3. Prämisse:
Für Energieerwerb durch Raub
sind zielführende
Bewegungssteuerungen nötig
Wäre der Mensch - wie man lange annahm - als etwas von den übrigen Lebewesen Getrenntes, Unabhängiges in die Welt gekommen, dann würde es sich kaum lohnen, sich mit der großen Räuberbande, die wir Tiere nennen, näher zu beschäftigen. Da wir indes aus ihrem Kreis hervorgingen und der Zeitpunkt, da wir uns von ihnen lösten und sie überflügelten, nach erdgeschichtlichen Maßstäben gar nicht besonders weit zurückliegt, sind die Verhaltensstrategien, zu denen diese bunte Gemeinschaft gelangte, doch für unsere Selbsteinschätzung überaus wichtig.
Als erstes ist da anzuführen, daß es bei ihnen - und schon hier gibt es Vergleichspunkte zur Situation, in der wir uns selbst befinden, - auch solche gab und noch heute gibt, die ohne besondere Anstrengung an Beute gelangen: denen sozusagen die gebratene Taube ganz von selbst ins Maul fliegt. Zum Beispiel gehören die winzigen Korallenpolypen, die in tropischen Meeren so gewaltige Bauwerke schaffen, in diesen bevorzugten Kreis. Sie sitzen am Ort fest und überlassen es den Meeresströmungen, die in jedem Wassertropfen lebenden Kleinlebewesen gratis und franko vor ihre Mundöffnung zu spülen. Berühren diese dort einen der rings um die Öffnung angeordneten Fangarme, dann schießen einzelne
(Originalbuchseite 36)
Abb. 4: Der Stammbaum des Menschen (stark schematisiert). Aus Einzellern gingen vor ca. 1800 Millionen Jahren (vgl. Abb. 3) vielzellige Lebewesen hervor: Pflanzen und Tiere. Bei den vielzelligen Tieren teilten sich nach Entstehung der Hohltiere zwei große Entwicklungsströme: die Urmünder (Protostomier) und die Zweitmünder (Deuterostomier). Bei den Zweitmündern entwickelten sich über Würmer Urchordaten und kieferlose Fische, deren Nachkommen vor ca. 350 Millionen Jahren auch an Land vordrangen und dort zu Amphibien wurden. Diese brachten dann Reptilien hervor, von denen die Säugetiere und Vögel abzweigten. Aus dem Kreis der Säugetiere ging der Mensch hervor. Nach H. Hass 1987, Bd. I.
(Originalbuchseite 37)
Zellen der Fangarme giftige Pfeile ab, welche die Beute lähmen und festhalten. Sie wird dann von den Fangarmen durch die Mundöffnung in den sackartigen Darm befördert und dort verdaut. Oder anders ausgedrückt: Dort wird ihnen von der Zellgemeinschaft Korallenpolyp, der sie etwas zu nahe geraten sind, die in ihren Molekülen gespeicherte Energie entzogen, und was an Unverwertbarem übrigbleibt wird anschließend durch die Mundöffnung wieder den Meeresströmungen zurückgegeben.
Aus solchen "Hohltieren", die sich auf Grund der hohen Effektivität ihrer Erwerbsform bis zum heutigen Tag erhalten haben, entwickelten sich vor etwa 1200 Millionen Jahren die ersten Würmer, die über den Boden oder durch den Sand kriechend nach Beute suchten und bei denen sich eine rückwärtige Öffnung des Darmes entwickelte, so daß sie den Mund nicht länger als After zu verwenden brauchten (Abb. 4). Aus einigen Gruppen solcher Würmer entstanden dann die ersten Fische (Urchordaten und Kieferlose), welche sich durch Flossensäume, die aus Hautfalten hervorgingen, fortbewegten.
(Originalbuchseite 38)
Unter diesen Fischen, die sich weiterentwickelten und mannigfachen Lebensformen anpaßten, gelang es dann einigen - vor etwa 350 Millionen Jahren - den bereits an Land vorgedrungenen Pflanzen nachzufolgen und sich von ihnen zu ernähren. Zu dem für die Verdauung nötigen Gasaustausch eigneten sich an Land die Kiemen nicht mehr, weil sie vertrockneten: statt dessen fand dieser Gasaustausch durch blutreiche Gewebe am Gaumendach statt, welches sich einstülpte, beiderseits Säcke bildete, die sich mehr und mehr falteten ... so daß Lungen entstanden. Das klingt höchst phantastisch, läßt sich jedoch aus fossilen Resten, sowie durch den Vergleich mit heute noch lebenden Übergangsformen und durch Stadien in unserer eigenen Embryonalentwicklung einwandfrei beweisen.
