2. Prämisse:
Die Energiequelle aller Tiere
ist die organische Struktur
anderer Lebewesen
Im Laufe des langen Entwicklungsweges der Organismen, der vor etwa 4000 Millionen Jahren in den Urmeeren seinen Anfang nahm, setzten sich zwei Formen des Energieerwerbes durch: jener der "Tiere" und jener der "Pflanzen".6 Um die tierische Erwerbsart, die uns in dieser Untersuchung besonders interessiert, richtig einzuschätzen, ist es zweckmäßig, sich zuerst mit jener der Pflanzen näher zu beschäftigen.
Wie wohl jedem bekannt ist, gewinnen diese - sowohl in den Gewässern als auch an Land - die von ihnen benötigte Energie aus den in so überreichem Maß von der Sonne zu uns herüberflutenden Sonnenstrahlen. Der Vorgang dieser Dienstbarmachung der Lichtenergie durch ihre Umwandlung in chemische Bindungsenergie spielt sich in so kleinen Dimensionen ab, daß wir ihn auch unter dem stärksten Mikroskop nicht beobachten können. Trotzdem konnte die Forschung ermitteln, was da vor sich geht. Sehr vereinfacht dargestellt, werden bei diesem als "Photosynthese" bezeichneten Vorgang die Energiequanten der Lichtstrahlen dazu gezwungen, aus Atomen Moleküle aufzubauen. Die Lichtenergie verwandelt sich dabei in chemische Bindungsenergie, welche Atome des Sauerstoffs, des Wasserstoffs und des Kohlenstoffs so aneinander fesselt, daß Kohlenhydratmoleküle - meist solche der "Stärke" - entstehen.
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Wie das im einzelnen geschieht, braucht uns hier nicht zu beschäftigen. Tatsache jedoch ist, daß diese Energiequanten in den besagten Molekülen wie in kleinen Käfigen eingeschlossen sind und von der Pflanze jederzeit für benötigte Dienste eingesetzt werden können, indem sie diese Moleküle wieder in ihre Bausteine zerlegt und so die "Käfige" öffnet. Sie kann dann diese "freigesetzte" Energie zum Aufbau anderer Moleküle verwenden und bildet so etwa Eiweiße, Fette oder andere Kohlenhydrate - und aus diesen Bausteinen bildet sie dann Stiele, Blätter, Wurzeln und sonst nötige Organe. Die hochkomplexen, winzigen Betriebe, in denen die Photosynthese stattfindet, werden "Plastiden" genannt und befinden sich vorzüglich in den Blättern, die dem Sonnenlicht zugewandt werden. Alle für solchen Strukturaufbau notwendigen Stoffe werden bei den Wasserpflanzen aus dem sie umgebenden Medium bezogen; bei den Landpflanzen zum Teil aus der Luft und im übrigen aus dem Wasser, das die Wurzeln aus dem Boden saugen. Die Wassergewinnung wurde hier zum besonderen Problem. Licht steht tagsüber an Land in überreichem Maß zur Verfügung, doch die zu seiner Versklavung notwendige Apparatur verursacht einen Aufwand, der beim Konkurrenzkampf der Pflanzen untereinander darüber entscheidet, welche der Individuen und Arten sich am besten durchsetzen. Daß Wachstum und Vermehrung weitere gravierende Probleme darstellen, darf als bekannt vorausgesetzt und hier übergangen werden. Wichtig ist dagegen der Hinweis, daß auch sämtliche sonstigen von den Pflanzen aufgebauten Moleküle ebenso Energiedepots darstellen, wie jene der Stärke. In ihnen allen werden die sie bildenden Atome durch chemische Bindungskräfte - also umgewandelte Sonnenenergie - zusammengehalten.
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Der Energieerwerb der als "Tiere" bezeichneten Lebewesen - für uns besonders interessant, weil auch unser Körper so Energie erwirbt - ist von jenem der Pflanzen äußerst verschieden und doch auch wieder sehr ähnlich. Denn ganz ebenso wie die Pflanzen, wenn sie Energie benötigen, Moleküle wieder in ihre Teile zerlegen und so die darin enthaltene Energie freisetzen, verfahren auch die Tiere - allerdings mit dem Unterschied, daß sie dies mit Energiekäfigen besorgen, die sie nicht selbst geschaffen haben.
