Die höchst revolutionären Erkenntnisse, zu denen die physikalische Forschung in den letzten siebzig Jahren gelangt ist, wurden durch die Explosion der ersten Atombombe auf das eindrucksvollste - und für kaum jemanden noch bezweifelbar - bewiesen. Trotzdem sind diese Erkenntnisse nicht in das allgemeine Denken und Bewerten eingegangen - es wurde nicht die sich daraus ergebende Konsequenz gezogen. Es ist etwa so, als wären wir im praktischen Leben vom Faustkeil zum Bulldozer fortgeschritten, zögen aber vor, dort, wo es um unsere Betrachtungs- und Gefühlswelt geht, beim Faustkeil zu verbleiben.
Die moderne Physik hat in aller Eindeutigkeit bewiesen, daß praktisch alles in der Welt im Grunde anders ist, als unsere Sinne und unser Gehirn es darstellen. Alles, was wir Materie oder "Stoffe" nennen, ist in der Tat eine Erscheinungsform von Energie. Wenn heute noch mit dem Wort "Materialismus" operiert wird, dann ist das kaum mehr berechtigt. Denn gerade das, was uns die Materie als etwas Klotziges, Plumpes, von den geistigen Vorgängen und unseren Gefühlen so äußerst Verschiedenes erscheinen läßt, hat gar keine reale Basis. Es ist bloß eine Interpretation unserer höchst mangelhaften Sinne. Dieses Klotzige, Plumpe, "primitiven Gesetzmäßigkeiten blind Gehorchende" ist in Wahrheit eine Erscheinungsform höchst differenzierter Kräfte. Was wir Materie nennen, besteht ganz und gar aus dem gleichen geheimnisvollen Etwas, das auch den subtilsten Prozessen, auch unseren Denk- und Gefühlsvorgängen, zugrunde liegt. Die wichtigsten dieser großen Entdeckungen seien hier in Erinnerung gerufen.
(Originalbuchseite 388)
Trotz dieser Winzigkeit wurde es - durch höchst raffinierte technische Einrichtungen - möglich, mit diesen "Elementarteilchen" (Protonen, Neutronen, Elektronen und anderen) zu experimentieren.2 Dabei konnte die erstaunliche Ansicht Einsteins, daß Materie ein Äquivalent von Energie ist, experimentell bestätigt werden. 1932 gelang C. D. Anderson der Beweis, daß ein Elektron (mit seinem Antiteilchen, dem Positron) völlig "zerstrahlen" kann - wobei sich also Materie zur Gänze in Energie verwandelt. Seither konnte eine solche Zerstrahlung- auch bei Protonen und Neutronen nachgewiesen werden. Die Umwandlung von Energie in ein Elementarteilchen - also von freier Energie in Materie - beobachteten erstmals Blackett und Occhialini (1933). In diesem Fall entstand aus einem Strahlungsquant ein Elektron und ein Positron - man nennt dies "Paarbildung". Auch hierfür wurde der Nobelpreis verliehen. Seither gelang auch für das Entstehen von Protonen und Neutronen aus reiner Energie der Nachweis.3
Dies also muß als erstes dem Gehirn, das es nicht fassen will, eingehämmert werden: Sämtliche Materie im Kosmos besteht aus den gleichen kleinsten Einheiten - und diese sind eine Erscheinungsform von Energie. Sie können aus Energie gebildet werden und sich zur Gänze in Energie verwandeln. Das Umwandlungsverhältnis ist dabei: Jedes Gramm Materie entspricht 9.1020 (Quadrat der Lichtgeschwindigkeit) erg Energie. Will man diesen Wert in Kalorien umrechnen, dann muß man ihn mit 2,39 mal 10-8 multiplizieren. Ein Beispiel: Gelänge es, die gesamte Materie eines menschlichen Körpers von 80 Kilogramm zu "zerstrahlen", dann ergäbe dies 1,7.1018 Kalorien. Das entspricht etwa dem Gesamtbedarf an elektrischer Energie auf der Welt für die Dauer von siebeneinhalb Monaten.
Unser Gehirn sagt in diesem Fall: Schön und gut, das mag so sein, was aber ändert das an meinen Vorstellungen?
(Originalbuchseite 389)
Das ändert bereits eine ganze Menge, aber gehen wir weiter.
Aus diesen winzigen Elementarteilchen sind die Atome aufgebaut. Einige dieser Teilchen (Protonen, Neutronen) bilden einen "Kern", andere (Elektronen) umkreisen diesen, bilden "Schalen". Man hat sich das in der Art von Planetensystemen vorgestellt, aber so einfach ist es nicht. Die Atome sind statisch-energetische Gebilde, bei denen unsere sinnliche Vorstellungsfähigkeit versagt. Immerhin läßt sich der Durchmesser der Atome wieder recht genau bestimmen. Er liegt zwischen 1 und 5 mal 10-8 cm. Das heißt, die Atome sind rund 100.000mal so groß wie die Elementarteilchen, aus denen sie bestehen. Ein Wasserstoffatom besteht bloß aus zwei Elementarteilchen, ein Uranatom aus einigen hundert. Praktisch bedeutet das weiter: Was unsere Sinne als feste Materie wahrnehmen, ist zum allergrößten Teil "leerer Raum". Wäre ein Eisenatom so groß wie die Erde, dann entspräche seine tatsächliche Materie (Masse) etwa der Größe von zehn Cheopspyramiden, der Rest ist "leerer Raum".
