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4. Prämisse:

Besonderheit des Menschen -
Er schafft sich zusätzliche Organe



In diesem Buch soll der Mensch keinesfalls herabgesetzt, noch irgend einer Würde, die ihm innewohnt, beraubt werden. Die großen Kunstwerke, die Menschen geschaffen haben, werden in ihrer Bedeutung voll anerkannt. Die technischen Fortschritte, die uns allen Tierkollegen so eminent überlegen machen, werden voll gewürdigt. Die ethischen Werte, zu denen Menschen gelangten, werden uns in späteren Kapiteln besonders beschäftigen. Ja, letzter Zweck dieser Ausführungen ist es, das, was Glaube, Moral und ethische Wunschvorstellungen seit eh und je anstreben, einer konkreten Verwirklichung näherzubringen - freilich, auf einem anderen als dem bisher beschrittenen Weg.

Die Situation des Urmenschen können wir aus fossilen Funden und durch Beobachtung von heute noch in sehr ursprünglichen Verhältnissen lebenden Splittergruppen von Naturvölkern recht genau rekonstruieren. Worin liegt die Besonderheit, die unsere Urvorfahren vor 4 bis 2 Millionen Jahren ihre Tierverwandtschaft - aus dem Kreis der Affen - überflügeln ließ? Ohne Zweifel waren die sich besonders entwickelnden geistigen Kräfte hier maßgebend. Das Gehirn vergrößerte sich, und die immer größere Vielfalt von steuernden Ganglienzellen führte zur gesteigerten Fähigkeit, die Verknüpfung von

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Ursachen und Wirkungen zu überschauen, auch wenn diese räumlich und zeitlich weit voneinander getrennt waren13.

Schon bei höher entwickelten Tieren, die sich durch besondere Lernfähigkeit auszeichnen, ist deutlich nachweisbar, daß sie den Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung verknüpfen können. Darauf beruht ja gerade die Leistungssteigerung, die über den Vorgang der "Konditionierung" zustandekommen kann. Ist etwa einem Tier angeboren, seine Beute an einem optischen Schlüsselreiz zu erkennen und lernt es dann als zusätzliches Merkmal, daß die Bewegungen des Beutetiers besondere Geräusche verursachen, oder daß solche Tiere bevorzugt bestimmte Plätze aufsuchen - etwa eine Wasserstelle, dann verknüpfen sich solche neue Erfahrungen mit dem Schlüsselreiz - und das Tier hat sozusagen neue Merkmale, durch die seine Beute sich verrät, entdeckt und nützt dies dazu aus, ihr noch effizienter nachzustellen.

Wie weit solche neuen Verknüpfungen in das Bewußtsein des Tieres gelangen - oder nur eben die ganz mechanische Reaktion entsprechend erweitern und so verbessern, läßt sich nicht nachprüfen, da wir mit Tieren nicht sprechen können. Immerhin gibt es deutliche Hinweise dafür, daß etwa hochentwickelte Säugetiere schon zu Schlußfolgerungen fähig sind, die den bewußten Denkvorgängen des Menschen bereits recht nahe kommen. Errichtet man ein längeres Gitter, auf dessen eine Seite man Körner legt, während man auf die andere Seite ein Huhn setzt, dann versucht das Huhn durch die Maschen des Zaunes hindurch an diese Körner zu gelangen und wird, wenn diese zu weit entfernt sind, seine Versuche trotzdem in immer gleicher - und nicht zum Ziel führenden Weise - fortsetzen. Macht man das gleiche Experi-

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ment mit einem Hund, dessen geistige Fähigkeiten erheblich größer sind, dann wird er - wenn der Fleischbrocken nicht allzu dicht hinter dem Drahtzaun liegt, und der Schlüsselreiz des Geruches somit nicht allzu übermächtig auf ihn wirkt - nach einigen vergeblichen Versuchen diese nicht mehr fortsetzen, sondern am Zaun auf und ablaufen, bis er schließlich ein Loch oder das Ende findet und so auf einem Umweg zur Beute gelangt. In diesem Fall hat der Beobachter - wie bei manchen anderen Intelligenzleistungen der höheren Tiere, die nachweislich nicht angeboren sind, - das Gefühl, daß wir uns hier bereits den menschlichen "Schlußfolgerungen" ganz gehörig nähern.