Alle sind somit darauf ausgerichtet, Pflanzen oder anderen Tieren Stücke wegzubeißen oder diese zur Gänze zu verschlingen, um dann über den Vorgang der "Verdauung" den in der erbeuteten organischen Struktur enthaltenen Energieschatz für sich selbst zu nützen. In diesem Sinne sind alle Tiere ihrer Erwerbsform nach "Räuber". In der deutschen Sprache werden den "Pflanzenfressern" die "Raubtiere", die sich von anderen Tieren ernähren, gegenübergestellt: das erweckt einen durchaus falschen Eindruck. Zugegeben, die Pflanzen wehren sich nicht, laufen nicht davon, stoßen keine Klageschreie aus, doch ihnen geschieht, wenn sie zur "Beute" werden, akkurat das gleiche wie einem zum Teil oder zur Gänze verschlungenen Tier. Sie verlieren in einem gewaltsamen Akt Teile ihres Körpers - oder ihre Existenz. Bei den Aasfressern fällt jegliche Gegenwehr weg - aber eben nur deshalb, weil ein totes Lebewesen zu solcher nicht mehr fähig ist. Hier zeigt sich der gewaltsame Erwerb im Verhalten gegenüber Konkurrenten, die es auf die selbe Beute abgesehen haben und mit denen um diese erbittert gekämpft wird7.
Der Konkurrenzkampf ist bei den Tieren in der Regel wesentlich härter als die Auseinandersetzung mit der jeweiligen Beute. Sehr oft bekommen bei dieser Ausein-
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andersetzung die "Gegner" einander nie zu Gesicht - und doch entscheidet sie über Sein oder Nichtsein. Gelingt es nicht, die für den eigenen Lebensvorgang notwendige Energie zu erbeuten, dann können keine weiteren Lebensvorgänge stattfinden - dann "verhungert" das betreffende Individuum, bleibt auf der Strecke. Bei den Pflanzen ist dieser Vorgang nicht ganz so deutlich zu sehen, doch bestimmt nicht weniger grimmig. Wenn man an die vielen Samen denkt, die in der einen oder anderen Form ausgesandt werden und von denen nur die allerwenigsten "auf günstigen Boden treffen", also sich behaupten und zu einem neuen Pflanzenindividuum entwickeln können, dann wird diese rücksichtslose "Auslese" sehr deutlich. Auch benachbarte Pflanzen verhalten sich keineswegs so freundlich, wie der Anblick einer Wiese oder eines Waldes den Anschein erweckt. Über dem Boden kämpfen die Blätter und Zweige um das nötige Licht, unter dem Boden rivalisieren die Wurzeln um das für sie so überaus wichtige Wasser. Sowohl bei den Tieren als auch bei den Pflanzen sind "Monopolisten", die in bestimmten Bereichen konkurrenzlos dastehen, selten - aber es gibt sie unter den extremen Spezialisten. Doch diese vermehren sich dann schnell, so daß sehr bald auch bei ihnen der gleiche unerbittliche Konkurrenzkampf einsetzt - nicht gegenüber Individuen anderer Arten, sondern gegen Individuen der gleichen Art.
Wenn ich diesen Zusammenhang hier besonders deutlich hervorstreiche, dann geschieht das deshalb, weil er im späteren Teil der Betrachtungen von besonderer Bedeutung ist. Weder kann man ein Tier, das ein anderes frißt und so schädigt oder tötet, als "böse" bezeichnen, - noch ein solches, das Pflanzen Teile abbeißt oder sie zur Gänze verschlingt. Der gesamte Lebensprozeß ist - aus
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unserer menschlichen, emotionellen Betrachtungsweise her - ein außerordentlich rücksichtsloser und grausamer Prozeß: darauf wies in aller Deutlichkeit Darwin hin. Da wir uns so sehr an der Natur und ihren unzähligen Wundern erfreuen, wird diese Tatsache eher verdrängt. Schriftsteller, Dichter und Filmproduzenten wetteifern darin uns von der Natur ein Bild zu zeichnen, das mehr unseren Wünschen als der Wahrheit entspricht. Was die Tiere betrifft - mit denen wir uns nun im Besonderen beschäftigen - so sind sie alle gleicherweise Räuber, ob sie uns sympathisch sind - wie etwa das Reh, oder unsympathisch - wie etwa die Klapperschlange8. Um