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Besonderheiten des Menschen
Wenden wir uns als erstes jener Besonderheit zu, die uns Menschen am stärksten von den Tieren, aus deren großem Kreis wir hervorgegangen sind, unterscheidet. Es ist die Verfeinerung und Differenzierung unserer Lebensformen, unsere Kultur im weitesten Sinne des Wortes, das Streben des Menschen nach ethischen und ästhetischen Werten, nach Recht und Ordnung, nach Annehmlichkeit und Luxus. Bereits höherentwickelte Säugetiere, etwa die Löwen, führen uns vor Augen, wie ihr Alltag in zwei Bereiche zerfällt: einen Erwerbsbereich, der auf die Jagd nach Beute ausgerichtet ist, und einen zweiten, bei dem die Bezeichnung »Privatleben« zwar nicht üblich, aber trotzdem deutlich anwendbar ist. Die Löwenfamilie liegt dann gesättigt und sichtlich zufrieden an einem Platz, der einen guten Überblick nach allen Seiten gestattet – denn auch Löwen müssen vor Gefahren auf der Hut sein. Die Jungen spielen und balgen miteinander, wobei sie auch die Eltern einbeziehen. Diese wiederum liebkosen einander in Muße, ruhen sich aus, dehnen und strecken sich genüßlich. Alle sind deutlich erkennbar mit sich und ihrer Situation zufrieden.
Als sich bei Homo Proteus die geistige Entwicklung so weit gesteigert hatte, daß er wie auf einem inneren Projektionsschirm Erlebnisse wiederaufleben lassen, miteinander vergleichen und Schlußfolgerungen daraus ziehen konnte; als er fähig wurde, in der Zusammenschau seiner Vorstellungen und Gedanken auch Ursachen und Wirkungen, die zeitlich und räumlich weit voneinander entfernt lagen, zueinander in Bezie-
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hung zu setzen, führte das nicht nur zur zielgerichteten Bildung zusätzlicher Organe, die seine Leistungsfähigkeit steigerten, sondern außerdem zu einer weiteren, sich auf seine Lebensgestaltung deutlich auswirkenden Tendenz. Früher oder später mußte er meines Erachtens auch zu der Erkenntnis gelangen, daß manche seiner Tätigkeiten und Situationen zu angenehmen Innenerlebnissen führten, während andere sich mit unangenehmen verbanden. Nichts erscheint mir deshalb naheliegender und selbstverständlicher, als daß dieser zielhafte Verbesserer seines Körpers auch dahin gelangte, sein Verhalten und seine Organbildung so auszurichten, daß die ihm angenehmen Innenerlebnisse nach Möglichkeit gesteigert, die von ihm als unangenehm empfundenen nach Möglichkeit vermindert wurden. Nachdem ihn sein Erfolg Konkurrenten gegenüber überlegen machte und die gewonnenen Überschüsse ihm zu Zeiten der Muße verhalfen, brachte er damit eine neue Grundausrichtung in die Welt: Er wurde zu einem »Glückssucher« par excellence.
Das angeborene Erbe
Hier ist es zweckmäßig, sich die Ergebnisse der vergleichenden Verhaltensforschung in Erinnerung zu rufen, die sich eingehend mit der Frage beschäftigten, wie die angeborenen Instinktsteuerungen beschaffen sind, denen die Tiere ihre Leistungen verdanken, und welche funktionelle Bedeutung den Lust- und Unlustempfindungen zukommt. Im Alltagsleben hält man es für selbstverständlich, daß uns manches angenehme, anderes wieder unangenehme Empfindungen verursacht. Und da die meisten Menschen den Vergleich mit Tieren als unwürdig empfinden, betrachten sie es
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als eher abwegig, unsere Innenerlebnisse mit der Evolution unserer Vorfahren in Verbindung zu bringen. Aber gerade aus dieser Vorgeschichte lassen sich wertvolle Einsichten in die Motive unserer Willensbildung und unserer Zielsetzungen gewinnen.
Damit ein Tier etwa an seine Energie- und Stoffquelle, also seine Nahrung, gelangen kann, sind drei deutlich verschiedene Leistungen seines Zentralnervensystems, insbesondere seines Gehirns, nötig. Erstens müssen die Tiere ihre Beute an bestimmten, möglichst unverwechselbaren Merkmalen erkennen, die man als Schlüsselreize bezeichnet. Zweitens müssen sie über angeborene Verhaltenssteuerungen verfügen, die bei Aufspüren von Beute den Muskeln die notwendigen Befehle erteilen, damit das Tier an die Beute gelangt, sie überwältigt und sich ganz oder teilweise einverleibt. Und drittens muß eine weitere Gehirnstruktur darauf spezialisiert sein, das Tier, wenn es nicht auf einen Schlüsselreiz trifft, zur aktiven Suche nach einem solchen zu veranlassen. Dieser motivierende Mechanismus, der als Trieb bezeichnet wird, arbeitet so, daß Unlustempfindungen in Gestalt von Hunger in Erscheinung treten, die sich um so mehr verstärken, je länger Beute ausbleibt. Sobald aber das Tier an Beute gelangt und sie frißt, werden ihm als angenehm empfundene Geschmackserlebnisse und Sättigungsgefühle zuteil.
