(Originalbuchseite 374)
V
 
DER BUNTE GARTEN

 

Seit drei Jahrhunderten studieren wir statt der Gegenstände ihre Zeichen, statt des Terrains die Karte.
Hippolyte Taine (1828-1893)
 
Die vielgestaltigen Formen und Arten betrieblicher Leistungserstellung lassen sich irgendwie auf die Beziehung Faktorenertrag zu Faktoreneinsatz zurückführen. Bei dieser Beziehung handelt es sich um eine Produktivitätsbeziehung. Indem wir sie zum Ausgangspunkt unserer Analyse des Produktionsprozesses machen, führen wir unsere Untersuchungen gewissermaßen auf die Kernfunktion der industriellen Produktion zurück.
Gutenberg (1951)
 
1
 
Die gesamte belebte Natur mit all ihren vielen Tieren und Pflanzen gleicht einem bunten Garten. Die gesamte menschliche Wirtschaft mit all ihren unzähligen Erwerbsstrukturen gleicht ebenfalls einem bunten Garten. Nach unserem gewohnten Denken haben diese beiden "Gärten" nicht das geringste miteinander zu tun. Von der Energontheorie her sind es deren jedoch nicht zwei: es ist bloß einer.

An ihrer Oberfläche bieten sowohl die Wirtschaft als auch die belebte Natur ein erbauliches und friedliches Bild. Hier und dort entfalten sich Fähigkeiten, ist emsige, fruchtbare Tätigkeit am Werk. Wehe jedoch, wenn wir genauer prüfen. Hier wie dort ist der bunte Garten in Wahrheit ein Schlachtfeld. Hier wie dort stehen die einzelnen Erwerbskollegen, diese "Brüder" und Teile in der gleichen Entwicklung, in einem erbitterten Kampf gegeneinander. Wo einer eine Schwäche zeigt, erobert ein anderer seine Position. Zwischen manchen bestehen wohl Schutz- und Trutzbündnisse - nicht aber aus Freundlichkeit, sondern aus eigenem Interesse. Die menschlichen Gefühle - im Rahmen unseres "Ichs" so wichtig, zur Wertung der Welt so völlig ungeeignet - sind keine Kriterien zur Beurteilung dieser Vorgänge. Der Lebensstrom hat gleichsam Millionen von Fangarmen, er besteht in der Tat aus nichts anderem. Sie züngeln vor wie Flammen, oft verschlingen sie einander gegenseitig.

Nicht jeder dieser "Fangarme" bedroht die Existenz des anderen. Das räuberische Energon bedroht seine Beute - doch wie wir gesehen haben, kommen Räuber und Beute notwendigerweise zu einem Gleichgewicht. Vernichtet die räuberische Art ihre Beute, dann vernichtet sie sich selbst. Weit schlimmer ist der Kampf zwischen den "Konkurrenten", die es auf die gleiche Beute abgesehen haben.

(Originalbuchseite 375)

Doch auch hier besteht nicht zwischen allen vortastenden Fangarmen Rivalität.

In der Wirtschaft stört die Tätigkeit eines Arztes oder eines Schneiders die eines Bäckers in keiner Weise. Im "Garten" der Tiere und Pflanzen ist es nicht anders. Die Tätigkeit des Löwen stört nicht die der Bodenwürmer, die Tätigkeit der Tannenbäume nicht die der Viren.

In der Wirtschaft unterscheidet man "homogenen" und "heterogenen" Wettbewerb. Für Hühnerlieferanten sind nicht nur andere Hühnerlieferanten eine Konkurrenz, sondern auch Anbieter von Gänsen und Enten, aber auch die von Kalbfleisch. Im Fasching beeinträchtigen Maskenbälle die Einnahmen der Kinobesitzer und der in den Kinos etablierten Zuckerwarenverkäufer. Auf indirektem Wege untergräbt hier ein Anbieter den Markt des anderen, beeinträchtigt so das Spannungsfeld eines ansonsten bestehenden Bedarfs. Auch bei den Tieren und Pflanzen gibt es nicht minder viele Formen indirekter Beeinträchtigung. Breiten sich Parasiten aus, die das Brutgeschäft einer Art stören, dann beeinträchtigen sie auch den "Markt" für alle Räuber, die von den erwachsenen Tieren dieser Art leben. Wo die Würgfeige (eine Lianenart, die an Pflanzen hochklettert und sie erstickt) sich ausbreitet, vernichtet sie die Energiequelle für alle Pflanzenfresser, die auf ebendiesen betroffenen Baumarten zu Hause sind.1