Wo der entscheidende Fortschritt gegenüber dem tierischen Gehirn liegt, wurde besonders elegant durch Experimente von Wolfgang Köhler aufgezeigt, die dieser bereits 1921 mit Schimpansen ausführte und hier, obwohl sicher vielen bekannt, wegen ihrer Bedeutung noch etwas näher analysiert werden sollen. Schimpansen gehören zu den geistig höchst entwickelten Wirbeltieren. Köhler stellte seine Versuchstiere vor die Aufgabe, eine an der Decke des Käfigs für den Affen unerreichbar montierte Banane mit Hilfe eines Stockes, der aus zusammenfügbaren Teilen bestand, und mehrerer Kisten, die aufeinandergetürmt werden konnten, herunterzuangeln. Die Stockteile legte Köhler getrennt in den Käfig, ebenso postierte er die Kisten an verschiedenen Stellen. Wie sich zeigte, gelang es nur einigen Tieren, das Problem zu lösen. Köhler konnte beobachten, wie der betreffende Affe, sich um die Lösung bemühte, mit den Stöcken und Kisten hantierte - ja, wütend wurde, es aufgab - dann wieder herumspielte, bis ihm schließlich die Lösung gelang.

Der andere Versuch, auf den es hier besonders an-

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kommt, bestand darin, einen Schimpansen vor die gleiche Aufgabe zu stellen - jedoch mit dem Unterschied, daß diesmal der Käfig durch Gänge mit anderen verbunden war, und die zur Problemlösung notwendigen Einheiten in diese verstreut wurden. Bei solcher Versuchsanordnung konnte keines der Tiere die Aufgabe lösen. Warum - ? Eben offensichtlich deshalb, weil das tierische Gehirn nur dann in der Lage ist, Ursachen und Wirkungen zu überschauen, wenn diese mehr oder minder gleichzeitig in seinem Gesichtsfeld sind. Dies aber zeigt deutlich, worin der besondere Fortschritt beim menschlichen Gehirn liegt. Bei uns entwickelte sich eine besondere Nervenstruktur, die man noch am besten mit einem inneren Projektionsschirm vergleichen kann. Wir nennen sie unser "Vorstellungsvermögen", unsere "Phantasie". Ganz ebenso wie man auf einem Projektionsschirm die verschiedensten Filme ablaufen lassen kann - so können wir durch diese, irgendwo in unserer Gehirnrinde entstandene Einheit, praktisch jede Erinnerung, die wir gespeichert, jede Erfahrung, die wir gemacht haben, mit jeder anderen vergleichen: also in Beziehung setzen. Wir können auf diese Weise "Pläne schmieden" - also probeweise Steuerungsvorgänge für mögliche Aktionen oder Reaktionen entwerfen. Und ohne auch nur einen Schritt zu tun oder die Hand zu rühren, können wir - vermittels dieses Projektionsschirmes "Phantasie" auch gleich erkunden, was solche Handlungen allenfalls für Folgen haben, welche Schwierigkeiten da auftreten würden, wie diese etwa vermieden werden könnten ... kurzum: ob dieser Plan überhaupt die Ausführung lohnt oder besser unterbleiben sollte. Um es ganz präzise auszudrücken: Wir können theoretisch erkunden, wie dieses oder jenes uns beschäftigende Problem zu lösen wäre. Ein ungeheuerer Vorteil! Je reicher

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man an Erfahrungen ist, umso besser kann man sich so nicht zielführende Handlungsweisen ersparen - eine ganz erhebliche Energieeinsparung -, und umso größer wird die Wahrscheinlichkeit, daß man entscheidende Fehler bereits im voraus aufdeckt und sie somit vermeidet14.

