5. Prämisse:
Der Intellekt des Menschen
fördert zunächst seine Instinkte
Es ist wichtig, sich klarzumachen, daß in den ersten beiden Jahrmillionen, nachdem die menschliche Intelligenz und Sprache sich allmählich auszuwirken begannen, die angeborenen Instinktsteuerungen und die neuen, über Intelligenz erworbenen, die zur Bildung von zusätzlichen Organen und deren sinnvollem Einsatz führten, kaum kollidierten. Sie arbeiteten gleichsam in engster Kooperation Hand in Hand. Die Triebe gaben weiterhin die Richtung an, der Intellekt schuf immer bessere neue Organe und Methoden, um diesen Ausrichtungen - Beuteerwerb, Feindschutz, Paarung, Brutpflege und Gemeinschaftsbildung - zu folgen.
Dies ist insofern wichtig, als man ja bisher in der Erreichung des logischen Denkens und des Ich-Bewußtseins beim Menschen das ungeheuer Neue in der Lebensentwicklung sah - die entscheidende Zäsur, die uns von den übrigen Lebewesen abtrennt. Unsere Besonderheit sah man eher in ethischen, moralischen und ästhetischen Wertungen, die auch sehr wohl in Erscheinung traten, doch über lange Strecken hinweg - soweit uns die fossilen Funde Aufschluß geben - eben nur sehr spärlich, während die triebhaften Hauptausrichtungen das Entscheidende blieben.
Wenn seit der ersten Prämisse immer wieder auf die
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besondere Bedeutung des Energieerwerbes hingewiesen wird, dann wird der Grund dafür jetzt vielleicht schon besser deutlich. Denn für welche Zwecke setzten unsere Vorfahren in der zwei Millionen Jahre langen Periode, da sie als Jäger und Sammler und anschließend als ursprüngliche Pflanzer und Viehzüchter lebten, ihre Fähigkeiten im Besonderen ein? Die Antwort ist wohl eindeutig: Sie bemühten sich in erster Linie um die Verbesserung des Beuteerwerbes. Einerseits, weil dies eben Voraussetzung für alle Lebensfunktionen war - zweitens aber auch im Bestreben, sich das Leben angenehmer zu machen und somit all das zu unterstützen, was ihnen Lustgefühle verschiedener Art bereitete.
Hier muß nachgeholt werden, daß sämtliche Triebe - wie der Zoologe sagt - "nach dem Lust-Unlust-Prinzip gesteuert sind". Auch in dieser Hinsicht können wir über das Innenleben der Tiere nichts aussagen, da wir uns sprachlich nicht mit ihnen verständigen können, doch daß etwa "Hunger" sich bei Tieren mit negativen Innenerlebnissen verbindet, die sie beseitigen wollen, und daß Fressen als Triebziel ihnen positive Innenerlebnisse beschert - genauso wie uns -, ist doch überaus wahrscheinlich. Beim Geschlechtstrieb zeigt sich das nicht minder deutlich, ebenso beim Trieb nach Sicherheit, beim Brutpflegetrieb - dem instinktiven Drang, die Kinder zu schützen und aufzuziehen, und ebenso wohl auch beim "Imponierverhalten" - dem Drang innerhalb von Gemeinschaften Anerkennung zu gewinnen, beziehungsweise Führungspositionen einzunehmen. Ja, im Grunde ist es technisch gar nicht denkbar, eine Motivation zu erzeugen, die sich nicht auf Belohnung und Strafe stützt - auf Gefühle unangenehmer Erregung, wenn das Triebziel nicht erreicht werden kann, und auf angenehme Gefühle, wenn dies erreicht wird.