Ähnlich verhält es sich bei den meisten Instinkthandlungen. Beim Sicherheitstrieb der Tiere geht es darum, Feinde und sonstige Gefahren rechtzeitig zu erkennen und ihnen zu entkommen. Auch hier bewirken Schlüsselreize, die Gefahren anzeigen, unlustvolle Gefühle der Angst. Entgeht das Tier der Gefahr, findet es ein schützendes Versteck, dann überkommen es lustvolle Beruhigung und Erleichterung. Besonders starke Unlustgefühle vermittelt der Sexualtrieb, wenn
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das Tier in seiner Paarungszeit nicht auf einen passenden Partner trifft. Dagegen erfährt es intensive Lustgefühle, wenn der Paarungsakt gelingt. Da wir mit Tieren nicht sprechen können, läßt sich nicht einwandfrei nachweisen, daß unsere menschlichen Innenerlebnisse jenen der höheren Wirbeltiere ähnlich sind. Doch aufgrund der engen Verwandtschaft und offensichtlicher Übereinstimmungen in ihrem Verhalten, das besonders bei Haustieren gut zu beobachten ist, gibt es daran kaum einen berechtigten Zweifel.
Während somit bei den Tieren die positiven und die negativen Innenerlebnisse ein Mittel zum Zweck sind (ohne das der motivierende Instinktmechanismus gar nicht funktionieren könnte), gelangten Homo Proteus und seine Nachfolger geradezu zwangsläufig dahin, das Mittel zum Zweck zu erheben. Indem sie ihr Leben so ausrichteten, daß sie die positiven Innenerlebnisse kultivierten, ja nach Möglichkeit steigerten und mit anderen kombinierten, machten sie aus einem Werkzeug ein Ziel. Mit Hilfe zusätzlicher Organe gestalteten sie ihr Leben derart, daß sie ein Optimum lustspendender Gefühle anstrebten und es darauf anlegten, daß die unangenehmen Empfindungen nach Möglichkeit von ihnen abgehalten oder minimiert wurden. Es kam so zu einer regelrechten Umpolung, wie es bis dahin in der Evolution keine vergleichbare gegeben hatte, einer Umpolung, welche die weitere Lebensentfaltung und die Artenbildung entscheidend bestimmte.
Die Luxusstrukturen des Menschen
Bei allen Einzellern und Vielzellern werden sämtliche erzielten Überschüsse stets in Nachkommen investiert. Bei den Hyperzellern, die der Mensch aufbaut,
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ist dies dagegen nicht der Fall. Ein beträchtlicher Anteil der von ihnen erwirtschafteten Gewinne fließt in andere Kanäle, die dem Annehmlichkeitsstreben der sie steuernden Einheit Mensch dienen. Wenn ich hier das Wort Luxus, dem ein abwertender Beigeschmack anhaftet, verwende, dann möge das nicht mißverstanden werden. Aus der Sicht der Evolution sind alle mit diesem Phänomen zusammenhängenden zusätzlichen Organbildungen und Verhaltensweisen insofern ein Luxus, als sie Energie kosten, jedoch für die Überlebensfähigkeit und die Effizienz der Lebewesen nicht maßgebend oder förderlich sind. Gehen wir also dieser kuriosen Entwicklung etwas genauer nach.
Bis zum Erscheinen des Menschen hatten die Organismen keinerlei Freiheit bezüglich ihrer erwirtschafteten Überschüsse. Sie konnten sie außer zu einem klar begrenzten Größenwachstum nur zur Fortpflanzung, und zwar zur artgleichen, verwenden. Tannen bringen weitere Tannen hervor, Bienen nur weitere Bienen, Krebse nur wieder ebensolche Krebse. Mir ist nicht ein Autor bekannt, der auf den negativen Aspekt dieses durch die genetische Mechanik erzwungenen Vorgangs näher hingewiesen hätte. Die berechtigte Bewunderung der Lebewesen und ihrer Leistungen ließ solche kritischen Gedanken wohl gar nicht aufkommen. Dabei ist leicht einzusehen, wie nachteilig dieser Fortpflanzungsmodus für die gesamte Lebensentwicklung gewesen ist. Wurden die Lebensbedingungen für eine Tier- oder Pflanzenart sehr schlecht, während für eine andere Art von Lebewesen die Bedingungen günstig gewesen wären, dann war sie trotzdem gezwungen, ihre immer spärlicheren Erträge zur Bildung weiterer Individuen ihrer Art zu verwenden. Der Fortpflanzungsmechanismus ließ es nicht zu, grundsätzlich andere Lebewesen zu produzieren. Erst Homo Proteus sprengte gleichsam die Fesseln. Die
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von ihm gebildeten Hyperzeller, die aus seinem somatischen, also aus Zellen bestehenden Körper nebst einer wachsenden Anzahl zusätzlicher Organe bestanden, waren nicht mehr gezwungen, artgleiche Nachkommen zu erzeugen. Der Zellkörper pflanzte sich zwar auch weiterhin über die genetische Mechanik artgleich fort, aber die zusätzlichen Organe waren ihm nicht aufgezwungen! Er konnte verschiedenartige Hyperzeller bilden, die über sehr unterschiedliche Leistungen an Überschüsse gelangten. Nach diesem Schema verlief dann die weitere Entwicklung. Der Sohn eines Schmieds kann durchaus Ingenieur werden oder Polizist oder Baumeister. Er kann sich in äußerst verschiedene Arten von Erwerbstätigkeit als neues Individuum einreihen, und wenn der von ihm gebildete Hyperzeller keinen Erfolg hat, kann er den Beruf wechseln. Der Hyperzeller vermag seine Ausstattung an zusätzlichen Organen zu verändern, sich auf eine andere Produktion oder Dienstleistung auszurichten und sich dort in den Konkurrenzkampf einzureihen. Er kann sogar neue Arten von Hyperzellern ersinnen und erproben! Und was seine Kinder betrifft, so setzt sich dieser Vorgang fort. Sie können seinen Beruf oder seinen Betrieb übernehmen oder aber sich für völlig andere Erwerbsmöglichkeiten entscheiden. Das ist bereits ein ungeheurer Unterschied, den die Hyperzeller ihrem Zentrum und dessen Fähigkeiten verdanken: die schöpferische Freiheit, erzielte Überschüsse dorthin zu lenken, wo sie der Lebensentfaltung am besten dienen. Es eröffnete sich jedoch eine weitere ungewöhnliche Möglichkeit: Das steuernde Zentrum Mensch braucht erwirtschaftete Überschüsse gar nicht in weitere Erwerbstätigkeit zu investieren. Dank seines Ichbewußtseins, seiner Intelligenz und seiner Vielseitigkeit kann es diese auch dazu verwenden, seine individuelle Annehmlichkeit
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zu steigern, sich Lustgefühle der verschiedensten Art zu verschaffen.
