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Baumaterial und Organbildung



Wenn es dem Menschen so ungemein schwer fällt, zusätzlich gebildete Organe als zum eigenen Körper gehörig anzuerkennen, liegt das nicht nur daran, daß diese Einheiten deutlich von uns getrennt sind. Zwei weitere maßgebende Gründe dafür sind einerseits das weitgehend andere Baumaterial und andererseits die meistens ganz andere Art ihres Zustandekommens. Alle Organe des menschlichen Körpers – wie jene der übrigen Lebewesen – bestehen aus verschieden differenzierten Zellen oder, wie etwa unsere Fingernägel, aus Zellabscheidungen. Werkzeuge und Maschinen bestehen dagegen weitgehend aus Metall, Bauwerke oft aus natürlichem Gestein oder aus Beton. Und die meisten zusätzlichen Organe der Hyperzeller sind nicht von diesen selbst hergestellt, sondern werden von anderen durch Kauf erworben. Somit stellt sich die Frage, ob nicht vielleicht diese Unterschiede doch zu einer grundsätzlichen Abtrennung der zusätzlichen Organe von den aus Zellen gebildeten berechtigen. Auch hier ist es sinnvoll, bei möglichst verschiedenen Lebewesen nachzusehen, aus welchen Baustoffen deren Organe bestehen und wie sie zustande kommen.

Schon einige Einzeller verwenden zur Organbildung sowohl selbstgebildete Bauteile wie auch Umweltmaterial. Ein instruktives Beispiel dafür sind die nahe verwandten Arten Amoeba euglypha und Amoeba difflugia. Beide leben auf feuchten Böden, oft sogar im gleichen Gebiet, etwa im Sphagnummoos von Mooren. Im Gegensatz zu den meisten Amöben,

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die ihre aus organischen Partikeln bestehende Nahrung gleichsam umfließen und so in das Körperinnere aufnehmen, gehören Euglypha und Difflugia zur Gruppe der Thekamöben, die einen urnenförmigen Panzer bilden, in den sie sich bei Gefahr vollständig zurückziehen. Um sich fortzubewegen, strecken sie aus der Urnenöffnung ihre fadenförmigen Scheinfüßchen (Filopodien) hervor, kriechen mit diesen über den Boden und ergreifen mit ihnen auch Nahrungsteilchen, die sie in die Urne zurückziehen und so in das Körperinnere befördern. Verschieden ist bei beiden Arten allerdings die Bildung ihres Panzers. Euglypha bildet aus Stoffwechselprodukten ihrer Nahrung Kieselsäureplättchen und verlagert diese in die Außenschicht, wo sie mit einer klebrigen Ausscheidung, Pseudochitin genannt, aneinander festgekittet werden. So entsteht die feste, aus ziemlich gleich großen Plättchen aufgebaute Urnenwand. Difflugia dagegen nimmt mit der Nahrung Sandkörnchen passender Größe in ihren Körper auf, die sie ebenfalls zur Außenschicht verlagert und dort mit Pseudochitin zur festen Urnenwand verkittet. Wie Abb. 2A zeigt, sind diese so verschieden gebildeten Schutzpanzer einander sehr ähnlich. Sie unterscheiden sich wohl kaum in ihrer Festigkeit, nur bestehen sie eben bei Euglypha aus selbstgebildeten Plättchen, bei Difflugia hingegen aus bereits in der Umwelt fertig vorhandenem Material von ungefähr ähnlicher Größe. Es stellt sich somit die Frage: Kann der Schutzpanzer von Difflugia etwa deshalb nicht als Organ dieses Tieres bezeichnet werden, weil er nicht aus selbstgebildeten Einheiten besteht?

Wenden wir uns als nächstes einigen vielzelligen Lebewesen zu: den in Bächen häufig anzutreffenden Larven von Köcherfliegen. Eine solche Art dieser Gruppe lernten wir bereits kennen: jene, die aus Fäden trichterförmige Fangvorrichtungen bildet (S. 45).

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Abb. 2: Zwei Beispiele dafür, wie verschiedenartig zusätzliche Organe beschaffen sein können. A zeigt zwei Amöbenarten, die Schutzgehäuse herstellen, in die sie sich bei Gefahr zurückziehen. Amoeba euglypha (a) baut ihres aus Kieselsäureplättchen auf, die sie im Körper bildet, dann zur Außenschicht verlagert und dort mit einer körpereigenen klebrigen Abscheidung fest verbindet. Amoeba difflugia (b) fertigt einen ganz ähnlichen Panzer, indem sie mit ihren Scheinfüßchen zusammen mit der Nahrung Sandkörnchen passender Größe in sich aufnimmt, diese ebenfalls zur Außenschicht verlagert und mit körpereigenem Klebstoff fest verbindet. Daß die Panzer ihren Dienst da wie dort gleichermaßen gut verrichten, wird dadurch bewiesen, daß beide Arten oft im selben Biotop leben. Hier läßt sich bereits an Einzellern erkennen, daß es unwesentlich ist, ob Organe aus selbsthergestellten Bausteinen oder aus Umweltmaterial bestehen.

B: Einsiedlerkrebse verwenden leere Schneckenhäuser als Schutzorgan für den rückwärtigen Abschnitt ihres Körpers. Darüber hinaus verpflanzen manche Arten auch Seeanemonen, die ihnen zusätzlichen Schutz gegen Seesterne bieten, auf ihr Schneckenhaus. Das zum Schutzorgan gemachte Schneckenhaus wurde von einem anderen Tier hervorgebracht; die zu Schutzorganen gemachten Seeanemonen sind fremde Lebewesen. Beide Beispiele belegen, daß es bei Organen nicht auf das Material und die Entstehungsweise, sondern auf die Erfüllung benötigter Funktionen ankommt.

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Die meisten Köcherfliegenlarven verwenden jedoch die von ihnen produzierten Seidenfäden zur Herstellung von Schutzröhren, in die sie sich bei Gefahr ebenso zurückziehen wie die genannten beiden Amöbenarten in die von ihnen gebildeten Urnen. Zur Festigung der aus einem Gespinst von Seidenfäden bestehenden zarten, aber widerstandsfähigen Röhre, die sie mit sich herumtragen, verstärken sie diese Bekleidung durch Sandkörnchen, Steine, Pflanzenreste, winzige Schneckengehäuse, kleine Äste und sonstiges Umweltmaterial, das sie ebenfalls mit den Fäden an der Röhre befestigen. Sammler solcher Gehäuse können häufig am verwendeten Material und an dessen Anordnung die Artzugehörigkeit erkennen. Die Larven zeigen also bei ihrer Bautätigkeit angeborene Präferenzen. Manche Arten, die Pflanzenstiele verwenden, beißen diese so zurecht, daß sie eine bestimmte Länge haben; die Stiele liegen so der Seidenröhre besser an, bilden eine besser gefügte Schutzhülle. Auch hier stellt sich die Frage: Sind diese dem Körper dicht anliegenden, jedoch nicht mit diesem verwachsenen Panzer nun Organe des Tieres oder nicht? Bei den Schnecken, die durch Kalkabscheidung Schutzgehäuse bilden, in die sie sich ebenso zurückziehen, hat bisher kein Biologe daran gezweifelt, daß die Gehäuse Bestandteile des Schneckenkörpers, ja sogar sehr wichtige Organe des Tieres sind. Doch die Röhren der Köcherfliegenlarven werden ja weitgehend durch Anlagerung von Umweltmaterial gebildet! In entfernter Ähnlichkeit erinnern sie bereits an die vom Menschen aus Umweltmaterial gebildeten Kleider . . .

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Die Zelle als Baumaterial

An diesem Punkt ist es sinnvoll, wenn wir uns mit den Vorzügen und den Mängeln beschäftigen, die den Zellen anhaften, wenn sie beim Übergang von den Einzellern zu den Vielzellern ihre individuelle Freiheit als Lebewesen aufgeben und zum Baustein noch größerer Lebenseinheiten werden. Dabei ist im Auge zu behalten, daß die Zelle zu dem Zeitpunkt, da sie in diese neue Rolle eintrat, bereits eine mehr als zwei Milliarden Jahre lange Entwicklung hinter sich hatte und zu außerordentlicher Effizienz und Differenzierung gelangt war.

