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Die Entfaltung der Leistungen und ihre Folgen
Aus dem bisher Dargelegten geht deutlich hervor, daß der Mensch, was seine Verhaltenssteuerungen betrifft, kaum als ein harmonisch in sich abgestimmtes System angesehen werden kann. Der Übergang vom Vielzeller zum Hyperzeller erfolgte nach unserem Zeitempfinden wohl außerordentlich langsam, nach den in der Evolution anzulegenden Zeitmaßstäben jedoch außerordentlich schnell. Als Vielzeller ist der Mensch nach wie vor – und bis in ferne Zukunft – den angeborenen Trieben unterworfen, die seine Verhaltensausrichtung machtvoll beeinflussen. Als Zentrum von Hyperzellern, deren Nutznießer er ist, tastet er sich in eine neue Freiheit vor, auf die er kaum vorbereitet ist. Die zusätzlichen Organe, denen er seinen Erfolg verdankt, wirken auf ihn zurück und entwickeln sich schneller, als er sie in sein Unterbewußtsein integrieren kann. Seit Erwachen des einsichtigen Denkens und des Ichbewußtseins muß der Mensch sich außerdem mit zwei verschiedenen Steuerungssystemen zurechtfinden. Das eine ist jenes, das er über Erziehung und eigene Erfahrung aufbaute und das über Sprache, Schrift und sonstige Medien an eine ständig wachsende Anzahl von Zeitgenossen und Nachkommen weitergegeben und weiterentwickelt wird. Von der natürlichen Auslese gesteuert, führt es zu enormen technischen, wirtschaftlichen und organisatorischen Fortschritten. Das zweite Steuerungssystem, das sich viele nicht eingestehen wollen und dessen Wirkungen dem ichbewußten Denken oft
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kaum gegenwärtig sind, verdanken wir der langen Ahnenkette unserer Vorfahren. Es sind die uns angeborenen Instinkte, die unser Leben mit einer eher verworrenen Vielfalt beglückender wie auch quälender und hemmender Gefühle einerseits bereichern und andererseits belasten. Diese Mechanismen trugen, wie ich zu zeigen versuchte, wesentlich zu der kulturellen Entfaltung der Völker bei, ausgehend von der Suche nach körperlicher Annehmlichkeit und Lust bis hin zu sublimen, mit geistiger Befriedigung verwobenen Glücksgefühlen, wie sie uns verfeinerte Lebensform und Künste vermitteln. Die vielen Konflikte, die sich seit eh und je zwischen Mensch und Mitmensch, innerhalb von Gruppen sowie zwischen Staaten und Völkern ergeben, wurden dagegen nur teilweise abgebaut, etwa durch die Aufhebung von Sklaverei und Leibeigenschaft, durch ein Erreichen der Gleichheit vor dem Gesetz sowie andere Fortschritte. Im wesentlichen sind sie indes unverändert geblieben. Darauf wies Konrad Lorenz hin, als er feststellte, daß sich bei den geistig höherentwickelten Tieren das Verhältnis zur außerartlichen Umwelt in viel stärkerem Ausmaß verbesserte als das Verhalten zum Artgenossen. Er schrieb: »Daß dies beim Menschen leider ganz ebenso ist, drückt sich kraß in dem Mißverhältnis aus, das zwischen seinen ungeheuren Erfolgen in der Beherrschung seiner Außenwelt und seiner niederschmetternden Unfähigkeit, die innerartlichen Probleme zu lösen, besteht.«
Lorenz führte das nicht zuletzt auf einen beim Menschen besonders ausgeprägten Aggressionstrieb zurück, auf den ich nicht näher eingegangen bin, da die Theorie der Hyperzeller zwei andere Motivationen in den Vordergrund rückt. Solange man den Menschen als Art einschätzt und als augenblicklichen Höhepunkt der Evolution, fragt man mit Recht, warum sich
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gerade dieses als Höhepunkt angesehene Lebewesen Artgenossen gegenüber so grausam und rücksichtslos zeigt. Sieht man hingegen im Menschen kein Endstadium der Lebensentfaltung, sondern ein weiteres Glied des Übergangs zu noch machtvolleren Lebensformen, dann ändert sich das Bild wesentlich. Wie sich bei den von Einzellern aufgebauten Vielzellern neue Arten bildeten, so war es auch bei den vom Menschen gebildeten Hyperzellern. Jene, die sich bewährten, indem sie neue Energiequellen, neue Nischen, neue Lebensmöglichkeiten erschlossen, führten auch hier dazu, daß es zur Bildung zahlreicher Individuen ebendieser Arten kam (zum Beispiel Bäckern, Elektroingenieuren, pharmazeutischen Betrieben, Versicherungsanstalten), zwischen denen ein Konkurrenzkampf herrscht. Dies erklärt zumindest teilweise die unfreundliche Einstellung des Menschen zu seinesgleichen. Für weitere Feindschaft zwischen Mensch und Mensch sorgt allerdings ein weiterer wichtiger Umstand.
Auf die besondere Bedeutung des Geldes habe ich bereits eingehend hingewiesen. Es ist nicht nur Grundlage der Wirtschaft und somit auch weithin Grundlage der Artenbildung bei den Hyperzellern, sondern darüber hinaus eine Art von Zauberstab, der im Prinzip jede Leistung in jede andere konvertierbar macht. Nach der von mir vorgeschlagenen Diktion wird über Geld die als Shift bezeichnete sprunghafte Leistungssteigerung, die bei Einzellern und Vielzellern nur gelegentlich aufgetreten ist, gleichsam zum Normalfall. Das aber hat zwingend zur Folge, daß das Geld zu einem übernormalen Schlüsselreiz wurde, wie er in bescheidenem Ausmaß bereits Tiere beeinflußt (Abb. 6). So ist etwa brütenden Vögeln angeboren, aus dem Nest gerollte Eier in das Nest zurückzuholen. Legt man im Experiment einem Austernfischer ein
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normales und ein übergroßes, künstlich gefertigtes Ei neben das Nest, dann bevorzugt der Vogel das letztere, obwohl er es wegen seiner Größe gar nicht bebrüten kann. Man spricht in diesem Fall auch von einem überoptimalen Schlüsselreiz, womit hervorgehoben werden soll, daß dessen Wirkungskraft noch stärker ist als das natürliche, die Reaktion auslösende Objekt. Ein anderes, geläufiges Beispiel ist der junge Kuckuck, der im fremden Nest mit seinem aufgerissenen Schnabel die unfreiwilligen Zieheltern dazu bringt, ihn eifriger zu füttern als die eigenen Jungen. In der Spielzeugindustrie regte Walt Disney die Produktion von Tiergestalten an, die bei Kindern durch übergroße Augen und Köpfe noch mehr Sympathie wecken als das naturgetreu nachgebildete Tier. In ebendiesem Sinn kann man, rein funktionell betrachtet, das Geld auch als ein Objekt ansehen, das für den Menschen zu übernormaler Wertschätzung gelangte, und zwar einfach deshalb, weil man damit nicht nur Nahrung und sonst Lebensnotwendiges erlangen kann, sondern auch erwünschte Luxusobjekte, ja so gut wie jede vom Menschen erbrachte und angebotene Leistung, wenn bloß genügend viele Münzen oder Scheine erworben werden. Daß es sogar zwischen eng verwandten Menschen, trotz aller Liebe, bei einem Erbfall des Geldes wegen zu tödlicher Feindschaft kommen kann, ist bekannt. Und daß Geld sowie alles, was sich leicht in Geld verwandeln läßt, zu Diebstahl oder Raub geradezu herausfordern, ist ebenfalls kein Geheimnis.
