9. Prämisse:
Der Universalvermittler Geld steigert
den chronischen Steuerungskonflikt
Der Lernvorgang über Konditionierung, der sich sonst überall vorteilhaft auswirkte, wurde somit für den Menschen zu einem argen Handicap - zu einem Klotz am Bein, der die Optimierung der neuen Erwerbsart behindert. Der Interessent, der Kunde, der Nachfrager, der Arbeitgeber werden durch diese ganz automatisch verlaufende innere Verknüpfung, die sich völlig unserem Bewußtsein entzieht, zum Auslöser für Instinktregungen, welche die Entscheidungen beeinflussen und so den Intellekt in seiner Tätigkeit und Entfaltung behindern. Tritt ein Interessent an der eigenen Leistung in Erscheinung, dann empfiehlt uns eine innere Weisung: Achte ja auf Deinen Vorteil! Nur auf diesen kommt es an! - während es beim erfolgreichen Erwerb über Tausch sehr wesentlich auf die Interessen und auf die Zufriedenheit anderer ankommt. Wird ein Vertrag uns angeboten, dann wispelt eine innere Stimme uns zu: Nütz die Möglichkeit optimal! Schlage möglichst günstige Bedingungen heraus! - während es weit wichtiger ist, sich auf eine für beide Seiten langfristig zufriedenstellende Regelung zu einigen. Sucht jemand nach einer neuen Stellung, dann beeinflußt ihn der gleiche innere Ratgeber, jene zu wählen, wo am meisten gezahlt wird - während eine andere, mit etwas weniger günstigen Bedingungen zu
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ganz wesentlich besseren Entwicklungsmöglichkeiten führen würde. Sehen wir, daß irgendwo kräftig verdient wird, dann drängt es uns geradezu magisch dazu, dort mitzumischen - und wir übersehen so Verdienstmöglichkeiten, für die wir weit besser geeignet wären, ja wo wir in Kürze eine ergiebige Monopolstellung erlangen könnten. Auf all das kommen wir noch ausführlich zurück. Die Verlagerung des Schlüsselreizes für Raubverhalten auf Kaufinteressierte ist jedoch bloß die eine Hälfte des Psychosplits, dessen Auswirkungen uns treffen. Dieser chronische Dauerkonflikt, der sich mit der neuen Erwerbsform wie eine Krankheit ausbreitete und heute schon praktisch jeden trifft - oft am gleichen Tag mehr als einmal -, wird noch durch einen zweiten Konditionierungsvorgang verstärkt ... und damit kommen wir zum Thema der letzten Prämisse.
Was nämlich für den Tauscherfolg entscheidend ist, das ist de facto gar nicht der Tauschpartner, sondern das in seinem Besitz befindliche und dann in den unseren überwechselnde Geld. Das aber führte von Anbeginn dieser Entwicklung dazu, daß über eine weitere Assoziationsbildung - also über eine weitere innere Verknüpfung von Nervenfunktionen Geld zum eigentlichen, noch stärkeren Schlüsselreiz wurde, der noch mehr als interessierte Kunden dafür sorgt, daß unsere Raubinstinkte wirksam aktiviert werden.