Mit einer einzigen Ausnahme, auf die wir noch zurückkommen werden, dürfte es kein Baumaterial geben, das so viele Vorzüge bietet und so viele verschiedene Aufgaben zu erfüllen vermag wie eben die Zelle. Es genügt, daran zu denken, daß im vielzelligen Körper die faktisch gleiche Einheit ebenso Muskeln wie Knochen bildet, ebenso Nerven wie Nieren, Sinnesorgane wie rote Blutkörperchen. In Gestalt der weißen Blutkörperchen bewahrt sie noch weitgehend ihre Selbständigkeit, durchstreift den Körper, beseitigt Abfälle, ja begeht, wenn sie sich mit Giftstoffen oder eingedrungenen Krankheitserregern belädt und als Eiter den Körper verläßt, im Dienst der größeren Gemeinschaft »Selbstmord«. Außerdem übernimmt die Zelle als Baumaterial weitgehend die Funktion ihrer Selbstinstandhaltung, bei Schäden sogar die Selbstreparatur. Wenn die Umstände es erfordern, vermögen sich Zellen oftmals auch umzudifferenzieren, was beispielsweise der Fall ist, wenn Muskelzellen sich in Knochenzellen verwandeln oder Bindegewebszellen in Zellen, die Blutgefäße bilden. Wenn einem Schwanzlurch (Molch) eine Gliedmaße abgetrennt wird, kann er diese vollständig regenerieren. Selbst

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wenn der gesamte Knochen entfernt ist, entsteht aus den verbleibenden Geweben über Umdifferenzierung neues Knochengewebe. Über welche Mechanismen die Zellen sich in so verschiedene Strukturen verwandeln, sich auf so viele verschiedene Leistungen auszurichten vermögen, ist heute schon weitgehend erforscht und soll uns hier nicht beschäftigen. Wesentlich ist zunächst nur die Feststellung, daß die Zelle als Baumaterial größerer Lebenseinheiten wahre Wunder an Vielseitigkeit erbringt und kaum hoch genug eingeschätzt werden kann.

Diesen eminenten Vorzügen stehen allerdings auch sehr erhebliche Nachteile gegenüber, denen man im Blick auf das Lebenswunder weit weniger Augenmerk gewidmet hat. Als erstes ist hervorzuheben, daß jeder Zelle, also jedem Bauteil, die notwendige Menge an Energie und Stoffen zugeführt werden muß, wodurch der aufwendige Blutkreislauf notwendig wird: Eine Unzahl sich verästelnder Rohrleitungen samt einer oder mehreren Pumpen, um diesen Kreislauf in Bewegung zu setzen, sind erforderlich. Wird ein Mensch von einer Revolverkugel ins Herz getroffen, stirbt er fast augenblicklich, weil dieses Baumaterial seine Dienste nicht länger erfüllen kann. Auch alle sich bei der Zelltätigkeit bildenden Stoffwechselschlac ken und sonstige Abfälle müssen aus den Zellen beseitigt werden, weil sie deren Fähigkeiten vermindern. Beim menschlichen Körper – wie bei dem aller höheren Wirbeltiere – wird auch dies weitgehend durch den Blutkreislauf bewerkstelligt, macht allerdings zusätzliche Hilfsorgane notwendig, etwa die Nieren und die Ableitungskanäle für die Schadstoffe. Schon das zeigt deutlich, daß die Baueinheit »Zelle« zwar ungemein vielseitig ist, aber auch gehörige Ansprüche stellt und entsprechende Kosten verursacht. Und es bedeutet außerdem, daß sie nicht

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Organe zu bilden vermag, die nicht vom Blutkreislauf bedient werden, und somit grundsätzlich auch nicht solche, die vom Zellkörper getrennt sind.

Organe, die ihre Leistungen nur erbringen können, wenn sie mit dem Körper nicht fest verwachsen sind – wie etwa das Spinnennetz und die meisten zusätzlichen Organe des Menschen –, sind daher über dieses Baumaterial nicht realisierbar. Das aber führt zwangsläufig zu der Frage, ob der als »Leben« bezeichnete Vorgang erklärtermaßen nur über bestimmte Baustoffe stattfinden kann, selbst wenn andere ihm zu wesentlichen Leistungssteigerungen verhelfen. Meines Erachtens ist das nicht vertretbar.

Ein weiterer, nicht minder gravierender Nachteil des so effizienten Baumaterials »Zelle« ergibt sich daraus, daß diese hochdifferenzierte Einheit höhere Temperaturen nicht erträgt. Deshalb konnten sowohl die Einzeller als auch die Vielzeller keine aus Metall bestehenden Organe oder Organteile hervorbringen, deren Bearbeitung hohe Schmelztemperaturen erfordert. Durch zusätzlich gebildete, vom Körper getrennte Einheiten wie etwa eine Schmiede oder einen Hochofen wurden dagegen die Bearbeitung und die Umformung von Metallen ohne weiteres möglich. Gerade dies aber hat zur Bildung jener leistungserbringenden Einheiten geführt, die das Machtpotential der Lebensentfaltung so außerordentlich gesteigert haben. Die großen industriellen Produktionsbetriebe und Transportorgane zeigen das deutlich. Über Zelldifferenzierung hätten all diese Organe von Hyperzellern und ihren Organisationen nie zustande kommen können. Auch hier stoßen wir abermals auf die Frage, ob als »Leben« nur das bezeichnet werden soll, was sich über Zellen realisieren kann, oder ob diesem leistungsfähigen Baumaterial vielleicht doch keine so grundsätzliche Bedeutung zukommt.

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Bei Kristallen ist es in der Tat so, daß ihr Wachstum auf den Zufluß bestimmter Bausteine angewiesen ist. Sehen wir jedoch in den Lebewesen materielle Gebilde, die über bestimmte Leistungen verfügen müssen, um bestehen und sich vervielfältigen zu können, dann ist nicht einzusehen, warum sie begrifflich an bestimmte Baustoffe gefesselt sein sollten. Lassen sich über andere noch bessere Leistungen erzielen, dann werden sie von der natürlichen Auslese, die ja bloß Ergebnisse prüfen kann, sicherlich nicht gebremst.

Schon bei den beiden angeführten Amöbenarten und bei den Köcherfliegenlarven deutet sich diese Weggabelung an. Über Euglypha führt, funktionell gesehen, der Weg zu all jenen Lebewesen, die sich auf Zellen als Baumaterial beschränken. Über Difflugia führt der andere Weg zu all jenen Lebewesen, die nicht selbstgebildete Bauteile mit zur Organbildung verwenden und im weiteren Entwicklungsverlauf auch vom Körper getrennte Organe bilden oder sich aneignen. Ich könnte den Nachteilen, die der Zelle in ihrer Rolle als Baumaterial größerer Lebenseinheiten anhaften, sehr erhebliche weitere hinzufügen; auf einige kommen wir noch ausführlicher zurück. Doch sollten die beiden genannten zunächst genügen.

Der Erwerb von Organen

Bei meiner Filmtätigkeit in Korallenriffen folgte ich den zierlichen kleinen Pinzettfischen (Forciper longirostris) über lange Strecken und hielt in Zeitlupenaufnahmen fest, wie sie mit ihrem langausgezogenen röhrenförmigen Maul in den Spalten zwischen Korallenästen herumstocherten und dort versteckte kleine Schnecken, Krebse und sonstige Kleinlebewesen her-

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vorholten. Bei dieser Fischart, die auch Verwandte mit kurzem spitzem Maul hat, wurde mir deutlich vor Augen geführt, wie es im Lauf der Evolution zur Ausbildung dieses besonderen Merkmals gekommen war. Bei der Nahrungssuche hatten immer diejenigen Individuen einen Konkurrenzvorteil gehabt, die infolge der durch Mutationen und Rekombinationen erzeugten genetischen Variation ein längeres und spitzeres Maul besaßen. Sie konnten Nahrung aus Spalten hervorholen, die für ihre Artgenossen und ihre sonstigen Konkurrenten nie zugänglich waren. Dieser Selektionsvorteil, so geringfügig er erscheinen mag, führte dazu, daß in Jahrmillionen, unterstützt durch weitere Veränderungen im Erbgut, das Pinzettfischmaul sich immer mehr verlängerte. Ganz im Sinne Darwins kam es so in kleinen Schritten zu extrem angepaßten Formen, die sich kraft dieses Selektionsvorteils durchsetzten und allmählich eine neue Art hervorbrachten. Bei manchen Vogelarten verlief es ähnlich. So verhelfen dem Mauerläufer (Trichodroma muraria) und dem Schwertschnabelkolibri (Ensifera ensifera) ihre überaus langen dünnen Schnäbel dazu, Kleingetier, das sich in Felsspalten versteckt, oder Nektar aus Blütenkelchen hervorzuholen. Anderen Vogelarten ist das kaum oder überhaupt nicht möglich. Allerdings sind sie, ebenso wie der Pinzettfisch, nur dort im Vorteil, wo es solche besonderen Nahrungsnischen gibt. Würden Exemplare dieser Arten durch Wind oder Strömungen in die Wüste oder auf flachen, sandigen Meeresboden verpflanzt, könnten sie dort kaum bestehen, nicht zuletzt deshalb, weil so gestaltete Mäuler oder Schnäbel zur Abwehr von Raubfeinden schlecht geeignet sind.

