7. Konsequenz:
Gelderwerb und Gewinn
sind keineswegs identisch
Daß auch dem Geld Grenzen gesetzt sind, ist bekannt. Weder Jugend noch ewige Gesundheit lassen sich kaufen. Wer leidenschaftlich verliebt ist, kann oft auch bei einem sehr hohen Kontenstand nicht erreichen, daß ihm ebenso leidenschaftliche Gegenliebe zuteil wird. Und verirre ich mich in der Wüste und finde kein Wasser, dann nützen mir alle meine Organe und auch der Zauberstab Geld nicht das geringste. Auch wenn ich mit letzten
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Kräften meinen Kugelschreiber aus der Tasche ziehe und einen Scheck auf 1000 Millionen Dollar ausstelle, gelangt doch nicht ein Tröpfchen Wasser in meinen Mund.
Aber diese Grenzen - und andere - ändern nichts an der Anziehungskraft, die dem Besitz von Geld zukommt. Ob man als Räuber am Werk ist oder auf erlaubte Weise sein Geld verdient: Wenn man am Ende des Monats mehr Geld in seinem Besitz hat als am Monatsanfang, dann bedeutet das Erfolg. Und wenn man von anderen hört, sie verdienen so und so viel, und ihr Vermögen hat diese oder jene Höhe, dann ist das ein ganz entscheidend wichtiges Kriterium für ihre Einschätzung.
Sowohl Berufstätige als auch Unternehmen bemessen ihren Erfolg an der Bilanz. Nimmt ein Geschäftstätiger im Monat so und so viel mehr ein, als seine Geschäftsaufwendungen verursachten, dann ist er zufrieden, kann diesen Gewinn "auf die hohe Kante legen", kann investieren oder sich diesen oder jenen Wunsch erfüllen. Nicht anders ist es bei Unternehmen. Weist die mühsam errechnete Bilanz einen angemessenen Gewinn aus, dann scheint alles in bester Ordnung zu sein, dann ist die Welt heil. Und doch ist es Tatsache, daß schon manches Unternehmen, das seinen Aktionären sehr zufriedenstellende Bilanzen auswies, einige Jahre später in Konkurs ging. Und noch erstaunlicher ist die Tatsache, daß etwa nach dem Krieg Unternehmen, die ausgebombt wurden und alles verloren, deren Bilanz also abgrundtief im Minus lag, wie ein Phönix aus der Asche wieder auferstanden und sich schon einige Jahre später im Kleid neuer Fabrikanlagen und Produktionsmittel, einschließlich qualifizierter Mitarbeiter - gleichsam als wäre nichts geschehen, - wieder in das Wirtschaftsgeschehen einreihten.
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Irgend etwas stimmt hier nicht. Neben Geld gibt es ganz offensichtlich noch etwas anderes, das nicht minder große Macht hat, und zwar weniger glitzert und lockt, doch darum nicht weniger effektiv auf das wirtschaftliche Geschehen Einfluß nimmt.
Bereits 1959 veröffentlichte Mewes im Rahmen eines Steuerrechts-Lehrganges eine Schrift mit dem bemerkenswerten Titel "Alle Bilanzen sind falsch". In einer detaillierten, mit vielen praktischen Beispielen untermauerten Analyse wies er dort darauf hin, daß die einseitige Orientierung an dem Faktor Geld zu einer völlig falschen Einschätzung führen kann, und welche bedeutenden steuerrechtlichen Auswirkungen sich daraus ergeben. "Die Buchführung erfaßt nur eine Kategorie der betrieblichen Vorgänge, nämlich die Kapitalvorgänge. Die übrigen sozialen Vorgänge bleiben unerfaßt. Man sieht beispielsweise, daß sich das Kapital um 312.241,14 DM erhöht hat, aber man sieht nicht, daß sich gleichzeitig die Zuneigung der Verbraucher vermindert hat."
Nicht nur das "materielle und finanzielle Vermögen" ist von Bedeutung, sondern "immaterielle Werte", die von der Steuer kaum erfaßt werden, sind nicht minder wichtig - oft sogar noch weit wichtiger.