Auch hier gibt es niemanden, den eine Schuld träfe - und man kann weder von "gut" oder "böse" sprechen. Es ist eine Begleiterscheinung der Tatsache, daß mancher Fortschritt auch mit argen Hypotheken belastet ist. Das aber ist beim Geld in besonderer Ausprägung der Fall. Ohne dieses Universalaustauschmittel wäre der gesamte menschliche Fortschritt unmöglich gewesen. Nur durch Spezialisierung auf Berufsformen und Unternehmens-
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ziele konnte die technische und wirtschaftliche Entfaltung stattfinden - nur über diesen Vermittler, der jede Leistung in jede andere transferierbar und jedes Leistungsergebnis beliebig teilbar und mit anderen zusammenlegbar macht, verfügen wir heute über eine solche Unzahl zusätzlicher Organe, die unsere Macht so immens steigern und auch Grundlage für alle unsere Kultur und Lebensverfeinerung - also, für Luxusentfaltung, Kunst, Sport, Vergnügen und sonstige Annehmlichkeiten - sind. Ohne das für den Erwerb über Tauschakte so wichtige Werkzeug Geld wären wir noch heute kaum weiter als auf jener Entwicklungsstufe, die uns Splittergruppen unterentwickelter Völker vor Augen führen, die ohne diesen Vermittler auskommen. Sie zeigen deutlich Ansätze zu fast jeder der Entwicklungsrichtungen, die der technisierte, industrialisierte Mensch dann einschlug - doch zu all dem war der Universalvermittler Geld einfach Voraussetzung. Ohne ihn wären die meisten Betriebsstätten und Unternehmen, die größere Investitionen erfordern, praktisch kaum möglich und das gilt ebenso für die meisten Erfindungen, Entdeckungen und Innovationen.
Diesem immensen Vorteil steht nun andererseits ein nicht minder ins Gewicht fallender Nachteil gegenüber - wobei ich von der Problematik, die Geldmenge auf den Umfang der jeweiligen Leistungsgemeinschaft abzustimmen und seinen Tauschwert stabil zu halten, absehe. Solche und ähnliche Auflagen zieht praktisch jeder Fortschritt, jede Neuerung nach sich. Was sich für die Menschheit so entscheidend negativ auswirkte, ist der bedeutsame Umstand, daß über Geld nicht nur Nahrung - also Energie und Aufbaustoffe - sondern auch jedes vom Menschen geschaffene "Produkt" und jede von Menschen angebotene "Dienstleistung" ganz
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ebenso käuflich erworben werden kann - sofern bloß die notwendige Menge "erwirtschaftet" und "gehortet" ist. Das nämlich bedeutet, daß durch Gelderwerb nicht nur unser Nahrungstrieb befriedigt werden kann, sondern auch praktisch jeder andere uns angeborene Trieb sowie fast alle über Kultur, Sitte und Mode entstandenen Bedürfnisse voll befriedigt oder zumindest entscheidend gefördert werden können. Um zu begreifen, was das heißt, muß man den Vorgang biologisch sehen - also wieder von der üblichen Beurteilungsweise abweichen.
Wie schon ausgeführt, kann über den Tausendsassa Geld nun praktisch jeder Trieb entweder direkt befriedigt oder in seinem Ablauf gefördert werden. Und ebenso läßt sich der Bedarf an jedem in der Wirtschaft angebotenen zusätzlichen Organ (Kleidung, Maschine, Bauwerk etc.) und an jeder in der Wirtschaft angebotenen Dienstleistung (ärztliche Betreuung, Theatervorstellung, Flugzeugtransport etc.) über Geld erwerben - und somit fast jeder "erworbene Wunsch" erfüllen. Das aber bedeutet schlußendlich, daß das Universaltauschmittel Geld zu einem Universal-Schlüsselreiz wurde, wie es in der vorangehenden Evolution noch nie etwas auch nur entfernt Vergleichbares gegeben hat. Aus dieser Sicht ist Geld ein Zauberstab, der nicht nur Nahrung herbeischafft - sondern auch fast sämtliche sonstigen Bedürfnisse und Wünsche erfüllen kann.
Natürlich weiß jedermann, daß man für Geld so ziemlich alles erwerben, sich so ziemlich jede Art von Wunsch erfüllen kann - und deshalb der Erwerb von Geld höchst erstrebenswert ist. Dagegen ist durchaus nicht jedermann klar, daß dies - wiederum über Konditionierung - sämtliche angeborenen und erworbenen Triebkräfte dahingehend vereint, uns auf den Erwerb von Geld zu konzentrieren.
