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8. Prämisse:

Durch Konditionierung
wird der Nachfrager
zum Schlüsselreiz für Raubverhalten



Über die Bedeutung der Schlüsselreize wurde bereits gesprochen. Während die verschiedenen Triebe dem Tier die Hauptausrichtungen für sein Verhalten aufzeigen - Nahrungssuche, Feindabwehr, Fortpflanzung etc. - erkennt es an bestimmten Schlüsselreizen, wann und wo es die verschiedenen angeborenen Aktionen und Reaktionen einsetzen muß. Also was sich als Nahrung eignet, wie sich Raubfeinde und sonstige Gefahren zu erkennen geben, wo ein Geschlechtspartner ist etc. Die Gehirnleistung besteht jeweils darin, diese Reize aus der Fülle von Sinnesmeldungen auszusondern und daraufhin die für das jeweilige Triebziel richtigen Handlungsfolgen auszulösen. Wie Attrappenversuche gezeigt haben, setzen sich die Schlüsselreize aus möglichst einfachen und unmißverständlichen Merkmalen zusammen. So wie der Künstler in der Karikatur eine Person oder ein Geschehen mit einigen wenigen Strichen charakterisiert, erkennt das Tier - bzw. eine entsprechende Nervenstruktur in seinem Gehirn - an markanten, möglichst unverwechselbaren Merkmalen die für sein Verhalten wichtigen Umweltbelange.

Die Wirkung der Schlüsselreize ist, wie schon dargelegt, sehr maschinenhaft, hängt jedoch in der Stärke von der jeweiligen "Gestimmtheit", in der sich ein Tier

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gerade befindet, ab. Ist es sehr hungrig, dann spricht es auf Schlüsselreize, die ihm Gefahr oder einen hilfsbedürftigen Rudelgenossen anzeigen, weniger an, als dies sonst der Fall wäre. Daß dies beim Menschen ähnlich ist, dürfte kaum zu bestreiten sein.

Es wurde auch bereits darauf hingewiesen, daß lernbefähigte Tiere die ihr Triebverhalten in Bewegung setzenden Schlüsselreize noch quasi verbessern können. Der im Gehirn jeweils zuständige Mechanismus - in der Verhaltensforschung "AAM" genannt - wird durch positive oder negative Erlebnisse derart verändert, daß er neue Merkmale mitberücksichtigt, ehe er der von ihm auszulösenden Reaktion das Startsignal erteilt.24 Beim Menschen werden so im Grundkonzept angeborene und dann über Erziehung, Erfahrung, Sitte und Laune mannigfach veränderte Schlüsselreize ganz außerordentlich differenziert. Ob etwa beim Essen eine gebratene Forelle, ein Backhuhn oder eine Cremeschnitte der Auslöser ist, diese Speisen am gegebenen Ort oder zum gegebenen Zeitpunkt zu bestellen: es sind raffiniert erweiterte Schlüsselreize zur bevorzugten Auswahl von Speisen, die hier auf uns einwirken und - gemeinsam mit anderen Faktoren wie etwa Preis und Eßpartner - unsere Willensbildung bestimmen. Oder wenn ein Mädchen sich in einen bestimmten Mann verliebt - oder ein Mann in eine bestimmte Frau: So komplex die Reizkombination auch sein mag, die uns in Triebstimmung versetzt und Gewalt über uns gewinnt: nicht in unserem Herzen sondern im Gangliengeflecht unseres Gehirns hat sich ein entsprechend komplexes Schaltschema entwickelt, das lässig über unseren "freien Willen" hinweggeht und uns zu Entschlüssen veranlaßt, über die wir uns nicht selten später selbst wundern. Kommt ein großer Körper schnell auf uns zu und weichen wir erschreckt zur Seite, dann

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geschieht das nicht auf Grund von Überlegungen, sondern weil eine Instinktvorschrift uns dies - nach wie vor - diktiert. Nach wie vor sind mannigfache Triebe bei uns nicht minder wirksam wie bei den uns verwandten höheren Tieren - zum Beispiel eben: der Trieb nach Nahrung, jener uns zu schützen und jener, einen Geschlechtspartner zu finden. Nach wie vor lösen bestimmte Schlüsselreize, die mannigfach modifiziert sein können, Entschlüsse bei uns aus. Nach wie vor treibt es uns zu dieser oder jener Handlung, die von "tieferen", unserem klar überschaubaren Bewußtsein völlig unzugänglichen Entscheidungsbereichen her diktiert sind und nicht selten mit unserer Einsicht und Vernunft in Konflikt kommen (Abb. 7).

