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Vom Körper getrennte Organe
Wir kommen nun zur zweiten Frage, welche das neue, leistungsbezogene Denken nahelegt. Sie lautet: Müssen Organe, also leistungserbringende Einheiten, mit dem Organismus, dem sie dienen, fest verbunden sein?
Solange man die Organismen als materielle Phänomene einschätzt, die sich durch besondere Eigenschaften von unbelebten Objekten unterscheiden, ist es durchaus verständlich, wenn man etwas, das nicht mit ihrem Körper fest verbunden ist, auch nicht als dessen Bestandteil ansieht. Betrachtet man dagegen die Lebewesen als Leistungsgefüge, bei denen die materielle Gestaltung nicht Selbstzweck, sondern notwendige Voraussetzung für bestimmte Vorgänge ist, dann ist nicht einzusehen, warum es nicht auch vom Körper getrennte Organe geben soll. Erbringen sie benötigte Leistungen, dann gehören sie zu ihnen, auch wenn sie noch so weit entfernt sind. Daß sich der menschliche Fortschritt weitestgehend auf solche vom Zellkörper getrennte Einheiten stützt, ist bekannt. Bedingt dies aber einen grundsätzlichen Unterschied zwischen den Organen der Lebewesen und den vom Menschen realisierten technischen, wirtschaftlichen, staatlichen und kulturellen Gebilden?
Auch bei den Tieren gibt es zahlreiche Arten, die durch Abscheidungen oder aus Umweltmaterial »zusätzliche Organe« bilden, die nicht mit ihrem Körper verwachsen sind. Ehe wir uns also der Beurteilung des Menschen und seiner Werke aus evolutionärer Sicht zuwenden, ist es geboten, uns erst mit diesen
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»Vorgängern« etwas näher zu beschäftigen. Ein eindrucksvolles Beispiel für ein solches vom Körper getrenntes Organ ist das von zahlreichen Spinnenarten angefertigte Netz. Es ist eine Fangvorrichtung, die bei diesen Tieren die ersten beiden Grundleistungen Energieerwerb und Stofferwerb entscheidend verbessert.
Es gibt heute noch viele Spinnenarten, die in ursprünglicher Weise ohne Netz auf die Jagd gehen. Ihre Beute, insbesondere Insekten, wird in schnellem Vorstoß oder Sprung überwältigt. Im Lauf der Evolution kam es aber auch zur Entstehung von Arten, die aus Spinndrüsen Fäden abscheiden und mit diesen Netze bilden. Die höchste Perfektion finden wir bei den Radnetzspinnen, zu denen auch die Kreuzspinne gehört. Sie verfügen über sechs verschiedene Drüsentypen, die in paarigen Spinnwarzen am Hinterleib lokalisiert sind und von nicht weniger als 800 Einzeldrüsen versorgt werden. Die verschiedenen Techniken, wie solche Netze gebildet werden, sind den Tieren angeboren.
Die Kreuzspinne verfährt so, daß sie zunächst ihren Hinterleib schräg in die Höhe streckt und einen Faden mit einer fächerartigen Erweiterung an seinem Ende produziert. Dadurch wird der Faden wie ein Segel von Luftströmungen weggetragen. Klebt er an einem entfernten Objekt fest, etwa an einem Ast, dann ist eine Brücke geschaffen, die als Fundament für den weiteren Netzbau dienen kann. Der bekannte Biologe und Nobelpreisträger Karl von Frisch schreibt: »Hat sie ins Leere geschossen, so holt sie den Faden wieder ein und frißt ihn auf, um ihre Spinnsubstanz nicht zu vergeuden. Dann versucht sie ihr Glück aufs neue.«
Wie die Spinne, deren optische Wahrnehmung nur mäßig entwickelt ist, nun weiter vorgeht, um zunächst ein mit dem Boden verbundenes Grundgerüst, dann die Umrahmung des Netzes und seine Speichen zu
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produzieren, wurde in geduldigen Beobachtungen bis in kleinste Details erforscht. Der Vorgang läuft nach einem starren Verhaltensschema ab, richtet sich aber trotzdem nach den örtlichen Verhältnissen. In der Netzmitte bildet die Spinne eine Plattform (die Warte), von der aus sie später operiert. Während sie bis dahin nichtklebrige Fäden verwendet hat, über die sie beliebig laufen kann, bildet sie zuletzt aus klebrigen Fäden die eigentliche Falle: eine in zahlreichen Windungen über die Speichen verlaufende Fangspirale. Dann liegt sie in der Warte auf der Lauer, wobei sie mit einem Vorderbein eine der Speichen berührt. Gerät ein fliegendes Insekt in das Netz, dann erkennt sie an der Art der Schwingungen, wo sich die zappelnde Beute befindet. Nun muß sie möglichst schnell zu dem Platz eilen, gleichzeitig aber darauf achten, daß sie nicht selbst einen der klebrigen Fäden berührt und so zum Opfer ihrer eigenen Fangvorrichtung wird. Hat sie die Beute erreicht, dann ergießt sie aus weiteren Drüsen einen Schwall sehr dünner Fadenbüschel über das Tier, verabreicht ihm giftige Bisse und versetzt es in schnelle Umdrehung, wobei sie es mit nichtklebrigen Fäden umhüllt. Die Beute wird in einen Seidenmantel eingesponnen. Darauf löst die Spinne dieses Nahrungspaket aus dem Netz, transportiert es zu ihrer Warte und hängt es dort an einem kurzen Faden auf. Um an die darin enthaltenen Stoffe und Energiemengen zu gelangen, injiziert die Spinne mit ihren Mundwerkzeugen Verdauungssekrete und saugt später die gelösten Nährstoffe ein. Sie verwendet den Panzer des Insekts gleichsam als Verdauungstrakt. Wird es Nacht oder regnet es, dann sucht sie einen Unterschlupf am Rand des Netzes auf, wo sie über Fadenverbindungen weiter über die Vorgänge im Netz informiert bleibt. Da die leimige Beschaffenheit der Klebefäden nicht lange vorhält, muß das Netz häufig
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erneuert werden, indem die Spinne die Fäden auffrißt und das zurückgewonnene Baumaterial zur Anfertigung des nächsten Netzes verwendet. Nähert sich ein Spinnenmännchen dem Netz eines Weibchens, dann sendet es durch Zupfen am Netz arteigene Signale aus, so daß das Weibchen den »Bräutigam« von etwaiger Beute unterscheiden kann.