Besonders wichtige "immaterielle Werte" für jedes Unternehmen sind der Kundenstamm und die Kundentreue, das Ansehen, welches das Unternehmen genießt, sein "Image", das Vertrauen, das seinen Produkten und Dienstleistungen entgegengebracht wird, seine Geltung und Popularität. Kommt es zu Einbußen in diesen Bereichen - etwa in Folge unverläßlicher Lieferung, schlechter Qualität, mangelhaftem Service, überhöhter Preise etc. - dann bleiben die Folgeerscheinungen nicht aus. Mewes schreibt: "Das herrschende wirtschaftliche Denken ist kapital-orientiert. Das heißt: Im Mittelpunkt der
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Kalkulationen, der Bilanzen, der Planungen und der Ziele steht der Gewinn an Kapital. Die Betriebe und ihre Führungskräfte haben viele Ziele, aber das dominierende Hauptziel ist, den Gewinn und das Eigenkapital zu vergrößern. An diesem Ziel wird der Erfolg des Betriebes und die Tüchtigkeit der Führungskräfte gemessen." - "Unter dem Streben nach Kapital erhöhen sich zwar Gewinn und Eigenkapital der Betriebe, aber gleichzeitig werden die Betriebe und ihre Inhaber zunehmend von der Masse der Gesellschaft isoliert." Bisher standen Kapital und Produktionsmittel an erster Stelle, heute sind Marktanteile wichtiger geworden. Sehr offen wurde dies in einer Werbung für den Markenartikel "Persil" ausgesprochen, in der es hieß: "Das wichtigste Kapital, das ein Unternehmen heute haben kann, findet man in keiner Bilanz."
Weitere wichtige "immaterielle Werte" sind die Bekanntheit des Angebotes, der Kontakt mit den Händlern, die Geschicklichkeit der Verkaufsorganisation. In vielen Bereichen hängt es sehr vom Einzelhändler ab, welche Produkte er forciert. Ebenso sind Verbindungen und Beziehungen zu behördlichen Stellen, Zulieferern, Geldgebern und Meinungsträgern von bedeutendem Einfluß. Sehr oft können sie darüber entscheiden, was überhaupt an Kunden gelangt.
Und "immaterielle Werte", die sehr wesentlich den Erfolg eines Unternehmens bestimmen, ohne in seiner Bilanz aufzuscheinen, sind auch das Betriebsklima, günstige Arbeitsbedingungen und soziale Leistungen, welche die Mitarbeiter motivieren. Auf ihre innere Bindung an den Arbeitsplatz, ihr Know-how, ihre Ideen und ihre Innovationskraft kommt es sehr wesentlich an. Hier kommen wieder die sozialen Triebe stärker ins Spiel, als bei Kontakten in der anonymen Gesellschaft. Besonders
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kleine und mittlere Betriebe stellen Gruppen und Verbände dar, die größenmäßig jenen des Urmenschen entsprechen und auf die wir instinktmäßig programmiert sind. Je mehr ein Betrieb zu einer großen Familie wird, in der man sich geborgen fühlt und in der die Arbeit auch Spaß macht, umso verläßlicher wird die Leistung.