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Abb. 8: Der übernormale Schlüsselreiz. Wie Experimente zeigten, bevorzugen die Weibchen mancher Vogelarten beim Brüten ein künstliches Riesenei dem eigenen, obwohl sie darauf gar nicht Platz haben. Hier handelt es sich um eine negative Begleiterscheinung angeborenen Verhaltens - ebenso wie beim Psychosplit des Menschen und dem Phänomen des Halben Räubers. - Auch über Werbung können übernormale Schlüsselreize geboten werden, die nicht dem Nutzen des Kunden sondern vorzüglich jenen der jeweiligen Produzenten dienen. Aus H. Hass 1987, Bd. 4, nach N. Tinbergen 1951.
Bei manchen Tieren beobachtete man, daß künstlich geschaffene Schlüsselreize noch wirksamer sind, als die natürlichen. So bevorzugen etwa manche brütende Vögel, wenn man neben ihre Eier ein um ein mehrfach größeres künstliches Ei legt, dieses und turnen dann im Bestreben, es zu bebrüten, unter Vernachlässigung der eigenen darauf herum (Abb. 8). Das ist aber dann nur eben ein Trieb, der fehlgeleitet wird - ähnlich wie bei den erworbenen Antrieben uns über Werbung anderes aufgedrängt werden kann, als wir eigentlich wünschten. Das Zaubermittel Geld ist in diesem Sinne ein "übernormaler Schlüsselreiz" von solcher Kraft, daß er die Aufmerk-
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samkeit geradezu hypnotisch auf sich lenkt. Und zwar zum Nachteil dessen, der Gelderwerb anstrebt. Denn für diesen Vorgang ist ja die Ausrichtung auf die Interessen des jeweiligen Kunden oder Arbeitgebers wesentlich - und gerade von solchen Gedanken lenkt die magische Anziehungskraft des Geldes ab. Um es noch einfacher zu sagen: Um im Gelderwerb erfolgreich zu sein, ist es richtig, nicht an diesen Erwerb sondern an die Probleme und Interessen des jeweiligen Nachfragers der eigenen Leistungen zu denken, sich möglichst auf diese zu konzentrieren - während das Geld es zuwege bringt, daß wir dies nicht tun.
Und noch mehr. Bei angeborenen oder erworbenen Bedürfnissen gibt es in der Regel eine die Motivation "abschaltende Endsituation". Ist mein Bedürfnis am Genuß einer bestimmten Torte befriedigt, dann läßt nach so und so vielen Stücken der Impuls deutlich nach, "schaltet schließlich ab". Ist jemand sexuell erregt und erreicht er sein Triebziel, dann schaltet - zumindest für eine Weile - die triebspezifische Erregtheit ab. Wünscht er sich glühend nach Mallorca zu fahren und ist er dann dort, dann ist der Wunsch befriedigt - und wird allenfalls erst zu einem späteren Zeitpunkt wieder in ihm auftauchen. Für den Erwerb von Geld gibt es dagegen keine "abschaltende Endsituation". Denn unsere Phantasie bringt es mit sich, daß wir uns fast ständig irgend etwas wünschen, das wir noch nicht haben. Der langen Rede kurzer Sinn: Der uns so überaus hilfreiche Diener Geld wurde gleichzeitig zu einem unsere Interessen erheblich störenden Tyrann. Er verhindert, daß wir uns tauschgerecht verhalten und vermindert dadurch unsere wirtschaftliche Potenz. Dieser übermächtige Schlüsselreiz bewirkt, daß unsere Gedanken eine falsche Richtung nehmen, daß wir "egoistisch" und damit wider unsere
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wirklichen Interessen handeln, daß wir, um ja noch mehr zu verdienen ... de facto weniger verdienen, als möglich wäre. Und wiederum nicht weil wir "böse" oder von "einem Dämon besessen" sind, sondern weil dieser übermächtige Schlüsselreiz uns daran hindert, unsere Fähigkeiten und Mittel zum eigenen Vorteil richtig einzusetzen. Auch sinnloses "Horten" von Geld und extremer "Geiz" haben hier ihre Wurzel.