Die meiste von Menschen gezeigte Aggression geht nach meiner Meinung auf den ursprünglichsten aller bei Tieren ausgebildeten Triebe zurück: auf den nach Nahrung, nach der so wichtigen Energie. Er äußert sich darin, das eigene Revier, die eigene Kundschaft, den eigenen Marktanteil zu verteidigen und zu ver
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(Abbildung B auf Originalbuchseite 231)

Abb. 6: Beispiel für einen übernormalen Schlüsselreiz.
A: Manchen Vogelarten ist angeboren, aus dem Nest geratene Eier wieder hereinzurollen. Legt man dem Austernfischer (Haematopus ostralegus) neben das Nest ein eigenes Ei sowie ein künstliches Riesenei gleicher Gestalt und Färbung, dann interessiert ihn das eigene Ei nicht, sondern er bemüht sich, das Riesenei hereinzurollen, obwohl es so groß ist, daß er es gar nicht bebrüten kann (nach Tinbergen, 1951). Daraus erhellt, daß es Schlüsselreize gibt, die ein Instinktverhalten stärker aktivieren als der normale Schlüsselreiz. Beim Menschen zeigt sich in der Werbung, der Spielzeugindustrie, der Karikatur und der Erotik, daß auch er auf übernormale Schlüsselreize anspricht.
B: Zu den dem Menschen angeborenen Trieben kommen Gewohnheiten und Wünsche, die erworbene Antriebe von erheblicher Kraft darstellen. Da beim Menschen sowohl Triebe als auch Gewohnheiten und Wünsche sich durch Geld leichter befriedigen lassen, entwickelt sich bei ihm ein erworbener, besonders starker Zentraltrieb nach Geld. So wurde der in der Wirtschaft äußerst wichtige Universalvermittler Geld zu einem übernormalen Schlüsselreiz, der die verschiedensten Aktivitäten auslöst, die zu dessen Erwerb führen können; nach Hass, 1988 (s. S. 228 und 231).
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größern. Auch für die meisten Kriege dürfte der Trieb nach Besitz, nach Reichtum, Geld und Macht der zwar nicht offen eingestandene, aber trotzdem eigentliche und letzte Grund gewesen sein.
In einer anderen Schrift (1988) bin ich ausführlicher darauf eingegangen, wie es beim Menschen über den Vorgang der Konditionierung zu dem Haupttrieb nach Geld gekommen ist (Abb. 6). Da Geld zur Erfüllung fast jedes angeborenen und auch jedes erworbenen Triebes (Gewohnheit) oder Wunsches verhelfen kann, wird ein Teil der triebspezifischen Energie jedes dieser Einzelantriebe abgezweigt und fließt einem neuen, zentralen Haupttrieb zu: jenem nach Geld. Wir werden bei der Besprechung der Umweltprobleme am Ende des Kapitels auf dieses wichtige Thema noch zurückkommen.
Im vorliegenden Buch werden zwei neue Denkkonzepte vorgetragen. Das eine ist die Theorie der Hyperzeller, die unmittelbar an Darwins Abstammungs-
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lehre anschließt. Das andere ist der Vorschlag für eine grundsätzlich andere Betrachtungsweise der Lebewesen, die nicht von dem sinnfälligen Eindruck ausgeht, den diese, ihre Teile und ihr Verhalten uns bieten, sondern sich an den Leistungen orientiert, die Lebewesen erbringen müssen, um bestehen und den Lebensprozeß fortsetzen und steigern zu können. Diese Betrachtungsweise stützt sich darauf, daß die natürliche Auslese nicht eigentlich an den materiellen Gefügen und an den Verhaltensweisen ansetzt, sondern an ihrem Leistungsergebnis. Denn die meisten der lebensnotwendigen Leistungen können auf mehr als eine Weise erbracht werden, und die meisten der für Leistungen maßgebenden Kriterien sind meßbar. Auch hier schließe ich an Darwin an, indem ich mich an die von ihm erkannte natürliche Auslese halte, sie allerdings etwas näher prüfe.
Da es schwierig ist, sich abstrakte Leistungsgefüge vorzustellen, will ich in diesem abschließenden Kapitel einige skizzenhafte Beispiele dafür geben, wie sich das Lebensgeschehen darstellt, wenn man nicht die Körper, die Organe und die Verhaltensweisen, sondern die Leistungen zum Ausgangspunkt der Beurteilung macht, und anschließend versuchen, dieses Denken zur Einschätzung unserer heutigen Situation, ihrer Gefahren und etwaiger Möglichkeiten, diese abzuwenden, benutzen.
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Die Urzeugung und die Leistungserbringung der Einzeller
Wie ich im ersten Kapitel darlegte, sind meines Erachtens für sämtliche Lebewesen sechs Grundleistungen maßgebend: erstens der Energieerwerb, zweitens der Stofferwerb und die Bildung von Organen, drittens die Abwehr widriger Umwelteinwirkungen, viertens die Nutzung günstiger Umweltbedingungen, fünftens die Fortpflanzung, sechstens die Strukturverbesserung. Wenn man sich die Frage stellt, wie es wohl zur Entstehung der ersten Lebensformen gekommen ist, führt das zwangsläufig zu der Problematik, wie man sich den Beginn eines ganz von selbst einsetzenden Geschehens vorstellen soll, das mit so vielen und so verschiedenen Anforderungen belastet ist.
Über die Beschaffenheit der Urmeere vor vier Milliarden Jahren, als nach heutiger Sicht die »Urzeugung« stattfand, hat man bereits sehr genaue Vorstellungen. Die Energie der Sonnenstrahlen und gewaltige elektrische Entladungen ließen in der Uratmosphäre eine große Anzahl von Molekülen entstehen, die reich an freien Valenzen waren, also an freier Energie, und durch heftige Regengüsse in die Urozeane geschwemmt wurden. Die erste Grundleistung, der Energieerwerb, war somit in jener Zeit überhaupt kein Problem, weil die meisten im Wasser treibenden Materieteilchen freie Energie in genügender Menge mitbrachten. Auch die zweite Grundleistung, der Stofferwerb, erledigte sich aufgrund der günstigen Umweltbedingungen zunächst von selbst, zumal sich auch für Lebensgefüge geeignete Grundbausteine bereits in beträchtlicher Menge gebildet hatten. Wie die Experimente von Stanley Miller (1953) bewiesen, kommen sogar heute bei entsprechender Nachbildung der damaligen Situation sowohl die zur Eiweißbildung wich-
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tigen Grundbausteine (Aminosäuren) wie auch die zur Informationsweitergabe wichtigen Stickstoffbasen der Nukleinsäuren (zum Beispiel Adenin) ganz von selbst zustande. Die notwendigen Bausteine für einen Mechanismus der Selbstvervielfältigung waren daher bereits vorhanden und konnten durch günstige Umstände (Zufälle) in solche Kombination gelangen, daß autokatalytische, also sich selbst vervielfältigende Strukturen entstanden. Unter diesen setzten sich jene durch, die sich für die ersten Lebensprozesse als am besten geeignet erwiesen. Der Molekularbiologe und Nobelpreisträger Manfred Eigen hat mit seinem »Hyperzyklus« ein plausibles Konzept dafür geliefert, wie sich das praktisch abgespielt haben könnte. Ähnlich, wie sich bis heute im Protoplasma der Zellen manche chemische Abläufe über frei herumtreibende Moleküle vollziehen, indem die zeitlichen Abfolgen auf ein zufälliges Aufeinandertreffen bestimmter Moleküle angewiesen sind, mag es auch bei diesen ersten autokatalytischen Prozessen gewesen sein. Die im Mikrobereich wirksame Brownsche Bewegung dürfte dabei ebenfalls mitgeholfen haben. Wahrscheinlich schlossen sich die notwendigen Komponenten erst später zu fest verbundenen Gefügen zusammen. Somit kommt man, wenn man nicht von materiellen Körpern, sondern von bestimmten Leistungen, die erbracht werden müssen, ausgeht, zu den gleichen Folgerungen, zu denen man auch in der Molekularbiologie gelangt ist.