Bei den vergleichenden Untersuchungen von Lebewesen und den vom Menschen gebildeten Wirtschaftsstrukturen kam ich ebenfalls zu dem Ergebnis, daß nicht nur unmittelbar vereinnahmte Energie - oder Geld, als Anweisung auf solche - die Konkurrenzfähigkeit begründet. Die Nutzung von fördernden Umweltbedingungen ist schon bei zahlreichen Pflanzen und Tieren nachzuweisen, spielt aber beim berufstätigen Menschen und bei Unternehmen eine noch wesentlich größere Rolle. Als "Roß-Reiter-Verhältnis" bezeichnete ich die Möglichkeit, daß Energie nicht über den umständlichen Weg der Nahrungsgewinnung, Verdauung und Umsetzung in spezifische Funktionen nutzbar gemacht, sondern unmittelbar dazu gebracht wird, Organe zu betreiben oder die Gesamtleistung zu fördern. So wie ein Reiter sein Pferd zum Organ der Fortbewegung macht, ohne selbst Hafer verspeisen zu müssen, ist es auch hier. Läßt sich ein Fisch von den Strömungen des Wassers treiben oder eine Flugspinne, die einen Faden zu ihrem Segel macht, vom Wind kilometerweit transportieren, dann wirkt die dienstbar gemachte Umweltenergie direkt auf deren Körper und muß von diesem nicht vereinnahmt und umgesetzt werden. Beim Menschen ist es nicht anders. Zwingt ein Müller die Wasserkraft eines Baches dazu, ein Mühlenrad - und über dieses die Mahlsteine zum Zerreiben des Getreides zu bewegen, dann zwingt er diese Kräfte in seinen Dienst, ohne sie in sich aufnehmen zu müssen. Gelingt es dem Kuckuck, andere Vögel zur
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Bebrütung seiner Eier und zur Aufzucht seiner Jungen zu veranlassen, dann liegt ebenfalls eine Dienstbarmachung von Fremdenergie vor, die bewirkt, daß sonst für diese Funktion nötige, über Nahrungserwerb vereinnahmte Energie eingespart wird. Und nützen Efeu und Lianen die Bildung der Stämme anderer Pflanzen dazu aus, um ihre Blätter - ohne Bildung eines kostspieligen Stammes - dem Sonnenlicht näher zu bringen, dann ersparen diese Pflanzen sich ebenfalls einen erheblichen Aufwand - den sie selbst gar nicht erbringen könnten. Diese letztgenannten Vorgänge sind Beispiele für räuberische Strategien, sich eigene Anstrengung zu ersparen - und solche gibt es auch im Wirtschaftsbereich in jeder Zahl. Jede Werbung, die sich an ein Image "anhängt", das bei potentiellen Kunden Symapthiegefühle auslöst, verfährt ebenso.
Beim Erwerb über Tausch spielt die Nutzbarmachung günstiger Umweltkräfte eine nicht minder wichtige Rolle, schafft "immaterielle Werte", welche Unternehmen und Erwerbstätige unterstützen. Jeder Freund, der uns hilft, jede "Beziehung", die wir zu Gunsten unseres Unternehmens oder eines sonstigen Projektes einsetzen können, werden für die Zeit, da sie es tun, zu einem für uns tätigen Organ. Sie sind an den Körper des Erwerbstätigen oder des Unternehmens, das sie unterstützen, nicht fest gebunden - und stehen auch nicht ständig in ihrem Dienst. Aber sie erbringen trotzdem für sie Leistungen, begünstigen sie in der einen oder anderen Art. "Immateriell" ist aus meiner Sicht keine gute Bezeichnung für diese fördernden Kräfte und Umstände, da sie durchaus auf materiellen Strukturen beruhen. Nur unseren Sinnen erscheinen sie als etwas vom jeweiligen Leistungskörper Gesondertes, mit ihm nicht deutlich Verhaftetes.
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Othmar Spann prägte den Satz "Leistung geht vor Leistungsträger", was besagen soll, daß es bei einer benötigten Leistung nicht auf die Struktur des Organs, das eine Leistung erbringt, ankommt, sondern auf deren Qualität. Ganz in diesem Sinne sieht die Energontheorie Unternehmen ebenso wie Lebewesen nicht so sehr als materielle Strukturen sondern als "Leistungsgefüge". Sie bestehen nicht eigentlich aus Organen sondern aus Leistungen, welche diese erbringen. Wie das Organ beschaffen ist - aus welchem Material es besteht, wie es zustandekam und ob es mit dem Gesamtkörper verwachsen ist oder nicht, ist sekundär - auf seine Leistung kommt es an. Bei Tieren kommt es häufig vor, daß ganz verschiedenartige Organe analoge Leistungen erbringen (man vergleiche etwa das Auge eines Insektes mit dem eines Wirbeltieres). Und ebenso ist es in der Wirtschaft - man denke hier etwa an die vielen Funktionen, die in den letzten 50 Jahren von Menschen auf Maschinen übergegangen sind.
