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Die Entstehung der Hyperzeller
In den ersten beiden Kapiteln habe ich darzulegen versucht, daß die natürliche Auslese nicht eigentlich an den materiellen Strukturen der Lebewesen ansetzt, sondern an Leistungen, die Lebewesen erbringen müssen, um bestehen und die Entfaltung des Lebens fortsetzen zu können. Stimmt meine Behauptung, daß die meisten dieser Leistungen über sehr verschiedene Körperbildungen und Verhaltensweisen realisiert werden können, dann kommt es ganz offensichtlich nicht so sehr auf die konkrete Beschaffenheit dieser Körper und Verhaltensweisen an, sondern darauf, was sie leisten, also auf ihr Ergebnis, auf ihren Erfolg. Wir werden später sehen, daß dieser durchaus meßbar ist.
Wie ich anhand zahlreicher Beispiele gezeigt habe, müssen Organe, die lebenswichtige Leistungen erbringen, nicht unbedingt mit dem Körper des Lebewesens, dem sie dienen, fest verbunden sein. Die natürliche Auslese, die darüber entscheidet, was sich behaupten und fortpflanzen kann, wird dadurch nicht beeinflußt, ebensowenig dadurch, aus welchem Material Organe bestehen und auf welche Weise sie zustande kommen. Worauf es einzig und allein ankommt, ist das Leistungsergebnis, der Erfolg. So betrachtet sind die Lebewesen weniger materielle Phänomene als vielmehr Leistungsgefüge.
In der Regel werden Organe der Lebewesen aus Zellen aufgebaut. Es gibt jedoch eine weitere Möglichkeit, zu leistungserbringenden Einheiten zu gelangen. Sie besteht darin, daß der fertiggestellte Zellkörper
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aufgrund angeborener Verhaltensweisen weitere Organe bildet, die nicht mit ihm fest verbunden sind und entweder aus körpereigenen Abscheidungen oder aus Umweltmaterial aufgebaut sein können. Solche leistungserbringende Einheiten – etwa das Spinnennetz oder der Sandtrichter des Ameisenlöwen – wurden bisher nicht als Teile des Lebewesens angesehen, sondern als dessen »Werk«. Andererseits erbringen derartige Einheiten ebenso fördernde Leistungen wie die aus Zellen gebildeten Organe und beeinflussen den Selektionswert gegenüber der natürlichen Auslese ebenso wie diese. Deshalb vertrete ich die Ansicht, daß auch sie integrale Bestandteile des Leistungskörpers der Lebewesen sind.
Wenn es in der Evolution nur verhältnismäßig selten zu dieser zweiten Möglichkeit der Organbildung kam, dann liegt das wohl nicht zuletzt daran, daß sie ziemlich komplexe Verhaltenssteuerungen erfordert, die über Mutationen und Rekombinationen nur unter sehr günstigen Voraussetzungen zustande kommen. Man hat deshalb dieser Möglichkeit, die lediglich in manchen Tiergruppen besondere Fortschritte zeitigte, keine besondere Aufmerksamkeit geschenkt, ja die damit verbundenen Vorgänge gar nicht als Organbildung eingestuft.
Bei den höheren Wirbeltieren steigerte sich indes die Fähigkeit, über Lernvorgänge individuelle Verhaltenssteuerungen zu bilden, so sehr, daß schließlich ein Lebewesen entstand, das aufgrund besonderer geistiger Fähigkeiten zielbewußt zusätzliche Organe bildet. Über sprachliche Verständigung vermag es außerdem die Anweisungen, wie diese zusätzlichen Organe herzustellen und einzusetzen sind, an Artgenossen weiterzugeben. Weil so die Bindung an angeborene Verhaltensweisen und die Abhängigkeit vom Genom entfielen, vermochte dieses Lebewesen weit
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schneller an solche von seinem Körper getrennte Organe zu gelangen, und dieser Bildungsmodus konnte sich fast unbeschränkt entfalten und immer weiter Leistungssteigerungen ermöglichen. Da das Lebewesen, über das sich diese evolutionäre Wende vollzog, wir selbst sind – der Mensch –, fällt es uns schwer, den Übergang objektiv zu sehen.
Er bringt es unter anderem mit sich, daß der Mensch nicht eine unter vielen Arten von Säugetieren ist, sondern funktionell am ehesten mit jenen Einzellern verglichen werden kann, über welche die Bildung von Vielzellern ihren Ausgang nahm. Wie bis heute jeder vielzellige Organismus aus einer Einzelzelle – der Keimzelle – hervorgeht, so haben auch die größeren Leistungskörper, die der Mensch aus zusätzlichen Organen aufbaut, stets einen oder mehrere Menschen als steuerndes Zentrum. Ich bezeichne diese größeren Lebenseinheiten als Hyperzeller und behaupte, daß sie die Evolution der Einzeller und der Vielzeller unmittelbar fortsetzen.
Der Wendepunkt
Mit dem für unsere Weltanschauung so wichtigen Thema der Stellung des Menschen in der Lebensentwicklung haben sich Vertreter sehr verschiedener Denkrichtungen in ausführlichen Arbeiten beschäftigt; wir werden auf einige dieser Ansichten näher eingehen. Zur Klärung der besonders wichtigen Frage, was unsere geistigen Fähigkeiten jenen der uns am nächsten verwandten Tiere so außerordentlich überlegen macht, scheint mir keine Untersuchung mehr beizutragen als die bereits 1921 von Wolfgang Köhler ausgeführten Experimente mit Schimpansen.
Als Köder diente bei diesen Versuchen eine unter
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der Decke eines hohen Käfigs befestigte Banane. Mittel, um an diese zu gelangen, waren im Käfig verstreute leere Kisten, die aufeinandergestellt werden konnten, sowie Stockteile, die so gefertigt waren, daß sie durch Zusammenstecken einen längeren Stock ergaben. Die Intelligenz der Schimpansen (die dem Menschen entwicklungsgeschichtlich besonders nahe stehen) wurde also daran getestet, ob es ihnen unter diesen Umständen möglich wäre, an die für sie erwünschte Frucht zu gelangen.
Einigen besonders intelligenten Tieren gelang dies tatsächlich. Nach einer Reihe erfolgloser Versuche, auftretendem Ärger, eingelegten »Denkpausen« und weiteren Bemühungen bekamen sie die Situation in den Griff und lösten das Problem. Als jedoch Köhler die Kisten und die Stockteile in mehrere durch Gänge verbundene Käfige verteilte, glückte es keinem der Versuchstiere mehr, an die Banane zu gelangen. Warum? Ganz offensichtlich deshalb, weil die Kisten und die Stockteile sich nicht gleichzeitig in ihrem Blickfeld befanden. Ein besonderer Fortschritt der menschlichen Intelligenz gegenüber jener geistig höchstentwickelter Tiere – seien sie uns nahe verwandt wie die Affen, seien sie anderen Tiergruppen zugehörig wie die Oktopoden – besteht offenkundig darin, daß wir Erfahrungswerte, auch wenn sie räumlich oder zeitlich getrennt an uns gelangen, in unserem Gehirn – unserem Vorstellungsvermögen, unserer Phantasie – miteinander verbinden können. Das ermöglicht uns, Eindrücke und Erfahrungen, die wir an verschiedenen Orten und zu verschiedenen Zeitpunkten gewonnen haben, trotzdem »im Geist« wie auf einen Projektionsschirm zu rufen und dort, soweit unsere Erinnerungsfähigkeit es zuläßt, miteinander zu vergleichen und gegeneinander abzuwägen. In dieses Spiel von Vorstellungen und Gedanken vermögen
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wir auch uns selbst objektiv einzubeziehen – was wir als unser Ichbewußtsein erleben. Wir können beliebig Pläne schmieden, uns überlegen, welche Folgen diese oder jene Handlung nach sich ziehen mag, und wir können bei solcher Kombination und Planbildung auch Fehler in der möglichen Realisierung entdecken, ohne dies praktisch erproben zu müssen. Wir können also genau das, was in der bisherigen Evolution nur über sehr viele Mutationen und Rekombinationen verwirklicht wurde, bereits im voraus auf seine Erfolgschancen prüfen. Voraussetzung ist bloß, daß wir über das nötige geistige Handwerkszeug verfügen: über Eindrücke und Erfahrungen, die für die betreffende Problematik von Belang sind und so für unsere innere Erforschung der Zusammenhänge und der Auswirkungen herangezogen werden können.
Ob es der Forschung je gelingen wird, genau zu ermitteln, wo und über welche Vorgänge in dem ungeheuer vernetzten Geflecht von Ganglienzellen unserer Großhirnrinde diese neue Leistungsfähigkeit zustande kommt, ist fraglich. Da es jedoch hierbei verschiedene Grade der Begabung gibt und diese Fähigkeit auch bei Ermüdung, Erkrankung und Gehirnschäden deutlich abnimmt oder gar ganz erlischt, kann kaum ernsthaft daran gezweifelt werden, daß es auch hier um konkrete Leistungen des Gehirns geht.
Wie beim Bau einer Brücke, auch wenn sie noch so lang ist, nur der letzte Meter zählt, der schließlich die Verbindung zum anderen Ufer herstellt – woraus sich neue Möglichkeiten ergeben –, so ist es auch denkbar, daß bei der allmählichen Entwicklung der Lern- und Kombinationsfähigkeit der Lebewesen, die sich bis zu den Einzellern zurückverfolgen läßt, zum Schluß nur ein winziger letzter Fortschritt notwendig war, um funktionell »das andere Ufer zu erreichen«, wo sich dann neuartige Möglichkeiten eröffneten.
