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VII

HEUTE UND MORGEN


Wer sich über die Wirklichkeit nicht hinauswagt, wird nie die Wahrheit erobern.
Friedrich Schiller (1759-1805)


Die Freiheit wird unseren Kindern so wenig als eine gebratene Taube ins Maul fliegen, als sie je irgendeinem Volk der Erde also gebraten ins Maul geflogen.

Pestalozzi (1746-1827)
1

Im Rahmen der Gesamtevolution zeigt das menschliche Wirken ein doppeltes, ja zwiespältiges Gesicht. Einerseits ist dieser "Mensch" das erfolgreichste Energon: er wird zur Keimzelle für unzählige größere Energone, in deren Gefüge er selbst zu einer immer kleineren Einheit wird. Diese größeren Körper fesseln ihn, unterjochen ihn, berauben ihn der eigenen Freizügigkeit. Anderseits wächst sein Streben nach "Freiheit", nach individueller Lebensgestaltung, individuellem Lebensgenuß: er konzentriert sich also individuell auf sich selbst. Diese zweite Tendenz bringt ihn - zunächst geringfügig, doch im Lauf der Entwicklung dann immer mehr - in Konflikt mit den Interessen des Lebensstromes, der ihn hervorgebracht hat.

Es lassen sich bei dieser Divergenz drei Komplexe unterscheiden.

Erster Komplex: der Kampf des Menschen gegen die Unterdrückung durch andere Menschen. Hierher gehört vor allem das, was wir in der Umgangssprache "Klassenkämpfe" und "Befreiungskämpfe" (gegen Unterdrückung durch andere Völker oder durch Zwangsregierungen) nennen. Einzelne Menschen bauen erfolgreiche Berufskörper auf, schaffen sich Machtpositionen und festigen sie durch Übertragung auf eine Nachkommenschaft. So werden andere Keimzellen "Mensch" am "freien Fortkommen" behindert, diese und jene Erwerbsmöglichkeit wird ihnen abgeriegelt. Sie werden so durch andere - über Zwang - zu Wirkungsträgern oder zur Melkkuh gemacht.

Dieser Entwicklung sieht der Lebensstrom - wenn ich mir nochmals diese Personifizierung erlauben darf - indifferent und uninteressiert zu. Solche Machtkämpfe, Unterdrückungen, Ausbeutungen gehören von Anbeginn der Evolution

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zum täglichen Einerlei. Durch ebendiese Vorgänge wurde die Gesamtentwicklung hochgetragen. Wenn sich im Fall des Menschen Keimzellen von Energonen gegen andere Energone wenden, dann ist das zwar neu - doch am Wendepunkt Mensch änderte sich auch vieles andere. Schädigend sind diese Vorgänge jedenfalls für die Gesamtentwicklung nicht. Sie treiben den Menschen zu neuen Leistungen, neuen Ideen: sie dienen in diesem Sinne dem Fortschritt und liegen durchaus im Interesse des Lebensstromes.

Zweiter Komplex: Der Mensch strebt nach individuellem Luxus. Das ist ebenfalls, zumindest in diesem Ausmaß, eine neue Tendenz in der Evolution. Sie läßt plötzlich das Individuum gegenüber der Art in den Vordergrund treten. Das Individuum führt plötzlich seine Überschüsse nicht mehr dem Aufbau von anderen Energonen zu, sondern bildet rings um sich Luxuskörper - manchmal außerordentlich große und vielseitige. Auch das ist, wenn man so will, eine Art von Befreiung von bisherigen Ketten. Die gesamte menschliche Kultur (soweit sie eine Ausgabe von Überschüssen zur Erhöhung der Annehmlichkeit bedeutet) ist eine Riesenwucherung von solchen Luxuskörpern. Teils sind es zu Individuen gehörende (Jacht, Harem, Gemäldesammlung), teils sind es Luxusgemeinschaftsorgane (Prachtbauwerke, Lunaparks, Luxushotels).

Auch diese Tendenz ist größtenteils für den Lebensstrom - also für die Gesamtenergonentwicklung - vorteilhaft. Denn ebendiese Luxuskörper werden zum Erwerbsfeld für andere Energone, die diesen zusätzlichen Bedarf zu ihrer Erwerbsbasis machen. Ja sie werden überhaupt zum stärksten Motor in dieser zweiten Phase der Evolution, die am Wendepunkt "Mensch" einsetzte.

Dritter Komplex: Manche Menschen "kehren sich in sich selbst", werden "genügsam". Auch sie streben nach "Genuß", doch dieser ist von solcher Art, daß er nur geringfügig Energieausgabe erfordert. Diese Typen freuen sich "am Dasein selbst". Sie erkunden und entwickeln in sich subtile Regungen - ihre Aktivität ist nicht mehr auf Eroberung und Umwälzung gerichtet, sondern auf ihre eigene Existenz.

Vom Lebensstrom her betrachtet, sind das gleichsam "Abtrünnige". Sie nehmen ein enormes Entwicklungskapital als Geschenk in Empfang, und statt es mit Zinsen zurückzuzahlen, freuen sie sich. Die auf einen Zweck abgestimmte Struktur wird für sie zu einer Art von Musikinstrument. Sie spielen gleichsam auf den inneren Saiten - genügen sich selbst.

Im Einzelfall wäre auch das nichts Neues: der Lebensstrom mußte viele Versager in Kauf nehmen. Beim Menschen griffen solche Bestrebungen jedoch um sich und verdichteten sich zu traditionellen Lebensrezepten, besonders gefestigt durch die meisten Religionen. An die Stelle des irdischen Kampfes tritt die Traumwelt einer Wirksamkeit in einer anderen Welt. Die ankurbelnden Triebe werden als etwas Übles bekämpft. Das Christentum lehrt Bescheidenheit, Duldsamkeit, Konzentration auf ein Jenseits. Der Buddhismus lehrt Freiwerden von jedem angebo-

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renen oder erworbenen Drang, Aufgehen im Nichts, Erlöschen. Freiheit ist hier letztlich Ziel.

Durch diese Bestrebung wird der Lebensstrom empfindlich getroffen. Hier spezialisieren sich Menschen darauf, gerade jene Motorik zu bekämpfen, die diesen Prozeß vorantreibt. Und da diese Tendenzen wie eine Infektion um sich greifen, sich ungemein hartnäckig behaupten, bilden sie eine ernsthafte Gegenkraft, eine ernsthafte Schädigung des Gesamtenergoninteresses.

