(Originalbuchseite 9)

Einleitung



Bei Tauchexpeditionen in tropische Meere zur Erforschung der Korallenriffe und ihrer Bewohner machte ich verschiedene Beobachtungen, die mir als Biologen Vergleiche zu Vorgängen in der Großstadt, in der Wirtschaft und im Staat nahelegten. Es drängte sich mir die Frage auf, ob nicht manche grundlegende Ansicht über die Stellung des Menschen in der Evolution neu überdacht werden sollte, ob nicht am Ende die gesamte menschliche Entfaltung, so verschieden sie uns auch in jeder Hinsicht erscheinen mag, von ähnlichen oder sogar gleichen Grundgesetzen beherrscht wird wie die evolutionäre Entfaltung der Pflanzen und der Tiere. Ich fragte mich, ob die Organbildung, auf der die körperliche Leistungsfähigkeit sämtlicher Lebewesen beruht, von der Herstellung etwa von Werkzeugen, Waffen, Bauten und Maschinen beim Menschen wirklich so grundverschieden ist, wie der sinnfällige Eindruck es uns vermittelt. Und ich fragte mich auch, ob die uns angeborenen Triebe, deren Verwandtschaft mit jenen der Tiere kaum zu übersehen ist, nicht letztlich die Entwicklung unserer Technik, Wirtschaft und Kultur sehr wesentlich beeinflußt haben, ja weitgehend bestimmen.

Aus diesen Beobachtungen und Überlegungen zog ich 1960 die Konsequenz, beendete meine Forschungstätigkeit im Meer und bemühte mich in den folgenden Jahrzehnten, Betriebs- und Volkswirtschaft, Politik und andere Bereiche menschlicher Aktivität und Organisation als integrale Bestandteile der Lebensentfaltung zu analysieren. In diesem Sinne wandte ich mich auch der vergleichenden Verhaltensforschung zu. Ich hoffe, daß man diese biographischen

(Originalbuchseite 10)

Einzelheiten entschuldigen wird. Sie sollen zeigen, daß meine Darlegungen nicht das Ergebnis übereilter Schlußfolgerungen sind.

Da ich bei meinen meereskundlichen Forschungen Unterwasserkameras entwickelt und eine Reihe von Filmen hergestellt hatte, kam mir der Gedanke, ob nicht vielleicht auch hier eine besondere Filmtechnik helfen könnte. Ich konstruierte ein Spiegelobjektiv, das es mir ermöglichte, Menschen ohne ihr Wissen zu filmen, und veränderte gleichzeitig den normalen Zeitablauf durch Zeitraffung von zwei bis sechs Bildern pro Sekunde bei Übersichtsaufnahmen sowie durch Zeitlupe bei Nahaufnahmen. Diese Technik zwingt das Gehirn, auch alltägliche Szenen neu zu bewerten. Schon die ersten Aufnahmen bei Wien, auf Samoa und in Benares (1962) lieferten vielversprechende Ergebnisse. Daraufhin filmte ich, meist in Begleitung meines Freundes Irenäus Eibl-Eibesfeldt, in allen fünf Erdteilen menschliche Aktivitäten bei Naturvölkern, in Hochkulturen und in der Industriegesellschaft. Wie sich inzwischen gezeigt hat, bewährt sich die neue Methode auch als Werkzeug für humanethologische Forschung.

Mir führten diese Aufnahmen noch besser vor Augen, wie der Mensch mit seinen künstlich hergestellten Geräten und Maschinen zu Einheiten verschmilzt, die neue spezialisierte Leistungen ermöglichen. Ein Besucher aus dem Weltraum, der aus einem Raumschiff die Lebensentfaltung auf unserem Planeten studierte, würde den Menschen sicher mit besonderem Interesse betrachten: Er ist das einzige Lebewesen, das die Leistungsfähigkeit seines Körpers fast beliebig durch Verwendung von Werkzeugen und sonstigen künstlich geschaffenen Behelfen steigern kann. Mit ihrer Hilfe kann er sich schneller fortbewegen,

(Originalbuchseite 11)

Ozeane überqueren, fliegen, andere Himmelskörper erreichen und vieles andere mehr, wozu sein »natürlicher« Körper zunächst nicht fähig ist.

Bis Darwin betrachtete sich der Mensch als etwas von den übrigen Lebewesen Grundverschiedenes. Man hielt es außerdem für selbstverständlich, daß jede Art von Lebewesen eine eigene Schöpfung sei. Darwin wies dagegen nach, daß sämtliche Lebewesen, einschließlich des Menschen, miteinander verwandt sind und von gemeinsamen Vorfahren abstammen. Seine zunächst sehr umstrittene Deszendenztheorie wurde von den nachfolgenden Forschergenerationen durch ein überwältigendes Beweismaterial bestätigt. Nach heutigem Forschungsstand nahm die Entwicklung des Lebens vor etwa vier Milliarden Jahren in seichten Meeresgebieten ihren Anfang. Aus Strukturen von molekularer Größe entwickelten sich zunächst die Einzeller, dann, vor etwa 1,8 Milliarden Jahren, aus Einzellern die Vielzeller. In immer größeren, höher organisierten Formen besiedelten sie die Meere und die sonstigen Gewässer. Erst vor etwa 400 Millionen Jahren gelang es ersten Organismen – zuerst Pflanzen, dann Tieren –, das trockene Land zu erobern. In immer neuen Arten breitete sich nun das Leben auch über die Kontinente aus.