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Bei den Tieren ist dies ein Bestandteil der Instinkte, ebenso wie die angeborenen Steuerungen des Erkennens und der Bewegung. Beim Menschen, der durch seine zusätzlichen Organe den Tieren allmählich so überlegen wurde, daß er Zeit zur Muße und kultureller Verfeinerung gewann, liegt es nahe, daß er die Bildung dieser künstlich geschaffenen Organe nicht nur so ausrichtete, daß sie möglichst effektiv waren - sondern auch so, daß sie ihm auf Grund seiner angeborenen Triebe und allmählich auch auf Grund der entstehenden Gewohnheiten und Traditionen, positive Innenerlebnisse bescherten. Der ästhetische Sinn, der zum Teil wohl aus der Bewertung des wohlgestalteten Körpers hervorwuchs und sich von den natürlichen allmählich auch auf zusätzliche Organe verlagerte, nahm Einfluß auf die Gestaltung von Kleidern, Schmuck, aber auch von Geräten und Bauten19. Die Genüsse, die das Essen und Trinken bieten kann, wurden durch entsprechende Zubereitung, Würzen und Eßkultur intensiviert. Die Freude an Geselligkeit, Gedankenaustausch, Plaudern, Flirt und an Festen begann den Ablauf des Lebens zu bestimmen. Auch die Frage nach der Bedeutung des Seins tauchte auf und das Bedürfnis nach Leitlinien für die Ordnung der Gemeinschaft. Das mag zu manchen der so zahlreichen religiösen Konzepten geführt haben, die den Zusammenhalt der Verbände förderten, auch die Bildung von Sitten und Brauchtum begünstigten - und, wenn sie erst einmal entstanden und etabliert waren, schwer gegenbeweisbar wurden. Kurz gesagt: die Grundelemente menschlicher "Kultur" nahmen bereits in dieser Periode - wie genügend Funde bestätigen - ihren Anfang. Wesentlich jedoch ist, daß der technisch-wirtschaftliche Fortschritt für alle diese Phänomene Grundvoraussetzung war und notwendigerweise im Vordergrund blieb, - und der
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besondere Umstand der vollen Harmonie zwischen angeborenem und erworbenem Verhalten, soweit es den Beuteerwerb - oder genauer: den Energieerwerb - betraf.
Die Jagd- und Sammelmethoden wurden immer raffinierter. Ein ganz entscheidender Fortschritt war die Nutzbarmachung des Feuers zum Kochen und Braten der Nahrung. Und zwar nicht nur deshalb, weil sie dann besser mundet. Der primäre und wesentliche Vorteil des Kochens und Bratens besteht darin, daß durch die Hitze die Zellwände sowohl der tierischen als auch der pflanzlichen Nahrungsmittel ihrer Widerstandskraft beraubt und die Verdauung so begünstigt wird. Der Abbau der Moleküle, deren Bindungsenergie gewonnen werden soll, wie auch der Zugang zu brauchbaren Stoffen, aus welchen sie bestehen, wird so verbessert. Die Ausbeute, welche die gewonnene Nahrung liefert, wird wesentlich größer. Auf die angestrebte Muße und die Möglichkeit, sie in mannigfacher Weise angenehm und lustspendend zu gestalten, war dies ebenfalls von Einfluß.
Um zu beurteilen, inwiefern in dieser langen Periode von gut zwei Millionen Jahren die angeborenen Instinkte mit den über Intelligenz erworbenen Steuerungen kollidierten oder harmonierten, ist es notwendig, etwas genauer zu analysieren, welcher Art diese angeborenen Steuerungen überhaupt waren?
Was zunächst das eigentliche Zentrum aller Instinkte betrifft - die Triebe - so sind sie, wie wohl jedem bekannt, beim Menschen nicht weniger stark ausgebildet als beim Tier. Nach Lorenz sind der Nahrungstrieb und der Geschlechtstrieb auf Grund der "menschlichen Selbstdomestikation" (womit gemeint ist, daß sich der Mensch ebenso wie seine Haustiere gegen die natürliche Auslese abschirmt) - sogar stärker als bei ihnen ausgeprägt, sie "hypertrophieren"20. Während Tiere ganz
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bestimmte Perioden haben, in denen sie das Fortpflanzungsgeschäft erledigen, ist der Mensch in dieser Hinsicht das ganze Jahr hindurch aktiv und an den damit zusammenhängenden Vorgängen interessiert. Und was Essen und Trinken betrifft, so wurde es für die meisten, die es sich leisten können, eher zum Problem, nicht zu viel zu essen, als an Nahrung zu gelangen. Der Brutpflegetrieb äußert sich beim Menschen in der Zuneigung zu den Kindern und der Bemühung sie zu erziehen. Der Trieb nach Sicherheit dürfte ebenfalls "hypertrophieren" - wohl beeinflußt durch unsere Fähigkeit der Voraussicht. Unter den sozialen Trieben, die bei allen rudelbildenden Tieren eine Rolle spielen, ist beim Menschen, neben der Freude an Geselligkeit und Tendenzen der Hilfsbereitschaft das Imponierverhalten deutlich ausgeprägt: die Bedeutung der Stellung, die er in der Gemeinschaft genießt, der Führungsposition, zu der er allenfalls gelangt.