Die Macht dieser Phänomene geht so weit, daß sie sich auch den vorwärtsstrebenden Kräften als Riegel entgegenstellen. Beim Christentum in seinem Kampf gegen Aufklärung und Wissenschaft war das besonders deutlich. Dieser Riegel wurde jedoch zerbrochen. Vom Lebensstrom her gesehen, waren das Dürreperioden: der Fluß stockte, stagnierte. Jetzt setzte er sich wieder in Bewegung.

Es folgte die Zeit des Aufblühens von Wissenschaft und Technik, des Einsetzens der Industrie. In der Sprache der Energontheorie heißt das: Der Mensch konzentrierte sich nun auf die Entwicklung neuer Wirkungsträger, neuer Verhaltensrezepte. In großen Gemeinschaftsorganen organisiert (Hochschulen, Forschungsstätten), bemühte er sich um die Erweiterung der Macht - die Macht der Energone. Immer größere, immer rationeller arbeitende Erwerbskörper wurden aufgebaut (Betriebe), Fremdenergie wurde in zunehmendem Maße in den Dienst dieser Erwerbsstrukturen gezwungen. Als Vermittler zwischen diesen Kräften und dem jeweiligen Leistungsziel dienten neuartige Wirkungsträger - die Maschinen.

Die gegen die Interessen des Lebensstroms gerichteten Tendenzen traten somit wieder in den Hintergrund. Bei einzelnen Individuen blieben sie wach, aber ihr organisierter Einfluß trat zurück.

Damit gelangen wir zu der Periode, in der wir leben.

2

Durch den Fortschritt von Technik und Industrie wurden die sich auf Grundbesitz stützenden Vormachtstellungen gebrochen. Zu einem neuen Machtfaktor wurden akkumulierte, sich vereinigende Überschüsse (Kapital). Auch dieser Machtfaktor führte zu Unterdrückung, auch er hatte wieder Kämpfe um "Freiheit" zur Folge. In einem Teil der Welt (der kommunistischen) wurde auch diese Macht gebrochen.

Allerdings entstanden dort Staatsgebilde, die zur Gewährleistung der Freiheit die Freiheit unterbinden. Das Interesse des Individuums wird zwar durch keine Klasse mehr beschränkt - jedoch durch den Staat selbst. Von der Energontheorie her entstanden dort besonders zentralistisch gesteuerte Energone, den tierischen

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Organismen ähnlich. Die nichtarbeitende Keimzelle Mensch wird in diesen Strukturen zum Schmarotzer. Pflichten und Gewinn sind weitgehend festgelegt. Folglich ertönt auch dort wieder der Ruf des Individuums nach "Freiheit".

In den marktwirtschaftlichen Ländern hat das Individuum vom Staat her Freiheit. Hier aber vollzieht sich ein anderer Prozeß - der auch wieder zur Unfreiheit führt.

Durch Verbesserung der Verkehrs- und Kommunikationsmittel vergrößerten sich dort für die durch Tausch erwerbenden Energone die Märkte. Der noch rentabel erfaßbare Erwerbsraum wurde größer - praktisch heißt das: die aufschließbaren Erwerbsquellen wurden größer. Insbesondere Produktionsbetriebe - aber auch Leistungsanbieter und -vermittler - hatten so die Möglichkeit, sich weit mehr als bisher zu vergrößern und dadurch wieder entsprechend rentabler zu arbeiten. Diese Möglichkeit wird wahrgenommen - selbstverständlich. Das liegt im Wesen der Energonentwicklung: schon seit Entstehung der allerersten "lebenden" Molekülstrukturen. Würde sie nicht wahrgenommen, dann wäre das etwas Neues, der bisherigen Evolution Zuwiderlaufendes.

Selbst in den kommunistischen Staaten, wo die Betriebe nichts anderes sind als Wirkungsträger, werden diese größer. Das ist eine direkte Folge der verbesserten Verkehrsmittel, eine in Zahlen erfaßbare Relation.

In den marktwirtschaftlichen Ländern führt die Vergrößerung des Erwerbsraumes dazu, daß der Anpreisung der gebotenen Leistungen erhöhte Wichtigkeit zukommt. Macht ein neuer Gemüsehändler seinen Laden auf, dann spricht sich das innerhalb des Raumes, der für ihn als Erwerbskreis in Frage kommt, ziemlich von selbst herum. Stellt dagegen im Ruhrgebiet ein Betrieb ein Produkt her, das in der halben Welt verkauft werden soll, dann wird eine entsprechende Bekanntmachung in diesen Gebieten wichtig: Werbung.

Dichtauf, in zweiter Funktion, wird dieser Vorgang zu einer entscheidend wichtigen Waffe im Konkurrenzkampf. Drittens - in nochmaliger Funktionserweiterung - wird Werbung auch zu einem Instrument der "Marktschaffung". Das heißt: durch diesen Wirkungsträger wird es möglich, Energiequellen zu manipulieren - ja neu zu schaffen. Genaugenommen werden sie nicht "geschaffen", sondern verwandelt. Sie werden durch entsprechende Maßnahmen für andere "Schlüssel" aufschließbar gemacht.

Diesen Vorgang erlebt heute jeder an sich selbst. Die großen Produkt- oder Leistungsanbieter (ein Beispiel für letztere: die Fremdenverkehrszentren) kämpfen um den menschlichen Energieüberschuß - kämpfen um das goldene Kalb "Energieträger" ("Überschußträger"). Durch Werbung versuchen sie an dieses heranzukommen, es anzulocken. Von allen Seiten her werden in den nach Luxus suchenden Menschen Wünsche hineingetragen. Der Einfluß ist heute schon so geschickt und wirkungsvoll geworden, daß die Mehrzahl der Menschen mehr Wünsche in sich anhäuft, als sie bewältigen kann. Wachsende Unruhe und Unzufriedenheit

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mit dem, was man besitzt, ist die Folge: der ideale Nährboden für das Wirtschaftswachstum - der ideale Nährboden für die Interessen des Lebensstromes. Die jeweiligen Überschüsse reichen nicht mehr zur Wunschbefriedigung aus: das Erwerbstempo wird darum gesteigert. Der Umschlag wird größer, schneller. Auch dem Staatskörper, dem daraus erhöhte Steuern zufließen, erwächst ein Vorteil: er fördert diese Entwicklung. Die Werbung geht - in weiterer Strategie - dazu über, das, was ein Nachfrager erworben hat, diesem möglichst schnell wieder zu entwerten.1 Durch Moden, durch immer neue Modelle, immer neue Vorbilder wird die Wunschflamme nicht nur angefacht, sondern in immer neue Richtungen gelenkt. Der Verbraucher - das goldene Kalb - hat nicht mehr Zeit zu überlegen, er wird durch ein organisiertes Bombardement in Atem gehalten. Er beeilt sich, Überschüsse zu schaffen, um Wünsche zu befriedigen - die ihm eingepflanzt werden.2

Auch alle bestehenden Gewohnheiten - besonders die Gemeinschaftsgewohnheiten "Sitte" - werden vor das Pferd gespannt. Sie werden "kommerzialisiert". Das Weihnachtsfest wird zu einem Zeitpunkt der Schenkpflicht, der Urlaub zur Reisepflicht.