Als ich erstmals – irgendwo in einem Korallenriff – mit meinen Gedanken auf diesen Zusammenhang stieß, war meine erste Reaktion die Frage: Wie kann die natürliche Auslese eine solche Abweichung vom gewohnten Weg bloß zulassen? Wälzt sich ein Löwe genüßlich im Gras oder vollführen Mantarochen aus reinem Vergnügen Kapriolen, dann läßt sich das als Epiphänomen ihrer Triebausstattung erklären. Doch wenn das Zentrum eines erfolgreichen Hyperzellers Millionenbeträge, die ein enormes Energievolumen darstellen, zum Kauf einer Luxusvilla, einer Rennjacht oder eines kostbaren Schmuckstücks aufwendet, dann ist das doch für den Selektionswert dieses Individuums ein eindeutiger Verlust! Damals beruhigte ich mich mit dem Argument: Wenn der Hyperzeller darüber nicht zugrunde geht, »bemerkt« es die natürliche Auslese überhaupt nicht. Immerhin erschien mir der Mensch nun plötzlich als eine Art von Parasit, der die eigenen lustspendenden Mechanismen ausbeutet. Erst viel später sollte mir klarwerden, daß auch dieses Phänomen den Rahmen der Evolution keineswegs sprengt, sondern vielmehr ihren Fortschritt machtvoll unterstützt. Doch betrachten wir erst einige Beispiele für die praktischen Auswirkungen dieser Umpolung.
Wie der uns angeborene Nahrungstrieb sich als Lustspender auswirkte, ist allgemein bekannt. Durch Kochen, Braten, Würzen und raffinierte Zubereitung werden Teile von Pflanzen und Tieren für den Gaumen schmackhafter gemacht. Dies wurde zur Erwerbsbasis nicht nur der als Köche und Restaurationsbetriebe bezeichneten Hyperzeller, sondern auch all jener, die Kücheneinrichtungen, Eiskästen und sonstige Hilfsmittel zur Erzeugung gastronomi-
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scher Produkte herstellen. Sowohl Tiere als auch der Mensch sprechen besonders auf süße Nahrung an, weil Zucker leicht erschließbare Energie liefert. Die entsprechend starken Lustgefühle, die zuckerhaltige Speisen vermitteln, führten einerseits zum Entstehen der überall beliebten Konditoreien und andererseits zum Bedarf an Praktiken und Mitteln zur Gewichtsabnahme, auf die wieder ganz andere Hyperzeller und Industrien spezialisiert sind. Der Bedarf an dem so lebenswichtigen Wasser führte zu einer riesigen Industrie, die schmackhafte Getränke herstellt, zu zahlreichen Unternehmen, die Flaschen als Behälter dafür liefern, und zu Betrieben, die Transport, Vertrieb und Verkauf an die Durstigen bewerkstelligen. Nicht minder umfangreiche Industrien bieten dem Menschen alkoholische Getränke an, die dessen Stimmung verbessern und deshalb besonders geschätzt sind. Die vom Menschen benötigte Atemluft wird dazu verwendet, nikotinhaltige, stimulierende Gifte dem Körper zuzuführen; in vielen Ländern hat der Staat ein Monopol auf den Vertrieb von Tabak, was zwar der Staatskasse zugute kommt, die Gesundheit der Bürger indes nicht eben fördert.
Und was läßt sich der Mensch die Behebung von Angstgefühlen kosten! Bei den Tieren steht der ihnen angeborene Trieb nach Sicherheit jenem nach Nahrung in seiner praktischen Bedeutung kaum nach. Denn Energie- und Stofferwerb nutzen wenig, wenn der Erwerbende einige Augenblicke später selbst zur Energie- und Stoffquelle eines anderen Lebewesens wird. Bei den Hyperzellern ist es so, daß sie sich weniger durch Flucht und Verstecken als durch Waffen, Mauern und verschließbare Türen schützen. Ein Heer von Gewerbetreibenden und Unternehmen lebt davon, diese Schutzorgane zu erzeugen. Vor allem aber schützt die Bürger das kostspielige Gemein-
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schaftsorgan Staat, das von ihnen durch Steuern unterhalten wird. Weitere Hilfsmittel des Schutzes, die beträchtliche Lustgefühle der Sicherheit vermitteln und Angstgefühle vermindern, sind die heute über die ganze Welt verbreiteten, florierenden Versicherungsanstalten, die vor Verlust schützen, indem sie Schäden ersetzen, und die Pensionskassen, welche die Angst vor Armut im Alter beseitigen.