Angeborene Bewegungssteuerungen sind beim Menschen weitgehend zurückgebildet - noch mehr, als bei den übrigen "höheren Lerntieren". Die Periode, da das noch nicht selbsterhaltungsfähige Kind, vom Spiel- und Neugiertrieb dazu gedrängt, in eigener Initiative und von den Eltern unterstützt, die für das weitere Leben wichtigen Steuerungsmechanismen aufbaut, ist bei uns länger als bei jedem Säugetier - was entsprechend längeren elterlichen Schutz, also längere "Brutpflege" notwendig macht. Der Säugling zeigt noch angeborene Erbkoordinationen - etwa das instinktive Suchen nach der Mutterbrust, das Saugen an dieser, das er ebenfalls nicht zu lernen braucht, das Festklammern an der Mutter. Dazu kommen noch die uns angeborenen Grundbewegungen der menschlichen Mimik, Gähnen, Husten, Nießen und manches andere. Für die Fragestellung dieser Untersu-
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chung - wie der Mensch im Berufsleben effizienter werden kann - ist von weit größerer Bedeutung, in welchem Umfang wir auf angeborene Schlüsselreize ansprechen, die unsere Entscheidungen und Handlungen beeinflussen. Also: Ob und welche angeborenen Tendenzen auf unser Erwerbsverhalten Einfluß nehmen.
Einige recht triviale Reize können schnell übergangen werden: Süß zeigt uns Zucker an, und Zucker ist ein besonders leicht erschließbarer Energiespeicher. Also sprechen wir auf süßen Geschmack positiv an - während bitterer, der manchen giftigen Stoffen eigen ist, uns abstößt. Die grüne Farbe spricht uns positiv an, weil sie Pflanzenwuchs anzeigt und somit einen für uns geeigneten Lebensraum. Rot mag uns vor Feuer warnen - das könnte mit ein Grund dafür sein, daß man bei Verkehrsampeln grün als Zeichen für "Freie Fahrt" und rot als Zeichen für "Halt!" wählte. Und auch das Geräusch plätschernden Wassers ist uns sympathisch - ein Schlüsselreiz, auf den unser Durst anspricht. Worauf es jedoch bei meiner These weit mehr ankommt, sind eher allgemeine Tendenzen, die auch in der heute sehr veränderten Situation noch durch Schlüsselreize ausgelöst werden und unser Verhalten beeinflussen.
Der Mensch gehört seiner Abstammung nach zu den Universalisten - von den Zoologen respektlos "Allesfresser" genannt. Während Spezialisten auf sehr präzise Schlüsselreize mit sehr präzisen Bewegungsfolgen reagieren, ist das beim Universalisten weit weniger der Fall. Also ist eher zu untersuchen, ob es nicht generelle, sämtlichen Tieren angeborene Tendenzen gibt, die sie bei ihrem Raubgeschäft lenken, und die somit auch beim Universalisten von Bedeutung sind21. Damit kommen wir zu einem wichtigen Punkt. Meines Erachtens gibt es solche generelle, erblich fixierte Tendenzen, die auch
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beim Menschen voll wirksam sind - jedoch bis heute, weil sie eher selbstverständlich, ja trivial anmuten - kaum Gegenstand besonderen Interesses und entsprechender Forschung waren. Ich behaupte, es gibt deren mindestens fünf, die uns sehr wesentlich beeinflussen.