Die ersten Urlebewesen bestanden demnach aus Molekulargefügen, die durch Bildung immer neuer Eiweißkörper mit immer neuen Eigenschaften erhöhte Leistungsfähigkeit erlangten. Über den Fortpflanzungsmechanismus der Nukleinsäuren wurden diese ersten Lebewesen vervielfältigt. Die damals einsetzende natürliche Auslese begünstigte die jeweils geeigneten und besten Varianten.
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Eine der ersten und wichtigsten Leistungsverbesserungen dürfte dann die Bildung einer membranartigen Grenzschicht gewesen sein, die das nun fest verbundene System gegen widrige Umwelteinwirkungen schützte. Aber die zentrale Grundleistung, mit der das Lebensgeschehen offenbar begann, war die Ausbildung eines Organs der artgleichen Vervielfältigung, das die Befehle (Informationen) zu bestimmter Strukturbildung auf weitere identische Lebensindividuen zu übertragen vermochte. Traten dabei Fehler auf, die zu veränderten Individuen führten, deren Leistungsfähigkeit jedoch zufällig gesteigert war, wurden sie ganz automatisch durch die natürliche Auslese gefördert, die so in ersten Ansätzen auch die sechste Grundleistung, die Verbesserung der Strukturen, wahrnahm.
An dem zentralen Steuerungs- und Vermehrungsorgan (DNS) hat sich bis heute kaum etwas verändert. Es besteht aus fadenartigen Strängen, auf denen vier verschiedene Basen (Adenin, Guanin, Cytosin und Thymin) wie Buchstaben in verschiedener Reihenfolge die einzelnen Worte der genetischen Schrift (des genetischen Kodes) bilden. Je größer und komplexer diese ersten Lebenseinheiten wurden, desto mehr Befehle mußten zur Herstellung der Nachkommen weitergegeben werden. So kam der Informationstransfer als erste wichtige Hilfsleistung in die Welt.
Als später die energiereichen Moleküle in der »Ursuppe« der Meere seltener wurden, kam es zu einem Selektionsdruck, über andere Methoden an die unerläßliche Energie zu gelangen. Zwei Verfahren traten dabei in den Vordergrund: Einerseits entwickelten sich Lebensformen, welche die Energie der Lichtstrahlen in ihren Dienst zu zwingen vermochten – die ersten Pflanzen. Mit Hilfe der Energie des Sonnenlichts gelang es ihnen, aus anorganischen Bestandteilen körpereigene Stoffe aufzubauen. Andererseits
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richteten sich Lebensformen darauf aus, ihnen diese Energievorräte zu rauben – die ersten Tiere. Sie beraubten einander auch gegenseitig, so daß das Raubgut sozusagen von Hand zu Hand ging. Die natürliche Auslese begünstigte auch dies.
Wie fossile Spuren zeigen, dauerte es mehr als zwei Milliarden Jahre, ehe aus diesen noch sehr primitiven Ahnen jene hochspezialisierten Einzeller entstanden, die in ihrer Organausstattung mit den heute noch fast in jedem Wassertropfen lebenden Einzellern vergleichbar sind. Ihr so wichtiger Fortpflanzungsapparat ist nun von einer Membran umhüllt und bildet den Zellkern. Die übrigen Grund- und Hilfsleistungen gingen allmählich in die Kompetenz immer leistungsfähigerer, stärker differenzierter Organellen über: Golgi- Komplex, Vakuolen, Tentakel, Cilien, Lichtsinnesorganellen, Tastborsten, um nur einige zu nennen. Oft wirken mehrere von ihnen bei der Erbringung der gleichen Leistung zusammen. In anderen Fällen sind Hilfsleistungen an mehreren Grundleistungen mitbeteiligt. Jedenfalls ist deutlich zu sehen, wie das gesamte Organgefüge auf die Ausführung der lebenswichtigen Leistungen zugeschnitten ist.
Die beiden interessantesten Organellen neben dem Zellkern sind die Plastiden, welche die Dienstbarmachung der Sonnenenergie (Photosynthese) bewirken, und die Mitochondrien, die den tierischen Organismen dazu verhelfen, die in erworbener organischer Substanz enthaltene Bindungsenergie freizusetzen. Jedoch verfügt auch jede Pflanze über solche Mitochondrien, um selbstaufgebaute Moleküle wiederabzubauen, wenn sie die darin gespeicherte Energie für andere Funktionen benötigt.
Ganz im Sinne Darwins vollzog sich diese hier nur grob skizzierte Entwicklung in kleinen Schritten, wobei der sexuelle Vorgang der Kombination verschie-
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dener Erbinformationen bereits sehr früh entstanden sein dürfte. Durch ihn wurde die Entwicklung wesentlich beschleunigt, weil so die Chance größer wurde, daß leistungsfähigere Neubildungen zustande kamen. Shifts dürfte es überdies schon genügend häufig gegeben haben. Zwei von ihnen sind von besonderer Bedeutung und haben ihre Spuren bis heute deutlich erkennbar hinterlassen.
Es gilt mittlerweile als erwiesen, daß die für alle Pflanzen so wichtigen Plastiden und auch die für alle Tiere nicht weniger wichtigen Mitochondrien über den Weg der Endosymbiose entstanden sind. Wie vor allem ihr Fortpflanzungsmodus zeigt, sind die Plastiden nichts anderes als urtümliche Blaualgen, die in ferner Vorzeit in den Körper von Einzellern einwanderten und dort zu deren Organen wurden. Desgleichen sind die Mitochondrien nichts anderes als ebenfalls in weit zurückliegender Zeit in den Körper anderer Einzeller eingewanderte Bakterien, die dort zu Organen wurden. Dies aber bedeutet, daß weder die pflanzlichen noch die tierischen Einzeller ihre für den Energieerwerb notwendigen Organellen selbst hervorbrachten. Wie die Seeanemone durch ihre Symbiose mit dem Einsiedlerkrebs in den Genuß hochentwickelter Beine kommt, ohne deren Entwicklung selbst »finanziert« zu haben, so kamen auch die pflanzlichen und die tierischen Einzeller durch Verbindung mit anderen Lebewesen in den Genuß der für sie so wichtigen energieerwerbenden Organe.
Die Einzeller erwiesen sich als äußerst erfolgreich. Vor der Entstehung der Vielzeller waren sie Alleinherrscher in den Meeren und den sonstigen Gewässern. Aber auch heute, so errechnete man, beträgt ihr Anteil an der Gesamtmasse der auf unserem Planeten lebenden Pflanzen und Tiere nicht weniger als 30 Prozent. Die Zelle wurde unter dem ständigen Druck der
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natürlichen Auslese zu einer ungemein perfekten Konstruktion. Ihrer Weiterentwicklung und Verbesserung waren allerdings aus physikalischen und organisatorischen Gründen Grenzen gesetzt.
Die Überwindung dieser Hürde war dann die Bildung der Vielzeller. Ihre Entstehung begann, als sich bei einigen die Tochterzellen nach der Teilung nicht trennten, sondern Klumpen bildeten, die offenbar durch ihre Größe bestimmte Vorteile hatten. Daraus wurden dann immer größere Gefüge (Kolonien), in denen es allmählich zu einer Arbeitsteilung kam. Grund- und Hilfsleistungen, die bisher von Organellen wahrgenommen wurden, konnten nun auf vielzellige, weit leistungsfähigere Organe übergehen.
