im Rahmen eines solchen Organisationskörpers mitwirkt, ist er nicht mehr eigentlich ein Individuum - sondern selbst ein Organ.
Das für jede solche Zusammenarbeit notwendige "Bewegungsrezept" ist die eigentliche "Ordnung" des leistungserbringenden Vorganges. Zunächst kann es noch in den Gehirnen der beteiligten Personen verankert sein - wie etwa bei den Wasserschöpfern. Wird die Zusammenarbeit jedoch größer und komplizierter, dann "sondert" sich diese Funktion von den ausführenden Kräften ab, wird zu einer eigenen Einheit, zu einem besonderen Organ, das nunmehr die Steuerung übernimmt. Bei einem großen Betrieb sind die einzelnen "Produktionsrezepte" bereits das Leistungsergebnis von Hunderten von Menschen - sie werden in Plänen, Zeichnungen und Anordnungen festgehalten, verlassen so das Gehirn des Menschen und werden auch wieder zu künstlich geschaffenen Funktionsträgern. Ebenso spaltet sich die Funktion der Steuerung ab: sie wird von spezialisierten Einheiten - Direktoren, Werkführern und so weiter - übernommen. Und selbst diese Leistung geht heute schon teilweise oder ganz auf künstlich geschaffene Funktionsträger über - auf Computer.
Die Verwandtschaft zwischen den "Körpern menschlicher Zusammenarbeit" und den tierischen und pflanzlichen Körpern wird aus dieser Blickrichtung sehr deutlich. Jeder dieser Körper ist durch eine bestimmte "Ordnung" charakterisiert, die auf eine ganz bestimmte Leistung zugeschnitten ist und sein muß. Bei den Organismen kommt diese Ordnung ganz anders zustande als bei den menschlichen Organisationen, doch hat das darauf, wie die jeweilige Ordnung aussehen muß, wenig Einfluß. Wirklich wichtig ist in jedem Fall nur das eine: daß diese Ordnung "zweckmäßig" ist, also die zu erbringende Leistung ermöglicht. Erbringt ein tierischer oder pflanzlicher Körper oder ein "Körper menschlicher Zusammenarbeit" die Leistung, auf die er ausgerichtet ist, dann ist er "in Ordnung". Erbringt er sie nicht, dann ist er "nicht in Ordnung". Dasselbe gilt auch für jede einzelne der Einheiten, aus denen sich diese Körper zusammensetzen - für jedes ihrer "Organe".
Dabei ist zwischen zeitlicher und räumlicher Ordnung zu unterscheiden. Bisher sprachen wir ausschließlich von der Koordination von Bewegungsvorgängen - also von Ordnungen im zeitlichen Ablauf. Diese sind aber wieder nur möglich auf Grund einer räumlichen Ordnung - auf Grund eines ganz bestimmten Nebeneinander, Übereinander und Ineinander der einzelnen Funktionsträger. Eine solche "räumliche Ordnung" ist für jeden Organismus - Tier wie Pflanze - und für jede menschliche "Organisation" gleichermaßen wichtig, ja Voraussetzung. Nur wenn Herz, Knochen, Blutgefäße und so weiter zu allen übrigen Einheiten des Systems in einem ganz bestimmten räumlichen Verhältnis stehen, ist der Körper zu seinem in der Dimension "Zeit" abrollenden geordneten Bewegungsvorgang (zu seinem "zweckmäßigen Verhalten") imstande. Und in jedem Betrieb liegen die Verhältnisse genauso. Nur eine entsprechende räumliche Anordnung der Hallen, Menschen, Maschinen und so weiter ermöglicht den leistungserbringenden Prozeß.
Eine Form räumlicher Ordnung trat allerdings erst beim Menschen auf: das "In-Ordnung-Halten" der Dinge. Diese Ordnung betrifft unsere künstlichen Organe und ist eine Begleiterscheinung des Umstandes, daß diese nicht mit unserem Körper verwachsen sind. Wir legen sie ab - und müssen uns jeweils merken, wo sie gerade sind, um sie bei Bedarf wieder verfügbar zu haben. Je zahlreicher sie werden, umso größer wird das Problem. Das "In-Ordnung-Halten" ist also eine weitere Hypothek (neben dem notwendigen Schutz), mit dem diese uns dienenden Gebilde belastet sind. Bei unseren natürlichen Organen tritt nur bei der Speicherung unserer "Erinnerungen" ein ähnliches Problem auf. Wie das Gehirn verfährt, um diese bei Bedarf wieder verfügbar zu machen, wissen wir noch nicht. Unsere künstlichen Organe ordnen wir (wenn sie klein sind) in Kästen, Fächer und Laden - manche bezeichnen wir mit Buchstaben und Nummern, andere halten wir in Listen fest.
