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Zweiter Teil

OBS

Die Überwindung des Psychosplits

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1. Konsequenz:

Willst Du Gewinn,
dann denke an den Vorteil Anderer

 
 
 
Wenden wir uns als erstes gleich jenem Bereich des Psychosplits zu, der am schwierigsten zu überwinden ist. Nirgends besteht eine größere Kluft zwischen den fehlgeleiteten Weisungen der Raubinstinkte und dem für erfolgreichen Erwerb über Tauschakte zweckmäßigen Verhalten, als in der Empfehlung, daß man, um zu Erfolg und Reichtum zu gelangen, nicht an den eigenen Vorteil, sondern an den Vorteil anderer denken soll. Dies erscheint widersinnig und abwegig.

Freunden ein Geschenk zu machen oder Bedürftigen helfen zu können, vermittelt uns positive Gefühle. Ebenso natürlich und beglückend ist es, sich den Kopf darüber zu zerbrechen, wie man der Frau und den Kindern eine Freude bereiten, wie man ihr Leben verbessern kann. Sogar für das Vaterland das Leben zu lassen, war für unendlich viele in der Geschichte ein Risiko, das sie durchaus freiwillig und bewußt auf sich nahmen. Jedoch Fremden, die man nie zuvor gesehen hat - ja, vielleicht nie zu Gesicht bekommen wird -, mit beträchtlichem Einsatz von Zeit und Mühe zu Vorteilen zu verhelfen, erscheint abwegig - oder bestenfalls als schwer verständliche Laune.

Andererseits jedoch beruht der Energieerwerb über Tauschakte auf eben diesem Vorgang - sofern man ihn

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optimieren will. Der Schuh, den ich herstelle, und der Kunde, der ihn letztendlich kauft, haben mit Gefühlsäußerungen wenig zu tun. Und doch kommt es sehr wesentlich auf die Zufriedenheit dieses Fremden an. Er bedeutet mir kaum etwas, ist mir vielleicht sogar unsympathisch. Und doch ist er für mich überaus wichtig. Ja, er entscheidet darüber, ob ich Freunden ein Geschenk oder der Frau und den Kindern eine Freude bereiten kann.

Der Psychosplit hat zur Folge, daß für den Tauscherwerb nicht mehr zuständige Instinkte uns nachdrücklich empfehlen: "Denke ja nur an Dich und Deinen Vorteil! Nur so kannst Du zu Gewinn gelangen und Deine Macht und Sicherheit vergrößern! Nur so kannst Du Dich Konkurrenten gegenüber durchsetzen!" Der in der Wirtschaft weitverbreitete Spruch "Geschäft ist Geschäft" bringt dies deutlich zum Ausdruck. In den USA gilt sogar der verstärkte Spruch: "business is business is business". In seiner umfassenden "Geschichte des Materialismus" schrieb der Philosoph und Sozialpolitiker F. A. Lange, die kaufmännischen Erfahrungen aller Zeiten hätten "unbestreitbar darauf hingewiesen, daß das Individuum nur durch rücksichtslose Verfolgung seiner eigenen Interessen zu materiellem Wohlstand gelangen kann". Und in Klammer fügte er dann hinzu: "Mag dann die Tugend auf anderem Gebiet geübt werden, soweit die Mittel es erlauben -".

Trotzdem gab es bereits zu allen Zeiten Menschen, die sich "tauschgerecht", also im Sinne der OBS verhielten. Im Geschäftsleben der letzten hundert Jahre zeigten eine Reihe bedeutender Unternehmer diese Tendenz. Zum Befremden ihrer Konkurrenten senkten sie die Preise, verbesserten die Qualität ihrer Produkte, erhöhten die Löhne, verbesserten die Arbeitsbedingungen ... und ver-

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dienten dabei trotzdem mehr als diese. Beispiele dafür sind etwa Ford I, Duttweiler, Bosch, Batá, Benz, Siemens, Woolworth, Zeiss - um nur einige zu nennen.

