(Originalbuchseite 7)

Ein unkonventionelles Vorwort
zur Neuauflage




An der Nordküste von Curacao in Westindien erlebte ich vor Jahren einen Angriff von Haien, der mir sehr zu denken gab. Wir waren damals zu dritt, und einer meiner Kameraden harpunierte einen großen Zackenbarsch, der etwa zehn Meter unter uns in einem Korallengestrüpp versteckt war. Er riß ihn daraus hervor, und der wild um sich schlagende Fisch versuchte, in sein Versteck zurückzugelangen. Aber es nützte ihm nichts. Trotz allen Gezappels brachte ihn mein Kamerad zur Oberfläche empor.

In diesem Augenblick tauchten aus der Ferne zwei Haie auf, die in höchster Geschwindigkeit direkt auf uns zukamen. Einer von uns stieß einen erschreckten Schrei ins Wasser aus. Es riß die Haie gleichsam herum. Sie jagten davon, drehten aber sofort wieder und kamen erneut auf uns zu. Jetzt schrien wir bereits im Chor, und dies verjagte sie endgültig. Ebenso schnell wie sie gekommen waren verschwanden sie in der Ferne.

Was bedeutete dieses Verhalten? Wir waren damals die ersten, die freischwimmend Korallenriffe erkundeten, und hatten entgegen der Annahme, daß Haie angriffslustig seien, festgestellt, daß sie sich dem Menschen gegen-

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über erstaunlich scheu verhalten. Wir vermuteten deshalb, daß dieser Angriff nicht uns, sondern dem zappelnden Fisch galt. Die Haie hatten offenbar auf weite Entfernung hin die durch seine Flossenschläge bewirkten Wasserschwingungen wahrgenommen. Diese signalisierten ihnen, daß hier ein Fisch in Not war - also eine leicht zu überwältigende Beute.

Sämtlichen Tieren sind Verhaltenssteuerungen angeboren, die sie zu ihrer Beute hinführen. Bestimmte Schlüsselreize lösen bei ihnen Angriffshandlungen aus. Je nach der Beute sind diese sehr verschieden, aber in jedem Fall zeichnen sie sich durch totale Rücksichtslosigkeit aus. Käme über Mutationen eine nicht-rücksichtslose Art zustande, dann könnte sich diese im Wettkampf gegen Konkurrenten kaum behaupten.

Der Mensch ging aus dem Kreis der Tiere hervor, und auch uns ist dieses rücksichtslose Verhalten gegenüber anderen Lebewesen, die wir als unsere Nahrung betrachten, angeboren. In organisierten Gemeinschaften gelangte jedoch der Mensch zu einer weiteren Form des Nahrungserwerbes. Durch Produktion benötigter Güter und Dienstleistungen erwirbt er Geld - und mit diesem kann er ohne weitere Anstrengung an Nahrung gelangen. Stören nun die angeborenen Verhaltensnormen bei dieser neuen Art des Erwerbes? Hindern sie uns daran, in dieser so effektiv zu sein, wie wir es sein könnten? Und wenn es so ist, lassen sie sich unterdrücken?

Das ist das Thema dieses Buches, das seit seinem ersten Erscheinen nichts von seiner Aktualität verloren hat. Im Gegenteil. Das Problem ist inzwischen noch schwieriger und brisanter geworden. Kundenorientiertes Verhalten genügt jetzt nicht mehr. Die Grenzen, welche die beschränkte Größe unseres Planeten uns setzt, machen es notwendig, die Gesamtheit der Interessen

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aller übrigen Lebewesen mit in unsere altero-zentrierte Strategie einzubeziehen. Selbst jene der Haie.

Ich habe allerdings überlegt, ob das Buch nicht noch leserfreundlicher gestaltet sein sollte. Der an Wirtschaftsbelangen Interessierte muß sich hier ein halbes Buch lang mit naturwissenschaftlichen Zusammenhängen beschäftigen, ehe er zu den Schlußfolgerungen gelangt, die ihm bei seinen Erwerbsbemühungen helfen können. Aber ich habe nun doch nichts verändert. Denn es geht hier um so elementare Zusammenhänge, daß eine wirkliche Überwindung des uns gleichsam vorprogrammierten Fehlverhaltens nur gelingen kann, wenn man dessen Mechanik bis in seine ursprünglichen Wurzeln hinein versteht. Und das gleiche gilt auch für unser Verhalten der "Umwelt" - oder sagen wir besser der "Mitwelt" - gegenüber. Auch hier kann nur die so widersinnig erscheinende Ausrichtung auf fremden Vorteil zu solidem eigenen Vorteil verhelfen.

Prof. Dr. Hans Hass
Wien, den 26. Oktober 1998
 
 
 
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