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Analysiert man den Vorgang im Blick auf eine Verbesserung im Leistungsgefüge, dann ist festzustellen, daß hier eine entscheidend wichtige Grundleistung, jene der Bildung neuer, leistungssteigernder Organe, beim Menschen vom Genom in die Kompetenz der für Intelligenzleistungen zuständigen Großhirnrinde überging. Wie in einem kühnen Sprung verlagerte sie sich von einer Einheit (den DNS-Fäden des Genoms) auf eine gänzlich andere (auf Ganglienzellen der Großhirnrinde). Dieser Übergang auf eine andere Einheit wurde zum Ausgangspunkt für unabsehbar viele weitere Leistungssteigerungen. Besondere »Großmutationen« waren dafür nicht notwendig. Wir kommen auf das Thema etwas später ausführlicher zurück. Diese Leistungsverlagerung hätte jedoch keine besonderen Auswirkungen gehabt, hätte sich nicht gleichzeitig eine zweite vollzogen. Aufgrund der differenzierten sprachlichen Verständigung beim Menschen konnten die so zustande kommenden Fortschritte unmittelbar an andere Artgenossen weitergegeben werden. Die Anweisungen für den Aufbau zusätzlicher Organe und für deren Verwendung mußten also nicht länger in den DNS-Fäden des Genoms kodiert sein.
Auch in diesem Fall verlagerte sich eine wichtige Funktion von einem materiellen Gefüge auf ein völlig anderes, nämlich wiederum vom Genom auf die Großhirnrinde, genauer: von dem für Fortpflanzung zuständigen Bereich der Gene auf die in der Großhirnrinde zuständigen Bereiche für sprachliche Verständigung. Auch diese zweite Verlagerung ist insofern mit einem gewaltigen Sprung zu vergleichen, als die eine funktionelle Einheit die andere in keiner Weise direkt beeinflußte. Ein Organkomplex (die Großhirnrinde) mischte sich auch hier gleichsam in die bisherige Kompetenz eines anderen ein. Er übernahm dessen Aufgabe im arbeitsteiligen Gefüge des
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Körpers, ja führte diese besser weiter. Dadurch wurden Fortschritte möglich, welche die ursprüngliche Einheit nie hätte erbringen können. Man kann diesen Vorgang ebenfalls als Leistungsverlagerung bezeichnen oder als Shift (englisch für »Verschiebung, Umschwung, Lagenwechsel, Richtungsänderung«), was den Unterschied zur Mutation noch besser zum Ausdruck bringt. Bei Mutationen führt, wenn sie sich als günstig erweisen, eine Änderung in der materiellen Beschaffenheit des Genoms zu Leistungsverbesserungen. Beim Shift gehen Leistungen von einem Organgefüge auf andere über (die somit auch über einen anderen Selektionsdruck zustande kamen). Hier besteht deshalb kein unmittelbarer kausaler Zusammenhang zwischen der einen Bildung und der Entstehung der anderen. Indes ist auch hier kein gezielter Wille am Werk, sondern, ebenso wie bei den Mutationen, der Zufall.
Verwenden wir die Bezeichnung Shift für derartige Leistungsverlagerungen, dann müssen wir allerdings im Auge behalten, daß zwar deren Ergebnisse ungeheure neue Möglichkeiten eröffnen können, es jedoch unter Umständen beträchtliche Zeit dauert, ehe diese Möglichkeiten Wirklichkeit werden. Im Fall der Bildung zusätzlicher Organe durch den Menschen und der sprachlichen Weitergabe ihrer Herstellungs- und Verwendungsvorschriften vollzog sich die Realisierung zunächst überaus langsam und zögernd. Über eine Million Jahre lang verwendete der Urmensch günstig geformte Geröllsteine oder deren Bruchstücke zur Verbesserung der Leistungsfähigkeit seiner Hand (Pebblekultur). Eine weitere Million Jahre nahm die Verbesserung des zugerichteten Faustkeils und seiner Abschläge als Schaber, Messer, Bohrer usw. in Anspruch. Immerhin dürften unsere Vorfahren in dieser langen Zeitspanne bereits über eine beträchtliche
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Anzahl zusätzlicher Organe verfügt haben, die aus pflanzlichem und tierischem Material gefertigt wurden, das keine Spuren hinterließ (Grabstock, Wurfspeer, Fellkleidung, Lederschuhe, Seile, Netze, Fallen und vieles andere). Doch erst in den letzten 10000 Jahren haben sich die Möglichkeiten dieser eminenten Fortschritte mit zunehmender Schnelligkeit realisiert. Dabei spielten Erfindungen zur besseren Fortbewegung, zur Informationsübermittlung und zur Energieverwertung eine wesentliche Rolle, förderten sich gegenseitig und steigerten sich so.
Neben diesen beiden Shifts – wenn wir im weiteren diese Bezeichnung für Leistungsverlagerungen von einer funktionellen Einheit auf eine andere verwenden wollen – war zur »Menschwerdung« jedoch noch ein dritter, nicht minder wichtiger nötig. Denn alle Fortschritte, welche die vom Menschen gebildeten Hyperzeller auszeichneten, hätten nie erfolgen können, wenn unsere Urvorfahren an diesem entscheidenden Entwicklungspunkt nicht über geeignete Organe verfügt hätten, die es ihnen ermöglichten, diese gesteigerte Leistungsfähigkeit auch in die Tat umzusetzen. Unsere Hände mit dem opponierenden Daumen waren ideal zum Werkzeuggebrauch und zur Werkzeugherstellung geeignet. Wie allgemein bekannt ist, verdanken wir sie der Anpassung unserer Vorfahren an die kletternde Lebensweise in Urwaldbäumen. Eine dritte, somit auf eher prosaische Art erreichte funktionelle Einheit mußte somit noch hinzukommen, damit das »jenseitige Ufer« nicht nur erreicht wurde, sondern dort auch etwas unternommen werden konnte. Wie bedeutend der Beitrag der Hände zu allem ist, was der Mensch schuf und erreichte, wird weithin zugunsten der geistigen Fortschritte vergessen. Ein praktisches Beispiel zeigt vielleicht am besten, wie wenig bei der Beurteilung evo-
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lutionsnotwendiger Leistungen Wertvorstellungen am Platz sind.
Betrachten wir die Delphine. Wie Dressurversuche in Ozeanarien gezeigt haben und auch die Ausbildung ihres Gehirns verrät, sind diese ins Meer zurückgekehrten Landwirbeltiere besonders intelligent und verfügen auch über eine sehr differenzierte akustische Verständigung. Trotzdem könnten Delphine auch in Millionen Jahren keine dem Menschen ähnliche evolutionäre Entwicklung einleiten, und zwar deshalb, weil es ihnen an geeigneten Greiforganen fehlt, um Werkzeuge herzustellen und diese zielführend einzusetzen. Sie können sich weder einen Bleistift fertigen noch diesen gebrauchen, noch einen Postkasten anfertigen, noch eine Postorganisation auf die Beine stellen – um nur eine Entwicklungskette als Beispiel anzuführen. Dabei legen diese Zahnwale in ihrer Embryonalentwicklung immer noch die gegliederten Finger der vorderen Gliedmaßen ihrer Landvorfahren an. Doch diese Relikte sind jetzt in den steifen Flossenblättern versteckt und können nicht mehr reaktiviert werden. Und ebensowenig könnten sich die Flossenblätter über Mutationen und Rekombinationen in effiziente Greiforgane verwandeln.
Dieses Beispiel zeigt, wie die Entfaltung des Lebens manchmal nur über eine Verbindung sehr verschiedener Leistungen möglich wurde. Manche Leistungen erfordern stärker differenzierte materielle Gefüge als andere, doch für den Evolutionsverlauf sind Leistungen sehr verschiedener Qualität gleichermaßen wichtig. Für uns Menschen stellt sich das Geistige leicht als eine andere Seinsebene dar. Für das Zustandekommen benötigter Leistungen gibt es indes keine prinzipiellen Wertunterschiede. Das Beispiel der Greifhand, die wir der Klettertätigkeit in Urwaldbäumen verdanken, zeigt dies sehr anschaulich. Und
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wie jeder weiß, führen nicht selten auch angestrengte geistige Bemühungen zu erheblichen Mißerfolgen, während das zufällige Zusammentreffen günstiger Umstände schon oft zum Ausgangspunkt bedeutender Erfindungen und Erfolge geworden ist.
Welche Leistungsverlagerung fand nun bei den Affenhänden statt? In diesem Fall veränderte sich nicht das Organ, sondern die Umwelt. Vor etwa 3 Millionen Jahren wurden aufgrund von Klimaänderungen die Urwälder spärlicher, und die Savannen breiteten sich immer weiter aus. Das war nach heutiger Ansicht die Ursache dafür, daß einige Affen in die Steppe übersiedelten und sich den dortigen Gegebenheiten anpaßten. Es kam zur Aufrichtung des Körpers und zur Fortbewegung auf den Hinterbeinen; Vorderbeine und Kletterhände wurden so für andere Tätigkeiten verfügbar. Das aber war die Voraussetzung dafür, daß zusätzliche Organe Verwendung fanden, zuerst Äste und Steine, die zu Grabstock und Wurfspeer, zum Faustkeil, zum Schaber usw. funktionalisiert wurden und dann immer weitere Leistungsfähigkeiten möglich machten.
So verlagerte sich nicht eine Leistung auf eine andere funktionelle Einheit, sondern ein für eine andere Funktion (Klettern auf Bäumen) entwickeltes Organ ermöglichte unverhofft eine wesentliche Leistungssteigerung in einem anderen Funktionsbereich. Auf diese weitere Möglichkeit für plötzliche Fortschritte kommen wir noch zurück.
Spezialist in vielseitiger Spezialisierung
Wie ist nun dieser Vielzeller besonderer Art, der durch eine zunehmende Anzahl zusätzlicher Organe seinen genetischen Körper immer leistungsfähiger macht, aus
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Sicht der Evolution einzustufen? Die in den vorangehenden Kapiteln angeführten Lebewesen, die aufgrund angeborener Verhaltensweisen zusätzliche Organe bilden, sind mit diesem Wesen kaum vergleichbar. Bei ihnen verbessert sich durch die zusätzliche Organbildung meistens nur eine Leistungsfähigkeit (etwa bei Nahrungserwerb, Feindabwehr oder Fortpflanzung), was sie in der Regel zu extremen Spezialisten macht. Der Mensch dagegen gelangte zu der Fähigkeit, so gut wie alle für Lebewesen maßgebenden Grundleistungen sowie viele Hilfsleistungen durch zusätzliche Organe zu verbessern. Das aber erlaubt ihm, sich abwechselnd auf sehr verschiedene Tätigkeiten zu spezialisieren. Wie Teilhard de Chardin treffend formulierte, vermag hier »dasselbe Individuum gleichzeitig Maulwurf, Vogel oder Fisch zu sein«. Als einziges unter allen Tieren habe »der Mensch die Fähigkeit, Abwechslung in sein Werk zu bringen, ohne endgültig sein Sklave zu werden«.