Ich gehe so sehr auf diese Einzelheiten ein, um zu zeigen, wie viele günstige Mutationen notwendig gewesen sein müssen, bis angeborene Steuerungen für den Aufbau einer so komplexen Vorrichtung und eines so differenzierten Verhaltens entwickelt waren. Für jede dauerhafte Veränderung des Erbguts über Mutationen und sexuelle Rekombination der Gene ist es stets Voraussetzung, daß die natürliche Auslese sie als Fortschritt akzeptiert. Das aber ist ein deutlicher Hinweis darauf, daß eine so große Zahl notwendiger Steuerungen nie hätte zustande kommen können, wenn das Netz für die Spinne nicht ein entscheidender Vorteil gewesen wäre. Selbst wenn das Netz also nicht mit dem Körper fest verbunden ist, kann es nicht abwegig sein, diese komplexe Einrichtung, deren Herstellung überdies im Erbgut kodiert ist, ebenfalls als Organ der Spinne anzusehen.
Ein noch stärkeres Argument, das man sicher nicht leicht von der Hand weisen kann, liefert die unbestreitbare Tatsache, daß für die Spinne das Netz gar nicht von Nutzen sein könnte, wenn es mit den übrigen Organen fest verwachsen wäre. Der Fangvorgang wäre dann keinesfalls möglich. Die Spinne könnte das Netz weder bilden noch zum Beutefang einsetzen. Wenn wir den Menschen und die Beurteilung seiner künstlich gefertigten Hilfsmittel auch zunächst beiseite lassen wollen, so soll doch schon an dieser Stelle erwähnt sein, daß genau dies auch für alle unsere Werkzeuge zutrifft. Wären eine Axt, eine Zange, eine Heugabel,
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eine Leiter fest mit unserem Körper verbunden, würden sie uns sicherlich mehr stören als dienen.
Ein ganz entscheidender Vorteil aller mit dem Körper nicht fest verbundenen, die Leistungsfähigkeit steigernden Einheiten besteht darin, daß sie das Tier, wenn es ihrer nicht bedarf, weder belasten noch behindern.
Und noch ein drittes Argument sei schon an dieser Stelle angeführt: Es ist zu bedenken, daß diese Fangvorrichtung einer besonders wichtigen Grundleistung, nämlich dem Energieerwerb, dient. Wie schon gesagt, ist kein Lebensvorgang ohne Energie möglich. Also kann kein aus Zellen gebildetes Organ ohne Energie die notwendigen Leistungen erbringen. Somit kann auch kein Organ der Spinne tätig sein, wenn ihm nicht Energie zufließt. Deshalb ist es schwer einzusehen, warum man ausgerechnet jener Einheit, welche die Voraussetzung für die Funktion aller übrigen schafft, die Bezeichnung »Organ« abspricht. Hindert man Radnetzspinnen daran, ihr Netz zu errichten, oder zerstört man regelmäßig ihre Netze, dann gehen sie zwangsläufig zugrunde. Sie mögen dann noch auf die eine oder andere Weise einige Zeit lang an Nahrung gelangen, sie sind aber freijagenden Spinnen und anderen Nahrungskonkurrenten deutlich unterlegen. Ohne Netzbildung können diese Arten daher gar nicht bestehen.
Wenn sich unser Gehirn dagegen sträubt, eine solche externe Einheit, weil sie nicht mit dem Zellkörper der Spinne fest verbunden ist, als zusätzlich gebildetes Organ anzuerkennen, so spricht die natürliche Auslese eindeutig gegen diese sicher vom subjektiven Eindruck beeinflußte Einschätzung.
Andere tropische und subtropische Spinnenarten bilden ein technisch noch perfekteres und ebenfalls für unsere Fragestellung aufschlußreiches Fanggerät. Die Falltürspinnen (Ctenizidae, Actinopodidae und
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Barychelidae, Abb. 1A) kleiden selbstgegrabene oder bereits vorhandene Löcher mit sehr dünnen und festen Spinnfäden aus und bilden daraus auch einen polsterartigen Deckel, der so genau in die konische Eingangsöffnung der Wohnröhre paßt, daß weder Licht noch Wasser eindringen. Er ist mit einem Scharnier aus Spinnfäden an der Wohnröhre befestigt. Rings um die Öffnung spannen einige Arten noch strahlenförmig verlaufende Fäden, die ihnen die Annäherung ihrer Beute (Insekten, Tausendfüßler und andere kleine Tiere) verraten. Doch die meisten von ihnen kommen mit ihren hochentwickelten Sinnesorganen, die ihnen Erschütterungen anzeigen, auch ohne solche Stolperfäden aus.
Tagsüber hält das Tier in der Wohnröhre den Deckel mit ihren Tastern und Vorderbeinen geschlossen und öffnet ihn erst bei einbrechender Dunkelheit ein wenig. Kommt Beute in die Nähe, dann öffnet die Spinne blitzschnell den Deckel und springt vor, wobei sie meistens mit den Klauen der Hinterbeine in der Röhrenmündung verankert bleibt. Sie packt und beißt die Beute, zerrt sie in das Loch und schließt ebenso schnell wieder den Deckel.
Bemerkenswert ist, daß Falltürspinnen während ihres ganzen Lebens (manche Arten erreichen ein Alter von zehn Jahren) in ihrer völlig dunklen Wohnhöhle

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Abb. 1: Zwei Beispiele für zusätzliche Organe, die Tiere aufgrund angeborener Verhaltenssteuerungen bilden. Beide dienen dem Beuteerwerb.
A zeigt eine Falltürspinne, die ebenfalls aus Seidenfäden in Löchern eine feste Röhre anlegt, die nur das Männchen zur Paarung verläßt. Die Röhre hat eine runde Öffnung mit einem wiederum aus Seidenfäden gesponnenen Deckel. Hinter diesem lauert sie, wobei sie ihn nur wenig geöffnet hält. Kommt ein kleines Insekt vorbei, öffnet sie blitzschnell den Deckel, packt die Beute, zerrt sie in die Röhre, schließt den Deckel und frißt das Tier (s. S. 43ff.).
B zeigt die Larve einer Köcherfliege (siehe Pfeil), die in Bächen lebt und aus Seidenfäden ein Fangnetz anfertigt, das sie an Wasserpflanzen und Zweigen so verankert, daß die Strömung es offenhält und Nahrung hineinspült. Die Larve sitzt am unteren Ende eines Trichters, wo sie gut vor Raubfischen geschützt ist, wandert von Zeit zu Zeit über das Netz und frißt, was sich in den Maschen gefangen hat; nach v. Frisch, 1974 (s. S. 51).