In der Wirtschaft sind oft Strukturen von sehr verschiedener Größe Konkurrenten an der gleichen Erwerbsquelle. Speiseeis wird von winzigen Berufskörpern hergestellt (Besitzer und Frau, ein Geselle, Laden, einige Hilfsmittel), ebenso aber auch von großen industriellen Unternehmen. Im Meer leben winzige Fische vom gleichen Plankton wie der Bartenwal. Hier wie dort kann das große Energon das kleine (meist) nicht ganz verdrängen. Das große arbeitet wirtschaftlicher, und seine Macht ist ungemein größer. Jedoch an die gesamte Erwerbsquelle kommt es (meist) doch nicht heran. Die "Zwischenräume" sind groß genug, um auch sehr kleinen Konkurrenten (mit geringen laufenden Kosten und Ansprüchen) ein Auskommen zu sichern.2

Alle vom Menschen gebildeten Erwerbskörper brauchen zu ihrer Vergrößerung Stoffe. Wirtschaftsbetriebe erwerben entweder Grundstoffe (und das Energon baut sie selbst in sein Gefüge ein), Halbfertigprodukte oder schon gebrauchsfer-

(Originalbuchseite 376)

tige Wirkungsträger (Maschinen, neue Arbeitskräfte). Bei den Organismen ist es nicht anders. In Form von Wasser, Gasen, Salzen usw. gewinnen sie Grundstoffe. In Form geraubter Moleküle gewinnen sie Halbfertigprodukte: beispielsweise wird gefressenes Eiweiß nicht total, sondern nur bis zu den Aminosäuren abgebaut - und aus diesen wird dann eigenes Eiweiß erzeugt. Gebrauchsfertige Wirkungsträger können nur selten erworben werden. Der Einsiedlerkrebs erwirbt das leere Schneckenhaus, manche Schnecken, die Korallenpolypen fressen, bauen deren Nesselkapseln in das eigene Verteidigungssystem ein. Hilfskräfte (Organismen) werden auch hier gelegentlich hinzugewonnen, etwa bei allen Formen der Symbiose.

Ein interessanter Unterschied zwischen den künstlichen Organismen und den Tieren und Pflanzen ist der, daß die Wirtschaftskörper auch "Rezepte" erwerben können. Sie können solche in Gestalt von Patenten kaufen oder durch Anstellung von Fachleuten deren Erfahrungen mieten. Die gesamte wissenschaftliche Literatur steht ihnen zum freien Rezepterwerb offen. Das können die Tiere und Pflanzen noch nicht. Diese Möglichkeit - die zu einer ungeheuren Machtsteigerung innerhalb des Lebensstromes führte - eröffnete erst der "Erwerbsfangarm"' Mensch.

Sind das oberflächliche Parallelen und banale Unterschiede? Von der Evolution her betrachtet bestimmt nicht. Denn ob ein Vogel so oder anders aussieht, ob ein Organismus am Ort festsitzt oder mit Flossen umherschwimmt, ist kein absolutes Kriterium seiner Leistungsfähigkeit, seines biologischen Wertes. Das sind Äußerlichkeiten, die unsere Sinne, unser Gehirn beeindrucken. Zusammenhänge dagegen, die in allen Energongruppen in Erscheinung treten, führen uns weit näher an das Wesen dieser Strukturen heran, an die Problematik, die für Sein oder Nichtsein jedes einzelnen dieser "Fangarme" ausschlaggebend war und ist.

 
2
 
Der Schlüssel muß an das Schloß herankommen. Kommt das Schloß von selbst zu ihm, dann kann er am Ort festsitzen, andernfalls muß er beweglich sein, muß imstande sein, das sich bewegende Schloß zu finden.

Ist das Schloß wehrlos (wie etwa ein am Ort festsitzendes Pflanzenblatt), dann genügt der Kontakt des Schlüssels mit dem Schloß. Dem Erwerbsprozeß steht dann kein wesentliches Hindernis entgegen. Ist dagegen das Schloß wehrhaft, verteidigt es sich (wie etwa ein flüchtendes oder beißendes Tier oder ein Kunde, der gar nicht die Absicht hat, ein Produkt, das ihm angedreht werden soll, zu kaufen), dann sind besondere Verfolgungs- und Kampfmaßnahmen notwendig. Es fällt uns - nach unserem gewohnten Denken - schwer, die Zähne eines

(Originalbuchseite 377)

Raubfisches mit dem Anpreisungsgeschrei des Straßenverkäufers zu vergleichen. Solche Vergleiche wurden wohl schon oft angestellt - aber eher der amüsanten Wirkung willen, als um der Wahrheit näherzukommen. Funktionell dagegen sind diese Zusammenhänge wichtiger als der äußere Unterschied zwischen einem Fisch und einem Straßenverkäufer. Vom Lebensstrom her gesehen - und nur dieses Kriterium gilt letztlich - sind die äußeren Unterschiede belanglos, banal. Wesentlich ist nur die Funktionskraft, das Ergebnis. Wie die einzelnen Erwerbsfangarme des Lebensstromes aussehen, fällt überhaupt nicht ins Gewicht, beeinflußt nicht grundsätzlich ihre Konkurrenzkraft. Daß dagegen der Schlüssel seinem Schloß entsprechen muß, das beeinflußt die Konkurrenzkraft.