Erstens, ist wohl fast jedem Tier (Ausnahmen gibt es bei der ungeheueren Vielzahl von Arten bei nahezu jeder Funktion) die Tendenz "Nur Dein Vorteil zählt!" beim Beuteerwerb eigen. Wie sollte es bei Räubern auch anders sein? Entstünde über Abänderungen im Erbgut eine neue Art, der eine innere Weisung im Verlauf der Beuteerwerbshandlung nahelegt: "Sei nett zu dem Blatt! Nage ihm nur ein Stückchen ab!" oder "Hab Mitleid mit dieser Gazelle, besonders wenn sie heftig schreit!", dann kann sie sich wohl gegenüber Konkurrenten kaum durchsetzen. Wie auch immer sich die Raubhandlung vollzieht: Rücksicht - im menschlich moralischen Sinn - ist dabei bestimmt nicht am Platz. Energieerwerb durch Raub von Bestandteilen anderer Lebewesen ist weder eine einfache noch ungefährliche Sache. Der Räuber muß präzise vorgehen, wenn es sich um Beute handelt, die sich wehrt, um eigene Verletzung zu vermeiden. Dazu kommt das Risiko, während der Beuteerwerbshandlung - wenn also seine ganze Konzentration diesem lebenswichtigen Vorgang gilt - selbst einem anderen Räuber zum Opfer zu fallen. Jede Rücksichtnahme ist somit bei diesem Geschäft fehl am Platz!
Zweitens, fliegt nur wenigen Tieren - wie etwa dem Korallenpolypen - die gebratene Taube ganz von selbst und sogar regelmäßig vor das Maul. Deshalb, so behaupte ich, ist es wohl für beinahe jeden Räuber entscheidend wichtig, den günstigen Augenblick voll zu nützen. Um Perioden des Nahrungsmangels erfolgreich zu überstehen, legen Tiere - besonders in Gestalt von Fett - Nah-
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rungsreserven an. Bei manchen Arten haben sich zur optimalen Nutzung überwältigter Beute besonders erweiterungsfähige Mägen ausgebildet oder Verhaltenssteuerungen, um Beute, die zu groß ist, um augenblicklich einverleibt zu werden, irgendwo zu verstecken und sicherzustellen. Versucht man die hier vorliegende angeborene Steuerung, die auf Gewinnmaximierung hinzielt und die man auch "Gier" nennen kann, in menschlicher Terminologie in einem Ratschlag zusammenzufassen, dann lautet dieser: "Nütze den Augenblick bestmöglich! Bringe so viel des gewonnenen Raubgutes an Dich - nicht zuletzt auch deshalb, damit nicht ein Konkurrent es Dir entreißt!"
Drittens, ist es für jeden Räuber ungemein wichtig, wo immer es möglich ist, Energie zu sparen. Hier heißt die Devise: "Je präziser Deine Handlungsweise ist, umso geringer sind die Fehlausgaben - und das Risiko, daß Du dabei selbst zur Beute wirst! Je schneller Du die Sache abwickelst, umso besser - auch nicht zuletzt im Hinblick auf Konkurrenten. Je größer Deine Einnahme und je geringer Deine Ausgabe, umso größer ist Dein Gewinn - Deine Chance weiterzuleben! Spare also, wo immer Du kannst!" Wie solche Instinktkommandos kodiert sind, wurde wohl kaum noch untersucht, doch daß eine solche generelle Anweisung bei den meisten Tieren nachweisbar ist, dürfte schwer zu bestreiten sein. Vögel bemühen sich, genauer nach Körnern zu picken - also zu einer geringeren Fehlerquote zu gelangen. Wo immer eine Beutefanghandlung durch neue Erfahrung und Ergänzungen der Schlüsselreize bereichert wird, verbessert sich der die Raubhandlung steuernde Mechanismus. Wo Anstrengungen, die nichts bringen, vermieden werden können, sehen wir sowohl bei der Entwicklung von angeborenem wie auch von erworbenem Verhalten eine
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ausgeprägte Tendenz zur Verbesserung des Energiesaldos.