Innerhalb dieser äußerst komplizierten Mechanik, mit der man sich in der Psychologie sehr eingehend befaßt hat, gibt es ein weiteres die Auslösung von Handlungen beeinflussendes Phänomen, die bereits erwähnte "Konditionierung". Hier geht es darum, daß nicht nur Schlüsselreize verändert und so verbessert werden - Kennzeichen für relevante Umweltbedingungen - sondern daß andere, völlig neutrale Reize unter Umständen den gleichen Auslöseeffekt in unserem Gehirn bewirken. Reize, die öfters der Befriedigung eines Triebverhaltens vorangehen, gelangen zu ebensolcher "Macht" wie die ursprünglichen Schlüsselreize, "assoziieren" sich mit diesen, und vermögen dann, ganz ebenso wie sie, das Grundinventar eines bestimmten Trieb- und Appetenzverhaltens in Bewegung zu setzen. Der russische Physiologe I. Pawlow, der für seine Untersuchungen der Verdauungsvorgänge bei Tieren 1904 den Nobelpreis erhielt, stellte dies - gleichsam als Begleiterscheinung seiner Untersuchungen - eher zufällig fest.

Er studierte die Speichelabsonderung bei Hunden, die

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Abb. 7: Komponenten der Willensbildung des Menschen. Die angeborenen Triebe sind von verschiedener Bedeutung und Komplexität. Der Vergleich zwischen Nahrungstrieb und Schlaftrieb zeigt das. Weitere Haupttriebe sind: der Geschlechtstrieb, der Sicherheitstrieb, der Brutpflegetrieb, der Neugiertrieb, der Gemeinschaftstrieb und zahlreiche andere. Erworbene Triebe ("Antriebe", "Motivationen") entstehen durch Erziehung, Gewohnheiten, Religion, Ideologie - außerdem stellt jeder stärkere Wunsch einen Trieb dar, der ebenso wie die angeborenen Triebe durch eine spezifische "Appetenz" und eine "abschaltende Endsituation" ausgezeichnet ist. Der stärkste erworbene Trieb ist jener nach Geld (Siehe Abb. 9). - Mit diesen Kräften hat sich das vernünftige Planen, die "Einsicht", bei der Willensbildung auseinanderzusetzen. Nach H. Hass 1978 (abgeändert). Siehe auch Anm. 10.

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automatisch einsetzt, wenn ihre Sinnesorgane ihnen bei vorhandenem Hunger Nahrung anzeigen. Bei den Experimenten von Pawlow waren die Hunde in einem Gestell gefesselt, sodaß bei Nahrungsgabe der bei ihnen einsetzende Speichelfluß meßbar verfolgt werden konnte. Aus irgend einem Grund wurden die Experimente durch das Läuten einer Glocke eingeleitet ... und bald stellte sich heraus, daß schon der Glockenklang genügte, um den Speichelfluß zu aktivieren - auch wenn nicht, wie üblich, ein Fleischstück an das Maul des Hundes gebracht wurde. Ein total neuer Reiz, der mit der Nahrungsaufnahme nicht das geringste zu tun hatte - eben der Glockenton - war zu einem Schlüsselreiz geworden, der genau die gleiche Reaktion wie der angeborene auslöste.25

Pawlows weitere Versuche - wie jene ihm folgender Forscher - zeigten dann, daß geradezu jeder beliebige Reiz, wenn er regelmäßig einem erfolgreich verlaufenden Triebverhalten vorangeht, die gleichen Auswirkungen wie der angeborene Schlüsselreiz zur Folge hat.

