6. Konsequenz:
Wirst Du Problemlöser
einer Zielgruppe,
dann steuert sie Deinen Erfolg
Darauf kommt es an. Bietet man ähnliches an, was bereits andere in vergleichbarer Qualität anbieten, dann sind die Erfolgschancen, so an Geld zu gelangen, gering. Wie man am besten vorzugehen hat, um eine Vertrauensbildung zu erzielen, wurde bereits besprochen. Man muß sich auf Schwachstellen bei der erwählten Zielgruppe ausrichten, die von Konkurrenten noch nicht berücksichtigt wurden und die den Nachfrager deshalb besonders stark berühren. Nach Mewes muß man, um "ins Geschäft zu kommen", in irgend einem Bereich der bestehenden Probleme ein "so zwingendes Angebot"
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machen, daß der Nachfrager es gar nicht ablehnen kann. Und zwar deshalb: entweder, weil es seinen Wünschen eben optimal entspricht - oder aber: "weil er es sich gar nicht leisten kann, daß statt ihm Konkurrenten es in Anspruch nehmen". Ein solches Angebot ist der "zündende Funken", der die Verbindung herstellt, die Grundlage für eine Vertrauensbildung, welche einen Prozeß der "Selbstorganisation" einleitet.
Dieser Begriff bedarf der Erklärung. Das Wort "Organisation" setzt - nach dem gewohnten Sprachempfinden - eine bewußte Willenstätigkeit voraus, die eine für einen bestimmten Zweck geeignete raum-zeitliche Struktur schafft. Etwa eine Maschine, die benötigte Leistungen erbringt, - oder, bei militärischer Auseinandersetzung, eine Kombination von Kräften und Aktionen, die den Gegner überwältigt. Oder, in Betrieben, eine Kombination von Produktionsmitteln und Produktionsabläufen, die zu einem gewünschten Ziel führt. Auch kulturelle Leistungen - etwa ein Fest oder ein Kunstwerk - bedürfen einer entsprechenden "Organisation". Es fällt jedoch schwer, sich eine solche vorzustellen, die keinen bewußt planenden Urheber hat, sondern von selbst Zweckmäßiges und Zielhaftes hervorbringt. Der Begriff "Selbstorganisation" erinnert an die Tätigkeit eines Armes ohne Gehirn.
Und doch kann es durchaus ungewollt und ungezielt zu Strukturen oder Abläufen von höherer Zweckmäßigkeit kommen. Praktisch die gesamte Lebensevolution beruht - nach heutigem Forschungsstand - auf diesem, unserem Gehirn schwer vorstellbaren Vorgang. Zwei Beispiele mögen dies veranschaulichen.
Bei den Tieren gibt es zwischen Räubern und ihrer Beute ein kurioses Wechselverhältnis, bei dem jede der beiden "Parteien" die Entwicklung der anderen - ohne es
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zu wollen - beeinflußt. Gelangt der Räuber über Veränderungen in seinem Erbgut ("Mutationen") zu einer Verbesserung seiner Organe oder seines Verhaltens, dann steigert sich sein Erfolg und dieser Fortschritt setzt sich in seinen Nachkommen fort. Kommt es in der Folge bei der Beute zu Mutationen, welche ihre Abwehrfähigkeit gegen den Räuber steigern, dann vermehrt sie sich wieder umso besser, und auch dieser Fortschritt setzt sich in den Nachkommen fort. So beeinflußt jeder Teil - ganz gegen sein Interesse - die Höherentwicklung des anderen. Kein Löwe kann daran interessiert sein, daß die Gazellen, die er jagt, noch schneller laufen können. Und doch ist er es, der dies bewirkt. Denn die langsamer laufenden frißt er, hindert sie also an der Fortpflanzung. Desgleichen bei der Gazelle: Ihr Interesse ist bestimmt nicht, daß noch effizientere Löwen entstehen - und doch verursacht sie es. Denn den weniger leistungsfähigeren Löwen entkommt sie - sodaß jene mit geschickterem Verhalten sich durchsetzen. Solche Verbesserungen kommen somit in der Tat ungewollt und nicht zielhaft geplant zustande. So kann eine Organisation sich in der Tat "von selbst" verbessern ... das ist mit "Selbstorganisation" gemeint.
