ZUR ERWEITERTEN EVOLUTIONSTHEORIE
Die evolutionäre Entwicklung der Steuerungsfunktion
wird im folgenden in zehn Hauptstufen graphisch dargestellt. Man kann aus
diesen Schemata ersehen, wie in einem ganz kontinuierlichen Übergang
die Funktionen des Aufbaus von körperlichen Einheiten und von Verhaltensrezepten
von einem Wirkungsträger (Genom) auf einen anderen (Zentralnervensystem)
übergingen. Die Abtrennung des ersten Evolutionsteiles (Stufe 1 bis
7) vom zweiten (Stufe 8 bis 10), die sich in der bisherigen radikalen Abtrennung
der Biologie von den Geisteswissenschaften äußert, ist, wie
diese Stufenfolge zeigt, künstlich und verfälscht unsere Einschätzung
der Wirklichkeit.
| 1. Stufe: Das Genom G (Erbrezept)
übt
direkt eine Wirkung (f) aus. Das ist- innerhalb der Zellen tausendfach der Fall. |
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| 2. Stufe: Das Erbrezept bewirkt den
Aufbau eines Wirkungsträgers (W), der seinerseits eine bestimmte Funktion aus- übt. Diese ist "passiv", sie bedarf keiner weiteren Steuerung. Beispiel: Aufbau des Innenskeletts oder Panzers bei einem Einzeller. Ohne weitere Einflußnahme von seiten des Erbrezeptes erbringen diese Strukturen Stütz- und Schutzwir- kungen. |
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| 3. Stufe: Das Erbrezept baut einen
"aktiven" Wirkungsträger auf und be- wirkt in gesonderter Funktion (s) auch die notwendige Steuerung. Beispiel: Auf- bau von Geißeln und Befehlsübermitt- lung an diese. |
| 4. Stufe: Der gleiche Vorgang wie
bei
Stufe drei, doch baut in diesem Fall das Erbrezept eine zum Wirkungsträger ge- hörende zusätzliche Struktur auf (V), welche die Steuerung von W besorgt: ein Verhaltensrezept. Während also auf Stufe drei das Erbrezept die Steuerung des Wirkungsträgers, besorgen muß, wird dieser auf Stufe vier "selbständig". Auf Grund der Einheit V (wie immer diese auch aussehen mag) kann er seine funk- tionelle Bewegung selbst steuern. Dies dürfte bei manchen Organellen inner- halb von Zellen, etwa beim Centriol, der Fall sein. |
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| 5. Stufe: Das Erbrezept baut ein beson-
deres Steuerungsorgan Z auf und stattet dieses mit dem zur Steuerung von W notwendigen Verhaltensrezept V aus. In diesem Fall leistet das Erbrezept bereits drei verschiedene Aufbaufunktionen (a, b, c), bildet drei verschiedene körper- liche Strukturen (W, V, Z) aus. Diese Entwicklungsstufe ist bei allen Tieren, die über ein Zentralnervensystem verfü- gen, erreicht. |
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| 6. Stufe: Das Zentralnervensystem
über-
nimmt den Aufbau des Wirkungsträgers (a), entweder indem es diesen bereits fer- tig aus der Umwelt beschafft (Beispiel: der Einsiedlerkrebs, der ein fremdes Schneckenhaus zu seinem Schutzorgan macht), oder indem es den künstlichen Aufbau einer zusätzlichen funktionellen Einheit steuert (Beispiel: die Bildung der Waben bei Bienen und Wespen, die Bil- dung des Spinnennetzes und die Damm- bauten der Biber). Das Verhalten ist in diesem Fall angeboren: es wird durch die vom Erbrezept aufgebauten Einheiten V und Z bewirkt. |
| 7. Stufe: Das Zentralnervensystem
über-
nimmt eine andere der auf Stufe fünf vom Erbrezept ausgeübten Wirkungen a, b und c, und zwar die Wirkung b: den Aufbau des Verhaltensrezeptes V. Das ist der für alle lernbefähigten Tiere typi- sche Vorgang. Sie bauen in individueller Auseinandersetzung mit der Umwelt (U) das zur Steuerung ihrer Wirkungsträger nötige Verhaltensrezept selbst auf. Bei den "Lerntieren" erfolgt das im Vorgang des "Spielens" und "Lernens". In diesem Fall ist das Verhaltensrezept nicht "an- geboren", es ist "erworben". Das Ver- halten kann so den jeweiligen Besonder- heiten der Umwelt angepaßt werden. |
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| 8. Stufe: Das Zentralnervensystem
über-