Die vom Sexualtrieb bedingten Auswirkungen auf das Leben des Menschen und die Kosten, die er direkt oder indirekt verursacht, sind geradezu unabsehbar. Bei den Tieren ist dieser Trieb auf eine relativ kurze Brunstzeit beschränkt, nicht zuletzt wohl auch deshalb, weil die durch ihn abgelenkten Partner leicht Raubfeinden zum Opfer fallen. Daß der erwachsene Mensch das ganze Jahr hindurch und bis ins Alter den Einflüssen dieses Triebs unterworfen bleibt, erklärt man so, daß beim Urmenschen ein starker Selektionsdruck vorhanden war, den Mann an die Frau und die Kinder, die seiner Fürsorge und seines Schutzes bedurften, zu binden. Der Sexualtrieb wurde demnach in zusätzlicher Funktion zu einem Bindemechanismus, indem er den Mann an die Partnerin, mit der er diese Lustgefühle teilte, band. Heute freilich bewirkt dieser Trieb längst nicht mehr in erster Linie die festere Bindung der Ehepartner, sondern führt im Gegenteil nicht selten dazu, daß an sich gute Ehen wegen Verletzung der Bindung geschieden werden. Auf jeden Fall kommt er durch seine positiven und negativen Begleiterscheinungen den nach Glücksgefühlen suchenden Menschen teuer zu stehen. Dazu trägt nicht zuletzt das Imponierverhalten bei, das in engem Zusammenhang mit der Partnerfindung steht.
Schließlich der Brutpflegetrieb, den wir ebenfalls ganz offensichtlich mit den höheren Wirbeltieren (Säugetieren und Vögeln) gemein haben: wie viele
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Berufsanstrengungen dienen dem Ziel, den Fortsetzern des eigenen Ichs, den Kindern, Freude und eine erfolgreiche Zukunft zu bescheren! In der Wohlstandsgesellschaft freilich zeigt auch diese uns angeborene Motivation schon häufig ein Zuviel an Aufwand – ein Thema, auf das wir später noch zu sprechen kommen.
Wer heute daran zweifelt, daß angeborene Verhaltensweisen uns mit den uns am nächsten verwandten Tieren verbinden, sollte durch die offensichtliche Übereinstimmung dieser unser Leben so deutlich beeinflussenden Mechanismen und ihrer Lust-Unlust-Steuerungen eines Besseren belehrt werden. Für den Menschen wurden die fraglos erbbedingten Triebmechanismen jedenfalls ein wesentlicher Zielpunkt seiner Ausrichtung, seiner Kultur. Wenn Schopenhauer den Intellekt als »den Diener der Begierden« bezeichnete, dann klingt das abfällig; wenn wir aber sagen, daß beim Menschen der Intellekt auch sehr wesentlich zum Diener der Suche nach Glücksgefühlen und Freude wurde, dann ist an dieser Aussage wohl kaum etwas auszusetzen. So kurios und kostspielig aus evolutionärer Sicht die Umpolung sein mag: Sie lenkt ohne Zweifel sehr weitgehend unser Streben und stellt gleichzeitig eine beträchtliche Hypothek für die Hyperzeller dar.
Hier zeigt sich bereits ein deutlicher Unterschied zwischen der gewohnten Einschätzung unserer Lage und jener, die sich aus evolutionärer Sicht ergibt. Die Entwicklung der Hyperzeller und der Erwerbsorganisationen stellt eine eindeutige Fortsetzung jener der Einzeller und der Vielzeller dar: Hier wie dort ist zwangsläufig der Energiegewinn eine überaus wichtige, wenn nicht sogar die wichtigste Funktion. Hier wie dort verwandeln entsprechend strukturierte Organe Rohenergie in lebensnotwendige Leistungen. Hier wie dort erklären sich die Gestalt und das Verhal-
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ten der Lebenskörper aus Grundleistungen, die erfüllt werden müssen. Hier wie dort lenkt die natürliche Auslese des jeweils Bestgeeigneten den Weg der Artenbildung, wobei es sich sehr wohl versteht, daß bei Lebenskörpern, deren Teile nicht fest miteinander verwachsen sind, die Anpassung an die Umweltbedingungen eine wesentlich größere Variabilität ermöglicht, die auch der natürlichen Auslese gegenüber ein erheblicher Vorteil ist. Diese Übereinstimmungen, denen ich bereits andere hinzufügte, könnten durch sehr viele weitere ergänzt werden.
Während hier somit eine klare Entwicklungslinie vorliegt, stellt das Ausufern des »Privatlebens« des zum Organ werdenden Menschen eine deutliche Abweichung vom vorangehenden Evolutionsverlauf dar. Wie ich noch zeigen werde, ist dieser »Abweg« im Grunde gar keiner, sondern vielmehr ein Weg, welcher der Evolution machtvoll dient. Hier sei zunächst nur hervorgehoben, wie radikal unsere Einschätzung von unserem eigenen Leben sich von unserer tatsächlichen Stellung im Evolutionsgeschehen abhebt. Denn für die meisten Menschen ist das Privatleben die Hauptsache, die Berufstätigkeit lediglich ein Mittel zum Zweck. Die nicht mit dem Zellkörper verwachsenen zusätzlichen Organe führen jedoch dazu, daß der Mensch selbst nicht an sie gebunden ist und sich von ihnen entfernen kann. So wurde aus seiner Sicht sein Heim zum selbstverständlichen Zentrum seines Lebens; von hier aus geht er zu seinem Arbeitsplatz. Aus der Sicht der Evolution dagegen ist er ein integraler Bestandteil größerer Lebenskörper, die er allerdings, da er mit diesen nicht fest verbunden ist, auch zu verlassen vermag. Um es ganz klar zu formulieren: Das Organ eines Lebewesens kann für einige Zeit, manchmal sogar für immer den Leistungskörper verlassen, dem es angehört und für den es spezialisierte Leistun-
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gen erbringt. Wenn der Mensch diese Abwesenheit, dieses Privatleben als das zentrale Anliegen seines Lebens betrachtet, bedeutet das einen grundsätzlichen Unterschied zu seiner naturgegebenen Stellung als Hersteller und Lenker von Hyperzellern, die als Besonderheit innerhalb der Evolution eingestuft werden muß.