Es ist hier vielleicht angebracht, die generellen Vor- und Nachteile der Spezialisten kurz ins Gedächtnis zu rufen. Je mehr ein Lebewesen auf eine bestimmte Leistung spezialisiert ist, um so mehr wird es in den Biotopen und Nischen, wo es akkurat auf diese ankommt, Konkurrenten überlegen. Es kann dort sogar zu einer Monopolstellung gelangen, wie das bei zahlreichen extrem spezialisierten Arten der Fall ist. Diese Chance erkauft jedoch der Spezialist mit einem entsprechend größeren Risiko. Ändern sich die Umweltbedingungen, etwa das Nahrungsangebot, dann hat er kaum eine Möglichkeit zu überleben. Blutsaugende Mücken sind auf eine bestimmte Beute, der sie mit ihrem Saugapparat Blut entziehen können, angewiesen. Die Mistel, die sich die kostspielige Bildung von Stämmen und Wurzeln erspart, kann in ihrer Sonderstellung nicht überleben, wenn Umstände eintreten,
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die ihre Strategie und die sich daraus ergebenden Privilegien zunichte machen. Sterben die Vögel aus, die ihre Verbreitung besorgen, dann stirbt auch sie aus.
Bei der menschlichen Berufstätigkeit ist es nicht anders. In der heute immer komplexer werdenden Wirtschaft wird jeder neu auftauchende Bedarf zu einer neuen »Nische«, auf deren Erschließung sich Anbieter spezialisieren können. Ist nur einer dazu imstande, erringt er hier ein Monopol.
Konrad Lorenz bezeichnete den Menschen als einen »Spezialisten auf Unspezialisiertsein«. Er gründete diese Einschätzung darauf, daß der Mensch als Generalist über höchst verschiedene Fähigkeiten verfüge. So könne er etwa an einem Tag 35 Kilometer marschieren, an einem Hanfseil fünf Meter emporklettern und unter Wasser in vier Meter Tiefe 15 Meter weit schwimmen und dabei einige Gegenstände vom Grund heraufbringen, »was kein anderer Säuger vermag«. Diese Einschätzung des Menschen ist zweifellos berechtigt, wenn man der bisherigen Meinung anhängt, daß die zusätzlichen Organe nicht zu berücksichtigen seien. Auf ihnen beruht jedoch andererseits die Überlegenheit und damit der Selektionswert des Menschen. Ein nackter, isoliert aufwachsender Mensch hat heute kaum noch eine Chance zu überleben. Die Besonderheit des Menschen wird aus dieser Perspektive außer acht gelassen. Denn als einziges unter allen Lebewesen vermag er seinen Körper laufend zu verändern.
Jagt ein Eingeborener mit einem Wurfspeer eine Gazelle, dann ist er besser als die meisten Raubtiere auf Beuteerwerb spezialisiert. Verstaut er den Speer in der Hütte und zieht anschließend ein Boot ins Wasser, mit dem er trockenen Fußes einen Fluß überquert, dann ist er ein völlig anders spezialisiertes Lebewe-
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sen. Nirgends auf unserem Planeten hat die Evolution etwas Ähnliches hervorgebracht: ein Lebewesen, das seinen Leistungskörper nach Belieben verändert. So gesehen, muß man den Menschen wohl weit eher als einen Spezialisten in vielseitiger Spezialisierung einstufen.
Für uns Menschen dürfte kaum etwas schwieriger sein, als uns von unserer subjektiven Selbsteinschätzung frei zu machen. Wohl ist es jedermann klar, daß Werkzeuge, Waffen, Maschinen, Bauten und sonstige Hilfsmittel unsere Leistungsfähigkeit erheblich steigern, und jeder setzt sich heftig zur Wehr, wenn ein anderer ihm solche zusätzlichen Organe wegnehmen will. Doch da die Nerven und die Blutgefäße nicht in diese Einheiten hineinreichen, empfinden wir sie als etwas von uns Getrenntes, und wir denken nicht einen Augenblick daran, daß getrennte Einheiten uns kaum wirklich dienen könnten, wenn sie etwa mit unserem Körper verwachsen wären.
Carl von Linné stufte den Menschen in seinem System der Lebewesen als Art Homo sapiens ein. Die später von Louis Leakey gewählte Bezeichnung Homo habilis für einen unserer Urvorfahren deutet bereits an, daß es nicht so sehr auf die geistigen Fähigkeiten ankommt als vielmehr darauf, wozu der Mensch diese einsetzt. Aus der Sicht meiner Theorie repräsentiert unser ferner Vorfahr den letzten Vielzeller in der über die Affen verlaufenden Entwicklungslinie und gleichzeitig den ersten Hyperzeller: das erste Lebewesen, das die Leistung seines Körpers aufgrund geistiger Fähigkeiten durch Bildung zusätzlicher Organe beliebig steigern kann. In ständiger Veränderung vermag der Mensch sich abwechselnd einmal auf diese und dann wieder auf jene Spezialleistung auszurichten. Die Ablegbarkeit der zusätzlichen Organe, ihr Nicht-mit-dem-Körper-verwachsen-Sein ist dafür die nötige Voraus-
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setzung. Wer mit einem Bleistift schreibt, ist auf eine gänzlich andere Spezialtätigkeit ausgerichtet, als wenn er anschließend mit Pfannen und Töpfen hantiert, um eine Speise zuzubereiten. Zur Benennung dieses ersten Vertreters einer neuen Ära der Lebensentwicklung, also des ersten Hyperzellers, erscheint mir eine neue Bezeichnung berechtigt, und als solche wähle ich Homo Proteus. Sie ist der griechischen Mythologie entnommen. Proteus hieß ein in einer Höhle hausender Riese, der beliebig seine Gestalt verändern konnte. Wie ein Zauberkünstler vermag der Mensch seinen Körper künstlich zu ergänzen und vielseitig zu verbessern. Das ist sein entscheidendes Merkmal.
Ich habe in aller Welt Menschen bei den verschiedensten Aktivitäten gefilmt. Um ihre Tätigkeit nicht zu beeinflussen, verwendete ich ein Objektiv mit eingebautem Spiegel, das sie glauben ließ, ich filmte in eine andere Richtung. Gleichzeitig veränderte ich den normalen Zeitablauf durch Zeitraffung, bei Nahaufnahmen durch Zeitlupe. Wie ich feststellte, zwingen solche Aufnahmen unser Gehirn, den Menschen einmal aus einer ungewohnten Perspektive zu sehen, und führen so zu mancher interessanten Einsicht. Auf der Insel Bali filmte ich mit dieser neuen Methode einen Ziegelmacher bei seiner Arbeit. Die stark »verschnellte« Aufnahme zeigte später deutlich, wie maschinenhaft seine Handgriffe aufeinander abgestimmt waren. Mit stets gleichen Bewegungen füllte er eine roh gefertigte Holzform mit Lehm, strich sie glatt, hob das Holzgestell ab – und zwölf fertige Ziegel lagen auf dem Boden, wo sie dann trockneten. Daneben legte er den Rahmen wieder auf den Boden und füllte die Abschnitte abermals mit Lehm. In einer Automobilfabrik in Deutschland filmte ich einige Monate später die Bewegungen der Arbeiter an einem Fließband,
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unter ihnen zwei Männer an einer Spezialmaschine, deren Bedienung etwa achtzig präzise Handgriffe erforderte. Der eine war ein Anfänger, und ich konnte später bei der Analyse dieser Aufnahme deutlich sehen, wie schwer es für ihn war, die Bewegungen richtig auszuführen und den Gesamtablauf ökonomisch abzustimmen. Beim zweiten Mann, der schon seit drei Jahren an dieser Maschine arbeitete, war die Koordination perfekt. Die Maschine war wohl von ihm körperlich getrennt, doch er schien trotzdem mit ihr zu einer Einheit verwachsen. Sie war zu einem integralen Bestandteil seines Leistungskörpers geworden, selbst wenn seine Nerven und seine Blutgefäße nicht in ihre Metallstruktur hineinreichten.
Dieser Anblick legte mir eine wichtige und überraschende Schlußfolgerung nahe. Bei jeder derartigen Abstimmung eines Menschen mit Werkzeugen und Maschinen wird im Gehirn des Betreffenden eine besondere »Software« zur Steuerung aufgebaut, die wahrscheinlich ähnlich beschaffen ist wie die angeborenen Steuerungsprogramme, die das Instinktverhalten von Tieren lenken. Diese stellen, wie sich aus Experimenten mit Gehirnsonden schließen läßt, komplexe »Verdrahtungen« zwischen zahlreichen Ganglienzellen dar. Beim Menschen und allen lernbefähigten Tieren kommen solche Steuerungsprogramme über Lernvorgänge zustande und werden zu ebensolchen funktionellen Einheiten wie das Werkzeug oder die Maschine, die sie lenken. Auch sie müssen als zusätzliche leistungserbringende Einheiten angesehen werden, doch sind sie nicht vom Körper getrennt, sondern kommen im Gehirn durch Veränderung der Ganglienstruktur zustande. Das aber bedeutet, daß zusätzliche Organe nicht unbedingt vom Körper getrennt sein müssen. Wesentlich ist bloß, daß ihre Herstellung und ihre Steuerung nicht im Erbgut
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(Genom) kodiert sind und nicht über Zellteilung fortgepflanzt werden können.
Bei allen sämtlichen »Lerntieren«, die ihre Erfahrungen und ihre Errungenschaften nicht an Nachkommen oder sonstige Artgenossen weitergeben können, gehen jene mit dem Tod des Individuums zugrunde. Sie tragen somit nicht zur Höherentwicklung der jeweiligen Art bei. Beim Menschen dagegen, der sie über Gesten, Sprache und Schrift auf andere übertragen kann, pflanzen sie sich auf diese Weise unabhängig von seinem Genom fort und steigern die Fähigkeiten innerhalb der Populationen.