In genauer Analyse findet noch eine dritte, noch bedenklichere Konditionierung statt. Geld wird nicht nur zum Schlüsselreiz, nach dem wir bei allen auftretenden Bedürfnissen und Wünschen suchen - was sich dann ganz automatisch mit der Aktivierung der Raubinstinkte verbindet. Sondern der sich so ergebende Trieb nach Geld wird gleichsam allen sonstigen Trieben vorgelagert und wird so zu einer zentralen Ausrichtung, die unbelehrbar und maschinenhaft uns behindernde Instinktmaximen in uns weckt (Abb. 9). Das ist die zweite Hälfte des Psychosplits, den ich hier darzulegen versuche. Seine Entwicklung läßt sich wie folgt zusammenfassen:
Erstes Stadium: Der Mensch sucht persönlich nach Nahrung, ganz ebenso wie die verwandten Tiere. Schlüsselreize, die ihm Nahrung anzeigen, versetzen ihn in entsprechende "Appetenz", in "Erwerbsgestimmtheit", was - ebenso wie bei den Tieren - instinktive Verhaltensrichtlinien auslöst.
Zweites Stadium: Der Mensch erwirbt Nahrung von einem anderen Menschen in direktem Tausch, indem er diesem eine Gegenleistung bietet. Wiederholt sich der Vorgang und wird der andere zum "Kunden", dann löst dieser bei weiteren Kontakten, wenn er sich wieder in Tauschstimmung zeigt, die gleiche Reaktion aus wie der Anblick von Beute.
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Drittes Stadium: Der Nachfrager zahlt nicht mit Nahrung sondern mit Geld - für das dann Nahrung erworben werden kann. Eine zweite Konditionierung findet statt. Das Geld wird zu einem weiteren, die angeborenen Raubstrategien auslösenden Schlüsselreiz.
Viertes Stadium: Sehr bald wird in dieser Entwicklung evident, daß sich über Geld nicht nur Nahrung erwerben läßt, sondern ebenso auch Dienstleistungen anderer, sowie von anderen hergestellte und zum Kauf angebotene Güter. Das aber steigerte den Wert des Geldes noch ganz ungeheuer. Gelderwerb wurde so praktisch zum zentralen, neuerworbenen Trieb, der sich mit allen übrigen verband, ja ihnen gleichsam vorgeschaltet wurde.
Am heutigen Entwicklungspunkt tritt noch ein weiterer gravierender Faktor hinzu. Die immer schnellere Dynamik des Wandels bei den Marktwünschen und Angeboten läßt es immer wichtiger werden., dem Bedarf der "Zielgruppe", für die man tätig ist, - der Nachfrager also, die an den eigenen Leistungen interessiert sind, - zu folgen. Das aber hat zur Voraussetzung, daß man schwerpunktmäßig an die Interessen und Vorteile des Tauschpartners denkt - und nicht an die eigenen. Und das gelingt nicht, wenn man, Instinktsteuerungen folgend, den unmittelbaren eigenen Vorteil zur Maxime hat und seine Gedanken darauf konzentriert, wie man die Produktion oder Dienstleistung noch rentabler machen könnte, selbst wenn sie überholt ist; wie man unzweckmäßige Produkte und Dienste doch noch durch Raubstrategie und besondere Anpreisung "an den Käufer bringt" - sie ihm also, zu seinem Nachteil und damit auch zum eigenen Nachteil aufdrängt ... statt der Entwicklung seiner Wünsche und Bedürfnisse, zu seinem Vorteil und dem eigenen, bereits einige Schritte voraus zu sein.
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Abb. 9: Der übernormale Trieb: Die Ausübung fast sämtlicher dem Menschen angeborenen Triebe wird durch Geldbesitz begünstigt. Deshalb verstärkt fast jeder - über Konditionierung und Einsicht - das Streben nach Geld. Ebenso motivieren auch die meisten, durch Erziehung, Gewohnheit, Ideologien etc. erworbenen Triebe und Wünsche den Trieb nach Geld. Er wurde zum stärksten aller erworbenen Triebe und ist den übrigen gleichsam "vorgespannt". Dadurch - und weil es für ihn keine "abschaltende Endsituation" gibt - aktiviert er kontinuierlich den Psychosplit. (Siehe Text).