Die bisher besprochenen Ordnungsformen (abgesehen von diesem "In-Ordnung-Halten" der Dinge) sind nur insofern eine Besonderheit des Menschen, als er sie bewußt schuf, während sie sich bei den Tieren und Pflanzen - ganz passiv - auf Grund eines langsamen Auslesevorganges herausbildeten. Die für den Menschen wirklich charakteristische "Ordnung" ist jedoch eine wieder andere und ergibt sich daraus, daß einzelne zielhafte Abläufe einander leicht stören. Bisher sprachen wir bloß von Formen der Leistungssteigerung, die der Mensch durch künstliche Organe und durch die Bildung von überindividuellen "Organisationen" erreichte. Die sich so ergebenden Leistungsgebilde sind jedoch sehr oft in ihren Tendenzen entgegengesetzt - das heißt, eine "Ordnung" behindert die andere. Das wird schon deutlich, wenn zwei Menschen über einen Steg wollen, der aber so schmal ist, daß nur einer passieren kann. Einer der beiden muß dann warten - die Ordnung seiner zielhaften Bewegung wird dadurch gestört. Welcher muß nun nachgeben ?
Im Korallenriff bildet sich zwischen den dort lebenden Tieren ein "natürliches Gleichgewicht", dem das Kraftverhältnis der einzelnen Arten zugrunde liegt. Innerhalb der menschlichen Gemeinschaft bildet der Mensch durch Spezialisierung und Zusammenarbeit Leistungskörper, die in ihrer Struktur und ihrem Verhalten nicht minder verschieden sind als die Tiere und Pflanzen. Auch diese rivalisieren untereinander - und auch hier kommt es zu einer Abstimmung der Kräfte, die dem natürlichen (ökologischen) Gleichgewicht der Tiere und Pflanzen in der Natur ganz ähnlich ist. Als Besonderheit hat der Mensch nun aber Ordnungen geschaffen, die in dieses Kraftverhältnis eingreifen und es steuern.
Er schuf also eine "Ordnung der Ordnungen" - er schuf den "Staat". In dieser besonders weiten Organisation sind der Mensch und alle von ihm gebildeten Leistungskörper bestimmten Regeln und Einschränkungen - den "Gesetzen" - unterworfen. Wie weit dabei die "Freiheit" der Einzelaktivität beschnitten wird, ist je nach der Art dieser Ordnungen sehr verschieden.
Diese besonders hoch integrierten "Ordnungen", zu denen der Lebensprozeß über den Menschen gelangte, breiteten sich über den ganzen Erdball aus. Auch ihre Struktur ist - notwendigerweise - jener der Organismen ähnlich. Auch sie bestehen aus "Organen", die in der arbeitsteiligen Ganzheit entsprechende Funktionen zu erfüllen haben. Auch ihre "Verhaltensrezepte" sind zu gesonderten Einheiten - den Verfassungen - geworden. Auch diese riesigen Lebenskörper stehen wieder untereinander in Konkurrenz und Konflikt. Die Schaffung einer sie alle umfassenden globalen Ordnung wäre eine noch höhere - auf diesem Planeten die höchste - Integrationsstufe.
In der menschlichen Entwicklung spielten jedoch noch weitere Ordnungsformen eine Rolle. Sie dienten nicht sosehr der Leistungssteigerung, als vielmehr der Befriedigung anderer menschlicher Bestrebungen, die zum Teil aus dem uns angeborenen Instinktverhalten hervorgegangen sind.