Zum entwicklungsfähigen Expansionsfeld werden die "unterentwickelten" Länder. Ein Gefühl der Minderwertigkeit wird dort erzeugt, die bisherigen Wertungen werden zerstört. Der "Unterentwickelte", mit seinem bisherigen "Luxus" vielfach recht zufrieden, wird unzufrieden.

In den kommunistischen Ländern wird der Mensch gegen diese kapitalistischen Einflüsse abgeschirmt. Er wird jedoch auch dort künstlich in schnellere Bewegung gesetzt. Vorschriften sind ein Mittel dazu. Ein weiteres Mittel ist das künstliche Anheizen der menschlichen Gemeinschaftsinstinkte. Sie werden ebenso mit Auslösern bombardiert wie in der marktwirtschaftlichen Welt alle Triebe, durch die Kaufwünsche erzeugt werden. Was hier mit Reklame erreicht wird, versucht man dort mit Propaganda zu erreichen. Auch Ehrungen und Teilhaben am Gemein-

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schaftserfolg schenken starke Glücksgefühle. Auch hier können durch entsprechende Beeinflussung der Jugend Prägungseffekte erzielt werden, die noch beim Erwachsenen anhalten. Das Glück, der Gemeinschaft zu dienen, erschöpft sich jedoch schneller - die hier aktivierte Triebkraft ist weniger ergiebig als das individuelle Glücksstreben.

Das ist - aus einer etwas anderen Sicht als der gewohnten - unsere heutige Lage. Wie geht es weiter?

Ich will in vier Modellen vier Möglichkeiten der Zukunftsentwicklung darstellen. Es ist der Versuch, den bisherigen Evolutionsverlauf, wie er sich von der Energontheorie her präsentiert, weiterzuverfolgen.

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Das erste Modell ist wohlbekannt und hat leider beträchtlichen Wahrscheinlichkeitsgrad. Es ist die Möglichkeit eines Krieges mit Atomwaffen, der mit einer teilweisen oder gänzlichen Vernichtung des Lebens endet.

Das besonders Bedenkliche liegt hier darin, daß Kriege bis zum heutigen Tag für den Evolutionsverlauf vorteilhaft waren. Der Mensch verdammt sie wohl schon seit geraumer Zeit, aber sie liegen durchaus im Interesse des Lebensstromes. Der für den Lebensstrom sich ergebende Wert dieser Vorgänge könnte - mit einiger Mühe - am Beispiel der letzten beiden Kriege und dem technischen Fortschritt, zu dem sie führten, rechnerisch bestimmt werden. Das eigentliche und wirkliche menschliche "Kapital" besteht im Gesamtbesitz an Verhaltensrezepten zum Aufbau von Wirkungsträgern und deren Verwendung. Sie sind das Rückgrat unseres Machtpotentials - und ihr faktischer Wert ist, wie gesagt, eine im Prinzip meßbare Größe. Wir sind heute nicht annähernd so weit, solche Berechnungen ausführen zu können; könnten wir es, dann ließe sich dieser Teil der menschlichen Kapitalsteigerung in einer graphischen Kurve darstellen.

Aber auch ohne das zu können, wissen wir, daß es eine ansteigende Kurve ist - und daß sie in Konfliktperioden steiler ansteigt. Unter dem Druck der Kriegsgefahr arbeitet der Mensch mehr, strengt - getrieben durch Angst und Gemeinschaftsinstinkte - seine Intelligenz mehr an.

Seit Beginn der Evolution war Verbesserung immer eng an Kampf und Vernichtung geknüpft. Viele der tierischen Instinkte sind darauf ausgerichtet, und ebendiese Instinkte sind auch in uns noch sehr stark wirksam. Dazu kommt noch unsere größte Stärke, die zugleich unsere größte Schwäche ist: unsere Phantasie. Durch geschicktes Einwirken auf diese kann der Demagoge nur zu leicht Angst, Empörung, Angriffsbereitschaft hervorrufen. Wie Lorenz sehr anschaulich zeigte, sucht die menschliche Aggressivität, im geordneten Staatswesen am entsprechen-

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den Ausleben gehindert, nur zu gern nach einer Gelegenheit, sich abzureagieren.3 Ebenso gefährlich ist - worauf Arthur Koestler sehr richtig hinweist - die menschliche Bereitschaft, sich mit einer Gruppe zu identifizieren, sich für eine Idee aufzuopfern. Diese so edle und vielbesungene Eigenschaft ist ein beinahe noch größeres Gefahrenmoment.4

Heute sind wir nun - abrupt - an den Punkt gekommen, da die Vernichtungswaffen die ganze Welt verheeren können. Gegen deren Einsatz steht nur die Angst vor diesen Waffen und unsere Vernunft. Alle anderen Mechanismen des Lebensstromes stehen auf der anderen Seite.

Sollte dies das Ende der Lebensentwicklung sein, dann ergäbe sich - von unserem bedauerlichen Schicksal abgesehen - vom Standpunkt der Weltentwicklung ein nicht unharmonisches Bild. Energie entfaltet sich, bis sie ein bestimmtes Potential erreicht, dann zerstört dieser Prozeß seine eigene, ihn hochtragende Struktur.

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Zweites Modell: Der Kommunismus - oder eine ähnliche totalitäre Weltanschauung - gewinnt Macht über die ganze Welt.

Von der Energontheorie her erscheint mir dann folgende weitere Entwicklung ziemlich klar vorgezeichnet: Der äußere Feind fällt weg, gegen den sich dieses System richtet. Es verbleibt ein einziges riesengroßes Energon, das jedem Menschen der Welt seinen funktionellen Platz zuweist, seine Pflichten, sein Entgelt und seine Luxusmöglichkeiten festlegt.

Nach den bisherigen Erfahrungen der Menschengeschichte ist eine solche gewaltsame Unterdrückung des Strebens nach individueller Entfaltung auf die Dauer nicht möglich. Nur solange ein Feind dieses Systems existiert, kann sie aufrechterhalten werden. Bei den kommunistischen Staaten zeigt sich dies deutlich darin, wie häufig und ausgiebig dort das Schreckgespenst eines Feindes herhalten muß. Gibt es dieses Schreckgespenst nicht mehr, dann muß - meines Erachtens - ein solches totalitäres System früher oder später aus inneren Ursachen zusammenbrechen.