Die einzelnen "Schalen" der Atome werden von kreisenden Elektronen gebildet: das Atom ist kugelförmig und verhält sich äußeren Einflüssen gegenüber als etwas "Festes", "Hartes". Die Energien, die einerseits die Kerne zusammenhalten, anderseits die "Schalen" um den Kern binden, sind enorm - jedoch längst nicht so groß wie das Energieäquivalent der Teilchen selbst. Es sind die "Kernkräfte", die heute bei der Kernspaltung ("Atomzertrümmerung") in Erscheinung treten.4
Also: Sämtliche Atome (es gibt an die hundert verschiedene "Arten": die Elemente) bestehen letztlich samt und sonders aus Energie. Die eigentliche Materie, die in diesen Gebilden enthalten ist, macht volumenmäßig bloß den quadrillionsten Teil aus, alles übrige ist "leerer Raum" und Energie. Und auch die winzigen Materieteilchen selbst sind wieder Energie.
Zwingt man das Gehirn, sich mit dieser dem "vernünftigen Denken" so konträren Tatsache auseinanderzusetzen, dann antwortet es wieder: Schön und gut, auch das mag so sein, aber was ändert das letztlich? Was interessieren mich diese winzigen Dimensionen, mit denen ich praktisch gar nicht in Berührung komme? Was ändert dies an meinem Leben, meinem Fühlen, meinem Beruf, meinem Vergnügen? Was ändert das am Bett, in dem ich schlafe, an dem Freund, mit dem ich spreche?
Unser Gehirn schiebt es einfach beiseite, verstaut dieses neue Wissen fein säuberlich in einer seiner vielen Schubladen - und geht zur Tagesordnung über. So verhielt es sich bei fast allen Menschen, die mit diesen Tatsachen vertraut gemacht wurden - sogar bei nicht wenigen Physikern.
Und doch sollten wir unser Gehirn dazu bringen, eine wichtige Konsequenz daraus zu ziehen. Sie lautet: Wir dürfen uns nicht so unverbrüchlich auf unser "vernünftiges Denken" verlassen. Die Welt ist in der Tat anders, als unsere Sinne
(Originalbuchseite 390)
sie uns darstellen. Wir leben in einer Vorstellungswelt, die sich zwar für den "makroskopischen Bereich" - und damit den täglichen Gebrauch - eignet, im Grunde jedoch in keiner Weise der Realität entspricht.
Weitere Konsequenz: Wir dürfen uns somit auch bei anderen Urteilen nicht so unverbrüchlich auf unsere Sinne, auf unsere Logik, auf unser "gesundes vernünftiges Denken und Urteilen", auf unser "gesundes Gefühl", auf unseren "gesunden Menschenverstand" verlassen.
Das sind - meines Erachtens - die weltanschaulichen Konsequenzen, die wir aus den Erkenntnissen der modernen Physik ziehen müssen.
Die größten Moleküle, die sich aus Hunderttausenden, ja Millionen von Atomen aufbauen (etwa die Erbrezepte), kann man heute bereits durch die stärksten Elektronenmikroskope sichtbar machen. Auch in jedem Molekül werden die Atome, aus denen es sich aufbaut, durch Kräfte zusammengehalten. Die hier beteiligten Energiemengen sind um ein Zehn- bis Hundertfaches kleiner als die Bindungsenergie der Elektronen an die Atomkerne. Es sind das jene Kräfte, mit denen man sich in der "Chemie" hauptsächlich befaßt. Die klassische Chemie ist praktisch die Wissenschaft von den Molekülen.
Durch chemische "Reaktionen" werden Atome aus Molekülen abgespalten, werden aus Atomen andere Moleküle aufgebaut. Heute ist der strukturelle Aufbau sehr vieler Moleküle - ja sogar besonders großer und komplizierter - bereits genau bekannt. Für die Enträtselung der Struktur des Hämoglobinmoleküls (das aus mehr als 100.000 Atomen besteht) erhielt M. F. Perutz 1962 den Nobelpreis.
Alle Gesteine und Metalle, alle tierischen und pflanzlichen Körper setzen sich aus Molekülen zusammen - und diese werden aus rund 100 Atomarten aufgebaut. Jede Atomart besteht aus den gleichen Elementarteilchen - und diese sind eine Erscheinungsform der Energie.
An weiteren Phänomenen dieser Welt gibt es die Erscheinungen des Lichtes, des Schalls, des Geruches, der Wärme, der Elektrizität, des Magnetismus, der Körperbewegungen, der Massenanziehung.
Auch das sind samt und sonders Erscheinungsformen der Energie, die meisten von ihnen in einem der Energiemaße direkt meßbar. Die elektromagnetischen Schwingungen sind durch den Raum fliegende Energieeinheiten. Jede Körperbe-
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wegung ist Energie - ich sage mit Absicht nicht: hat Energie. Wärme ist Schwingung der Moleküle und Atome - auch eine Energieform. Elektrizität, Magnetismus, Gravitation sind ebenfalls Erscheinungsformen von Energie.
Nach den Entdeckungen der modernen Physik gibt es überhaupt keine wissenschaftlich nachweisbare Erscheinung im Universum, die nicht aus Energie stammt, in Energie ihre Wurzel hat, Energie ist oder durch Energie bewirkt wird. Selbst Raum und Zeit sind nach Einstein nichts Absolutes. Sie sind nicht ein "Etwas", in dem sich "Materie" und Energie entfalten - sondern auch wieder eine Funktion von Energie.
Was jedoch "Energie" ist, wissen wir nicht.
Auch Kristalle "wachsen". Sie stellen jedoch Gleichgewichtszustände dar, zu denen Atome auf Grund energetischer Wirksamkeiten ("Valenzen") gelangen. Die als "Lebewesen" bezeichneten Molekulargefüge sind dagegen so beschaffen, daß ihr Gehalt an freier Energie sich durchschnittlich vergrößert. Den "lebenden" Strukturen gelingt es auf diese oder jene Art - damit sind wir wieder beim Thema dieses Buches -, freie Energie an sich zu reißen, sich diese einzuverleiben, wobei unter Verlust eines beträchtlichen Teiles (der als "Wärme" entflieht) ein geringerer auf ein "höheres Spannungsniveau", auf eine höhere "lntensitätsstufe" gehoben wird.6 Ihre Beschaffenheit ist darüber hinaus solcherart, daß mit Hilfe dieser Energie der Prozeß weiterläuft, daß die Struktur weitere Stoffe an sich zieht, in das Gefüge einbaut, es vergrößert oder vermehrt.
