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II

ÜBER TEILHARD DE CHARDIN


Pater Teilhard war kein Wahrheitssucher im eigentlichen Sinne. Er suchte nicht nach der Wahrheit an sich - nicht nach einer Wahrheit, wie immer diese auch aussehen mochte. Er unternahm eine Art Kreuzzug für den christlichen Glauben.

Die "Lauheit" der heutigen Christen bedrückte ihn. Auf seinen Fahrten durch viele Teile der Welt - lange weilte er beispielsweise in China - erlebte er die geistige "Unruhe im Herzen der Ordensleute und Priester". Irgend etwas, so schrieb er, "klappe zwischen den Menschen und Gott nicht mehr". Die Vernachlässigung der naturwissenschaftlichen Erkenntnisse durch die Kirche erachtete er als einen schwerwiegenden Fehler - ja als eine Mißachtung Gottes. Da ja - im Sinne des christlichen Glaubens - die Welt ein bewußtes und so gewolltes Werk Gottes ist, konnten Einzelheiten dieser Schöpfung der göttlichen Offenbarung nicht widersprechen. Deshalb erklärte er, die Theologie dürfe nicht länger die Augen vor den Ergebnissen der Forschung verschließen, "sie dürfe nicht auf die geringste der so gewonnenen Wahrheiten verzichten".

Teilhard zog die Konsequenz und übersiedelte vorbehaltlos und konsequent in dieses andere Lager. Zwischen dem christlichen Glauben - der christlichen Wahrheit - und den Ergebnissen der Forschung mußte es eine Brücke, eine Synthese geben. Pater Teilhards Lebenswerk bestand darin, nach dieser Verbindung zu suchen. Er fand eine, die ihn persönlich zufriedenstellte, und verfocht sie bis zu seinem Tod.

Wie sieht diese Verbindung aus?

Das erste Anliegen Teilhards richtete sich darauf, dem Planeten Erde und dem darauf lebenden Menschen die zentrale Bedeutung zurückzugeben. Seit Kopernikus und Galilei drehte sich nicht mehr das Universum um die Erde. Die Erde war nur noch ein unbedeutendes Staubkorn in der unendlichen Vielzahl anderer Himmelskörper. Der Mensch selbst war - seit Lamarck und Darwin - nicht mehr etwas Einmaliges, von der Natur Abgesondertes, von Gott persönlich zum Zwecke einer Art von Prüfung auf diese Erde Gepflanztes: er war ein Verwandter des Affen - ein Verwandter der Krebse, Würmer und Bakterien. Teilhard entwarf zwei Konzepte, welche diese so unerfreuliche Situation radikal veränderten. Erstens: die Materie hat in toto Bewußtsein - Bewußtsein ist eine "allen

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Korpuskeln gemeinsame universelle Eigenschaft". Zweitens: Nicht die "Dimensionen" Klein und Groß - welche den Planeten Erde innerhalb des Universums zu einem Staubkorn machen - sind das ausschlaggebende. Eine andere, dritte Dimension ist ausschlaggebend: jene der anwachsenden "Komplexität". Durch "Verdichtung" der Materie käme es zu einem "Aufstieg des Bewußtseins" ... Den Menschen nannte Teilhard das "komplexeste", das zutiefst "zentrierteste aller Moleküle".

Die Gestirne sind gleichsam "Laboratorien", in denen eine Evolution der Materie vor sich geht. Aber hier entstehen nur recht einfache Atome oder Verbindungen. Die Planeten dagegen seien der Platz, wo - in der dritten Dimension - eine weitere Entfaltung des Geistigen möglich ist. Das "Seelische" folge dichtauf: Sobald sich die Atome zu Molekularstrukturen aus Hunderttausenden und Millionen von Atomen zusammenballen, käme es dahin, daß "die materiellen Korpuskeln sich beseelen, sich vitalisieren". Teilhard schreibt: "Ohne die biologische Evolution, die das Gehirn aufgebaut hat, gäbe es keine geheiligte Seele."1 In der menschlichen Seele sei schließlich der "höchste Psychismus" erreicht.

So gibt Teilhard dem Staubkorn "Planet Erde" und dem darauf lebenden Staubkorn "Mensch" wieder seine Bedeutung zurück. Hier - und nur eben hier - konnte dieser gottgewollte Vorgang stattfinden.

Innerhalb der menschlichen Gemeinschaft fände nun eine weitere "Verdichtung" des Geistig-Seelischen statt. Ein Prozeß "fortlaufender Einswerdung" fände hier statt. Ein "Super-Leib" bilde sich: ein "neues Stockwerk im Gebäude des Lebens". Es bilde sich, wie er sagt, "ein hyper-komplexes, hyper-zentriertes und hyper-bewußtes Über-Molekül". Nunmehr, nach den Phasen der Vitalisation (Lebensentfaltung), der "Hominisation" (der menschlichen Entfaltung) käme es zur dritten, letzten Phase: zur "Planetisation". Durch einen Akt "universeller Liebe" vereint, käme es zu einem totalen Einswerden - zu einer "totalen Reflexion" des Bewußtseins. Die so entstandene Gesamtseele löse sich schließlich vom Planeten Erde - ihrer Geburtsstätte - ab, "entmaterialisiere sich". Der kritische Reifungspunkt sei dann erreicht, und das Psychische verbinde sich mit "der irreversiblen Essenz der Dinge". Am "Zielpunkt seiner Zusammenziehung und Totalisation in sich selbst" kehrten dann die Sterne und die Erde zu der "verblassenden Masse der ursprünglichen Energie zurück", und das Psychische ginge zu Gott - an den "Punkt Omega", wie er sich naturwissenschaftlich ausdrückte - ein. So würde es dann schließlich nur noch Gott geben "alles in allem". Dieser Ausspruch des Paulus dürfte Leitstern für den Gedankenbau, den Pater Teilhard ebenso überzeugt wie überzeugend errichtete, gewesen sein. Noch auf der letzten Seite seines Tagebuches, drei Tage vor seinem Tod, erwähnte er ihn.

