Prof. Dr. Hans Hass
 
 Lebensentfaltung
und
Energontheorie

 
 
Alle Lebewesen – Pflanzen, Tiere und Menschen – führen Eigenbewegungen durch und erbringen besondere Leistungen. Ihre Lebensdauer ist begrenzt. Aber da ihnen die Fähigkeit der Fortpflanzung innewohnt, setzt sich die Lebensentfaltung insgesamt fort.
 
Nach dem Stand der heutigen Wissenschaft (Physik) ist ohne Energie keinerlei Bewegung und Leistung möglich. Was Energie letztlich ist, kann bis heute nicht eindeutig erklärt werden. Energie tritt in sehr verschiedener Gestalt in Erscheinung und jede dieser Erscheinungsformen kann sich in jede der anderen umwandeln. Beispiele für verschiedene Erscheinungsformen der Energie sind etwa die kinetische Energie (Bewegungsenergie), die Massenanziehung (Gravitationsenergie), die elektromagnetische Energie (etwa das Licht), die Kernenergie (Bindungsenergie der Nukleonen innerhalb eines Atomkerns) und andere mehr.
 
Energie kann weder aus Nichts erschaffen, noch zerstört werden. Bei den Umwandlungen verschiedener Energieformen geht in der Regel stets ein Teil der arbeitsfähigen Energie verloren. Sie verwandelt sich in Wärme, die ins Weltall entweicht (Entropie).
 
Für sämtliche Lebewesen ist der Erwerb arbeitsfähiger Energie die wichtigste Voraussetzung ihrer Existenz. Da Energie nicht selbst erzeugt werden kann, ist es für alle Lebewesen Voraussetzung, dass sie die für sie notwendigen Energiemengen aus Umweltquellen gewinnen. Erlischt diese Fähigkeit, dann erlischt ihr Leben, sie sterben. Bei der Fortpflanzung wird soviel Energie weitergegeben, dass die Nachkommen, die für ihr selbstständiges Leben notwendige Energie besitzen.
 
Da es 1970, als ich die Energontheorie veröffentlichte, keine gemeinsame Bezeichnung für energieerwerbende Systeme gab, benannte ich sie Energone“. Die Energontheorie behauptet, dass alle Lebewesen – notwendigerweise – die gemeinsame Eigenschaft haben, entsprechende Energiemengen aus Umweltquellen zu gewinnen. Bei den Pflanzen ist es die Energie des Sonnenlichtes, das sie durch den Vorgang der Photosynthese in ihren Dienst zwingen. Alle Tiere befleißigen sich einer räuberischen Erwerbsform. Sie fallen Energonkollegen an, fressen ihre Teile, verdauen sie, und machen die gewonnene Energie den eigenen Zielen zugänglich. Bei den Menschen kam es zur Fähigkeit weitere mannigfache Energiequellen zu erschließen. Da alle Lebewesen aus zahlreichen Organen bestehen, die arbeitsteilig wirken, geht bei den verschiedenen Lebensäußerungen viel Energie über Entropie verloren. Deshalb müssen sie wesentlich mehr Energie gewinnen, als ihre Gesamttätigkeit an solcher verbraucht. Sie müssen also alle positive Energiebilanzen erwirtschaften. Bei den höher entwickelten Lebewesen muss nicht selten bis 100mal mehr Energie gewonnen werden, als sie für ihre Lebensäußerungen benötigen.
 
1.
Nach heutigem Forschungsstand nahm der Prozess Leben vor ca. 4 Milliarden Jahren in den damaligen Urmeeren seinen Anfang. Durch Zusammenschluss von Atomen und Molekülen bildeten sich größere strukturelle Einheiten, die die Eigenschaft hatten, Eigenbewegungen auszuführen und besondere Leistungen zu erbringen. Mehr als 3 Milliarden Jahre lang blieb die Lebensentfaltung  auf die Meeresräume beschränkt. Es dauerte mehr als 180 Millionen Jahre, bis die perfekte Struktur der Zelle entstand. Aus ihr entwickelten sich mannigfache Arten von Einzellern“, die fast die gesamten Meeresräume zu besiedeln vermochten. Vor mehr als 2 Milliarden Jahren entstanden dann aus den Einzellern die ersten Vielzeller. Sie entstanden indem sich bei der Fortpflanzung die Zellen nicht mehr trennten, sondern immer größere Klumpen bildeten, bei denen es zur Arbeitsteilung und zur Ausbildung vielzelliger Organe kam. Dadurch steigerte sich die Entfaltung des Lebensstromes erheblich. Es kam zur Entstehung immer neuer und leistungsfähigerer Energone. Erst vor ca. 400 Millionen Jahren hatten sich die Vielzeller so weit entwickelt, dass es manchen Arten möglich wurde, auch auf das trockene Land vorzudringen. Es entstanden die Mollusken und Insekten, die Amphibien und Reptilien, die Vögel, die Säugetiere und schließlich auch die Menschen.
 