Während seiner fünfjährigen Reise auf dem Forschungsschiff »Beagle« beobachtete Charles Darwin auf den Galápagosinseln einen Finken, dessen Eigenheit der große Naturforscher, obwohl er gerade an

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Abb. 3: Erschließung ähnlicher Nahrungsnischen durch drei Vogelarten.

A: Der Mauerläufer (Tichodroma muraria) holt mit seinem besonders langen, dünnen Schnabel Insekten aus Felsspalten hervor. Seine Vorfahren hatten einen kürzeren Schnabel, doch Mutanten mit längerem Schnabel gelangten an Nahrung, die für Konkurrenten unerreichbar war, setzten sich deshalb durch und bildeten so diese Art.

B: Der Buntspecht (Dendrocopos major) erwarb auf dem gleichen Entwicklungsweg einen langen, fester gebauten Schnabel, der ihm dazu verhilft, durch die Rinde morscher Bäume hindurch an die Bohrgänge von Insekten und so an deren Larven heranzukommen. Gleichfalls durch Mutationen entstand eine überlange Zunge mit klebrigem Ende, mit welcher der Vogel noch tiefer in die Bohrgänge vordringen kann.

C: Der auf den Galápagosinseln lebende Spechtfink (Cactospiza pallida) erlangte einen analogen Vorteil, indem sich bei ihm – auch über mutative Schritte – eine angeborene Verhaltenssteuerung ausbildete, Kakteenstacheln abzubrechen und damit aus Ritzen Insektenlarven hervorzuholen. Er gehört aufgrund dieses Verhaltens zu jenen Tieren, welche die Leistungsfähigkeit ihres Körpers durch zusätzliche Organe steigern, die nicht fest mit dem Körper verbunden sind und so den Vorteil haben, ablegbar zu sein. Der Spechtfink kann seinen kräftigen Schnabel im Gegensatz zu den beiden anderen Arten auch zum Aufbeißen von Kernen verwenden. Benötigt er zum Vordringen in Ritzen einen Kaktusstachel, bricht er sich einen geeigneten ab – ganz ähnlich wie der Mensch die Leistungsfähigkeit seiner Hände durch zusätzliche, jederzeit ablegbare Werkzeuge verbessert (s. S. 115ff.).

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diesen Vögeln besonderes Interesse hatte, offenbar nicht wahrnahm. Diese Art entwickelte, sicherlich über allmähliche Veränderungen im Erbgut, eine angeborene Verhaltenssteuerung, die es dem Vogel erlaubt, auch ohne morphologische Veränderung seines Schnabels an Kleingetier, das sich in Holzspalten verbirgt, heranzukommen. Hat er mit seinem Schnabel die Rinde abgelöst, bricht er längere Stacheln von Kakteen ab, behält sie im Schnabel und stochert damit Kleingetier aus seinen Verstecken hervor. Heute wird dieser Spechtfink (Cactospiza pallida) als ein Paradebeispiel für Werkzeuggebrauch im Tierreich angeführt. Die Besonderheit wird allerdings meistens nicht erwähnt. Sie besteht darin, daß das Tier, das auch ohne Kaktusstachel Futter erwerben kann, durch sein Verhalten einen zusätzlichen Vorteil gewonnen hat. Kakteen gibt es auf diesen Inseln in genügender Anzahl. Wenn der Spechtfink eine Verlängerung seines Schnabels benötigt, hat er keine Schwierigkeit, einen geeigneten Stachel zu finden. Diesen wirft er anschließend weg und sucht sich bei nächster Gelegenheit einen neuen. Vertriebe es ihn plötzlich in ein Gebiet, in dem es keine Kakteen gibt, wäre er in seiner Futtersuche nicht sonderlich benachteiligt. Auf den Vorteil, den er durch die Verwendung des Stachels gewinnt, ist er keineswegs angewiesen. Kann er diesen nicht nutzen, dann gelangt er auch mit dem nichtverlängerten Schnabel an Nahrung, so daß er nicht zugrunde gehen muß.

Der Urmensch, der einen passenden Stein als Wurfgeschoß bei der Jagd verwendete, wird in Gegenden, wo es genügend Steine gab, dieses zusätzliche Organ, das ihm zu besserem Jagderfolg verhalf, anschließend kaum weiter mit sich herumgetragen haben. Später, als er besonders zugerichtete Faustkeile als Universalinstrumente zum Graben, zum Abschla-

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gen von Zweigen und zum Herstellen von Jagdspeeren verwendete, bewahrte er sie wohl auf und verteidigte sie auch sicherlich gegen Diebstahl. Der große Vorteil zusätzlicher Organe zeigte sich hier wie beim Spechtfinken. Auch der Urmensch war auf den Vorteil, den ihm der Faustkeil und andere zusätzliche Organe brachten, nicht unbedingt angewiesen. Das Material spielte beim Wurfstein und beim Kaktusstachel noch keine besondere Rolle, weil es im einen wie im anderen Fall allenthalben verfügbar war. Im Blick auf die natürliche Auslese sind beide Einheiten, obwohl sie nicht selbst gefertigt sind, zusätzliche Organe. Der Stachel des Spechtfinken dient wie der Wurfstein des Urmenschen – und später der Faustkeil, der Hackstock, der Jagdspeer, die Schlinge, die Fallgrube und andere von ihm gefertigte Artefakte – dem Nahrungserwerb und damit den entscheidend wichtigen Grundleistungen Energieerwerb und Stofferwerb. Es ist daher schwerlich einzusehen, warum sie nicht ebenso als Organe angesehen werden sollten wie das verlängerte Maul des Pinzettfischs, wie die Schnäbel des Mauerläufers und des Schwertschnabelkolibris. Das Material, aus dem zusätzliche Organe bestehen, ist dabei belanglos, solange die Leistung befriedigend ausfällt. Dies zeigen Amoeba difflugia und Amoeba euglypha. Dies zeigen die mannigfachen Muscheln und die Köcherfliegenlarven. Dies zeigen der Pinzettfisch und der Spechtfink. Es gibt viele weitere derartige Beispiele. Diese habe ich bloß herausgegriffen, weil ich sie besonders anschaulich finde.

Vor allem gaben mir die Einsiedlerkrebse zu denken, die in zahlreichen Gattungen und Arten verbreitet sind und einen einleuchtenden Beweis für den Selektionsvorteil liefern, den ihre Methode, sich vor Raubfeinden und sonstigen Gefahren zu schützen, ihnen bietet. Während bei anderen Krebsen der Hin-

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terleib ebenso durch einen festen Panzer geschützt ist wie alle übrigen Körperteile, ist er bei den Einsiedlerkrebsen weichhäutig. Als Schutzorgan für den Schwanz benutzen sie gleichsam vorgefertigte Einheiten, die Schnecken nach ihrem Tod hinterlassen. Zunächst mag es so gewesen sein, daß die Vorgänger dieser Krebse die Schutzwirkung ihrer Panzerung lediglich verbesserten, indem sie sich mit dem Schwanz voran in leere Schneckenhäuser verkrochen. Im Lauf der Zeit, über viele kleine Entwicklungsschritte, bildete sich dann die Panzerung ihres Schwanzes als überflüssiger Aufwand allmählich zurück, so daß sie heute nur noch in Gebieten leben können, wo genügend leere Schneckenhäuser verfügbar sind. Da indes die marinen Gehäuseschnecken weit verbreitet und die Gehäuse, die sie hinterlassen, überaus widerstandsfähig sind, ist für den weltweiten Erfolg der Einsiedlerkrebse, besonders an tropischen und subtropischen Meeresküsten, die notwendige Voraussetzung gegeben.