So entstanden aus Lungenfischen die ersten Amphibien, die sich dann dem Landleben allmählich immer besser anpaßten - ebenso wie die Pflanzen, die für sie Nahrung waren. Aus den Amphibien gingen vor 325 Millionen Jahren die Reptilien hervor, die sich bereits völlig von der Meeresheimat lösten ... aus diesen, vor etwa 240 Millionen Jahren, zuerst die Säugetiere und anschließend, etwa 40 Millionen Jahre später, die Vögel. Und aus dem Kreis der Säugetiere ging dann, vor erst 2 Millionen Jahren, der mit besonderen geistigen Fähigkeiten ausgestattete Mensch hervor: unsere Urvorfahren und damit wir selbst.
Ehe wir uns der Frage zuwenden, was uns von dieser Verwandtschaft grundsätzlich unterscheidet, ist für das Verständnis der Entstehung des Psychosplits beim Menschen wichtig, wie es die bunte Vielheit von sich fortbewegenden Tieren im einzelnen schafft, an Beute zu gelangen, diese aufzuspüren, zu verfolgen, zu überwältigen und in ihren Darm zu befördern.
(Originalbuchseite 39)
Wie die vergleichende Verhaltensforschung feststellte, sind für zielführende Beutesuche nicht nur entsprechende Fortbewegungs- und Sinnesorgane sondern auch besondere Mechanismen der Bewegungssteuerung nötig:
Erstens: müssen alle aktiv nach Beute suchenden Tiere in der Lage sein, aus der Vielzahl der von ihnen aufgenommenen Sinnesmeldungen jene wenigen herauszusondern, die ihnen Beute kennzeichnen. Ihr Nervensystem muß auf Grund angeborener Schaltungen auf ganz bestimmte "Schlüsselreize" ansprechen.
Zweitens: müssen diese Schlüsselreize dann zielführende Beuteerwerbshandlungen auslösen. Ist eine Raupe an ein geeignetes Blatt gelangt, dann müssen ihre Körper- und Freßbewegungen so koordiniert sein, daß sie an diesem entlangkriecht und Stücke von ihm abbeißt. Hat ein Raubfisch ein Beutetier entdeckt, dann müssen von seinem Gehirn aus entsprechend koordinierte Befehle an die ausführenden Organe gehen, die gezielte Jagd, Verfolgung, Überwältigung und Einverleibung bewirken. Dabei müssen die Sinnesmeldungen - Sehen, Riechen, Hören, Fühlen, Schmecken - die Bewegungen laufend kontrollieren und korrigieren. Man nennt diese Gesamtleistungen, die wiederum auf angeborenen Schaltungen und Verdrahtungen beruhen, "Erbkoordinationen". Je nach der Besonderheit und dem Verhalten der Beute sind sie bei den einzelnen Tierarten sehr verschieden ausgebildet.
Drittens: muß das Tier für den Beuteerwerb - ebenso wie für jede andere lebenswichtige Handlung wie etwa Feindabwehr., Paarungsverhalten und Brutpflege - entsprechend motiviert sein. Trifft ein Tier längere Zeit auf keinen Schlüsselreiz, der ihm Beute anzeigt, dann müssen weitere Kommandos es dazu bringen, mit zuneh-
(Originalbuchseite 40)
mender Intensität nach Beute zu suchen. Diesen dritten Komplex nennt man "Trieb". Beim Beuteerwerbsverhalten nennen wir den Zustand, den er bewirkt "Hunger". Diese von innen her kommende Motivation versetzt das Tier in deutlich anwachsende Erregung und hat zur Folge, daß es in immer stärkerer körperlicher und geistiger Anspannung nach Beute sucht und sich um deren Überwältigung und Einverleibung bemüht ("Appetenz"). Ist das geglückt, dann schalten diese Kommandos ab, das Triebziel ist erreicht, der Hunger gestillt und - für so und so lange - nehmen die übrigen lebenswichtigen Funktionen das Tier wieder in Anspruch ("abschaltende Endsituation"). Die Triebe bilden gleichsam ein Parlament, in dem einmal dieser und dann wieder jener Abgeordnete sich erhebt, die Leitung übernimmt: so wird sichergestellt, daß alle für ein Tier lebenswichtige Funktionen in geordnetem Ablauf wahrgenommen und der Lebensvorgang samt laufender Instandhaltung, Wachstum und Fortpflanzung fortgesetzt wird.10
Alle angeborenen Verhaltensweisen werden als "Instinkte" bezeichnet. Wichtig zu ihrem Verständnis ist, daß man diese Leistungen nicht als etwas Mystisches, Transzendentes, Metaphysisches auffaßt, sondern als Wirksamkeit von Steuerungseinheiten, die zwar im ungeheuer komplexen Netz des Nervensystems nicht als genau abgrenzbare Organe wahrgenommen werden können, jedoch andererseits ganz ebensolche materielle Funktionserbringer sind wie etwa Flossen oder Augen, die Leber oder das Blutgefäßsystem. Bei allen vielzelligen Organismen ist im Erbgut ihrer Keimzellen genau festgelegt, welche Organe die heranwachsende Zellgemeinschaft aufbauen muß - und dazu gehören auch die angeborenen Steuerungen, die für die Tätigkeit der übrigen Organe und ihr Zusammenspiel, jedoch auch ebenso für
(Originalbuchseite 41)
das Instinktverhalten des Gesamtkörpers gegenüber der Umwelt zuständig sind.