Daß Gruppen durch den Psychosplit ebenso betroffen sind, wie der erwerbstätige Einzelmensch, liegt auf der Hand. Bei Unternehmen zeigt dies besonders deutlich die Überbewertung der Geldbilanz - worauf wir noch zurückkommen. Bei Verbänden und Staaten zeigte es sich in der gesamten bisherigen Geschichte, die fast durchwegs durch einen rücksichtslosen Kampf um Geld und Macht gekennzeichnet ist. Raubkriege, Versklavung und Ausbeutung anderer Länder, sowie Klassenkämpfe, gehörten stets zum politischen Alltag - ebenso wie in unserer Zeit die so kraftraubende Auseinandersetzung zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern und der enorme Rüstungsaufwand der Großmächte. Bei der Bemühung um positive Handelsbilanzen ist es geradezu selbstverständlich, daß sich die Staaten auf die eigenen Vorteile konzentrieren und nicht - zum eigenen Vorteil
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- auf jene von anderen. Immerhin zeigten der Marshallplan und die Entwicklungshilfe mancher Länder, die sie nicht als bloße Allmosengabe oder selbstsüchtige Marktschaffung betrieben, bereits ein Einschwenken auf tauschgerechtes Verhalten - ebenso wie die Strategie solcher Firmen, die sich auf Qualität und "Kundennähe", also auf die Interessen und den sich entwickelnden Bedarf ihrer Zielgruppen, ausrichten.
Mancher Leser wird in den bisherigen Ausführungen die Erwähnung jener Formen von Energieerwerb vermißt haben, an die man gemeinhin denkt, wenn man von Energieerwerb spricht. Nämlich die Nutzbarmachung von Naturkräften: wie etwa des Windes, der Freisetzung der in Holz und Kohle enthaltenen Energie durch Verbrennen, der Energie des Rohöls, der Wasserkraft und schließlich der Atomkraft. Um die Darstellung der Auswirkungen, die der Erwerb von Nahrung über Tauschakte hatte, nicht zu komplizieren, und zusammenhängend darstellen zu können, wie dieser Vorgang letztendlich zum Psychosplit geführt hat, ließ ich diese weitere Erwerbsform zunächst beiseite und möchte ihre Einordnung in das Gesamtschema nun nachholen.
Bereits Tiere kamen dahin, Naturkräfte zu nützen. Ein Beispiel dafür nannte ich bereits: die Korallenpolypen, die sich den Energieaufwand eigener Fortbewegung dadurch ersparen, daß sie es den Meeresströmungen und der Brandung überlassen, ihnen die in jedem Wassertropfen enthaltenen Kleinlebewesen und organischen Reste direkt ans Maul zu spülen. Die Windkraft nützen manche Spinnen, indem sie auf Pflanzen oder Felsen klettern, dort einen Faden produzieren, der dem Wind genug Widerstand bietet, um sie in die Lüfte zu erheben und so manchmal über beträchtliche Strecken zu transportieren. Der grundsätzliche Unterschied zum Energieerwerb
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über Nahrung besteht darin, daß so die fördernden Naturkräfte dem Tier sonst notwendige eigene Anstrengung ersparen. Während mit Nahrung aufgenommene Energie erst freigesetzt, entsprechend umgewandelt und dann über Organe - etwa Fortbewegungsorgane - funktionell nutzbar gemacht werden muß, braucht der Korallenpolyp die Wasserkraft nicht zu fressen - und ebensowenig die Flugspinne die Windkraft -, sondern diese Kräfte werden ausgenützt oder über entsprechende Vorrichtungen (Flugfaden) dazu gebracht, ihnen direkt eine sonst benötigte Leistung abzunehmen. In der Energontheorie nannte ich das "Direkte Nutzbarmachung von Fremdkraft".30