Dieser Lernvorgang ist höchst zweckmäßig. Macht ein Tier die Erfahrung, daß es Beute - oder ein anderes Triebziel wie etwa Feindwahrnehmung oder Annäherung eines Geschlechtspartners - an irgendwelchen anderen Sinnesreizen erkennen kann, noch ehe der eigentliche Schlüsselreiz vom Gehirn registriert wird, dann verbindet sich diese neue Reizwahrnehmung mit der registrierenden Nervenmechanik derart, daß auch sie das Triebverhalten aktiviert. Da hier eine neue Wahrnehmung mit dem bestehenden sensorischen Apparat verknüpft wird, spricht man von einer "Assoziation".

Das alles wird wesentlich einfacher, wenn wir uns klar machen, daß dieses Phänomen längst vor Pawlow sattsam bekannt war, nur eben nicht wissenschaftliche Neu-

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gier veranlaßte, sondern einfach als "Selbstverständlichkeit" angesehen wurde. Tritt eine Bäuerin mit einem Futternapf aus dem Haus und ruft "Piep! Piep!", ehe sie das Hühnerfutter ausstreut, dann dauert es nicht lange, und die Hühner haben diesen Zusammenhang begriffen - ja reagieren bereits auf den Anblick der mit dem Futternapf aus dem Haus tretenden Bäuerin ganz ebenso wie auf den Anblick der von ihnen im Garten gesuchten und entdeckten eßbaren Körner. Der neue, völlig neutrale Reiz "Piep! Piep!" läßt dann sogar Hühner, deren unmittelbarer Hunger bereits gestillt ist, die neugierig dem gesellschaftlichen Hühnergeschehen zusehen oder sich ein wenig zur Ruhe gelegt haben, wie elektrisiert auffahren und, zum Konkurrenzkampf bereit, zur Bäuerin hineilen. Selbst wenn diese vergeßlich war und sich im Napf gar kein Futter befindet, ist die Reaktion ganz ebenso ... ganz ebenso wie die Speichelabsonderung bei den Pawlowschen Hunden, wenn die Glocke erklang und kein Fleischstück in ihr Maul gelangte26.

Es wird bestimmt erstaunen, wenn hier behauptet wird, daß eine solche "Konditionierung" über ganz analoge "Assoziation" eine geradezu tragische Auswirkung hatte, die seit etwa 10.000 Jahren wirksam wurde und seither jeden betroffenen Menschen in seinem Berufsleben daran hindert, so effektiv und erfolgreich zu sein, als er es mit seinen Fähigkeiten und Mitteln sein könnte. Was die Pawlowschen Hunde oder die Bäuerin, die Hühner oder sonstige Haustiere füttert, mit dieser Tragik zu tun haben, muß nun allerdings noch etwas genauer erklärt werden.

Was geschah, als der Mensch sich in seßhaften Gemeinschaften auf die Herstellung benötigter Güter oder auf die Erbringung benötigter Dienste spezialisierte?

Der Vorgang des Nahrungserwerbes - und damit des so

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entscheidend wichtigen Energieerwerbes - wurde so ein höchst indirekter. Statt Wild zu jagen oder Gemüse anzubauen, gelangt der Schuster an Wildbret und Gemüse - indem er Schuhe herstellt. Das mag wieder höchst selbstverständlich erscheinen, ist es aber ganz und gar nicht. Der Schuster stellt Schuhe her, verkauft sie - gewinnt also in einem Tauschvorgang so und so viel Geld -, und mit diesem gelangt er dann, in einem zweiten Tauschvorgang, an Nahrung. Zwei an sich total getrennte Vorgänge sind in diesem Fall miteinander verknüpft: Die Herstellung der Schuhe hat nicht das entfernteste mit Nahrungssuche zu tun - jede Bewegung ist anders und auch die eingesetzten Werkzeuge sind völlig verschieden. Und doch gelangt der Mann über die Schuhherstellung an Nahrung. Über einen Umweg. Die Nahrungsgewinnung wird bei diesem doppelten Tauschvorgang eher einfach: worauf es weit mehr ankommt, ist der Verkauf der Schuhe und der Geldgewinn bei diesem Vorgang. Zwei neue Faktoren treten somit bei diesem Energieerwerb in den Vordergrund. Erstens der Bedarf an Schuhen. Zweitens: der Umstand, daß der Bedarfer an Schuhen auch über entsprechend viel Geld verfügt. Daß es ihm also gelungen war, über eigene andere Leistungen von anderen Bedarfern entsprechend viel Geld zu erhalten - oder genauer: entsprechende Geldüberschüsse zu erwirtschaften. Denn nur wenn diese beiden Voraussetzungen erfüllt sind, funktioniert dieser völlig neue Erwerbsvorgang. Erste Voraussetzung ist, daß Bedarf an der eigenen Leistung besteht. Die zweite, daß der Bedarfer auch so viel Geld zu bezahlen bereit ist, daß sich der eigene Aufwand lohnt und ein entsprechender Geldzuwachs stattfindet.