Als "Lernen" bezeichnet man die Fähigkeit, auf Grund individueller Erfahrungen die angeborenen Steuerungen abzuändern, zu ergänzen und verfeinern - oder diesen weitere hinzuzufügen. Schon bei den Einzellern sind solche Leistungen nachweisbar, bei den Vielzellern gelangten sie besonders bei den Wirbeltieren zu vielseitiger Entfaltung. Bei den besonders lernbegabten Säugetieren und Vögeln wurden viele angeborene Steuerungen wieder zurückgebildet, und den Jungen ist ein besonderer Spieltrieb angeboren - auch "Neugiertrieb" genannt - , der sie dazu aneifert, sich aktiv mit der Umwelt auseinanderzusetzen und die für sie wichtigen Verhaltenssteuerungen selbst aufzubauen. Der Vorteil dabei ist, daß diese Tiere weit weniger maschinenhaft agieren und reagieren, sondern sich den jeweiligen Umweltbedingungen so besser anpassen können. Der Nachteil ist, daß das Tier nicht lebensfertig zur Welt kommt - wie das etwa bei den Insekten der Fall ist. Dies macht entsprechenden Schutz und Betreuung nötig - einen weiteren, bei den Eltern wirksamen Trieb, sich dieser Mühe zu unterziehen: den "Brutpflegetrieb".
Für unsere weiteren Betrachtungen, die sich besonders auf den Nahrungserwerb bei Tier und Mensch beziehen, ist das Ansprechen auf Schlüsselreize besonders wichtig. Ein sehr einfacher, der etwa bei Haien dieses Verhalten auslöst, ist Blutgeruch. Er zeigt ihnen an, daß ein Lebewesen verletzt und somit vermindert flucht- und verteidigungsfähig ist ... stellt also für dieses Raubtier einen sicheren Wegweiser dar. Für manche Fischarten, die in Flüssen oder Seen darauf lauern, daß Insekten auf die Oberfläche fallen oder dort landen, sind die mechanischen Schwingungen, welche die Erschütterung der
(Originalbuchseite 42)
Oberfläche erzeugt, Schlüsselreize, die ihr Angriffsverhalten aktivieren. Bei Fröschen und Kröten lösen optische Reize das Beuteerwerbsverhalten aus. Ein sich nicht bewegendes Insekt wird in der Regel nicht angegriffen. Bewegt es sich, dann springt die Kröte hin und schnappt zu.
Wie einfach, ja primitiv die auf Schlüsselreize ansprechenden Instinktmechanismen sind, wurde durch viele Attrappenversuche festgestellt. So löst etwa beim Stichlingsmännchen in der Paarungszeit das Auftauchen eines anderen Stichlingsmännchens - also eines möglichen Rivalen - Droh- und Angriffsverhalten aus. In diesem Fall ist es ein roter Strich am Bauch des männlichen Tieres, der zum Erkennungssignal - oder genauer: eben zum "Schlüsselreiz" - wurde. Zeigt man dem Tier im Experiment eine längliche Wachswurst, die weder Augen noch Flossen noch sonstige Fischmerkmale - jedoch auf der Unterseite einen roten Strich hat, dann löst dies ganz ebensolches Droh- und Angriffsverhalten aus wie ein sich näherndes Männchen. Dreht man die Wachswurst um, so daß der rote Strich nun oben liegt, dann reagiert der Fisch nicht. Der Steuerungsmechanismus in seinem Gehirn spricht somit ganz mechanisch auf das Merkmal "länglicher Körper mit rotem Strich unten" an - von einem "Erkennen" im Sinne menschlicher Einsicht ist somit keine Rede.
