(Originalbuchseite 436)
III

ÜBER MARSHALL McLUHAN


In seinem weitverbreiteten und umstrittenen Buch "Die magischen Kanäle" legt der kanadische Soziologe Marshall McLuhan eine Reihe von Gedanken vor, die von der Energontheorie her bemerkenswert sind. McLuhan überspringt die Energontheorie gleichsam - insofern, als er die Ausweitung des menschlichen Körpers durch die Gesamtheit der technischen Hilfsmittel geradezu als eine Selbstverständlichkeit hinstellt. Sein Interesse gilt den Rückwirkungen dieser Auswirkungen auf das "psychische und soziale Gefüge" der menschlichen Gemeinschaften und der Gesamtmenschheit schlechthin.

Auf das "technische Zeitalter", durch Arbeitsteilung und immer weitergehende Spezialisierung gekennzeichnet, seien wir nunmehr in das "elektrische Zeitalter" eingetreten. Durch die Elektrizität hätte nun schließlich auch das menschliche Zentralnervensystem eine immense Ausweitung erfahren: durch dieses neue ".Medium" würde der Mensch mehr und mehr mit der ganzen übrigen Menschheit verflochten. McLuhan schreibt: "Nach dreitausend Jahren der Explosion des Spezialistentums durch die technischen Ausweitungen unseres Körpers wirkt unsere Welt nun in einer gegenläufigen Entwicklung komprimierend." Durch Rundfunk, Fernsehen und so weiter werden Raum und Zeit geradezu aufgehoben. "Elektrisch zusammengezogen ist die Welt nur noch ein Dorf."

Eine Hauptthese McLuhans lautet: "Das Medium ist die Botschaft." Nicht der jeweilige "Inhalt" und die jeweilige Anwendbarkeit der Medien sind entscheidend, sondern die Medien an sich nehmen Einfluß und steuern die Formen des menschlichen Zusammenlebens. Ob eine Maschine Cornflakes oder Autos erzeugt, ist unwesentlich: die Maschine an sich "verändert unsere Beziehungen zueinander und zu uns selbst". Ebenso ist die Wirkung des Films "ohne Beziehung zu seinem Programminhalt". Die "Medien" - die Ausweitungen des menschlichen Körpers - schaffen einen"neuen Maßstab", sie "verlagern das Schwergewicht in unserer Sinnesorganisation". Die Eisenbahn führte zu einer "vollkommen neuen Art von Städten sowie auch der Arbeit und der Freizeit". Das Flugzeug, durch weitere Beschleunigung, führt "zur Auflösung dieser durch die Eisenbahn bedingten Form der Stadt, der Politik und der Gemeinschaft". Jedes Medium - an sich - hat die Macht, "seine eigenen Postulate dem Ahnungslosen aufzuzwingen".

(Originalbuchseite 437)

Welche Beziehung hat dieses - hier nur angedeutete Konzept - zur Energontheorie? Es geht um die Frage der Rückwirkung der künstlichen Organe nicht auf den einzelnen Menschen, zu dem sie gehören, sondern auf die Gemeinschaft. Das ist eine Problematik, die in diesem Buch nicht angeschnitten wurde. Die menschlichen Erfindungen an sich beeinflussen die Denkformen der Gemeinschaft: und damit die Gemeinschaftsverhaltensrezepte, die über Tradition und Erziehung in den Menschen einfließen. Die Essenz jedes künstlichen Organes ist das ihm zugrunde liegende Prinzip: die Gesamtheit der ihm innewohnenden Möglichkeiten. Diese Essenz ist es, die auf die Gemeinschaft zurückwirkt, sie tiefgreifend beeinflußt und verändert.

McLuhan unterscheidet zwischen "heißen" und "kalten" Medien: die heißen mit starker, die kalten mit nur geringer Einflußkraft. Von den "heißen" sagt McLuhan, sie haben "zerstörerische Kraft". Eines seiner Beispiele zeigt anschaulich, was gemeint ist: "Als australische Eingeborene Stahläxte von den Missionaren bekamen, brach ihre Kultur, die auf die Steinaxt aufgebaut war, zusammen. Die Steinaxt war nicht nur rar, sondern war immer ein grundlegendes Symbol männlicher Vormachtstellung gewesen. Die Missionare lieferten massenweise scharfe Stahläxte und gaben sie Frauen und Kindern. Die Männer mußten sie sogar von den Frauen ausleihen, was den Verlust der männlichen Würde zur Folge hatte." Hier erwies sich somit das künstliche Organ Stahlaxt als "heiß" - als höchst befähigt, Lebensformen zu beeinflussen und zu verändern.