Bei unseren Urvorfahren war diese besondere Fähigkeit sicher noch längst nicht so ausgebildet, wie sie es heute bei uns ist. Doch da jeder Fortschritt in dieser Richtung, der über Änderungen im Informationsspeicher unseres Erbgutes zustandekam, einen deutlichen Vorteil beim Beuteerwerbsverhalten und auch bei der eigenen Absicherung gegen Raubfeinde darstellte - einen "Selektionsvorteil", wie der Biologe sagt -, entwickelte sich dieser innere Projektionsschirm immer weiter und verbesserte die "Intelligenz". Zunächst war es vielleicht nur möglich, gewonnene Umwelteindrücke in diesem Spiel der ersten Gedanken miteinander in Verbindung zu setzen und daraus, im bescheidenen Maß Schlußfolgerungen für angestrebtes Verhalten zu ziehen. In einer völlig kontinuierlichen Entwicklung mußte es dann jedoch dazu kommen, daß auch der eigene Körper, die eigenen Handlungen mit in diese Kombinationstätigkeit aufgenommen wurden. Dieses "Ich" war ja der entscheidende Faktor, der dies oder jenes erreichen sollte und im Kombinationsspiel der Phantasie höchst selbstverständlich im Zentrum stand. Der Mensch machte sich dann in seinen Gedanken selbst zum "Objekt", sah sich in seinen Vorstellungen ebenso wie etwa Tiere, Bäume, Felsen, Flüsse - oder andere Menschen. Ich sehe deshalb in der Entstehung des Ich-Bewußtseins keinen so außerordentlichen Sprung, keine so grundsätzliche Besonderheit, wie ihr bisher von vielen, ja wohl den meisten zuerkannt wurde. Auch in der Entwicklung

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jedes Kindes kann man beobachten, wie es zunächst auf die Bewertung der Umwelt konzentriert ist, dann sich selbst als Objekt zu sehen beginnt - wird es etwa "Karli" genannt, sich dann eben auch - "Karli" nennt - und wie dann schließlich aus dem Objekt "Karli" das "Ich" wird.

Wozu benützte der Mensch nun diese besondere Fähigkeit? Was tat er damit?

Wenn man hier nochmals an die ersten drei Prämissen dieser Schrift denkt - erstens: an die Bedeutung des Energieerwerbs für alle Lebewesen, zweitens: an den Umstand, daß alle Tiere über Raub an Energie gelangen, und drittens: daß dafür besondere Bewegungssteuerungen notwendig sind, - dann ist aus Sicht des gesamten Evolutionsvorganges die Antwort ebenso einfach wie klar. Schon den höheren Lerntieren gelang es, das angeborene Beuteerwerbsverhalten durch Bildung von verbesserten oder neuen Steuerungsstrukturen effizienter zu gestalten. Das steigerte bereits erheblich ihre Fähigkeit, sich gegenüber der "Natürlichen Auslese" durchzusetzen. Durch solche zusätzliche Steuerungen wurden sie Konkurrenten, die mit nichts Ähnlichem aufwarten konnten, eindeutig überlegen. Nun kam noch der innere Projektionsschirm "Phantasie" dazu, der einen weiteren außerordentlichen Fortschritt bedeutete. Nicht nur verhinderte er manche nicht zielführende Aktion schon im Keim, vermied so manches sonst auftretende Risiko - sondern er eröffnete dem Menschen auch die Möglichkeit, nicht nur das Verhalten des Körpers zu verbessern - sondern auch diesen selbst. Und zwar durch die Bildung von zusätzlichen, künstlich geschaffenen Organen (Abb. 5).

