Überleitung zum Buch "Der Hai im Management"
Ehe ich dieses dritte Buch über Energonlehre für sich selbst sprechen lasse, ist es vielleicht zweckmäßig, noch etwas genauer auf die Frage einzugehen: Was ist nun konkret der Unterschied zwischen der Energontheorie und der bisherigen Biologie einerseits, und zwischen der Energontheorie und den bisherigen Disziplinen der Wirtschaftsforschung und der Staatslehre andererseits - ?
Aus praktischer Sicht ist jede Theorie nur ebenso viel wert, als sie dazu verhilft, aktuelle Probleme zu lösen. Vermag sie das nicht, dann mag sie "akademisch" von großer Bedeutung sein, doch steht nicht zu erwarten, daß außer Einzelgängern sich irgend jemand ernsthaft die Zeit nimmt, sich mit ihr zu beschäftigen.
Was zunächst den Unterschied zwischen den Ansätzen der Energontheorie und jenen der konventionellen Biologie betrifft, so leitet sich letztere ganz unmittelbar aus dem vorwissenschaftlichen Denken ab. Es gilt bis heute als selbstverständlich und Binsenweisheit sondergleichen, daß man dem Geheimnis "Leben" nur näherkommen kann, indem man sich genauer mit den Lebewesen beschäftigt: mit ihren Körpern und Verhaltensweisen, ihren Organen und deren Funktionen. Wie sollte man auch anders vorgehen? Das Arbeitsfeld ist somit immens. Wo immer man sich mit den Lebensphänomenen näher befaßt, ist es quasi gleichermaßen von Nutzen. Überall kann man auf neue Einsichten stoßen. In den letzten 200 Jahren führte diese Ausrichtung zur Begründung immer neuer Fachgebiete, die inzwischen meist so umfangreich geworden sind, daß ihre Vertreter kaum noch die wichtigsten Veröffentlichungen überblicken.
Die Energontheorie geht dagegen von einem ganz bestimmten Ausgangspunkt aus, dem sie erhöhten Wert beimißt. Sämtliche Funktionen sämtlicher Pflanzen und Tiere erfordern zu ihrer Realisierung Energie - und zwar "freie" arbeitsfähige Energie. Ohne solche ist keinerlei Vorgang und keinerlei "Leistung" möglich. Dies geht eindeutig aus den beiden Hauptsätzen der Thermodynamik hervor. Auch ein perfekt gestaltetes Herz kann nicht für den tausendsten Teil einer Sekunde seine Funktion ausüben (den Blutkreislauf anzutreiben), wenn nicht die dafür erforderliche Energie zur Verfügung steht.
Nun kann - gemäß dem ersten Hauptsatz - Energie nicht aus Nichts erschaffen werden. Energie kann sich zwar in sehr verschiedenen Erscheinungsformen manifestieren (siehe "Energon" S. 444), und jede dieser Erscheinungsformen kann sich in jede der übrigen verwandeln, aber aus Nichts kann Energie nie und unter keinen Umständen entstehen. Auf die Pflanzen und Tiere bezogen bedeutet dies, daß es bei jeder Art von Lebewesen die zentrale und wichtigste Funktion ist, nutzbare Energie aus Umweltquellen zu erwerben und in den eigenen Dienst zu zwingen. Warum - ? Sehr einfach deshalb, weil ohne vorangehend erwirtschaftete Energieüberschüsse keine andere Funktion stattfinden kann! Weder Bewegung, noch chemische Umsetzung, noch Sinnesleistung, noch Nerventätigkeit, noch Denken, noch Empfinden ist ohne vorangehende Erwirtschaftung von Energieüberschüssen möglich. Im gesamten Lebensgeschehen ist somit Energieerwerb conditio sine qua non - also unabdingbare Voraussetzung für alles Weitere!