Der Mensch konnte mit Hilfe seiner Intelligenz diese Möglichkeit einer zusätzlichen Nutzbarmachung von Energie, die nicht über den Weg der Nahrung aufgenommen und entsprechend umgesetzt werden muß, noch erheblich steigern. Die Nutzbarmachung des Feuers stand in der Entwicklung unserer Urvorfahren an erster Stelle - ist ebenso ein Hinweis der erwachenden Intelligenz wie die Verbesserung der Hand durch das zusätzliche Organ "Faustkeil". Eine weitere Nutzbarmachung von Fremdkraft ist jene des Windes, indem durch Mast und Segel der Wind dazu gezwungen wird, das zusätzliche Organ Boot (Organ zur Fortbewegung über Wasser) zu betreiben. Das Fortbewegungsorgan Auto treiben wir über den Verbrennungsmotor mit der in Benzin enthaltenen Energie an. Über ein Wasserkraftwerk und Elektrizität zwingen wir die Gravitationsenergie mannigfache benötigte Funktionen für uns zu übernehmen. Wesentlich ist in jedem solchen Fall, daß Fremdkraft direkt und unmittelbar dazu gebracht wird, zusätzliche Organe zu betreiben. Bewegen wir ein Boot mit Rudern, dann ist es über Nahrung vereinnahmte Energie, die durch Umset-
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Abb. 10: Theorie über die Entstehung des Lebens. Manfred Eigen entwarf dieses plausible Modell für das Einsetzen des Lebens, eines Prozesses, der sich über reduplikationsfähige Strukturen fortsetzt. In der energie-reichen "Ursuppe" der Ur-Meere konnten energiereiche Moleküle aufeinandertreffen, die zufällig einen solchen "Ring" bildeten und deren jedes die Eigenschaft hatte, die Entstehung des nächstfolgenden zu bewirken. Gliederten sich diesem Kreislauf weitere Moleküle an, welche das Geschehen förderten, dann vermehrte sich der so verbesserte und erweiterte "Hyperzyklus" bevorzugt. Aus solchen Vorstadien konnten sich dann die immer komplexeren Lebewesen entwickeln. Nach M. Eigen und P. Schuster 1977/78.
(Originalbuchseite 131)
zung in Muskelkraft - durch entsprechende Tätigkeit unserer Arme und Hände - den Antrieb bewirkt. Verbessern wir das Boot durch Mast und Segel, dann bewirkt der Wind direkt die Fortbewegung des Bootes, und wir müssen mit Nahrungsenergie bloß die Segel und das Steuerruder entsprechend betätigen.
Auch in dieser technischen Entwicklung arbeiteten Intellekt und Instinkt bestens Hand in Hand - bis zum heutigen Tag. Hier sind die Instinktratschläge, den eigenen Vorteil möglichst zu maximieren, durchaus zielführend. So gelangten wir letztlich dahin, durch Nutzbarmachung von Fremdkraft bis in größte Meerestiefen und in den Weltraum vorzustoßen.
Nur eben beim Erwerb menschlicher Leistungen über
den Weg des Tausches versagen die angeborenen Instinktsteuerungen, wenden
sich aufgrund des Psychosplits gegen uns selbst. Die Dienstbarmachung von
Naturkräften entspricht durchaus der Grundeinstellung des Räubers
- "fällt ganz in sein Ressort". Um dagegen den Mitmenschen über
Tauschakte dazu zu bringen, für einen anderen Nahrung verfügbar
zu machen, für ihn zusätzliche Organe anzufertigen oder von ihm
benötigte Dienstleistungen zu erbringen, eignen sich die Direktiven
der angeborenen Raubstrategie nur eben beschränkt. Der übermächtige
Schlüsselreiz Geld verstärkt noch diese negative Tendenz - und
je mehr die Entwicklung der Wohlstandsgesellschaft und die kategorische
Ausrichtung auf Genußmaximierung fortschreitet, desto mehr wird unser
Denken in falsche Richtungen abgelenkt und unser Intellekt daran gehindert,
im Verhalten zum Mitmenschen ebenso erfolgreich zu sein wie den übrigen
Lebewesen und den Naturkräften gegenüber.