Es tauchten im Lauf der Geschichte auch immer wieder Lehren auf, die zumindest in Teilbereichen in die gleiche Richtung wiesen. In der Betriebswirtschaft war es das "Marketing" (Abb. 11)32. Mir ist jedoch keine bekannt, die das Problem auch nur annähernd so eingehend untersuchte und die Ergebnisse in der Praxis so erfolgreich einsetzte, wie die von Wolfgang Mewes ab 1972 veröffentlichte Energo-Kybernetische-Managementsstrategie" ("EKS"), durch die er bereits mehreren tausend Berufstätigen und Unternehmen zu beachtlichen Erfolgssteigerungen verholfen hat33. Sie setzt mich in die erfreuliche Lage, auf eine Vielzahl von praktischen Beispielen hinweisen zu können, die anschaulich zeigen, wie der Psychosplit sich auswirkt und wie ihm begegnet werden kann. Einer der zahlreichen von Mewes veröffentlichten EKS-Fälle zeigt geradezu beispielhaft, wie dem "Halben Räuber" beizukommen ist.

Es geht hier um einen Kleinbetrieb, wie es deren viele Tausende gibt, in einer Situation, die heute ebenfalls nicht selten ist. Die Wäscherei Werner Kürner liegt in der Nähe einer Großstadt und steht dicht vor dem Bankrott. Die Umsätze stagnieren, die Kosten wachsen, die Arbeitsmoral läßt deutlich nach. Die Verluste werden größer, und der Betrieb ist hart daran, aufgeben zu müssen.

Kürner hat einen EKS-Lehrgang absolviert und versucht nun verzweifelt, die EKS-Strategie auf seinen Fall anzuwenden. Wie soll er sich gegen die erbarmungslose Konkurrenz durchsetzen? Die Verdienste sind auf Null abgesunken, wie soll er die Angestellten bezahlen? Und wenn er das nicht kann, ist er am Ende, das weiß er.

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Abb. 11: Die Entwicklung des "Marketing". Die Ausrichtung größerer Unternehmen auf die speziellen Wünsche und Probleme der Kunden vollzog sich in den USA recht allmählich. Zunächst galt "Marketing" als den Funktionen, Produktion, Finanzplanung, Personalwesen ebenbürtig. Allmählich (b-e) wurde Marketing dann zur entscheidend wichtigen Integration zwischen Unternehmen und Kundeninteresse (allerdings mehr in der Wirtschaftstheorie als in der Praxis). Nach Ph. Kotler 1980. Vergl. Anm. 32 und 34.

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Die EKS sagt: "Renne nicht mit dem großen Haufen, sondern suche nach einer Bedarfslücke! Mache nicht das gleiche, was auch die anderen tun, sondern entwickle Deine eigene, notfalls engbegrenzte Spezialität! Eine enge Zielgruppe überzeugend besser zu befriedigen als die Konkurrenten, schafft größere Aufstiegschancen, als sich auf die verschiedensten Kunden zu verzetteln!" Kürner fragt sich: "Wo also ist der Kunde, den ich überoptimal befriedigen kann? Wo ist ein brennender Bedarf, der noch besser gelöst werden kann? Wo ist das Problem - ob von dem, der es hat, bewußt wahrgenommen oder nicht -, das ich für ihn entscheidend besser lösen könnte?"

Kürner organisiert sein Denken, schreibt viele Möglichkeiten nieder ... überlegt, überlegt. Und am Ende stößt er auf die Bürogardinen. Viele Büros legen auf saubere Gardinen großen Wert, haben aber immer weniger Zeit, sich um solche Belange zu kümmern. Das Waschen ist teuer geworden, außerdem muß man die Gardinen abnehmen, sie zur Wäscherei bringen, dann wieder aufmontieren - eine sehr lästige Sache. Das ist zweifellos ein Problem, das sich nicht wenigen stellt.

Kürner rechnet nach, was ihn der Quadratmeter Gardinenwaschen derzeit kostet und wieviel es ihn kosten würde, wenn er monatlich die dreifache Menge an Gardinen zu waschen hätte. Die Kalkulation ergibt, daß er dann um 30 % billiger liefern könnte. Voraussetzung ist natürlich, daß er tatsächlich diese größere "Stückzahl" erreicht.

Die EKS hat ihn gelehrt, daß probieren besser ist als zu grübeln. Sie hat ihn gelehrt, daß man jede solche Idee am besten an einer kleinen, aber repräsentativen Teilzielgruppe erproben muß. Das kostet nicht viel: so ist das Risiko am geringsten. Kürner kommt zum Entschluß,

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daß eine solche "Teil-Zielgruppe" jene Büros sind, über deren Gardinen-Waschaufträge der Unternehmer oder seine Frau selbst entscheiden. Diese reagieren am schnellsten, zeigen am deutlichsten die Auswirkungen eines billigen Preises. Kürner wählt für seinen Test ein günstig gelegenes Büroviertel in der nahe gelegenen Großstadt. Und als günstigsten Termin für sein Angebot wählt er eine Zeitspanne, in der schmutzige Gardinen besonders unangenehm ins Auge fallen - kurz nach Ostern.