Somit geht die Energontheorie nicht von praktischen Untersuchungen an Pflanzen und Tieren (einschließlich ihrer sämtlichen Bestandteile) aus - sondern von einem in der Physik erkannten gesetzmäßigen Zusammenhang. Und auch im weiteren Verlauf stützt sich diese neue Forschungsmethode nicht in erster Linie auf Erkenntnisse, die sich aus der Untersuchung der Lebewesen und ihrer Teile ergeben - sondern auf logische Schlußfolgerungen.
Wenn keinerlei Funktion ohne vorhergehenden Energieerwerb aus Umweltquellen möglich ist, dann ist bei jedem Lebewesen als allererstes zu fragen: Aus welchen Umweltquellen und auf welche Weise gewinnt es die für alle seine Funktionen notwendigen Energiemengen? Und daraus ergibt sich dann die nächstfolgende Frage: Über welche weiteren Fähigkeiten muß jedes Lebewesen verfügen, welche weiteren Leistungen muß es erbringen - ?
Während also die konventionelle Biologie von der Frage ausgeht: Wie sind die Körper und Organe der Lebewesen beschaffen ?, geht die Energontheorie von der Frage aus: Wie müssen die Fähigkeiten der Lebewesen beschaffen sein, welche Leistungen müssen ihnen gelingen ? Sie geht von der Voraussetzung aus, daß alle Lebewesen notwendigerweise "energieerwerbende Systeme" sind - und benennt diese, da es für solche Systeme keine zusammenfassende Bezeichnung gab, "Energone". So wie "Atome" sämtliche Materie aufbauen, so gründet sich gemäß der Energontheorie das Lebensgeschehen notwendigerweise auf "Energone". Diese stimmen nicht nur in der zentralen Funktion des Energieerwerbes miteinander überein, sondern auch in weiteren, für sämtliche Energone maßgebende Funktionen, die sich ebenfalls logisch deduzieren lassen.
Wer der Energonlehre folgt, steht somit nicht einer ungeheuren
Vielheit gegenüber, sondern einer großen Gemeinschaft, die sich
gleichen Gesetzen fügen muß. Er kann somit bis in kleinste Details
von einem beliebigen Energon auf die raum-zeitliche Struktur von anderen
Energonen schließen - und so mit geringerem Arbeitsaufwand zu neuen
Einsichten gelangen.
Eine solche neue Einsicht, welche über die konventionelle Biologie kaum erreicht worden wäre, betrifft das Verhältnis zwischen der Energontheorie einerseits und den Wirtschaftswissenschaften sowie der Staatslehre andererseits.
Das Lebewesen "Mensch", aus der Gruppe der Primaten hervorgegangen, zeichnet sich dadurch aus, daß es kraft seiner höher entwickelten geistigen Fähigkeiten fähig wurde, seinen genetischen, aus differenzierten Zellen gebildeten Körper "künstlich zu verbessern".
Vorstufen dazu gab es bereits bei verschiedenen Tierarten. Ein besonders markantes Beispiel ist die Spinne und ihr Netz. Dieses Netz ist zwar aus organischem Material gebildet, jedoch nicht mit dem Spinnenkörper verwachsen. Trotzdem ist es dafür verantwortlich, daß dieses Lebewesen sich behaupten und fortpflanzen kann. Das Netz ist sein Organ des Nahrungserwerbes, also des Energieerwerbes. Ja, wäre dieses mit dem Spinnenkörper fest verbunden, dann könnte es seine Funktion gar nicht erfüllen !
Über Mutationen, Selektion und geschlechtliche Rekombination konnte eine solche Bildung von zusätzlichen Organen, die mit dem Zellkörper nicht fest verbunden sind, nur selten zustandekommen. Beim Menschen wurde es dagegen, auf Grund der besonderen Entwicklung seiner Großhirnrinde möglich, sich die verschiedensten zusätzlichen Organe anzufertigen und sich mit ihrer Hife abwechselnd auf die verschiedensten Leistungen zu spezialisieren. Diese zusätzlichen Organe unterliegen aber zwangsläufig - wie die Energontheorie aufzeigt - den selben Effizienzkriterien wie sämtliche aus Zellen gebildete Organe (siehe "Energon", S. 97ff). Somit ist nicht der nackte Zellkörper des Menschen das den Körpern der Pflanzen und Tieren vergleichbare, sondern eben dieser Körper plus aller ihm zur Verfügung stehenden zusätzlichen Organe.