Sieht man die Zusammenhänge so, dann wird es viel einfacher, die ein Unternehmen fördernden "immateriellen Werte" mit in die Gesamtbeurteilung und Bilanzierung des Erfolges einzubeziehen. Zugegeben, wir können die Wirkung von Kundentreue, Mitarbeitermotivation, eines guten Image, von Know-How, guten Beziehungen, eines Markenzeichens und ähnliches nicht so einfach messen wie eingenommenes und ausgegebenes Geld. Doch eine Messung auch dieser den Erfolg eines Unternehmens fördernden Werte ist über statistische Ermittlungen durchaus möglich. Das zeigt sich besonders deutlich, wenn ein Unternehmen durch ein anderes übernommen und der Kaufpreis bestimmt wird. Dann richtet sich der erfahrene Fachmann keineswegs nur nach Bilanzen und Produktionsmitteln - sondern weiß
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sehr gut den "wirklichen Wert" annähernd zu schätzen, der um ein mehrfaches größer oder auch erheblich geringer sein kann als der "Buchwert".
Sieht man in Lebewesen und Unternehmen Leistungsgefüge, die noch am besten mit Kraftfeldern zu vergleichen sind, dann lassen sich auch Faktoren wie Kundentreue, Know-how und fördernde Verbindungen als durchaus reale Bestandteile der energetischen Struktur verstehen. Kundentreue bedeutet dann eine entsprechende Veränderung in der Verhaltenssteuerung dieser Kunden, die sie zu einer positiven Handlungsdisposition veranlaßt. Und das gleiche gilt für einen befreundeten Beamten, der einem dabei hilft, schwierige Formalitäten richtig zu erledigen. Äußerlich sehen wir zwar keine unmittelbare Verbindung, doch es ist hier wie bei einem Magneten, der die von ihm durchaus getrennten Eisenfeilspäne entsprechend beeinflußt.
Die als "immaterielle Werte" bezeichneten zusätzlichen Organe, die sich der Mensch noch in weit stärkerem Ausmaß zu schaffen vermag, als Tiere oder Pflanzen es können, gewinnen mit zunehmend besseren Verkehrsmitteln, schnellerem Informationstransfer und Behelfen der Mikroelektronik im Wirtschaftsgeschehen immer stärker an Bedeutung. Mewes weist ganz zurecht auf die Möglichkeiten von Betrieben mit vorzüglich "immateriellem Vermögen" hin - ich bezeichne den Extremfall als "kybernetischen Betrieb". Er besteht letztlich nur noch aus einem Menschen mit entsprechendem Know-how, der für jede Aktion entsprechende Mitarbeiter und Unternehmen an sich bindet und ganz ohne eigene Produktionsmittel trotzdem eine Produktion betreibt. Beispiele dafür lernten wir bereits in Gestalt von Kürner und des Kaffeerösters (S. 1511 und S. 231) kennen, die am Ende ihres Lebens solche "kyberneti-
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schen Betriebe" darstellten, indem sie über Leasing ihres Know-hows lebten, in anderen Städten die Bildung ähnlicher Erwerbsstrukturen bewirkten und somit die Gesamttätigkeit delegierten.
Es entspricht durchaus den Konsequenzen der OBS, wenn Mewes schreibt: "Es ist ein uralter Denkfehler, daß der Betrieb die Faktoren, mit denen er arbeitet, als Eigentum besitzen müsse. Das ist falsch. Er muß über sie verfügen können. Lange Zeit hat man beispielsweise gelehrt, daß der größte Teil des Betriebskapitals Eigenkapital sein müsse. Aber der Prozentsatz, den man als Eigenkapital für nötig hält, ist im Laufe der Jahrzehnte immer geringer geworden. Bei den Banken und den Versicherungen ist er am geringsten und oft unter 10 Prozent, aber merkwürdigerweise wachsen gerade sie am schnellsten und haben die größte soziale Macht gewonnen. - In Wahrheit kommt es nicht auf die Größe des Eigenkapitals, sondern auf die Größe der Anziehungskraft an."