Da diese Mechanik beim Fehlverhalten Berufstätiger und Unternehmen, das aufgezeigt werden soll, eine besondere Rolle spielt, sei noch folgendes, oft zitiertes Beispiel erwähnt: Für den weiblichen Truthahn - die "Pute" - ist das ängstliche Piepen der Jungen ein Schlüsselreiz dafür, diese zu "hudern" - das heißt, die Flügel schützend über sie auszubreiten. Der Iltis ist dagegen ein Raubfeind, den sie bekämpft. Baut man nun in einen
(Originalbuchseite 43)
ausgestopften Iltis einen Schallsender ein, der die Tonbandaufnahme des ängstlichen Piepens von Jungen aussendet, dann nimmt sie eben diesen, trotz seines Aussehens, schützend unter ihre Flügel, also "hudert" ihn. Daß solche Reaktionen alles eher als einsichtig sind und mit Intelligenz nicht das geringste zu tun haben, wird hier wohl besonders klar.
Am Rande erwähnt sei, daß viele Tiere ihre Beute an mehreren Schlüsselreizen erkennen - so nehmen etwa Haie das Gezappel harpunierter Fische auf weit größere Entfernung und viel schneller wahr, als den sich wesentlich langsamer ausbreitenden Blutgeruch. Sie sind dann, aus mehreren hundert Meter Entfernung kommend, in wenigen Sekunden zur Stelle. Auch die Aufeinanderfolge verschiedener Schlüsselreize spielt vielfach eine Rolle - etwa beim Balzverhalten von Vögeln, wo geradezu ein Dialog von Schlüsselreizen stattfindet, indem etwa beim männlichen Tier eine bestimmte Bewegung A beim Weibchen die Bewegung B auslöst - die wiederum Schlüsselreiz für die Bewegung C beim Männchen ist - worauf dann die Bewegung D beim Weibchen folgt.
Weit wichtiger - für unsere konkrete Betrachtung - ist der Umstand, daß bei lernbefähigten Tieren die Nervenstrukturen, die angeborenermaßen auf Schlüsselreize ansprechen, verfeinert und so in ihrer Wirksamkeit verbessert werden können. So schnappt die junge Kröte angeborenermaßen nach jedem kleinen sich an ihr vorbeibewegenden Körper. In der Regel sind das Insekten - und so leistet ihnen dieser Schlüsselreiz einen guten Dienst. Schnappt nun die junge Kröte nach einer Wespe, die sie sticht, dann unterläßt sie es weiterhin, nach kleinen, sich an ihr vorbeibewegenden Körpern zu schnappen, wenn diese Querstreifen haben. Das Ansprechen auf Schlüsselreize wurde so mehr differenziert und
(Originalbuchseite 44)
dadurch verbessert. Sehr viele Lernvorgänge beruhen auf diesem Prinzip. Von einer "bedingten Reaktion" spricht man, wenn etwa das Tier Eindrücke, die dem Nahrungserwerb vorangehen, mit diesem assoziiert - so daß das neue Merkmal bereits das Beutefangverhalten auslöst. Auf diesen Vorgang der "Konditionierung", der sehr vielen Lernvorgängen zugrundeliegt - und beim Menschen zum Psychosplit führt -, kommen wir noch ausführlich zurück.
Bei den Erbkoordinationen (den durch Schlüsselreize ausgelösten Instinktbewegungen) verhält es sich ähnlich. Auch sie können durch Lernen verändert, verbessert, also in ihrer Wirksamkeit gesteigert werden. So sind vielen Vögeln die Grundbewegungen des Fliegens angeboren, doch lernen sie dann in praktischer Erfahrung, günstige Windbewegungen auszunützen und auf verschiedenartigen Unterlagen oder Objekten sicher zu landen. Wenn der erwachsene Löwe oder der erwachsene Fuchs effizienter im Beuteerwerb sind als jüngere Artgenossen, dann liegt das an der Verwertung von Erfahrungen und ist bereits eine Vorstufe zu "einsichtigem Verhalten". Beim Menschen gelangte dieses zu besonderer Ausprägung und wurde zur Grundlage von Intelligenzakten, die Tieren nicht möglich sind.