Der Unterschied zwischen der Energonlehre und den konventionellen Wirtschafts- und Staatswissenschaften besteht somit darin, daß man in letzteren, den sinnfälligen Eindrücken folgend, den menschlichen Zellkörper als das den Tieren und Pflanzen vergleichbare ansieht und nicht seinen "Leistungskörper", der alle seine funktionserbringenden Einheiten umfaßt - auch wenn sie aus anorganischem Material bestehen, auch wenn sie mit dem Zellkörper nicht fest verwachsen sind, auch wenn sie nicht selbst hergestellt sondern über den Vermittler Geld von anderen erworben wurden ...
Während die Energonlehre der bisherigen Biologie
gegenüber bei den Pflanzen und Tieren nur beschränkt neues bieten
kann, führt sie bei der Beurteilung des Menschen und seiner Stellung
in der Evolution zu einer grundsätzlich anderen, neuen Sicht. Diese
erfordert allerdings ein erhebliches Umdenken.
Bei einem unserer vielen Gespräche über die mannigfachen Querverbindungen zwischen Wirtschaftspraxis und dem Alltag bei den Tieren und Pflanzen, erwähnte Wolfgang Mewes, wie viele Rückfälle es bei Lehrgangsteilnehmern der EKS (Energo-Kybernetische-Managementstrategie) gäbe. Über praktische Beispiele begriffen sie schnell, daß man sich auf den Vorteil anderer ausrichten muß, um zu eigenem Vorteil zu gelangen. Doch habe sich erst ihr Erfolg etabliert, dann risse an einem gewissen Punkt gleichsam der Faden bei ihnen ab und sie fielen wieder in ihr früheres egozentrisches Fehlverhalten zurück.
"Haben sie erst eine noch unbesetzte Nische entdeckt, einen "brennenden", noch unbefriedigten Bedarf; haben sie sich erst mit ihrer dringend benötigten Leistung etabliert und sich so einen anwachsenden Kundenstamm geschaffen, dann schiesst ihnen plötzlich die Fliege in den Kopf, in einem ganz anderen Geschäftsbereich zeigen zu wollen, wie man dort noch besser zu Erfolg gelangen kann. Und sie zersplittern sich, statt den bisherigen erfolgbringenden Weg weiter zu verfolgen und auszubauen. - Nehmen sie etwa den Jahn mit seinen perfekten Brathühnchen: Eben hörte ich, daß er jetzt ein Reisebüro eröffnet. ..."
Ich fragte mich, ob nicht vielleicht auch hier angeborenes Verhalten, also Instinktverhalten, die letzte Ursache für solches "Fehlverhalten" ist - und einige Wochen darauf, als ich zu einem von Gernot Nieter vorzüglich geleiteten "Wiederaufbau-Seminar" für EKS - Lehrgangsteilnehmer als Referent geladen war, verstärkte sich dieser Verdacht noch erheblich. Ist der Drang nach geschäftlichem Erfolg - also nach Energiegewinn - erst einmal abgeklungen, dann steht im "Parlament der Instinkte" - um in der Diktion von Konrad Lorenz zu sprechen - ein anderer "Instinkt-Abgeordneter" auf und übernimmt das Kommando über den Geist und die Handlungen.
Damals kam ich auf den Gedanken, das Buch "Der Hai im Management" zu schreiben, das hier nun als nächstes folgt. Ursprünglich wollte ich es "Der halbe Räuber" nennen. Der neue ebenfalls treffende Titel stammte dann vom Verleger.
Wien, den 8. November 1999