Allerdings müssen Krebse, wie alle Arthropoden, wenn sie heranwachsen, den zu klein werdenden Panzer abstreifen und einen neuen, größeren bilden. In diesen Perioden verstec ken sie sich in Spalten vor Raubfeinden, bis der neugebildete Panzer entsprechend ausgehärtet ist. Ein solcher Wechsel bleibt auch dem Einsiedlerkrebs nicht erspart. Wird ihm sein Schneckenhaus zu klein, muß er nach einem größeren suchen und in dieses übersiedeln. Für diesen kritischen Vorgang, den Raubfische leicht zu gezielten Angriffen nützen, haben sich bei den Einsiedlerkrebsen eine Reihe weiterer angeborener Verhaltenssteuerungen entwic kelt. Sie prüfen verschiedene in Frage kommende Schneckenhäuser, begutachten deren Größe und Eignung, bis sie sich schließlich zu dem Wechsel, der dann möglichst schnell ablaufen

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muß, entschließen. Auch zu morphologischen Anpassungen an diese Besonderheit, ein benötigtes Organ nicht selbst zu bilden, sondern zu erwerben, ist es im Lauf der Evolution der Einsiedlerkrebse gekommen. Ihr nackter Hinterleib ist heute ebenso gekrümmt wie das gewundene Schneckenhaus, dem sie nun unmittelbar angepaßt sind. Auch die Ausbildung ihrer Scheren hat Formänderungen erfahren, so daß sie mit diesen das Schneckenhaus, in das sie bei Gefahr auch den übrigen Körper samt den Beinen zurückziehen, wie mit einer gepanzerten Tür hermetisch abschließen können. Dies erinnert bereits an manche Details technischer Konstruktionen, zu denen der Mensch über Intelligenzleistungen ebenso gelangte wie diese Tiergruppe über den weit langsameren Entwicklungsweg von geeigneten Veränderungen im Erbgut.

Auch hier lautet die zu stellende Frage: Ist das erworbene und neu funktionalisierte Schneckenhaus als zusätzliches Organ des Einsiedlerkrebses anzusehen oder nicht? Bei der Schnecke, die es schuf, wird es ohne weiteres als körperliches Organ betrachtet, beim Einsiedlerkrebs, weil es nicht von ihm selbst, sondern von einem anderen Lebewesen erzeugt wurde, dagegen nicht. Für die natürliche Auslese, die darüber entscheidet, was sich als Lebewesen durchsetzt und was nicht, fällt dieser Unterschied jedoch nicht ins Gewicht. Was für sie zählt, ist eine – hier erforderliche – effiziente Schutzleistung. Und die kann eben auf ganz verschiedenen Wegen zustande kommen.

Aus evolutionärer Perspektive sehe ich daher keinen zureichenden oder gar zwingenden Grund, leistungserbringende Einheiten, nur weil sie von einem anderen Lebewesen erzeugt wurden, nicht als echte Organe eines Lebewesens anzuerkennen. Die Anpassung des aus Zellen bestehenden Hinterleibs an die

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Form der Schneckengehäuse bei den Einsiedlerkrebsen ist sogar ein deutlicher Hinweis darauf, daß deren Genom die Zugehörigkeit dieser aus der Umwelt gewonnenen Einheit gleichsam anerkennt.

Dieser neue, erweiterte Organbegriff besagt somit, daß Organe keineswegs aus selbstgebildeten Bauteilen bestehen müssen. Zwar ist dies bei den meisten Organbildungen von Tieren und Pflanzen der normale Vorgang und deshalb über weite Strecken der Lebensentwicklung hinweg die Regel, doch gibt es eben weitere Möglichkeiten, an Organe zu gelangen. Dazu gehört der Erwerb bereits fertig verfügbaren Baumaterials aus der Umwelt (wie bei Amoeba difflugia und beim Ameisenlöwen) oder bereits fertiggestellter Organe (von denen der Einsiedlerkrebs Gebrauch macht). Allerdings gelangte diese Technik erst bei der zielgerichteten Bildung zusätzlicher Organe durch den Menschen zu besonderer Bedeutung.

Auch komplexe, von Zellen gebildete Organellen werden von manchen Tierarten räuberisch entwendet und in körpereigene Leistungsträger verwandelt. Der erstaunlichste Fall ist hier die Aneignung der von den Korallenpolypen produzierten Nesselkapseln. Es sind außerordentlich perfekte Schußvorrichtungen. Bei Berührung eines vorstehenden Stifts durch ein Beutetier oder einen Feind schnellt ein Pfeil hervor, dessen Spitze sich in mehrere Stilette auffächert, wodurch sich die Wunde vergrößert. Durch diese wird ein Schlauch in den Tierkörper eingeführt, aus dem sich ein lähmendes Gift in diesen ergießt. Manche marine Nacktschnecken (Aeolidiacea) und eine Rippenqualle (Euchlora rubra) fressen trotzdem die Korallenpolypen, jedoch so, daß deren Kapseln sich nicht entladen, und verfrachten dann diese in Körperausstülpungen, so daß sie zu eigenen Schutzorganen werden. Auch bei diesen geraubten Organellen (Kleptocniden),

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deren Ursprung man schon lange kennt, kann man wohl kaum behaupten, sie seien etwa im Epithel der Korallenpolypen als Organe anzusehen, im Epithel der Nacktschnecken dagegen nicht. Ob von diesem oder ob von einem fremden Genom geschaffen, erbringen sie hier wie dort die benötigte Leistung. Bei Tieren und Pflanzen war solcher Raub von Organen nur in seltenen Ausnahmefällen möglich. Bei den Hyperzellern änderte sich das radikal. Während aus Zellgeweben bestehende Organe kaum aus ihrem Verband gerissen und in einen anderen übergeführt werden können, ist es bei den zusätzlichen Organen des Menschen ohne weiteres möglich, daß sie von anderen Hyperzellern entwendet und in deren Leistungskörper eingegliedert werden.

Ob also Organe ganz oder teilweise über eigene Zelltätigkeit hergestellt oder von anderen Lebewesen erworben werden, ist für Organismen von sekundärer Bedeutung, so, wie es auch bei Homo Proteus unerheblich wurde, ob er ein benötigtes zusätzliches Organ selbst anfertigte oder es über Raub, Tausch oder Kauf von anderen erwarb. Worauf es beim Kampf ums Dasein (diesen Ausdruck verwendete Darwin häufig) und dort besonders in der Auseinandersetzung mit Konkurrenten einzig und allein ankommt, ist, daß das Lebewesen über leistungserbringende Einheiten verfügt, wenn es sie benötigt, daß es sie richtig einsetzen kann und daß es sie in das Gefüge der übrigen aus Zellen gebildeten oder zusätzlichen Organe so zu integrieren vermag, daß möglichst keines die anderen behindert, sondern jedes die übrigen nach Möglichkeit unterstützt.

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Die Umwandlung anderer Lebewesen in eigene Organe

Bei meinen Untersuchungen in verschiedenen Meeren hatte ich die Möglichkeit, einzelne Tiere in aller Ruhe bei ihren Tätigkeiten zu beobachten. In einzelnen Fällen konnte ich zusehen, wie ein Meeresbewohner andere zielstrebig und rücksichtslos zu Bestandteilen des eigenen Leistungskörpers machte. Die Wollkrabbe (Dromia vulgaris) ist dafür ein gutes Beispiel. Sie benutzt Schwämme dazu, sich wirkungsvoller zu tarnen. Mit ihren Scheren schneidet sie sich einen von ihr ausgewählten und vom Substrat abgelösten Schwamm so zurecht, daß er genau die richtige Größe hat, um ihren Rückenschild zu bedecken. Beobachtet man das Tier bei seiner sorgfältigen Tätigkeit, dann ist man versucht, an eine Intelligenzleistung zu glauben. Aber auch hier handelt es sich um angeborene Verhaltensprogramme, die ebenso wie morphologische Strukturen über eine lange Folge von Mutationen und Rekombinationen der steuernden Gene zustande kamen und so allmählich immer mehr verbessert wurden.