Es geht dann ganz von selbst in andere Systemformen und schließlich in ein marktwirtschaftliches System über. Warum gerade in dieses? Einfach deshalb, weil nur in diesem die divergierenden Interessen von Mensch und Lebensstrom ihren Ausgleich finden

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Drittes Modell: der konsumwirtschaftliche Endpunkt.

Diese Möglichkeit ergibt sich in folgerichtiger Weiterentwicklung der heute in den marktwirtschaftlichen Ländern herrschenden Tendenzen. Der Einfluß der Anbieter auf die Nachfrager wird immer wirksamer, immer perfekter. Jeder Mensch wird - über den Umweg seiner Wünsche - von anderen geleitet. Das "Ich" des Menschen setzt sich schließlich nur noch aus Teilen zusammen, die von anderen aufgebaut wurden oder denen zumindest andere ein Zaumzeug angelegt haben. Der Mensch gelangt hier zu einem Zustand hoher Zufriedenheit, weil er so manipuliert ist, daß er mit diesem Zustand zufrieden ist.

Dieses Modell ist die letzte Krönung der angewandten Psychologie, der angewandten Verhaltensforschung - ja eine Krönung von Wissenschaft und Technik. In diesem Modell sind schließlich alle politischen und weltanschaulichen Gegensätze abgebaut - weil sie den Wirtschaftsfluß stören. Die Geburtenkontrolle ist so geregelt, daß die Menschheit an ein für den Wirtschaftsprozeß optimales Volumen gelangt. Die Interessen sind so aufeinander eingetrimmt (vielleicht nicht zuletzt mit Hilfe der hier vorgelegten Theorie), daß ein perfekter Interessenausgleich gegeben ist, so daß jeder überzeugt sein darf, daß ihm ein im Rahmen der Gemeinschaft angemessenes Genußvolumen zukommt.

Die Arbeitskraft ist in diesem Modell auf ihr Maximum gebracht - das Ausmaß an Freizeit ist einerseits auf die zur Erwerbstätigkeit nötige Erholung abgestimmt, anderseits auf die für Luxuswünsche notwendige Zeit. Unzufriedenheit gibt es insofern nicht, als das Angebot der Nachfrage stets voraus ist. Die angeborenen und erworbenen Triebkräfte sind in ihrer Mechanik erkannt und statistisch voraussagbar: es wird ihnen stets rechtzeitig durch ein entsprechendes Angebot entsprochen. Tritt eine Abwehrreaktion gegen das Manipuliertsein auf, dann sind Situationen erwerbbar, in denen der Mensch sich frei ausleben kann. Es wird ihm Gerät und Spielzeug geboten, sich gegen das auszuleben, was ihm Ärger macht.

Dieses System ist perfekt leistungsfähig, perfekt vernünftig. Hat es sich erst einmal eingespielt, kann es von sehr langer Dauer sein. Die Kinder werden auf die Werte hin erzogen, die ihnen später zugänglich sind, alle unklaren und vagen Triebtendenzen werden abgebaut oder in saubere Marktkanäle geleitet.

In diesem Modell haben die Interessen des Lebensstromes endgültig die Oberhand gewonnen. Der Mensch geht in diesen Interessen auf, die Tendenzen menschlicher Individualität - soweit sie dem Interesse der Gesamtenergonentwicklung zuwiderlaufen - sind versiegt. Ein Maximum an erhaltungsfähiger Biomasse wird so erreicht. Der gesamte Erdball ist für den Lebensprozeß zugänglich gemacht, in immer höheren Gerüsten und Schichten türmen sich seine Strukturen übereinander. In gigantischem Ausmaß betreiben nun Fremdenergien (Atomkräfte usw.) diesen Prozeß. Immer mehr Funktionen haben Maschinen

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übernommen, auch die Steuerungs- und Entwicklungsfunktionen sind weitgehend auf künstliche Organe (Computer) übergegangen. Unabdingbare Funktion des Menschen in diesem gigantischen Lebensblock ist es, Wünsche zu haben und sich diese Wünsche zu erfüllen. Ein Denken in anderen Bahnen als in denen dieses Geflechtes ist kaum noch möglich, einfach unsinnig, denn die Welt ist ja nun optimale Erfüllung der "eigenen" Wünsche geworden.

Für die Gesamtentwicklung ergibt sich dann folgendes Bild: In der ersten Periode regierten die Energonarten. Bis zum Menschen trugen sie den Lebensstrom weiter. In der zweiten Periode trat - durch den Menschen - das Energonindividuum in den Vordergrund. Auf neuen Wegen treibt es diesen Prozeß machtvoll vorwärts. Die dritte und letzte Phase ist dann die, in der der Gesamtstrom diktiert. Er verschluckt jetzt gleichsam Art und Individuum, er hat ihre Dienste nicht mehr nötig.

Hier mag eingewendet werden, daß auch im zweiten Modell - die Welt ein einziges großes Energon - eine solche Manipulation des Menschen möglich wäre. Heute wird viel von technischer Beeinflussung - etwa durch Drogen, chirurgische Eingriffe usw. - gesprochen. Schon finden sich in manchen Staaten und Organisationen Ansätze zu einer Gehirnwäscherei.

Trotzdem halte ich eine perfekte Manipulation und Entindividualisierung des Menschen im zweiten Modell für nicht wahrscheinlich. Hier sind die Maßnahmen zu deutlich, das gegen das Individuum gerichtete Interesse zu leicht durchschaubar. Nicht über Gewalt, sondern nur über Tausch - über Wunscherfüllung - kann der Mensch den anderen Menschen perfekt manipulieren. Nur im Vorgang einer totalen gegenseitigen Manipulation lassen sich - so glaube ich - die Individualtendenzen ausrotten.

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Viertes Modell: einstweilen ohne Namen.

Diese Entwicklung verläuft gerade entgegengesetzt. Als Endpunkt steht hier die totale Beherrschung des Lebensstromes durch den Menschen.

Auch dieses Modell läßt sich aus der heutigen Entwicklung ableiten, es ist ebenfalls eine marktwirtschaftliche Struktur, der jedoch Zügel angelegt sind.

Die Entwicklung setzt damit ein, daß sich eine wachsende Unzufriedenheit und Unruhe ausbreitet, ohne daß man recht weiß, warum. Die Bewegungen in der heutigen Jugend könnten vielleicht so zu deuten sein: auch ihnen ist gemeinsam, daß nicht recht klar ist, wogegen sie sich eigentlich richten. Letztlich richten sie sich einfach gegen das Establishment, gegen die bestehende Struktur. Hier wird dies, dort jenes bekämpft, aber dies und jenes ist nicht der eigentliche Feind, sondern bloß eine seiner vielen Gestalten.

