(Originalbuchseite 439)
IV

ZUR ERWEITERTEN EVOLUTIONSTHEORIE



Die evolutionäre Entwicklung der Steuerungsfunktion wird im folgenden in zehn Hauptstufen graphisch dargestellt. Man kann aus diesen Schemata ersehen, wie in einem ganz kontinuierlichen Übergang die Funktionen des Aufbaus von körperlichen Einheiten und von Verhaltensrezepten von einem Wirkungsträger (Genom) auf einen anderen (Zentralnervensystem) übergingen. Die Abtrennung des ersten Evolutionsteiles (Stufe 1 bis 7) vom zweiten (Stufe 8 bis 10), die sich in der bisherigen radikalen Abtrennung der Biologie von den Geisteswissenschaften äußert, ist, wie diese Stufenfolge zeigt, künstlich und verfälscht unsere Einschätzung der Wirklichkeit.
 
 
1. Stufe: Das Genom G (Erbrezept) übt
direkt eine Wirkung (f) aus. Das ist-
innerhalb der Zellen tausendfach der Fall.
2. Stufe: Das Erbrezept bewirkt den
Aufbau eines Wirkungsträgers (W), der
seinerseits eine bestimmte Funktion aus-
übt. Diese ist "passiv", sie bedarf keiner
weiteren Steuerung. Beispiel: Aufbau des
Innenskeletts oder Panzers bei einem
Einzeller. Ohne weitere Einflußnahme
von seiten des Erbrezeptes erbringen
diese Strukturen Stütz- und Schutzwir-
kungen.
3. Stufe: Das Erbrezept baut einen
"aktiven" Wirkungsträger auf und be-
wirkt in gesonderter Funktion (s) auch
die notwendige Steuerung. Beispiel: Auf-
bau von Geißeln und Befehlsübermitt-
lung an diese.
(Originalbuchseite 440)
 
 
4. Stufe: Der gleiche Vorgang wie bei
Stufe drei, doch baut in diesem Fall das
Erbrezept eine zum Wirkungsträger ge-
hörende zusätzliche Struktur auf (V),
welche die Steuerung von W besorgt: ein
Verhaltensrezept. Während also auf
Stufe drei das Erbrezept die Steuerung
des Wirkungsträgers, besorgen muß, wird
dieser auf Stufe vier "selbständig". Auf
Grund der Einheit V (wie immer diese
auch aussehen mag) kann er seine funk-
tionelle Bewegung selbst steuern. Dies
dürfte bei manchen Organellen inner-
halb von Zellen, etwa beim Centriol, der
Fall sein.
5. Stufe: Das Erbrezept baut ein beson-
deres Steuerungsorgan Z auf und stattet
dieses mit dem zur Steuerung von W
notwendigen Verhaltensrezept V aus. In
diesem Fall leistet das Erbrezept bereits
drei verschiedene Aufbaufunktionen (a,
b, c), bildet drei verschiedene körper-
liche Strukturen (W, V, Z) aus. Diese
Entwicklungsstufe ist bei allen Tieren,
die über ein Zentralnervensystem verfü-
gen, erreicht.
6. Stufe: Das Zentralnervensystem über-
nimmt den Aufbau des Wirkungsträgers
(a), entweder indem es diesen bereits fer-
tig aus der Umwelt beschafft (Beispiel:
der Einsiedlerkrebs, der ein fremdes
Schneckenhaus zu seinem Schutzorgan
macht), oder indem es den künstlichen
Aufbau einer zusätzlichen funktionellen
Einheit steuert (Beispiel: die Bildung der
Waben bei Bienen und Wespen, die Bil-
dung des Spinnennetzes und die Damm-
bauten der Biber). Das Verhalten ist in
diesem Fall angeboren: es wird durch die
vom Erbrezept aufgebauten Einheiten V
und Z bewirkt.
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7. Stufe: Das Zentralnervensystem über-
nimmt eine andere der auf Stufe fünf
vom Erbrezept ausgeübten Wirkungen a,
b und c, und zwar die Wirkung b: den
Aufbau des Verhaltensrezeptes V. Das
ist der für alle lernbefähigten Tiere typi-
sche Vorgang. Sie bauen in individueller
Auseinandersetzung mit der Umwelt (U)
das zur Steuerung ihrer Wirkungsträger
nötige Verhaltensrezept selbst auf. Bei
den "Lerntieren" erfolgt das im Vorgang
des "Spielens" und "Lernens". In diesem
Fall ist das Verhaltensrezept nicht "an-
geboren", es ist "erworben". Das Ver-
halten kann so den jeweiligen Besonder-
heiten der Umwelt angepaßt werden.
8. Stufe: Das Zentralnervensystem über-
nimmt nicht bloß eine, sondern zwei der
auf Stufe fünf vom Erbrezept ausgeüb-
ten Funktionen: erstens baut es (d) in in-
dividueller Auseinandersetzung mit der
Umwelt ein Verhaltensrezept (V) auf,
das dann (a) den Aufbau des Wirkungs-
trägers W bewirkt. Zweitens baut es,
ebenfalls in individueller Auseinander-
setzung mit der Umwelt (b), das weitere
Verhaltensrezept V2 auf, das die aktive
Funktion von W steuert. Beispiel: die
Herstellung und Verwendung eines
Speeres. Sowohl die Bildung (a) als auch
die Handhabung (s) dieses Wirkungsträ
gers müssen "gelernt" werden. Dieses
Schema kennzeichnet den Übergang von
den tierischen Leistungen zur mensch-
lichen Intelligenz. Es gilt für alle unsere
Werkzeuge, Waffen und Ausrüstungen,
die vom Gebraucher selbst hergestellt
werden.
9. Stufe: Hier wird der Wirkungsträger
W nicht mehr selbst aufgebaut, son-
dern ein anderes Energon (H) besorgt
dessen Bildung. Durch Gewalt oder
(Originalbuchseite 442)
 