In der Energontheorie erwähnte ich bereits dieses Phänomen einer durchaus neuen Form des Energieerwer-

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bes.27 Was ich damals noch nicht erkannte, war eine der Folgen, die sich für den Menschen aus diesem Übergang vom Jäger und Sammler zum Berufstätigen, der über einen doppelten Tauschakt Energie erwirbt, ergaben. Denn da diesem neuen Energieerwerb regelmäßig die Auseinandersetzung mit Interessenten voranging - ja hier zum Hauptproblem wurde -, wurde der Kunde zum neuen Schlüsselreiz für Nahrungserwerb, ganz ebenso wie die Glocke bei den Pawlowschen Hunden, wie das "Piep! Piep!" der Bäuerin und der Anblick ihres Erscheinens mit dem Futternapf. Das Auftauchen eines Bedarfers löste also bei dieser neuen Erwerbsart ganz automatisch die angeborenen Richtlinien für Beuteerwerbsverhalten aus ... die, wie in der letzten Prämisse ausgeführt, keineswegs für Tauscherwerb optimal sind.

An die Stelle des Nahrungserwerbes trat somit die Aufgabe, Wünsche die andere hatten, zu erfüllen. Also wurde über den Vorgang der Konditionierung der Interessent, der Kunde, der "Nachfrager" und der "Arbeitgeber" zur eigentlichen Beute, der es das Wesentliche zu entreißen galt. Nämlich mehr Geld, als einem die eigene Anstrengung und der eigene Aufwand kostete. Gelang dieses "Geschäft" - dann war das zweite, nämlich das Eintauschen der benötigten Nahrung, nur eben ein in der Regel höchst einfaches Nachspiel. Auf den Gelderwerb kam es jetzt an. - Und da dem Menschen dafür keinerlei Strategien angeboren waren, sprang der Nahrungstrieb mit all seinen angeborenen Richtlinien (die sich seit mehr als einer Jahrmilliarde immer weiter verfeinert hatten) höchst automatisch in die Bresche. So wie beim Verhalten des Jägers und Sammlers die menschliche Intelligenz den instinktgesteuerten Beuteerwerb unterstützte, so unterstützte nun - und unterstützt bis heute - unser Instinkt, über Raub Beute zu erwerben, unseren

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Intellekt bei seiner neuen Bemühung, über einen doppelten Tauschakt an Nahrung zu gelangen, "das Leben zu fristen". Wobei nur eben diesmal die Zusammenarbeit durchaus nicht "Hand in Hand" und harmonisch verlief. Denn während sich der Intellekt bei der Verbesserung der Raubstrategien durchaus den Erfordernissen des angeborenen Strebens nach Beute anpaßte und diesen Vorgang so laufend verbesserte, sind die guten Ratschläge für Beuteerwerbsverhalten beim Erwerb durch Tauschakte nur teilweise hilfreich, zum weit größeren Teil jedoch antiquiert, unbrauchbar, obsolet geworden. Ja für den neuen Erwerbsvorgang sind sie hinderlich, schädlich, seine Möglichkeiten und Effizienz vermindernd.