Das zweite Beispiel zeigt, daß auch klimatische Veränderungen zu einer den "Selektionswert" (Konkurrenzfähigkeit) steigernden Struktur führen können. Nehmen wir etwa an, daß in einer Gegend Kaninchen in ihrer Farbe und Musterung dem Boden so gut angepaßt sind, daß Raubvögel sie nur schwer wahrnehmen können. Dann kommt eine Eiszeit, es wird kälter, der Boden ist nun weit länger im Jahr mit Schnee bedeckt. Auf dem weißen Schnee sind die Kaninchen nun sehr gut zu erkennen - werden also von den Raubvögeln wahrgenommen und mit Appetit verspeist. Ihre Zahl vermin-
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dert sich. Nehmen wir nun an, daß durch zufällige, also nicht bewußt geplante oder gewollte Veränderungen im Erbgut auch weiße Kaninchen entstehen. Auf dem Schnee sind sie kaum zu erkennen. Während die mit der ursprünglichen Farbe gefressen werden, können diese in Gemütsruhe nach Nahrung suchen. Sie bleiben bestehen, vermehren sich ... und nach einigen hundert Jahren gibt es in dieser Gegend fast nur noch weiße Kaninchen. Ist nun diese weiße Farbe das Ergebnis von zielhaft planender Weisheit? Keineswegs. Der Schnee hat in keiner Weise direkt auf ihre Entwicklung Einfluß genommen: kein Quäntchen Energie ging vom Schnee in die Kaninchenentwicklung über. Auch die Raubvögel hatten keinerlei Interesse daran, daß für sie schlechter erkennbare Kaninchen entstehen. Und doch sind sie gemeinsam Urheber des für die Kaninchen zweckmäßigen Umstandes, daß sie nun weiß gefärbt sind. Auch diese wichtige Eigenschaft kam somit über "Selbstorganisation" zustande45.
Bei berufstätigen Menschen und Unternehmen ist die Erwerbsquelle nicht Beute sondern Bedarf. Doch dieser steuert ganz ebenso die Entwicklung der Anbieter, wie die jeweilige Beute jene der Tiere. Hier wie dort kommt es darauf an, der jeweiligen Energiequelle bestmöglich angepaßt zu sein. Und damit kommen wir zu unserem Thema zurück: Hat ein Anbieter die für ihn bestgeeigneten Nachfrager gefunden, - dann steuert diese "Zielgruppe", ob bewußt gewollt oder nur eben durch ihr spontanes Verhalten, seine Entwicklung. Gelingt es ihm, durch sein Angebot die Interessen der Zielgruppe wesentlich zu fördern oder Schwachstellen bei ihr zu beseitigen, dann wird er - ob in seinen äußeren Merkmalen als "sympathisch" empfunden oder nicht - ganz automatisch von ihr gefördert. Ganz egoistisch, also im
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eigenen Interesse. Denn wer könnte ihr mehr willkommen sein, als jener, der ihr in wichtigen Belangen hilft, für sie zum "Problemlöser" wird?