Die Leistungserbringung der Vielzeller
Betrachtet man die Evolution der Lebewesen nicht als solche materieller Strukturen, sondern als eine Evolution von Leistungen, dann bietet sie an manchen Punkten ein ganz anderes Bild, und es treten Fakten in den Vordergrund, die man bisher kaum beachtet hat. Zu ihnen gehört die Tatsache, daß bei diesem Gesamtvorgang nur ein Teil der Grundleistungen auf vielzellige Organe überging und gerade die wichtigsten im einzelligen Entwicklungsbereich verblieben, und dies, obwohl sie dafür keineswegs vorbereitet waren und deshalb in Gefahr kommen mußten, den neuen Anforderungen nicht voll gerecht zu werden.
Beginnen wir mit der interessanten Frage, wie es organisatorisch möglich ist, einzelne Zellen innerhalb der größeren Gemeinschaft zu differenzierten Leistungen zu bringen, sie also etwa zu veranlassen, Leberzellen, Augenzellen, Muskelzellen, Knochenzel-
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len und viele andere Zelltypen zu bilden und aus solchen hochspezialisierte Organe aufzubauen. Im normalen Verlauf der Dinge gehen bei jeder durch Abschnürung erfolgenden Zellteilung aus einer Zelle zwei ebensolche mit gleichem Erbgut hervor.
Die Lösung des Problems, die sicher auch über eine lange Folge von Mutationen und Rekombinationen erfolgte, ist eher erstaunlich. Sie besteht darin, daß bei den Vielzellern jede Körperzelle über die gesamte für den Aufbau des Lebewesens erforderliche Information verfügt. Durch entsprechende Botenstoffe (Repressoren) werden jedoch bei den Tochterzellen alle für ihre Differenzierung nicht maßgebenden Kommandos ihrer Gene unterdrückt, so daß nur die für ihre spezifischen Aufgaben zuständigen in Aktion treten. Was hier geschieht, möchte ich an einem praktischen Vergleich deutlich machen. Man stelle sich die Errichtung einer größeren Fabrik vor, an der einige Tausend Mitarbeiter beteiligt sind. Die Gesamtheit der für den Bau und die dazugehörigen Einrichtungen notwendigen Anweisungen hat man in einem vielbändigen Riesenwerk niedergelegt. Von diesem erhält jeder Mitarbeiter ein vollständiges Exemplar ausgehändigt. Für jeden einzelnen sind alle Seiten rot durchgestrichen worden, die für seine Tätigkeit nicht maßgebend sind. Nur die nichtangestrichenen Seiten enthalten somit die ihn angehenden Instruktionen. So kann es sein, daß sich für manchen in ein oder zwei Bänden überhaupt keine ihn betreffenden Weisungen befinden, während er solche in den übrigen Bänden an sehr verschiedenen Stellen zu suchen hat. Ein heutiger Unternehmer würde über diese Lösung vermutlich den Kopf schütteln. Abgesehen davon, daß jeder Mitarbeiter dauernd ein derart umfangreiches Kompendium mit sich tragen müßte, würde das Auffinden
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mancher für ihn wichtigen Angaben wahrscheinlich recht schwierig und zeitraubend sein.
Beim Übergang zu den Vielzellern war jedoch offenbar eine bessere Lösung nicht möglich. Zu diesem Zeitpunkt war es bereits gänzlich ausgeschlossen, daß die hochentwickelte Zelle über Mutationen und Rekombinationen ihren Fortpflanzungsvorgang grundsätzlich veränderte. Deshalb blieb es so, daß jede der Zellen, aus denen ein Vielzeller sich aufbaut, sämtliche für das neu gebildete Lebewesen nötigen Anweisungen vererbt bekommt. Zu den DNS-Strängen innerhalb des Zellkerns kamen ständig weitere Nukleotide hinzu, so daß die auf diesen Fäden aufgereihte genetische Schrift entsprechend länger wurde. Durch die Repressoren, die wohl ebenfalls zahlreicher werden mußten, wurde laufend verhindert, daß in den Zellen falsche Weisungen oder die richtigen zur falschen Zeit aktiviert wurden. Dieser Sachverhalt ist ein gesichertes Ergebnis der Wissenschaft; er funktioniert offensichtlich ausgezeichnet, wenn man an die Vielzahl lebenstüchtiger Vielzeller – Pflanzen und Tiere – und insbesondere an den so erfolgreichen Menschen denkt.
Ehe wir uns mit dem Grundmechanismus, dem wir jedes Detail unseres Körpers verdanken, näher beschäftigen, möchte ich an drei Beispielen zeigen, daß beim Übergang von den Einzellern zu den Vielzellern auch wichtige Leistungen auf vielzellige Organe übergingen. Ein anschauliches Beispiel bieten uns die Fortbewegungsorgane, die sich bei den Einzellern im wesentlichen auf die peitschenförmigen Geißeln und die wie Ruder im Takt schlagenden Wimpern beschränken. Bei den Vielzellern übernahmen weit leistungsfähigere Einheiten diese für die meisten Grundleistungen notwendigen Funktionen. Es genügt hier, an die aus Hunderttausenden von Zellen gebildeten
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Flossen der Fische zu denken, an die gepanzerten, vielgliedrigen Beine der Krebse, an die Beine von Lurchen und Echsen, an die Flügel der Vögel und an unsere eigenen Beine, Arme und Hände. In jeder der Zellen, aus denen diese leistungsfähigen Organe bestehen, befindet sich das für den Gesamtkörper und alle seine Funktionen erforderliche Erbgut mit seinen immer längeren DNS-Strängen; eine Vielzahl chemischer Botenstoffe bewirkt, daß in jeder Zelle das akkurat Richtige geschieht.
Noch eindrucksvoller sind die Differenzierungen der ebenfalls aus Hunderttausenden spezialisierter Zellen gebildeten Sinnesorgane. Man denke etwa an unsere Augen und Ohren. Beide sind Präzisionsinstrumente, deren Leistungen jene der kümmerlichen Sinnesorgane der Einzeller um ein Vielfaches übertreffen. Auge und Ohr bildeten sich – wie uns viele heute noch lebende Zwischenstufen zeigen – über Mutationen und deren mannigfache Rekombination durch sexuelle Vorgänge. Auch hier sorgt ein Heer von Signalgebern, kontrollierenden Einheiten und Hilfsorganen dafür, daß die Funktionsfähigkeit erhalten bleibt und Fehler, falls solche irgendwo auftreten, nach Möglichkeit wieder beseitigt werden. Daß dies bei den schlichteren Organen weniger hoch entwickelter Vielzeller einfacher ist als bei den hochdifferenzierten Organen höher entwickelter, versteht sich von selbst; dem perfekten Zusammenwirken der Zellen und ihrer Boten sind hier Grenzen gesetzt.