Die Krabbe dreht den Schwamm hin und her, beäugt ihn, prüft ihr Werk und dessen Fortschritt, bis es schließlich genau der passenden Form entspricht. Sie zieht den Schwamm dann über den gewölbten Rückenschild, wo sie ihn rückwärts mit einem Beinpaar und vorn mit Häkchen festhält. Durch diese Tarnung ist sie in ihrem Biotop kaum mehr zu erkennen, wodurch sich ihr Risiko gegenüber Raubfeinden wesentlich vermindert und ihr entsprechend wenig gestörter Nahrungserwerb sich erheblich steigert. Der Schwamm lebt trotz der Verstümmelung weiter – man denkt hier unwillkürlich an Menschen, die andere ebenfalls für ihre Zwecke »zurechtstutzen« und

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so zu funktionellen Bestandteilen des eigenen Leistungsgefüges machen. Solange man die Lebewesen, einschließlich des Menschen und seiner materiellen Gefüge, vom äußeren, materiellen Aspekt her betrachtet, wie das bis heute üblich ist, erscheint jeder solche Vergleich als bloße Analogie. Wenn jedoch im gesamten Lebensgeschehen den Leistungen die Vorrangstellung zukommt und es von sekundärer Bedeutung ist, über welche materielle Strukturen und Abläufe diese zustande kommen, dann wird das Ergebnis und damit die Frage, zu welcher Leistungssteigerung es hier wie dort kommt, entscheidend. Wird ein Mensch durch einen anderen so zurechtgestutzt, daß dieser sich seinen Wünschen und Zielen immer mehr unterwirft, dann wird aus einem ursprünglich selbständigen Organismus zunehmend das Organ eines anderen: ein zusätzliches Organ, das dessen Machtkörper steigert. Die individuelle Freiheit und die Individualität werden in diesem Fall vielleicht weniger plump und drastisch umgeformt, als die Krabbe Dromia es beim Schwamm praktiziert, aber beidemal werden über entsprechende Verhaltensweisen aus selbständigen Lebewesen unter Umständen völlig abhängige und fremddienliche Werkzeuge gemacht.

Eine weit elegantere Partnerschaft, die über beiderseitigen Vorteil dazu führt, daß Lebensindividuen sie fördernde Leistungen hinzugewinnen, ist die überaus verbreitete und gut erforschte Symbiose. Ein vielzitiertes Beispiel für eine solche liefert der bereits angeführte Einsiedlerkrebs, mit dessen Verhalten ich mich eingehend beschäftigt habe. Manche Arten verwandeln nicht nur Organe anderer Lebewesen in eigene Organe, nämlich die Gehäuse verstorbener Schnecken, sondern vermögen die Wirksamkeit dieser von ihnen erworbenen Schutzeinheit noch zu verbessern,

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indem sie ein anderes Lebewesen in ein zusätzliches Organ verwandeln.

Der Erbfeind der Einsiedlerkrebse ist der Seestern, der trotz des widerstandsfähigen Schneckenhauses, in das sich der Einsiedlerkrebs bei Gefahr zurückzieht, an seine Beute herankommt. Er verankert sich mit seinen fünf Armen auf dem Grund, saugt sich an den Scheren des Einsiedlerkrebses fest und zieht ihn trotz aller Gegenwehr aus seinem Schneckenhaus heraus. Bei manchen Einsiedlerkrebsen entwickelten sich nun weitere Verhaltensprogramme, die sie auch vor diesem Raubfeind schützen. Durch eine differenzierte Folge von Streichelbewegungen mit den Scheren vermögen sie Seeanemonen, an die sich wegen ihrer nesselnden Tentakel kein Seestern heranwagt, vom Felsen, an dem sie mit ihrem Fuß festgesaugt sind, abzulösen. Der Einsiedlerkrebs verpflanzt sie dann auf sein Schneckenhaus, wo sich die Seeanemone bereitwillig festsaugt und dieses so zu ihrer neuen Lebensbasis macht. Ihr Vorteil besteht darin, daß sie auf diese Weise sozusagen gratis und franko vom seßhaften zum beweglichen Tier avanciert. Der Einsiedlerkrebs trägt sie nun mit sich herum; das ist für die Seeanemone ein beträchtlicher Vorteil gegenüber Konkurrenten, weil sie so weit bessere Chancen hat, in günstige Lebensbedingungen zu gelangen. Der Einsiedlerkrebs gewinnt durch diesen Tauschakt eine zusätzliche Abwehreinrichtung, die seinen Selektionswert steigert; die Seeanemone gewinnt ein Fortbewegungsorgan, was ihr ebenfalls zu besseren Lebensbedingungen verhilft. Jeder der Partner macht so ein anderes Lebewesen mit völlig anderem Genom zu seinem zusätzlichen Organ.

Diese Form, an neue Organe zu gelangen, ist von besonderer Bedeutung, weil es dabei zu sprunghaften Leistungssteigerungen kommt. Bei der Symbiose zwischen Einsiedlerkrebs und Seeanemone wird das

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besonders deutlich, wenn man die Situation der Seeanemone näher unter die Lupe nimmt. Dieses meistens an Felsen festsitzende Tier kann mit seinem dem Substrat anhaftenden Fußteil nur geringfügig seinen Standort verändern. Durch die Symbiose mit dem Krebs gelangt es jedoch unvermittelt in den Genuß der Leistung hochentwickelter Beine, die es auch in Hunderttausenden von Generationen nicht selbst hervorbringen könnte. Da die Fortbewegung für dieses Tier ohnehin keine überragende Bedeutung hat, weil ihm das Meer die Nahrung vor die Mundöffnung treibt, besteht der für die Entwicklung von Beinen notwendige Selektionsdruck nicht. Tatsache ist indes: Die Seeanemone kommt so über eine mäßige Anzahl von Mutationen und Rekombinationen in den Genuß dieser hochentwickelten Gliedmaßen – ein bedeutsamer Shift im Sinne meiner früheren Ausführungen. Sie gelangt zu einem sprunghaften Leistungsgewinn durch eine eigene Leistungsfähigkeit, die sie quasi als Bezahlung bietet. Zwar ist der Vorteil der Fortbewegung für sie nicht von überragender Bedeutung, doch immerhin groß genug, um diesen Verbund mit dem Krebs zustande zu bringen. Es ist jedoch denkbar, daß in der Folge geänderter Umweltbedingungen die Leistung solcher Beine dann doch zu noch wesentlicheren Vorteilen verhilft. Hier äußert sich die evolutionäre Chance, die Symbiosen bieten: Die Partner gelangen in den Genuß neuer Leistungsfähigkeit, deren Entwicklungskosten sie nicht selbst tragen müssen. Das ist bereits das gleiche Prinzip, das bei den Hyperzellern über den Universalvermittler »Geld« zu gewaltigen Leistungssteigerungen führt. Schon bei Symbiosen können durch derartige Shifts auf völlig anderen Entwicklungswegen zustande gekommene Organe dem eigenen Leistungskörper angegliedert werden. Und jeder solche Shift kann sich in der evo-

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lutionären Weiterentwicklung entweder als nur von mäßiger Bedeutung erweisen – oder zu völlig neuen Selektionsvorteilen führen. Dies war bei Homo Proteus der Fall und führte über Faustkeile und Jagdspeere allmählich zu sämtlichen Werkzeugen und Industrien, welche die Hyperzeller hervorbrachten.

Diese besondere Form der Organbildung in Gestalt des Erwerbs und der Eingliederung fremder Organe in den eigenen Leistungskörper, der bereits bei den Symbiosen von Tieren und Pflanzen seinen Ausgang nimmt, führt aber noch zu einem zweiten Entwicklungsweg, der hier bereits angedeutet werden soll. Zu den so entstehenden Partnerschaften gehört auch jene, die sich aus der Zweigeschlechtlichkeit, dem wichtigsten Mechanismus für die Grundleistung Verbesserung, bei höherentwickelten Vielzellern ergab. Bei Tierarten, die Brutpflege betreiben, indem die Eltern sich aktiv um Schutz, Ernährung, ja sogar »Belehrung« der Jungen bemühen, ist dieses Zusammenwirken als ein der Symbiose funktionell verwandter Vorgang zu betrachten. Bei der Brutpflege geht es zwar um die Verbindung von Individuen der gleichen Art, doch wird auch hier jeder Partner zu einem zusätzlichen Organ des anderen – was sich beim Menschen in Ehe, Freundschaft und sonstigen Partnerschaften fortsetzt.

Wenn wir zur Symbiose zwischen Einsiedlerkrebs und Seeanemone zurückkehren, dann stellt sich, sofern man Leistungen und nicht körperliche Strukturen als das für die Lebensentfaltung Vorrangige ansieht, unausweichlich die Frage, ob diese Gemeinschaft nicht bereits als Organismus höherer Integrationsstufe angesehen werden muß. Die Frage läßt sich sogar experimentell klären: Sind die Lebenschancen der Partner, wenn sie gemeinsam agieren, im Durchschnitt besser, als wenn jeder für sich allein lebt, dann

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ist bereits ein Organismus höherer Ordnung entstanden: eine neue, komplexere Lebenseinheit, die sich mit der natürlichen Auslese auseinandersetzt. Das kann zu einer immer differenzierteren Arbeitsteilung führen wie bei den Insektenstaaten, aber auch bei den über Intelligenzakte entstehenden Staaten der Hyperzeller, denen wir uns im nächsten Kapitel zuwenden.