Pater Teilhard, der wohl konsequenter als irgendein Priester vor ihm naturwissenschaftlich dachte, konnte kaum übersehen, daß die Anzeichen für ein "Sich-in-Liebe-Vereinen der Menschheit" gering sind. Er sprach von einer "planetaren Kompression". Die zunehmende ",Kollektivierung" bedrücke wohl den einzelnen, sie sei aber ein unabwendbarer Prozeß: eine "Geburtskrise". Den totalitären

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Staaten, dem Geburtenüberschuß, den Kriegen, selbst der Atombombe wußte Teilhard - an eine von Gott so gewollte Welt glaubend - Positives abzugewinnen. Der gegenwärtigen "Zwangsphase" würde eine "Freiheitsphase" folgen. Die immer stärkere Kompression der Menschheit, durch alle diese, wenn uns auch unangenehme Mittel begünstigt, würde nicht zu einer "absurden Versklavung" führen. Es sei vielmehr "das Sprossen eines Zweiges, der eines Tages noch stärkere Individuen tragen" würde. Er schrieb: "Die wirkliche Vereinigung erstickt nicht, sie verschmilzt nicht die Elemente: sie supradifferenziert sie in der Einheit."2

Teilhard glaubte, daß dieser - aus nüchterner Sicht etwas unwahrscheinliche - Vorgang durch außerirdisches Einwirken bewirkt würde. Vom Punkt Omega - also von Gott - gingen gleichsam Strahlen aus, die bisher nur von den "mystischen Menschen" wahrgenommen würden. Dieser Einfluß würde sich verstärken. Ein "mächtiges Feld innerer Anziehung würde so entstehen, in dem alle von innen her ergriffen würden".

Wieweit diese Lehre dem Christentum in seinen heutigen Schwierigkeiten hilft, ist eine Frage, die hier nicht zur Diskussion steht. Jedenfalls aber ließ Pater Teilhard die Evolution als ein Ganzes sehen, als eine Entwicklung, die über den Menschen hinweg fortschreitet, die, vom Organischen ihren Ursprung nehmend, über eine kontinuierliche Verdichtung und Komplizierung zu immer größeren Einheiten - den Lebenskörpern - führt und auf diese Art zu einem immer höheren Bewußtsein, zu einer immer weitere Schichten umfassenden "Gesamtseele". Teilhard sprach von einer sich entfaltenden "denkenden Schicht" der Erde, von einer "Aureole" sie umschließender "denkender Energie". Wenn bei Teilhard vom "Geist der Erde" die Rede ist, dann ist das nicht poetisch gemeint, sondern im Sinne dieser Werte. Er bezeichnete die Gesamtheit der vom Menschen "vitalisierten Materie" als Noosphäre und sah in ihr eine eigene "zoologische Schicht".

Auf diesem Entwicklungsweg kam Teilhard zu ähnlichen Schlußfolgerungen wie jene, die in diesem Buch dargelegt werden. Er kam ebenfalls zur Ansicht, daß die vom Menschen künstlich geschaffenen Strukturen nicht als etwas vom Lebensprozeß Gesondertes angesehen werden dürften. Unser "künstliches" Tun sei bloß eine "transformierte Verlängerung" des natürlichen Tuns der übrigen Lebewesen. "Auf höherer Ebene und mit anderen Mitteln" setzt der Mensch "die unterbrochene Arbeit der Evolution fort."3 Das Werkzeug ist "das Äquivalent des differenzierten Organs in der Tierreihe", es ist - und hier macht Teilhard seinen Standpunkt ganz klar - "das wirkliche Homologon und nicht die oberflächliche, aus einer banalen Konvergenz entstehende Nachahmung".4 Teilhard schreibt: "Dasselbe Individuum kann abwechselnd Maulwurf, Vogel oder Fisch sein." Als einziges unter allen Tieren "hat der Mensch die Fähigkeit, Abwechslung in sein Werk zu bringen, ohne endgültig sein Sklave zu werden". Er kann sich verwandeln, "ohne sich somatisch zu binden".

(Originalbuchseite 435)

Auch Teilhard sah in jedem Individuum der Tier- und Pflanzenreihe ein "Vermittlungsorgan" - einen "Durchgangsort" der Lebensentwicklung. Der Mensch werde durch eine "andere, höhere Einheit beherrscht".

Teilhard sah in dieser höheren Einheit etwas anderes als den durchaus ziellos-kausalen Prozeß einer Energieentfaltung, in dem die Energontheorie den Ursprung aller Lebenserscheinungen erblickt. Hier konnte er - gemäß seiner Grundeinstellung - kaum zu einer anderen Vorstellung gelangen. Im übrigen aber schätzte er den Menschen ganz ähnlich ein: als Vermittlungsorgan und Durchgangsort.
 
 

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Anmerkungen:

1 "Die Zukunft des Menschen", München 1963, S. 37.
2 "Auswahl aus dem Werk", Frankfurt 1967, S. 85. Dieses Buch ist als Einführung in die Gedankenwelt von Teilhard besonders zu empfehlen.
3 "Auswahl aus dem Werk", S. 40.
4 Ebenda, S. 53.