Darin liegt die besondere Tragik, die als Grundtenor in diesem Buch nicht übersehen werden sollte. Wenn der Mensch heute in der Wirtschaft die Methoden des Räubers anwendet, dann ist er nicht "böse" oder "schlecht" - sondern ungeschickt. Er ist über sich selbst nicht genügend aufgeklärt. Wohl sagt manchem sein Verstand, daß in diesem Gesamttun etwas total falsch ist - aber innere Stimmen, mit denen er sich identifiziert, die er als essentiellen Bestandteil seines "Ich" empfindet, führen ihn irre. Längst nutzlos gewordene Diener - in Gestalt angeborener Steuerungen - lassen sich nicht mundtot machen und fahren "im besten Bestreben" fort, gänzlich überholte, schädigende Ratschläge zu erteilen. So kommt es, daß bestimmt nicht weniger als 80% aller Erwerbstätigen, indem sie sich von diesen beeinflussen lassen, "von innen her behindert sind". So kommt es, daß der Mensch - wie Konrad Lorenz sehr richtig hervorhob -, in seinem technischen Fortschritt bereits dahin gelangte, auf dem Mond zu landen, während er in seinem "innerartlichen Verhalten" kaum vergleichbare Fort-

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schritte zu verbuchen hat. Hier blieb - trotz religiöser und ideologischer Mahnungen, trotz ethischer und moralischer Bemühungen jeglicher Art - noch alles im Prinzip beim alten, sosehr sich der Mensch auch selbst darüber wundert. Und all das aus einem bisher unerkannten Grund, einem chronischen Dauerkonflikt, der sich automatisch mit dem Übergang von der räuberischen Erwerbsform zu jener über doppelten Tausch ergab. So wie sich Pawlows Hund daran gewöhnte, daß die Glocke für ihn Nahrungserwerb bedeutete, und, wenn er den Glockenklang hörte, zu speicheln begann, so gewöhnt sich der Mensch daran, daß der Kunde für ihn Nahrung bedeutet und dies löst seine Raubinstinkte aus.

Erster Einwand: Würde der Anblick des Kunden, des Interessenten, des Bedarfers an irgendwelchen Produkten oder Dienstleistungen wirklich angeborene Raubinstinkte wecken, dann würde der Anbieter den Nachfrager doch offenbar als Nahrung betrachten und demgemäß auf ihn losgehen. Antwort: Auch Pawlows Hunde bissen nicht in die Glocke. Auch die von der Bäuerin gefütterten Hühner versuchten nicht, sie zu fressen. Es ist vielmehr so, daß meist eine Aufeinanderfolge von Schlüsselreizen dem Tier seinen Weg weist. So werden etwa Haie durch das Gezappel in Not befindlicher Fische (die etwa von anderen angegriffen werden oder an einer Angel hängen) aus weiter Entfernung angelockt. Sie reagieren dabei nicht auf beliebige Druckschwingungen, die sich im Wasser ausbreiten, sondern nur auf solche, wie sie in Not befindliche Fische (leichte Beute also) bewirken. Kommt daraufhin der Hai so schnell er kann näher und ist das Tier verletzt, dann ist Blutgeruch ein weiterer Schlüsselreiz, der ihm (insbesonders nachts oder in trübem Wasser) zusätzlich den Weg weist. Ist er an die Beute gelangt, dann geht der Hai zur Erwerbshandlung über

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und richtet sich dabei nach der jeweiligen Situation. Hat er die Beute im Maul und zeigt der Geschmack ihm an, daß sie giftig oder ungenießbar ist (solche Versuche wurden gemacht und filmisch festgehalten), dann spuckt er sie schleunigst wieder aus. Also beißt der Hai keineswegs ins Wasser, wenn er Gezappel wahrnimmt oder Blutgeruch an seine Nase gelangt. Und sieht er die Beute, dann macht er nicht die Mundbewegungen des Ausspuckens. Aber jeder der ihn anlockenden Reize erregt sein Raubverhalten, die "Appetenz" des Beuteerwerbes, aktiviert die ihm angeborenen Grundregeln für zweckmäßige Aktionen und Reaktionen. Diese sind, wie gesagt, je nach Art der Beute, besonders bei Spezialisten sehr verschieden, umfassen jedoch stets die wichtigen Anweisungen: a) Nimm keine Rücksicht auf die Beute, sondern nütze Deine Chance so ausgiebig wie Da kannst! b) Verfahre möglichst so, daß Du möglichst schnell und möglichst präzise, bei möglichst geringem eigenen Kraftaufwand, ein Maximum an Gewinn erzielst! c) Achte auf Konkurrenten, jage ihnen die Beute ab, laß sie Dir nicht selbst abjagen! d) Achte auf Feinde, damit Du nicht selbst im Magen anderer landest!