2.
Der Mensch ist bis heute der Überzeugung, dass er Höhepunkt und Abschluss der Evolution des Lebens sei. Das stimmt jedoch nicht. Die Besonderheit des Menschen besteht darin, dass sich bei diesem Energon die geistigen Fähigkeiten so weit gesteigert hatten, dass es ihm möglich wurde seinen Körper selbst zu verbessern. Während bei allen übrigen vielzelligen Organismen die Organe stets aus Zellen gebildet sind, wurde es dem Menschen möglich zusätzliche Organe künstlich herzustellen. Man denke etwa an das Messer, den Wurfspeer, das Boot und schützende Häuser. Der immense Vorteil dieser zusätzlichen Organe besteht darin, dass sie abgelegt und gegen andere ausgetauscht werden können. Schon Darwin wies darauf hin, dass es nicht auf das äußere Erscheinungsbild der Organe, sondern auf ihre Leistungsfähigkeit ankommt. Gemäß der Energontheorie ist es sekundär, ob ein Organ mit dem übrigen Körper fest verwachsen ist oder nicht. Auf das Überleben des Bestgeeigneten kommt es an. Der Mensch wurde so zu einem Spezialisten in vielseitiger Spezialisation.

Es entstand das Energon berufstätiger Mensch, der durch eigene Leistungen die Leistungen anderer erwerben und für sich nutzbar machen kann. Das erste Erwerbsprinzip war der Tausch, dann kam es zur Herstellung des Geldes, das zum Universalvermittler wurde. Die Entstehung der verschiedenen Berufe verlief analog der Entstehung von immer neuen Arten bei den Ein- und Vielzellern. Bei den so entstehenden neuen Energonen ist der Mensch steuerndes Zentrum immer größerer Energone, die aus einer Vielheit zusätzlich gebildeter Organe bestehen. Im Weiteren entstanden Wirtschaftsunternehmen, Industrien und Konzerne.
 
3.
Da es dem Menschen möglich wurde, seinen Energieerwerb immer mehr zu steigern, konnte er sich auch Fortschritte leisten, die seine Annehmlichkeit erhöhen. Sie stellen zwar Energieausgaben dar, die sich jedoch als Impuls für weitere Energonbildungen erwiesen. Im Anschluss an die Einzeller und Vielzeller entstand so die große Vielzahl von größeren Lebenseinheiten, die man, weil sie nur noch zum Teil aus Zellen bestehen, als „Hyperzeller“ bezeichnen kann.
 
4.
Die Machtsteigerungen der Hyperzeller führten allerdings auch zu erheblichen Nachteilen. Durch die vom Menschen entwickelte Technik, Kultur und Industrie, etc. wurden seine Energone den Tieren und Pflanzen so überlegen, dass sie diese immer mehr zurückdrängten, was bald auch das eigene Interesse schädigte.
 
Heute sind wir an den gefährlichen Punkt gelangt, dass die immer weitere Steigerung der Energonbildung die Gesamtentwicklung des Lebensstromes gefährdet. Der Planet Erde hat nur eine beschränkte Größe und Kapazität. Schon bei den Pflanzen und Tieren bestand ein mörderischer Konkurrenzkampf, der sich bei den vom Menschen gebildeten Energonen noch wesentlich steigerte. In den letzten Jahrzehnten kam es zu einer explosiven Vermehrung des Menschen und  seiner Hyperzeller. Trotz seiner Intelligenz, gelangt er nicht zur Erkenntnis, dass dies zu einer Selbstzerstörung der Lebensentfaltung führen kann. Eine Problematik auf die er in keiner Weise vorbereitet ist, da die gesamte Entwicklung des Lebens auf einem ständigen Drang nach Höherentwicklung, Luststreben und Machtsteigerung fußt. Es fehlt an einer adäquaten Bremse, die den Menschen zu einer größeren Bescheidenheit und Einschränkung seiner Wünsche führen muss.
 
5.
Drei Hauptprobleme zeichnen sich ab: Erstens, die nicht mehr vertretbare Zunahme der Weltbevölkerung, zweitens, das zum Götzen gemachte Wirtschaftswachstum, und drittens die Nutzbarmachung von Kernenergie. Wie die Geschichte zeigte, treten immer wieder Individuen in Erscheinung, die auch zu sinnloser Zerstörung fähig sind. Auf die Nutzbarmachung von Kernenergie muss ganz offensichtlich total verzichtet werden. Gelingt dies, besteht kein Grund, warum sich die Lebensentfaltung nicht über Jahrmillionen fortsetzen sollte. Gelingt dies nicht, dann besteht die deutlich erkennbare Gefahr einer Selbstvernichtung aller bisherigen technischen und kulturellen Fortschritte.


Wien, den 30. Juni 2005
 
Schriften:
Hass, H.: Energon. Das verborgene Gemeinsame. Wien, 1970
Hass, H. & Lange-Prollius, H.: Die Schöpfung geht weiter. Station Mensch im Strom des Lebens. Stuttgart, 1978
Hass, H.: Der Hai im Management. Instinkte steuern und kontrollieren. München, 1991
Hass, H.: Die Hyperzeller. Das neue Menschenbild der Evolution. Hamburg, 1994
Hantschk, A. & Jung, M.: Rahmenbedingungen der Lebensentfaltung. Die Energontheorie des Hans Hass und ihre Stellung in den Wissenschaften. Solingen, 1996
(Originalwerk erhältlich beim Verlag Natur & Wissenschaft. Adresse: info@verlagnw.de)



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