Der Neugiertrieb
In Sankt Christoph am Arlberg filmte ich unbemerkt und in starker Zeitraffung Skiläufer, die sich beim Skilift anstellten und hinaufgezogen wurden, dann die Hänge herunterfuhren, sich abermals anstellten und bald wieder den Hang herunterkamen. Als ich später die Aufnahmen betrachtete, fragte ich mich: Wie würde ein Beobachter aus dem Weltraum diesen Vorgang interpretieren? Wahrscheinlich würde er sich fragen, welches Ziel die Anstrengung verfolgte. Nahrungserwerb war es bestimmt nicht, denn Nahrung gab es nirgends auf diesen schneebedeckten Bergen. Zur Paarung versammelten sich die Eifrigen, die so viel Energie für ihre Tätigkeit aufwandten, ebenfalls nicht. Bei der Akropolis filmte ich Schwärme von Touristen, die dort hinaufpilgerten und quer durch die verfallenen Säulengänge fluteten. Auch hier würde der Gast aus dem Weltraum, der das Lebensgeschehen auf unserem Planeten studierte, eher ratlos sein. Wozu dieser Eifer, dieser Aufwand? Bei den Tieren ließ sich nach einiger Beobachtung erkennen, was ihre verschiedenen Verhaltensweisen bedeuten. Bei den Akropolisbesuchern und noch mehr bei den Skifahrern ging es offenbar darum, irgendwie erworbene Energie loszuwerden, sie ohne erkennbaren Nutzen zu verbrauchen.
Der beim Menschen besonders stark ausgeprägte
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Spiel- und Neugiertrieb leitet sich aus jenem ab, den die Jungen aller höheren Wirbeltiere zeigen. Sie kommen nicht »lebensfertig« zur Welt. Vor allem sind bei ihnen die motorischen Instinktsteuerungen rückgebildet. Über den Weg der aktiven Auseinandersetzung mit der Umwelt bauen sie selbst die für ihr weiteres Leben notwendigen Verhaltenssteuerungen im Gehirn auf. Das erfolgt über aktives Erproben, Lernen und Üben (Explorierverhalten) und ist insofern ein wichtiger evolutionärer Fortschritt, als diese Tiere im weiteren Leben nicht so maschinenhaft agieren und reagieren wie etwa die Insekten, sondern sich verändernden Umweltverhältnissen weit besser anpassen können. Voraussetzung dafür ist allerdings ein bei den Eltern sich parallel entwickelnder Brutpflegetrieb, der sicherstellt, daß die Jungen in dieser Periode der Hilflosigkeit vor Raubfeinden geschützt, ernährt, betreut und in ihren als Spiel bezeichneten Versuchen angeregt werden. Beim Menschen wird das Kind besonders früh in die Welt gesetzt, was sich unter anderem durch die Aufrichtung des Körpers, die damit verbundene Verengung des Beckens und Schwierigkeiten bei der Geburt erklärt. Dies macht eine entsprechend lange Phase der Betreuung durch die Eltern erforderlich. Während bei den Tieren der Neugiertrieb – wie wir ihn nun vereinfacht nennen wollen – mit der Geschlechtsreife erlischt, bleibt bei uns Menschen der Trieb, uns spielerisch mit Neuem auseinanderzusetzen und uns in neuen Tätigkeiten zu erproben, bis ins hohe Alter wirksam. Das ist eine weitere Besonderheit des Menschen. Gemäß meiner Theorie ergab sie sich in Anpassung an die Bildung leistungsfähigerer Lebensstrukturen, eben der Hyperzeller. Mit Homo Proteus wurde der Mensch fähig, neue Verhaltensweisen zu erlernen, gezielt zusätzliche, vom Körper getrennte Organe zu bilden und sachdienlich einzusetzen sowie
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diese Fähigkeit über den Weg der Sprache und der Schrift nicht nur an die eigenen Nachkommen, sondern ganz allgemein an andere Menschen weiterzugeben. Daß die natürliche Auslese jeden genetischen Fortschritt unterstützte, der diese bedeutsame Fähigkeit steigerte, liegt auf der Hand. Für die Lebensentfaltung ergaben sich so immense neue Möglichkeiten der Strukturbildung, der Leistungssteigerung, der Bildung neuer Arten, der Eroberung neuer Lebensnischen, also der Machtsteigerung im weitesten Sinne. Bei den Tieren bestand kein Selektionsdruck zur Verlängerung des Neugiertriebs über die Geschlechtsreife hinaus. Sie bauten nach und nach alle für ihre Lebensweise nötigen Verhaltenssteuerungen auf; weitere Exploriertendenzen können ihnen kaum dienen, sondern weit eher schaden. Beim Menschen dagegen, in seiner neuen Funktion als »Keimzelle« der Bildung grundsätzlich neuer, größerer Lebenseinheiten, der Hyperzeller, bestand ein starker Selektionsdruck dahingehend, seine mit zunehmendem Alter sich steigernden geistigen Kräfte und Erfahrungen weiterhin spielerisch und in nicht erlahmendem Interesse für die Erkundung neuer Möglichkeiten zu Verbesserungen jeglicher Art einzusetzen. So wurde aus der zunächst auf die Situation des Kindes zugeschnittenen Spiel- und Explorationstätigkeit (ganz im Sinne Darwins »in kleinen Schritten«) der den Menschen so besonders auszeichnende Forschungstrieb, der sich auch wieder mit entsprechenden Lust- und Unlustempfindungen verband und die weitere Entfaltung von Hyperzellern und Erwerbsorganisationen machtvoll vorantrieb.