Festzuhalten ist daher, daß fast jedes zusätzliche Organ, das Homo Proteus bildet, noch weitere erfordert, die bloß Veränderungen von organisch gebildeten Strukturen darstellen. Für die vielseitige Spezialisierung dieses besonderen Lebewesens, das die Ära der Hyperzeller einleitete, waren somit von Anbeginn zwei höchst verschiedene Typen zusätzlicher Organe gleichermaßen wichtig: erstens solche, die bewußt aus Umweltmaterial gebildet werden und die wir subjektiv nicht als Bestandteile des menschlichen Körpers ansehen, weil sie von diesem getrennt sind und nicht aus Zellen bestehen; zweitens weitere, die über Lernvorgänge zustande kommen und in der Ganglienstruktur so eingebettet sind, daß wir sie erst recht nicht als gesonderte Organe betrachten, obwohl sie ebenso Erbringer benötigter Leistungen sind wie etwa die Lunge oder das Herz. Da nun aber die einen ohne die anderen nicht funktionieren, beeinflussen beide den Selektionswert der vom Menschen ausgehenden Strukturbildung. Sie sind deshalb von wesentlicher Bedeutung für die meßbare Erfassung der Selektionswerte, auf die wir noch zu sprechen kommen.
Durch die Bildung zusätzlicher Organe konnte Homo Proteus und die ihm nachfolgenden Hyperzeller fak-
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tisch alle für Lebewesen maßgebenden Grundleistungen und ebenso die meisten Hilfsleistungen verbessern. Daß zunächst weitere Schutzorgane und Organe zur Verbesserung des Nahrungserwerbs im Vordergrund standen, liegt auf der Hand. Ohne Energie und ohne Stoffe ist kein Lebensvorgang und keine Fortpflanzung möglich. Beim Menschen beruht der Nahrungserwerb, wie bei allen Tieren, auf dem räuberischen Akt des Fressens anderer Lebewesen, den ein angeborener Trieb steuert. Es ist wichtig hervorzuheben, daß die besonderen geistigen Leistungen unseres Urvorfahren, sein Ichbewußtsein und die neuen Verhaltenssteuerungen, zu denen er über bewußte Lernakte gelangte, zu den angeborenen Raubinstinkten in keinerlei Gegensatz traten. Im Gegenteil: Intelligenz und Instinkt arbeiteten in diesem Bereich bestens Hand in Hand, indem die Intelligenz zum Werkzeug effizienterer Nahrungsgewinnung und geschickterer Feindabwehr wurde.
Mittels der künstlich hergestellten Waffen konnten Hyperzeller erfolgreicher als Konkurrenten an Beute gelangen und sich gegen Raubtiere zur Wehr setzen. Sie konnten sich besser gegen die natürliche Auslese durchsetzen, sich immer neue Lebensbereiche erobern und sich dort ausbreiten. Zwei Großleistungen menschlicher Intelligenz waren in der Folge die künstliche Bodenbestellung und die Viehzucht. Beim Ackerbau beruht der Intelligenzakt auf der Erkenntnis, daß Früchte und Samen, wenn man sie nicht ißt, sondern in geeigneten Boden versenkt, Monate oder Jahre später zu einem vielfach größeren Nahrungsgewinn führen können. Bei der Viehzucht geht es um die ähnliche Einsicht, daß es vorteilhafter ist, erbeutete Tiere nicht zu töten und aufzuessen (wie es die angeborenen Instinktsteuerungen fast zwingend nahelegen), sondern sie zu pflegen, zu ernähren, zu schützen
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und zur Fortpflanzung zu bringen. Auch dies kann dann bewirken, daß man Monate oder Jahre später mit weit weniger Mühe als über Jagd und Fallenstellen an Beute gelangt. Beide neuen Methoden erforderten zusätzliche Organe: zur Rodung und zum Aufgraben des Bodens, dazu Käfige, Zäune und Ställe für das Vieh. Vor allem jedoch erforderten sie die Fähigkeit, im Gehirn – in der Phantasie, im Vorstellungsvermögen – Ursachen und Wirkungen, die zeitlich weit voneinander entfernt waren, miteinander zu verknüpfen und so zu neuen, zielgerichteten Verhaltenssteuerungen zu gelangen.
Man kann mit Fug und Recht sagen, daß im Blick auf die Lebensentwicklung Homo Proteus dergestalt zu einem besonders effizienten und erfolgreichen Räuber wurde. Er konnte nun seßhaft werden, zwang den Boden, ihm zu liefern, was er brauchte, und ersparte sich Risiko und weite Wege. Durch gezielte Zucht gelang es ihm sogar, die Bildung neuer Rassen von Tieren und Pflanzen zu bewirken, deren Eigenschaften seinen Wünschen noch besser entsprachen als die ursprünglichen Arten. Dieser Vorgang ließ später Darwin erkennen, daß über eine analoge Auslese von seiten der Umweltfaktoren sich im Lauf der Evolution ganz automatisch das jeweils Bestgeeignete im »Kampf ums Dasein« durchsetzt und so eine natürliche Auslese zur Bildung immer besser angepaßter, effizienterer und höher differenzierter Arten führt, von denen sich dann wiederum neue, auf andere Umweltbedingungen spezialisierte Arten abspalten können.
Häufig wird übersehen, daß gerade die eigenen Artgenossen zwangsläufig zu gefährlichen Gegnern, ja zu erbitterten Feinden werden können. Da sie sowohl in ihrer körperlichen Ausstattung als auch in ihrem angeborenen Verhalten auf die Erschließung
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der genau gleichen Energie- und Stoffquellen ausgerichtet sind, sind sie die ärgsten Nahrungsrivalen. Bei den Pflanzen geht es im innerartlichen Konkurrenzkampf – da Sonnenlicht fast überall reichlich vorhanden ist – besonders um geeignete Standorte und Böden sowie um das an Land oft schwierig zu gewinnende Wasser. Wenn wir jedoch beobachten, wie Bodenpflanzen und Bäume ihre Blätter über jene von Konkurrenten erheben, zeigt dies deutlich, daß trotz allem auch um das verfügbare Licht ein erbitterter Konkurrenzkampf herrscht. Bei den Tieren geht es dagegen eindeutig um Nahrung, um die Beute, die sowohl Energie als auch Stoffe liefert.
Zu einer Verschärfung dieser Situation kommt es bei Tierarten, die soziale Verbände, etwa Rudel, bilden. Solche Gemeinschaften werden zu Lebenseinheiten höherer Ordnung, für die, wiederum zwangsläufig, andere Rudel der eigenen Art gefährlichste Konkurrenten sind, da sie auf die genau gleichen Nahrungsquellen aus sind. Deshalb fördert bei rudelbildenden Arten die natürliche Auslese, die stets das Bestgeeignete begünstigt, die Ausbildung angeborener Verhaltensweisen, welche die Angehörigen der Verbände fester aneinander binden, zur Arbeitsteilung anregen und so diese größeren Lebenseinheiten konkurrenzfähiger machen. Es entstehen soziale Instinkte, die sich in der Bereitschaft zu gegenseitiger Hilfe, zur Zusammenarbeit, zur Unterwerfung unter das Kommando von Leittieren, ja zur Aufopferung für die Gemeinschaft äußern. Außerdem äußern sie sich in einer angeborenen Kampfbereitschaft gegenüber konkurrierenden Rudeln, auch wenn es solche von Artgenossen sind.
So war es auch bei Homo Proteus. Wie seine Vorfahren – und wie die heute noch lebenden Primaten – lebte er in kleineren sozialen Verbänden. Als er nun
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damit begann, seinen somatischen Körper durch zusätzliche Organe zu verbessern, kam ein völlig neuer Faktor im Verhalten gegenüber Artgenossen in die Welt. Wie ich schon hervorhob, bringen die zusätzlichen Organe entscheidende Vorteile: Sie belasten den Menschen nicht, wenn er sie nicht braucht, sind austauschbar und ermöglichen vielseitige Spezialisierung. Innerhalb von Verbänden können mehrere Mitglieder zusammenwirken und größere Gemeinschaftsorgane bilden, wozu der Einzelne nicht imstande wäre. Diese können dann auch anderen im Verband dienen und so dessen Leistungsfähigkeit steigern. Größere Gebäude wie eine Brücke, ein Schutzwall oder eine Wasserleitung sind Beispiele dafür. Wir kommen auf die große Bedeutung der Gemeinschaftsorgane noch ausführlich zurück. Die zusätzlichen, vom Zellkörper getrennten Organe führen andererseits zu einem schwerwiegenden Problem, denn der Umstand, daß sie auch von anderen verwendet werden können, verlockt dazu, sie zu entwenden oder zu rauben und dem eigenen Leistungskörper anzugliedern.
Hier ist zu bedenken, daß es bis zu diesem Zeitpunkt in der gesamten Evolution der Organismen einem Lebewesen kaum je möglich war, einem anderen Lebewesen ein aus Zellen gebildetes Organ zu rauben. Frißt ein Tier ein anderes, kann es bloß dessen organische Struktur abbauen und dann mit Hilfe der gewonnenen Energie und der brauchbaren Stoffe eigene Körperstruktur bilden. Bei diesem Vorgang gehen jedoch im Durchschnitt 90 Prozent des Bruttogewinns verloren. Werden dagegen zusätzliche Organe entwendet, kommt es nicht zu einem vergleichbaren Verlust. Entwendet etwa Hyperzeller A dem Hyperzeller B ein Messer, dann setzt dieses bei A ohne Werteinbuße oder Einschränkung seine
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funktionellen Dienste fort, sofern er diese kennt und beherrscht.
Durch Gesetz, Religion und Sitte wurde wohl innerhalb der Verbände dieser Tendenz entgegengewirkt; auch darauf kommen wir noch zurück. Doch läßt sich schwerlich bestreiten, daß die menschliche Intelligenz auch für solche Erwerbshandlungen eine große Hilfe war.