Durch Briefwerbung tritt er gezielt an diese Teil-Zielgruppe heran, offeriert ihr die Lösung ihres Gardinenproblems um 30 % unter dem üblichen Preis. Für Abholen, Abnehmen und wieder Montieren garantiert er zu sorgen.

Das Ergebnis übersteigt alle Erwartungen. Es melden sich doppelt so viele, als für die kalkulierte Herabsetzung des Preises notwendig ist. Also wagt er den Kopfsprung, unterbietet die Konkurrenz. Und schon kommen ihm neue, weitere Ideen. Wie wäre es mit einem Gardinen-Waschabonnement? Den Kunden wird angeboten, daß ihre Gardinen im Abonnement automatisch gewaschen werden - und zwar schnell, auch während Feiertagen, so daß sich der Kunde um nichts mehr zu kümmern braucht. Je nach Wunsch: einmal, zweimal, dreimal oder auch viermal im Jahr. Lockvogel ist, daß das Büro ganz automatisch immer ordentlich aussieht - und eine weitere Ermäßigung um 10 Prozent.

Der Vorteil, den sich Körner errechnet, ist der größere Umsatz. So kann er auch um 40 Prozent billiger arbeiten. Von diesem Gewinn kann er noch etwas abzweigen, um neue Kunden zu werben. Durch sein günstiges Angebot kann er die Büros ganzer Straßenzüge gewinnen und entsprechend rationeller arbeiten. Und noch eine wei-

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tere Verbesserung ist möglich. Abholen, Abnehmen, Waschen und Aufhängen ist im Zeitlohn nur ein geringer Ansporn für die Mitarbeiter. So aber könnte er sie im Leistungslohn, ja sogar vielleicht im noch günstigeren Gruppenakkord entgelten, was zu höheren Löhnen und damit auch zu einer erheblichen Steigerung der Leistung und zum Absinken der nötigen Kontrollkosten führen würde ...

Die Rechnung ging auf. Ja, mehr als das. Je mehr Kürner einnahm, umso mehr senkte er die Kosten, steigerte er die Löhne. Hatte er ursprünglich mit 30%, maximal 40 % Kostendegression gerechnet, so gelangte er letztendlich auf eine Degression von 70 %. Stück für Stück weitete er seine Aktion auf immer neue Stadtregionen und Zielgruppen aus. Da er auf hohe Qualität und Verläßlichkeit achtete, strömten ihm immer neue Kunden zu. Zur Kundenwerbung setzte er einen Vertreter ein - schon im ersten Monat gelangte dieser auf eine Provision von über 6.000 DM.

Daß unter diesen Umständen das Konkurrenzproblem für Kürner wegfiel, liegt auf der Hand. Niemand konnte mit seinem Preis konkurrieren. Sein Service wurde perfekt. Seine Kosten je Quadratmeter (abzüglich der Vertreterprovision) betrugen schließlich nur noch 15 % der ursprünglichen Kosten. Sein Unternehmen, das hart am Bankrott gestanden hatte, war nicht nur gerettet, sondern florierte.

Was geschah weiter? Dehnte Kürner sein Angebot nun auch wieder auf andere Wäsche aus? Den Regeln der EKS folgend tat er es nicht. Vielmehr suchte er nach Partnern in anderen Städten, denen er zu gleichem oder ähnlichem Erfolg über Spezialisierung auf das Waschen von Bürogardinen verhalf. Und zwar über den Weg des Franchising, also über die Vergabe seiner Erfahrungen gegen

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entsprechende Beteiligung. Kürner ließ sich von einem Wirtschaftsberater den Ablauf und den Erfolg seines Vorgehens bestätigen und hatte somit einen schriftlichen, geradezu amtlichen Beweis in der Hand. Seinen Franchising-Partnern konnte er eine gesicherte Erwerbsposition bieten - und er blieb mit ihnen im laufenden Kontakt. Wiederum zum beidseitigen Vorteil. Denn Erfahrungen, zu denen man an einem Ort gelangte, kamen so auch den anderen zugute. Kürner investierte also nicht mehr in neue Produktionsmittel - sondern ging dazu über, vom erworbenen Know-how und dessen laufender Verbesserung zu leben.