Das ist der Zentralpunkt der OBS, auf den ich bereits in der Energontheorie hingewiesen habe (vgl. S. 190 und Abb. 13). Optimaler Erwerb über Tauschakte - also Gelderwerb durch Verkauf benötigter Produkte oder Dienstleistungen und anschließender Erwerb von Benötigtem mit dem erworbenen Geld - setzt als wichtigstes voraus, daß man zu einer Nachfrage findet, die man optimal befriedigen kann - wenn auch zunächst nur in einem kleinen Bereich. Die vom Psychosplit aktivierten Raubinstinkte, die einen dazu drängen, an den unmittelbaren eigenen Vorteil zu denken, muß man überwinden und sich mit den Problemen der erwählten Zielgruppe identifizieren. Der beste Weg, ihr Vertrauen zu gewinnen, besteht darin, nach Schwachstellen zu suchen, die sie empfindlich behindern - und diese zu beseitigen (vgl. Abb. 15). Damit wird eine partnerschaftliche Basis geschaffen und eine unterstützende, steuernde Wirkung setzt ein. Gute Leistung spricht sich herum, und nicht nur die Zielgruppe, die dadurch entsprechend anwächst, sondern auch alle, die von ihr abhängen, sind daran interessiert, daß dieses günstige Angebot erhalten bleibt, ja sich noch verbessert. Die Zielgruppe liefert - im eigenen Interesse - bereitwillig jede Information, die dabei helfen kann, das von ihr Benötigte noch attraktiver zu erhalten. Unter Umständen hilft sie sogar finanziell. So steuert sie den Anbieter zum Erfolg.
Hat dieser sich eine solide Vertrauensbasis geschaffen, dann kann er daran gehen, die stets kundenorientierte Palette seines Angebotes zu erweitern, seinen Betrieb zu vergrößern und ein auf sicherer Basis stehendes Unternehmen zu begründen. Oberstes Motto muß dabei blei-
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ben: Nicht produzieren, um mit möglichst großem Profit zu verkaufen (wie es der Raubinstinkt nahelegt), sondern sich ständig am Nutzen der Zielgruppe zu orientieren und die Produktion den laufenden Veränderungen der Nachfragewünsche anzupassen. Der Anbieter gelangt so - besonders wenn es auf die Bildung von Dauerkundschaft ankommt - sehr bald zu einem größeren und gegen Risiko besser abgesicherten Gewinn, als durch die auf Augenblickserfolge ausgerichtete Strategie des Räubers.
Mewes hat dieses sich aus evolutionären Grundgesetzen ergebende Konzept mit Erfolg in die Praxis umgesetzt. Einen unbefriedigten Bedarf bezeichnet er, wie in der Wirtschaft üblich, als eine "Lücke" im Angebot ("Marktlücke") und die Stelle, von der aus man den "Engpaß" am besten beseitigt, nennt er den "kybernetisch wirkungsvollsten Punkt". Kann der Anbieter den zur Beseitigung eines Engpasses nötigen "Minimumfaktor" nicht selbst liefern, doch gibt es andere, welche dies können, dann bezeichnet Mewes jene, die über ihn verfügen, als "Minimumgruppe". Indem er von dieser das benötigte bezieht und seiner Zielgruppe liefert, wird er zum "Zünglein an der Waage". Ist ein Engpaß beseitigt, dann ist der nächstwichtigste in Angriff zu nehmen ....46
Mewes schreibt: "Bisher orientierten sich Mensch, Betrieb und Regierungen an Erfahrungen, Vorbildern, Lehrmeinungen usw. Das heißt: an dem, was gestern richtig war oder für richtig gehalten wurde. Unter der EKS-Strategie orientieren sie sich dagegen am Engpaß und das heißt: an dem in der aktuellen Situation kybernetisch wirkungsvollsten Punkt." - "Mit dem Engpaß ist es wie beim Durchbruch eines Deiches oder dem Bohren eines Loches. Ist erst einmal ein kleiner Durchbruch erzielt, weitet er sich fast von selber aus. Aber, um
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diesen Durchbruch zu erzielen, muß man seine Kräfte konzentrieren und zwar möglichst auf die allerschwächste Stelle: das ist der ‘engste Engpaß’."