Daraus geht wiederum hervor, daß die vom Menschen gebildeten Hyperzeller noch weit mehr als rudelbildende Tiere Ursache hatten, einander feindlich zu begegnen. Für die organisierten Verbände von Homo Proteus wurden somit nicht nur fremde Reviere zum lohnenden Beuteziel, sondern noch mehr die ertragbringenden Äcker und Viehherden, vor allem aber auch sämtliche Waffen, Werkzeuge, Kleider, Bauten und sonstige zusätzliche Organe – der gesamte Besitz fremder Gemeinschaften, der dem eigenen Leistungskörper unmittelbar angegliedert werden konnte.
Neben den großen Vorzügen, die zusätzliche Organe den Hyperzellern boten, waren diese deshalb von Anbeginn mit der bedenklichen Hypothek belastet, daß sie quasi zu ihrem gewaltsamen Erwerb einluden. Insofern hätte schon in jener Zeit, da die ersten zusätzlichen Organe entstanden, ein damals lebender Philosoph voraussagen können, daß sich die Hyperzeller noch in weit erbitterteren Kriegen bekämpfen würden als die Tiere, und zwar auch dann, wenn Vernunftgründe und Gefühlsregungen eindeutig dagegen sprachen. Das war gleichsam der Preis, den der Spezialist in vielseitiger Spezialisierung für sein Privileg, eine neue Ära der Lebensentwicklung einzuleiten, zu bezahlen hatte.
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Leistungstausch und die Funktion des Geldes
Ähnlich, wie sich vor rund 1,8 Milliarden Jahren aus den Einzellern die ersten Vielzeller entwickelten, begann vor nur etwa zwei Millionen Jahren mit Homo Proteus die Entwicklung der Hyperzeller. Bei beiden Übergängen verlagerten sich Leistungen auf neue, effizientere funktionelle Einheiten. Bei den Vielzellern übernahmen vielzellige Organe die Funktionen der Organellen der Einzeller. Bei den Hyperzellern waren es direkt aus Umweltmaterial gebildete zusätzliche Organe, welche die Leistungen vielzelliger Organe steigerten oder durch noch bessere ersetzten. Um einen Überblick über die Entfaltung der Hyperzeller zu gewinnen, gehen wir zunächst auf einige der wichtigsten Fortschritte näher ein, zu denen die Lebensentfaltung über sie gelangte.
Zentrum jedes Hyperzellers ist stets ein Mensch, der die Leistungsfähigkeit seines Körpers durch zusätzliche Organe steigert. Bei Hyperzellern höherer Integration, etwa Wirtschaftsunternehmen, werden auch Gruppen spezialisierter Menschen zum Zentrum. Der menschliche Zellkörper, der somit stets aufbauendes und steuerndes Zentrum ist, bleibt weitgehend unverändert und pflanzt sich ebenso fort wie bisher. Was jedoch der natürlichen Auslese gegenüber zählt, sind die zusätzlichen, künstlich angefertigten Organe, die zu immer neuen Spezialleistungen verhelfen und sich unabhängig über eine andere Mechanik fortpflanzen. Wenden wir uns als erstes der Frage zu: Wer stellt sie her?
Zunächst stellte sie Homo Proteus, der Ausgangspunkt dieser neuen Entfaltung, für sich und seine Familie selbst her. Bei isoliert lebenden Naturvölkern ist das noch heute der Fall. Ähnlich wie bei anderen
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höheren Säugetieren kam es auch bei den Urmenschen zu einer Arbeitsteilung: Die Frau ist in erster Linie für Kinder und Haushalt zuständig, der Mann übernimmt als wichtigste Aufgabe die Verteidigung der Gemeinschaft, die zunächst aus einer beschränkten Anzahl von Familien besteht. Zum Nahrungserwerb tragen beide Partner bei: der Mann durch Jagd und Fallenstellen, die Frau mit den Kindern durch Sammeln von Früchten, eßbaren Wurzeln und Kleintieren. Beide Partner fertigen auch zusätzliche Organe an: der Mann in erster Linie Werkzeuge, Waffen und Bauten, die Frau Kleidungsstücke, Netze, Tragtaschen, Schmuck und dergleichen.
Der erste große Fortschritt in der Weiterentwicklung der Hyperzeller war aus funktioneller Sicht geradezu vorgezeichnet. Er konnte nur darin bestehen, daß sich einzelne in den kleinen Gemeinschaften auf die Herstellung besonders wichtiger zusätzlicher Organe spezialisierten. Sie konnten diese dann besser und rationeller herstellen, was gegenüber rivalisierenden und feindlichen Verbänden ein wichtiger Vorteil war. Voraussetzung dafür war allerdings, daß solchen spezialisierten Produzenten in irgendeiner Form die übrigen Pflichten des Lebens, besonders des Nahrungserwerbs und des Schutzes, abgenommen wurden. Solange die Gemeinschaften nicht allzu groß waren, ließ sich das verhältnismäßig leicht bewerkstelligen. Wer immer die Leitung eines solchen Verbandes innehatte, konnte dies organisieren. Da verstärkte Arbeitsteilung deutlich im Interesse aller lag, bestand kaum ein triftiger Grund dafür, daß solche Regelungen, gute Leistungen vorausgesetzt, nicht beibehalten wurden. Nicht selten dürfte die Führung vom Vater auf den Sohn übergegangen sein.
Bei Anwachsen der Gemeinschaften mußte es jedoch, wiederum zwangsläufig, zu einer gravieren-
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den Problematik kommen. So vorteilhaft eine größere Kopfzahl in Hinblick auf Auseinandersetzungen mit anderen Gruppen war, zumal größere Gemeinschaften auch eine immer weiter gehende Differenzierung und Spezialisierung auf Einzelaufgaben zuließen, so schwierig gestaltete sich der Überblick über die verschiedenen Spezialisten und ihre Ansprüche. Deshalb wurde es für diese ersten Gewerbetreibenden früher oder später günstiger, über Naturalientausch selbst für sich und die Familieninteressen zu sorgen.
Hier soll keineswegs der Versuch gemacht werden, den historischen Ablauf zu rekonstruieren. Dieser hat sich, wie die ur- und frühgeschichtliche Forschung zeigt, keineswegs überall gleich vollzogen. Mir liegt vielmehr daran zu zeigen, daß die Herstellung der für alle Hyperzeller so entscheidend wichtigen zusätzlichen Organe der Entwicklung gleichsam die Richtung aufzwang. Ich versuche in diesem Buch darzulegen, daß der Mensch sich und seine Entfaltung bisher allzu subjektiv beurteilt hat, und gehe der Frage nach, wie sich unsere vielseitige Entfaltung darstellt, wenn wir uns nicht länger als etwas von der übrigen Lebensentwicklung Getrenntes ansehen, sondern als integralen Bestandteil in einer Entwicklung, die uns hervorgebracht hat und sich in den von uns aufgebauten größeren Einheiten weiter fortsetzt. Aus dieser Sicht sind die Entfaltungsmöglichkeiten des Menschen keineswegs so frei und unbeeinflußt, wie man bisher angenommen hat. Sie müssen sich vielmehr in Rahmenbedingungen fügen, die für den gesamten Evolutionsverlauf maßgebend sind. Die natürliche Auslese blieb auch in dieser dritten Phase der Evolution zuständig für die Artenbildung, die sich nun auf die Entstehung etablierter Berufsformen verlagerte. Auch bei den Hyperzellern entschied sie darüber, welche sich im Daseinskampf durchsetzen konnten. Aus evo-
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lutionärer Sicht ist keineswegs der menschliche Zellkörper, mit dem sich unser Ich identifiziert, das allein Maßgebende. Vielmehr sind die von uns gebildeten Leistungskörper, die ich als Hyperzeller bezeichne, der natürlichen Auslese unterworfen. Und für diese sind die für alle Lebewesen gültigen Grundleistungen maßgebend.
Zu einer kritischen Barriere, die sich der Höherentwicklung der Hyperzeller entgegenstellte, mußte im weiteren Entwicklungsverlauf die eher banal erscheinende Problematik werden, daß Produzenten zusätzlicher Organe in Schwierigkeiten kamen, wenn sie für ihre Leistungsergebnisse das, was sie selbst für ihr Leben brauchten, eintauschen wollten. Stellte ein Handwerker Schuhe her und brauchte seine Frau drei Eier – um ein ebenso triviales wie anschauliches Beispiel zu wählen –, dann war ein Naturalientausch wegen des allzu großen Wertunterschieds nicht praktikabel. Was hier dringend fehlte, war ein vermittelndes Etwas, das solche Schwierigkeiten behob. Die beste Lösung für dieses funktionelle Dilemma war ein weiteres zusätzliches Organ: das Geld. Dieser Universalvermittler machte Leistungen beliebig teilbar und in das Ergebnis von Leistungen anderer konvertierbar. Auch die drei Eier konnten so über den Weg der Schuhherstellung ohne Verlust erworben werden. Erst durch das teilbare Geld wurde ein reibungsloser Tausch völlig verschiedener Objekte möglich. Welchen Wert das eine und das andere hatten, ergab sich von selbst aus der Schwierigkeit der Herstellung und aus dem Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage. Aus evolutionärer Sicht ist das Geld ein Werkzeug, um das Ergebnis jeder menschlichen Leistung in das Ergebnis beliebiger anderer menschlicher Leistungen zu verwandeln.
Wie ich schon ausgeführt habe, kam es bei der Ent-
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stehung des Menschen zu bedeutenden Leistungssteigerungen, indem sich Funktionen wie in einem Sprung von einem Zellgefüge auf gänzlich andere verlagerten. Ich bezeichnete dieses Phänomen als Shift und führte als Beispiele dafür an, wie sich die Funktion der Bildung neuer Organe und jene ihrer Fortpflanzung vom Genom auf die weit leistungsfähigere Großhirnrinde verlagerten. In einem ähnlichen Shift wurde auch die von den Affenvorfahren ererbte Kletterhand plötzlich zu einem perfekten Werkzeug der Organbildung und der Organverwendung.