Inwiefern hat nun dieser erstaunliche Erfolg mit dem Thema dieses Kapitels, daß man nicht an den eigenen Vorteil, sondern an jenen von anderen denken soll, zu tun?

Zunächst ist festzustellen, daß es in diesem Fall ganz bestimmt nicht um eine Verteilung von freundlichen Geschenken ging. Kürner handelte keineswegs "altruistisch" im üblichen Sinne dieses Begriffes, vielmehr kämpfte er um die nackte Existenz. Sein Verhalten war auch nicht von religiösen und moralischen Konzepten beeinflußt, die uns nahelegen, dem Mitmenschen Gutes zu erweisen, sondern seine Situation glich weit eher der einer Pflanze, die von anderen rücksichtslos überwuchert wird und sich knapp vor dem Absterben befindet. Und ebenso war sie mit der Situation eines Tieres vergleichbar, das dicht am verhungern ist und verzweifelt nach Nahrung sucht, um am Leben zu bleiben. Kürner setzte bloß seine letzten Kräfte anders ein als bisher. Eine andere Strategie - Ergebnis menschlicher Intelligenz - verhalf ihm dazu.

Die bei allen in Rudeln lebenden Tieren - einschließlich unserer Vorfahren - ausgebildeten "sozialen

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Instinkte", sichern den Zusammenhalt der Gruppen. Nach außen hin - das sehen wir ebenso beim Wolfsrudel wie beim Ameisenstaat - verhalten sie sich als räuberische Einheiten und bekämpfen andere (obwohl es Artgenossen sind) auf das grimmigste. Dem Angehörigen der eigenen Gruppe gegenüber zeigt dagegen das Individuum die Bereitschaft zur Zusammenarbeit, zur Hilfeleistung und zur Arbeitsteilung. Bei gruppenbildenden Säugetieren können wir sogar Begleiterscheinungen solcher Vorgänge beobachten, die durchaus den bei uns auftretenden Gefühlen der Kameradschaft, Freundschaft und Nächstenliebe vergleichbar sind. Für die Darlegungen in diesem Buch ist es wichtig, in aller Klarheit darauf hinzuweisen, daß die für optimale Tauschstrategie zweckmäßige Einstellung sich nicht aus den auch beim Menschen stark ausgeprägten sozialen Instinkten und den durch sie vermittelten Gefühlen, auf die wir noch zurückkommen, ableitet.

Beim Menschen kam als Besonderheit die künstliche Anfertigung von zusätzlichen Organen hinzu. Das ist - wie schon erwähnt - die Ursache dafür, daß sich die Auseinandersetzungen zwischen den menschlichen Gruppen ("Verbänden", "Völkern") so äußerst verschärften. Denn während es bei Auseinandersetzungen von Tierverbänden der gleichen Art in erster Linie um Nahrung geht - um die Beherrschung bestimmter, als Lebensraum geeigneter Territorien -, kam beim Menschen hinzu, daß die zusätzlichen Organe, die so immens die Leistungskraft des Zellkörpers steigern, von dem, der sie raubt, ganz ebenso verwendet werden können, wie vom Beraubten. Auch der Mensch bekämpft andere, um ihnen Nahrung und Lebensraum zu entreißen, doch zu einem nicht minder wichtigen Ansporn wird das "Gut" des Anderen, durch das die eigene Macht unmittelbar

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gesteigert werden kann. So kam es, daß sich zwar innerhalb der menschlichen Verbände die sozialen Instinkte verfeinerten und über Sitte, Brauchtum, Lebenskultur und Kunst noch differenzierten, jedoch anderen Verbänden gegenüber eine besonders mißtrauische, oft feindliche und räuberische Haltung gezeigt wurde.

Beim Affenrudel kann man nicht selten beobachten, daß einer dem anderen etwas wegnimmt oder streitig macht, doch geht es dann eben bloß um Futter, um Schlafplätze, um "Personen-Besitz" oder ähnliches - weil es eben praktisch nicht viel wegzunehmen gibt. In diesem Sinne führten die zusätzlichen Organe des Menschen zu einer veränderten Situation. Trotz der sozialen Instinkte und die durch Sprache und geistige Entfaltung sich noch stärker entwickelnden individuellen Bindungen war hier Diebstahl und Raub, selbst mit Totschlag nicht selten - was zur Notwendigkeit entsprechender Gesetzgebungen und sie wahrnehmender und durchsetzender Institutionen führte.