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Die Entwicklung zu Modell vier setzt damit ein, daß die Unterschiede zwischen den Interessen des Lebensstromes und jenen des Menschenindividuums immer mehr evident werden, daß der Mensch diese Frage ernsthaft und nüchtern zu untersuchen beginnt. Es ist eine weitverbreitete Überzeugung, daß der einzelne Mensch selbst am besten weiß, was für ihn günstig ist - aber schon diese Überzeugung ist Teil der gegenseitigen Manipulation. Der Anbieter lenkt nicht nur die Wünsche des Nachfragers in seinen "Stall", sondern bemüht sich auch darum, daß dieser sich dort wohl fühlt. Der Nachfrager muß auch der Ansicht sein, daß er richtig und im eigenen Vorteil gehandelt hat - sonst verliert er Vertrauen, und das erschwert das nächste Geschäft. Der Anbieter lockt deshalb nicht nur den Nachfrager, sondern klopft ihm auch dauernd bewundernd auf die Schulter.

Es kommt also darauf an, den Menschen zu entmanipulieren - eine weit komplexere Aufgabe, als es auf den ersten Blick scheinen mag. In der nachstehenden Gegenüberstellung gebe ich einige Beispiele für die hier zu berücksichtigenden Divergenzen.5
 
 

 
Persönliches Interesse 
 
Lebensstrominteresse 
Großer Glücksbezug aus wenigem.
 
 
Glücksbezug aus möglichst teuren
Gütern und Dienstleistungen. Uner-
sättlichkeit.
Lange Haltbarkeit und Nutznießung der künstlichen Organe.
 
 
Möglichst schnelles Verschleißen, be-
sonders jener des Luxuskörpers. Un-
modern-, Wertloswerden.
Zufriedenheit aus Freundschaftsbe-
ziehungen.
 
Freundschaftsbeziehungen, die zu
Konsum führen (Essen, Trinken, Rei-
sen, Unterhaltung usw.).
Bescheidenheit, Glück aus dem eige-
nen Selbst.
 
Unbescheidenheit, ja kein Glück aus
dem eigenen Selbst. Glück aus kon-
sumfördernden Handlungen.
Verringerung der unangenehmen
Arbeit, Freude an der Arbeit.
 
Vermehrung jeglicher Arbeit, Um-
satz, Steigerung des Nationalproduk-
tes.

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Befriedung der Welt, niedere Steuern.
 
 
Gefühl der Unsicherheit, das hohe
Staatsausgaben für Verteidigung
rechtfertigt.
Abstimmung des Luxuskörpers auf
die eigenen Fähigkeiten.
 
Keine solche Abstimmung. Jeder soll
sich bis zum Tod nach etwas sehnen,
das er noch nicht hat. 
Entwicklung der eigenen Interessen.
 
 
Entwicklung der eigenen Interessen
derart, daß sie in konsumführende
Kanäle einfließen.
 
Eigene Meinung.
 
Ja keine eigene Meinung.
Charakter, Ehrenhaftigkeit.
 
 
Charakter und Ehrenhaftigkeit nur
insofern, als sie nicht zu einem Sta-
gnieren der Machtsteigerungswünsche
führen.
Eigener Entschluß.
 
 
Ja kein eigener Entschluß. Die Ent-
schlüsse werden fertig ins Haus gelie-
fert, und zwar so, daß sie zu Konsum
führen.
 
Verläßliche Nachrichtenübermitt-
lung.
 
Nachrichten werden zum Unterhal-
tungs- und Beeinflussungsmittel.
 
Unaufdringliche Staatsleitung.

Aufdringliche Staatsleitung.
 
Gemächlichkeit.
 
 
 
 
 
Steigerung der Schnelligkeit. Die
Reise von Europa nach den USA soll
nicht fünf, sondern nur mehr zwei
Stunden dauern. Das ist ungeheuer
wichtig.
 
Beherrschung der menschlichen Tech-
nik. Sie soll ein Diener sein, den man
selbst ruft, wenn man etwas braucht.
Der Diener soll einen nicht unaufhör-
lich stören, indem er seine möglichen
Dienste anpreist.
Beherrschung des Menschen durch
seine Technik. Anhaltendes, rapides
Wirtschaftswachstum.
 
 

(Originalbuchseite 414)

Ein wichtiger Motor für diese Entwicklung ist das Mißtrauen, besonders gegen allen Luxus, der angepriesen wird. Zur Richtschnur wird die Frage: Was sind fremdwirksame Werte? Anders ausgedrückt: Welche Werte dienen tatsächlich der eigenen Steigerung des Wohlbefindens - und welche Werte dienen den Erwerbsinteressen von anderen?

Die Fähigkeit zur Unterscheidung von Angebot und Anpreisung wird wesentlich. In der Volkswirtschaft herrscht schon seit eh und je die Diskrepanz: Sind die Anbieter Bedarfsbefriediger - oder sind sie Erwerber? Scheinheiligkeit liegt dann vor, wenn ein Erwerbender sich als Bedarfsbefriediger ausgibt - obwohl er nicht Bedarf befriedigen, sondern schaffen will.

Aller Scheinheiligkeit wird in dieser Entwicklung der Kampf angesagt. Niemand braucht sich seiner Erwerbstätigkeit zu schämen. Erwerbstätigkeit kennzeichnet die Gesamtevolution, ist die normale und zentrale Tätigkeit jedes Energons. Es ist sogar durchaus angebracht, daß diese Tätigkeit Befriedigung, also Glücksgefühle vermittelt. Erfolgreiche Arbeit ist eine der ursprünglichsten und natürlichsten Quellen der Freude überhaupt. Auch Tausch ist Erwerb. Wo der Tauschende vorgibt, ein Spender zu sein, während er ein Erwerber ist, dort herrscht Scheinheiligkeit.

Eine ungeheure Macht hat - auf Grund einer angeborenen "unbelehrbaren" Reaktion - die mitreißende Wirkung von Handlungen anderer Menschen. Der sich zu entmanipulieren Versuchende wendet diesen Wirkungen besondere Aufmerksamkeit zu. Ebenso weckt der Besitz von anderen - instinktiv - den Wunsch nach ähnlichem Besitz. Beide Reaktionen dienen eindeutig dem Lebensstrom - nicht dem Individuum. Wird das eigene Haus wertgeringer und weniger glückspendend, weil ein anderer daneben ein noch schöneres Haus baut, dann kann der Wertverlust nicht am eigenen Haus liegen - es ändert seine Dienste nicht im geringsten. Der Wertverlust liegt somit nur in einer eigenen Reaktion - in einer Beeinflussung durch die Umwelt.