Nach unserem subjektiven Empfinden betrachten wir solche vom Menschen künstlich geschaffene Einheiten - etwa Waffen, Werkzeuge, Kleider und Schutzbauten - als

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Abb. 5: Steigerung der Leistungskraft des menschlichen Körpers. Als erstes Lebewesen vermochte der Mensch in zielhafter Gestaltung zusätzliche Organe zu bilden, die ihm zu Spezialfähigkeiten verhelfen. I zeigt einen berufstätigen Menschen (M) mit allen für seine Berufsausübung notwendigen zusätzlichen Einheiten, also mit seiner Berufsstruktur (B). Ob er selbst oder über Tauschakte Nahrung erwirbt: sein Energiesaldo muß positiv sein. Die eingesetzte Energie (E1) muß ein Mehr an Energieeinnahme (E2) einbringen. II: Ein Mensch kann auch Zentrum zweier (oder mehrerer) Berufsstrukturen sein. III: Übersteigen die Überschüsse die zur Lebenshaltung notwendige Energie, dann können auch Luxusstrukturen gebildet werden (L), die Energieausgaben verursachen. Manche zusätzliche Organe können in mehr als einer Berufstätigkeit (x) oder auch für Luxuszwecke (y) verwendet werden - etwa ein Auto. Näheres im Text. Nach H. Hass 1978.

etwas nicht zu unserem Körper Gehörendes, obwohl sie ohne Zweifel seine Leistungskraft und Überlebensfähigkeit steigern. Aber unterliegen wir hier nicht einer Fehleinschätzung?

Ohne Zweifel bedeutet es einen wesentlichen Unterschied, daß diese zusätzlichen Einheiten nicht so wie die körperlichen Organe aus Zellen oder deren Bildungen bestehen. Das ist insofern ein Nachteil, weil die Zellen unsere körperlichen Organe - Haut, Haare, Blutgefäße,

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Knochen etc. - nicht nur aufbauen, sondern sie darüber hinaus auch noch laufend pflegen, kontrollieren, ja teilweise sogar erneuern. An einem fertiggestellten Speer finden keine solchen Vorgänge statt. Ebensowenig an einer Hütte oder an dem aus Tierhäuten gefertigten Tragbeutel. - Andererseits jedoch haben solche zusätzlichen Organe den eminenten Vorteil, daß sie nicht laufend mit Energie versorgt werden müssen, wie jene die aus Zellen bestehen, und somit längst keine so großen laufenden Kosten verursachen. Repariert können auch sie werden - ja, hier wird es sogar möglich, sie ohne

grundsätzliche Schwierigkeit total zu ersetzen, was bei den Fingern, der Leber und den Augen durchaus nicht möglich ist. Die Zelle ist zwar ein ungeheuer vielseitiges, ja selbst-erneuerungsfähiges Baumaterial - aber auch ein sehr anspruchsvolles, dessen Fähigkeiten begrenzt sind. Viele können sich zwar von einer Funktion auf völlig andere umdifferenzieren - doch ist ihnen zum Beispiel die Bildung von Organen aus Metall, die dann in der menschlichen Entwicklung eine so entscheidende Rolle spielte, nicht möglich, weil sie die zu dessen Umformung notwendigen Temperaturen nicht ertragen.

Ein weiterer Unterschied besteht darin, daß unsere Nerven nicht in diese neuen, zusätzlich geschaffenen Einheiten reichen. Unser Gehirn erhält somit auf diesem Wege keine Meldungen darüber, was sie gerade leisten, auf welche Hindernisse sie stoßen, in welche Gefahren sie geraten. Verbrennt in unserer Abwesenheit unser Haus, unser Grabstock, das uns in der Nacht erwärmende Fell, dann gelangt kein warnendes Kommando zu uns, dann verlieren wir diese zusätzlichen Organe. - Andererseits jedoch können unsere Sinnesorgane dies weitgehend ausgleichen. Benützen wir etwa den Grabstock, um an genießbare Wurzelknollen zu gelangen,

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dann fühlen wir über unsere Hand genau, wenn wir auf einen Stein stoßen. Und werfen wir einen Speer, dann zeigen unsere Augen uns sehr gut, ob dieser die Beute getroffen hat oder nicht. Sehen wir einem Schneider oder einem Friseur bei seiner Tätigkeit zu, dann sehen wir, wie Hand und Nadel beziehungsweise Hand und Schere zu einer perfekt integrierten Einheit werden. Unser Nervensystem reicht zwar nicht in diese Einheiten, steuert sie aber trotzdem auf das perfekteste. Bei jedem Handwerker und in jeder Fabrik läßt sich das auf das deutlichste beobachten.