Während dies noch eine ganz natürliche Weiterentwicklung darstellt, kam über die Herstellung und den Verkauf der zusätzlichen Organe eine neue Beziehung in die Welt, die nicht unmittelbar aus Zusammenarbeit und Tauschhandlungen innerhalb der ursprünglichen Gruppen ableitbar ist. Das Verhältnis des Produzenten zum anonymen Kunden hat nichts mit den uns angeborenen Tendenzen der Freundschaft und Hilfsbereitschaft gegenüber Gruppenangehörigen oder entfernteren Bekannten zu tun. Es geht dabei um indirekten Energieerwerb, und so ist es durchaus verständlich, ja folgerichtig, wenn bei diesem neuen Verhältnis zunächst einmal die Strategien eines gemäßigten Raubverhaltens eingesetzt wurden ... eben das Verhalten des Halben Räubers. Auf die Partnerschaft mit einem anonymen Kundenkreis war

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der Mensch instinktmäßig in keiner Weise vorbereitet. Nur über den Intellekt können wir begreifen, daß eine andere Strategie als das auf Augenblickserfolge ausgerichtete Raubverhalten bei dieser neuen Erwerbsart zu besseren Ergebnissen führt34. Und das bringt uns wieder zum Fall Kürner zurück.

So wie jeder in der Wirtschaft Tätige bemühte sich auch dieser Mann mit seinem Betrieb um Erfolg, um Gewinn, um Geld. Wenn es ihm - über Ratschläge der EKS - klar wurde, daß es beim Erwerb über Tausch darauf ankommt, nicht so sehr an sich selbst und den eigenen Nutzen, sondern an die Probleme anderer und deren Lösung zu denken, dann streifte er gleichsam die Fesseln einer evolutionären Vergangenheit ab.

Das Suchen nach einer "Marktlücke", wie es die EKS nahelegt, bedeutet an sich noch nicht optimale Tauschstrategie. Denn auch der vom Psychosplit beeinflußte Halbe Räuber sucht nach Marktlücken und macht sich dort breit, beutet sie aus. Nicht auf "lückenorientiertes Verhalten" kommt es somit an, sondern darauf, in welcher Absicht man nach Marktlücken sucht und wie man sich dort verhält35. Die wesentliche Wende für Kürner bestand darin, daß er dazu überging, nicht mehr die eigenen Probleme ins Zentrum seiner Betrachtungen zu stellen - sondern die Probleme anderer. Wenn das Ergebnis seines Verhaltens - volkswirtschaftlich gesehen - als durchaus das Gemeinschaftsinteresse fördernd betrachtet werden kann, dann ist das eine positive Begleiterscheinung, doch nicht das Motiv der Handlung. Während es für den Räuber ohne Interesse und Relevanz ist, daß das Opfer "seiner freundlich gedenkt", ist dies beim Erwerb über Tauschakte diametral verschieden. Hier beeinflußt ein Erwerbsakt den nächsten in entscheidender Weise. Ist der Kunde echt zufriedengestellt, dann

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kann dies weitere Erwerbsbemühungen wesentlich erleichtern und begünstigen.

Der Fall Kürner zeigt ein Prinzip auf, das nicht nur für kleine Wäschereien von Bedeutung ist, sondern bei fast jeder Art von Beruf und fast jeder Art von Unternehmen den gleichen, entscheidenden Stellenwert hat. Kommt man im Konkurrenzkampf nicht weiter, ob man nun Bäcker ist, eine Versicherungsgesellschaft oder ein Großunternehmen des Maschinenbaues: stets ist dann zu untersuchen, ob man nicht, indem man sich intensiver auf einen bestimmten Teilbereich ausrichtet, zu wesentlich besseren Ergebnissen kommen kann.