Mewes entwickelte Direktiven für eine "Spannungsbilanz", mit deren Hilfe man alle für ein Unternehmen wichtigen Kräfte - einschließlich der "immateriellen Werte" - in den Griff bekommen soll. Denn nur so läßt sich meßbar verfolgen, ob sich ein Unternehmen erfolgreich entwickelt oder nicht49. Bei den nach dem Krieg ausgebombten oder abtransportierten - und so aller Produktionsmittel und Guthaben beraubten Betrieben war es einfach so, daß ihr Image stark genug war, dies völlig zu kompensieren. Kredit fand sich leicht und viele der alten Mitarbeiter, sofern sie noch lebten, waren sofort wieder zur Stelle.
Die "Spannungsbilanz" von Mewes wird der üblichen Gewinn- und Verlustrechnung hinzugefügt. In einer ersten Index-Übersicht "werden die Zahlen des Jahresabschlusses auf die wesentlichen Veränderungen verdich-
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tet, um einen Überblick über den immer verwirrenderen Zahlenfriedhof zu gewinnen, der an einer wirklichen Beurteilung der Situation behindert". Die zweite Index-Übersicht konzentriert sich dann auf eine Rundumsicht: "Die bisherige Bilanz beobachtete die Entwicklung eines Faktors, nämlich des Kapitals, die Rundumsicht beobachtet die Entwicklung von Knappheit, Abhängigkeit und Anziehungskraft bei allen beteiligten Faktoren, um die Sinne, Kräfte und Mittel auf den jeweiligen Minimumfaktor konzentrieren zu können". So füge sich diese Bilanzierungsform harmonisch an die Gesamtstrategie der EKS an. Erst müsse man sich nun auf die Beseitigung dieses Minimumfaktors konzentrieren, dann, ihrer Bedeutung nach, auf die nächstfolgenden. Entsprechende Rückfragen an die jeweils Beteiligten seien dabei der "Autopilot". Das ständige "Feed-back" von Seiten der Zielgruppen, auf die man sich ausrichtet, ist wiederum maßgebend.
Von der OBS her stellt sich hier die Frage, ob diese für Unternehmen entworfene Bilanzhilfe nicht auch - in entsprechend vereinfachter und abgeänderter Form - auf Berufstätigkeit, ja auf die persönliche Lebensausrichtung anwendbar ist. Wenn wir uns darum bemühen, unsere Lebensqualität, unser individuelles "Glück" zu steigern, dann kommt es offensichtlich ebenfalls darauf an, wie diese laufende Bilanz ausfällt. Auch hier ist abzustimmen, welchen Stellenwert das verdiente Geld - und welchen die neu hinzugewonnenen "immateriellen Werte" haben.
Der Psychosplit behindert diese gesamte Einstellung empfindlich, weil auf Grund des übermächtigen Schlüsselreizes, den Geld auf uns ausübt, unser Interesse und unsere Gedanken ganz automatisch von den "immateriellen Werten" und ihrer Bedeutung weggelenkt wer-
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den. Wie schon im ersten Teil hervorgehoben, entwickelt sich beim Menschen ganz automatisch ein erworbener zentraler Trieb, der auf Gelderwerb - wie auch immer - ausgerichtet ist. Da sämtliche angeborenen Triebe und praktisch alle irgendwie erfüllbaren Wünsche durch Geld in der einen oder anderen Weise gefördert werden können, trägt jeder dieser unzähligen Antriebe zur Verstärkung des Zentraltriebes nach Geld bei (Abb. 9). Kennt man indes diese Mechanik, dann läßt sich leichter verhindern, daß dieses mächtigste vom Menschen geschaffene zusätzliche Organ nicht allzusehr von eitlem lobenswerten Diener zu einem uns lenkenden Tyrannen wird.
Das groteske bei dieser Situation besteht darin, daß dieser übermächtige Trieb nach Gelderwerb, der durch praktisch alle auf uns wirkenden Schlüsselreize verstärkt wird, unsdaran hindert, wirklich effizient Gelderwerb zu betreiben. Auf Grund des Psychosplits lenkt er uns in die Richtung möglichst augenscheinlicher Erfolge - und bewirkt somit, daß wir achtlos an Erwerbsmöglichkeiten vorbeigehen, die auch alle übrigen übersehen. Wo immer es glitzert, lenkt er unsere Gedanken in eben diese Richtung - was zur Gefahr der Verzettelung führt und unser Gehirn mit nutzlosen Gedanken belastet. Der übermächtige Geldtrieb ist somit einer Waffe vergleichbar, die sich gegen sich selbst wendet.