(Originalbuchseite 392)
Damit ist freilich die Lebensentfaltung noch nicht im geringsten erklärt. Hier jedoch setzt die Energontheorie an. Sie erklärt: Was auch immer diesen Prozeß vorwärtstreibt: es hat keinerlei Einfluß darauf, wie die zu seinem Weiterlaufen notwendigen Strukturen beschaffen sein müssen.
Noch deutlicher: Gleichwohl ob Zufall, ein besonderer "Mechanismus", menschliche Intelligenz, eine übersinnliche "Lebenskraft" oder ein persönlich gestaltender Gott diese Strukturen schafft: sie müssen in jedem Fall einen ganz bestimmten Aufbau haben. Die Art des "Urhebers" hat wohl Einfluß darauf, wie schnell oder langsam solche Bildungen zustande kommen, ja auch darauf, zu welchen Bildungen der Prozeß überhaupt gelangen kann - doch so oder so: das Ergebnis muß bestimmte Qualitäten haben, nur dann trägt es diesen Prozeß weiter.
Diese notwendige Struktur - so behauptet die Energontheorie - ergibt sich aus den der "Materie" und der Energie anhaftenden Eigenschaften. Würde ein Gott diese abändern, dann müßte auch die Struktur anders beschaffen sein. Unter den in diesem Kosmos gegebenen, beobachtbaren und meßbaren Bedingungen sind jedoch die Strukturen, in denen sich der Lebensprozeß fortsetzen kann, gleichsam vorgezeichnet. Sie sind eine notwendige Folge. Sollte sich auf einem anderen Stern ein ebensolcher Prozeß entfaltet haben, dann mögen die ihn weitertragenden Energone - falls dort das Zusammenspiel der Umweltbedingungen anders ist - äußerlich verschieden aussehen. Doch der innere Aufbau muß auch dort - notwendigerweise - den gleichen Gesetzmäßigkeiten entsprechen..
Das ist der Kernpunkt, der diese Theorie so schwer verständlich macht. Unser Gehirn ist darauf ausgerichtet, die Erklärung für jede Erscheinung in ihren unmittelbaren Ursachen zu sehen. Die Energontheorie dagegen sagt: Wie auch immer diese unmittelbaren Ursachen aussehen mögen, sie müssen - durch Auslese und Steuerkausalität - zu einem bestimmten Ergebnis führen. Nur was erwerbs- und konkurrenzfähig ist, kann bestehen, kann den Lebensprozeß weitertragen. Strukturen, denen diese Fähigkeit nicht zukommt, können nicht bestehen - wie auch immer sie zustande gekommen sein mögen.
Die Energontheorie erklärt somit - in der Essenz -, daß sich der Lebensprozeß über einem unsichtbaren, auf Grund der gegebenen physikalischen Wirksamkeiten vorgezeichneten Grundgerüst aufbaut, sich über diesem entfalten muß. Es ist ein "Wertgerüst", nicht mit den Sinnen, wohl aber in Zahlen erfaßbar. Es ist die für Erwerbs- und Konkurrenzfähigkeit notwendige Grundstruktur.
Dieses unsichtbare Wertgerüst ist das "verborgene Gemeinsame", das alle Energone charakterisiert. Es gründet sich auf Kategorien, in denen sich einerseits die Umweltwirkungen, anderseits die im Energoninneren auftretenden Probleme zusammenfassen lassen.7
Die wichtigste Ausrichtung ist immer die auf eine erschließbare Quelle freier
(Originalbuchseite 393)
Energie. Einer solchen muß jedes Energon - auch wenn es auf dem Nebel der Andromeda beheimatet ist - so entsprechen wie ein Schlüssel seinem Schloß. Jedes Energon muß in erster Linie so beschaffen sein, daß es eine Quelle "aufschließt", daß es zu einer im Durchschnitt aktiven Bilanz an freier Energie gelangt.
Weitere Umweltgegebenheiten diktieren weitere notwendige Merkmale. Je nach der Wirkung lassen sich hier feindliche von fördernden Umweltwirkungen trennen: unter die ersten fallen räuberische Energone, ungezielte Umweltstörungen und Konkurrenten, unter die zweite fallen alle Fremdenergien, die das Energon gewaltsam in seinen Dienst zwingt, und weitere, die es sich im Tauschweg untertan macht.
Sodann muß jedes Energon auch mit Problemen in seinem Inneren "fertig werden" - es muß also so beschaffen sein, daß es noch weitere Forderungen zu erfüllen vermag. Jeder seiner Teile - seiner "Wirkungsträger" - muß irgendwie an die übrigen gefesselt sein. Teile mit aktiver Funktion müssen darüber hinaus in ihrer Tätigkeit koordiniert sein. Außerdem dürfen die einzelnen Wirkungen einander nicht gegenseitig stören, ja sollen einander möglichst fördern. Zur Aufrechterhaltung der Wirkung sind Pflege und oft auch Reparaturen nötig. Vielen Wirkungsträgern müssen Energie- und Stoffmengen zugeführt, von sich ergebenden Abfällen müssen sie befreit werden. Schließlich ist für viele Energone wichtig, daß sie sich den stets wechselnden Umweltgegebenheiten anpassen, also ihre Struktur verändern, verbessern können.