an die wichtigste Voraussetzung für ihr Leben und Weiterleben, für Wachstum und Vermehrung - nämlich "Energie" - heranzukommen, müssen sie nach Beute suchen und diese in ihre Gewalt bringen. Das gilt ebenso für den Elefanten wie für Parasiten, die in den Körper anderer Lebewesen eindringen, dort schmarotzen, sie also schädigen und nicht selten zerstören. Ob Pflanzen oder Tiere die Beute sind, ist einerlei. Stets geht es darum, anderen die von ihnen vereinnahmte Energie zu entreißen. Daß bei diesem Vorgang auch Stoffe erworben werden - benötigtes Baumaterial - ist ein zusätzlicher Vorteil. Bei den Pflanzen werden Energie und Stoffe aus verschiedenen Quellen erworben, beim tierischen Erwerb über "Raub" fällt gleich beides an. Das ist ein zusätzlicher Vorteil dieser Methode. Sehr wichtig ist indes zu wissen, daß Tiere über beträchtliche Zeiträume hinweg ohne Zufuhr von neuen Baustoffen leben können - jedoch nicht den tausendsten Teil einer Sekunde ohne Energie. Von den vereinnahmten Stoffen wird das meiste wieder abgeschieden - worauf es bei jeder Nahrungssuche, jeder Auseinandersetzung mit der Beute oder mit Konkurrenten am stärksten ankommt, ist für unser
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Auge unsichtbar. Es ist jene chemische Bindungsenergie, welche die Pflanzen dem Sonnenlicht entziehen und sich dienstbar machen - und die dann, wenn ein Tier eine Pflanze frißt oder selbst einem anderen Tier zum Opfer fällt, gleichsam von Hand zu Hand geht.
Man mag hier einwenden, daß es bei den Organismen doch auch Partnerschaften, Hilfestellungen und Gemeinschaftsbildungen gibt; daß also der nicht abzuleugnenden Tatsache des Raubes und des Konkurrenzkampfes auch genügend "freundliche" Akte synergetischer Art gegenüberstehen. Das stimmt wohl zweifellos - verändert jedoch am Gesamtbild, wie leicht einzusehen ist, nicht das geringste. In der Tat kam es zur Ausbildung von "Symbiosen" - man denke etwa an den Einsiedlerkrebs, der Seerosen auf sein Schneckenhaus pflanzt. Sie sind für ihn ein zusätzlicher Schutz gegen Raubfeinde - während die Seerose so zu einer Gratis-Fortbewegung und damit in bessere Lebensbedingungen gelangt. Termiten könnten ihre Nahrung, nämlich Holz, nicht aufschließen - also die Energiekäfige nicht öffnen - wenn ihnen Einzeller und Bakterien, die in ihrem Darm leben, nicht bei diesem Geschäft helfen würden. Deren eigener Vorteil ist, so ohne Mühe mit Holz versorgt zu werden, dem sie auch für sich selbst Energie entziehen. Bei den Flechten haben sich Algen und Pilze so innig vereint, daß man sie lange für einen einheitlichen Organismus hielt. Im Wolfsrudel hilft ein Wolf dem anderen, im Ameisenstaat erinnert die Arbeitsteilung bereits an die durch menschliche Intelligenz geschaffenen Gemeinschaften. -Doch für die Beute des Einsiedlerkrebses ist der Schutz, den die Seerose ihm bietet, entschieden ein Nachteil. Für die Beute, auf die es Wölfe abgesehen haben, ist das Rudel ein weit schlimmerer Gegner als der einzelne Wolf. Und für Insektenstaaten gilt das gleiche. - Durch
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solche Partnerschaften kommt es zu noch effizienteren Räubern. Das gute Zusammenwirken der Partner ist Voraussetzung für den gesteigerten Erfolg - die Partnerschaft selbst jedoch bloß ein Räuber "höherer Ordnung".
Selbst die Aufopferung der Eltern für ihre Jungen bei Brutpflege, die uns so sympathisch anspricht, verändert nichts am gesamten Konzept. Indem die jeweiligen Eltern ihren Jungen durch Schutz, Ernährung, Pflege etc. helfen, tun sie der Beute, auf die es diese Individuen später abgesehen haben, keineswegs einen guten Dienst. Der "Art" wird so geholfen, sich besser durchzusetzen ... jedoch zum Leidwesen von Individuen anderer Arten, die für sie Nahrungsquelle sind9.