Viertens, lautet ein weiteres wichtiges, bei vielen Tieren nachweisbares Instinktkommando: "Achte darauf, was Konkurrenten tun!" Sie sind die schlimmsten Rivalen, weil sie es auf die gleiche Nahrung abgesehen haben - nähert sich einer, dann ist eine entsprechende Aktion, ihn aus dem eigenen Bereich zu verjagen, wichtig. Eilen sie aus verschiedener Richtung zur selben Stelle, dann ist das meist ein Hinweis dafür, daß dort Beute entdeckt wurde - stieben sie dagegen, so schnell sie können, von einem Punkt weg, dann heißt das: "Achtung, Gefahr!" Beide Vorgänge haben, wie der Verhaltensforscher sagt, "mitreißende Wirkung". Haben Konkurrenten Beute gesichtet und setzen sie zum Angriff an, dann nehmen sie anderen die Arbeit ab, nach solcher zu suchen - und wer schnell ist, kann noch früher am Ziel sein. Diese Tendenz ist so deutlich ausgeprägt, daß manche Tiere - etwa Vögel - eine angeborene Steuerung ausgebildet haben, Konkurrenten ihre Beute abzujagen. Und selbst wenn dies nicht zur Gänze gelingt, dann besteht immer noch die gute Chance, zumindest einen Happen zu bekommen. Die Anstrengung der Verfolgung und Überwältigung mag ruhig der andere übernehmen. Ist der Kampf vorbei, dann ist es eine prächtige Sache, uneingeladen aber mit Appetit an einem sich bietenden Mahle teilzunehmen.
Fünftens: Ein besonders wichtiges, bei sehr vielen Tieren fast ständig nachweisbares inneres Kommando lautet: "Sei auf der Hut! Vertraue niemandem und nichts! Selbst wenn Du den Bissen erhascht hast und es darum geht, ihn schnell zu verschlingen, wirf zumindest einen kurzen Blick nach allen Seiten!" Auch dies für die meisten Tiere typische Verhalten hat in angeborenen
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Bewegungssteuerungen seinen Niederschlag gefunden. Man nennt den Vorgang "Sichern". Frißt ein Tier - ob die Beute nun Gras ist oder ein anderes Tier - dann geht reflexhaft zwischendurch ein kurzer Blick nach beiden Seiten, wobei auch das jeweilige Rückwärts geprüft wird. Nur an wenigen Orten - etwa auf den entlegenen Galapagosinseln im Pazifik - fehlt diese Furchtreaktion und der Tourist kann mit seiner Kamera bis auf einen Meter an Vögel und sonstige Tiere heran. Der Grund dafür ist: Auf diesen Inseln gibt es keine größeren Raubtiere: deshalb wurde bei jenen, die sich dort ansiedelten, der angeborene Sicherheitstrieb im Lauf der Zeit reduziert. Auch das bedeutet eine Einsparung von Bewegung und Energieeinsatz. Wo eine angeborene Tendenz sich als überflüssig erweist, bedeutet sie einen überflüssigen Aufwand, eine einzusparende Ausgabe.
Solche von innen her kommenden Ratschläge, die bei fast allen Tierarten in der einen oder anderen Weise ihre Aktionen und Reaktionen beeinflussen, sind auch für den Allesfresser wichtig, der nur noch auf bestimmte Schlüsselreize reflexhaft anspricht. Daß sie auch beim Menschen fest und tief als "angeborene Tendenzen" verankert sind, kann wohl mit Sicherheit angenommen werden. Erstens, weil sie so allgemein verbreitet sind. Zweitens, weil sie für unsere Vorfahren durchaus relevant waren. Und drittens, weil es erdgeschichtlich gesehen ziemlich lang dauert, ehe eine so generelle Weisung zurückgebildet wird, und auch dies eben nur unter ganz bestimmten Umständen - wie etwa die als fünfte Tendenz genannte Angst vor Raubfeinden auf den Galapagosinseln. Die Regel für die hier weltweit verbreitete Reaktion zeigt uns jedes Reh, das schon in mehr als 100 Meter Entfernung erschrickt, wenn wir uns nähern wollen, zeigen unzählige Tierarten, die sich bei Annähe-
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rung auf die eine oder andere Weise verstecken oder unsichtbar zu machen versuchen, zeigen sogar die gefürchteten Haie, wenn man auf sie zuschwimmt, was bei ihnen Furcht oder Ausweichverhalten auslöst.