In jeder dieser Kategorien - die gleichsam "Frontabschnitte" der Energone darstellen, sind drei Bewertungsmaßstäbe wichtig: die jeweils auftretenden Kosten, die Präzision der erzielten Wirkungen und deren Schnelligkeit. Die ersten beiden Kriterien, Kosten und Präzision, beeinflussen immer und in jeder Kategorie den Gesamteignungswert des Energons. Die jeweilige Wirkungsschnelligkeit ist oft von Einfluß, jedoch nicht immer.
Das ergibt bereits an die hundert meßbaren Werte, aus denen sich das innere
(Originalbuchseite 394)
Wertgerüst aufbaut und die in jeder Berechnung der
Konkurrenzfähigkeit berücksichtigt werden müssen. Diese
Werte beeinflussen einander auch gegenseitig: auch ihre Korrelationen spielen
eine Rolle.8
Die Außenfronten (1-5) stellen Umwelteinwirkungen dar, die sich auf Grund ihrer ähnlichen Einwirkungsart in ebendiese Kategorien zusammenfassen lassen. Sie machen beim Energon funktionell verwandte Einrichtungen nötig, belasten dessen Bilanz in vergleichbarer Weise. Jede dieser Außenfronten steuert die evolutionäre Entwicklung der Wirkungsträger, die durch sie notwendig werden, und beeinflußt so die raum-zeitliche Struktur des Energons.
Die Innenfronten (6-10) stellen weitere Anforderungen dar, denen das Energon genügen muß, um bestehen und erfolgreich tätig sein zu können. Diese "Einwirkungen" kommen jedoch von innen her. Auch sie lassen sich gemäß den funktionellen Einrichtungen, die durch sie notwendig werden, in Gruppen - eben diese fünf Kategorien - zusammenfassen. Auch sie zwingen dem Energon entsprechende Wirkungsträger auf. Auch sie steuern die evolutionäre Entwicklung von Wirkungsträgern und des Gesamtkörpers.
Die Linie 1-10 stellt graphisch den Gesamtenergieaufwand des Energons dar. Die einzelnen Abschnitte sind je nach den Aufwendungen, welche die einzelnen Fronten notwendig machen, bei den Energonen verschieden groß. Auch dieses Schema kann - zur Beurteilung des Konkurrenzwertes - gesondert für die Aufbauperiode, die Erwerbsphasen, die Ruhephasen und allfällige Stilliegephasen ausgearbeitet werden. Eine solche Aufschlüsselung stellt dann eine "Visitenkarte" des jeweiligen Energons dar. Sie gibt Hinweise auf das für seine Konkurrenzfähigkeit relevante innere Wertgerüst.
(Originalbuchseite 395)
Schließlich gibt es noch drei verschiedene "Stufen" der Bewertung: das Energon-Individuum, die Energon-"Art" und den Lebensstrom. Bei Energonen, die ineinandergeschachtelt auftreten, schieben sich noch weitere Bewertungsniveaus ein - so etwa zwischen Berufskörpern und Lebensstrom die Bewertungsniveaus Betrieb, Konzern, Staat, Staatenbund.
Damit sind - meines Erachtens - die wichtigsten Elemente, aus denen sich das unsichtbare Wertgerüst aller Energone aufbaut, umrissen. Einige weitere kommen sicher noch hinzu. Wesentlich ist, daß es sich hier um ein Bewertungs- und Begriffssystem handelt, das nicht nur für jedes Energon Gültigkeit hat, sondern auch für jedes wirklich relevant ist.
Erst wenn für sehr viele und sehr verschiedene Energontypen alle diese Werte und ihre Korrelationen ermittelt sind - eine geradezu gigantische Aufgabe -, wird es möglich werden, die Hauptspannungslinien in diesem komplexen Wirkungsgeflecht aufzuzeigen, die Hauptphänomene zu erkennen. Erst dann wird es möglich werden, das eigentliche Rückgrat der Konkurrenzfähigkeit - und damit das gemeinsame Rückgrat in den verschiedenen großen Erwerbsgruppen - und letztendlich das zentrale Rückgrat aller Energone zu ermitteln. Über normale Rechentätigkeit ist das ausgeschlossen, Computer jedoch können diese Aufgabe bewältigen.
Wir werden dann die Pflanzen und Tiere anders sehen als bisher: nicht in ihrer äußeren, bunten, verwirrenden Gestalt, sondern in der sich darin - "dahinter" - verbergenden "Wertgestalt". Zur Beurteilung von Berufstypen und Betrieben ist gerade diese Wertgestalt von nicht geringer Bedeutung. Erst aus ihr lassen sich die Schlüsselpunkte und Schlüsselbeziehungen der für sie notwendigen raum-zeitlichen Struktur ablesen.
Wir werden dann auch dahin gelangen - und das erscheint mir besonders wichtig -, nüchterne und gerechte Abstimmungen zwischen Energonen verschiedener Integrationsniveaus (etwa zwischen Angestellten und Betrieben, zwischen Staatsbürgern und Staat, zwischen Betrieb und Staat) rechnerisch zu ermitteln. Das geschieht heute nach Daumenpeilung, Erfahrung und bestem Ermessen - doch wie sehr dabei die Ansichten differieren, zeigt jeder Streit zwischen Unternehmerverbänden und Gewerkschaften beziehungsweise zwischen Berufsvertretungen und Staat. Noch bedeutsamer - weltpolitisch gesehen - sind die Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Staatsstrukturen. Auch hier werden wir bestimmt erheblich weiter kommen, wenn wir Polemik und Krieg durch rechnerische Wertermittlung ersetzen können.