Dieses angeborene Verhalten, das zu immer neuen Experimenten und zur Entstehung immer neuer Arten führte, war freilich von Anbeginn auch für das Leben eine Gefahr. Ihm stand der Sicherheitstrieb gleichsam als natürlicher Antagonist entgegen, der sich schon bei
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den Tieren in einem Mißtrauen gegenüber allem Neuen, nicht Gewohnten äußert. Beim menschlichen Kind manifestiert sich das deutlich in Fremdenfurcht und Vorsicht. Auch Gemeinschaftsgewohnheiten wie Sitte und Gepflogenheit dämpfen den anhaltenden Neugiertrieb erheblich. So kam es wohl auch, daß im Lauf der Geschichte immer nur wenige, bei denen dieser Trieb besonders stark ausgebildet war (hypertrophierte), durch neue Ideen und Erfindungen den Gang der Dinge zu verändern suchten.
Dagegen entspricht es ganz meiner bisherigen Aussage, daß auch dieser Trieb aufgrund der Lustgefühle, die er vermittelt, in das Kulturkonzept eingebaut, also ebenfalls im Sinne einer Umpolung zur Steigerung der positiven Innenerlebnisse eingesetzt wurde. Das erklärt den Eifer der von mir in Sankt Christoph gefilmten Skiläufer – und gilt für so gut wie alle Sportarten, die der Mensch ersonnen hat und zu denen, vor allem in der Wohlstandsgesellschaft, immer wieder neue hinzukommen. Man kann einwenden, daß hier auch Vernunftgründe maßgebend sind, etwa die Verbesserung der Gesundheit durch körperliche Ertüchtigung oder geschäftliche Interessen, aber der eigentliche Drang, der diesen mannigfachen und zum Teil kostspieligen Tätigkeiten zugrunde liegt, ist wohl eindeutig der Trieb, sich in Neuem zu erproben, zu neuen körperlichen Fähigkeiten zu gelangen.
Am Strand von Nizza filmte ich – stets unbemerkt und in künstlich verändertem Zeitablauf – bei meterhoher Brandung eine ältere Frau, die sich die Schuhe ausgezogen hatte und bis über die Knöchel im Wasser stand. In meinem damals veröffentlichten Bericht schrieb ich: »In der verschnellten Aufnahme kam heraus, wie sie sich – offensichtlich aus reinem Mutwillen – immer wieder ein Stück weiter gegen die Brecher vorwagte. Schließlich kamen einige besonders
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hohe Wellen und erfaßten sie beinahe, wobei ihr lang hinunterreichendes Kleid bis zur Hüfte naß wurde.«
Der an der vergleichenden Verhaltensforschung stark interessierte Philosoph und Soziologe Arnold Gehlen bezeichnete den Menschen als »das riskierte Wesen, das Wesen mit einer konstitutionellen Chance zu verunglücken«. Wie sehr dies richtig ist, zeigt sich nicht nur in Kriegen, wie sie überall in der Welt Verbände, Stämme, Fürstentümer und Länder untereinander ausgefochten haben (wobei es fast immer um materielle Interessen ging), sondern auch im Sport, wo gesteigerte Lebensempfindungen das triebhafte Motiv sind, etwa schroffe Felsgrate zu bezwingen, in unbekannte Meerestiefen hinabzutauchen oder sich mit dem Paragleiter mit Luftströmungen und Aufwinden auseinanderzusetzen; bei all diesen Aktivitäten können schon geringe Fehler den Tod zur Folge haben.
Bereits Tiere zeigen, wie verschiedene Triebe einander nicht selten beeinflussen, miteinander in Konflikt kommen oder sich ergänzen. Ganz in diesem Sinne tritt auch der menschliche Neugiertrieb mit fast allen übrigen motivierenden Mechanismen verknüpft in Erscheinung. Den Sexualtrieb beeinflußt er, wenn nach neuen Partnern gesucht wird, den Nahrungstrieb, wenn chinesische, japanische, thailändische Kost erprobt wird. Das Spiel mit den Erregungen, die Angst und Überraschungen vermitteln, wird ausgekostet, indem man sich in einem Lunapark einem Karussell, einer Geisterbahn, einem Spiegelkabinett anvertraut. Bei einem orientalischen Festmahl werden Speisefolgen, Musik, Tanz, Spiele und sonstige unterhaltende Überraschungen in virtuoser Weise miteinander kombiniert.
Eine andere Kombination, bei welcher der Neugiertrieb zu positiven Innenerlebnissen verhilft, zeigte mir
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eine Aufnahme, die ich – vor nunmehr dreißig Jahren – ebenfalls am Strand von Nizza filmte. Diesmal stellte ich die automatisch laufende Kamera auf einen jungen Mann ein, der mitten unter den Badenden sitzend Zeitung las. Auch hier vermittelte die stark verschnellte Aufnahme neue Aspekte, die ich folgendermaßen beschrieb: »Er durchpflügte die Zeitung, griff dann nach einer zweiten, durchpflügte diese, griff nach einer dritten, und als er diese beendet hatte, griff er wieder nach der ersten.« Wenn Menschen Zeitungen und Bücher lesen, ist ihnen oft nicht bewußt, daß sie sich mit Dingen befassen, die für sie von geringer Bedeutung sind. Auch Gespräche, die ich in aller Welt filmte, hinterließen bei mir diesen Eindruck. Sehr oft geht es längst nicht mehr darum, wichtige Informationen auszutauschen, sondern nur um den bloßen Kontakt, um ein als angenehm empfundenes Plaudern. Interessante Neuigkeiten zu erfahren bereitet dem Menschen sichtliches Vergnügen. Das ist auch ein wesentlicher Grund dafür, warum Theater, Kinos und der Fernsehschirm so viele anlockt: Der Neugiertrieb weckt den Wunsch nach Abwechslung. Zumindest in der Phantasie will der Mensch den engen Bereichen des täglichen Lebens entfliehen. Unsere Sinne dürsten nach neuen Eindrücken. Ein Drang, eine Gier nach Neuem motiviert die Ausrichtung unseres Willens – eben »Neugier«.