Da sind zunächst die "Rangordnungen" der menschlichen Gesellschaft. Wie schon erwähnt, gelangen auch in Gemeinschaft lebende Tiere zu ähnlichen Abstimmungen, die ein Kräfteverhältnis festlegen und die zum Beispiel darüber entscheiden, welches Individuum an der Futterstelle oder zur Abreaktion seines Sexualtriebes den Vorrang hat. Bei Hühnern und Affen wurden solche Ordnungen eingehend studiert. Beim Menschen kam es aufgrund seiner Organisationen zwangsläufig zu hierarchisch aufgebauten Befehlssystemen; darüber hinaus ist aber auch in unserem "gesellschaftlichen Leben" die Rangstufe des einzelnen von großer Bedeutung. Ein bei uns stark ausgeprägter Trieb, uns über- beziehungsweise unterzuordnen, spielt dabei eine wesentliche Rolle. Beides führt zu entsprechenden Gefühlen der Befriedigung. Sich einer geachteten Person zu unterwerfen, befriedigt ebenso wie die Führung von anderen. Darüber hinaus läßt uns der menschliche Geltungsdrang - im Verein mit Sexualtrieb und Brutpflegetrieb - noch im besonderen zu leitenden und angesehenen Positionen hinstreben. Diese Tendenzen sind den bei Tieren beobachteten nicht unähnlich - als Besonderheit kommt jedoch beim Menschen hinzu, daß sich bei uns solche Rangunterschiede vielfach mit Vorrechten innerhalb der Gesetze verbunden haben und daß solche Vorrechte über Tradition und Gesetz auch wieder erblich wurden. Durch die Sonderrechte von "privilegierten" Klassen wurde somit das allgemein notwendige Ordnungsprinzip durch Gesetze sehr wesentlich kompliziert und auch erschwert.
Weitere interessante Ordnungen sind jene, die wir "Sitte" und "Brauch" nennen. Sie stellen Gewohnheiten der Gemeinschaft dar, die über den Weg der Erziehung den Kindern aufgeprägt werden. Diese "Lebensregeln" sind in den verschiedenen Weltteilen sehr verschieden und beziehen sich hauptsächlich auf Geburt, Brutpflege, Paarung und Tod. Im weiteren betreffen sie die Art, wie man ißt, wohnt und anderen begegnet, wie man grüßt, spricht, wie man sich in dieser und jener Situation verhält und was man unterläßt. Die entsprechenden Steuerungsrezepte wurden manchmal schriftlich niedergelegt, meist aber werden sie durch Vormachen und Sprache von einem Gehirn auf das nächstfolgende übertragen. Als Richter, im Fall von Übertretungen dieser Regeln, fungiert die Gemeinschaft selbst, als "Strafe" dienen gesellschaftliche Sanktionen. Wie in jedem zur Gewohnheit eingeschliffenen Muster verbinden sich auch mit diesen Gewohnheiten der Gemeinschaften entsprechende "Appetenzen". Die Gemeinschaft hält zäh an ihnen fest - wird sie von außen an deren Ausübung gehindert, dann führt das zu entsprechender Unruhe. Durch die wachsende Organisiertheit der Welt überschnitten sich diese Muster immer mehr; manche führten andere ad absurdum; neue, die sich über größere Räume ausdehnten, bildeten sich. Was zu Beschränkungen führt, wird heute bevorzugt abgebaut; was sich mit Lustgefühlen verbindet, wird beibehalten und möglichst noch verstärkt.
Die dauerhaftesten Ordnungen, zu denen der Mensch überhaupt gelangt ist - und die geheimnisvollsten zugleich -, sind die Religionen. Die Tatsache, daß sich diese Daseinslehren in so großer Zahl entfalteten, ist ein Beweis dafür, daß der Mensch sie offenbar brauchte. Da sie in außersinnlichen Vorstellungen verankert sind - wir werden darüber noch sprechen -, entziehen sie sich jeder praktischen Überprüfung. Das ist wohl mit ein Grund dafür, warum der Mensch an ihnen so besonders starr festhielt.
Ist dem Menschen ein Trieb zur Ordnung angeboren ?
