Überleitung zum Buch "Energon"
Ehe wir uns dem "Geheimnis des Lebens" und der Energontheorie zuwenden, noch ein Wort über das Wesen der "Materie" - also der "Stoffe", aus denen alle Gestirne, Gebirge, Meere und Gase, aber auch alle Lebewesen bestehen.
Wie wir heute wissen, ist alle Materie aus Atomen aufgebaut. Diese wieder bestehen aus "Elementarteilchen", die 100.000 mal kleiner sind als sie selbst. "Protonen" und "Neutronen" bilden den in der Mitte liegenden Kern - und um diesen kreisen in großer Entfernung "Elektronen" mit einer Geschwindigkeit von nicht weniger als 8 Millionen Stundenkilometern. Somit besteht jedes Atom zum überwiegenden Teil aus leerem Raum, jedoch durch die enorme Geschwindigkeit und die Bindung an den Atomkern schaffen die Elektronen eine widerstandsfähige "Schale". Die Atome verfügen somit nur über wenig eigentliche Masse und sind in erster Linie von Kräften aufgebaut. Man kann sie somit auch als sehr konzentrierte "energetische Felder" auffassen.
Weitere Überraschung: Auch die Elementarteilchen selbst lassen sich zur Gänze in Energie zerstrahlen. Im Experiment ist es auch umgekehrt möglich, elektromagnetische Strahlung in Elementarteilchen zu verwandeln. Also Masse aus reiner Energie zu "erschaffen".
Nach dem von Einstein aufgezeigten "Masse-Energie-Äquivalent" entspricht jedem Kilo Materie - gleichwohl ob es Eisen oder Heu ist, Sauerstoff oder Diamanten - dem selben Energiewert von 1016 Joule. Zum Vergleich: Die über Hiroshima abgeworfene Atombombe setzte 8,8 . 1013 Joule frei und bewies damit sehr eindringlich, daß die Vorstellungen der modernen Atomphysik kein theoretisches Hirngespinst sind - sondern eine sehr konkrete Wirklichkeit.
Die Energontheorie, die im Folgenden dargelegt wird, behauptet, daß bei allen Lebewesen der Energieerwerb die wichtigste und zentrale Funktion ist. Und zwar deshalb, weil jede andere Funktion bereits Energie benötigt, also bereits erwirtschaftete Energieüberschüsse zur Voraussetzung macht. Ausgangspunkt der Energontheorie ist die Frage: Wie müssen materielle Strukturen beschaffen sein, um positive Energiebilanzen erwirtschaften zu können ? Sie gelangt zum Schluß, daß die vom Menschen gebildeten "Erwerbsstrukturen" (Mensch plus aller für seine Erwerbstätigkeit notwendigen Hilfsmittel), wie auch alle Wirtschaftsunternehmen und Staaten - trotz des so äußerst verschiedenen Erscheinungsbildes - in ihrem funktionellen Aufbau mit jenem der tierischen und pflanzlichen Körper übereinstimmen.
Nach den Ergebnissen der physikalischen Forschung kann Energie weder aus Nichts entstehen, noch zu Nichts zerstört werden. Sie kann sich wohl von einer Energieform in zahlreiche andere verwandeln, doch geht dabei nie etwas verloren. Bloß entsteht stets eine dritte Energieform ("Wärme"), die in die Umgebung entweicht (also der Umwandlung nicht zugute kommt). Somit muß von jedem Lebewesen weit mehr Energie aus Umweltquellen gewonnen werden, als bei den benötigten Funktionen (Leistungen) "ankommt".
In der menschlichen Wirtschaft wird über Tauschvorgänge (mit dem Vermittler "Geld") die erforderliche Energie erworben. Durch den Verkauf benötigter Produkte oder Dienstleistungen wird in einem ersten Schritt Geld "verdient" - und mit diesem dann Nahrung oder das Ergebnis der Leistungen anderer "gekauft". Während also Pflanzen die Energie der Sonnenstrahlen unmittelbar in ihren Dienst zwingen und Tiere durch Fressen anderer Lebewesen die in deren Gewebe enthaltene molekulare Bindungsenergie für sich nutzbar machen, gelangt der Mensch über Tauschvorgänge zu positiven Energiebilanzen. Die dazu nötigen Leistungen - so behauptet die Energontheorie - unterliegen prinzipiell gleichen Gesetzmäßigkeiten.