Bei den Touristen, die ich so vor der Akropolis filmte, waren zweifellos konkrete Interessen im Spiel. Aber auch diese werden vom Neugiertrieb, der den Menschen lebenslang beeinflußt, gleichsam angeheizt. Aus der Sicht der Evolution handelt es sich bei allen Ausrichtungen auf positive Empfindungen, die Triebe vermitteln, um eine erstaunliche Verschwendung, ja einen Abweg sondergleichen. Die große Verbreitung dieses Verhaltens läßt auch an der natür-
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lichen Auslese zweifeln. Denkt man jedoch genauer nach, dann zeigt sich, daß das Gegenteil der Fall ist. Denn warum arbeitet der Mensch, warum produziert er Güter oder erbringt Dienstleistungen für andere? Ganz offensichtlich deshalb, um Geld zu verdienen. Und wozu braucht er Geld? Zunächst wohl, um die eigene Existenz zu sichern und, wenn er eine Familie gründet, diese zu ernähren. Dazu ist auch notwendig, daß er seinen Leistungskörper mit allen zusätzlichen Organen, also auch Hyperzeller, die er aufgebaut hat und die ihm Energie einbringen, entsprechend pflegt, instand hält, überwacht und nach Möglichkeit verbessert und vergrößert. Doch wenn dies erreicht ist, wenn das Leben und die unmittelbaren Verbindlichkeiten gesichert sind, dann ist es höchst natürlich, daß er Überschüsse dazu verwendet, sich das zu leisten, was seine Annehmlichkeit, sein Wohlbefinden steigert, was ihm Befriedigung, Lust, Glück oder wie wir es nennen wollen vermittelt. Das aber bedeutet, daß die dem Menschen angeborenen Triebe, die solche erstrebten positiven Erlebnisse vermitteln können, in der dritten Phase der Lebensentfaltung zum stärksten Motor werden, der die Bildung von Hyperzellern und Erwerbsorganisationen vorantreibt. Denn je erfolgreicher diese sind, je mehr Gewinn sie abwerfen, um so mehr können jene, denen die Überschüsse zugute kommen, sich an Freuden, Genüssen und als positiv empfundenen Innenerlebnissen leisten.
Der Mensch war also sehr wohl von Anbeginn darauf ausgerichtet, die ihm angeborenen Triebe derart zu manipulieren, daß seine Lustgefühle gesteigert und seine Unlustgefühle vermindert wurden. Doch ein Nachteil für die Entwicklung und die Entfaltung des Lebens war das keineswegs. Denn nichts motiviert den Menschen mehr dazu, seinen Geist und alle seine Talente zur Bildung und zum Betrieb von Hy-
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perzellern und Erwerbsorganisationen einzusetzen, als das Ziel, zu mehr Geld und so zu höherem Wohlbefinden zu gelangen. In diesem Sinne ist es auch zu verstehen, daß die natürliche Auslese in der dritten Evolutionsphase nicht durch das, was kurzfristig geschieht, beeinflußt wird, sondern durch das, was sich längerfristig daraus ergibt. Auch hier kommt es auf das Ergebnis an, nicht auf den Weg – oder Umweg –, über den es zustande kommt.
Instinkt und Intellekt
Zwei weitere Triebe, deren Mechanismen der Mensch ausbeutet, seien kurz erwähnt: der Gemeinschaftstrieb und der Imponiertrieb. Den erstgenannten Trieb teilt der Mensch mit allen in Rudeln oder größeren Verbänden lebenden Tieren. Er führt zum Leben in Gemeinschaften, die als Einheit agieren und in denen es dann, als weiterer evolutionärer Schritt, zu einer Arbeitsteilung kommen kann. Dieser Trieb spornt Angehörige von Verbänden dazu an, bei der Nahrungssuche und der Feindverteidigung gemeinsam zu agieren. Im Sinne des Strebens nach positiven Innenerlebnissen führte dieses angeborene Verhalten zu allem, was wir als die Freuden der Geselligkeit bezeichnen, zu gezielten gemeinsamen Mahlzeiten (was den Tieren gegenüber eine Ausnahme bedeutet), zur Freude an Festen und Spielen, an denen mehrere teilnehmen. Der zweitgenannte Trieb, der Imponiertrieb, äußert sich in der Bemühung, Verbandsgenossen zu beeindrucken; genaugenommen ist er kein klar umgrenzter Trieb wie die anderen, sondern eine angeborene Verhaltenstendenz, die in verschiedenen Trieben eine Rolle spielt. Wie es neben den Grundleistungen Hilfsleistungen gibt, die werkzeughaft bei verschiedenen
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Leistungen mitwirken – etwa Fortbewegung und Sinneswahrnehmung –, so gibt es auch bei den motivierenden Mechanismen einen hierarchischen Aufbau. Das Imponierverhalten äußert sich in diesem Sinne bei der Balz, bei der Abwehr von Feinden im künstlichen Sich-größer-Machen und im Vortäuschen von Kraft und Mächtigkeit, desgleichen beim Gemeinschaftstrieb, wenn es darum geht, eine Führerposition zu erobern und sie gegen Rivalen zu verteidigen. Beim Menschen wirkt sich dieses Verhalten ferner darin aus, höhere gesellschaftliche Rangstufen anzustreben, um von den anderen beachtet, respektiert und bewundert zu werden, in möglichst prächtigen Bauten zu wohnen, möglichst teure Kleider zu tragen, die Gattin mit möglichst kostbarem Schmuck auszustatten – um einige Beispiele zu nennen. Für Herrscher wurde das Imponierverhalten außerdem zu einem Werkzeug, die Untergebenen einzuschüchtern und die eigene Position sowie jene der Familie und des Clans zu festigen. Die Künste, die durch besonders ansprechende Werke beeindrucken, wurden durch diese Triebkraft nachhaltig gefördert. Für die Wirtschaft erwuchs daraus ein überaus ergiebiger und verläßlicher Markt, der Luxusgüter produziert, die in erster Linie den Zweck haben, andere zu beeindrucken, und deshalb mit besonders hohen Gewinnspannen arbeiten können. Im abschließenden Kapitel werden wir sehen, wie wichtig es ist, die Basis gerade dieser Triebtendenzen aus der Sicht ihrer biologischen Grundlage richtig zu erkennen und einzuschätzen.