Kehren wir nun zur Funktion des Geldes zurück, und analysieren wir die Situation des als Beispiel genannten Schuhmachers. Er spezialisiert sich auf die Herstellung dieser vielgebrauchten Fußbekleidung und baut in seinem Gehirn über Lernvorgänge entsprechende Steuerungen für eine möglichst geschickte und kompetente Herstellung dieser Produkte auf. Den Beruf gibt es noch heute. Mit der Beschaffung von Nahrung oder der Herstellung anderer zusätzlicher Organe, etwa einer Zange, eines Fahrrads oder eines Staubsaugers, hat seine Tätigkeit nicht das geringste zu tun. Doch indem er für seine Schuhe Geld bekommt, kann seine Frau sich ohne weiteres drei Eier oder eine Zange kaufen, und wenn er den Ertrag mehrerer Paare von Schuhen zusammenlegt, kann er auch ein Fahrrad oder einen Staubsauger erwerben. Das klingt zwar selbstverständlich und simpel, ist es aber keineswegs. Aus der Sicht der Evolution ist es geradezu eine Ungeheuerlichkeit, daß ein Lebewesen, indem es sich auf eine Leistung spezialisiert, Zugang zum Ergebnis zahlreicher anderer erhält. Auch bei Symbiosen, auf die wir noch zurückkommen werden, liegt im Prinzip ein Leistungstausch vor, indem jeder der Partner durch eine vom anderen benötigte Leistung in den Genuß eines ihm selbst dienenden
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Vorteils gelangt. Auch das läßt sich als Shift bezeichnen. Doch steht dies in gar keinem Verhältnis zu der funktionalen Möglichkeit, über ein und dieselbe Spezialleistung an das Ergebnis beliebig vieler anderer heranzukommen. Damit erst ist die volle Bedeutung des Geldes, das zur Grundlage der gesamten Wirtschaft wurde, funktionell umrissen. Mit diesem »Zauberstab« – und beim Geld ist diese Bezeichnung nicht übertrieben – gelingt es Lebewesen (Hyperzellern) erstmals im Evolutionsverlauf, über eine einzige Leistung, auf die sie sich spezialisieren, ihren Leistungskörper durch beliebig viele andere zu ergänzen.
Vorbedingung ist allerdings eine größere und entsprechend organisierte Gemeinschaft, in der sich dieser Vorgang entwickeln kann. Aber die zentrale Einheit, über welche dies möglich wird, ist das zusätzliche Organ »Geld«. Daß dieses, wie fast jedes Organ, nur unter bestimmten Voraussetzungen seine Spezialleistung erbringen kann, ist nicht verwunderlich. Solche sind unter anderem, daß es in genügend kleine Einheiten teilbar ist, daß eine Gemeinschaft es anerkennt und daß seine Wertbeständigkeit aufrechterhalten werden kann. Doch der Vorteil, daß man mit Geld, je nach Wunsch, in den Genuß der Leistungen unzähliger anderer zu gelangen vermag, bedeutet gleichsam einen »Mega-Shift«, wie es wohl in der gesamten Lebensentfaltung nichts annähernd Vergleichbares gab. Vor allem auf diesem beruht der sich immer schneller beschleunigende Fortschritt der Hyperzeller und damit der Menschheit. Er zeigt aber auch, wie sehr die Hyperzeller aufeinander angewiesen sind, wie wenig der sie aufbauende Mensch noch ein »Individuum« ist und wie sehr ihre Entwicklung zur Entstehung einer ungeheuer komplexen, riesenhaften Organisation führt, die gleichzeitig nach tausend verschiedenen Zielen streben kann und in-
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nerlich durch eine enorme Anzahl von Wechselwirkungen miteinander verknüpft ist.
Nicht wenige Biologen waren der Ansicht – manche sind es noch heute –, daß es neben den bekannten Mechanismen der Verbesserung (Mutation, Rekombination, Selektion) weitere geben müsse, um die Entwicklung der Lebewesen zu erklären. Die Zeitspanne von vier Milliarden Jahren ist zwar beträchtlich, erscheint aber trotzdem für das Zustandekommen der höherentwickelten Tiere und ihre Leistungen äußerst kurz. Der von Jean-Baptiste de Lamarck postulierte Mechanismus einer »Vererbung erworbener Eigenschaften« hätte diese Schwierigkeit überbrückt, konnte aber nie nachgewiesen werden. Er realisierte sich erst bei Homo Proteus durch die Verlagerung der Fortpflanzungsfunktion bei den zusätzlichen Organen auf Sprache und Schrift.
Das Hauptargument gegen die häufig geäußerte Vermutung, für den relativ schnellen Fortschritt der Evolution und für die Bildung neuer Arten seien »Makromutationen« verantwortlich, wurde sehr treffend von dem englischen Biologen Richard Dawkins formuliert: Ein ebenso banaler wie einleuchtender Grund zur Ablehnung aller solcher Theorien ist, »daß, wenn auf diese Weise eine neue Art entstünde, Angehörige dieser Art es schwer hätten, Paarungspartner zu finden«. Da bei fast allen höheren Tieren die Fortpflanzung an eine vorangehende Vereinigung der DNS-Stränge des väterlichen und des mütterlichen Genoms gebunden ist, kann man sich in der Tat schwer vorstellen, wie bei Großmutationen – die ja erhebliche Veränderungen in diesen langen Strängen voraussetzen würden – lebensfähige Nachkommen entstehen sollten. Verbindet sich ein »großmutiertes« Genom mit einem normalen, dann muß allein dies schon dazu führen, daß keine lebensfähigen Phänotypen (Organismen) ent-
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stehen können. Voraussetzung für eine erfolgreiche Fortpflanzung wäre somit, daß die gleiche Großmutation bei einer weiblichen und einer männlichen Keimzelle stattfindet und daß beide außerdem innerhalb des Gen-Pools der Art zufällig bei der Paarung aufeinanderstoßen. Die Wahrscheinlichkeit dafür ist aber wohl so gering, daß dieser Mechanismus als ernsthafte Erklärung von Evolutionsphänomenen von vornherein ausscheidet.
Durch diesen Einwand von Dawkins, dem ich voll zustimme, wird jedoch meine Behauptung, daß es durch Shifts zu sprunghaften Leistungssteigerungen kommen kann, in keiner Weise betroffen. Denn bei diesen geht es ja nicht um radikale Veränderungen materieller Strukturen (eben der DNS-Stränge), sondern um sprunghafte Leistungsverlagerungen auf schon bestehende andere materielle Strukturen.
Ich könnte mir vorstellen, daß diese von mir als Shifts bezeichneten Funktionsverlagerungen tatsächlich einen Mechanismus darstellen, der den Weg der evolutionären Entfaltung wesentlich beschleunigt hat und somit ungefähr dem entspricht, was manche bisherige »Saltationisten« im Auge hatten.
Ich werde noch weitere Beispiele für Shifts sowohl bei Einzellern und Vielzellern als auch bei der Entfaltung der Hyperzeller anführen, gehe jedoch in diesem Buch nur so weit auf sie ein, wie es zum Thema gehört. Stimmt meine Ansicht, dann gäbe es in der Tat wesentliche Entwicklungssprünge im Evolutionsgeschehen, auf die dann jeweils Perioden weiterer Verbesserungen in kleinen Schritten folgen, welche die Anwendungsmöglichkeiten der jeweiligen sprunghaften Veränderung (wie bei allen Erfindungen des Menschen der Fall) gleichsam »abtasten« und so praktisch wahrnehmen.
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Der Erwerb über »doppelten Tausch« und die Entstehung spezialisierter Arten von Hyperzellern
Eine weitere Möglichkeit des Gelderwerbs bestand für Hyperzeller darin, anderen »Dienste« zu verkaufen. Diese Erwerbsform ist sogar weit älter: Es gab sie bereits, längst ehe das Geld erfunden war. Schon bei allen Symbiosen von Pflanzen und Tieren wird durch eigene Leistung die eines anderen Organismus erworben. Bei sozial lebenden Tieren kann man zahlreiche Formen des Leistungsaustauschs beobachten, etwa bei Affen, wenn ein Individuum den Körper des anderen nach Läusen absucht und ihm dann im Gegenzug von diesem der gleiche Dienst zuteil wird. Lange vor der Erfindung des Geldes gab es in den Verbänden der Hyperzeller (wie noch heute an vielen Orten) Knechte und Diener, die gegen Kost und gesicherte Unterkunft für andere Arbeiten verrichteten. Das gleiche dürfte auch für das »älteste Gewerbe der Welt«, die Prostitution, zutreffen. Das Geld eröffnete dann auch für alle Formen des Energieerwerbs über Dienstleistungen völlig neue Perspektiven. Ich glaube jedoch nicht, daß es durch den Austausch von Dienstleistungen zur Erfindung des Geldes kam, und zwar deshalb nicht, weil sich Dienste, im Gegensatz zu Produkten, beliebig teilen lassen.
Als ich in Samoa mit meinem Spiegelobjektiv menschliche Verhaltensweisen filmte, erfuhr ich von einem dort lebenden Europäer, wie bei Samoanern zu wirtschaften üblich ist. »Will hier einer ein Hemd, dann erkundigt er sich zuerst, wieviel Geld es kostet, und anschließend, durch welche Arbeit er an diesen Betrag gelangen kann. Diese Arbeit führt er dann aus, kauft sich das Hemd und setzt sein ungebundenes Leben fort.« In der heutigen, industrialisierten Welt
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wurde Arbeit für Lohn zum Alltag, doch gibt es auch hier nicht wenige, die noch im Prinzip ähnlich verfahren wie die Samoaner. Kann man fremde Dienste durch eigene Dienste erwerben, ist Geld sogar überflüssig. Die Leistungen können dann gemäß ihrem Wert und ihrer Dauer unmittelbar aufeinander abgestimmt werden. Schon bei Homo Proteus kam es sicherlich, sobald er die Fähigkeit sprachlicher Verständigung erlangte, zu Vereinbarungen wie etwa: »Wenn du dies für mich tust, tue ich jenes für dich!« Solche Übereinkünfte haben bis heute sowohl im Privatleben als auch im Beruf nichts an Bedeutung verloren. Ich gehe hier ausführlicher auf diese Thematik ein, weil es mir aus den angeführten Gründen selbstverständlich erscheint, daß erst die Komplikationen, die sich beim Austausch von Produkten ergaben, zu dem Selektionsdruck führten, der schließlich die Erfindung des Geldes geradezu zwangsläufig nach sich zog. Das aber ist insofern bemerkenswert, als das Geld beim Erwerb über Dienstleistungen weit bedeutungsvollere Leistungssteigerungen ermöglicht als beim Erwerb über die Herstellung zusätzlicher Organe.