 
durch einen Tauschvorgang (u) wird die-
ser "Hersteller" dazu gebracht, das Er-
gebnis seiner Anstrengung, also den Wir-
kungsträger W, abzutreten. Das dafür
nötige Verhaltensrezept (V) wird selbst
gebildet: durch "Lernen" und "Sammeln
von Erfahrung". Praktisch: Ein Mensch
stellt fest, daß ein anderer Mensch
Speere herstellt, und raubt ihm einen sol-
chen oder erwirbt diesen durch Tausch.
Das zur Verwendung dieses Wirkungs-
trägers notwendige weitere Verhaltens-
rezept V2 wird im Schema nicht mehr
selbst erworben, sondern durch Einwir-
kung der Umwelt aufgebaut. Dieser
Vorgang ist bei der Kindeserziehung ge-
geben und bei jedem Einfließen traditio-
nellen Wissens über den Weg der Spra-
che und der Schrift. Eine fördernde Um-
welt greift hier ein: der "Erzieher". Die-
ses Schema kennzeichnet alle Güterpro-
duktion innerhalb der arbeitsteiligen
menschlichen Gesellschaft. Einzelne
Energone ("Hersteller") spezialisieren
sich auf die Bildung benötigter Wir-
kungsträger und geben diese in einem
Tauschakt ab (Gewerbe, Industrie, Han-
del). Eine ungeheure Vielzahl von künst-
lichen Organen wird so erwerbbar.
10. Stufe: Das Zentralnervensystem ge-
langt nicht nur in die Verfügungsgewalt
des von einem anderen Energon (H)
hergestellten Wirkungsträgers W, sondern
erreicht, wieder über Gewalt oder Tausch
(u), daß auch die zweckmäßige
Bedienung dieses Wirkungsträgers (s)
durch ein anderes Energon (T) ausgeübt
wird. Das kann ein Tier sein (etwa ein
Ochse, der einen Pflug - W - zieht),
ein Mensch (etwa ein Wagenlenker) oder
eine Organisation (etwa ein Bauunter-
nehmen). Beide für diese Dienstbarma-
chung fremder Energone nötigen Ver-
haltensrezepte (V, V2) sind von der
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Umwelt (Gesellschaft) aufgebaut, wer-
den also in Gestalt von Erziehung und
Tradition übertragen. Das gleiche gilt
für ein drittes Verhaltensrezept (V3),
durch das ein anderes Energon (im
Schema auch wieder T) zu einer unmit-
telbaren Funktion veranlaßt wird. Bei-
spiele: Dienstleistung eines Friseurs,
eines Rechtsanwaltes, einer Versiche-
rungsgesellschaft. Auf dieses letzte
Grundschema lassen sich sämtliche
organisatorischen Verflechtungen inner-
halb der menschlichen Gesellschaft zu-
rückführen. Immer geht es darum, daß
andere Energone dazu gebracht werden,
entweder durch Bildung und Abtretung
von Wirkungsträgern das eigene Wir-
kungsgefüge zu vergrößern (H) oder
eine spezialisierte Tätigkeit, die den eige-
nen Zwecken dient, zu erbringen (T).
Diese letztere kann in einer unmittelba-
ren Tätigkeit bestehen (f2)oder in der
Bedienung beziehungsweise Steuerung
eines dem eigenen Wirkungsgefüge ange-
hörenden Wirkungsträgers (s). Die not-
wendigen Verhaltensrezepte können
(wie im Schema) gratis von der fördern-
den Umwelt (Erziehern, Stammesange-
hörigen) aufgebaut werden, oder ihr Er-
werb erfolgt durch Raub oder Tausch:
das entspricht dann wieder dem Verhält-
nis zu Energon H, das in diesem Fall als
Wirkungsträger ein Verhaltensrezept
bildet und abgibt.

 

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