ÜBER DAS WORT "SEELE"
Wenn in diesem Buch die Worte "Seele" und "seelisch" tunlichst vermieden wurden, dann hat das einen konkreten Grund, der kurz dargelegt werden soll. Es dürfte nämlich nicht viele andere Worte geben, die so viele verschiedene Bedeutungen haben, oder, anders ausgedrückt: nicht viel anderes, das auf so vielen verschiedenen "Gehirnschubladen" zum Einordnen von Begriffen als Wortetikett angeheftet wird.
Nach vielen alten Glaubensvorstellungen löst sich die Persönlichkeit des Menschen nach seinem Tod vom Körper ab und lebt in unsichtbarer Gestalt weiter. Die christliche Religion lehrt, daß die Seele dem Menschen von Gott eingehaucht und unsterblich ist. Sie kann leiden und Veränderungen erfahren. Sie wird von Sünden "befleckt" und wieder "reingewaschen", muß büßen oder geht in einen Himmel ein. Nach der Anschauung des Buddhismus besiedelt die Seele in Reihenfolge zahlreiche Körper, auch solche von anderen Lebewesen. Sie ist dem "Ich", dem Bewußtsein, zugehörig: mit dem Tode des Menschen geht das Bewußtsein ebenfalls aus ihm aus. Auch die Pythagoreer glaubten an eine solche "Wanderung" der Seele.
Während also nach dieser Vorstellung die Seele ein von Gott geschaffenes oder sonst in die Welt gekommenes Etwas ist, das mit materiellen Körpern verbunden in Erscheinung tritt und sich wieder von ihnen löst, ist sie nach anderer Vorstellung der Teil eines "Allgeistes", einer unteilbaren "Weltseele", ein Teil Gottes selbst. Für Spinoza waren Seele und Körper ein und dasselbe Ding, eine "Ausdrucksform" der "göttlichen Substanz". Die "Allseele" manifestiert sich nach vielfacher Vorstellung in der gesamten Welt, auch in den Gesteinen und Gestirnen. Wie Plotin sagte, "emaniert" das Körperliche aus dem Seelischen. "Die Seele ist eher als der sichtbare Leib", der Leib ist "Werkzeug der Seele" (Schubert). Für Emerson und Suabedissen ist der Mensch somit ein Organ dieser "Überseele".
Wieder anders sahen Aristoteles und viele nach ihm die Seele. Sie ist kein Wesen, das vom lebenden Körper getrennt existiert, sondern eine Kraft, die den Leib zum Lebendigen macht. Sie ist ein gestaltendes Prinzip, sie kommt auch schon den Pflanzen zu. Sie ist ein Formprinzip: Leib und Seele verhalten sich zu-
(Originalbuchseite 428)
einander wie Stoff und Form (Duns Scotus). Kritolaos nannte die Seele "Quinta essentia". Nach E. Becher ist sie der "führende Faktor" in den Organismen. Die Aristotelische Bezeichnung "Entelechie" wurde von H. Driesch übernommen. Die Seele ist eine ganzmachende ordnende Kraft, nur ein Teil der Seele sei im Menschen bewußt: das "lch".
Plato dagegen sah im Leib ein "Fahrzeug" der Seele, das sie wie ein "Steuermann" lenkt. Das erscheint ähnlich, ist aber eine grundsätzlich andere Vorstellung: ein Steuermann lenkt bloß ein Schiff, konstruiert und baut es jedoch nicht. Damit haben wir schon vier höchst verschiedene Begriffe, die mit dem gleichen Wort bezeichnet werden. Erstens: sie (die Seele) ist ein Etwas, das in den Körper hineinschlüpft und diesen wieder verläßt. Zweitens: sie ist Bestandteil einer an sich unteilbaren "Allseele", ein Teil Gottes, der sich in der gesamten Welt, auch den Gestirnen, manifestiert. Drittens: sie ist eine zur Ordnung hin lenkende Kraft, welche die Organismen aufbaut. Viertens: sie ist eine steuernde Kraft, die den Körper lenkt.
Manche Denker sahen in der Seele das Prinzip aller Bewegung. Thales von Milet erklärte, auch der Magnet habe Seele, weil er das Eisen bewegt. Einige Pythagoreer sahen in den "Sonnenstäubchen oder das sie Bewegende" die Seele. Heraklit sah in der Seele "feinste unkörperliche Materie, einen Teil des Urfeuers". Hier wird Seele weitgehend dem heutigen Begriff "Energie" gleichgesetzt.
Alkmaion sah in der Seele "eine sich selbst bewegende Zahl, die ihren Sitz im Gehirn hat". Auch Xenokrates nannte sie "die sich selbst bewegende Zahl". Agrippa sprach von einer "substantiellen Zahl".