Es geht hier um ein durchaus allgemeingültiges Prinzip. So wie Tiere, deren Fähigkeiten sich verbessern, leichter an Beute kommen, so kommen auch Anbieter, die den richtigen Punkt ansteuern und als "brennend" empfundene Probleme lösen können, besser an ihr Ziel. Die Dynamik des so einsetzenden Steuerungsprozesses ist recht klar. Drehe ich jemandem eine Ware an, mit der er nicht zufrieden ist, oder führe ich einen Auftrag von ihm schlecht aus, dann wird er mich kaum fördern oder anderen empfehlen, sondern weit eher vor mir warnen. Seine höchst verständliche Einstellung wird sein, daß er "möglichst nichts mehr mit mir zu tun haben will". Ist er dagegen mit dem, was ich ihm liefere oder für ihn leiste, zufrieden, ja sogar noch mehr zufrieden, als er erwartet oder erhofft hatte, dann liegt es in seinem eigenen Interesse, selbst - soweit es möglich ist -, nachzuhelfen, daß mein Angebot noch günstiger und meine Leistung seinen Wünschen noch besser angepaßt wird. Ich erwecke zwar keine Gefühle der "spontanen Freundschaft und Sympathie", oder gar der "Liebe", doch immerhin eine positive, wohlwollende Einstellung, die sich im weiteren Verlauf der Geschäftsbeziehungen noch verstärken und steigern kann - ja, die sich letztendlich als stärker und dauerhafter erweisen kann, als eine Freundschaft oder ein Liebesverhältnis.
Die Schlüssel-Schloß-Beziehung legt somit auch in der Wirtschaft fest, was sich letztendlich durchsetzt und was nicht. Nur was am jeweiligen Raum-Zeit-Punkt ein geeignetes Passungsverhältnis hat, kann überleben - ob es nun eine Tanne, eine Gazelle, ein Schuhmacher oder das Volkswagenwerk ist. Der entscheidende Vorteil des
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Menschen allen anderen Lebewesen gegenüber besteht darin, daß er seine Leistungsstruktur geradezu beliebig abändern kann. Darauf wies ich in der Energontheorie hin, ebenso auf folgenden wichtigen Umstand: "Bis zum Menschen herauf hatte die Evolution stets die unerbittliche Klippe zu überwinden, daß jedes Zwischenglied in einer Entwicklungsreihe zweckmäßig sein mußte. Sein Konkurrenzwert durfte keinesfalls absinken - sonst wurde es sehr schnell wieder ausgemerzt, und die betreffende Entwicklungslinie endete an diesem Punkt. Somit konnten immer nur Bildungen erreicht werden, bei denen jede Zwischenstufe zumindest nicht bilanzverschlechternd war. Der Mensch dagegen - da er aus körperfremden Einheiten Neues zusammenbaut - braucht auf Zwischenstadien nicht Rücksicht zu nehmen. Er kann sie überspringen. In unserer Phantasie entwerfen wir - nach bestem Vermögen - ein zweckmäßiges Endprodukt. Das bieten wir dann an."
Ob es vom Markt angenommen wird, kann jedoch der Hersteller nicht diktieren. Durch Werbung oder sonstige Maßnahmen kann er es wohl beeinflussen, doch bei freier Marktwirtschaft nicht auf die Dauer. Der Bedarf - die aufzuschließende Energiequelle also - bestimmt letztendlich darüber, was sich durchsetzt. Störende und fördernde Umwelteinflüsse üben hier ebenfalls steuernde Wirkungen aus. Ebenso die für die Gesamteffizienz maßgebenden Faktoren. im "inneren Gefüge" (vgl. Abb. 16).