Man darf sich dann nicht mehr darauf konzentrieren, wie man hergestellte Produkte noch besser absetzen, noch rationeller herstellen, noch attraktiver gestalten, mit noch größerem Gewinn an den Kunden bringen kann. Und ebensowenig darf man dann sein Interesse darauf richten, wie man für Dienstleistungen noch bessere Honorare erzielen, noch mehr Nachfrage erreichen, sie noch vielseitiger in Profit verwandeln kann. Sondern man muß gleichsam mit dem eigenen Gehirn in jene von Fremden übersiedeln und sich überlegen, welche Bedürfnisse, Wünsche und Vorstellungen dort vorhanden sind; welche Aversionen, Ängste und Probleme dort die Entscheidungen beeinflussen. Bei Kürner bestand die Umpolung darin, die Unzahl eigener Probleme, die ihn bestürmten, hinter sich zu lassen und sich intensiver mit der Situation und den Problemen seiner Kunden zu befassen.36

All dies entspricht im Wirtschaftsbereich durchaus der sich für optimale Tauschstrategie ergebenden ersten Konsequenz. Hauptsache beim Energieerwerb über den Umweg des Gelderwerbes ist die Ausrichtung auf dringende und dauerhafte Bedürfnisse bei anderen - und

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deren möglichst optimale Befriedigung. Wie der Psychosplit uns dabei behindert, zeigt der Fall Kürner sehr deutlich. Die durch Konditionierung in ihm wachgerufenen Weisungen der für seine Tätigkeit nicht mehr zuständigen Raubinstinkte führten dazu, daß seine Gedanken ständig um die eigenen Interessen und um die Probleme seines Betriebes kreisten. So aber konnte er in der extremen Konkurrenzsituation nicht bestehen. Nur indem er sein Denken radikal umpolte, gelang es ihm, einen Ausweg zu finden.

Noch eine weitere, für Rauberwerb zweckmäßige Instinktsteuerung wirkt sich - über den Psychosplit - auf unser wirtschaftliches Denken negativ aus. Ein zweites falsches Instinktkommando besteht darin, daß bei auftauchenden Chancen zum Gelderwerb eine innere Stimme uns nicht nur zuflüstert: "Nur Dein Vorteil zählt!", sondern dem noch hinzufügt: "Nütz die Chance maximal!"

Für die meisten Tierarten ist eine solche Instinktweisung zweckmäßig und wichtig. Denn in fast jedem Lebensraum gibt es für den Nahrungserwerb günstigere und weniger günstige Perioden - deshalb sind Reserven für das Überleben oft von entscheidender Bedeutung. Tiere speichern Energie in Form von Zucker und Fett. Oder sie speichern Energie außerhalb ihres Körpers, indem sie Depots anlegen - das Eichhörnchen etwa, indem es Nüsse vergräbt. Manche Spezialisten haben erweiterungsfähige Mäuler und Mägen ausgebildet - wie etwa Tiefseefische und Riesenschlangen. Eine Python kann ein Schwein von über 2o Kilo Gewicht verschlingen und dann länger als ein Jahr ohne Nahrung auskommen.

Das generelle Instinktverhalten dürfte bei den meisten Tieren so ausgerichtet sein, daß gegebene Chancen, den

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Lebensumständen entsprechend, bestmöglich genützt werden. Beim Menschen mag das den Impuls verursachen, den wir "Gier" nennen - und zwar nicht bloß in Hinblick auf Nahrung, sondern als "Habgier" auch in Hinblick auf Angliederung von machtsteigernden oder das Lebensvergnügen fördernden Einheiten. Der Universalvermittler "Geld" spielt auch hier wieder eine entscheidende Rolle. Da Geld "gespart" werden kann und sich Geld so in die verschiedensten Güter verwandeln läßt, wurde der Erwerb dieses magischen Zaubermittels zum Ziel nicht nur sehr vieler sondern der meisten - und macht in diesem Sinne fast jeden Menschen zum Konkurrenten der übrigen. Im wirtschaftlichen Verhalten führte diese Instinktsteuerung über den Psychosplit dazu, daß manche Chance mehr ausgenützt wird, als für optimales Tauschverhalten zweckmäßig ist. Einem in guter Stimmung befindlichen Kunden gleich noch zwei weitere Dinge anzudrehen, die er gar nicht gewünscht hat, ist überall, wo es auf Bildung von Stammkundschaft ankommt, eindeutig ein Fehler. Die Vertrauensbildung, die weit wichtiger ist als der einmalige Mehrgewinn, kann so gestört oder sogar jäh beendet werden. Und entscheidet sich jemand für einen Job, weil ihm dort das höchste Gehalt geboten wird, dann kann er ebenfalls - aufgrund eines obsoleten Raubinstinktes - einen schwerwiegenden Fehler machen, wenn er bei einem anderen wesentlich bessere Aufstiegschancen hätte.