Einen bemerkenswerten Übergang von freilebenden Individuen derselben Art, die zeitweise einen fest verbundenen Körper bilden, finden wir bereits bei manchen Einzellern. Bei den Schleimpilzen (Myxomyceten) strömen die Individuen nach einer Periode ungebundenen Lebens zusammen und bilden eine den Grundleistungen Fortpflanzung und Verbesserung dienende, aus Tausenden von Individuen bestehende Sporenkapsel, die langstielig vom Boden emporwächst. Hier führt die Wirksamkeit des Genoms dieser Einzeller zu einem zeitweise festen Verbund und einer Zelldifferenzierung, die durchaus einem vielzelligen Körper gleicht. Andererseits stellt bei den Vielzellern das Genom jeder Keimzelle eine fest verbundene Einheit dar; entstehen dann jedoch durch Zellteilung neue Artgenossen, wird dieses Genom in vielen Exemplaren in alle Winde verstreut und ist doch immer noch eine gemeinsame Organisation, die wir mit der Bezeichnung »Art« zusammenfassen.

Bei jeder festverbundenen Organisation wie bei all jenen Organisationen, deren Bestandteile nicht fest miteinander verbunden sind, ist jedes Organ nicht nur ein Organ der größeren Gemeinschaft, sondern auch ein zusätzliches Organ für alle anderen. Das tritt sowohl bei den Vielzellern als auch bei den Verbänden der Hyperzeller, den Erwerbsorganisationen und den Staaten, deutlich in Erscheinung.

Wie wenig schon bei Symbiosen die Größenverhältnisse der Partner eine Rolle spielen, zeigt sich bei

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den Termiten. Diese hochspezialisierten Organismen ernähren sich von der im Holz enthaltenen Zellulose, vermögen diese aber nicht selbst aufzuschließen. Das bedeutet, daß sie die in den Molekülen der Zellulose enthaltene Bindungsenergie nicht freisetzen und dem eigenen Lebensprozeß zuführen können. Zu ihrer Lebensbasis wurde die Symbiose mit Einzellern (Flagellaten aus der Ordnung der Polymastiginen), die zur Zellulosespaltung befähigt sind. Sie leben als »Verdauungshelfer« im Darm der Termite, bauen die vereinnahmte Zellulose ab, nehmen selbst vom Gewinn, was sie brauchen, und führen den überwiegenden Teil des Ertrags der tausendmal größeren Termite zu. Der Vorteil für die Verdauungshelfer liegt darin, daß sie im Körper der Termite perfekten Schutz genießen und ihnen die Mühe der Nahrungsbeschaffung abgenommen ist. Holz wird ihnen von der Termite laufend zugeführt. Sterilisiert man den Darm einer Termite und tötet so sämtliche Verdauungshelfer, dann mag die Termite noch soviel Holz fressen – sie verhungert trotzdem. Hier ist sicherlich die Frage berechtigt: Sind diese Endosymbionten als Organe der Termite anzusehen oder nicht? Nach bisheriger Anschauung lautet die Antwort: Nein, sie sind keine Organe. Denn erstens sind es ja andere Organismen mit eigenem Erbgut, und zweitens hat das Genom der Termiten sie nicht hervorgebracht: Ihre Herstellung ist nicht im Erbgut der Termite kodiert.

Nicht nur bei den Termiten gibt es solche Verdauungshelfer, sondern auch bei zahlreichen anderen Insekten, nicht zuletzt bei unseren Rindern, die ohne solche Symbionten nicht leben könnten. Bei säftesaugenden Insekten, etwa beim Blattfloh Psylla buxi, wurden im Hinterleib spezielle Organe zur Beherbergung der Symbionten (Myzetome) ausgebildet. Bei manchen Arten, so beim Rüsselkäfer Cleonus piger, kam es

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darüber hinaus zur Entwicklung komplizierter Spritzorgane, durch welche die Verdauungshelfer – hier sind es Bakterien – auf die Eier gespritzt werden. Schlüpfen die Larven, dann infizieren sie sich mit den Bakterien, genauer: gelangen so an die für sie lebenswichtigen zusätzlichen Organe. Auch die zur Grundleistung Fortpflanzung notwendigen Hilfsleistungen übernimmt für die Bakterien der symbiotische Partner.

Hier stellt sich noch deutlicher die Frage: Ist es berechtigt, diese zum Teil umfangreichen und komplexen vielzelligen Gebilde, weil sie vom eigenen Genom aufgebaut sind, als Organe des Insektenkörpers anzusehen, wie es bisher ganz selbstverständlich geschieht, jene Einheiten, welche die benötigte Grundleistung Energieerwerb ermöglichen und denen dieser ganze Hilfsaufwand dient, hingegen nicht? Wäre es etwa den Termiten möglich gewesen, über eigene Zelldifferenzierung Drüsen zu bilden, die zellulosespaltende Fermente abscheiden, dann würde man diese Drüsen selbstverständlich als körpereigene Organe ansehen. Dies aber war offenbar über Mutationen und deren Rekombination nicht erreichbar, oder es bot sich über die Endosymbiose ein einfacherer Weg, der durch Hilfseinrichtungen, deren Bildung die natürliche Auslese automatisch guthieß, noch unterstützt wurde. Die entscheidende Grundleistung Energieerwerb kam somit auf einem völlig anderen Entwicklungsweg zustande. Meines Erachtens lassen sich die Verdauungshelfer der Termiten als guter Beweis dafür ansehen, daß auch ein artfremder Organismus in ein Organ des eigenen Leistungskörpers verwandelt werden kann. Ich bin auf diesen Sachverhalt bereits in einer früheren Schrift (1970) ausführlicher eingegangen.

Nun gibt es außerdem Endosymbionten, die mit

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dem Zellkörper ihres ebenfalls weit größeren Partners eine wesentlich innigere Verbindung eingehen. Die ungeheuren Bauten, welche die Korallenpolypen bilden, erfordern deren Fähigkeit, das notwendige Baumaterial (Kalziumkarbonat) dem Meerwasser zu entziehen. Dafür benötigen sie weit mehr Sauerstoff, als das umgebende Wasser ihnen in gelöster Form anbietet. In diesem Fall sind es symbiotische Pflanzen (einzellige Algen), die den Vorgang trotzdem ermöglichen. Sie leben in den Zellgeweben der Polypen und sind unter der Lupe nur an ihrer anderen Färbung erkennbar. Als Pflanzen produzieren sie Sauerstoff, den die Polypen somit unmittelbar in ihr Gewebe aufnehmen können. Die Gegenleistung bei dieser Partnerschaft ergibt sich aus der Tatsache, daß die Zellen der Polypen – wie die Zellen aller Tiere – Kohlendioxyd abscheiden, das für die Algen wiederum ein wichtiger Baustoff ist. Behauptet man auch hier, daß die einzelligen Algen innerhalb der Zellgewebe der Polypen nicht integraler Bestandteil ihres Körpers sind – weil sie nicht über Zelldifferenzierung dieser Tiere zustande kamen –, dann kann man wohl nur schwer den Vorwurf zurückweisen, daß man sich durch das geschlossene Erscheinungsbild dieser Lebewesen und falsche Schlüsse, die man daraus zieht, nachhaltig täuschen läßt. Auch hier ist die rigorose Trennung zwischen echten und nicht wirklich zu den Polypen gehörenden Bestandteilen kaum aufrechtzuerhalten. Für die natürliche Auslese zählt ausschließlich die Leistung, der Erfolg. Es führen eben ganz verschiedene Wege nach Rom.

Definiert man als Organ jede Einheit, die im arbeitsteiligen Gefüge eines Organismus zumindest eine benötigte Funktion erfüllt, dann kann man die einzelnen Symbionten mit Fug und Recht als Organe ansehen, auch wenn sie nicht vom eigenen Genom gebildet

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und somit nicht als natürliche, sondern als zusätzliche Organe zu bezeichnen sind.