Zweiter Einwand: Gut, das mag so sein. Doch wenn etwa ein Schuster einen Schuh anbietet, dann muß er diesen ja schließlich erst herstellen. Er muß also das Leder erwerben, muß die nötigen Werkzeuge handhaben, muß eine Unzahl von Dingen tun, ehe er überhaupt einen Kunden interessieren kann. All das ist doch vom Nahrungserwerb über Raubverhalten so total verschieden, daß wohl kaum anzunehmen ist, dieser erlernte Beruf würde durch angeborene tierische Instinkte irgendwie beeinflußt. Die neue Erwerbsform hat andere Regeln - das eine hat einfach mit dem anderen nichts zu tun. - Antwort: Auch dies läßt sich entkräften. Beispiels-

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weise durch Besuch in einem Zirkus. Da kommen etwa Elefanten, dicht aufeinander folgend in die Manege, wobei jeder mit dem Rüssel den vorangehenden am Schwanz hält. Auf ein Zeichen des Wärters (oder bei Veränderung der den Vorgang begleitenden Musik) bleiben sie dann stehen, lassen einander los ... steigen nun etwa auf im Kreis angeordnete Podeste, erheben sich dann auf ein weiteres Kommando auf die Hinterbeine ... oder drehen sich um sich selbst ... oder führen noch weit kompliziertere Kunststücke aus. All das kam über "Konditionierung" zustande. Der Mensch, der die Dressur ausführte, schuf geduldig Assoziationen - oder, wie der Psychologe sagt, eine Reihenfolge "bedingter Aktionen". Jeder der Elefanten lernte, daß er auf ein bestimmtes Zeichen in die Manege kommen muß - dann gibt es Futter. Als nächstes lernt er etwa, daß er mit einem Zweiten hereinkommen und diesen dabei mit dem Rüssel am Schwanz halten muß - dann gibt es Futter - oder, wenn er es nicht tut, allenfalls Tadel und kein Futter. So wird die ganze schwierige Prozedur Stück für Stück aufgebaut. Das lockende Futter als letzter Schlüsselreiz bleibt stets die Motivation des Vorganges, und diesem Beuteerwerb werden immer mehr Handlungen, die auf immer weitere Kommandos (Schlüsselreize) zu leisten sind, vorangereiht, also "assoziiert". Auch wenn diese Dienstleistung sich aus einer Unzahl von Einzelhandlungen zusammensetzt ("operantes Lernen"), dann kann sogar das tierische Gehirn dazu gebracht werden, dies zu überschauen. Der intelligente Mensch kann dies - wenn er zum Gelderwerb benötigte Produkte herstellt oder gewünschte Leistungen erbringt - noch wesentlich besser. Über entsprechende Berufsausbildung lernt er - über Sprache und Vorzeigen gelenkt und über Lob und Tadel motiviert - wie er durch bestimmte Leistungen an Geld