Sie wendet sich auch insofern gegen uns, als sie den Erwerbsakt über Tauschakte in zwei immer stärker getrennte Phasen zerlegt. An sich ist der Nahrungserwerb über Geld als Einheit zu betrachten, die bloß nicht direkt sondern indirekt über Gelderwerb verläuft. Nun läßt sich für Geld nicht nur Nahrung und sonst für die Lebenserhaltung unmittelbar Benötigtes erwerben - sondern praktisch alles, was Instinktsteuerungen uns
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nahelegen, und was in uns gelangende Wünsche uns erstrebenswert erscheinen lassen. Damit wird die indirekte Erwerbsform - über den Verkauf benötigter Produkte und Dienste - bereits sehr wesentlich vom ursprünglichen Erwerbsziel (das bei allen unterentwickelten und hungernden Völkern noch voll gegeben ist) gleichsam "abgeklinkt". Das aber kann im weiteren dazu führen, daß die zweite Hälfte des Aktes immer mehr in den Hintergrund tritt - und "Geldgier" , "Besitzgier" und "Machtgier" zur eigentlichen Zentralausrichtung des Lebens werden. Viele der so beneideten Millionäre und Milliardäre führen es deutlich vor Augen. Sie können das Geld, das sie horten, längst nicht mehr für sich annehmlichkeits- und genußbringend ausgeben ... oft sterben sie an ihrem Streß, und in den meisten Fällen gelangt dann diese angesammelte Macht an Erben, die sie dann wieder in Zirkulation bringen.
Im Gegensatz zu den angeborenen und auch den meisten erworbenen Antrieben, hat der Zentraltrieb nach Geld keine "abschaltende Endsituation". Ist man hungrig und ißt man, dann verflüchtigt sich der Hunger für einige Zeit. Bewirkt der Geschlechtstrieb eine entsprechende Appetenz und gelangt der Betroffene an einen geeigneten Partner, dann beruhigt sich auch diese, manchen bis zu Verbrechen treibende Unruhe. Sind wir schläfrig und schlafen wir, dann erwachen wir ausgeschlafen. Sind wir aggressiv gestimmt und lassen diesen Drang an irgend einem Objekt aus, dann werden wir wieder friedlich ... und auch bei den erworbenen Antrieben ist es so. Setzen wir alles daran, ein Auto zu bekommen und haben wir es dann, dann haben wir es eben. - Beim Trieb nach Geld gibt es jedoch kein klar überschaubares Ende, weil es eben für Antriebe und Wünsche - zumindest in unserer Phantasie - kein klar umrissenes
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Ende gibt. Die Angst vor Unfällen, Krankheit, Krieg und Tod spielen hier eine wesentliche Rolle. Geld schenkt Sicherheit. Aber es führt eben auch dazu, daß wir ihm total verfallen.
In Samoa lernte ich einen Mann kennen, der mir die extrem entgegengesetzte Ausrichtung zeigte. Die Natur ist dort freundlich, das Leben angenehm, dieser Mann lebte nach Lust und Liebe in den Tag hinein. Er unterhielt sich mit seinen Freunden, lachte, scherzte, erfreute sich netter Mädchen ... Kam es ihm in den Kopf, daß er ein neues Hemd wollte, dann erkundigte er sich nach dem Preis. Sodann nach einer Arbeit, für die er genau dieses Geld verdienen würde. Die führte er dann aus, kaufte sich das Hemd, und das Leben ging weiter.
In den meisten Gegenden der Welt ist eine solche Einstellung
leider nicht möglich. Aber bei diesem Mann war die Erwerbsform über
einen doppelten Tauschakt noch eine harmonische Einheit. Sie weist darauf
hin, daß Geld ein Mittel ist und nicht Zweck, ein Diener und nicht
Herr. Eine vernünftige Konsequenz daraus dürfte wohl sein, sich
in laufender Bilanz zu überlegen, was man überhaupt anstrebt
- und warum man es anstrebt. Der Erwerb von Geld und von "immateriellen
Werten" ist dabei wohl gleichermaßen wichtig zu bewerten.