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verbleiben. Bei Conothele arboricola, die im Bismarckarchipel in Baumlöchern lebt, beobachtete der Spinnenforscher Wolfgang Crome, daß sie die Größe ihrer Wohnhöhle nach der Maximalgröße, die sie erreichen kann, ausrichtet. Wächst sie heran, dann braucht sie die Röhre nicht zu wechseln oder zu erweitern. Zur Paarung verlassen nur die Männchen ihre Röhre, suchen die eines Weibchens auf und werden nach der Begattung von diesem gefressen. Die Jungen bleiben bis zu drei Jahre bei der Mutter.
Die Trennung des Fangorgans vom Körper ist bei diesen Spinnenarten weniger ausgeprägt als bei den netzbauenden Spinnen. Ihre Wohnröhre ist gleichsam ein zusätzlicher Panzer, der perfekt arbeitende Deckel ein der Tarnung und der Überrumpelung dienender, höchst effizienter »Körperteil«. Häutet sich die Spinne, dann schließt sie die Wohnröhre hermetisch ab, bis der neue Panzer ausgehärtet ist.
Der Spinnenforscher Harro Buchli, der 1969 im Mittelmeerraum das Verhalten von Falltürspinnen studierte, errichtete im Freiland neben einer Wand, in deren Spalten sich die Wohnröhre einer Nemesia caementaria befand, eine Registrieranlage, die alle Aktivitäten des Tiers über ein Jahr hinweg aufzeichnete. In dieser Zeit jagte das Tier in 252 Nächten, wobei es kurz nach Sonnenuntergang den Deckel leicht öffnete, in Lauerstellung ging und bis Tagesanbruch in gespannter Angriffsstellung verharrte. Die durchschnittliche Jagdzeit betrug 8 Stunden 37 Minuten, und die Spinne legte fünf Rastpausen von insgesamt 2 Stunden 45 Minuten ein. War der Himmel stark bedeckt, dann begann sie schon früher und legte auch am Morgen bis zu vier Stunden zu. Die längste ununterbrochene Lauerzeit betrug in einer Oktobernacht 12 Stunden 57 Minuten. Von den insgesamt 724 Angriffshandlungen führten knapp 10 Prozent zum Erfolg. Die
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unverdaulichen Reste der Beute deponiert Nemesia caementaria am rückwärtigen Ende der Wohnröhre und überspinnt sie mit Seide. Andere Arten formen daraus Bällchen, umspinnen sie ebenfalls und werfen sie aus der Röhrenmündung.
Bei diesem Tier fällt es leichter, die vom Zellkörper zusätzlich gebildeten Organe nicht als etwas von diesem Getrenntes und Verschiedenes anzusehen. Die Leistungsfähigkeit wird durch weitere Einheiten verbessert; daß dies nicht über Zelldifferenzierungen, sondern über Weisungen des Zentralnervensystems erfolgt, dürfte gedanklich kaum eine unüberwindliche Barriere darstellen. Dies um so mehr, als offensichtlich die natürliche Auslese die Leistung der Gesamtheit beurteilt.
Einige Falltürspinnen tarnen ihre Röhren, wenn diese freiliegen, zusätzlich durch Steinchen, Aststücke und Blätter, also mit Umweltmaterial. Geeignete organische und anorganische Objekte aus der Umgebung werden an die Röhre festgesponnen und so ebenfalls zu funktionellen Bestandteilen des Leistungskörpers gemacht. Auch dies stört nicht den Eindruck der Einheit, der unsere Begriffsbildung so stark beeinflußt. Deshalb erscheint es mir nicht korrekt, in all diesen vom Körper getrennten Strukturen etwas von den über Zelldifferenzierung gebildeten Organen grundsätzlich Verschiedenes zu sehen.
Bisher wurde aber die Bezeichnung »Organ« in der Biologie ausschließlich für Einheiten verwendet, die aus Zellen gebildet sind. Nach der Zelltheorie von Schleiden und Schwann (1839) gilt die Zelle als »strukturelle Organisationseinheit lebender Systeme« und bei den Vielzellern als »Grundbaustein der tierischen und pflanzlichen Körper« schlechthin. Selbst wenn sich also eine Modifikation dieser bisher nicht angezweifelten Theorie als notwendig erweisen sollte, er-
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scheint es auf den ersten Blick unzweckmäßig, einen so etablierten Begriff wie jenen des »Organs« ohne zwingenden Grund zu verändern oder in Frage zu stellen.
Andererseits zeigen bereits die beiden angeführten Beispiele, denen ich noch weitere hinzufügen werde, daß die aus Zellen gebildeten Organe der natürlichen Auslese gegenüber keineswegs das einzig Maßgebende sind. Bisher wurde nicht erkannt, daß es bei den Tieren nicht nur eine Methode der Bildung von leistungserbringenden Einheiten gibt, sondern deren zwei. Entweder entstehen solche Einheiten über Zelldifferenzierung, oder sie werden auf einem schwierigeren, indirekten Weg gebildet. Die zweite Möglichkeit besteht darin, daß vom Genom im vielzelligen Gehirn neben Programmen für angeborenes Verhalten auch Programme aufgebaut werden, mittels deren das Tier vom Körper getrennte Organe bildet. Um es noch klarer zu formulieren: Bei der ersten Methode veranlaßt das Genom der Zellen direkt die Bildung von Organen; bei der zweiten veranlaßt es das hochspezialisierte, aus Milliarden von Zellen bestehende Gehirn, zusätzliche Organe zu gestalten.
Als Bezeichnung für die letzteren habe ich in früheren Schriften (1969, 1970 und 1978) den Terminus »künstliche Organe« verwendet, weil sie nicht auf dem »natürlichen« Weg der Zelldifferenzierung entstehen, sondern vom Körper »künstlich« gebildete Produkte sind. Wie sich herausstellte, war diese Bezeichnung nicht optimal gewählt und hat zu Mißverständnissen geführt. Denn diese zusätzlichen Strukturen sind ja ebenso »natürliche« Bildungen wie die über Zelldifferenzierung entstehenden Organe. Auch sie werden aufgrund von Weisungen, die im Genom kodiert sind, gebildet. Im ersten Fall wird das Baumaterial mit der Nahrung vereinnahmt und zur Bildung von Zellen verwendet, die Organe aufbauen. Im zweiten Fall er-
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hält das Gehirn zusätzlich zur Steuerung des Körpers die Aufgabe, aus Abscheidungen oder Umweltmaterial vom Körper getrennte lebenswichtige Werkzeuge (griechisch »Organa«) zu bilden. Daß dieses Getrenntsein vom Zellkörper neue Leistungen ermöglicht, die über Zellorgane gar nicht zu erbringen wären, wurde bereits erwähnt. Ein weiterer Vorteil, mit dem wir uns noch beschäftigen werden, sei hier schon angeführt: Sie brauchen auch nicht vom Blutstrom ernährt zu werden; ebensowenig ist es erforderlich, daß Nerven bis in sie hineinreichen.