Welch unabsehbare Folgen eine einzige emotionell getragene, fehlerhafte Bewertung haben kann, zeigt das Rezept, mit dem Karl Marx die gesamte kommunistische Welt belastet hat. Er sah Mißstände und glaubte, daß zu deren Behebung die Austilgung einer ganzen Sparte von Wirkungsträgern notwendig sei: die Austilgung der Unternehmer. Die große funktionelle Wichtigkeit dieser organisa-
(Originalbuchseite 396)
tions- und risikofreudigen Einheiten übersah er. Die Vorstellung eines vom Arbeiter geschaffenen "Mehrwertes", der ungerechterweise in die Taschen von Unternehmern fließt, blendete ihn derart, daß er den komplementären "Mehrwert", den der Unternehmer schafft, übersah. Gerade dieser ist aber von nicht geringerer Wichtigkeit - und zwar nicht nur für den einzelnen Betrieb, sondern darüber hinaus als Impuls für die gesamte Wirtschaft eines Volkes.
Gelingt es, die Wertstruktur der Energone zu ermitteln und in den Griff zu bekommen, dann sind nicht mehr Ideologien und endlose Dispute nötig, um derartige Interessenkonflikte aus der Welt zu schaffen. Nüchterne Forschungsarbeit - am Regenwurm ebenso wie am Industrieunternehmen - in Verbindung mit Computern vermag dies dann.
Vergleichen wir die Konkurrenzkraft nahe verwandter Energone, dann mag schon der Vergleich einzelner relevanter Werte genügen, um die Kernpunkte des Unterschiedes zu ermitteln. Hier ist noch kein neues, universelles Maß nötig.
Geht es dagegen um generelle Vergleiche von ganz verschiedenen Energonen, dann stellt sich der Konkurrenzwert als eine Summe von Wirkungsgraden dar, wir errechnen dann praktisch den Grad von Anpassung an eine gegebene Aufgabe. Bezeichnen wir hier das Optimum mit 100 Prozent, dann erhalten wir für den jeweiligen Grad an "Efficiency" einen entsprechend darunter liegenden Prozentwert der durchschnittlichen Leistung. Das sich so ergebende Maß könnte Efficiency Value (EV) genannt werden - leider ist diese Buchstabenkombination bereits durch das Elektronenvolt besetzt. Ich schlage darum OV ("Organization Value") vor.
Ein anderes notwendiges Maß schafft weit größere Probleme: jenes für das Ausmaß an "Differenziertheit".9 Eine solche ergibt sich gleichsam aus der nötigen Anzahl von Wirkungsträgern, aus denen ein Schlüssel bestehen muß, um ein Schloß öffnen zu können. Nur die hochdifferenzierte Struktur "Löwe" vermag zu leisten, was ein Löwe vermag. Nur die hochdifferenzierte Struktur IG-Farben oder Düsenflugzeug vermag zu leisten, was IG-Farben oder ein Düsenflugzeug zustande bringt. Daß diese Zahlen sich nicht aus einem linearen Nebeneinander (wie beim Schlüsselbart), sondern aus einer komplizierten hierarchischen Staffelung ergeben, dürfte das Grundproblem nicht berühren. Auch "Information"
(Originalbuchseite 397)
messen wir linear in bit, obwohl Nachrichtenübermittlungen insofern keine linearen Abläufe sind, als sich spätere Mitteilungen oft auf frühere stützen, ja durch diese erst verständlich werden. Auch bei jeder komplizierteren Informationsübermittlung - ebenso wie bei jeder komplizierteren Organisation - handelt es sich um hierarchisch aufgebaute Komplexe.
Ob sich, in diesem Sinne, auch Organisiertheit in bit messen läßt, bleibt zu prüfen. Sollte ein eigenes Maß nötig sein, dann käme die Bezeichnung org in Frage. In diesem Maß wäre dann auch meßbar, welche "Gesamtleistung" an Differenziertheit in der Evolution steckt.
Die moderne Physik führte dahin, daß bei den anorganischen Erscheinungen die "individuelle" Wirksamkeit gegenüber einer nur statistisch erfaßbaren in den Hintergrund trat. Erweist sich die Energontheorie als richtig, dann führt sie im Bereich der Lebens- und Menschheitsentwicklung ebenfalls zu einem Primat der statistischen Werte.
Die moderne Physik gelangte dahin, in allen Erscheinungen immer wieder auf das gleiche geheimnisvolle Etwas "Energie" zu stoßen. Die Energontheorie sieht in der Gesamtevolution eine Erscheinungsform, eine Entfaltung der Energie. In kürzester Definition ist das Energon "die notwendige Struktur des Energieaktiven".
Also letztlich: "eine Struktur, befähigt, das zu erwerben, was sich in ihr entfaltet".
Die moderne Physik wendet sich gegen unsere Sinne, gegen die natürlichen Bewertungsformen unseres Gehirns, sie verwandelt die bisher anschauliche Welt in eine höchst unanschauliche: Die Energontheorie nimmt - im organischen Bereich - eine ähnliche Richtung. Die sinnlichen Bewertungen treten zurück, und auch die Organismen, da wieder ganz besonders der Mensch, werden unanschaulich.
Zur klassischen Biologie steht die Energontheorie in einem scharfen Gegensatz.
Jene sieht - daran hat sich seit Aristoteles nichts geändert - die Begrenzung jedes Lebewesens dort, wo seine zusammengewachsene Struktur aufhört. Die Katze endet an den Spitzen ihrer Schnurrbarthaare, die Eiche am letzten Ausläufer ihrer Wurzeln. In der Ökologie hat man sich wohl immer schon eingehend mit den Wechselwirkungen zwischen Organismus und Umwelt befaßt, aber das Konzept "Lebewesen" hat - meines Wissens - bis heute noch nie ein Biologe angezweifelt. Um ganz genau zu sein: Nie wurde daran gezweifelt, daß die gene-
(Originalbuchseite 398)
tisch entstandene organische Struktur die abgrenzende Bezeichnung "Lebewesen" rechtfertigt, daß dieser Begriff nicht nur der sinnfälligen Erfahrung entstammt, sondern die Realität schlechthin charakterisiert, daß die so definierten "Lebewesen" die Evolution ausmachen, weitertragen, darstellen.