Ein weiterer Nachteil von Organen, die nicht fest mit dem Körper verwachsen sind, besteht darin, daß sie leicht verloren gehen und vor allem auch leichter entwendet werden können. Gerade dieser zweite Punkt ist höchst bedeutsam. Denn diese Einheiten können ja andere Menschen, wenn diese sie rauben und in der Handhabung beherrschen, ganz ebenso für ihre Zwecke einsetzen, wie der ursprüngliche Besitzer. Beißt etwa eine Eidechse einer Libelle ihre Flügel ab, dann kann sie mit diesen Flügeln nicht fliegen. Jedes Tier kann erbeutete Substanz nur abbauen und daraus dann eigene Struktur aufbauen, doch gehen bei dieser Prozedur im Durchschnitt 90 % der Stoffe und nicht weniger an Energie verloren. Die zusätzlichen Organe können dagegen ohne jede Veränderung auch anderen dienen, also wird ihr Schutz zu einem besonderen Problem. - Andererseits jedoch haben sie den besonderen Vorteil, ablegbar zu sein und so den Körper nicht zu belasten, wenn er sie nicht benötigt. Tiere müssen alle ihre Organe ständig mit sich herumtragen. Der Mensch ist ebenfalls an seine natürlichen Organe gebunden, doch kann er Werkzeuge, Kleider oder Waffen für die Zeit des Gebrauches einsetzen und dann wieder weglegen.

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Ein weiterer Vorteil: Es wurden so zusätzliche Organe möglich, die ein Tier nie hätte hervorbringen können. Eine am Arm festgewachsene Nagelschere oder Flinte hätte sich nie bilden können - nicht zuletzt auch deshalb, weil sie bei sonstigen Funktionen mehr gestört als insgesamt Vorteile eingebracht hätten. Auch eine Kutsche oder ein Bierfaß hätten nie als Teil des Körpers aus Zellen gebildet und sich gegenüber der "Natürlichen Auslese", die rücksichtslos alles nicht die eigene Fitness steigernde ausmerzt und an der Weiterentwicklung hindert, durchsetzen können. Sodann sind ablegbare Organe austauschbar. Ergreift unsere Hand ein Messer, dann sind wir auf Schneiden spezialisiert. Ergreift sie einen Hammer, dann sind wir auf Einschlagen von Nägeln spezialisiert. Betätigen die Hände eine Geige, dann sind wir auf künstlerische Lauterzeugung spezialisiert. Sieht man die Zusammenhänge so, dann erscheinen uns unsere Vorfahren, die Affen, in einem etwas freundlicheren Licht. Denn in allmählicher Anpassung an ihre Klettertätigkeit in Bäumen entstand dieses so vielfältig verwendbare Greiforgan mit opponierend wirkendem Daumen. Unser hochentwickeltes Gehirn würde uns nur wenig nützen, hätten wir diese Hände nicht - weil uns dann die Voraussetzung dafür fehlen würde, was unser Geist ersinnt, in die Tat umsetzen zu können. Delphine haben ebenfalls ein sehr hoch entwickeltes Gehirn, trotzdem könnten sie sich mit ihren starren Flossen nie einen Bleistift herstellen oder ihn benützen. Diese Argumente mögen kurios anmuten, deuten aber auf das Wesentliche hin und dürften schwer zu widerlegen sein15.