Das "In-Ordnung-Halten" wurde bei uns erst aktuell, als wir künstliche Organe in größerer Zahl zu verwenden begannen - also kaum zehntausend Jahre zurück. Es ist nicht zu erwarten, daß sich in dieser - biologisch gesehen - kurzen Zeit ein Triebverhalten unseren veränderten Bedürfnissen hätte anpassen können. Ein Drang zu geordneter Bewegung - also zur Bildung von Rezepten für zielhafte Bewegungsabläufe - ist dagegen schon beim Kind zu beobachten. Das ist es ja gerade, was die Kinder in ihren Konstruktionsspielen anstreben, was ihnen bei der Schaffung jedes erfolgreichen Bewegungsmusters Gefühle der Freude und des Triumphes schenkt. Beim Erwachsenen bleibt ein solcher Drang deutlich bestehen - er macht uns überhaupt erst zum Menschen. Alle konstruktive Arbeit, alles Schöpferische im Menschen ist ein Bestreben, zielführende Bewegungen auszuführen und zielführende Raumstrukturen zu schaffen. Aus dieser Quelle stammen die Glücks- und Zufriedenheitsgefühle, die sich mit jeder erfolgreichen Arbeit verbinden. Koordiniertes Zusammenwirken hat für uns auch etwas Anziehendes - man denke an den Eindruck, den ein Ballett oder ein in tadelloser Disziplin vorbeimarschierendes Regiment auf uns macht. Und auch räumliche Ordnung zieht den Menschen an - sie erfreut uns in der Symmetrie und Regelmäßigkeit von Gebäuden und in der geordneten Aufstellung von Menschen bei feierlichen Anlässen und Zeremonien. All das spricht dafür, daß das Erkennen und Anstreben von geordneten raum-zeitlichen Komplexen bereits erblich in uns verankert ist - sei es als ein echter Trieb (vielleicht eng mit dem Neugiertrieb verbunden) oder als eine uns angeborene Lerndisposition.
Ordnung - das notwendige Rezept für jede Form von Leistung - verbindet unsere höchsten menschlichen Errungenschaften mit jeder erfolgreichen Entfaltung des Lebensprozesses, ja sogar mit dessen allererstem Anfang. Die ersten "lebenden" Moleküle waren in sich selbst eine "räumliche Ordnung", die einen ganz bestimmten Vorgang, also eine "zeitliche Ordnung" bewirkte. Im weiteren Verlauf kam es dann - wie die heute noch lebenden einfachsten Organismen deutlich zeigen - zu einer Arbeitsteilung zwischen einzelnen Bestandteilen: zur Herausbildung von "Funktionsträgern". Dabei entstanden auch Steuerungsrezepte, die die Organismen befähigten, sich zu "vermehren" - also weitere identische Ordnungen aufzubauen. Durch Zusammenbleiben solcher Lebenseinheiten - der "Zellen" - kam es dann zur Bildung von arbeitsteiligen Einheiten höherer Integrationsstufe. Das Rezept zur Ausbildung dieser "vielzelligen" Körper blieb nach wie vor die gleiche Einheit - das "Erbrezept" -, dagegen entstand eine neue spezialisierte Einheit zur Steuerung der Bewegungen: das Zentralnervensystem. Zwei Möglichkeiten gab es nun: entweder das "Verhalten" des Lebewesens wurde durch angeborene Aktions- und Reaktionsnormen gelenkt, oder das Individuum mußte sie jeweils erst im Verlauf seiner individuellen Auseinandersetzung mit der Umwelt aufbauen. Instinktgesteuerte Tiere eigneten sich besser als "Spezialisten" - Lerntiere dagegen waren anpassungsfähiger. Dem Lernwesen Mensch glückte es auf Grund verschiedener günstiger Voraussetzungen, auch die Begrenztheit seiner natürlichen Organe zu überwinden: er erweiterte seine Macht durch künstliche Funktionsträger. Diese sind nicht mehr mit seinem Körper verwachsen, erfordern aber eine entsprechende Steuerung - und die Rezepte dafür verblieben zunächst im Gehirn. Bei der Zusammenarbeit von mehreren Menschen verteilten sich diese Rezepte dann über die beteiligten Gehirne - und die künstlichen Organe verloren ihre klare Zugehörigkeit zum Individuum. Bei weiterem Anwachsen löste sich in diesen "Organisationen" das Steuerungsrezept vom einzelnen Gehirn los - in Gestalt von geschriebenen oder gezeichneten Vorschriften, deren Ausführung auch wieder von spezialisierten Einheiten wahrgenommen wird. Es entwickelten sich also überindividuelle Leistungskörper, die gegenüber den Tieren und Pflanzen wesentliche Verschiedenheit zeigen: Ihre Teile sind nicht mehr zusammengewachsen, sie bestehen weitgehend aus ganz anderem Material und kommen auch ganz anders zustande. Trotzdem setzt sich aber auch in ihnen noch das gleiche Prinzip fort. Ihre "Ordnung" ergibt sich jeweils aus der notwendigen Leistung.
Nicht berührt wurde in diesem Abschnitt der Antrieb,
der zu dieser gewaltigen Entwicklung geführt hat - der "Wille zur
Macht" im Sinne Nietzsches. Worin dieser aber auch immer bestehen mag:
Leistungssteigerungen waren stets nur über "Ordnungen" möglich.