Mewes zeigte die fördernde Wirkung einer zu ihrem Vorteil bedienten Zielgruppe an Hand einer sehr eindrucksvollen Spirale auf, die in seinem Lehrgang in verschiedenen Abwandlungen dargestellt wird (Abb. 19). Sehr folgerichtig argumentiert er: Auf die richtige Strategie kommt es an! Gelingt es, einer beschränkten Ziel-
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Abb. 19: Die Erfolgsspirale der EKS. Bietet man der Zielgruppe einen deutlich größeren Nutzen als Konkurrenten, dann bewirkt das größere Anziehungskraft und stärkere Nachfrage. Größere Stückzahl und Produktivität führen zu entsprechender Kostendegression, zu höherem Gewinn, zu mehr Liquidität und Bewegungsfreiheit, bewirken schnelleres Wachstum. Bringt man diese Erfolge der Zielgruppe zugute, dann setzt sich die positive Entwicklung weiter fort. Siehe Text. Nach W. Mewes 1972-1976, Lehrgang 11.
gruppe auch nur in einem beschränkten Teilbereich zu überdurchschnittlichen Vorteilen zu verhelfen, dann setzt sich der Prozeß der Selbstorganisation in Bewegung. Auf Grund des "größeren Nutzens für die Zielgruppe" - durch Ausrichtung auf ihren Engpaß, also auf den kybernetisch wirkungsvollsten Punkt -, erzielt der Anbieter größere Anziehungskraft und infolgedessen auch eine stärkere Nachfrage. Diese erlaubt dann eine Produktion in größerer Stückzahl, was eine Kostende-
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gression nach sich zieht. Senkt man daraufhin den Verkaufspreis, dann wird die Anziehungskraft auf die Zielgruppe noch verstärkt. Das bedeutet größere Produktivität, was weitere Kostendegressionen ermöglicht. Dies alles führt zu höherem Gewinn. Dieser wieder führt zu mehr Liquidität - und damit zu mehr Bewegungsfreiheit. Und daraus wieder ergibt sich die Voraussetzung für schnelleres und gesteigertes Wachstum ...
Für den EKS-Schüler stellt diese durchaus logische Folge von Ursachen und Wirkungen zweifellos einen wichtigen Impuls dar, der ihm dabei hilft, sich mit dieser neuen, nicht auf das eigene Interesse sondern auf das Zielgruppeninteresse bezogene Denken anzufreunden, ja zu diesem Vertrauen zu fassen. Allerdings darf er diese "Selbstorganisation" nicht als eine "Von-Selbst-Organisation" auffassen, deren weiterer Entfaltung er bloß daumendrehend zuzusehen braucht. Die sich steigernde Erfolgsmöglichkeit erfordert ständige Konzentration, sowohl auf das Verhalten der Zielgruppe, als auch auf die Veränderungen in der Umwelt. Außerdem hat wachsender Erfolg - dies sollte vielleicht der Spirale noch hinzugefügt werden - nicht nur positive sondern auch negative Folgeerscheinungen, auf die man vorbereitet sein muß, die also miteinzukalkulieren sind.
Erhöhen sich - auf Grund der richtigen Strategie - Gewinn und Machtzuwachs, dann werden automatisch Konkurrenten aufmerksam. Hat man eine neue Lücke entdeckt, dann gelangt man dort zwar zu einem entsprechenden Vorsprung, doch ewig währt dieser nicht. Also muß man damit rechnen, daß Halbe Räuber Ränke schmieden und giftige Pfeile abzuschießen beginnen, um selbst diesen Erfolg an sich zu reißen oder ihn für ihre Zwecke zu nützen. Die größere Liquidität verleitet dazu, Neigungen nachzugehen, die von der strengen
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Ausrichtung auf das Interesse der Zielgruppe ablenken. Die Familie - aber auch Mitarbeiter - stellen größere Ansprüche; nicht nur das Ansehen wächst, sondern auch Neid und Mißgunst. - Der beim Menschen so stark entwickelte Trieb, sich mit Neuem zu beschäftigen, verleitet dazu, von den engen Geleisen der Konzentration auf Schwachstellen, kybernetisch wirkungsvollste Punkte, auf Minimumfaktoren und Minimumgruppen sowie dort dienliche Innovationen abzuweichen und sich auch in anderen Bereichen, wo es glitzert, zu versuchen - was zu einer Verzettelung führt. - Der fast jedem angeborene Imponierdrang lenkt ebenfalls vom Weg ab, zeigt negative Auswirkungen. - Auch mit der Abwanderung von Mitarbeitern, die sich selbständig machen, muß gerechnet werden - sie haben das beste Rüstzeug, es in Teilbereichen besser zu machen. - Dazu kommen Streß und die Gefahr, daß man Launen, die andere verletzen, eher freien Lauf läßt. Wem der Erfolg in den Kopf steigt, bei dem regen sich Triebe, die sich bisher nicht entfalten konnten. Unter dem Titel "When Power distorts the Managers mind" ("Wenn Macht das Denken des Managers verändert") brachte International Management 1987 eine recht gute Analyse darüber, wie Menschen sich unter solchen Umständen verwandeln können - wie also die Situation sie verändert, wenn sie erfolgreich werden.