Während der zwei Millionen Jahre, die unsere Vorfahren Jäger und Sammler und schließlich als beginnende Pflanzer und Viehzüchter lebten, vertrugen sich diese inneren, eher allgemeinen Ratschläge mit den neugeschaffenen Steuerungen zum Nahrungserwerb mit Hilfe von zusätzlichen Hilfsmitteln auf das Allerbeste. Ob es darum ging, nach Früchten und Beeren zu suchen, Insekten aus ihren Verstecken hervorzustochern, Kaninchen aus ihren Bauten zu jagen und zu töten oder in organisierter Treibjagd Großwild den Garaus zu machen: In jedem Fall war irgendeine Rücksichtnahme auf die einmal entdeckte und gestellte Beute völlig fehl am Platz. In jedem Fall war es zweckmäßig, so viel der erbeuteten organischen Substanz zu verwerten und sicherzustellen als möglich - also selbst zu essen., oder den Rudelgenossen zu bringen, oder einzugraben (etwa Eier oder genießbare Wurzeln) oder zu trocknen oder zu räuchern (Fleischstücke, die man dann so hoch an einem Baum festmacht, daß Bodenraubtiere nicht an sie gelangen können). In jedem Fall war es zweckmäßig, das Raubhandwerk immer noch besser zu handhaben - jede List, jede Übertölpelung war hier ein Fortschritt und Vorteil. Getarnte Fallgruben, wie es sie heute noch in Afrika gibt, um größere Tiere zu erbeuten, zeigen das ebenso deutlich, wie die auch in unseren Gegenden ausgelegten Schlingen und Fallen. Vergiftete Pfeile werden heute noch von vielen Naturvölkern verwendet. Ein auf eine bestimmte Schwachstelle des Beutetieres ausgerichteter Biß ist verschiedenen Tierarten angeboren - in ganz analoger Weise entwickelten unsere jagenden Vorfahren
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sehr genaue anatomische Kenntnisse, wie man am schnellsten und einfachsten, am listigsten und mühelosesten den Widerstand einer Beute vermindern oder völlig ausschalten kann.
Der dann anschließende Ackerbau und die Viehzucht erscheinen uns aus subjektiv menschlicher Sicht als etwas höchst Edles, ja sogar Naturfreundliches - unzählige Gedichte, die den Landmann und seine Ernte, Mutter Erde und was sie spendet, das Haustier und wie nett es sich verhält, besingen, beweisen dies. Wer den Mut hat, dagegen der Wahrheit ins Auge zu sehen, kann wohl nicht umhin zu konstatieren, daß der Räuber, der schon als Jäger und Sammler zum Superräuber wurde, sich bei diesen beiden Praktiken noch um ein weiteres übertrumpfte. Ackerbau bedeutet, daß alle Pflanzen, die dem Menschen nicht als Nahrung dienen, rücksichtslos "gerodet" und jedes störende "Unkraut" nach Möglichkeit vertilgt wird. Zäune und Vogelscheuchen sorgen dafür, daß nicht etwa Konkurrenten von den Früchten dieses - zweifellos mit Mühe verbundenen Vorganges etwas abbekommen. So behandelt, kann ein kleines Areal ebensoviel oder mehr Nahrung bringen als früher weite Streifzüge durch die Gegend. Noch verbessert wird der Ertrag durch Düngung und durch Zucht von besonders ergiebigen und schmackhaften Arten. So entstehen Weinstöcke und Obstbäume, die weitaus größere und süßere Früchte bringen, als für die normale Fortpflanzung - der diese Früchte ja eigentlich dienen - erforderlich wäre. Hier wird keineswegs Anklage gegen den Menschen erhoben, sondern bloß ganz nüchtern festgestellt, wie ein Räuber sich seine Raubakte immer mehr erleichtert, seinen Ertrag immer mehr vergrößert, seinen Energieerwerb immer mehr perfektioniert.