Zeitlich begrenzter Erwerb benötigter Organe durch »Miete«

Es gibt jedoch eine weitere Möglichkeit, den Selektionswert des eigenen Leistungskörpers über zusätzlich erworbene Organe zu verbessern. Bei den vom Menschen gebildeten Hyperzellern wurde es geradezu selbstverständlich, daß zusätzliche Organe nicht unbedingt auf Dauer dem eigenen Leistungskörper angegliedert werden müssen. Wer etwa in einer von ihm besuchten Stadt zur Nächtigung ein Zimmer benötigt, braucht es durchaus nicht käuflich zu erwerben, und wer nach Rio de Janeiro fliegt, kauft ebensowenig das Flugzeug, sondern mietet nur einen Sitzplatz für den Flug. Ebenso verhält es sich, wie schon ausgeführt, beim Erwerb von Dienstleistungen anderer Hyperzeller, etwa jener eines Sekretärs, eines Kochs, einer Speditionsfirma. Hier spricht man nicht von Miete, sondern von Verpflichtung für beschränkte Zeit, doch funktionell betrachtet läuft es aufs gleiche hinaus. Ein benötigtes zusätzliches Organ – und ein solches kann ebensogut eine anorganische Struktur wie ein anderes Lebewesen sein – wird in diesem Fall nicht auf Dauer an den eigenen Leistungskörper gebunden, sondern nur für eine beschränkte Zeitspanne gegen ein entsprechendes Honorar oder Entgelt.

Auch dafür gibt es im Organismenreich bereits Vorstufen, insbesondere bei den Pflanzen. Deren Lebenssituation ist insofern grundsätzlich anders als jene der Tiere, als ihre Energiequelle, die von der Sonne zur Erde herunterströmenden Lichtstrahlen, alles eher als rar ist. Wie errechnet wurde, können Pflanzen be-

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stenfalls ein Prozent der auf die Erdoberfläche treffenden Sonnenenergie nutzen. Immerhin mußten pflanzliche Organismen, solange die Lebensentfaltung auf die Unterwasserräume beschränkt war, über Einrichtungen verfügen, die ein Absinken in lichtlose Tiefen verhindern. Das gewährleisten bei planktonischen Algen Fett- oder Gaseinschlüsse, die für Auftrieb sorgen; bei einzelligen Algen finden wir außerdem, ebenso wie bei einzelligen Tieren, Organe zur aktiven Fortbewegung. Das Geißeltierchen Euglena viridis, das sowohl Pflanze als auch Tier ist, verwendet seine Geißel für beide Erwerbsformen. Betätigt es sich als Tier, hilft ihm die Geißel bei der Nahrungssuche, betätigt es sich als Pflanze, hilft ihm die Geißel, wenn es in lichtlose Bereiche gerät, wieder an Sonnenstrahlen zu gelangen.

An Land wurde für die Pflanzen das zur Photosynthese notwendige Wasser zu einem Hauptproblem; hingegen erübrigen sich Organe zur Fortbewegung. Wir finden Landpflanzen deshalb am Ort festgewachsen, während die meisten Tiere über Fortbewegungsorgane verfügen müssen, um zu ihrer Energiequelle (andere Organismen) zu gelangen. Von den sechs genannten Grundleistungen, die meines Erachtens jedes Lebewesen erbringen muß, werden bei allen Landpflanzen zwei zum besonderen Problem: die Fortpflanzung und die Verbesserung.

Produzieren Pflanzen Samen, können diese im Wasser von Strömungen und an Land vom Wind verbreitet werden. Von diesen günstigen Umweltbedingungen machten fast alle Wasserpflanzen wie auch zunächst alle Landpflanzen Gebrauch. Später gelangten einige dahin, auch Tiere zu ihren zusätzlichen Organen zu machen, indem sie den Keimling mit zuckerreichem Fruchtfleisch umhüllten, das Tiere als Nahrung schätzen. Die Tiere fressen diese von uns als Früchte be-

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zeichneten Hilfsorgane der Fortpflanzung; der pflanzliche Keimling passiert unverdaut ihren Darm und wird an einem anderen Ort samt dem sonstigen Kot ausgeschieden. Daß diese Dienstbarmachung anderer Lebewesen nur gelingt, wenn der Keimling so umhüllt ist, daß er vom transportierenden Tier nicht mit verdaut wird, liegt auf der Hand. Deshalb finden wir die in Früchten verborgenen Keime durch widerstandsfähige Schutzpanzer (Kerne) umhüllt. Die Gegenleistung, die das transportierende Tier – meistens Vögel oder Säugetiere – für seinen unbeabsichtigten Dienst erhält, ist, wie gesagt, der energiereiche Zucker. Es geht hier also um einen Tauschakt, von dem beide Partner nichts »wissen«, was auch für alle sonstigen nicht vom Menschen bewirkten Symbiosen zutrifft. Für die natürliche Auslese ist stets nur das konkrete Ergebnis ausschlaggebend; ob es über bewußte oder über angeborene Strategien zustande kommt, ist dagegen unerheblich.

Die zweite Schwierigkeit für alle Landpflanzen ist die sexuelle Vereinigung von Keimzellen (Gameten) verschiedener Individuen – wie schon gesagt, der wichtigste evolutionsfördernde Mechanismus bei allen Vielzellern. Aus Gründen, die bestens bekannt sind und auf die ich nicht einzugehen brauche, wirkt dieser Mechanismus nur dann optimal, wenn Keimzellen aus räumlich möglichst weit voneinander entfernten Gebieten sich kreuzen, während Inzucht, die Kreuzung nahe verwandter Keimzellen, erhebliche Nachteile mit sich bringt. Wie aber sollen bei den an Land festsitzenden Pflanzen die Keimzellen möglichst entfernter Individuen zur Paarung zueinander gelangen? Abermals können im Wasser Strömungen oder an Land der Wind als günstige Umweltfaktoren Hilfsdienste leisten. Aber auch hier kam es bei höherentwickelten Landpflanzen zu einer noch effektiveren

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Lösung. Wiederum werden für diese Grundleistung andere Lebewesen zu zusätzlichen Organen gemacht, in diesem Fall fast ausschließlich Insekten. Auch für diese Dienstbarmachung entwickelten sich bei den betreffenden Pflanzen spezielle Organe: die Blüten. Sie verfügen über Einheiten, die zuckerhaltigen Nektar absondern, über weitere Einheiten, welche die in Frage kommenden Insekten anlocken (auffallende Blütenblätter), und schließlich über solche, die so beschaffen sind, daß sie den Insekten Pollen anheften, in denen männliche Keimzellen enthalten sind. Diese werden dann von den Insekten zu anderen Blüten der betreffenden Arten gebracht, wo sie mit weiblichen Geschlechtszellen verschmelzen und so funktionsfähige Keimlinge bilden. Wenn die Früchte und auch die Blüten zumeist auffällig gefärbt sind, liegt das daran, daß sie die angestrebten Symbiosepartner aufmerksam machen und anlocken sollen. Bei den Blüten dienen auch Duftstoffe dieser Funktion.

Ehe wir fortfahren, muß hier eine Banalität besprochen werden, die indes, wie sich zeigen wird, gar nicht so banal ist. Es geht um die Frage, warum ich soeben zunächst die Bildung der Früchte behandelte und dann erst jene der Blüten, obwohl, wie jeder weiß, die Früchte sich regelmäßig aus den Blüten entwickeln. Oder, allgemeiner formuliert, um die Frage, warum ich bei meiner Aufzählung der für alle Lebewesen maßgebenden Grundleistungen (S. 31ff. jene der Verbesserung als letzte auf die der Fortpflanzung folgen ließ, obwohl nicht nur bei den Pflanzen, sondern auch bei den Tieren die Fortpflanzung regelmäßig auf die Paarung folgt.

Hier ist zunächst festzustellen, daß es bei diesen von mir angeführten Grundleistungen überhaupt keine naturgegebene Reihenfolge gibt. Wenn ich den Ener-

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gieerwerb an die erste Stelle setzte, dann geschah dies deshalb, weil ohne verfügbare Energie keine der weiteren Grundleistungen erfolgen kann. Andererseits ist Energieerwerb ohne die meisten der übrigen Grundleistungen sowie vieler Hilfsleistungen gar nicht möglich. Wenn ich die Fortpflanzung an die fünfte und die Verbesserung an die letzte Stelle setzte, dann deswegen, weil Fortpflanzung in der Evolution der Organismen von allem Anfang an Voraussetzung dieser Entwicklung war, während Mechanismen der Strukturverbesserung zwar für die Evolution ebenso notwendig waren, jedoch sicher erst später entstanden sind. Der wichtigste Mechanismus war mehrere Milliarden Jahre lang die Sexualität: die Verschmelzung der Genome verschiedener Individuen der gleichen Art. Die bei der Zellteilung zufällig auftretenden Änderungen im Erbgut (Mutationen) werden so mannigfach kombiniert. Daß es auf diese Weise – selten, aber doch – zu Strukturverbesserungen kommt, ist die funktionelle Grundlage dieser zwar effizienten, jedoch nur überaus langsam zu Fortschritten führenden Mechanik. Die von mir angeführten Shifts, die ich in diesem Buch erstmals vorstelle, kommen meines Erachtens als weitere Ursache für bedeutende Verbesserungen hinzu, doch sind sie zunächst bloß eine von mir vorgelegte Hypothese und sollen deshalb an dieser Stelle unberücksichtigt bleiben.