Ihrem Nahrungserwerb nach gehörten unsere Urvorfahren in die große Zahl der Universalisten, die sich von sehr verschiedenartiger Beute ernähren. Ein Beispiel für

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das Gegenteil - den Spezialisten, ist die Stechmücke. Sie ist mit ihrem hochentwickelten Saugbohrer und den nicht minder präzisen Bewegungssteuerungen auf eine ganz bestimmte Erwerbsform ausgerichtet. In diesem Geschäft ist sie perfekt, und kaum ein Konkurrent kann sie gefährden. Nachteil dagegen ist - und dies gilt für jeden Spezialisten: Versiegt ihre Erwerbsquelle, etwa durch Aussterben aller für Blutsaugen geeigneten Tiere, dann ist trotz Monopolstellung ihre Lebensbasis zunichte. Sie geht dann ebenfalls zugrunde. Universalisten haben wesentlich weniger präzise Steuerungen und Erwerbsinstrumente ausgebildet, und haben somit in jeder ihrer Erwerbsformen entsprechend viele Konkurrenten. Dafür sind sie Veränderungen gegenüber weit anpassungsfähiger. Versiegt eine ihrer Nahrungsquellen, dann können sie auf andere ausweichen. In Gestalt des Menschen entstand in der Evolution der erste Spezialist in vielseitiger Spezialisation! Nach wie vor blieb er Universalist, vermag jedoch - durch zusätzliche Organe - sich in jeder seiner Erwerbsformen extrem zu spezialisieren. Und keine Spezialisierung stört die anderen - eben weil die zusätzlichen Organe nicht mit dem Körper fest verbunden, sondern ablegbar sind.16

Weitere Vorteile: Zusätzliche Organe müssen vom Individuum nicht unbedingt selbst angefertigt werden. Mehrere Menschen können ihre Kräfte zur Bildung eines solchen Organes vereinen - und können es dann abwechselnd oder anteilig benützen. So wurden auch große Gemeinschaftsorgane möglich, die vielen zugute kommen - etwa Straßen und Brücken, oder die Eisenbahn, für die dann jeder bei Gebrauch einen Beitrag entrichtet; die Postorganisation, die Kanalisation, Festsäle und Oper - als Gemeinschaftsorgane für Luxus und Kunstgenuß; Schulen, Bibliotheken und vieles andere. Auch das Pro-

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blem des Schutzes der zusätzlichen Organe durch Diebstahl oder Raub konnte so - und nur so - wirkungsvoll gelöst werden. Einige in der Gemeinschaft spezialisierten sich auf diese Aufgabe - die anderen konnten dann in Ruhe ihren diversen Betätigungen nachgehen. In zentraler und ursprünglicher Funktion ist die staatliche Organisation ein riesengroßes Gemeinschaftsorgan, das der Bürger über Steuern bezahlt und das durch Einrichtungen der Landesverteidigung den Besitz des einzelnen gegen räuberische Nachbarn abschirmt, und innerhalb des Staatsgebietes über Gesetze, Polizei und Gerichte ebensolchen Schutz gegenüber räuberischen Mitbürgern ausübt. In der Praxis übernahm diese Organisation - nicht immer zum Vorteil der Bürger - viele weitere Funktionen. Aber jene, die sie unentbehrlich macht und deshalb konstituiert, ist der Schutz aller zusätzlichen Organe, welche die Macht des menschlichen Zellkörpers so immens steigern, jedoch - wie Siegfried durch das Lindenblatt auf dem Rücken - die Schwachstelle leichterer Entwendbarkeit haben.

Während die natürlichen Organe über den Vorgang der Genveränderung nur überaus langsam zustandekommen (der Entwicklungsweg zu unserem heutigen Auge dauerte über 700 Millionen Jahre!), können zusätzliche Organe in unvergleichlich kürzerer Zeit entstehen (dies zeigt etwa das Auto, das Fernsehgerät und der Computer). Außerdem können sich innerhalb der Gemeinschaft einzelne auf ihre Herstellung spezialisieren und sie dann weit besser und auch entsprechend billiger herstellen - was zur Grundlage von Gewerbe und Industrie wurde. Auch die menschliche Kultur und aller Luxus, der sich entwickelte, beruht weitgehend auf zusätzlichen Organen - beziehungsweise zur Gänze, wenn man auch die für diesen Zweck geschaffenen Verhaltenssteuerungen,