Die Energontheorie sieht dagegen in den Organismen Wirkungsgefüge, und diese enden nicht notwendigerweise an den sinnfälligen Grenzen. Sie enden an den Grenzen der an sie gebundenen "Wirkungsträger" - und diese müssen mit dem restlichen Wirkungskörper durchaus nicht fest verwachsen sein.
Die Verwandtschaften, die von der Energontheorie her wichtig sind, lassen sich nicht in das Schema Homologie - Analogie pressen. Was hier bedeutsam wird, ist weder der phylogenetische Zusammenhang noch äußerlich ähnliches Aussehen. Ein Antikörper im Blut, ein Stachel und ein Rezept für Fluchtverhalten sind weder homolog noch analog (und auch nicht "konvergent") - und doch sind sie gemeinsam zu beurteilen. Sie dienen dem gleichen Wirkungskomplex: der Abwehr von Räubern. Sie sind "wirkungsverwandt". In der Bilanz, die das Existenzrückgrat "Erwerbs- und Konkurrenzfähigkeit" aufzeigt, gehören sie in die gleiche Rubrik.
Die Energontheorie ist die Lehre von den Wirkungsgefügen,
von den Wirkungsträgern, von den Wirkungsverwandtschaften. Sie
sagt: diese sind es, die letztlich zählen.
(Originalbuchseite 399)
Wilhelm Ostwald, der sein Buch Solvay widmete, übertrug den Begriff "Energietransformator" auf die Organe und die Werkzeuge (Maschinen inbegriffen) der menschlichen Machtkörper. Ihre Bedeutung beruhe darauf, "daß sie eine günstige Transformation der mit ihrer Hilfe bearbeiteten Rohenergie ermöglichen und dadurch eine günstigere Produktion von Nutzenergie bewirken". In diesem Sinne bezeichnete er das, was der Wirtschaftler "Produktionsmittel" nennt, als "Transformationsmittel".14
Ostwald sah die Energiebilanzen als zentrale Erscheinung (S. 60). Die Tiere nannte er "Parasiten des Pflanzenreiches" (S. 52). Den Wirkungsraum nannte er "energetisches Gebiet" (S. 73). Er hob hervor, daß beim Einsatz von "fremden Energien" durch den Menschen "diese nicht aus seinem Körper herrühren, sondern der Außenwelt entnommen sind". In der direkten Nutzbarmachung, die nicht über den Umweg des Körpers erfolgt, sah er "den entscheidenden Schritt zur Herrschaft über die Erde" (S. 81).
Ostwald faßte die Phänomene der menschlichen Machtsteigerung unter der Bezeichnung "Kulturarbeit" zusammen. Das war ein schwerwiegender Fehler, weil mit dem Wort "Kultur" sehr vieles bezeichnet wird, das eine rein ökonomische Bewertung nicht zuläßt. Gerade den Soziologen, an die er sich in seinem Buch wandte,15 wurde das Verständnis für das, was er tatsächlich meinte, so außerordentlich erschwert. Das war mit ein Grund dafür, daß ich einen klaren Trennungsstrich zwischen Erwerbstätigkeit und "Luxus"-tätigkeit gezogen habe.
Kurt Wieser,16 der in manchen Gedanken ebenfalls der Energontheorie nahekam, machte den Vorschlag, den beiden Grundgesetzen der Thermodynamik ein drittes hinzuzufügen. Er nannte es "Gesetz der zunehmenden Wirkung einzelner Energiequellen". Er formulierte es so: "In einzelnen Fällen gliedern sich einzelne Urkräfte andere Urkräfte um sich herum." Wieser beschäftigte sich nur wenig mit anderen Autoren, seine Ausführungen sind schwierig zu lesen. Sie enthalten jedoch bemerkenswerte Gedanken, und gerade dieser Vorschlag hat, wie mir scheint, eine gewisse Berechtigung.
Der erste Energiesatz besagt, daß Energie unzerstörbar ist. Sie teilt sich, verwandelt sich, verschmilzt, bleibt aber stets erhalten. Das ist ein Grundphänomen, für das bis heute keine "Erklärung" gefunden wurde. Das zweite Grundgesetz
(Originalbuchseite 400)
besagt, daß sich bei jeder Energieumwandlung die Menge an "freier" Energie vermindert.17 Die Intensitäten gleichen sich aus. Auch das ist ein empirisch festgestelltes Grundphänomen, für das es eine weitere "Erklärung" bisher nicht gibt. Wenn Wieser nun diesen beiden Grundphänomenen als drittes hinzufügt, daß Energie sich unter bestimmten Bedingungen zusammenballt, differenziert und in immer mächtigeren Potentialen - den Trägern des Lebensprozesses - manifestiert, dann scheint mir das nicht unberechtigt. Auch hier stehen wir vor einer nicht weiter "erklärbaren" Grundeigenschaft des besonderen Etwas "Energie". Auf dieser Grundeigenschaft beruht letztlich die gesamte Evolution. Wohlgemerkt: Nicht die Gestalten erklären sich aus ihr - jedoch: daß es überhaupt zu solchen Gestalten kommen konnte.
Der Physiker - für den die Organismen außerhalb seiner "Kompetenz" liegen - mag kaum geneigt sein, ein solches Grundgesetz den beiden ersten anzufügen. Von der Energontheorie her finde ich dagegen diesen Vorschlag vernünftig.
Die erstaunlichste Voraussicht muß wohl dem griechischen Philosophen Heraklit zugebilligt werden. Von seinen Schriften sind nur etwa hundert "Verse" erhalten geblieben, und diese sind zum Teil recht dunkel, ja banal. Trotzdem kann kein Zweifel über die Grundauffassung dieses Denkers - im Ausspruch "alles fließt" zusammengefaßt - bestehen.