Für das Individuum und dessen optimales Wohlbefinden ist die Abstimmung zwischen den eigenen Anlagen und den hinzunehmenden nichtverwachsenen Wirkungsträgern wichtig. Wie viele Objekte soll ein Mensch besitzen? Durch wie viele Einheiten soll er seinen Körper erweitern? Das ist nur individuell zu beantworten, denn einer hat Kraft genug, die Bindung eines ganzen Königreiches an sich zu verkraften, dem anderen wächst schon geringer Besitz und geringe Verantwortung über den Kopf. Es geht hier um Fragen der Bindung und Koordination - sowie auch um Schutz und Pflege. Die Wünsche des Menschen mögen unersättlich sein, doch für die Möglichkeit, zusätzliche Einheiten an sich zu binden, gibt es praktische Grenzen. Der einzelne muß also für sich erkunden, welche Größe des Erwerbs- und Luxuskörpers für ihn optimal ist. Und zwar optimal im Sinne seiner Annehmlichkeit und Zufriedenheit.

Ebenso sind auch dem menschlichen Vergnügen Grenzen gesetzt. Preßt man in

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die gleiche Zeiteinheit zehnmal soviel Vergnügungshandlungen, dann bedeutet das nicht unbedingt, daß zehnfacher Genuß gewonnen wird. Hier zu einer Optimierung zu gelangen ist eine Lebenskunst, die nicht von selbst gegeben ist, sondern ausgebildet werden muß. Sie wird einstweilen noch in keiner Schule gelehrt.

Diese Entwicklungsrichtung setzt somit eine erhebliche Beschäftigung mit dem eigenen Ich und den Kräften, aus denen es sich zusammensetzt, voraus. Zwei Erkenntnisse werden hier bedeutsam: Die Gefühlswelt ist für den Menschen das unmittelbar Wertvollste - und gleichzeitig auch eine gefährliche Handhabe für Beeinflussungen durch die Umwelt. Die Phantasie ist das eigentliche Zentrum des Menschen und seine stärkste Waffe - gleichzeitig aber auch das Tor, durch das fremde Einflüsse in das eigene Ich gelangen. Auf keinem Weg können sich Fremdkräfte leichter in diesem Ich einnisten als durch Einflußnahme auf unsere Gefühle und unsere Phantasie.

Ein besonders gefährliches Beeinflussungsinstrument. ist die Ausnützung der Prägung - denn diese ist zu einem Zeitpunkt wirksam, da der Mensch noch nicht abwehrbereit ist. In diesem Modell wird deshalb Wert darauf gelegt, daß dem Kind keine Wertungen (besonders ethische) eingeimpft werden, durch die seine spätere eigene Beurteilungsfähigkeit beschränkt wird.

Viele traditionell weitergegebene Gemeinschaftsansichten haben ebenfalls prägungsartigen Charakter. Deshalb werden in diesem Modell sämtliche Wertungen, auch die allerselbstverständlichsten, überprüft.

Zum Beispiel: das Problem der Nächstenliebe - besonders von den Religionen zur moralischen Pflicht gemacht - erfordert Überprüfung. Für den Menschen ist es offenbar ganz ausgeschlossen, die ungeheure Vielheit anderer Menschen zu lieben. Zum Großteil sind sie diese Liebe nicht wert. Dagegen ist ein kollegiales Verhältnis, ja sogar das der Schuld und Verpflichtung gegenüber der Gesamtmenschheit ebenso berechtigt wie auch am Platz. Gewiß, der augenblicklich lebenden Vielheit verdankt das Individuum nur gelegentlich etwas. Aber praktisch alles, was es ist und hat und worauf seine eigenen Leistungen sich aufbauen, verdankt es der Menschheit.

Auch das ebenfalls geförderte Schlagwort "Alle Menschen sind gleich" hält der kritischen Prüfung nicht stand. Sie sind es durchaus nicht. Es ist aber angebracht, daß die Menschheit aus ihrer Überfülle von Kraft auch den Minderbefähigten hilft. Das ist jedoch nicht eine Pflicht, sondern ein freier Entschluß, weit eher eine Teilabtragung der Dankschuld an die vergangenen Generationen.

In diesem Modell wird die Geburtenkontrolle schärfer gehandhabt als in Modell drei. Ziel ist ja in diesem Fall nicht, die Oberfläche unseres Planeten bis zu seinem möglichen Maximum in Biostruktur zu verwandeln, sondern Ziel ist, dem Menschenindividuum ein Maximum an Entfaltungsmöglichkeit und individuell gesteuertem Glückssuchen zu ermöglichen.

Im Hinblick auf das Überangebot an Menschen wird in diesem Modell eine

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härtere Behandlung der Gesetzesübertreter besonders bei Kapitalverbrechen - wahrscheinlich. Das Wort "Bestrafung" verliert hier seine Berechtigung. Die Gesellschaft hat - auf Grund der ungeheuren Werte, die sie dem Individuum schenkt - sehr wohl das Recht, Verhaltensnormenfestzulegen. Wer diese, sei es durch unerlaubte Erwerbsform (Räuber) oder durch unerlaubte Triebbefriedigung (Lustmörder) übertritt, hat eine entsprechende Gegenmaßnahme zu gewärtigen. Ist ein Mensch ungünstig veranlagt - dann ist das für ihn bedauerlich. Die Gesellschaft hat durchaus nicht das Recht, ihn "zu strafen", jedoch sehr wohl das Recht, sich durch beliebig harte Gegenmaßnahmen vor ihm zu schützen.

In diesem Modell spielt auch die Überprüfung der Werte "gut" und "böse" bei den Trieben eine Rolle. Es sind angeborene oder erworbene Mechanismen - sie sind somit weder gut noch böse, sondern eine Realität. In dieser Entwicklung wird der Mensch nach Wegen suchen, um in seinem Interesse mit diesen Kräften bestmöglich fertig zu werden, sie zu pflegen, zu veredeln und - richten sie sich gegen das Gemeinschaftsinteresse - sie zu zügeln. Auch diese Mechanismen sind Organe wie jedes andere.

Modell vier wird somit von einem Menschentyp getragen, der durch gezielten, unscheinheiligen Egoismus charakterisiert ist. Sein Hauptanliegen besteht darin, sich im Rahmen des Möglichen individuell zu entfalten und sich von direkter (gewaltsamer) oder indirekter (über Wunscherweckung erfolgender) Beeinflussung freizuhalten. Auf seiner Fahne steht wieder "Freiheit", jedoch vielleicht zum erstenmal völlig zu Recht. Sein zentrales Streben ist: Herr im eigenen Haus zu sein. Es läuft darauf hinaus, das Ich von allen fremddienlichen Einheiten zu befreien - so daß jede tatsächliche Fremddienlichkeit eine durchaus selbstgewollte und somit freie ist. Endziel ist hier ein möglichst "freier Wille".