Der Mensch ging aus dem großen Kreis der Wirbeltiere hervor, und wird bisher als Art innerhalb der Ordnung der Primaten (Herrentiere) eingestuft. Seine Überlegenheit den übrigen Lebewesen gegenüber verdankt er seinem besonders hoch entwickelten Gehirn. Aufgrund gesteigerter geistiger Fähigkeiten vermag er seine Leistungsfähigkeit durch künstliche Hilfsmittel zu verbessern. Zunächst waren es Waffen und Werkzeuge. Da sie vom Körper getrennt sind und nicht aus lebenden Zellen bestehen, betrachtet sie der Mensch als etwas, das von den Organen seines

(Originalbuchseite 12)

Körpers grundverschieden ist. Kaum jemand hat bis heute daran Zweifel geäußert.

Nun ist es aber so, daß sich im Konkurrenzkampf der Lebewesen ganz automatisch jene durchsetzen, welche die bestgeeigneten Leistungen erbringen. Darwin bezeichnete diesen geradezu zwangsläufigen Vorgang als »natürliche Auslese«. Arten mit leistungsfähigeren Organen verdrängen ihre Konkurrenten.

Alle Organe der vielzelligen Lebewesen sind aus Zellen aufgebaut. Die vom Menschen künstlich hergestellten Hilfsmittel sind insofern »zusätzliche Organe«, als sie ebenfalls unseren Körper in seiner Leistungsfähigkeit steigern, ja ihm zu völlig neuen Fähigkeiten verhelfen können. Das Wort »Organ« wurde von der altgriechischen Bezeichnung für Werkzeug, »organon«, abgeleitet, was bereits seit Anbeginn wissenschaftlichen Denkens auf eine enge Verwandtschaft zwischen den aus Zellen bestehenden Organen und den von unserem Körper zusätzlich gebildeten hinweist. Zwischen einer Axt und einer Lunge besteht äußerlich zweifellos ein sehr großer Unterschied – ebenso zwischen einem Kochtopf und den roten Blutkörperchen. Ob jedoch Einheiten, die für unsere Lebensfähigkeit notwendig sind oder gar diese noch steigern, von Einzelzellen, von aus Zellen gebildeten Organen oder von Einheiten, die der Körper zusätzlich aus Umweltmaterial bildet, erbracht werden, ist von untergeordneter Bedeutung. Was zählt, ist die gesamte Leistungskraft, über die ein Lebewesen – und ein solches ist eben auch der Mensch – verfügt. Diese allein entscheidet darüber, ob Individuen und Arten sich durchsetzen können, ob es zu einer Vervielfältigung ihrer raumzeitlichen Struktur kommt.

Beim Übergang von Einzellern zu Vielzellern gingen lebenswichtige Leistungen von Zellorganen (Organellen) auf vielzellige Organe über. Meine hier vor-

(Originalbuchseite 13)

gelegte Theorie besagt, daß sich durch den Menschen und seine geistigen Fähigkeiten ein zweites Mal Leistungen auf noch effektivere Organe verlagern. Ein gutes Beispiel dafür ist etwa der Wurfspeer, durch den der Urmensch den Tieren überlegen wurde. Im Konkurrenzkampf der Menschen untereinander hatten ebenfalls jene einen entscheidenden Vorteil, die über die leistungsfähigsten zusätzlichen Organe verfügten. Die Leistungseinheit von Mensch und den ihm dienenden Hilfsmitteln nenne ich »Hyperzeller«. Ich behaupte, daß nicht der nackte Mensch, sondern diese größere und leistungsfähigere Einheit die evolutionäre Entfaltung der Einzeller und der Vielzeller fortsetzt. So gesehen ist der Mensch keineswegs der derzeitige Höhepunkt der Lebensentwicklung, sondern eine weitere Keimzelle, die noch mächtigere Arten von Lebenskörpern bildet. In ihren immer größeren Gefügen wird er zu einem immer kleineren, auswechselbaren Organ.

Darwins Deszendenztheorie erklärte die Vorgeschichte, die zur Entstehung des Menschen führte. Die Theorie der Hyperzeller schließt unmittelbar an sie an und befaßt sich mit dem Evolutionsverlauf über den Menschen hinaus. So, wie vor rund 1,8 Milliarden Jahren einige Einzeller die ungeheure Entfaltung vielzelliger Pflanzen und Tiere einleiteten, so kam es, vom Urmenschen ausgehend, zu einer weiteren, nicht minder gewaltigen Entwicklung neuer Lebensformen, nämlich jener der Hyperzeller. Ihre zusätzlichen Organe werden alle vom Menschen gebildet – so, wie bis heute alle Organe der vielzelligen Tiere und Pflanzen aus einer Einzelzelle (der Keimzelle) entstehen. Ich versuche in diesem Buch darzulegen, wie kontinuierlich der Übergang zu den Hyperzellern erfolgte und wie trotz des veränderten Erscheinungsbildes die gleichen Grundgesetze auch für sie maßgebend blei-

(Originalbuchseite 14)

ben. Für die Beurteilung des Menschen ergeben sich aus dieser neuen Sicht interessante Schlußfolgerungen.

Darwins Theorie diente der Wahrheitsfindung, hat jedoch am Lauf der Geschichte wenig verändert. Bei der Theorie der Hyperzeller könnte es ähnlich sein. Immerhin stellen uns heute der immer schnellere technische Fortschritt, die Bevölkerungsexplosion und das sich ebenfalls steigernde Wirtschaftswachstum vor gänzlich neue Probleme und Gefahren. Zu deren Bewältigung könnte vielleicht der evolutionäre Überblick über das Gesamtgeschehen von Nutzen sein.
 
 

Zurück zu Inhalt von "Die Hyperzeller"

Weiter zu "Kapitel 1 - Leistung als Selektionskriterium" in "Die Hyperzeller"