Im krassen Gegensatz zu so subtilen Seelenauffassungen erklärte der Arzt Virchow: "Wenn ich untersuche, was unter dem Begriff Seele zusammengefaßt wird, so komme ich zu einer Reihe von organischen Tätigkeiten, die sich überall an bestimmte Teile des Körpers knüpfen, die ganz bestimmt lokalisiert sind, wo es durchaus unmöglich ist, daß die Kraft wegläuft und das Organ verläßt." Sobald dieses Organ nicht mehr da ist, sei von ihrer Tätigkeit "gar nichts zu finden", "gar nichts nachzuweisen". Hobbes erklärte, Seele und Gehirn seien identisch. Nicht eben sehr zartfühlend gegenüber den anderen Seelenauffassungen provozierte der Zoologe C. Vogt diesen "materialistischen" Standpunkt. Er sagte: "Das Gehirn sezerniert die Seele wie die Niere den Urin."
Ein anderer Konflikt in den Standpunkten betrifft das Verhältnis Seele und Geist. R. Martin und K. Saller zitieren in ihrem Lehrbuch der Anthropologie (1966) als moderne Definition der Seele jene von Fischel. Dieser sieht in der Seele "die erlebende zielstrebige Gesamtheit aller anklingenden, steuernden und schaffenden überkörperlichen Regungen" (meines Erachtens ein Beispiel dafür, daß die Seelendefinitionen seit den griechischen Philosophen nicht wesentlich an Klarheit gewonnen haben). Und vom Geist sagt er, dieser sei eine der Seele gegenüber selbständige, aber von ihr geformte Ganzheit aller höheren Gedächtnisinhalte, der Ideale und der Alltagserfordernisse, die insgesamt Erlebnisse bedingen können. Wenn ich recht verstehe, heißt das: die Seele bildet - zumindest weitgehend -
(Originalbuchseite 429)
den Geist. Teilhard de Chardin - auf dessen Weltbild ich in Anhang II näher eingehe - erklärt sehr klar, daß eine gesteigerte Verdichtung des Geistigen (das aller Materie innewohne) zur Bildung der Seele führt.
Sehr viele teilen mit Cicero die Ansicht, daß die Seele stofflicher Natur sein müsse, "denn nur Stoffliches kann wirken und leiden". Der Wiener Psychologe H. Rohracher dagegen schreibt: "Wer ist glücklich oder unglücklich? Vielleicht das Gehirn? Die Frage stellen, heißt sie verneinen." Die Ganglienzellen und die Atome könnten nicht leiden, die Materie könne weder Angst noch Hoffnung empfinden: "Der Mensch ist mehr als sein Gehirn." Demokrit lehrte, die Seele bestünde aus fernsten, beweglichen, runden Atomen, die zwischen die Körperatome des Organismus eingelagert seien. Dagegen erklärte Descartes, die Seele sei unausgedehnt. Nach Reinhold Lotze und Hans Sihler sind die Bewußtseinsvorgänge "raumlos" und daher "grund- und wesensverschieden" von den körperlichen Vorgängen, die sich in den Nerven und im Gehirn abspielen. Man könne sie mit diesem Prozeß überhaupt nicht vergleichen. "Dieses Neue nennen wir das Seelische."
Nicht wenige Denker hielten die Seele gar nicht für eine Erscheinung, sondern deren zwei. Nach Numenios habe der Mensch zwei Seelen: eine vernünftige und eine vernunftlose. Die Manichäer unterschieden zwischen einer "Lichtseele" und einer "Leibesseele"' (so auch der frühe Augustinus), Wilhelm von Occam unterschied zwischen einer "sensitiven"' und einer "intellektiven" Seele. Solche Vorstellungen reichen weit zurück. Im Buddhismus wird zwischen einer Lebenskraft ("akegerun") und der geistigen Seele ("erkin sunesun") unterschieden - sehr ähnlich auch in der Bibel zwischen "nephesch" (einem im Blute befindlichen Lebensprinzip) und "rûach" oder "n’schama". Für Aristoteles kam neben dem allen Organismen zukommenden psychischen Gestaltungsprinzip im Menschen noch der Geist hinzu, der vom Körper trennbar und unsterblich ist: "eine andere Art von Seele".