Man bedenke: Zu einer Zeit, da wissenschaftliches Denken
sich erst entwickelte, umgeben von regungslosem Gestein, von Erde, Baumstämmen,
Häusern, Metall, hatte dieser Mann die Kühnheit, zu erklären,
daß alles letztlich Bewegung sei - "Feuer", wie er sagte. Nach den
damals bekannten Erscheinungen konnte er kein besseres Symbol für
Energie wählen.
Zusätzlich versuchte Darwin eine Erklärung für diesen Prozeß zu geben. Er
(Originalbuchseite 401)
glaubte - ebenso wie sein Vorgänger Lamarck - an ein Erblichwerden erworbener Eigenschaften, stellte jedoch das Prinzip der "Auslese des Zweckmäßigeren durch natürliche Zuchtwahl" in den Vordergrund. Das ist eine durchaus andere, zweite Theorie, die bis zum heutigen Tag strittig geblieben ist. Da auf diese Weise der "Zufall" zum eigentlichen Urheber aller organischen Erscheinungen wird, wandten sich sehr viele scharf gegen sie. Und da die beiden Theorien als Einheit vorgetragen wurden - wandten sie sich gleichzeitig gegen die Evolutionslehre.
Einen ähnlichen Fehler möchte ich hier vermeiden. Auch was in diesem Buch dargelegt wurde, ist - strenggenommen - nicht ein Konzept, sondern es sind deren mehrere.
Die Energontheorie an sich sagt nichts über die Entstehungsweise der Energone aus, sie beschäftigt sich nicht mit ihrer evolutionären Entwicklung. Vielmehr erklärt sie: Wie auch immer ein Energon entstehen mag, seine raum-zeitliche Gestalt ist ihm durch ein bestimmtes Wertgerüst vorgeschrieben. Wenn ich also darüber hinaus versuchte, Erklärungen für den Werdegang der Energone zu geben, dann ist das etwas Zusätzliches.
Die erste solche Erklärung - und somit die zweite von mir vorgelegte Theorie - möge Erweiterte Evolutionstheorie benannt sein. Sie besagt, daß sich die Evolution der Tiere unmittelbar in den vom Menschen gebildeten Erwerbskörpern fortsetzt. Hauptargumente sind dabei die Lehre von den "künstlichen Organen" (von den "nicht verwachsenen Wirkungsträgern") und jene von der Übernahme der Rezeptbildung (besonders der Strukturaufbaurezepte) durch das menschliche Zentralnervensystem (vgl. Anhang IV). Diese Theorie entspringt zwar der Denkweise, zu welcher die Energontheorie führt, ist aber nicht ein Bestandteil derselben. Ist die erweiterte Evolutionstheorie falsch - ja angenommen, die ursprüngliche Evolutionslehre wäre falsch -, dann würde dadurch die Energontheorie nicht weiter betroffen. Selbst wenn - wie Linné annahm - jede einzelne Tier- und Pflanzenart eine persönliche Konstruktion Gottes wäre, selbst wenn sich herausstellte, daß sämtliche vom Menschen geschaffenen Erwerbsstrukturen auf eine immaterielle, dem Menschen eingepflanzte "Seele" zurückzuführen sind (woran nach wie vor sehr viele glauben) - selbst dann, so erklärt die Energontheorie, müßten die Energone so beschaffen sein, wie sie es sind.
Als weiteren Erklärungsversuch trug ich eine Ansicht vor (Teil 1, Kapitel VII), die ich Steuerungstheorie nennen will. Sie besagt, daß die wirksamen Außen- und Innenfaktoren selbst es sind, die über den Weg der "Steuerkausalität" die evolutionäre Entwicklung der Energone gelenkt haben (und lenken). Diese Steuerung erfolgt nach demselben Prinzip, das auch den Steuerungsvorgängen im Körper der Organismen und in der menschlichen Technik zugrunde liegt - jedoch erfolgt sie durchaus ungezielt, "unabsichtlich", "ungewollt". Auch dieses
(Originalbuchseite 402)
Konzept ist bloß ein Zusatz. Ist es falsch, dann wird die Energontheorie - eben weil sie sich nicht mit dem Entwicklungsweg der Energone befaßt - davon nicht berührt.
Das vierte vorgetragene Konzept nenne ich Theorie der funktionellen Kreisprozesse (Teil 2, Kapitel IV). Sie zeigt einen gesetzmäßigen Weg, wie es durch Aufeinanderfolge von Funktionsveränderungen zu Fortschritten und Höherentwicklungen kommen konnte. Sie ist ebenfalls ein Zusatz, berührt die Energontheorie nicht direkt.
Das fünfte Konzept - die Theorie der vier Grundformen des Staates - ist ein Anwendungsversuch der Energontheorie auf die Staatsformen. Sollten hier Denkfehler unterlaufen sein, dann wird das Energonprinzip nicht unmittelbar betroffen. Immerhin stehen diese beiden Theorien in engem Zusammenhang.
Wenden wir - zum Abschluß - den Blick in die Zukunft.
Machen diese Theorien Voraussagen über die weitere Menschheitsentwicklung
möglich?
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Anmerkungen:
1 Das bestätigt
weitgehend die Grundanschauung von Demokrit (460-371 v. Chr.).
2 Ob es
tatsächlich die kleinsten materiellen Einheiten sind, vermag noch
niemand zu sagen. Es gibt heute in der Physik durchaus ernstgenommene Theorien,
die eine weitere innere Struktur der Elementarteilchen annehmen (z. B.
das sogenannte Quarkmodell von Murrey Gell-Man).