Ich glaube deshalb, daß die Bezeichnung »zusätzliche Organe« besser den Kern dieses für die Evolution überaus wichtigen Fortschritts trifft. Wenn diese zweite Methode nur verhältnismäßig selten und erst bei höherentwickelten Lebewesen auftreten konnte, liegt das wohl nicht zuletzt daran, daß sie wesentlich umständlicher ist. Denn sie setzt einen zweifachen Informationstransfer voraus: erstens vom Genom auf die im Gehirn aufgebauten Verhaltenssteuerungen, zweitens von diesen auf das zu bildende Organ. Außerdem kann es so nur zu einer Spezialisierung kommen und nicht gleichzeitig zu vielen austauschbaren, wie es beim Menschen der Fall ist. Darauf komme ich noch zurück. Wesentlich aber ist, daß das Produkt dieser zweiten Methode der Organbildung bei den Tieren genauso natürlich ist wie jene der ersten. Solche zusätzlichen Organe steigern die Leistungsfähigkeit des betreffenden Lebewesens, tragen zu seiner Fitneß gegenüber der natürlichen Auslese bei. Sie steigern also ebenso wie effiziente Zellorgane die Potenz der Lebensentwicklung.
Und noch zu einer weiteren Schlußfolgerung verhelfen schon diese beiden Beispiele. Vor allem die Falltürspinnen, die ihr ganzes Leben lang ihr zusätzliches Organ des Schutzes, des Beuteerwerbs und der
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Fortpflanzung nicht verlassen, machen deutlich, daß man bei allen Lebewesen, die zusätzliche Organe bilden, zwischen ihrem Zellkörper (somatischer Körper) und ihrem Leistungskörper unterscheiden muß. Der Zellkörper bietet sich unseren Sinnen und der Bewertung unseres Gehirns als das Lebewesen schlechthin an. Worauf es jedoch gegenüber der natürlichen Auslese ankommt, ist der Leistungskörper. Dieser ist bei allen Lebewesen, die keine zusätzlichen Organe bilden, mit dem Zellkörper identisch. Bei all jenen, deren Zellkörper durch zusätzliche Organe in seiner Leistungsfähigkeit gesteigert wird, besteht er aus dem Zellkörper plus zusätzlicher Organe.
Diese Betrachtungsweise ist ungewohnt und erfordert ein gehöriges Umdenken. Wir wenden uns deshalb weiteren Beispielen für Tierarten zu, die vom Zellkörper getrennte Organe bilden. Die meisten Beispiele sind seit langem bekannt. Man hat sie jedoch unter die Verhaltensweisen und deren Ergebnisse eingereiht und nicht erkannt, daß sie ein zweites, für die Organbildung der Individuen wichtiges Bildungsprinzip aufzeigen. Jedes Beispiel ist ein Beweis dafür, daß nicht der sich unseren Sinnen als deutliche Einheit darstellende Zellkörper für die Lebewesen ausschlaggebend ist, sondern ihr Leistungskörper, der aus sämtlichen für die Gesamtleistung maßgebenden Einheiten besteht.
Die Nutzung günstiger Umweltfaktoren
Vergleichen wir als nächstes zwei Fangvorrichtungen, die Larven verschiedener Insektengruppen bilden. Äußerlich sehen sie sehr verschieden aus; trotzdem führt ihr Vergleich zum besseren Verständnis zusätzlicher Organe und ihrer Struktur.
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Die erste Fallenart wird von Larven einiger Köcherfliegen gebildet, die in langsam strömenden Bächen leben (beispielsweise Hydropsyche). Auch sie scheiden, ähnlich den Spinnen, Seidenfäden ab, allerdings nicht am rückwärtigen Abschnitt ihres Körpers, sondern aus umgewandelten Speicheldrüsen, die am Mund nach außen führen. Sie bilden aus einem feinmaschigen Gespinst trichterförmige Reusen, die an Wasserpflanzen und Zweigen verankert sind. Das strömende Wasser hält die Reuse offen und trägt kleine Lebewesen in den Trichter, dessen Wände von der wurmförmigen Larve von Zeit zu Zeit abgeweidet werden. Sonst sitzt sie in dem engen Trichterende, wo sie gegen Raubfische und sonstige Feinde bestens geschützt ist (Abb. 1B).
Die zweite Fangvorrichtung, die wir mit dieser Reuse vergleichen wollen, ist vielen Kindern gut bekannt. An Waldrändern und Wegböschungen erzeugt sie der weit kräftigere Ameisenlöwe, die Larve der Ameisenjungfern (Myrmeleonidae). Auf flachen, feinkörnigen Sandböden errichtet er trichterförmige Fallgruben. Am Grund, zu zwei Dritteln im Sand versteckt, lauert er nach Ameisen, die oben dem Trichterrand zu nahe kommen und in den Trichter hinunterrutschen. Ihr Entkommen verhindert er, indem er sie mit Sandkörnchen beschießt und so kleine Lawinen auslöst, die das Opfer direkt vor seine kräftige Kieferzange bringen. Damit packt er sie. Er tötet sie, saugt sie aus und schleudert den nicht weiter verwertbaren Rest aus dem Trichter.
Mit seiner übergroßen Zange, die ein Drittel seiner Körperlänge ausmacht, kann der Ameisenlöwe sich nur rückwärts bewegen. Demgemäß sind die Borsten seines Körpers nach vorn gerichtet. Beim Bau des Trichters geht er so vor, daß er an einem geeigneten Platz rückwärts schreitend einen kreisförmigen Graben bildet, sich dabei in den Sand einwühlt und durch
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beidseitige Bewegungen des Kopfes und der vorderen Rumpfringe den Sand in verschiedene Richtungen fortschleudert. Die sich vertiefende Furche legt den Umfang des Trichters fest; den in der Mitte verbliebenen Kegel entfernt er, indem er in immer enger werdenden Spiralgängen den Sand auswirft. In der Kreismitte, am tiefsten Punkt des Trichters, kommt er schließlich zur Ruhe und lauert dort auf Beute. So, wie er den Sand durch ruckartige Schleuderbewegungen auswirft, werden auch die Ameisen gezielt beschossen, die aus dem Trichter zu flüchten versuchen; mit der gleichen Bewegung werden ihre Überreste aus dem Trichter entfernt. Im dritten Jahr verpuppt sich der Ameisenlöwe in einem kugeligen, außen mit Sandkörnern beklebten Kokon, aus dem die zierliche Ameisenjungfer entschlüpft, deren Flügel eine Spannweite von 3 bis 5 Zentimetern erreichen.