Im übrigen ist dieses Entwicklungsbild dem von Modell drei in vielem ähnlich. Sehr ähnliche Erwerbs- und Luxusstrukturen bilden sich. Auch hier wird Fortschritt und Wirtschaftswachstum angestrebt - aber nicht als ein im Nacken sitzendes Muß. Das Tempo ist langsamer. Es wird in Kauf genommen, daß auf diese Weise kein Optimum an Wirtschaftsblüte, kein Höchstmaß an Lebensstandard zu erreichen ist. Die Aufmerksamkeit richtet sich weniger auf Quantität als auf den höchstmöglichen Annehmlichkeitsgewinn. Zum Ideal wird nicht der Mächtige, Besitzende, sondern der, der aus seinem Besitz und Vermögen, wie groß oder klein es auch sein mag, den höchsten Wert für sich selbst gewinnt.

Solche Tendenzen sind nicht neu, sie sind im Lauf der Geschichte immer und überall aufgetaucht. In Modell vier werden sie zum eigentlichen Unterbau.

Der Unterschied zwischen reich und arm verliert hier an Bedeutung. Im gleichen Sinne verlieren auch Rassen- oder Intelligenzunterschiede an Wichtigkeit. Dieses Modell ist pluralistisch - im weitesten Sinn. Keine der möglichen Luxusentfaltungen ist absolut besser als die andere. Wer andere Interessen schädigt, wird eingeengt (nicht "bestraft", denn dazu besteht keine rechtliche Grundlage).

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Im übrigen ist jeder sein eigener Herr. Die Erziehung ist so ausgerichtet, ihm dazu bestmöglich zu verhelfen.

Nach den bisherigen Tendenzen hat die Verwirklichung dieses Modells weniger Wahrscheinlichkeit als jene von Modell drei. Findet Modell vier Verwirklichung, dann trägt es in sich ebenfalls die Voraussetzung für lange Dauer.

Vom Lebensstrom her ist dieses Modell insofern kurios, als in diesem Fall ein Prozeß durch eine Struktur, die er hervorbringt, selbst gefesselt und umgelenkt wird. In diesem Fall zerfällt dann die Gesamtentwicklung in bloß zwei Perioden. In der ersten tragen die Arten diese Entwicklung weiter. In der zweiten geht dann die Macht auf Individuen über - und das Gesamtinteresse des Lebensstromes muß sich den Individualinteressen unterordnen.

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Ich schickte diesem Buch ein Zitat Goethes voraus, da er wie kein anderer - so will es mir scheinen - das Energonprinzip in der Natur erschaute, erahnte. Das zweite Zitat von Servan-Schreiber fügte ich deshalb an, weil es mir für unseren heutigen Entwicklungspunkt symptomatisch erscheint - und in seiner Bedeutung zwiespältig ist.

In seinem mit Recht viel gelesenen Buch "Die amerikanische Herausforderung" schildert Servan-Schreiber das heutige Vordringen der amerikanischen Firmen in den europäischen Wirtschaftsraum, wobei diese sich noch weitgehend europäischen Kapitals bedienen. Er analysiert dort die Eigenschaften, durch welche die amerikanischen Firmen überlegen sind: Wendigkeit, Anpassungsfähigkeit, Wagemut, stärkeres "Marktbewußtsein", bessere Koordinierung in der Organisation, die Fähigkeit, "Veränderungen zu akzeptieren und hervorzurufen" und die "Vernunft über die Gefühle zu stellen", höhere Ausgaben für Forschung, mehr Unterstützung durch den eigenen Staat und anderes. Für Europa wäre es darum existenzwichtig, sich dem weltweiten Wettbewerb anzupassen, die Routine seiner Länder zu zerbrechen, die zersplitterten Mittel zusammenzulegen, sich den ",neuen und strengen Regeln des Managements zu beugen.". Nicht das Schwache sei zu unterstützen, sondern das Starke. "Eile tut not."

Gegen diese Argumentation ist nichts einzuwenden, wenn man die Welt in einer Entwicklung auf Modell drei hin betrachtet. An diese glaubt Servan-Schreiber, er spricht von einer "offenbar unumstößlichen Entwicklung zur Verbrauchergesellschaft ohne humanistische Ziele". Aus dem Gesichtswinkel der Energontheorie stellt diese Darstellung, die einer demagogischen Kraft nicht entbehrt, eine sehr wirksame Agitation für die Interessen des Lebensstromes dar.

Europa soll die Herausforderung Amerikas annehmen und mit den gleichen

(Originalbuchseite 418)

Waffen zurückschlagen. Indirekt heißt das: es soll sich die Wirtschaftsstruktur Amerikas zum Vorbild machen.

Sollte sich die Welt in Richtung auf Modell vier hin entwickeln, dann wäre dieser Rat nicht ganz so gut. In Modell drei halten die USA ohne Zweifel die Spitze, sie zeigen den vorgeschriebenen Weg, wer ihm folgt, wird nahe an der Spitze bleiben. Für Modell vier dagegen ist das föderalistische Europa die naturgegebene Basis. Hier ist die Wiege des Individualismus. Sollte also die Weltbewegung sich wenden und doch noch gegen Modell vier hin streben, dann müßte Europa, wenn es sich in "Eile" bemüht, ein amerikanisches Musterkind zu werden, an irgendeinem Punkt wieder kehrtmachen, um zu der ihm vorgezeichneten Führungsrolle zurückzugelangen.

Servan-Schreiber verstärkt seinen Hornstoß noch dadurch, daß er Voraussagen der Zukunftsforscher Kahn und Wiener übernimmt und die Vorzüge einer "postindustriellen Gesellschaft", die die USA bereits in zehn Jahren erreichen würde, schildert. Die Durchschnittseinkommen sollen dann zehnmal höher sein als im heutigen Frankreich, die Freizeit des Menschen wird 218 Urlaubstage pro Jahr betragen. Gelingt es Europa nicht, den Anschluß zu finden, wird es eine Macht zweiten Ranges, sinkt ab.

Galbraith, der mit der amerikanischen Situation gut vertraut ist, schreibt: "Noch keine Gesellschaftsordnung konnte bis heute einen so hohen Lebensstandard erzielen wie die amerikanische, also war noch keine so gut. Gelegentliche Zweifel, und seien sie noch so begründet, verhallen ungehört."6

Was die Freizeit betrifft, so klingt der Originalbericht von Kahn nicht ganz so zuversichtlich. Servan-Schreiber erwähnt bloß in einer kleinen Fußnote, daß das bevorstehende Schlaraffenland allerdings nicht für leitende Personen gilt.