Die "heißen" Medien - das ist McLuhans nächster Gedanke - erleben jedoch, sobald eine "kritische Grenze" überschritten wird, in ihrer Wirkung eine ",Umkehrung". Das Pendel ihrer Einflußnahme schwingt dann ins andere Extrem. So bewege sich etwa "die westliche Welt heute ostwärts, die östliche westwärts".

Sodann beschäftigt sich McLuhan mit den Wechselwirkungen zwischen den verschiedenen "Ausweitungen". Es ist ein "Bürgerkrieg, der in gleicher Weise in unserer Gesellschaft wie in der Seele jedes einzelnen tobt". Die künstlichen Organe beeinflussen und vermehren einander gegenseitig. Durch Verbindung verschiedener wurden "enorme Energien frei", kam es zu einer Vielfalt neuer Entwicklungen.

Jede menschliche Ausweitung - ein weiterer Gedanke McLuhans - führt zu einer Art "Betäubung" des Menschen, macht ihn "benommen, taub, blind und stumm". Für das Zentralnervensystem bedeute die Ausweitung eine Schockwirkung, gegen welche es sich durch diese Reaktion schütze. Die Selbsterkenntnis würde dadurch erschwert, ja unmöglich. Es gehe hier darum, das - durch die Ausweitung gestörte - innere Gleichgewicht wiederherzustellen.

McLuhan trägt seine Gedanken in einer Art vor, die manche Kritik rechtfertigt. Die Beispiele, mit denen er seine Thesen untermauert, sind zum Teil weit hergeholt, allzu bunt gemischt und oft wenig geeignet, seinen Standpunkt zu stützen. Der naturwissenschaftlich Denkende wird durch immer wiederkehrende unvertretbare Behauptungen und Verallgemeinerungen mißtrauisch gemacht, wenn nicht abgestoßen. Fast auf jeder Seite kommt es zu Gedankenfolgen, die in dieser Form der Verknüpfung von Ursachen und Wirkungen bestenfalls verblüffen,

(Originalbuchseite 438)

jedoch kaum ernst zu nehmen sind. Man gewinnt vielfach den Eindruck, daß McLuhan mit Absicht verblüffen will, um so Aufmerksamkeit zu erwecken.

Ich neige allerdings zur Ansicht, daß McLuhan einfach die Welt so darstellt, wie er sie sieht, ohne sich Mühe zu nehmen, den Interessierten auf einem gangbaren Weg in seine Gedanken einzuführen. So wie er die "Ausweitung der Menschennatur" als etwas Selbstverständliches und Gegebenes darstellt - obwohl bisher fast jedermann die Grenze ganz anders sah -, so überspringt er auch bei seiner Schilderung der Rückwirkungen die einfacheren Zusammenhänge und geht gleich zu extremen über, die zumeist - zumindest in dieser Darstellungsform - nicht nur dubios erscheinen, sondern auch anfechtbar sind.

Sollte die Energontheorie einmal Jünger unter den Studenten der Soziologie finden, dann würde ich ihnen eine genaue und nüchterne Prüfung der in den ersten siebzig Seiten des genannten Buches niedergelegten Gedanken anempfehlen. Sie stellen, so will mir scheinen, den richtigen Ausgangspunkt dar, um die Rückwirkungen der künstlichen Organe auf die Menschengemeinschaften, als einen Schlüssel zum Verständnis ihres Verhaltens, zu studieren.

Der Gedanke einer sich heute vollziehenden "Implosion" und der Bildung eines Kollektivbewußtseins erinnert an die Vorstellungen von Teilhard de Chardin, nur beruht er hier nicht auf der Hoffnung einer "Vereinigung durch Liebe", die leider eine Utopie sein dürfte, sondern auf der konkreten Gegebenheit einer weltenweiten Ausweitung unserer Sinnesorgane und damit unseres Zentralnervensystems. Es ist, meines Erachtens, sehr richtig, daß auf eine Periode der immerwährenden Machtsteigerung durch Anfügung zusätzlicher Einheiten an den genetischen Körper des Urmenschen nun andere Phänomene in den Vordergrund treten. Die Rückwirkungen dieser künstlichen Erweiterungen und ihre gegenseitige Wechselwirkung werden für die menschlichen Lebensformen mehr und mehr bestimmend, weil durch die elektrischen Massenmedien jeder mit dem übrigen immer inniger und unmittelbarer verbunden wird. "Im Zeitalter der Elektrizität wird die ganze Menschheit zu unserer eigenen Haut."
 
 

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