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gelangen kann: meist sorgen in dieser Periode die Eltern oder andere für die Ernährung. Dann beherrscht er seine Fähigkeit und kann sie zum Gelderwerb einsetzen. Er kann sich dann "sein Leben selbst verdienen". Verdient er mehr, als er für "das Fristen des nackten Lebens" (wozu auch die Bezahlung von Kleidung und einer Unterkunft gehört), benötigt, dann kann er sich auch bereits "Luxus" oder die Begründung einer Familie leisten, kann Wünschen und Trieben nachkommen und sich "das Leben angenehm gestalten". Über Erfahrung wird die eigene Fähigkeit immer größer - er lernt auf immer mehr Umweltreize sinnvoll zu reagieren ... also auf immer mehr Schlüsselreize, nach denen er seine Tätigkeit ausrichtet. Mit Nahrungserwerb hat dies alles nur indirekt zu tun - und doch leistet der dafür zuständige Trieb die primäre Motivation. Der an der Berufsleistung interessierte Nachfrager ist somit letztlich ausschlaggebend - wie für die dressierten Elefanten der Dompteur. Er entscheidet über die letztlich vereinnahmte "Beute". Also löst er ganz automatisch - neben allen über Erfahrung erlernten Reaktionen - die angeborenen Grundeinstellungen für räuberisches Beuteerwerbsverhalten aus.

Dritter Einwand: Beim unmittelbaren Tausch mag dies vielleicht stimmen. Ich stelle eine Axt her - und erhalte dafür Nahrung. Ich betätige mich in der Gemeinschaft als benötigter Wachposten und erhalte dafür von dieser Gemeinschaft Nahrung. Aber in der Wirtschaft ist es ja eben nicht so. Weder Freiberufler noch Angestellte oder Unternehmer erhalten für ihre Leistungen Nahrung. Vielmehr erhalten sie Geld. Und das können Sie nicht essen. Also hat Nahrungserwerb nicht direkt mit Berufstätigkeit zu tun. - Antwort: Unter den unzähligen Untersuchungen und Experimenten, die Psychologen und Verhaltensforscher bei Tieren und Menschen aus-

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führten, um die Gehirn-Mechanismen des "Lernens" zu untersuchen und besser zu begreifen, gab es auch solche mit Affen, die über Betätigung von mechanischen Vorrichtungen oder sonstige Handlungen Geld erwerben konnten - und dann sehr wohl begriffen, daß man mit solchem Geld, indem man es etwa in einen Automaten wirft, zu Nahrung gelangen kann. Dabei wurde auch festgestellt, daß Affen verschieden große oder gefärbte Geldstücke unterscheiden können, die Beurteilung ihres Wertes lernen, Geld horten, Geld stehlen, sich um Geldstücke streiten28. Selbst das Gehirn des Affen ist also im Prinzip bereits in der Lage, die hier maßgebenden Zusammenhänge zu begreifen. Freilich nur unter Anleitung. Erst dem Menschen, dem es möglich ist, Ich-bewußt Ursachen und Wirkungen zu überschauen, konnte es gelingen, für die neue Erwerbsform über doppelten Tausch - also über Gelderwerb für Güterproduktion oder Dienstleistung als erster Schritt, und Nahrungserwerb durch Geldgabe als zweiter Schritt - die notwendige Organisation zu schaffen. Beim heranwachsenden Kind kann man genau den Augenblick beobachten, da es diese Zusammenhänge und ihre Bedeutung zu begreifen beginnt. Wie auch immer die Berufstätigkeit oder die Ausrichtung von Unternehmen beschaffen sein mag: stets weckt der Interessent an zum Kauf gebotenen Gütern oder an Dienstleistungen für Bezahlung die gleiche Erregung (Appetenz) und die gleichen Maximen in der Grundeinstellung wie die Beute beim räuberischen Verhalten. Nichts zwingt den berufstätigen Menschen dazu, diesen Maximen zu folgen. Nur drängen sie sich ihm gleichsam auf.