Kant erklärte, die "Seele" sei nur "das Subjekt der Bewußtseinsprozesse", sie sei kein "Ding an sich". Gemeint ist damit, daß unser Gehirn, an das Zusammenfassen von Erscheinungen in "Begriffe" gewöhnt, schließlich daran glaubt, daß diese Begriffe - das Ergebnis seiner eigenen Tätigkeit - etwas Reales sind. Ein Beispiel: Eine Vielzahl von Bäumen nennen wir einen "Wald". Das aber, was wir Wald nennen, sind nur eben zahlreiche beieinander stehende Bäume. Trotzdem bezeichnen wir diese geistige Zusammenfassung mit einem Hauptwort, wir machen es zu einem Subjekt, dem wir Eigenschaften beilegen. Der Wald ist dicht, er verfärbt sich, er wird abgeholzt. Ganz in diesem Sinne machen wir - wie Wundt sagte - die Gesamtheit unserer psychischen Erfahrungen (also unserer "Innenerlebnisse") zu einem "Subjekt, dem wir alle einzelnen Tatsachen des psychischen Lebens als Prädikate beilegen". Die "Seele" ist demnach - wie L. Knapp sagte - eine "Abstraktion von Bewußtseinsvorgängen" und besteht nur eben aus den Bewußtseinserscheinungen, "welche der Stoffwechsel in dem lebenden Nerv produziert". Besonders klar legt Jodl diesen Standpunkt dar. Nicht eine "Seele" hat "Zustände oder Betätigungen, wie Empfinden, Vorstellen, Fühlen, Wollen, son-
(Originalbuchseite 430)
dern die Gesamtheit dieser Funktionen eines lebendigen Organismus ist seine Seele".1
Auch Schopenhauer und Nietzsche waren dieser Ansicht. Das Wort Seele ist bloß ein Wort: ein Sammelbegriff für unser Innenerleben. Hume sprach von einer Vielheit der Wahrnehmungen in ständiger Veränderung und Bewegung ohne eigentlichen Träger. Die meisten heutigen Naturwissenschaftler teilen diese Auffassung. Das Wort "Seele" oder "seelisch" baut sich aus den im Organismus ablaufenden Funktionen auf. Es ist, wie R. Eisler es im "Wörterbuch der philosophischen Begriffe" definiert, "die von innen erfaßte, sich unmittelbar in ihrer Eigenqualität erlebende Organisation, von welcher die einzelnen Bewußtseinszustände abhängig sind, durch deren Zusammenwirken sie selbst konstruiert und charakterisiert ist".
Dies führt dann zur Frage, wieweit auch den Tieren und Pflanzen ein solches Innenerlebnis - eine solche "Seele" - zugebilligt werden kann. Dazu äußerte R. Woltereck, daß man die Bezeichnung "seelische Vorgänge" nur auf die höher differenzierten Tiere (Warmblüter) anwenden solle. "Es ist zum mindesten geschmacklos, das Erleben einer Darmzelle oder einer Kartoffel als psychisch zu bezeichnen."2
Sodann ist bei diesem Standpunkt zu fragen, welche Funktionen, die uns Innenerlebnisse vermitteln, als seelisch bezeichnet werden sollen. Alle? Auch hier gibt es sehr verschiedene Abgrenzungen von "Begriffsschubladen". Als Hauptkategorien werden meist genannt: Empfinden, Fühlen, Wollen und Denken. Doch es gibt viele, die in das "Seelische" die eigentlichen Denkakte nicht einbeziehen, sondern nur die "Gefühlswelt". So sagte etwa Helvetius, die Seele sei "nur die Fähigkeit zu empfinden" ("la faculté de sentir"). Wenden wir uns - schließlich - dem allgemeinen Sprachgebrauch zu, dann zeigt sich, daß es im allgemeinen mehr die Gefühlswelt ist, die als das "Seelische" angesprochen wird. Ein brillanter Kopf kann völlig "seelenlos" sein, ein eher geistig beschränkter dagegen "die Seele von einem Menschen". Und auch nicht alle Gefühle werden - in der Regel - unter "seelisch" angeführt, sondern meist nur die positiven, für die Mitmenschen angenehmen. Kunstverständnis, Takt, Nächstenliebe, Tierfreundlichkeit, Charme, Liebesfähigkeit, Treue und ähnliches sind "seelische Werte" - kaum dagegen Wut, Neid, Hinterlist, Bosheit, Sadismus und so weiter. Niemand hat diese Auffassung besser ausgedrückt als Goethe:
(Originalbuchseite 431)
werden, welch mangelhaftes Werkzeug Worte sein können. Ihre Funktion ist es, Verständigung zwischen Menschen zu ermöglichen. Heftet nun der eine sie als Symbol auf eine "Begriffsschublade" und ein zweiter auf eine ganz andere, benützen beide in einer Diskussion das gemeinsame Wort, dann "reden sie aneinander vorbei" - nicht viel anders, als ob sie verschiedene Sprachen sprächen. Solche Arten von Diskussionen gab es zu allen Zeiten und gibt es noch heute in großer Zahl. Auch hier möchte ich mit Goethe schließen:
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Anmerkungen:
1 "Lehrbuch
der Psychologie I", 1909, S. 109.
2 "Grundzüge
einer allgemeinen Biologie", Stuttgart 1932, S. 532.