Von Interesse ist auch die Tatsache, daß nicht nur die angeborenen Triebe Lust- und Unlustgefühle vermitteln, sondern ebenso die erworbenen Triebe. Wir nennen sie Gewohnheiten; sie leiten vom Instinktverhalten zu jenem Verhalten über, das durch Erziehung
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und Intelligenzakte zustande kommt. Schon beim Hund sehen wir, wie er sich an einen bestimmten Liegeplatz oder an die Tageseinteilung seines Besitzers gewöhnt und Unlust zu erkennen gibt, wenn sich etwas am gewohnten Ablauf der Dinge ändert. Wenn ein Berufstätiger sich etwa angewöhnt hat, auf dem Heimweg von der Arbeitsstätte in einer bestimmten Kneipe einzukehren und dort ein Glas Bier oder einen Schnaps zu trinken – am besten mit Freunden –, dann weckt dies bei ihm, sofern er aufgrund besonderer Umstände auf den Besuch verzichten muß, deutliche Unlustgefühle. Betritt er dagegen das Lokal, werden ihm positive Empfindungen zuteil. Bei allen Arten von Suchtverhalten wird diese Bildung erworbener Steuerungen zum Diktat. Gemeinschaftsgewohnheiten nennen wir Sitten und Brauchtum – und jeder weiß, wie sehr sie den Jahresablauf bestimmen. Die Mode wurde zum wirtschaftlichen Werkzeug, in immer schnellerer Folge neue Anreize zur kurzfristigen Gewohnheit zu machen. Und die Werbung wurde zum wirkungsvollsten Werkzeug dieses Werkzeugs.
Besonders zwingende und hartnäckige Lebensvorschriften lieferten die Religionen. Aus evolutionärer Sicht ist bei ihnen der Umstand, welche metaphysischen Lehren sie vertreten, von geringerem Interesse als die Tatsache, daß sie offenbar schon sehr bald, nachdem beim Menschen das logische Denken einsetzte, in Erscheinung traten – und zwar in aller Welt. Dies deutet darauf hin, daß sie ein wichtiges Bedürfnis beim Menschen erfüllen. Nach meiner Ansicht sind sie eine Folgeerscheinung unserer Fähigkeit, Ursachen und Wirkungen im Geist zu verknüpfen, die räumlich und zeitlich weit voneinander getrennt sind. Sie mußte früher oder später bei manchen zu der geradezu quälenden Frage führen: Welches ist die Ursache, deren Auswirkung ich selbst bin? Jede Antwort auf diese
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Frage, so unwahrscheinlich sie sein mochte, war hier besser
als keine. Und war erst einmal eine solche in die Welt gesetzt, dann erwies
sie sich als sehr beharrlich, weil sie sich kaum widerlegen ließ.
Sie hatte den großen Vorteil, die Angst, die sich mit Nichtwissen
verbindet, abzubauen; Einzelheiten konnten von der menschlichen Phantasie
gehörig ausgeschmückt werden. Eine Priesterschaft, welche diese
Antwort und die auf ihr beruhenden Riten lehrte, konnte zu beträchtlichen
Machtpositionen gelangen. Die Moral innerhalb der Gemeinschaften konnte
so noch weit wirksamer gesichert werden als durch Sitte und Gesetzgebung,
denn ein unsichtbarer, alles überblickender Richter ist gefährlicher
als ein solcher, der nicht überall präsent sein kann. Dazu kommt
das Phänomen des Todes, mit dem der Mensch als erstes ichbewußtes
Wesen konfrontiert war, und die stille Hoffnung, in einer anderen, metaphysischen
Welt von Göttern und Dämonen auch nach dem Tod eine Rolle zu
spielen. Somit erwiesen sich die Religionen im Rahmen der Gemeinschaftsbildungen
als äußerst wertvoll, waren Ansporn für gemeinnützige
Ideale und machtvolle Wegweiser für Gut und Böse. Andererseits
mußten solche geistigen Fixierungen auch zur Gegnerschaft mit anderen
führen, zu besonders fanatischen Auseinandersetzungen und starrer
Unduldsamkeit. Wenngleich durch den wissenschaftlichen Fortschritt die
Macht der Religionen in den Hintergrund gedrängt wurde, blieb doch
die Frage »Warum bin ich?« bis heute aktuell und beschäftigt
das Unterbewußtsein der Keimzelle Mensch beträchtlich. Da wir
nun unversehens gegen die Grenzen möglichen Wachstums stoßen
und wohl oder übel grundsätzliche Neubewertungen werden treffen
müssen, gelangen die Religionen wieder zu größerer Bedeutung.
Darauf kommen wir im nächsten, abschließenden Kapitel zurück.
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