Mit weiteren Einwänden - soweit sie mir bekannt sind - werden wir uns noch beschäftigen. Was hier über den Vorgang der Konditionierung und seine Folgen dargelegt

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wird, ist an sich keinem Psychologen neu - und widerspricht auch nicht der heutigen Lehrmeinung. Neu ist bloß die Behauptung, daß dieser bis in feinste Details erforschten Mechanik der Bildung "bedingter Reflexe" und "bedingter Aktionen" in der menschlichen Entwicklung eine so schicksalhafte Bedeutung zukommt. Neu ist die Einsicht, daß es über eben diese Vorgänge zwangsläufig dazu kommen mußte - und bis zum heutigen Tag regelmäßig dazu kommt -, daß der über Tauschakte Energie erwerbende Mensch längst nicht so effizient ist, als er es an sich sein könnte. Und zwar nicht, weil etwa metaphysische, teuflische Kräfte uns daran hindern - sondern weil ein für die neue Sachlage nicht mehr kompetenter Instinkt uns ebenso wohlmeinende wie falsche Ratschläge erteilt und dadurch die Richtung unserer Gedanken an entscheidenden Punkten in unzweckmäßige, falsche, ja dramatisch-nachteilhafte Richtungen lenkt.

Noch einem Einwand möchte ich schon hier begegnen. Er lautet: Wenn dem allem wirklich so ist und es stimmt, daß obsolent gewordene Instinktsteuerungen uns ernsthaft behindern: Warum wurden diese dann nicht rückgebildet? Schließlich wurden ja auch bei Pflanzen und Tieren Organe, die sie nicht mehr benötigen, rückgebildet -?

Das stimmt zweifellos. In der gesamten Evolution kam es immer wieder vor - bei Wechsel in der Erwerbsform, des Klimas, bei Verfrachtung in neue Umwelten -, daß bisher wichtige Organe oder Verhaltenssteuerungen ihre Bedeutung verloren. Ihre Rückbildung nahm jedoch meist Hunderttausende, wenn nicht Millionen Jahre in Anspruch. So wie Neubildungen oder Verbesserungen nur sehr allmählich entstanden, weil sie auf entsprechende Veränderungen im Erbgut (Mutationen) angewie-

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sen waren, so dauerte es meist nicht minder lang, bis überflüssig gewordene, nicht mehr leistungserbringende Einheiten eliminiert werden konnten. Bei Fischarten, die sich dem Leben in dunklen Höhlen anpaßten, wissen wir, daß die Rückbildung der nutzlos gewordenen Augen Jahrmillionen dauerte. Und die Rückbildung der Kiemen, die bei den vor 350 Millionen Jahren das Land erobernden Fische nutzlos wurden, ging bei den nachfolgenden Landwirbeltieren - den Lungenfischen, Amphibien, Reptilien, Säugetieren und Vögeln - so langsam vor sich, daß die meisten unter ihnen (auch der Mensch) im Embryonalstadium immer noch Kiemenspalten anlegen: gleichsam als letzten Rest einer Visitenkarte der Abstammung von im Meer lebenden Urvorfahren. Der Zeitraum von bloß 10.000 Jahren konnte deshalb so überaus wichtige und festverwurzelte Steuerungen, wie jene zum Energieerwerb über Raub kaum berühren. Dazu kommt noch, daß kein zwingender Grund dafür bestand. Denn auch Erwerb über Tauschakte nach Räubermanier ist durchaus möglich und kann zu beträchtlichen Erfolgen führen ... ist bloß nicht die optimale Lösung.

Wie im weiteren Verlauf gezeigt werden soll, handelt es sich hier um einen besonders kritischen Punkt in unserer Entwicklung. Zunächst arbeiteten - zwei Millionen Jahre lang - Intellekt und Instinkte prächtig Hand in Hand. Dann, als es zum neuen Energieerwerb über Tauschvorgänge kam, wurden angeborene Steuerungen zum ärgsten Hemmschuh in dieser Entwicklung. Dies führte dazu, daß der Erwerb über Tauschakte mit schlechten und falschen Strategien betrieben wird ... führte zum "Halben Räuber".29 Oder genauer: Sie führte zum Menschen, der in der neuen Erwerbsform erst halb evoluiert ist, der die Fußangeln der Vergangenheit noch

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nicht abgestreift hat, der zum eigenen Nachteil und zum Nachteil seiner Umwelt mit räuberischen Methoden Tauscherwerb betreibt. Dies führte zu dem als "Psychosplit" bezeichneten Steuerungskonflikt, der praktisch eine Aufspaltung in zwei sehr verschiedene Verhaltensausrichtungen bedeutet.
 
 

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