Der dritte große Komplex, aus denen sich angeborenes Verhalten zusammensetzt - die "Triebe" - lassen sich durch Lernen kaum verändern. Sie treten ganz von selbst und höchst unbelehrbar in Erscheinung und sichern bei den Tieren den normalen Ablauf ihres Lebens. Der Mensch kann sie wohl zügeln, zeitweise unterdrücken oder auch willentlich verstärken (man denke etwa an den sexuellen Bereich), doch völlig beseitigen lassen sie sich nicht. Wie erst Freud beim Menschen und später Lorenz bei Tieren feststellte, können Triebe, die sich
(Originalbuchseite 45)
nicht ausleben können, auch "Leerlaufhandlungen" verursachen oder "in andere Bahnen überspringen". So beobachtete Lorenz bei einem im Zimmer gehaltenen Star, daß dieser, obwohl er gut gefüttert wurde, gleichsam "halluzinierte", indem er - obwohl keinerlei Insekten im Zimmer waren - in die leere Luft hochfliegend Schnapp- und Fangbewegungen ausführte. Sein Hunger war zwar gestillt, doch die angeborenen Bewegungsimpulse zum Erjagen fliegender Insekten waren nicht abreagiert und machten sich so in "Leerlaufbewegungen" Luft. Wenn andererseits zwei Hähne miteinander kämpfen und Aggression und Furcht einander die Waage halten, dann beginnen die Gegner zwischendurch auf dem Boden zu picken, als suchten sie nach Körnern, obwohl dies ganz und gar nicht in die Situation paßt. Man nennt dies "Übersprungsbewegungen". Auch so macht aufgestaute Erregung sich Luft.
Beim Menschen kann man in Wartesälen ähnliches beobachten, wenn ihre Ungeduld dazu führt, daß sie sich am Kopf kratzen, Nasebohren, zur Abreaktion der Erregung rauchen oder etwas essen. Man spricht dann von "Übersprungskratzen", "Übersprungsnasebohren", "Übersprungsrauchen" und "Übersprungsessen"11. Freud vertrat die wohl zutreffende Ansicht, daß bei manchen Menschen, die ihren Geschlechtstrieb nicht ausleben können, die innere Erregung sich in künstlerischer Tätigkeit "sublimieren" kann. Auch in diesem Fall aktiviert dann ein Instinkt ein durchaus anders ausgerichtetes Verhalten.
Gleichsam als Gegenspieler zum Nahrungstrieb sorgt schließlich ein weiterer Instinkt dafür, daß ein Tier nicht selbst zur Beute von anderen wird. Auch hier geht es wieder darum, Raubfeinde an bestimmten Schlüsselreizen zu erkennen und darauf dann entsprechend zu rea-
(Originalbuchseite 46)
gieren - durch Flucht, Verstecken oder wirksame Verteidigung. Auch hier warnt ein entsprechender Trieb das Tier von innen her, sich Gefahren auszusetzen: sich etwa an Plätze vorzuwagen, wo es möglichen Angriffen schutzlos ausgeliefert ist. Daß entgegengesetzte Antriebe - wie etwa Hunger und Furcht - einander gegenseitig beeinflussen, liegt auf der Hand. Ist ein Tier in arger Nahrungsnot, dann führt es auch riskante Such- und Erwerbshandlungen aus. Ist es in erhöhte Furchtstimmung versetzt worden, dann wagt es Beuteerwerbshandlungen nicht, die es sonst ausführen würde.
Bei allen Instinkten stehen somit die Triebe im Zentrum der zum Teil außerordentlich komplexen Vorgänge. Sie geben den Aktionen und Reaktionen die Richtung an, motivieren die Tiere zu den für ihren Lebensablauf notwendigen Handlungen. Das Ansprechen auf Schlüsselreize kann durch Lernen verfeinert werden, sich aber auch auf völlig andere Reize verlagern. Ebenso veränderbar sind die Erbkoordinationen, die das lernbefähigte Tier durch Erfahrung verbessert und den jeweils gegebenen Umweltbedingungen anpaßt. Auf den Unterschied zwischen Spezialisten und Universalisten - also Tieren, die auf einen ganz bestimmten Nahrungserwerb ausgerichtet sind (wie etwa die Stechmücke) und solchen, die sehr verschiedenartiger Nahrung Energie entziehen (wie etwa Wildschweine und Affen), kommen wir noch ausführlicher zurück.
Wesentlich ist in diesem Abschnitt der Hinweis, daß jedes Verhalten auf Steuerungsmechanismen im Gehirn beruht, die entweder wie alle übrigen Organe durch erbbedingte Differenzierung von Zellen entstehen - oder nachträglich durch Lernvorgänge im Gehirn aufgebaut werden. Sie sind außerordentlich klein, agieren
(Originalbuchseite 47)
irgendwo im ungeheueren Netz des Nervensystems und sind
auch nicht so leicht abgrenzbar wie etwa ein Knochen, das Herz oder ein
Auge. Trotzdem sind es, ebenso wie diese, funktionserbringende materielle
Einheiten.12