Wer zusätzliche Organe erwirbt, hat nämlich faktisch nur einen Teil der Leistung erworben, die er benötigt. Wer einen Speer erwirbt, muß zusätzlich lernen, diesen auch zielführend einzusetzen. Er muß in seinem Gehirn Steuerungen aufbauen, die so beschaffen sind, daß er mit dem Instrument Beute oder Feinde zu treffen vermag. Erwirbt er hingegen die Dienste eines Jägers oder eines Kriegers, die mit einem Speer perfekt umzugehen verstehen, dann erspart er sich diese zusätzliche Mühe. Er erwirbt dann nicht nur das benötigte Instrument, sondern auch dessen fachgerechten Einsatz. Das aber ist bei jedem Erwerb einer Dienstleistung ebenso: Wer heute für eine entsprechende Geldsumme die Dienste eines Arztes
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oder eines Rechtsanwalts in Anspruch nimmt, gliedert für die Dauer des Dienstverhältnisses Spezialfähigkeiten seinem Leistungskörper an, die er selbst nie erbringen könnte. In weiterer Konsequenz bedeutet dies, daß Hyperzeller sich durch den Erwerb von Dienstleistungen so gut wie jede Spezialleistung angliedern können, die andere für Geld verrichten. Beim Erwerb von Werkzeugen, Maschinen etc. wird zwar der eigene Leistungskörper verbessert, doch müssen diese Einheiten dann selbst zielführend eingesetzt werden. Mehr noch: Sie müssen in Ordnung gehalten, vor Diebstahl geschützt, nötigenfalls repariert oder gar erneuert werden. All das entfällt beim Erwerb spezialisierter Dienstleistungen weitgehend oder ganz. Bei der Verpflichtung des Arztes oder des Rechtsanwalts kommt der Käufer außerdem in den Genuß sämtlicher Erfahrungen, über die solche hochspezialisierten Arten von Hyperzellern verfügen.
Hier ist ein Beispiel dafür gegeben, über welche Umwege die Evolution bisweilen zu Leistungssteigerungen gelangt ist. Beim Erwerb über den Verkauf von Produkten wurde der Universalvermittler Geld notwendig. Den größten Nutzen erbringt dieser Vermittler indes beim Erwerb von Dienstleistungen. Der Käufer erwirbt dann nicht nur ein Mittel zum Zweck, sondern die gesamte für diesen Zweck relevante Leistung.
Neben den beiden großen Gruppen der Anbieter von Produkten und jener von Dienstleistungen gibt es noch eine dritte: den Handel. Hier spezialisierten sich Hyperzeller auf die Vermittlung zwischen Angebot und Nachfrage. Ihre Berufstätigkeit ist somit durch eine zweifache Ausrichtung charakterisiert, indem sie einerseits zum Auffinden des Benötigten und andererseits zum Absatz des Produzierten verhelfen.
Funktionell betrachtet gibt es für diese Form des
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Energieerwerbs bereits Vorgänger im Tierreich, zum Beispiel einige in Afrika lebende Vogelarten der Gattung Indicator, die als Honiganzeiger bezeichnet werden. Aufgrund angeborenen Verhaltens stellen sie fest, wo sich Bienenstöcke befinden, suchen dann nach einem Honigdachs (Mellivora capensis) und machen ihn durch auffällige Bewegungen und Laute auf sich aufmerksam. Der Dachs versteht das Signal, folgt dem Vogel, der immer ein Stück voranfliegt und wieder zu ihm zurückkehrt. So wird er zum Bienenstock hingeführt, den er dann mit seinen kräftigen Vorderbeinen öffnet und ausräumt. Der Vogel erhält – ähnlich dem Händler oder Agenten – für seinen Vermittlungsdienst eine »Provision«. In diesem Fall sind es Naturalien. Der Honigdachs ist nämlich nur am Honig interessiert und läßt das Wachs der Waben übrig. Dieses aber vermag der Vogel mit Hilfe von Symbionten, die in seinem Darm leben, aufzuschließen: Es ist seine Energiequelle. Ohne den Dachs wäre es ihm unmöglich, an diese Nahrung heranzukommen – ebenso, wie es für einen Händler ausgeschlossen ist, Gewinn zu machen, wenn es an Absatzmöglichkeiten fehlt. Interessanterweise haben Honiganzeiger überdies gelernt, daß Menschen ebenfalls an Honig interessiert sind, wie auch in diesen Gegenden lebende Menschen gelernt haben, was die Signale des Honiganzeigers bedeuten. Auch sie lassen sich darum von ihm zu den Bienenstöcken hinleiten und räumen sie aus, meistens sind sie gleichfalls nur beschränkt am Wachs interessiert. Auf jeden Fall bleibt genug übrig, so daß der Vogel auch hier seine Entlohnung erhält.
Im Tier- und im Pflanzenreich haben sich, wie jedermann bekannt ist, eine ungeheure Vielzahl von Arten entwickelt: Allein bei den Insekten wurden bereits über eine Million Arten beschrieben. Jede dieser Arten vermag an Nahrung zu gelangen, an Energie
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und Stoffe, dank denen sie eigene Körperstruktur bilden und sich über Nachkommen fortpflanzen können. Bei den Hyperzellern ist es nicht anders. Sowohl die Hersteller benötigter Produkte wie auch die Dienstleistungserbringer und die Vermittler spezialisierten sich auf immer neue Berufe, erschlossen sich so immer neue Nischen, immer neue Lebensmöglichkeiten. Hier wie dort wurden Arten durch andere verdrängt, die besser angepaßt und somit effizienter waren, und starben dann aus. Hier wie dort bestand zwischen den Artgenossen ein besonders heftiger Konkurrenzkampf, während Angehörige anderer Arten indifferent behandelt wurden, weil sie die eigenen Interessen nicht berührten. Hier wie dort kam es zu Interessengemeinschaften und mannigfaltigen Abhängigkeiten. So setzten die Hyperzeller, obwohl sie sich äußerlich und in ihrem Verhalten so ausgeprägt von Tieren und Pflanzen unterscheiden, in ganz analoger Weise die Bildung von Arten fort.
Zu den erwähnten Berufsarten der Hyperzeller kommen schließlich jene hinzu, die sich durch Umgehung der innerhalb von Gemeinschaften geltenden Regeln und Gesetze bereichern. Auch hierbei handelt es sich um echte, wenngleich verbotene und verpönte Erwerbsarten. Zusätzliche Organe lassen sich ja fast ohne Wertverlust in den eigenen Leistungskörper überführen und darüber hinaus durch Verkauf in den Universalvermittler Geld verwandeln. Diese Möglichkeiten haben ohne Zweifel sehr zur Entstehung der verbotenen Berufsarten beigetragen. Der Erwerb des Einbrechers, des Erpressers, des Dealers, des Betrügers ist oft mit beträchtlichen Gewinnchancen verbunden, freilich auch mit einem höheren Risiko. Zur Sicherung des Eigentums werden von den größeren Verbänden Gemeinschaftsorgane des Schutzes finanziert, auf die wir noch zu sprechen kommen.
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Wie ist nun der vom Geld so stark geprägte Energieerwerb der Hyperzeller in das Gesamtkonzept der Evolution einzureihen? Bei fast allen Pflanzen ist frei verfügbares Sonnenlicht die Energiequelle; kraft ihrer Struktur bewirken sie, daß die Energie der Sonnenstrahlen aus anorganischer Materie organische Strukturen aufbaut: Moleküle, in deren Gefüge ein Teil der dem Sonnenlicht entzogenen Energie in Gestalt von Bindungskräften erhalten bleibt. Die Pflanzen fangen also gleichsam Energie ein und machen sie dienstbar. Fast alle Tiere dagegen gewinnen die für sie nötige Energie dadurch, daß sie andere Lebewesen, sowohl Pflanzen als auch Tiere, sich zum Teil oder zur Gänze einverleiben, deren Moleküle abbauen und die darin enthaltene Bindungsenergie aufnehmen. Sie rauben also Energie. Die Hyperzeller bleiben ebenfalls bei dieser Technik, allerdings nur, soweit es die Ernährung des sie aufbauenden und steuernden Menschen betrifft. Auch die größeren Leistungskörper betreibt der Mensch zunächst mit der Kraft seiner Muskeln, also mit Energie, die er seiner Nahrung entzieht. Die Nutzbarmachung von in der Umwelt vorhandenen Energiequellen – etwa zum Antrieb von Maschinen – ist dann ein weiterer Fortschritt, auf den wir noch ausführlicher zurückkommen. Die für Hyperzeller charakteristische Form des Energieerwerbs ist jedoch eine andere. Sie erfolgt über »doppelten Tausch«.
Beim ersten Tauschvorgang wird durch den Verkauf von Produkten oder Leistungen, die andere benötigen, Geld erworben. Beim zweiten, der in der Regel wesentlich einfacher ist, wird mit ebendiesem Geld Nahrung und sonst Benötigtes eingekauft. Die besondere Anstrengung verlagert sich bei dieser Erwerbsart auf den ersten Akt. Der Käufer, der Nachfragende, die Zielgruppe, der Absatzmarkt werden zur eigentlichen Energiequelle. Dies nicht nur deswe-
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gen, weil mit Geld von anderen Nahrung und weitere Energieträger (wie Kohle, Rohöl und Elektrizität) erworben werden können, sondern vor allem deshalb, weil mit Geld auch das Ergebnis spezialisierter Anstrengungen anderer in den eigenen Leistungskörper übergeführt werden kann.