Im Sinne des heute mit Recht propagierten "vernetzten Denkens"', das sich auf Begleiterscheinungen konzentriert, die man bisher übersah, darf über das Positive die "Kehrseite der Medaille" nicht übersehen werden. Sonst geht die fördernde Kraft der Zielgruppe, die Welle, die einen steuert und trägt, schnell wieder verloren47.
An diesem Punkt stellt sich die wichtige Frage, welcher von zwei Grundausrichtungen man überhaupt
(Originalbuchseite 254)
angehört. Will man "arbeiten, um zu leben" - oder "leben, um zu arbeiten". Der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Galbraith unterschied vier Motive, die Menschen dazu bewegen, ihre persönlichen Wünsche zurückzustellen und im Rahmen einer Gemeinschaft disziplinierte Arbeit zu leisten48. Das erste sei Angst vor Strafe, das zweite das Streben nach Geld. Das dritte nannte er "Identifizierung": dem Einzelnen kann es - ganz abgesehen vom Erwerbsvorteil - Befriedigung verschaffen, in einer Aufgabe "aufzugehen", also zum integralen Bestandteil einer Organisation oder eines Zieles zu werden. Das vierte Motiv nannte er "Adaptation". In diesem Fall - das trifft wohl vor allem solche, die leitende Positionen anstreben - dient der einzelne der Organisation nicht, "weil er ihre Ziele über die eigenen stellt, sondern weil er hofft, sie auf diese Weise mit den eigenen Zielen besser in Einklang zu bringen". Er will also das Unternehmen, die Organisation, ja den Staat, in dem er tätig ist, in seinen Machtbereich miteinbeziehen - und in diesem Sinne zu einem Organ der eigenen Machtstruktur machen.
Die ersten beiden Motive Galbraiths decken sich wohl mit der Ausrichtung aller jener, die "arbeiten, um zu leben". Gelingt es ihnen mehr zu erwirtschaften, als die nackte Existenz es erfordert, dann wollen sie für sich und die Familie die Lebenssituation tunlichst verbessern, wollen die Annehmlichkeiten und Schönheiten dieser Welt genießen, sich kulturell entfalten, Kunst, Sport, Tourismus und was uns sonst Technik und Wirtschaft zu bieten vermögen, wahrnehmen. Galbraiths Motive drei und vier ("Identifikation" und "Adaption") decken sich dagegen weitgehend mit der Ausrichtung der zweiten, kleineren Gruppe, der es weniger auf die gesellschaftlichen Freuden, als auf die Auseinandersetzung
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mit den Problemen dieser Welt, welche es auch sein mögen, ankommt: die in diesem Sinne "leben, um zu leisten" - und zwar nicht auf Grund eines äußeren sondern eines inneren Zwanges. Ihnen schenkt der Erfolg in ihrem jeweiligen Bereich - Wissenschaft, Kunst, Wirtschaft, Politik - die stärksten Gefühle des Glücks und der Zufriedenheit. Risiko fordert sie geradezu heraus. Es treibt sie dazu, sich durchzusetzen, Widerstände an beiden Hörnern zu packen und - koste es, was es wolle - die von ihnen als wichtig empfundenen Ziele zu erreichen.