nimmt nicht bloß eine, sondern zwei der auf Stufe fünf vom Erbrezept ausgeüb- ten Funktionen: erstens baut es (d) in in- dividueller Auseinandersetzung mit der Umwelt ein Verhaltensrezept (V) auf, das dann (a) den Aufbau des Wirkungs- trägers W bewirkt. Zweitens baut es, ebenfalls in individueller Auseinander- setzung mit der Umwelt (b), das weitere Verhaltensrezept V2 auf, das die aktive Funktion von W steuert. Beispiel: die Herstellung und Verwendung eines Speeres. Sowohl die Bildung (a) als auch die Handhabung (s) dieses Wirkungsträ gers müssen "gelernt" werden. Dieses Schema kennzeichnet den Übergang von den tierischen Leistungen zur mensch- lichen Intelligenz. Es gilt für alle unsere Werkzeuge, Waffen und Ausrüstungen, die vom Gebraucher selbst hergestellt werden. |
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| 9. Stufe: Hier wird der Wirkungsträger
W nicht mehr selbst aufgebaut, son- dern ein anderes Energon (H) besorgt dessen Bildung. Durch Gewalt oder |
| durch einen Tauschvorgang (u) wird die-
ser "Hersteller" dazu gebracht, das Er- gebnis seiner Anstrengung, also den Wir- kungsträger W, abzutreten. Das dafür nötige Verhaltensrezept (V) wird selbst gebildet: durch "Lernen" und "Sammeln von Erfahrung". Praktisch: Ein Mensch stellt fest, daß ein anderer Mensch Speere herstellt, und raubt ihm einen sol- chen oder erwirbt diesen durch Tausch. Das zur Verwendung dieses Wirkungs- trägers notwendige weitere Verhaltens- rezept V2 wird im Schema nicht mehr selbst erworben, sondern durch Einwir- kung der Umwelt aufgebaut. Dieser Vorgang ist bei der Kindeserziehung ge- geben und bei jedem Einfließen traditio- nellen Wissens über den Weg der Spra- che und der Schrift. Eine fördernde Um- welt greift hier ein: der "Erzieher". Die- ses Schema kennzeichnet alle Güterpro- duktion innerhalb der arbeitsteiligen menschlichen Gesellschaft. Einzelne Energone ("Hersteller") spezialisieren sich auf die Bildung benötigter Wir- kungsträger und geben diese in einem Tauschakt ab (Gewerbe, Industrie, Han- del). Eine ungeheure Vielzahl von künst- lichen Organen wird so erwerbbar. |
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| 10. Stufe: Das Zentralnervensystem
ge-
langt nicht nur in die Verfügungsgewalt des von einem anderen Energon (H) hergestellten Wirkungsträgers W, sondern erreicht, wieder über Gewalt oder Tausch (u), daß auch die zweckmäßige Bedienung dieses Wirkungsträgers (s) durch ein anderes Energon (T) ausgeübt wird. Das kann ein Tier sein (etwa ein Ochse, der einen Pflug - W - zieht), ein Mensch (etwa ein Wagenlenker) oder eine Organisation (etwa ein Bauunter- nehmen). Beide für diese Dienstbarma- chung fremder Energone nötigen Ver- haltensrezepte (V, V2) sind von der |
| Umwelt (Gesellschaft) aufgebaut, wer-
den also in Gestalt von Erziehung und Tradition übertragen. Das gleiche gilt für ein drittes Verhaltensrezept (V3), durch das ein anderes Energon (im Schema auch wieder T) zu einer unmit- telbaren Funktion veranlaßt wird. Bei- spiele: Dienstleistung eines Friseurs, eines Rechtsanwaltes, einer Versiche- rungsgesellschaft. Auf dieses letzte Grundschema lassen sich sämtliche organisatorischen Verflechtungen inner- halb der menschlichen Gesellschaft zu- rückführen. Immer geht es darum, daß andere Energone dazu gebracht werden, entweder durch Bildung und Abtretung von Wirkungsträgern das eigene Wir- kungsgefüge zu vergrößern (H) oder eine spezialisierte Tätigkeit, die den eige- nen Zwecken dient, zu erbringen (T). Diese letztere kann in einer unmittelba- ren Tätigkeit bestehen (f2)oder in der Bedienung beziehungsweise Steuerung eines dem eigenen Wirkungsgefüge ange- hörenden Wirkungsträgers (s). Die not- wendigen Verhaltensrezepte können (wie im Schema) gratis von der fördern- den Umwelt (Erziehern, Stammesange- hörigen) aufgebaut werden, oder ihr Er- werb erfolgt durch Raub oder Tausch: das entspricht dann wieder dem Verhält- nis zu Energon H, das in diesem Fall als Wirkungsträger ein Verhaltensrezept bildet und abgibt. |