Es ist hier ausdrücklich festzuhalten, daß Geld keine Erscheinungsform von Energie ist, sich also nicht unmittelbar in Energiewerte umrechnen läßt. Geld ist vielmehr eine innerhalb organisierter Verbände anerkannte Anweisung auf Energie oder auf das Ergebnis des Energieaufwands anderer. Ganz ähnlich wie der Wert jeder Ware richtet sich auch der des Geldes (wenn nicht Verordnungen innerhalb der Gemeinschaften dies verhindern) nach Angebot und Nachfrage. Letzten Endes aber läuft der Gelderwerb der Hyperzeller trotzdem auf Energieerwerb hinaus: entweder auf den Erwerb von Energie, die dem eigenen Körper und seinen Organen zufließt, oder auf jenen von Energie, die andere zur Herstellung benötigter Produkte oder zum Erbringen spezialisierter Leistungen brauchen.
Der Mensch und die Hyperzeller
Die Schwierigkeit meiner Theorie liegt weniger darin, geeignete Beweise vorzubringen, als vielmehr in dem Umstand, daß sie uns zu einer weitgehend anderen Bewertung unser selbst und unserer Stellung innerhalb der Lebensentwicklung zwingt.
Die Begriffe »Mensch« und »Hyperzeller« decken sich keineswegs. Geht etwa der Betrieb eines Kohlenhändlers in Konkurs oder erlischt der Bedarf an einer bestimmten Berufsart, dann bedeutet das keineswegs den Tod der davon betroffenen Menschen. Diese kön-
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nen sehr wohl weiterleben, auf andere Weise Geld verdienen und eines Tages wiederum ganz andere Hyperzeller aufbauen. Durch das Absterben eines Betriebs oder einer Berufsart gehen zwar Menschen ihrer Arbeit und damit ihrer Erwerbsquelle verlustig; sie können jedoch in der Folge andere, unter Umständen sogar völlig neue Vertreter von Hyperzellerarten in die Welt setzen. Für all jene, die bisher die Ansicht vertreten, die soziokulturelle Evolution des Menschen sei von der biologischen Evolution grundsätzlich verschieden, mag dies ein markanter Beweis dafür sein, daß sie recht haben. Ich vertrete dagegen die Auffassung, daß dieser Übergang aus der Sicht der Entfaltung von Leistungen durchaus kontinuierlich verlief, sosehr sich auch das äußere Erscheinungsbild und manche funktionelle Abläufe verändert haben.
Zentrum jedes Hyperzellers ist ein Mensch, der seinen Leistungskörper durch zusätzliche Organe verbessert. Es dürfte keinerlei Meinungsunterschied darüber bestehen, daß nicht der nackte menschliche Körper das für die natürliche Auslese Maßgebende ist, sondern ebendieser samt entsprechenden zusätzlichen Organen, die seine Leistungsfähigkeit steigern.
Schon eine Reihe von Tierarten haben vom Körper getrennte funktionelle Einheiten hervorgebracht, mit denen sie eindeutig ihren Selektionswert steigern. Doch da diese über angeborenes Verhalten zustande kommen und somit auf Veränderungen im Erbgut angewiesen sind, kann ihre Bildung nur überaus langsam stattfinden. Da bei den entsprechenden Tierarten die Fortpflanzung außerdem an den genetischen Mechanismus gebunden ist, sind deren Entwicklungsmöglichkeiten beschränkt. Erst als sich über einen langen, bei heute lebenden Wirbeltieren noch nachvollziehbaren Entwicklungsweg am Punkt Mensch die geistigen Fähigkeiten derart steigerten, daß wir
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Ursachen und Wirkungen, auch wenn sie räumlich und zeitlich weit voneinander getrennt wahrgenommen werden, im Gehirn selbst (in unserem Vorstellungsvermögen) verknüpfen und beliebig kombinieren können, veränderte sich plötzlich die Situation. Ein Lebewesen konnte nun auch über Lernakte zusätzliche Organe bilden, deren Leistungsfähigkeit erproben und sie verbessern. Das aber hätte der betreffenden Art noch wenig genutzt, wäre die Weitergabe dieser Fortschritte an den genetischen Mechanismus gefesselt geblieben. Sie wären unweigerlich mit dem Tod des betreffenden Individuums zugrunde gegangen. Doch da sich beim Menschen auch die Fähigkeit einer sprachlichen und schriftlichen Informationsübermittlung ergab, kam es dahin, daß individuell erworbene Fortschritte unmittelbar an andere weitergegeben werden konnten, die Fesselung an die Kodierung im Genom also entfiel.
So, wie bei manchem technischen Fortschritt eine winzige letzte Veränderung schließlich zu unabsehbaren neuen Möglichkeiten führt, war es auch hier. Zum erstenmal in der Evolution der Organismen war ein Lebewesen entstanden, das individuell erworbene Fortschritte auf breiter Basis an Artgenossen weitergeben konnte. Homo Proteus wurde zu einem Spezialisten in vielseitiger Spezialisierung und ist biologisch als über weite Bereiche der Welt verbreitete Art zu betrachten, die aufgrund ihrer besonderen Wandlungsfähigkeit Pflanzen und Tieren weit überlegen ist. Dieses besondere Lebewesen lebte, wie bereits seine Ahnen, in kleinen Verbänden, die untereinander um Nahrung und Lebensraum kämpften und so bereits zu Organismen höherer Ordnung wurden. Jede Verbesserung in ihrem speziellen Gefüge war der natürlichen Auslese gegenüber ein Vorteil. Ein weiterer Vorteil bestand darin, daß einzelne sich auf die Herstellung
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der außerordentlich wichtigen zusätzlichen, mit dem Körper nicht fest verbundenen Organe spezialisierten. Von diesem Augenblick an fächerte sich, ganz im geläufigen biologischen Sinn, eine über weite Teile der Welt verbreitete Art in eine große Anzahl von Einzelarten auf. Denn jeder Berufstätige, der über eine besondere Leistung Erfolge erzielte, brachte zwangsläufig andere dazu, ihm nachzueifern, und wurde so zum Begründer einer neuen Art.
Der bisherige Artbegriff, der sich für alle Ein- und Vielzeller glänzend bewährt hat, ist an den Gen-Pool gekoppelt. Doch da die Fortpflanzung der zusätzlichen Organe (auf die es so sehr ankommt) sich vom Genom auf Sprache und Schrift verlagerte, ist dieser Artbegriff für die vom Menschen gebildeten größeren Leistungskörper, die Hyperzeller, nicht mehr signifikant. Gewiß ist es für heutige Biologen äußerst schwer, die altvertraute Einteilung in Frage zu stellen oder sich gar von ihr zu trennen. Tatsache jedoch ist, daß die bereits bei Tieren erfolgreiche Bildung von Organen, die nicht mit dem Zellkörper verwachsen sind, beim Menschen eine neue Ära der Organbildung und der Lebensentfaltung einleitete. Zwar beeinflußte der Mensch durch die Veränderung seiner Umwelt die natürliche Auslese, doch nicht mehr, als dies schon bisher durch spontane Umweltveränderungen der Fall gewesen war. Die auslesenden Faktoren werden durch jene, die der Mensch neu schafft, bloß ergänzt und abgeändert – bis auf den heutigen Tag. So blieb die steuernde Macht der auslesenden Faktoren auch weiterhin erhalten und legt nach wie vor fest, welche der menschlichen Geistesprodukte sich durchsetzen können und welche nicht.
Daß nicht der menschliche Zellkörper das Wesentliche ist, sondern der Leistungskörper, den der Mensch aufbaut, müßte eigentlich jedermann klar
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sein. Doch da wir diesen nicht unmittelbar wahrnehmen, fällt es uns schwer, nicht unseren leiblichen Körper, sondern jene unsichtbare Einheit, die von Leistungen und Kräften bestimmt wird, als das unser wahres Ich Repräsentierende anzusehen. Dabei sollte es meiner Meinung nach nicht allzu schwierig sein, diesen Identitätswandel zu vollziehen, zumal wohl jedem das tägliche Leben auf das deutlichste zeigt, wie sehr unser Erfolg oder Nichterfolg von Einheiten abhängt, die nicht aus Zellen gebildet und mit unserem Zellkörper nicht verwachsen sind. In der Wirtschaft ist man längst auf die Bedeutung immaterieller Werte aufmerksam geworden, die kaum in den Bilanzen aufscheinen und doch für den Erfolg außerordentlich maßgebend sind. Beispiele dafür sind: Leumund, Ansehen, Kundenzufriedenheit, bewährte Geschäftsbeziehungen, Wissen um die Verläßlichkeit von Mitarbeitern und Anbietern, Engagement des eigenen Teams, Gefolgstreue des Kundenstamms. All das sind wichtige Bestandteile, auf die es beim Leistungskörper des einzelnen und der von vielen einzelnen gebildeten größeren Einheiten entscheidend ankommt.
Auf die von den Hyperzellern aufgebauten Erwerbsorganisationen, in denen der Mensch völlig zur ersetzbaren und austauschbaren Einheit wird, gehen wir in Kapitel 5 ausführlicher ein. Sie umfassen in erster Linie die industriellen Wirtschaftsunternehmen, aber auch räuberisch tätige Großorganisationen wie etwa die Mafia. Wie ich zeigen werde, fallen auch manche Staatsformen unter diesen Begriff.
Die vom Menschen gebildeten Hyperzeller können durch Angliederung anderer Leistungen ihr Potential enorm steigern. Es widerstrebt uns, fremde Leistungserbringer als Bestandteile des für die natürliche Auslese maßgebenden Leistungskörpers anzusehen. Un-
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seren Sinnen stellen sie sich ja als völlig getrennte
Einheiten dar. Wer meiner Argumentation folgen will, muß sich von
diesen Vorurteilen frei machen. Das Weltbild, zu dem meine Theorie führt,
ist vom bisherigen außerordentlich verschieden. Es wird unsere Einschätzung
des Alltagslebens kaum beeinflussen. Aber es wird uns vielleicht dabei
helfen, manche heute unübersteigbar erscheinenden Barrieren zu überwinden.
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