Im Geschäftsleben führt dieser negative Einfluß dazu, daß nicht wenige der Versuchung unterliegen, ein sich gerade günstig anbietendes Geschäft "mitzunehmen", obwohl es sie von der eigentlichen Ausrichtung ihrer Berufstätigkeit empfindlich ablenkt und sich dieses dann negativ auswirkt. Bei Unternehmen führt der gleiche Einfluß dazu, eine zu breite "Palette" von Waren

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anzubieten. Wer "auf Dutzenden von Hochzeiten tanzt" verzettelt unweigerlich seine Kräfte. Um Nachfragern optimal zu dienen, muß man die Beharrlichkeit haben, sich möglichst intensiv mit deren Belangen zu beschäftigen. Dem, der das Glück am Schopf packt, mag gelegentlich nicht nur ein Coup gelingen, sondern es kann sich daraus für ihn eine neue, günstigere Berufsausrichtung ergeben. Aber oft genug wirft es ihn, langfristig gesehen, zurück.

In der gesamten Lebensentfaltung spielte der Konkurrenzkampf stets eine überaus wichtige Rolle. Er sorgte dafür, daß weniger Geeignetes auf der Strecke blieb und besser Geeignetes sich durchsetzte. Auch Partnerschaft und Synergie unterliegen dieser Auslese. Nur wenn solche Verbindungen zur Ausbildung von Strukturen höherer Leistungskraft führen, also zu stärkerer Konkurrenzfähigkeit, können sie bestehen. In der Wirtschaft führt Abdrosselung des Konkurrenzkampfes - wie etwa bei Monopolstellungen oder in den zentralverwaltungswirtschaftlichen Ländern kommunistischer Prägung - unweigerlich zum Stagnieren des Fortschrittes in wesentlichen Bereichen. Besteht nicht die Möglichkeit, daß Bessergeeignetes sich durchsetzt, dann lohnt es nicht der Mühe, solches zu erzeugen.

Andererseits ist allzu harter Konkurrenzkampf - "Haufenbildung" im Sinne von Mewes - ganz ebenso für den Fortschritt nicht förderlich. Die Konkurrenten reiben sich dann in einigen Sektoren untereinander auf, was dem "Verbraucher" vielleicht in Gestalt von Preisunterbietungen zugute kommt ... aber insgesamt weder ihm noch der Volkswirtschaft dient. Gibt es in einer Stadt 30 Buchhandlungen, die alle die gerade am meisten gefragten Titel anbieten, dann wirkt jeder gegen den anderen so gut er kann. Richten sich dagegen einzelne auf "Teilziel-

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gruppen" aus - profilieren sie sich auf verschiedene Nachfragerwünsche - der eine auf Belletristik, der zweite auf wissenschaftliche Literatur, weitere auf Kinder- und Jugendbücher, auf Antiquariat, auf Gartenpflege, auf Taschenbücher etc., dann wird das verfügbare Angebot und die individuelle Betreuung der Kunden in dieser Stadt wesentlich verbessert und der Konkurrenzkampf entschärft. Die Marktwirtschaft ermöglicht ein immer stärker differenziertes Angebot, was zu immer neuen Spezialisierungen führt. Bei der Evolution der Tiere und Pflanzen zeigte bereits die so ungeheuer vielfältige Artenbildung den gleichen Trend, das gleiche sich nun in der Wirtschaft fortsetzende Lebensgesetz.

Wir befinden uns in einer evolutionären Übergangsstufe vom Energieerwerb über Raub zu einem Energieerwerb über Tausch. Die uns von einer langen Ahnenkette übermachten Instinktsteuerungen erschweren uns diesen Vorgang. Erkennen wir, wie sie wirken, dann können wir ihre negativen Auswirkungen beseitigen. Das Motto "Willst Du Gewinn, dann denke an den Vorteil anderer" ist eine der wichtigsten Konsequenzen, die sich hier ergeben. Daß es dabei keineswegs um "Altruismus" im bisherigen Sinne geht, sondern um ein durchaus egoistisches Bestreben, erschwert die gedankliche Umpolung. Wenn jedoch diese OBS-Regel dazu führt, daß den bisherigen Bestrebungen nach Partnerschaft und Nächstenliebe auf diesem Kurs besser gedient wird, als über unsere sozialen Instinkte, dann sollte es uns nicht stören, wenn Egoismus der Motor ist.
 
 

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