Wenn ich also in meiner Reihenfolge der Grundleistungen die Fortpflanzung vor die Verbesserung stellte, während sowohl bei den Tieren als auch bei den Pflanzen diese Funktionen in entgegengesetzter Reihenfolge ablaufen, dann hat das folgende Erklärung: Logischerweise wäre die Paarung nach erfolgter Fortpflanzung in vielfacher Hinsicht uneffektiv; die umgekehrte Reihenfolge ist nach Spencer in jeder Hinsicht besser geeignet und hat nach Darwin gegen-

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über der natürlichen Auslese eindeutig Vorrang. Je dichter die Paarung vor den Vorgang der Fortpflanzung rückt, um so besser ist das mögliche Ergebnis, um so mehr werden überflüssige Anstrengung und schädigende Einwirkungen ausgeschaltet. Die meisten Menschen sehen bis zum heutigen Tag Paarung und Fortpflanzung als zwei Akte im gleichen funktionellen Vorgang an – und stehen unwissend der Tatsache gegenüber, daß es hier um eine zwangsläufige Verknüpfung zweier konträrer Funktionen geht. Denn Aufgabe der Fortpflanzung ist eine möglichst präzise artgleiche Vervielfältigung, die gewährleistet, daß kein erzielter Fortschritt der betreffenden Art bei diesem Vorgang verlorengeht. Dagegen ist es Aufgabe der Paarung, auch veränderte und in diesem Sinne artungleiche Nachkommen entstehen zu lassen, weil ohne solche die gesamte evolutionäre Höherentwicklung nicht hätte stattfinden können.

Es ist bisher viel zuwenig, wenn überhaupt, auf diesen Funktionskonflikt hingewiesen worden, der die Entfaltung des Lebens am allermeisten behinderte und hemmte. Um es noch deutlicher zu formulieren: Einerseits wäre ohne die Fortpflanzung (den möglichst fehlerlosen Informationstransfer auf die Nachkommen) die evolutionäre Entwicklung des Lebens unmöglich gewesen; bei diesem Vorgang war es ungemein wichtig, daß kein erzielter Fortschritt verlorenging. Andererseits konnte es über spiegelbildlich gleiche Nachkommen nie zu einer Weiterentwicklung und einer Leistungsverbesserung kommen. Wie aber konnte das eine mit dem anderen verknüpft werden? Die unmittelbare Koppelung der Paarung an die Fortpflanzung war bis Homo Proteus die einzige Lösung. Die Paarung mußte somit der Fortpflanzung unmittelbar vorangehen, damit einesteils artgleiche Nachkommen entstanden, anderenteils aber auch die Chance

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größer wurde, daß einige unter diesen neuen Varianten Merkmale ausbildeten, die in der Folge zur Entstehung besserer oder neuer aus Zellen bestehender oder zusätzlicher Organe führten.

Bei zahlreichen Arten von Landpflanzen wurden die Insekten zu wirksamen Vermittlern beim ersten der beiden so konträren Vorgänge, der Vereinigung männlicher und weiblicher Keimzellen. Die dafür notwendigen Hilfseinrichtungen sind die Blüten. Den Insekten ist angeboren zu erkennen, daß hier energiereiche Nahrung geboten wird, und die Blüte ist so geformt, daß sie den Insekten bei ihrem Besuch Pollen anheftet. Bei weiteren Blütenbesuchen gelangen diese so ganz von selbst zu weiblichen Blüten, wo einige der Körner auf die Narbe des Stempels fallen und die in ihnen enthaltenen männlichen Keimzellen über den auswachsenden Pollenschlauch durch den Griffel die Eizellen erreichen. Die Verbreitung der aus ihrer Verbindung hervorgehenden befruchteten Samen wird im weiteren Verlauf durch eine zweite Symbiose, diesmal vornehmlich mit Vögeln und Säugetieren, erreicht. Hilfseinrichtungen dafür sind die auffälligen Früchte. Von wiederum zuckerhaltigem, energiereichem Fruchtfleisch umhüllt, ist in ihnen der funktionsbereite Samen versteckt. Damit dieser im Darm der Tiere nicht mit verdaut wird, ist er in der Regel durch die harte Hülle geschützt (bei der Kirsche ist es der Kirschkern). Der Same wird dann von dem Vogel oder dem Säugetier, welche die Frucht fressen, über kürzere oder weitere Strecken transportiert und schließlich ausgeschieden, samt den Exkrementen, die für den Keimling Dünger und damit eine wichtige Starthilfe sind.

Hervorzuheben ist noch, daß es sich in beiden Fällen um befristete Symbiosen handelt, bei denen die betreffenden Insekten, Vögel, Säuger oder sonstigen

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Tiere nur vorübergehend zu Bestandteilen des Leistungskörpers der Pflanzen werden. Sie werden von diesen für ihre Dienste mit Energie und verwertbaren Stoffen »bezahlt« – wie auch der Mensch die Leistungen anderer, deren Dienste er zeitweise in Anspruch nimmt, entsprechend honoriert. Nur so verläuft hier wie dort das »Geschäft«. Über die befristete Symbiose – die Miete von Fremdleistung – wurde von den Pflanzen die Methode des zeitlich begrenzten Erwerbs benötigter zusätzlicher Organe bereits auf breiter Basis eingeleitet. Bei den Hyperzellern wurde die Methode dann zur Grundlage einer unabsehbaren Vielheit wechselnder Leistungssteigerungen.

Zusammenfassend ist zu sagen, daß das Material und die Art der Herstellung für Organe ebensowenig erheblich ist wie der Umstand, ob sie mit dem aus Zellen gebildeten Körper fest verbunden sind oder nicht. Die Zelle als Baumaterial ist ungemein vielseitig, wandelbar und leistungsfähig, jedoch auch kostspielig und mit gravierenden Mängeln behaftet. Sie muß mit Energie und Stoffen versorgt werden, bedarf deshalb entsprechender Zuleitungen und vermag aus diesem Grund keine vom Körper getrennten Organe zu bilden. Sie erträgt höhere Temperaturen nicht und kann daher keine Metalle zur Organbildung verwenden. Dagegen stellen zusätzliche Organe keine solchen limitierenden Forderungen und lassen sich aus beliebigem Material erzeugen, sofern es sich für die benötigte Leistung eignet. Auch Organe anderer Lebewesen oder solche selbst können in zusätzliche Organe des eigenen Leistungskörpers verwandelt werden, gewaltsam oder über Tauschakte, für Dauer oder für begrenzte Zeit.

Bei Einzellern und Vielzellern waren solche zusätzlichen Organbildungen nur beschränkt möglich,

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ebenso der Erwerb fremder Organe und die Umwandlung anderer Organismen in eigene Organe. Bei den vom Menschen gebildeten Hyperzellern entfielen zahlreiche der bisherigen Beschränkungen. Sie bildeten oder erwarben in immer größerer Anzahl zusätzliche Organe und mußten für diese wohl ebenso sorgen wie für die aus Zellen bestehenden, doch waren diese ablegbar und austauschbar, so daß der Leistungskörper den verschiedensten Anforderungen angepaßt werden konnte. Werden zusätzliche Organe bloß gemietet, ist das über Geld leicht möglich und verursacht auch weniger Kosten und Aufwand als die Überführung in ständiges Eigentum. Beim Erwerb von Dienstleistungen sprechen wir bei längerfristiger Verpflichtung von »Anstellung« des Hyperzellers, der sie erbringt. Außer entsprechender Honorierung müssen dann weitere Leistungen geboten werden, etwa eine Unterkunft, bezahlte Freizeit und Sozialversicherungen. Sie sind erforderlich, um den Mitarbeiter an den Leistungskörper des Hyperzellers oder der Erwerbsorganisation zu binden. Bei kurzfristiger Inanspruchnahme von Dienstleistungen anderer fallen solche zusätzlichen Verpflichtungen weitgehend weg, was den Dienstgeber noch flexibler und gegenüber Wettbewerbsveränderungen anpassungsfähiger werden läßt.
 
 

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