Als drittes Beispiel seien die Organe des Energieerwerbs genannt. Wie uns jedes Tier zeigt, werden die Hilfsorgane der Fortbewegung und die verschiedenen Sinnesorgane zum Erkennen und Verfolgen der Beute eingesetzt. Vielzellige Organe des Nahrungserwerbs sind das Maul mit seinen Zähnen, seiner Zunge, seinen Speicheldrüsen, ferner die Speiseröhre,
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der Magen und der Darmtrakt mit ihren Hilfseinrichtungen. Über die Darmzotten wird die vorzerkleinerte Nahrung, soweit sie brauchbar ist, in den Blutstrom übergeführt, von diesem zu den einzelnen Zellen gebracht und in den Mitochondrien weiter abgebaut. Die gewonnene Energie wird dann von ADP-ATP-Batterien etwa zu den Ribosomen gebracht, die das benötigte Eiweiß aufbauen. Bei der Grundleistung Energieerwerb ist somit fast der ganze Erwerbsvorgang auf vielzellige Organe übergegangen; nur die letzte, eigentliche Spaltung und Energiegewinnung erfolgt, ebenso wie bei den Einzellern, durch die Mitochondrien im Zellinneren. Die zentrale Funktion dieses Ablaufs bleibt also ebenfalls noch in der Kompetenz eines Organells. Es sei hinzugefügt, daß die winzigen Energietransportbatterien (ADP-ATP), über die schon die Einzeller verfügen, von jeder Zelle selbst hergestellt werden. Das gleiche gilt für die Ribosomen, die das artspezifische Eiweiß aufbauen. Auch diese Organellen, die sich in jeder Zelle befinden, werden in ihr gebildet. Schließlich ist noch erwähnenswert, daß im Körper der Vielzeller ein eigenes Kanalsystem erforderlich ist, um der einst frei und selbständig im Meer lebenden Zelle ein angemessenes Milieu zu vermitteln. Diese Funktion leistet das Lymphsystem; es sorgt dafür, daß jede Zelle von einer dünnen Flüssigkeitsschicht umgeben ist, deren chemische Zusammensetzung ungefähr jener des einstigen Meeres entspricht. Zur Aufrechterhaltung eines spezifischen osmotischen Drucks der Zellflüssigkeit trotz wechselnder Umgebung verfügt jede Zelle in der sie umschließenden Membran über eine Anzahl von »Ionenpumpen«. Das ist beispielsweise für Fische wichtig, wenn sie von Salzwasser in Süßwasser überwechseln und umgekehrt.
Wenn ich an früherer Stelle sagte, daß die Zelle
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als Baumaterial zwar überaus anpassungsfähig, aber auch recht anspruchsvoll ist, dann wird das durch diese Einzelheiten noch verdeutlicht. In Anbetracht der Tatsache, daß der Körper des Menschen aus nicht weniger als 1013 bis 1014 Zellen besteht, deren jede ihre eigenen hochspezialisierten »Werkstätten« unterhält, dürfte ein in der Wirtschaft Tätiger über eine solche Vielgleisigkeit die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Doch war die Zelle, als sie zur Bildung von Vielzellern überging, bereits so perfekt organisiert, daß ihrer Organisation bestenfalls Einheiten hinzugefügt werden konnten, jedoch kaum etwas Grundlegendes an ihr zu verändern war.
Kehren wir nochmals zu den in den Zellkernen ablaufenden Vorgängen zurück, zunächst zur Zelldifferenzierung bei der Bildung von Vielzellern. Bei diesem Vorgang mußte die Keimzelle bewirken, daß ihre Tochterzellen sich entsprechend differenzierten: in Muskelzellen, Nervenzellen, Bindegewebszellen, Knochenzellen und andere Zellen. Dafür sorgen, wie gesagt, Botenstoffe, die in den betreffenden Zellen alle Kommandos, welche die differenzierte Zelle nicht benötigt, abblocken und nur solche zulassen, die zu der angestrebten Differenzierung führen. Es muß außerdem weitere Botenstoffe geben, die Teilfunktionen steuern; wenn wir etwa an das Auge denken, dessen Teile aus zahlreichen verschieden differenzierten Zelltypen bestehen, dann ist deren Funktionstüchtigkeit nur durch entsprechende Regelungen denkbar.
Dem eigentlichen Geheimnis nähern wir uns jedoch erst, wenn wir genauer untersuchen, wie groß der Hohlraum des Zellkerns ist, in dem die DNS-Fäden (Chromosomen) wie in einem kleinen Aquarium schweben, und wie lang diese Fäden sind, die ja ursprünglich für die Fortpflanzung bei den Einzellern
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ausgelegt waren. Bei den Vielzellern mußte der genetischen Schrift des Erbguts eine beträchtliche Anzahl weiterer Buchstaben und Worte angefügt werden, so daß sie entsprechend länger wurde. Beim Menschen, so errechneten Genetiker, umfaßt diese chemische Schrift, von der die Befehle für unseren Gesamtkörper ausgehen, drei Milliarden Buchstaben. Verglichen mit dem in Zeilen ausgedrückten Textumfang eines Buches, entspricht das der dreißigfachen Menge sämtlicher Zeilen der 23 Bände des Großen Brockhaus. Was uns indes besonders interessiert, ist die Anzahl dieser Fäden (Chromosomen) und ihre Länge. Der Mensch besitzt in jeder normalen Körperzelle 46 Chromosomen (diploider Satz). Jeder Einzelfaden ist etwa 10000 mal so lang wie der Durchmesser des Zellkerns. Vergleichen wir den Zellkerndurchmesser mit dem eines üblichen Weinglases, so würde die Länge der DNS-Fäden ungefähr 700 Meter entsprechen!
Man versuche sich vorzustellen, wie in einem mit Flüssigkeit gefüllten Weinglas 46 etwa 70 Meter lange Fäden Platz finden und dort, ohne sich zu verwirren, auch noch komplizierte Manöver und Funktionen verrichten sollen. Bei jeder Teilung müssen sie sich außerordentlich verdichten, wobei die unter dem Mikroskop sichtbaren Chromosomen entstehen. Es wird angenommen, daß sie bei diesem Vorgang in besondere »Pakete« verpackt werden. Die Chromosomen ordnen sich in der Mitte des Zellkerns, und je ein Satz wird dann durch die unter dem Mikroskop ebenfalls erkennbare Mechanik der Zentralkörperchen (Zentriolen) und der Kernspindel in die beiden sich bildenden Tochterzellen auseinandergezogen. Bis zur nächsten Teilung müssen die DNS-Fäden, die nun wieder die komprimierte Form aufgeben, sich zur Gänze verdoppeln, indem sich ihnen komplementäre Basen anlagern. Bei dem sexuellen Vorgang, den ich
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hier nur flüchtig streife, treten in den Zellkern der Eizelle die ebenso vielen Fäden gleicher Länge des Geschlechtspartners ein. Ist all das schon fast unvorstellbar, fragt man sich zudem: Was bewegt diese endlosen Fäden, die ja über keine Fortbewegungsorgane verfügen? Wie wird vermieden, daß sie sich verwirren? Wie erfolgen die Verdichtung und das Verpacken in Pakete? Und wie vollzieht sich bei der Verdoppelung die Entspiralisierung in beschränkten Abschnitten (denn die Stränge bilden eine doppelte Helix)? Man vermutet im übrigen, daß die Repressoren bei der Zelldifferenzierung eine Art von Schutzhülle über alle zu blockierenden Gene legen, was die weitere Frage nach sich zieht, wie es kommt, daß diese Hüllen zusätzlichen Teilungsvorgängen nicht im Wege sind. Wie sich das alles von selbst, ohne Hilfswerkzeug, vollzieht, ist bis heute noch weitestgehend unerforscht.
Wenn man bedenkt, daß der Zellkern mit seiner Innenausstattung für den Bedarf der Einzeller ausgelegt war, die sich über zwei Milliarden Jahre hinweg immer weiter verbesserten, an deren Dimension sich jedoch kaum Wesentliches verändert haben dürfte, führt das zu folgendem Schluß: Ein Organell, das zwei Grundleistungen erbringt – jene der Fortpflanzung und jene der Strukturverbesserung – und diese obendrein auf die viel größeren und ungemein differenzierten Vielzeller ausdehnte, ist hier außerordentlich überstrapaziert worden, zumal es als dritte imposante Leistung, über Steuerungen der Differenzierung, auch noch die Gesamtheit aller Vielzeller, den Menschen eingeschlossen, hervorbrachte. Daß dies alles fehlerlos funktioniert, ist über die Maßen erstaunlich.