Diesen Sandtrichter als integralen Bestandteil des Ameisenlöwen, als sein zusätzliches Organ anzusehen, bereitet sicher erhebliche Schwierigkeiten. Während die Köcherfliegenlarven ebenso wie die Radnetz- und die Falltürspinnen ihre Fangvorrichtungen aus körpereigenem Material bilden, besteht der Trichter des Ameisenlöwen aus losem Umweltmaterial und bietet sich unserer Beurteilung weit eher als eine zweckdienliche Umweltveränderung dar.
Hier sind wir an ein Beispiel für die Grundleistung Nutzung günstiger Umweltfaktoren gelangt. Gemeinsam sind dem Sandtrichter und der Reuse der Köcherfliegenlarve, daß hier Umweltkräfte gleichsam in den Dienst für die Art eingespannt werden. Die Reuse wird von der Wasserbewegung offengehalten, die auch Kleinlebewesen in die Falle hineinspült. Beim Sandtrichter wird die Schwerkraft der Erde den Ameisen zum Verhängnis. Beiden Tieren wird so durch Naturkräfte eigene Anstrengung erspart. Noch wichti-
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ger ist jedoch zu bedenken, daß es hier wie dort funktionell auf ein trichterartiges Gebilde ankommt, in das äußere Kräfte Nahrung hineinlenken. Bei der Köcherfliegenlarve wird es mit Hilfe der Fadenbildung und angeborener Steuerungen aus eigenen Mitteln errichtet. Dem Ameisenlöwen kommt ein weiterer günstiger Umweltfaktor in Gestalt flacher, aus sehr feinem Sand bestehender Böden zu Hilfe. Er braucht den Sand bloß zu formen – wie der Töpfer einen Krug. Was funktionell zählt, sind einzig die benötigte Form und ein Material, das ein Entkommen der Beute verhindert. Der Sand bietet dafür gleichsam seine Dienste an. Somit hilft dem Ameisenlöwen ein weiterer günstiger Umweltfaktor bei der Errichtung seiner Falle und erspart es ihm, für geeignetes Baumaterial selbst zu sorgen.
Zu solchen Verhaltensprogrammen mußten beide Tierarten über Mutationen, Rekombinationen und die natürliche Auslese gelangen. Immerhin erspart sich der Ameisenlöwe in doppelter Hinsicht eigenen Kraftaufwand. Sieht man die Dinge so, dann ist der Sandtrichter sehr wohl ein von ihm zusätzlich gebildetes Organ der Nahrungsgewinnung. Er ist Bestandteil seines Leistungskörpers, ganz wie beim Urmenschen jene Steine, die quasi gebrauchsfertig in der Umgebung zu finden waren und die er als Wurfgeschosse zur Überwältigung der Beute benutzte.
Günstige Umweltbedingungen, die ganz so genutzt werden können, wie die Natur sie bildet, sind auch alle Spalten und Höhlen, die Tieren oder dem Menschen als Schlupfwinkel zu dienen vermögen. Da sie nicht wie der Sand vom Ameisenlöwen verändert werden müssen, fällt es gedanklich schwerer, sie als Schutzeinheiten anzusehen, welche die körperlichen Leistungen steigern. Hier ist jedoch zu bedenken, daß angeborenes Verhalten notwendig ist, um solche Einheiten, die sich als schützende Organe eignen, zu
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erkennen; schon der früher angeführte Schiffshalter, der den Hai zu seinem Schutzorgan macht, zeigte dies. Für den intelligenten Menschen ist es schwierig zu begreifen, daß nicht einmal das Erkennen eines Schlupfwinkels eine Selbstverständlichkeit ist, sondern entsprechende Steuerungen – angeborene, anerzogene oder durch eigene Erfahrungen gebildete – erfordert.
Solange man die Lebewesen als rein materielle Phänomene ansieht, wie es bis heute der vorherrschenden Ansicht entspricht, ist es in der Tat schwer, einen Sandtrichter oder eine von der Natur geschaffene Höhle für die Dauer der Verwendung als integralen Bestandteil von Organismen anzuerkennen. Für die natürliche Auslese ist indessen weder die materielle Gestalt noch die Verhaltensweise, sondern die konkurrenzfähige Gesamtleistung entscheidend. Und die kann durch sehr verschiedene Methoden und vielfältige Körperbildungen erreicht werden.
Die Vielgestaltigkeit zusätzlicher Organe
Um sich mit dem Begriff der zusätzlichen Organe und seiner Berechtigung vertraut zu machen, ist es zweckmäßig, dafür möglichst verschiedene Beispiele aus dieser Sicht zu betrachten. Bei der für alle Arten von Lebewesen obligaten Grundleistung der Fortpflanzung ist die Nutzung günstiger Umweltfaktoren ebenso wichtig wie die Abwehr störender oder feindlicher Einwirkungen. Werden die Nachkommen nicht lebensfertig in die Welt gesetzt, dann sind vom Körper unabhängige Strukturen zu ihrem Schutz besonders wichtig. Solche können jedoch über Zelldifferenzierung nur sehr beschränkt zustande kommen. Hier erlangen vom Zellkörper zusätzlich gebildete Organe besondere Bedeutung.
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Lebendgebärende Arten gibt es zwar in vielen Tierklassen, doch bilden sie eher die Ausnahme. Bei weit mehr Arten wird die Keimzelle, mit entsprechender Nahrung und einer schützenden Umhüllung versehen, als Ei vom Mutterkörper abgeschieden und ihrem weiteren Schicksal überlassen. So ist es bei den meisten Gliederfüßern, ebenso bei den Wirbeltieren, namentlich bei den Fischen. Werden dagegen den Nachkommen zusätzliche Hilfsleistungen zuteil – von der Mutter, den Eltern, dem Rudel oder dem »Staat« (bei den Insekten) –, dann gibt es für solche Brutfürsorge unzählige Möglichkeiten.