Als ich die Energontheorie in den Jahren 1960 - 1970 entwarf, war mir zunächst nur undeutlich klar, worauf ich mich da einließ. Es geht hier um eine Betrachtungsweise, die sich von jener der konventionellen Biologie in wesentlichen Punkten unterscheidet - und auch durchaus nicht jener der bisherigen Betriebs- und Volkswirtschaftslehre entspricht. In Abb. 1 ist der Unterschied symbolisch dargestellt: A zeigt den mächtigen Baum der Entwicklung immer neuer, noch mehr spezialisierter Wissenschaften, die sich alle aus der Beurteilung ableiten, die unsere sinnlichen Wahrnehmungen uns nahelegen. B zeigt die ganz andere, nicht am stofflichen sondern am energetischen "Erscheinungsbild" orientierte Beurteilung, die sich aus der Energontheorie ergibt. Das Bild läßt die große Schwierigkeit erkennen, welche dieser neuen Betrachtungs- und Bewertungsweise entgegensteht. Sie beschäftigt sich zwangsläufig mit den gleichen materiellen Phänomenen und dies legt die Reaktion nahe: "Das alles ist ja schon längst erforscht. Das braucht nicht nochmals erforscht zu werden !" In der Tat jedoch geht die neue Betrachtungsweise nicht wie bisher vom materiellen Erscheinungsbild der Lebensstrukturen und ihrer Teile aus, sondern von einer Analyse der sich über diese Strukturen fortsetzenden "Leistungen". Und da wir Energie nur selten mit unseren Sinnen unmittelbar wahrnehmen, sondern sie nur über geistige Tätigkeit erschließen können, ergibt sich zwischen der bisherigen Betrachtungsweise und dem neuen Denksystem ein sehr bedeutender Unterschied.

Abbildung: Andreas Hantschk
Die anfangs angeführte Äußerung von Konrad Lorenz zeigt die Dissonanz sehr deutlich. Für jeden heutigen Fachwissenschaftler muß es nahezu unzumutbar erscheinen, bisher nie angezweifelte Grundüberzeugungen einer neuen, kritischen Beurteilung zu unterwerfen. Ein Professor, der sich mit entsprechender Mühe sein Ordinariat erkämpft hat, wird sich nicht so leicht dazu bequemen, sich in Grundfragen erneut auf die Schulbank zu setzen. Wer sich auf die Energontheorie einläßt, verliert notwendigerweise den gewohnten Boden unter den Füßen und wird unerbittlich gezwungen, beinahe alles und jedes nochmals unter die Lupe zu nehmen und zu hinterfragen. Daß es dabei um Zusammenhänge geht, die bisher von völlig getrennten Wissenschaften behandelt werden, und dabei als selbstverständlich angesehene Grenzziehungen ihre Bedeutung verlieren, ist leider unvermeidbar und erschwert noch die Situation.
Wenn ich eingangs auf das Thema "Materie" kurz eingegangen bin, also auf den anorganischen Bereich unserer Welt, dann hat dies mit der Energontheorie im Grunde wenig zu tun. Andererseits aber zeigt es die bereits auch im anorganischen Bereich nachweisbaren Dissonanzen zwischen dem, was wir als "Stoff" und jenem, was wir als "Bewegung" bezeichnen. Das von der Energontheorie im Lebensbereich geforderte "Umdenken" hat somit im physikalischen Sektor bereits eine analoge Vorgeschichte.
Die gesamte Lebensentfaltung ist durch Energiepotenzierung gekennzeichnet. Alles Anorganische dagegen dadurch, daß Kräfte sich laufend miteinander auseinandersetzen und dabei in kürzere oder längere, stabile oder labile "Gleichgewichtszustände" gelangen. Leben ist aus dieser Sicht ein energetisches Phänomen, das sich dem normalen Trend zur "Entropierung" entgegenstellt. Aber auch hier gilt das Entropiegesetz. Die Machtpotenzierung zieht ganz automatisch eine ebenso gewaltige Steigerung an "Unordnung" in der Umwelt nach sich.
Bei der Niederschrift meines Buches wurde mir bald klar,
daß ich mich da - nach meinen Vorstößen in unbekannte
Meere, zu Haien und Pottwalen, - auf etwas sehr Eigenartiges und Schwieriges
einließ. Diesmal stand ich einer geradezu unübersteigbaren Mauer
von Schwierigkeiten gegenüber, die sich aus eingefahrenen Denkformen,
etablierten Lehrmeinungen und ideologischen Überzeugungen vor mir
aufbaute.