Wenn wir aus evolutionärer Sicht die Leistungen in diesem Geschehen als vorrangig betrachten, müssen
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wir feststellen, daß zwei der wichtigsten Grundleistungen, Fortpflanzung und Strukturverbesserung, beim Übergang von den Einzellern zu den Vielzellern nicht auf vielzellige Organe übergingen und außerdem eine dritte Grundleistung, der Energieerwerb, weitgehend in der Kompetenz eines Organells verblieb. Erst so wird klar, welche Fesseln hier abgestreift wurden, als sich beim Übergang von den Vielzellern zu den Hyperzellern sowohl die Grundleistung der Fortpflanzung als auch jene der Strukturverbesserung auf vielzellige Einheiten verlagerten (auf solche im Zentralnervensystem) und beide dann sehr schnell auf zusätzlich gebildete Organe übergingen (etwa auf Schrift und Forschungsstätten). Das trifft auch auf den Energieerwerb zu, der sogar die vielzellige Phase gleichsam übersprang, indem er sich bei der Verwendung von Fremdenergie zum Antrieb zusätzlicher Organe direkt von einem Organell (Mitochondrium) auf zusätzliche Organe, etwa ein Wasserkraftwerk, verlagerte.
Die Leistungserbringung der Hyperzeller
Da wir nicht daran gewöhnt sind, bei den Lebewesen die Leistungen als das Wesentliche anzusehen, ist ein beträchtliches Umdenken erforderlich, wenn man sich mit der Frage beschäftigt, wie sich im Lauf der Lebensentfaltung Leistungen auf besser geeignete Organe verlagerten. Wir sind es gewohnt, die Entfaltung der tierischen und der pflanzlichen Körper im Auge zu haben und uns bei der Untersuchung ihres evolutionären Fortschritts der kontinuierlichen Verbesserung ihrer Bestandteile zu widmen. Wenn man indes in den Lebewesen Leistungsgefüge sieht und demnach die Höherentwicklung der Leistungen verfolgt,
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zeitigt das, wie der letzte Abschnitt gezeigt hat, manche ganz andere Fragestellungen und Bewertungen. So zeigte sich, daß bei den Vielzellern einige der wichtigsten Leistungen an Organellen gefesselt blieben, was dazu führte, daß sie sich wohl trotzdem verbesserten, aber nicht die Vorteile vielzelliger Organe erlangten. Um den Weg der Evolution und die Probleme, die dabei auftraten, aus dieser völlig anderen Sicht zu beurteilen, beginnen wir deshalb unsere Betrachtung des Übergangs von Leistungen auf zusätzliche Organe mit den gleichen Beispielen für gut überschaubare, komplikationslose Leistungsverlagerungen, die ich zuletzt anführte.
Das erste Beispiel betraf die für Tiere besonders wichtige Leistung der Fortbewegung. Sie verlagerte sich von den Geißeln und Wimpern der Einzeller auf die wesentlich effizienteren Flossen, Beine und Flügel der Vielzeller. Ebenso augenscheinlich ist der nächstfolgende Fortschritt beim Übergang auf zusätzliche Organe. Hier verlagerte sich, etwa beim Menschen, die Fortbewegung von den Beinen auf das Fahrrad, auf das Auto, auf das Gemeinschaftsorgan Eisenbahn.
Was den Übergang von den Sinnesorganen der Einzeller zu jenen der Vielzeller betrifft, führte ich als Beispiel die Organe der optischen und der akustischen Sinneswahrnehmung an, die sich nicht nur bei den Wirbeltieren, sondern auch bei Mollusken und Insekten außerordentlich entwickelten und kaum mit analogen Organen bei den Einzellern vergleichbar sind. Bei den vom Menschen gesteuerten Hyperzellern wurden die Fähigkeiten der Augen durch die Brille, das Fernrohr, das Mikroskop und das Fernsehen weiter gesteigert, jene der Ohren durch das Telefon, die Telegrafie und den Rundfunk. Der Geruchssinn, der sich bei manchen Vielzellern bereits so sehr verbesserte, daß manche Insekten sogar einzelne
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Duftmoleküle wahrnehmen können, steigerte seine Fähigkeiten bei den Hyperzellern etwa durch chemische Meßapparate. Dazu kommen bei den Hyperzellern zusätzliche Sinnesorgane, die bisher nie erbrachte Leistungen ermöglichen, beispielsweise der Geigerzähler, der Radioaktivität wahrnimmt und mißt.
Die Grundleistung Energieerwerb, mein drittes Beispiel, wurde bei den Vielzellern durch Hilfseinheiten wie Maul, Magen, Darm, Blutkreislauf (bei Pflanzen: Blätter, Zweige, Stämme, Wurzeln, Saftkanäle) wesentlich gesteigert, verblieb jedoch in der Kernfunktion bei Organellen: den Mitochondrien und den Plastiden. Hier zeigt sich, wie Leistungen durch neue Organe gesteigert werden können, während die Zentralfunktion auf einer tieferen Entwicklungsstufe der Organbildung verharrt. Ebenso verhält es sich ja auch bei Augen, Ohren und Nase des Menschen, deren Leistungsfähigkeit durch zusätzliche Organe entscheidend verbessert wird, wobei die Zentralfunktion indes bei vielzelligen Organbildungen verbleibt. Beim Energiegewinn ist es komplizierter. Er teilt sich bei den Hyperzellern insofern, als das steuernde Zentrum Mensch noch in der Art aller vielzelligen Tiere mit der Nahrung gewonnene Energie benötigt, während der Antrieb der zusätzlichen Organe, denen zahlreiche Hyperzeller heute ihre Konkurrenzfähigkeit verdanken, auf den Erwerb von Fremdenergie übergeht.
Ich muß hier aus Platzgründen den Leser bitten, sich selbst Beispiele für lebenswichtige Leistungen auszusuchen und zu überlegen, wie diese bei Einzellern, Vielzellern und Hyperzellern erbracht werden, wie sie von bestimmten Organen auf andere übergehen, oftmals durch neue Hilfsorgane bloß gesteigert werden oder sich gar, wie im oben beschriebenen Fall, in parallellaufende, verschiedenartige, letztlich
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aber doch aufeinander angewiesene Leistungskanäle trennen. Ich will hier nur noch kurz auf die beiden besonders wichtigen Grundleistungen Fortpflanzung und Strukturverbesserung zurückkommen.
Bei der Fortpflanzung der Hyperzeller ist es, wie schon früher angedeutet, ebenfalls so, daß diese benötigte Grundleistung sich auf zwei Kanäle aufteilt. Das steuernde Zentrum Mensch pflanzt sich weiterhin in der Art aller Vielzeller fort, wobei zusätzliche Leistungsträger wie Ärzte, Medikamente und Spitäler Hilfsdienste leisten können. Die für die Hyperzeller maßgebenden, vom Zellkörper getrennten Organe werden hingegen auf ganz andere Weise fortgepflanzt: zunächst durch sprachliche Anweisungen, später durch spezialisierte Hyperzeller, von denen sie käuflich erworben werden können. In diesem Fall entfällt für das Individuum die Notwendigkeit eigener Fortpflanzung. Günstige Umweltbedingungen verhelfen dazu, daß diese Organe, sofern Bedarf an ihnen besteht, von anderen produziert werden und ihr Kaufpreis um ein Vielfaches geringer ist, als die Eigenproduktion kosten würde.