Die technisch so vollendeten Waben von Bienen und Wespen sind funktionell gesehen kleine, künstlich gebildete Schutzeinheiten für außerhalb des mütterlichen Körpers heranwachsende Embryos. Die Bienen bilden sie in der Regel aus Wachs, das sie aus speziellen Wachsdrüsen ausscheiden; einige Arten verwenden auch von Bäumen abgeschiedenes Harz. Die Waben der Wespen werden dagegen aus Holzfasern mit einem körpereigenen Bindemittel zusammengekittet. Die Wandstärke mancher dieser Waben beträgt nur 73 Tausendstel eines Millimeters. Zierliche Urnen aus Lehm formt die solitär lebende Pillenwespe Eumenes. Ist der Lehm zu trocken, holt sie im Magen Wasser, spuckt darauf, schabt Lehm ab und formt daraus eine Pille, die sie zum Bauplatz trägt. Mit Kiefern und Beinen wird diese dort zu einem flachen Streifen ausgezogen; aus solchen Streifen bildet sie eine Hohlkugel, die oben krugartig verengt ist. Als Nahrung für die Larve zwängt sie dann gelähmte Larven oder Raupen durch die Öffnung und hängt das Ei vor Abschluß der Urne mit einer letzten Pille an einem kurzen Faden darin auf, so daß die schlüpfende Larve gleich entsprechende Nahrung zur Verfügung hat. Ebenfalls aus Lehm bilden die im tropischen Süd-
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amerika lebenden Töpfervögel kugelförmige Gefäße mit seitlichem Eingang und schaffen sich so, wie v. Frisch sagt, »eine Höhle, wo die Natur ihnen keine bietet«. An der Herstellung arbeiten Weibchen und Männchen gemeinsam. Die Arbeit erfordert mehrere Wochen, denn rund zweitausend kleine Lehmkugeln müssen als Baumaterial zum Nistplatz gebracht werden. Dann wird die durch eine Wand abgetrennte Brutkammer mit feinen Grashalmen gepolstert.
Wie dieses und die vorangehenden Beispiele zeigen, spielt es bei der Anfertigung derartiger zusätzlicher Organe keine grundsätzliche Rolle, ob sie zur Gänze aus körpereigenem Material gebildet sind (wie die Waben der Bienen) oder nur zum Teil (wie jene der Wespen) oder aus körperfremdem Material (wie die aus Lehm gebildeten Urnen der Pillenwespe). Für die natürliche Auslese beziehungsweise »das Überleben des Bestgeeigneten« ist lediglich maßgebend, daß die hier benötigte Funktion des Brutschutzes angemessen erfolgreich erbracht wird. Bedenkt man überdies, daß etwa die Wabenkröte (Pipa pipa) ähnliche Schutzeinheiten für ihre Embryonen auf ihrem Rücken ausbildet, die somit von körpereigenen Zellen aufgebaut und mit dem Körper der Kröte fest verwachsen sind, dann weist das meines Erachtens ebenfalls deutlich darauf hin, daß es nicht angemessen ist, diese Schutzeinheiten als Bestandteile des Tiers anzusehen, die anderen dagegen nicht.
Häufig werden auch Organe anderer Lebewesen verwendet, um vom Körper getrennte Schutzorgane für die Nachkommen zu bilden. Die meisten Nester der Vögel sind aus abgestorbenen Zweigen und Gräsern gebildet, aber auch lebende Organe von Pflanzen werden verwendet, ebenso Ausscheidungen anderer Tiere, Umweltkräfte und letztlich auch die Dienstleistung anderer Lebewesen. Der im südlichen China und
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in Indien verbreitete Schneidervogel (Orthotomus sutorius) verbindet große Baumblätter durch Halme, die er durch eingebohrte Löcher hindurchzieht, so daß eine oben offene Tüte entsteht, die er mit weichem Neststoff füllt. Als Nadel dient ihm bei dieser schwierigen Arbeit sein langer spitzer Schnabel; als Faden verwendet er Spinnseide, Bast und Baumwollfasern, die er zu einem stärkeren Faden zusammendreht. Ein Zurückschlüpfen des Fadens verhindert er durch je einen Knoten auf beiden Seiten. Der Schnabel und eines der Beine arbeiten hier geschickt zusammen.
Bei den Ameisen gibt es dazu ein nicht minder erstaunliches Gegenstück. Im tropischen Südasien bilden Vertreter der Gattung Oecophylla kugelige oder ovale Nester, die ebenfalls aus lebenden Blättern bestehen und durch ein dichtes seidenartiges Gewebe miteinander versponnen werden. Da bei den Ameisen nur die Larven Spinndrüsen besitzen (um sich nach abgeschlossenem Wachstum in einem Kokon einzuspinnen), war es zunächst ein Rätsel, wie es zu dieser Nestbildung kommt. Dann stellte sich heraus, daß eine Anzahl der Arbeiterinnen benachbarte Blätter zusammenziehen, wobei sie, wenn der Abstand zu groß ist, auch lebende Ketten bilden. Eine Ameise klettert dann über die andere und wird von dieser am Hinterleib festgehalten. Weitere Arbeiterinnen bringen je eine Larve, die sie in den Kiefern halten, und drücken diese, wenn die Blattränder genügend genähert sind, mit der Mundöffnung gegen die zu verbindenden Ränder. Die Larve wird durch Druck mit den Kiefern zur Abgabe ihres Drüsensekrets genötigt und so in zweifacher Funktion verwendet, als Fadenproduzent wie auch als »Weberschiffchen«.
Die vorwiegend in Afrika und Südasien verbreiteten Webervögel (Ploceidae) verwenden Beine und Schnabel, um besonders kunstvolle Nester anzuferti-
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gen. Das Männchen packt den Rand von Blättern und Halmen und reißt im Davonfliegen längere Streifen mit sich. Aus solchen und anderen Fäden fertigt es kugelige Nester an, die wie große Früchte von den Bäumen hängen. Die Einflugöffnung befindet sich unten und ist oft durch eine Flugröhre verlängert. Wie ein Korbflechter befestigt der Webervogel seine Fäden durch Knoten, bildet Schlingen, steckt den Faden in das Geflecht, zieht ihn an anderer Stelle wieder heraus und erzeugt so für sich und seine Brut ein Heim von großer Haltbarkeit, das auch guten Feindschutz bietet. Ist das Nest fertig, liegt es am Weibchen zu entscheiden, ob es ihm zusagt. Wenn ja, hilft es bei der Innenausstattung mit; lehnt es das Nest ab, zerstört das Männchen nach einer Woche das Bauwerk, entknotet die Schlingen und macht sich erneut an die Arbeit, um ein noch gefälligeres Heim für sich und die Familie zustande zu bringen.