Hans Bürkle, einer der ältesten Mitarbeiter von Mewes, der sich dann darauf spezialisierte, wie Angestellte am besten verfahren sollen, um sich in Unternehmen - oder von einem zum nächsten - in immer bessere Positionen hochzuarbeiten, schreibt in seinem aufschlußreichen Buch "Aktive Karrierestrategie" bereits im Vorwort: "Wenn Sie Ihren Beruf als eine lästige Art der Erwerbstätigkeit empfinden und sich daher einen möglichst ruhigen, mit wenig Streß verbundenen Job wünschen, dann sollten Sie dieses Buch zur Seite legen - es könnte Sie in ihrer Ruhe stören. Wenn Sie jedoch zu jenen gehören, denen das gestern Erreichte heute nicht mehr genügt, wenn Sie Spaß an Ihrem Beruf haben möchten, Lust auf Erfolg, Mut zum Risiko haben, neue Wege gehen zu wollen, dann ist dieses Buch für Sie geschrieben. Denn Sie gehören zu denen, die die Dynamik unserer Wirtschaft im Griff haben oder diese morgen steuern werden".
So wie überall in der Evolution des Lebens gibt es auch zwischen den beiden genannten Gruppen keine scharfe Grenze. Nicht wenige leben beschaulich in Gruppe A (suchen sich also einen Beruf aus, der ihnen das ihnen vorschwebende Leben ermöglicht) - und siehe da, plötz-
(Originalbuchseite 256)
lich stoßen sie auf eine Aufgabe, eine Verantwortung, Chance oder Idee, die sie total aus dem bisherigen Geleise wirft und zum Paradebeispiel für Gruppe B macht. Ihre Freunde erkennen sie nicht wieder, sie sind verändert. Als Gauguin Frau und Erwerbsposition im Stich ließ, um auf Tahiti zum Maler zu werden und dann in den Marchesas zugrundezugehen - um erst lang nach seinem Tod als das akzeptiert zu werden, was er in dieser, seine Familie und Freunde schockierenden Periode wurde -, war dies etwa der Fall. Andere wieder ziehen aus, um die Welt zu erobern - und landen im kleinbürgerlichen Schoß einer Familie, die sie zum pflichtschuldigen Familienvater macht. Nach statistischen Erhebungen - wobei die Grundveranlagung bei verschiedenen Völkern und in verschiedenen Ländern sehr differieren, und sowohl Klima, Ideologie und manches andere von wesentlichem Einfluß sind - ist es in Europa etwa so, daß (bei Männern) bis zum 18. Jahr an die 30 Prozent "karriere-orientiert" sind, während dies beim 30. Lebensjahr bereits auf 10 Prozent und weniger absinkt. Für die Menschheitsentwicklung ist ein solches Verhältnis nicht unzweckmäßig. Jene, die sich zu Führungsstellen berufen fühlen, werden nur in beschränkter Zahl benötigt. Die übrigen, die den breiten Strom der Entwicklung weitertragen, sind - im Gegensatz zu den so kühnen Gedanken Nietzsches - ganz ebenso wichtig und um keinen Deut minder zu bewerten. Wie später noch kurz ausgeführt werden soll, sind zwar Pflanzen und Tiere sehr wohl Individuen, der Mensch indes - durch Sprache und zusätzlich gebildete Organe - Bestandteil einer ungeheueren, in sich verwobenen Vielheit, die mit den ursprünglichen Gemeinschaften, aus denen er hervorging, nichts mehr zu tun hat.
Doch kehren wir zum Thema zurück: zum steuernden
(Originalbuchseite 257)
Einfluß, den in der Wirtschaft Zielgruppen, auf jene, die ihnen optimal dienen, ausüben.