Was die Grundleistung Strukturverbesserung angeht, so ist es an dieser Stelle zweckmäßig, sich an den schwerfälligen und unökonomischen Vorgang zu erinnern, der in der langen Entwicklung der Einzeller und der Vielzeller eine allmähliche Höherentwicklung bewirkte. Die Chance, daß über Mutationen Fortschritte mit Selektionswert zustande kommen, wird im statistischen Durchschnitt mit bloß 1:108 angegeben. Fast alle Mutationen führen zu fehlerhaften Nachkommen, die im Konkurrenzkampf zugrunde gehen. Die Chance, daß sich durch Rekombination verschiedener Mutationen über den sexuellen Vorgang ein Fortschritt mit Selektionswert ergibt, ist indes bereits um einige Zehnerpotenzen größer. Bedenkt man je-
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doch, welche Schwierigkeiten sich mit diesem Vorgang insgesamt verbinden – etwa durch die Notwendigkeit des Zusammenfindens artgleicher Partner; durch den erforderlichen Abbau der angeborenen Individualdistanz, den besondere Verhaltenssteuerungen bewirken müssen; durch die Bildung der unerläßlichen sekundären Geschlechtsmerkmale; durch die Komplikationen, die sich beim Rekombinationsvorgang der Gene und bei der Befruchtung ergeben –, dann muß dieser Mechanismus der Verbesserung, obwohl er zu der Fülle der heute lebenden tierischen und pflanzlichen Lebewesen geführt hat, trotzdem als äußerst ineffektiv bezeichnet werden. Nur über eine sehr lange Zeitspanne hinweg konnte er – meines Erachtens durch zahlreiche Shifts beträchtlich unterstützt – zu solchen Ergebnissen führen. Durch die vom Menschen zielgerichtet gebildeten zusätzlichen Organe veränderte sich die Situation radikal. Die Informationsvermengung, um die es beim sexuellen Vorgang geht, kann bei den Hyperzellern über Gespräche, Diskussionen, das Lesen von Fachbüchern, Seminare, Universitätsvorlesungen und dergleichen entschieden effektiver und weniger aufwendig erzielt werden. Mit zunehmender Geschwindigkeit kam es in diesem Funktionsbereich zur Bildung aller zusätzlichen Organe und Verhaltensweisen, die den Fortschritt der Hyperzeller und der Erwerbsorganisationen ausmachen.
Hier ist allerdings wieder ein Beispiel dafür gegeben, zu welch extrem verschiedenen Beurteilungen gleicher Sachverhalte das an Leistungen orientierte Denken führt. Angesichts der herausragenden Bedeutung, die der Sexualtrieb mit all seinen Auswirkungen auf die heutige Gesellschaft hat – nicht zuletzt in bezug auf die Bevölkerungsexplosion als eines der größten Probleme unserer Zeit –, dann scheint nichts
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abwegiger, als ihn mit Lebensäußerungen wie Gesprächen, Vorlesungen, Forschung, Seminaren in unmittelbare Verbindung zu bringen. Und trotzdem handelt es sich aus evolutionärer Sicht um Vorgänge im Dienst derselben Leistung.
Die Leistungserbringung der Erwerbsorganisationen
Wie schon gesagt, lassen sich die Erwerbsorganisationen gegenüber den Hyperzellern, aus denen sie hervorwuchsen, und den Staaten, mit denen sie in vielfacher Hinsicht verbunden oder gar identisch sind, nicht eindeutig abgrenzen. Je mehr der Lebensprozeß an Macht zunimmt, um so mehr verschmelzen die Strukturen, die ihn fortsetzen.
Aus der Sicht der Evolution des Lebens ist festzustellen, daß der heutige Punkt dieser Entwicklung mit ihrem Anfang, der Urzeugung, eine gewisse Verwandtschaft zeigt. Bei der Urzeugung spielten günstige Umweltbedingungen eine wichtige Rolle, indem sie Grundleistungen übernahmen. Bei Hyperzellern und Erwerbsorganisationen sehen wir, wie etwa die Grundleistungen der Fortpflanzung und der Strukturverbesserung sich teilweise oder ganz erübrigen. Bei der Fortpflanzung ist das der Fall, wenn erfolgreiche Menschen in andere Arten gleichsam eintreten, indem sie selbst die Aufbaukosten für neue Individuen ebendieser Arten übernehmen. Bei der Strukturverbesserung ist es ähnlich, wenn die Forschung mehr und mehr von staatlichen Stellen, also von der Gemeinschaft, übernommen wird oder wenn in Bereichen, in denen weiterer Fortschritt sogar zur Gefahr wird, sich zusätzliche Anstrengungen in dieser Richtung erübrigen. Zum günstigsten Entwicklungsfaktor könnte unter Umständen
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die Umweltproblematik selbst werden: der erste gemeinsame Feind, dem die Lebensgesamtheit gegenübersteht. Ein gemeinsamer Feind, eine alle betreffende Gefahr kann das Wunder zuwege bringen, daß sämtliche individuellen Interessen und Zwiste sich wie Rauch auflösen und so eine auf ein gemeinsames Ziel ausgerichtete Einheit entsteht.
Das einzige wirkliche Novum, das sich mit der Entfaltung der größeren Staaten und Erwerbsorganisationen verbindet, ist die Erschließung der schwer zu bändigenden Atomenergie. Sie trat – in bezeichnender Weise – erstmals als Waffe und Vernichtungsmittel in Erscheinung und soll nun in die Fremdkräfte, die zusätzliche Organe antreiben, eingereiht werden. Da jeder Reaktor, auch wenn er bestens gesichert ist und seine Abfall- und Entsorgungsprobleme gelöst sind, eine potentielle Atombombe darstellt, die nur durch Beschuß oder Sabotage ihrer Schutzhülle beraubt werden muß, um die umliegende Gegend zu zerstören, und da ferner die Geschichte des Menschen auf das deutlichste gezeigt hat, daß ständig neue Konflikte auftreten und es immer wieder krankhaft veranlagte, unberechenbare Individuen gibt, dürfte es, wenn der Lebensprozeß sich endgültig konsolidieren soll, unabdingbar sein, diese Entwicklungslinie radikal zu beenden und die kurz geöffnete Pforte, trotz aller Verluste, welche dies der Gemeinschaft verursacht, wieder hermetisch zu schließen.
Eine weitere ungefesselte Kraft von ähnlicher Tragweite ist das Geld, dem die Hyperzeller und die Erwerbsorganisationen ihre Fortschritte verdanken. In der freien Wirtschaft wird dieser Universalvermittler immer mehr zum übermächtigen Verführer und Götzen. Sicherlich ist es nicht einfach, die Vorzüge und die Gefahren, die seine Zusammenballung gleichermaßen bietet, dergestalt auseinanderzuhalten, daß
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die Vorzüge wahrgenommen und den Gefahren ein Riegel vorgeschoben wird. Hier bin ich der Ansicht, daß dem erzieherischen Einfluß und einer entsprechenden Aufklärung der Kinder eine entscheidende Rolle in diesem kritischen Stadium der Lebensexpansion zukommt.
Die Gefahr der Selbstzerstörung des Lebens
Da unser Planet von begrenzter Größe ist und somit für die Lebensentfaltung nur beschränkt Raum und die notwendigen Ressourcen bietet, ist die sich steigernde Vermehrung der Hyperzeller und der Erwerbsorganisationen inzwischen an einen kritischen Punkt gelangt. Dennis L. Meadows und seine Mitarbeiter haben in ihrem Buch Die Grenzen des Wachstums (1972) erstmals mit Nachdruck darauf hingewiesen, und seither ist es zu vielen Bestrebungen gekommen, den zahlreichen Umweltschädigungen entgegenzuwirken. Vereinigungen wie Greenpeace und Global 2000 bemühen sich in vorbildlicher Weise in aller Welt, auf die schnell akut werdenden Probleme aufmerksam zu machen sowie zu entsprechenden Aktionen und Verhaltensänderungen aufzurufen. Aus der Sicht der Lebensentwicklung scheint die heutige Situation allerdings so zu sein, daß sämtliche Bestrebungen dieser Art nur beschränkt Erfolg haben können, wenn man sich nicht mit den beiden eigentlichen Wurzeln des Übels auseinandersetzt: der immer schneller wachsenden Vermehrung der Menschheit und dem sich exponentiell steigernden Wirtschaftswachstum (Abb. 7).