Wieder ganz anders gebildet ist das Nest des javanischen Flugfroschs Rhacophorus reinwardti, der ähnlich wie der Schneidervogel und die Weberameisen lebende Blätter als Baumaterial mit verwendet. Zur Paarung suchen Männchen und Weibchen am Ufer eines Gewässers ein großes Blatt oder setzen sich zwischen einige kleinere Blätter. Hier werden die Eier abgelegt und vom Männchen besamt. Gleichzeitig scheidet das Weibchen eine schleimige Flüssigkeit ab. Nach jeder Eiablage führen Männchen und Weibchen gemeinsame Strampelbewegungen aus, wobei sie die Füße in den Schleim tauchen und zusammenschlagen. Nach 30 bis 60 Minuten liegen 60 bis 90 Eier in einem Schaumklumpen von 5 bis 7 Zentimeter Durchmesser. Nun drückt das Weibchen die Blätter gegen den Schaumballen, der sich oberflächlich erhärtet und so an sie angeleimt wird. Die Eltern kümmern sich in der Folge nicht weiter um
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ihre Brut. Während der Embryonalentwicklung verflüssigt sich der Schaum teilweise, so daß sich in dem Schaumnest ein kleines Aquarium bildet. In diesem können sich die schlüpfenden Kaulquappen einige Tage lang tummeln, bis ein stärkerer Regen die Außenhülle des Schaumnests erweicht und die Jungen ins Wasser schwemmt.
1958, bei meiner »Xarifa«-Expedition in den Indischen Ozean, lag unser Schiff etwa einen Monat lang in einer Bucht der Insel Groß-Nikobar im Golf von Bengalen vor Anker. Wir waren die ersten, die in diesen interessanten Gewässern tauchten, und machten dort manche neue Beobachtung. Direkt unter dem Schiff, wo sich auf dem flachen, sandigen Grund in etwa 15 Meter Tiefe über Bord geworfene Abfälle sammelten, entdeckte ich eine aufrecht stehende Herzmuschel, zwischen deren leicht geöffneten Schalen zwei Augen hervorlugten. Für ein Muscheltier waren sie viel zu hoch entwickelt. Ich brachte die Muschel herauf, und wir setzten sie in ein großes Aquarium, wo sie bald von den darin herumkriechenden Krabben und Einsiedlerkrebsen belagert wurde. In der Muschel verbarg sich nämlich ein Oktopusweibchen (Octopus aegina), das sein Eigelege zwischen den leeren Schalen untergebracht hatte. Mit den Saugnäpfen der Fangarme hatte es sich von innen an den Schalen festgesaugt und konnte diese ebenso öffnen und schließen, wie es zuvor das darin lebende Muscheltier getan hatte. Das Oktopusweibchen verwandelte so die verwaisten Muschelschalen in eigene, seine Brut schützende zusätzliche Organe.
Bei den Maulbrütern unter den Fischen (beispielsweise manche Welse und Buntbarsche) wird nicht ein vom Körper getrenntes Gebilde zum Schutz der Nachkommen erzeugt oder genutzt, sondern ein körpereigenes Organ übernimmt vorübergehend eine völlig
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andere Funktion. In diesem Fall ist es das Maul. Bei den Welsen sind es durchweg die Männchen, die in solcher Weise Brutpflege verrichten: Sie verwahren die vom Weibchen abgelegten Eier im Maul, bis die Jungen ausgeschlüpft sind. Beim brasilianischen Wels Arius commersoni kann das Männchen 30 bis 40 Eier von 13 bis 15 Millimeter Durchmesser im Maul beherbergen und muß demnach während der ganzen Dauer der Brutpflege fasten. Es nimmt keinerlei Köder an, und sein Darm erfährt gewisse Rückbildungen. Bei den maulbrütenden Buntbarschen sind es die Weibchen, die das zusätzliche Schutzorgan für die Eier zur Verfügung stellen; hier flüchten auch die geschlüpften Jungfische noch in das mütterliche Maul. Nach Eibl-Eibesfeldt haben sie zum Erkennen dieser schützenden Höhlung einen angeborenen auslösenden Mechanismus entwickelt, bei dem die Augen der Mutter eine ausschlaggebende Rolle spielen. »Sie versuchen auch in einfache Attrappen des mütterlichen Kopfes einzudringen, wobei sie sich nach der Stellung der Augen richten und einen Punkt zwischen diesen ansteuern. Liegen die Augenflecken horizontal auf einer Ebene, so ist die Attrappe wirksamer, als wenn je ein Auge oben oder unten ist.«
Beim chilenischen Nasenfrosch (Rhinoderma darwini) nimmt das Männchen die vom Weibchen abgelegten 10 bis 14 dotterreichen Eier mit dem Maul auf und befördert sie in die vom Mundhöhlenboden ausgehende Schallblase, die sich unter dem Einfluß dieser Füllung bis zum Hinterende des Kopfes ausdehnt. In diesem Kehlsack ordnen sich die Eier in zwei Schichten, von denen die eine der rückseitigen, die andere der bauchseitigen Wand anliegt. Von dort wird ihnen Sauerstoff und wohl auch Nahrung zugeführt. Die Jungen bleiben bis zum Abschluß ihrer Verwandlung im Kehlsack und verlassen ihn als vollkommene Frösch-
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chen. Das brutpflegende Männchen ist am Ende der Pflegezeit bis auf Haut und Knochen abgemagert. V. Frisch schreibt: »Das ist wohl die einzigartigste Kinderstube der Tierwelt. Sie braucht vom Vater Frosch nicht gebaut zu werden, sie ist ihm von der Natur geschenkt.« Ist es hier also nicht ein zusätzliches Organ, sondern ein aus Zellen gebildetes natürliches Organ, das die Schutzfunktion für die Jungen vorübergehend übernimmt, so ist es bei den Meeresschildkröten der heiße Sand, dem die abgelegten Eier von der Mutter zum Ausbrüten »überlassen« werden. Da diese Reptilien von an Land lebenden Vorfahren abstammen, drängt sie ihr Instinkt, zur Eiablage an Land zurückzukehren. Sie klettern mühevoll an Sandstränden empor, heben mit den rückwärtigen Flossen eine Grube aus, legen ihre Eier darin ab und decken sie wieder mit Sand zu. Schutz und Brutgeschäft übernehmen hier als fördernde Faktoren Sand und Sonne. Für die Energiebilanz, die bei allen Tieren eine wichtige Rolle spielt, ist die Einsparung durch diese anorganische »Ziehmutter« von beträchtlicher Bedeutung.