Wer Erfolg anstrebt, ob es nun ein Einzelmensch oder ein Unternehmen ist, muß erst einmal feststellen, über welche Mittel und Fähigkeiten er verfügt. Sodann: Wo es Bedarf gibt, der auf Grund des ermittelten "Leistungsprofils" möglichst gut und effizient befriedigt werden kann. Aus energetischer Sicht muß der Schlüssel zum bestmöglichen Schloß finden. Der Psychosplit stört dabei erheblich, indem er unsere Gedanken dorthin lenkt, wo sich gerade Erfolg manifestiert und somit reichlich Geld fließt. Viele, die dadurch angeregt, ihr Studium oder ihre Unternehmen danach ausrichten, beziehen 3-8 Jahre später Arbeitslosenunterstützung oder gehen in Konkurs. Und zwar einfach deshalb, weil solche Erfolge geradezu hypnotisch viel zu viele andere ebenfalls in ihren Entschlüssen beeinflußten.
Nach wie vor gibt es eine große Zahl von Standardberufen und Unternehmensausrichtungen, die einen recht gleichmäßigen Bedarf an Nachwuchs und kontinuierlicher Verbesserung haben, - doch in zunehmendem Maß entstehen heute Erwerbsmöglichkeiten, auf die noch keine Schule vorbereitet und wo es nicht besetzte Arbeitsplätze und herbeigesehnte Anwärter auf diese gibt. Die Anforderungen auf enge Spezialisierungen werden immer größer. Volkswirtschaftlich wird es immer wichtiger, daß der einzelne darauf vorbereitet wird, wie er in eigener Initiative nach solchen Lücken zu suchen hat.
Wem es gelingt, eine solche zu entdecken - und wer den Mut aufbringt, sich in dieser zunächst kahlen "Nische" zu etablieren - hat die Chance, daß unbefriedigter Bedarf ihn gleichsam wie eine Welle auf den Rücken nimmt und ihm aktiv dabei hilft, zu Gewinn
(Originalbuchseite 258)
und Erfolg zu gelangen. Einfach ist dieser Ritt allerdings nicht, er erfolgt keineswegs "von selbst". So wie der mit dem Surf-Brett auf der Welle Reitende, muß auch er die Turbulenzen der Zielgruppe ständig im Visier behalten, um ihren Steuerungen folgen zu können. Ist er karriereorientiert, dann kann der Ritt ihn bis zu höchsten Machtstellen führen, wobei er freilich Beharrlichkeit und Schlauheit beweisen - und auf manches, das andere genießen, verzichten muß. Nur einer Elite gelingt das - und viele Halbe Räuber sind dabei. Aber durch die zunehmende Transparenz der Märkte wird deren Situation schwieriger und die Ausrichtung auf OBS mehr aktuell.
Auch wer ein gemächliches Leben will, in dem Selbstfindung und Selbstentfaltung - und nicht Machtpositionen - den Vorrang haben, nützt sich - nach OBS - selbst am besten, wer sich nicht am eigenen Vorteil, sondern am Nutzen, den er anderen bieten kann, orientiert. Selbst im kleinsten Job und bei geringstem Krafteinsatz kann dies zu merklichen Ergebnissen führen. Ebenso im Privatleben, von dem wir noch sprechen. Ebenso in der Ausrichtung der Staaten ...
Die evolutionäre Steuerung beschränkte in der
Lebensentwicklung von Anbeginn, was sich jeweils durchsetzen konnte. Beim
Menschen fördert und verändert der Intellekt diese Steuerung
- und was bis dahin nur über sehr langwierige Folgen von Zufällen
zustandekommen konnte, wird nun ungemein schneller verwirklicht. Aber auch
er lenkt darum keineswegs beliebig das Geschehen. Auch er kann nur vorübergehend
beeinflussen oder erzwingen, was beim Erwerb über Tauschakte zweckmäßig
ist. Kurz zusammengefaßt kann man sagen: "Der Mensch denkt, aber
der Erfolg lenkt".