3 Wilhelm
Ostwald sprach bereits 1887 die Ansicht aus, daß Materie "ein sekundäres
Produkt der Energie" sei.
4 Einige
Beispiele für Energiewerte gebe ich in Anhang V.
5 Katalysatoren
bewirken chemische Umwandlungen, ohne selbst in das Endprodukt mit einzugehen.
Autokatalysatoren ("Selbstkatalysatoren") führen zur Vermehrung ihrer
eigenen Struktur - wobei auch sie in die neu entstehende Substanz nicht
selbst mit eingehen. Ein Beispiel ist Wasser. Damit aus Knallgas Wasser
entsteht, ist Wasser - zumindest in Spuren - nötig. Dieses ist gleichsam
der notwendige Anstoß dazu, daß sich H- und 0-Atome zu H20-Molekülen
verbinden.
6 Goethe
charakterisierte die "organischen Wesen" so: "Sie verarbeiten zu verschiedenen
bestimmten Organen die in sich aufgenommene Nahrung, und zwar, das übrige
absondernd, nur einen Teil derselben. Diesem gewähren sie etwas Vorzügliches
und Eigenes." (Aus: "Vorträge über die drei ersten Kapitel des
Entwurfs einer allgemeinen Einleitung in die vergleichende Anatomie, ausgehend
von der Osteologie", 1796). Goethe dachte wohl in erster Linie an die Bildung
der organischen Strukturen. Aber auch auf die Energie trifft seine
Formulierung zu. Auch hier wird einem Teil, unter Absonderung des übrigen,
"etwas Vorzügliches und Eigenes gewährt".
7 Goethe
schrieb: "Deshalb geschieht hier ein Vorschlag zu einem anatomischen Typus,
zu einem allgemeinen Bilde, worin die Gestalten sämtlicher Tiere der
Möglichkeit nach enthalten wären, und wonach man jedes Tier in
einer gewissen Ordnung beschriebe. Dieser Typus müßte so viel
wie möglich in physiologischer Richtung aufgestellt sein." Dieser
letzte Satz kennzeichnet Goethes Gedankenrichtung: "physiologisch" bedeutet
von der Funktion, von der Wirkung her. ("Erster Entwurf einer allgemeinen
Einleitung in die vergleichende Anatomie, ausgehend von der Osteologie",
Jena 1795), Eine im Prinzip ähnliche Gedankenrichtung leitete später
W. Roux, den Begründer der Entwicklungsmechanik. Er definierte
sie "als die Wissenschaft von der Beschaffenheit und von den Wirkungen
derjenigen Kombinationen von Energie, welche Entwicklung hervorbringen".
Er suchte nach den "Ursachen der Gestaltungen der Lebewesen" und sah im
Entwicklungsprozeß ein kausales Geschehen. (W. Roux, "Gesammelte
Abhandlungen über die Entwicklungsmechanik der Organismen", Leipzig
1895.) Die Energontheorie setzt beide Gedankenrichtungen fort.
8 Ich lege
in diesem Buch keine Messungsvergleiche vor. Aus wirtschaftlichen Daten
und schon bestehenden Messungen an Organismen lassen sich wohl bereits
mancherlei Vergleiche anstellen, aber sie haben doch nur sehr beschränkten
Aussagewert. Hier muß erst eine nach den neuen Kriterien erfolgende
Grundlagenforschung einsetzen.
9 Mit dieser
Frage beschäftigt sich B. Hassenstein in "Kybernetik und biologische
Forschung", Handbuch der Biologie I/2, Frankfurt 1966, S. 634.
10 "...
transformateur de lénergie qui existe a létat potentiel
..." in "Notes sur des Formules dIntroduction à lEnergátique
Physio- et Psycho-Sociologique", Brüssel 1906, S. 4.
11 "Dautre
part, il apparaît avec la même évidence, que lorganisme
"homme" ne peut plus être envisagé en lui-même et pour
lui-même exclusivement. Il doit être considéré
dans ses rapports énergétiques avec la société."
(S. 7.)
12 "Chaque
groupe humain particulier, lespèce humaine tout entière,
doivent être considéré comme une réaction chimique
organisée qui se continue et tend à se développer
sans cesse, suivant sa loi inéluctable, malgré les obstacles
de touts ordres et lintervention de facteurs intellectuels toujours nouveaux."
(S. 25.)
13 "En
somme, et au point de vue le plus général, lêtre vivant
serait une réaction organisée spécialement pour oxyder
à froid, de manière continue et avec dégagement final
dénergie, un milieu propre: sa raison dêtre initiale,
sa loi, son but, son intérêt seraient la production et la
continuation prolongée de cette oxydation dans les meilleures conditions
possibles."
14 "Die
energetischen Grundlagen der Kulturwissenschaft", Leipzig 1909, S. 149.
15 Es
ist bemerkenswert, daß dieses kaum beachtete Buch im gleichen Jahr
erschien, in dem Ostwald den Nobelpreis erhielt (1909).
16 Dies
ist nicht der Biologe Prof. Dr. Kurt Wieser, der sich ebenfalls mit Organisationsfragen
beschäftigte (etwa: "Organismen, Strukturen, Maschinen", Frankfurt
1959), sondern sein Vater, der Konstrukteur und Fabrikbesitzer war. Dieser
veröffentlichte als einziges Buch "Das Gesetz der Organismen", Budapest
1943, außerdem hinterlegte er noch zwei Skripten bei der Wiener Nationalbibliothek
(siehe Literaturverzeichnis). Ing. Wieser fand mit seinen Gedanken kaum
Widerhall. Er hinterließ zahlreiche unveröffentlichte Schriften.
17 Während
also Energie an sich unzerstörbar ist, wird "freie Energie" - wie
Ostwald sich ausdrückte - laufend "vernichtet" (S. 33).