Eine andere Energiequelle machen sich die Großfußhühner (Megapodiidae) der malayisch-australischen Tropen zunutze. Sie bilden bis fünf Meter hohe »Bruthaufen«, in denen die Gärungswärme des darin angehäuften Pflanzenmaterials das Brüten ihrer Eier übernimmt. Bis zu elf Monate im Jahr sind diese Vögel damit beschäftigt, die innere Wärme der Bruthaufen so zu regeln, daß die darin deponierten Eier auf konstant 34° Celsius gehalten werden. Die Temperatur wird fast täglich kontrolliert und für die meiste Zeit auf Höchstschwankungen von 1° Celsius reguliert. Mit fortschreitender Jahreszeit ändert sich dabei die Methode. Im Frühling genügt es, die überschüssige Gärungswärme durch Luftschächte abzuleiten und die Öffnungen rechtzeitig wieder zu schließen. Im Som-
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mer läßt die Gärung nach, aber die Sonne gewinnt an Bedeutung. Der Gefahr einer Überhitzung begegnen die Vögel durch Erhöhung der Sandschicht, die den Hügel bedeckt. Dringt allmählich die Sonnenwärme trotzdem tiefer ein, ergreifen sie eine ebenso überraschende wie wirksame Gegenmaßnahme: In der Kühle des frühen Morgens räumen sie die Kuppe ab, scharren einen tiefen Krater bis hart an die Eier und breiten den Sand aus. Nachdem er abgekühlt ist, werfen sie ihn wieder in das Loch und häufen zur Regulierung das alte Material in dicker Schicht darüber, was sie jedesmal eine Arbeit von zwei bis drei Stunden kostet. Der australische Ornithologe Harold J. Frith baute in ein solches Nest ein Heizinstrument ein, das er von außen bedienen konnte. Die Hühner reagierten zunächst richtig. Im Frühling pflegten sie das Nest nur alle zwei bis drei Tage zu öffnen. Als nun die Wärme künstlich gesteigert wurde, öffneten sie es täglich und bekamen so die Regelung wieder in den Griff. Als jedoch im Sommer aufgeheizt wurde, erkannten sie nicht, daß die Wärme von unten kam. Der Jahreszeit gemäß richteten sie ihre Tätigkeit gegen eine Überhitzung durch die Sonne ein: Sie bauten also den Hügel immer höher und höher, und er wäre wohl noch weit höher geworden, hätte nicht ein Defekt am Generator das Experiment beendet.
Während diese Leistungen schon sehr an die technische Manipulation von Naturkräften durch den Menschen erinnern, zeigt der allgemein bekannte Kuckuck, wie man nicht nur Blätter, Sand, Sonne und Gärungswärme für das eigene Brutgeschäft heranziehen kann, sondern auch andere Tiere. Die Weibchen verfahren hier so, daß sie zunächst andere Vogelarten bei ihrem Nestbau beobachten. Sobald diese ihre Eier ablegen, legt das Kuckucksweibchen möglichst unbemerkt ein eigenes hinzu und trägt oft eines der darin
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liegenden fort. Die betroffenen Vögel kümmern sich meistens nicht darum und werden so zu Pflegeeltern, die das fremde Ei gemeinsam mit den eigenen ausbrüten. Vier Stunden nach dem Schlüpfen des jungen Kuckucks erwacht bei diesem blinden, hilflosen Jungen der angeborene Trieb, die anderen Eier und schon geschlüpfte Nestgenossen aus dem Nest zu entfernen. Er schiebt sich unter sie und drängt sie unter Anstemmen mit dem Kopf und den Füßen über den Rand. Aufgrund seines besonders großen und auffälligen Sperr-Rachens weckt er den Fütterungstrieb der Zieheltern weit stärker als die eigenen Jungen – sofern solche noch vorhanden sind. Sie müssen vom Morgen bis zum Abend Futter heranschaffen und folgen dem jungen Kuc kuck, wenn er das Nest verläßt, oft für einige Wochen, um ihn weiter zu füttern. Der Erfolg dieser auf angeborenen Verhaltenssteuerungen sowohl bei der Mutter als auch bei den Jungen beruhenden Methode, andere Vögel das Brutgeschäft ausführen zu lassen, sie also für diese Zeit in zusätzliche Organe des eigenen Leistungskörpers zu verwandeln, zeigt sich hier deutlich. Der Kuckuck ist heute in über 140 Arten über weite Teile der Erde verbreitet; etwa 50 von ihnen sind solche Brutparasiten.
Diese Beispiele, denen ich zahlreiche weitere hinzufügen könnte, belegen meines Erachtens nachhaltig, daß vom Körper getrennte Organe durchaus nicht ein Privileg menschlicher Erfindungsgabe sind. Bereits zahlreiche Tierarten haben solche zusätzlichen funktionellen Einheiten, welche die Leistungsfähigkeit ihres Körpers erheblich steigern, hervorgebracht. Sie werden entweder aus körpereigenen Abscheidungen gebildet (wie das Spinnennetz) oder aus Umweltmaterial aufgebaut (wie die Nester der
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Vögel, die aus Lehm gestalteten Urnen der Pillenwespe und der Sandtrichter des Ameisenlöwen). Unserer Wahrnehmung stellen sie sich als etwas vom Zellkörper des Tiers deutlich Getrenntes dar, doch funktionell gehören sie zu ihm.
Jedes dieser zusätzlichen Organe muß mit entsprechendem Energieaufwand gebildet werden – nicht anders als die über Zelldifferenzierung entstehenden Organe. Jedes von ihnen muß dem Organismus, dem es dient, mehr Nutzen einbringen, als seine Herstellung und seine etwaige Betreuung an Aufwand kosten, muß allenfalls kontrolliert, gepflegt, repariert und nötigenfalls erneuert werden – nicht anders als bei den Organen, die aus Zellen entstehen. Mehr als das: Fast alle dieser zusätzlichen Organe könnten, wie die genannten Beispiele zeigen, ihre Leistungen gar nicht erbringen, wenn sie mit dem Körper, der sie herstellt, fest verwachsen wären. Meistens könnte er sie nicht einmal bilden.
Wenn ich in meiner Darstellung auf so viele Einzelheiten
eingegangen bin, dann geschah dies, um zu zeigen, wie viele günstige
Mutationen und sexuelle Rekombinationen der Gene notwendig gewesen sein
müssen, damit so differenzierte Körperbildungen und Verhaltenssteuerungen
entstehen konnten. Und jedes Zwischenglied in diesen oft über Jahrmillionen
sich erstreckenden Entwicklungsfolgen mußte der natürlichen
Auslese gegenüber bestehen, also Selektionswert aufweisen! Das scheint
mir ein weiterer deutlicher Beweis dafür zu sein, daß die zusätzlichen
Organe für das Überleben und die Weiterentwicklung der betreffenden
Arten von wesentlicher Bedeutung waren, daß man sie somit keinesfalls
als etwas vom Zellkörper völlig Getrenntes, nicht zu diesem Gehörendes
ansehen kann.
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