Das Thema des vorliegenden Buches ist der Nachweis, daß der Mensch nicht Höhepunkt, sondern Bestandteil der Lebensentwicklung ist und auch die Bildung unserer zusätzlichen Organgefüge deren Ge
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Abb. 7: Die explosive Vermehrung des Menschen und der industriellen Wirtschaft. Beide Kurven, die auf den letzten Erhebungen beruhen, zeigen die Tendenz eines Wachstums, das auf einem Planeten begrenzter Größe nicht möglich ist. Jedes Schulkind kann dies erkennen. Wenn die führenden Köpfe in Wirtschaft und Politik dazu nicht imstande sind, liegt das an den Konsequenzen, die sich klar abzeichnen und die niemand wahrhaben will. Wüßte man, daß ein Komet auf uns zukommt und in genau berechenbarer Zeit die Erde vernichten wird, würde man sich vielleicht ähnlich verhalten. Dennoch läßt sich die selbstbewirkte, auf uns zukommende Katastrophe vermeiden. Allerdings muß innerhalb von ein bis zwei Generationen ein völliges Umdenken stattfinden. Neben dem Mahnwort »Erkenne dich selbst« auf dem Fries des Apollotempels in Delphi ist als weitere Maxime zu beherzigen: »Was können wir uns leisten?«
(Originalbuchseite 255)
setzen folgt. Ich würde daher dem Anliegen meiner Theorie schlecht dienen, wenn ich meine Beweisführung mit einer Anwendung auf umstrittene Augenblicksprobleme belastete. Andererseits wendet sich meine Theorie gegen viele geltende Grundüberzeugungen in verschiedenen Wissenschaften, so daß es an Gegnern sowieso nicht fehlen wird. In dieser Situation erscheint es mir richtig, nur kurz auf die Frage einzugehen, ob sich aus den bisherigen Ausführungen Schlußfolgerungen ergeben, die zur Bewältigung der jäh aufgetauchten, schicksalhaften Krise beitragen können.
Als erstes ist vielleicht darauf hinzuweisen, daß seit dem Beginn der Evolution drei Werte stets von unbestrittener Bedeutung gewesen sind: Wachstum, Innovation und Vermehrung. Jede Art von Lebewesen, welche diese Fähigkeiten besaß, wurde von der natürlichen Auslese geradezu automatisch unterstützt. Und jetzt, in der kosmischen Mikrosekunde von knapp fünfzig Jahren, soll sich an diesen Grundprinzipien etwas geändert haben? Dies erscheint ebenso unglaublich wie absurd. Die wichtigsten und verläßlichsten Werte sollen mit einemmal neu überdacht und bewertet werden müssen? Ich behaupte, daß dies den meisten selbst bei bestem Willen nicht möglich ist. Wir und sämtliche anderen Lebewesen sind bis in die letzten Fasern unseres Körpers auf diese Werte pro-
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grammiert. Aufgrund unseres einsichtigen Denkens sind wir vielleicht in der Lage, die plötzlich eingetretene Veränderung und ihre Auswirkungen zu verstehen, doch ernsthafte Konsequenzen daraus zu ziehen ist etwas ganz anderes, zumal unsere Lebensspanne so kurz ist, daß man sich kaum vorstellen kann, die eigenen Handlungen hätten auf das Gesamtgeschehen irgendeinen Einfluß.
Hinzu kommt die Informationsüberflutung, der heute fast jeder ausgesetzt ist. Die Medien vermitteln in ständigem Strom Neuigkeiten aus aller Welt, die kaum mehr Zeit lassen, sich in aller Ruhe eine eigene Meinung zu bilden. Des weiteren tritt ein uns ebenfalls angeborenes Verhalten hinzu, das in der Verhal-
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(Text zu Abbildung 8 auf Originalbuchseite 256)
Abb. 8: Perioden quantitativen und qualitativen Wachstums (stark schematisiert). Die Expansion der seit 4 Milliarden Jahren fortschreitenden Lebensentfaltung (A1, A2, A3) wurde schon zweimal durch Perioden erzwungenen Nullwachstums unterbrochen (B1, B2). Nun gehen wir einer dritten solchen Periode entgegen (B3). In der Wirtschaft kann man sich zur Zeit ein Nullwachstum nicht vorstellen; statt dessen wird ein weiteres Wirtschaftswachstum angestrebt. Andererseits ist bei der begrenzten Größe unseres Planeten eine ständige Vermehrung des Menschen und der von ihm gebildeten Hyperzeller und Erwerbsorganisationen nicht möglich; nur ein Nullwachstum vermag eine weltweite Katastrophe zu verhindern. Da es in der Evolutionsgeschichte bereits, wie gesagt, zwei lange Perioden des Nullwachstums gegeben hat, sind wir in der Lage, die Folgen abzuschätzen. Ist quantitative Ausbreitung unmöglich, wird qualitatives Wachstum zum dominierenden Faktor; dann geht es darum, mit einem Minimum an Aufwand das qualitativ bestmögliche Ergebnis zu erzielen. Auf unsere Situation bezogen, bedeutet dies eine Regelung der Vermehrung, ein Eindämmen nicht mehr erfüllbarer Luxusbestrebungen und von der Umwelt diktierte Rahmenbedingungen für Industrie und Wirtschaft (nach Hass, 1982).
(Originalbuchseite 258)
tensforschung als »mitreißende Wirkung« bezeichnet wird und sich beim Menschen darin äußert, daß die Masse das Handeln des einzelnen stark beeinflussen kann – auch gegen seinen Willen und seine Vernunft.
Der kanadische Philosoph und Soziologe Marshall McLuhan schrieb, jede technische Ausweitung führe »zu einer Art Betäubung des Menschen, die ihn benommen, taub, blind und stumm macht«. Für das Zentralnervensystem bedeute »jede Ausweitung unseres somatischen Körpers eine Schockwirkung, gegen welche es sich durch diese Reaktion schützt«. Das Auto, das Telefon, das Fernsehen und die Lawine eines immer größeren Angebots zusätzlicher Organe und zusätzlicher Möglichkeiten überfordert fraglos jene weiten Bereiche unseres Gehirns, zu denen unser Bewußtsein keinen unmittelbaren Zutritt hat und die wie ein Computer alles Neue irgendwie zu bewerten und einzuordnen versuchen. In gewissem Sinne ist der Mensch somit immer weniger in der Lage, sich mit weittragenden Problemen zu beschäftigen, die nicht unmittelbar für ihn von Belang sind.
Zu nennen ist schließlich die ungeheure Macht der industrialisierten Wirtschaft, Produkte und Dienste zu verkaufen, um weiteres Wachstum zu gewährleisten. Hier gilt der englische Spruch »Grow or die!« – »Wachse oder stirb!«. Ich bin kaum je einem Wirtschaftler begegnet, der sich ein »Nullwachstum« vorstellen konnte. Man ist wohl bereit, erkannte Schäden zu bekämpfen und zu beseitigen, unterlaufene Fehler auch mit beträchtlichem Mitteleinsatz wiedergutzumachen. Nur eines vermag sich offenbar kaum jemand vorzustellen: daß nach Beseitigung aller Schäden das bisherige Leben nicht genauso weitergehen kann wie bisher. Doch gerade darauf werden wir uns einstellen müssen (Abb. 8).
Immerhin: Bei erkannter Gefahr hat sich der
(Originalbuchseite 259)
Mensch häufig nicht bloß zu verändern,
sondern auch zu steigern vermocht. Tatsache ist: Wir sitzen alle im gleichen
großen Boot, das bereits zahlreiche Lecks aufweist. Zu bewältigen
ist die Situation. Freilich nur, wenn jedermann unsere Lage bewußt
wird.
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