Nun ist aber zu bedenken, daß im Rahmen der Automatisierung gerade die rohe Arbeit des Menschen am meisten ersetzt wird und es darauf hinausläuft, daß gerade die Koordinierungsleistung, also die Leitungsfunktion, dem Menschen am meisten vorbehalten bleiben wird.

Ob eine wirtschaftliche Überlegenheit der USA diese wirklich an die Spitze stellt, hängt wiederum davon ab, ob sich die Welt schließlich dem Modell drei oder dem Modell vier zuwendet. In Modell vier kauft der Mensch nur das, was er will. Das aber bricht automatisch die Vormachtstellung der sich auf Beeinflussung und Meinungsmanipulation stützenden Erwerbsorganisationen.

Interessant ist bei Servan-Schreiber zu lesen, wie wichtig es sei, daß irgendwelche große Vorhaben bestehen - "gleichwohl welche". Nur durch solche gelinge es, "tausenderlei verschiedene Techniken aus ihrer relativen Routine herauszureißen, Mannschaften zusammenzuführen, deren Wege sich sonst nie gekreuzt hätten". Solche Vorhaben lösen "um eine stimulierende Idee einen ganzen Strudel

(Originalbuchseite 419)

von Untersuchungen, Entdeckungen, Produktionen" aus. Hier wird sehr treffend jener Mechanismus des Fortschritts geschildert, den Kriege stets so immens gefördert haben. Für kein "großes Vorhaben" ist der Bürger bereit, mehr Geld herzugeben und sich mehr anzustrengen, als für die Niederringung eines nationalen Feindes. Heute, da Kriege zum Selbstmord werden, stellt die Raumforschung - wie Galbraith sehr richtig hervorhob - einen geradezu idealen Ersatz für das ausfallende "große Vorhaben" Krieg dar.

In Modell drei sind große Vorhaben deshalb so wichtig, weil zur Ankurbelung und Steuerung der Wirtschaft dem Staat möglichst große Mittel zur Verfügung stehen müssen. Diese aber stammen stets aus Steuern. Und hohe Steuern zahlt der Bürger - freiwillig - nur, wenn große Vorhaben ihn zwingen oder mitreißen.

Die Rechnung ist einfach. Hat der Bürger weniger Steuern zu zahlen, dann gelangt er mit weniger Arbeit an den gleichen Überschuß - und arbeitet weniger. Das aber verringert den Umsatz, schadet dem Wirtschaftswachstum. Solange also "das gleichmäßige Anwachsen des Nationalproduktes" das Gemeinschaftsziel ist (nach Modell drei), sind große Vorhaben - "gleichwohl welche" als Maßnahme gegen Bequemlichkeit und Faulheit von großer Wichtigkeit.

Im Modell vier sieht alles anders aus. Der Kampf gegen das Manipuliertwerden bedeutet gleichzeitig den Kampf gegen jede einseitige Ideologie. Das aber entzieht dem Feuer der Spannungen den eigentlichen Brennstoff. In einer entmanipulierten Gesellschaft lassen sich die wirtschaftlichen und politischen Interessenskonflikte mit dem Rechenstift (oder besser mit Computern) lösen - und zwar mit weitgehender Fairneß nach jeder Seite. Hohe Rüstungsausgaben werden hinfällig und die Funktionen des Staates können in vieler Hinsicht beschränkt werden.

Wie jeder Wirtschaftler weiß, würde dies - noch dazu wenn die Konsumfreudigkeit und die Bereitschaft zu hohen Steuerzahlungen nachläßt - einen katastrophalen Schock für die heutige Wirtschaftsentwicklung bedeuten. Das ist allerdings der Preis, den der Mensch von Modell vier für seine individuelle Entfaltung zahlen muß. Der Lebensstandard kann dann nicht mehr so schnell ansteigen - wird dann aber auch gar nicht so "hoch" angestrebt werden.

Ein Zusammenschluß Europas - im Sinne einer Integration der Interessen - ist sicher ebenso wichtig wie später eine Integration der Interessen aller Länder. Die Frage jedoch, ob Europa den USA nacheifern, ob es deren wirtschaftliche "Herausforderung" annehmen und ihr mit gleichen Waffen begegnen soll, bleibt einstweilen völlig offen. Entscheidet sich der Mensch für den Weg zu Modell drei, dann weisen Servan-Schreiber und alle, die gleich ihm argumentieren, den richtigen Weg. Dann wird Europa, wenn es sich nicht zu einer schnellen Aktion entschließt, zum Satelliten. Entscheidet sich dagegen der Mensch für Modell vier, dann wäre dieser Weg - so stellt es sich mir in Anwendung meiner Theorie dar - grundfalsch. Dann würde Europa, zur Führung prädestiniert, gerade durch Verfolgung der Ideen Servan-Schreibers zum Satelliten.
 
 

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Anmerkungen:

1 Dies analysierte anschaulich Vance Packard in seinem Buch "Die große Verschwendung", Frankfurt 1964.
2 Um Mißverständnisse zu vermeiden: Unter Werbung verstehe ich nicht bloß Plakate, Werbespots im Fernsehen, Auslagen usw. Die weit wirksamere Werbung ist die immer mehr kommerzialisierte Gesamtausrichtung der Zeitungen, Zeitschriften, von Radio und Fernsehen, aber auch von Tagesgesprächen mit anderen, die ihre Meinungen als selbstverständlich empfinden und deshalb mit besonderer Überzeugungskraft übertragen. Die Grundanschauungen darüber, was man im Sommer tut, wie man wohnt, wie man sich unterhält, wie man sich das Leben "am besten einteilt", all das ist Werbung im weitesten Sinne. Hinter alldem stecken direkt oder indirekt Verkaufsinteressen. Dieser Einfluß ist es, der heute so übermächtig wird, dem die heranwachsende Jugend beinahe hilflos ausgeliefert ist - und dem sie sich offenbar doch zu widersetzen beginnt. Das gesamte "Establishment" ist Werbung für sich selbst.
3 "Das sogenannte Böse", Wien 1966.
4 "Das Gespenst in der Maschine", Wien 1968. Mit den biologischen Prämissen zu den dort geäußerten Ansichten stimme ich nicht überein, aber die Schlußfolgerung, zu der Koestler gelangt, ist ebenso richtig wie bedeutsam.
5 Diese Technik der Gegenüberstellung übernehme ich von H. Kahn und A. J. Wiener ("Ihr werdet es erleben", Wien 1967).
6 "Die moderne Industriegesellschaft".