Um noch ein besonders krasses Beispiel dafür zu geben, wie wenig die Einschätzung des Normalmenschen in der Beurteilung des Lebensvorganges der tatsächlichen Situation gerecht wird , sei auf den wenig beachteten Umstand verwiesen, daß Pflanzen gar nicht existieren könnten, wenn Tiere sie nicht fräßen - und daß andererseits die Existenz der Pflanzen in ganz ebensolcher Abhängigkeit die Voraussetzung für die Existenz der Tiere ist. Für den Vorgang der Photosynthese benötigt die Pflanze Kohlendioxyd - während sie als Abfallprodukt des Vorganges Sauerstoff abscheidet. Andererseits wieder benötigen die Tiere zum Vorgang der Verdauung Sauerstoff, während sie als Abfallprodukt Kohlendioxyd ausatmen. Das aber bedeutet, daß ohne Pflanzen der Großteil aller Tiere ersticken würde - und daß es ohne Tiere keine Lebensbasis für die durch Photosynthese Energie erwerbenden Pflanzen gäbe. Die Abstimmung zwischen der Gesamtmenge an tierischen und pflanzlichen Organismen gehört zu einem der erstaunlichsten Phänomene.
Seitdem es - relativ bald nach Einsetzen des Lebens-
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Abb. 3: Die Dynamik der Lebensentfaltung (grob schematisiert). Nach heutigem Forschungsstand nahm der Prozeß "Leben" sehr bald nach Entstehung der heißen Urmeere, vor ca. 4000 Millionen Jahren, in seichten Zonen seinen Anfang. Zunächst wurde er von winzigen molekularen Strukturen, die zur Selbstvervielfältigung fähig waren, fortgesetzt. Indem sich die jeweils bestgeeigneten durchsetzten, kam es zur Vergrößerung und Verbesserung dieser Urlebewesen, die als ersten Höhepunkt die Einzeller hervorbrachten. Zweiter Höhepunkt war die Entstehung der Vielzeller. Die Landeroberung setzte erst vor 400 Millionen Jahren ein, der Mensch entstand vor etwa 2 Millionen Jahren. Mehr als 90% der Lebensentwicklung fand somit unter Wasser statt. Insgesamt gleicht diese Entfaltung einem sich über Jahrmilliarden hinweg in Potenz und Volumen steigerndem Strom, der über die Technik des Menschen nun noch vehement anwächst. Schwankungen im Volumen sind hier nicht berücksichtigt (Vgl. Abb. 10 u. Abb. 20). Nach H. Hass 1985.
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prozesses, vor etwa 4000 Millionen Jahren, - zur Aufspaltung in die beiden Erwerbsarten kam, erwiesen sich diese beiden riesigen und so formenreichen Gruppen als aufeinander insgesamt angewiesene Partner. Neun Zehntel der Evolution des Lebens fand im Wasser statt: Erst waren es einzellige Pflanzen und Tiere, die sich den verschiedensten Lebensmöglichkeiten in den Meeren und sonstigen Gewässern anpaßten, dann, vor etwa 1800 Millionen Jahren, kam es zur Bildung der "Vielzeller", die aus immer größeren Mengen von Einzelzellen aufgebaut sind, welche sich nach Teilung nicht trennen sondern beisammenbleiben und immer größere Kolonien bilden, in denen es zu immer stärkerer Arbeitsteilung kam (Abb. 3). Auch diese Vielzeller breiteten sich zunächst bloß in den Gewässern aus - teils als Pflanzen, teils als Tiere. Erst vor etwa 400 Millionen Jahren gelang es einigen Pflanzenarten die Landeroberung einzuleiten und ihnen folgten alsbald auch Tiere. Nun wurden die Kontinente erobert - doch stets unter der Voraussetzung der besprochenen Abhängigkeit. Hier zeigt sich vielleicht am allerdeutlichsten, wie wenig wir unseren Gefühlsregungen vertrauen dürfen. Wenn ein Tier eine Pflanze frißt, dann trägt es zur Existenz der Pflanzen bei. Frißt ein Tier ein anderes Tier, dann fördert dies die
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Gesamtentwicklung insofern, als die geschicktesten, fähigsten Individuen und Arten, die diesen Räubern entkommen, übrigbleiben und sich so das Bessergeeignete fortpflanzt.
Für die weiteren Darlegungen sind diese Hinweise
wichtig, weil sie dabei helfen, die Zusammenhänge zu sehen, wie sie
sind. Es ist im Rahmen dieser zweiten Prämisse wichtig, sich an möglichst
vielen Beispielen vor Augen zu führen, daß alle Tiere auf die
grundsätzlich gleiche Art Energie erwerben: über Aneignung fremder
organischer Struktur und Verwertung der darin enthaltenen arbeitsfähigen
Energie. Auch der Mensch gewinnt die für seinen Körper und dessen
Funktionen nötige Energie auf diese Weise.