Noch schlimmer ist es - wenn man in ehrlicher Beur-
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teilung die Dinge betrachtet - bei der Viehzucht. Die besondere geistige Leistung besteht hier darin, erbeutete Tiere nicht - wie im normalen Verlauf der Dinge üblich - zu töten, sondern am Leben zu belassen, zu füttern und zu mästen, um sie zu gegebener Zeit, ohne sonderliche Mühe und Gegenwehr, zur Verfügung zu haben. Sicher entwickelt der Bauer ein ebenso freundlich-kameradschaftliches Verhalten zu seinem Vieh, das er auch hegt und pflegt, wie zu seiner, sich nach seinem Willen entwickelnden Saat. Das hindert ihn dann jedoch in keiner Weise daran, eben dieses Korn zu mähen, diese gefütterten und gemästeten Ochsen dann zu töten und zu verspeisen. Da der Mensch lange Zeit der Ansicht war - ja es weitgehend noch heute ist -, daß er als besonders Auserkorener von höherer Macht auf diesen Planeten gebracht oder hier erschaffen wurde - und die übrige Natur als beliebige Nahrungsquelle und Tummelplatz für ihn -, ist es nur zu verständlich, daß solche Einstellungen sich herausbildeten, wie ja der Mensch überhaupt sich und was er tut, gerne in einem möglichst freundlichen und günstigen Licht sieht. Aus Sicht der Evolution ist hier ein Wesen am Werk, das mit Hilfe zusätzlicher Organe sich auf geradezu jede Spezialleistung auszurichten vermag und alles, was bis dahin an Tieren entstand, die andere vernichteten oder unter ihren Willen zwangen, um ein Tausendfaches in den Schatten stellt. Wohlgemerkt: In der Evolution ging es nie zimperlich zu, und der Lebensprozeß, wenn man ihn personifizieren darf, nahm nie darauf Einfluß, was ihn fortsetzte und was nicht. Nur weil es so viele Dichter und Denker gab, die dieses aufs äußerste perfektionierte Raubverhalten geradezu als Paradebeispiel für Moral, Ethik und Ästhetik verherrlichten, habe ich hier die andere Seite der Medaille beschrieben. In kürzeren Worten und weniger
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emotionell gefaßt, läßt sich all dies in dem Satz zusammenfassen: Unter allen tierischen Organismen wurde der Mensch zum effizientesten und perfektesten Räuber. Sein Intellekt unterstützte das vom Instinkt getriebene Raubverhalten gegenüber Tieren und Pflanzen auf das trefflichste.
Und nicht zu vergessen ist, daß eben dieses Verhalten
sich mit nicht minderer Rücksichtslosigkeit und Effizienz auch gegen
andere Menschen und Menschengruppen richtete - nicht um sie als Nahrung
zu gewinnen, sondern als Sklaven; um ihnen das gezüchtete Vieh und
die Äcker wegzunehmen, ihre Häuser, ihre Waffen, ihr gesamtes
Gut: somit alles was wir aus evolutionärer Sicht als zusätzlich
gebildete Organe zusammenfassen, die nicht an den Körper gebunden
sind, und somit auch anderen ebensolche Dienste, ebensolche Macht vermitteln
können. Hier deckt sich die Bezeichnung "Räuber" wieder durchaus
mit dem Sprachgebrauch, während man sich beim Verhalten gegenüber
der "Natur" an andere Wert- und Moralmaßstäbe gewöhnt hat.
Raubkriege wurden geführt, Völker unterjocht - und bis heute
setzt sich dies fort. Die zusätzlichen Organe des Menschen wurden
zur Grundlage unserer Fortschritte und unserer kulturellen Entfaltung -
aber auch gleichzeitig zu einem mächtigen Schlüsselreiz, der
trotz Gesetzgebung, einzelne und Gruppen immer wieder dazu bringt, andere
rücksichtslos zu berauben.