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die ja auch zusätzlich geschaffene Organe sind, den ablegbaren hinzuzählt. Ob Lebenskultur, Kunst, Sport, Einrichtungen des Tourismus, der Informationsübermittlung, Prachtbauten oder die Interessen einzelner fördernde Spezialgeräte... nichts von alldem hätte über Zelldifferenzierung je zustande kommen können! Und schließlich haben die zusätzlichen Organe des Menschen auch den wesentlichen Vorteil, nicht mit dem Tod ihres Besitzers zugrundezugehen, wie das bei Tieren und Pflanzen, wenn diese sterben, der Fall ist. Zusätzliche Organe können auch von Erben oder Anderen ohne sonderliche Wertminderung verwendet werden, können also weiteren "Leistungskörpern", welche die Lebensentfaltung fortsetzen, dienen. Gerade darauf beruht der Reichtum arbeitsamer Völker. Die Zellkörper kommen und vergehen, doch das zur Verfügung stehende Potential an Privat- und Gemeinschaftsgütern wächst an. So betrachtet, wird in diesem neuen Evolutionsabschnitt der Mensch zur aufbauenden und steuernden Keimzelle größerer, ja manchmal bereits die ganze Welt umspannender Lebensstrukturen, diesich über seinen Tod hinweg fortsetzen17.

Neben der besonders entwickelten Intelligenz und der schon vorhandenen Greifhand war die Fähigkeit zur sprachlichen Verständigung der dritte Pfeiler des menschlichen Fortschrittes. Durch diese weitere Gehirnfunktion, die sich parallel und in enger Verbindung zur Entwicklung des Denkens und von Schlußfolgerungen entwickelte, wurde es möglich, daß jede Generation auf dem Wissensschatz der vorhergehenden aufbauen konnte. Es kam so - und dann noch weiter verbessert durch die Schrift - zur Weitergabe erworbener Fähigkeiten18. Jedes Menschenkind, das zur Welt kommt, erhält so von einer anonymen Vielheit längst verstorbe-

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ner Vorfahren ein geradezu ungeheueres Geschenk: das Ergebnis ihrer Erfahrungen und Bemühungen, die Quintessenz ihrer Ideen und Fortschritte.

Würden Beobachter aus dem Weltenraum die Vorgänge auf unserem Planeten beobachten und sich dafür interessieren, was sich hier im Rahmen der Lebensentwicklung zutrug, dann würden sie feststellen, daß es - als erster Schritt - vor etwa 3200 Millionen Jahren zur Entwicklung winziger Einzeller kam, deren noch winzigere Organe ("Organellen") schon mannigfache Fähigkeiten hatten, so daß diese Pioniere sich in verschiedenster Anpassung in den Wasserräumen ausbreiteten. Vor etwa 1800 Millionen Jahren kam es dann - als zweiter Schritt - dahin, daß manche von ihnen Kolonien bildeten und die meisten Lebensfunktionen auf vielzellige Organe übergingen, wodurch ihre Wirksamkeit sich bedeutend steigerte. Einigen gelang es sogar auf das trockene Land vorzudringen, und in der Folge breitete sich der Lebensprozeß auch über die Kontinente aus. Die dritte Entwicklungswelle setzte erst vor nur 2 Millionen Jahren ein und war dadurch gekennzeichnet, daß eine Art an Land lebender Vielzeller zusätzliche, nicht mit dem übrigen Körper verwachsene Organe bildete, wodurch es diesen möglich wurde, sich auf geradezu beliebig viele Einzelleistungen zu spezialisieren. In buntem Wechsel setzten sie einmal dieses, dann wieder jenes der zusätzlichen Organe ein - und gelangten so zu Energieüberschüssen, mit deren Hilfe sie die verschiedensten Erwerbs- und Luxusbildungen realisierten. Ihre Verflechtungen untereinander sind kaum noch zu überschauen und verändern sich ständig. Der einzelne sucht in diesem wogenden Strom nach einer Richtung, wobei sich zur Zeit praktisch jeder gegen jeden wendet. Eine einheitliche Richtung ist noch nicht zu sehen.
 
 

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