Die Erwerbsquelle kann verschieden ergiebig sein. Die Pflanzenblätter sind am Abend mit Zucker und Eiweißstoffen vollgestopft; bei Nacht überwiegt der Abtransport zu den Verbrauchs- und Speicherstellen; am Morgen sind die Blätter verarmt. Abendfraß ist somit weit ergiebiger als Morgenfraß. Im Frühjahr sind die jungen Blätter weich, voll von Nährstoffen, arm an Zellulose; im Herbst überwiegen dann die Stützgewebe. Die Larven der Miniermotte brauchen deshalb in der Frühjahrsgeneration nur zwei bis drei Tage vom Ei bis zur Verpuppung, in der Herbstgeneration mehrere Wochen. Für die Prostituierte ist der Erwerb nach dem Abendessen weit günstiger als etwa am Morgen, nach dem Monatsersten weit besser als zu Monatsende. Ist das völlig unvergleichbar, unwesentlich? Vom Lebensstrom her ist unwesentlich, ob ein Erwerbsfangarm die Gestalt einer Miniermotte oder einer Prostituierten hat. Wesentlich dagegen ist, daß diese Energone periodisch schwankenden Erwerbsquellen gegenüberstehen - und darauf abgestimmt sein müssen. Was dabei die Schwankungen verursacht, ist vom Energon her betrachtet irrelevant, gehört nicht zu den die Konkurrenzkraft beeinflussenden Faktoren.

Hier wie dort gibt es auch Erwerbsquellen, die für längere Zeit total aussetzen oder unzugänglich werden. Das macht hier wie dort entsprechende Reserven nötig: für deren Größe gibt es optimale Werte. Diese zu treffen, ist für solche Energone von entscheidender Wichtigkeit. Sind die Reserven zu groß, dann ist das ein überflüssig gebundenes Kapital - eine Verminderung des Konkurrenzwertes. Sind sie zu klein, dann wird das Risiko zu groß - und auch das vermindert den Konkurrenzwert. Die beste Balance richtet sich nach den durchschnittlichen Schwankungen in den erwerbslosen Phasen. Auch diese Werte sind somit zur Ermittlung der Konkurrenzkraft wichtig.

Eine andere Lösung ist die der Stillegung. Das Wintersporthotel wird im Sommer zugesperrt, das Murmeltier fällt im Winter in den "Winterschlaf". Die laufenden Kosten werden durch diese Maßnahmen auf ein Minimum gesenkt. Der optimale Durchschnittswert für notwendige Reserven wird so vermindert.

Eine dritte Lösung ist die des Ausgleichserwerbs. Der Eisverkäufer vermietet im Winter sein Lokal an einen Kohlenhändler, der Singvogel fliegt Tausende

(Originalbuchseite 378)

Kilometer weit zu einem anderen Erwerbsplatz. Zur Überbrückung flauer Geschäftszeiten nehmen viele Betriebe weitere Produkte in ihr Produktionsprogramm auf. Voraussetzung für diese Art von "Reserve" sind zusätzliche Strukturen und Rezepte, die solche Umstellungen gestatten. Die Organismen sind hierbei auf erbliche Rezepte angewiesen, bei den menschlichen Erwerbskörpern, die Teile abstoßen und ganz andere hinzuerwerben können, werden gerade solche Rezepte besonders entwickelt. "Flexibilität", "Anpassungsvermögen", "Geschmeidigkeit der Strukturen", "Leichtigkeit, Strukturen zu ändern", kurz "Elastizität des Betriebes" gelten in der modernen Industrie - die den sich immer schneller ändernden Märkten gegenübersteht - als besonders wichtiger Konkurrenzfaktor.

Ein Neues kam hier mit dem Menschen in die Welt: die Todesvoraussicht und Altersvorsorge. Für den Lebensstrom waren solche Einrichtungen bei den Tieren und Pflanzen weder wichtig noch von Vorteil. Was an Erwerbskraft verliert, verliert seine Daseinsberechtigung, wird zu einem hemmenden Klotz in der Entwicklung. Der Mensch, sonst ein Musterknabe unter den Energonen, stellt sich hier gegen die "obersten Interessen". Angeboren ist uns die Fähigkeit der Angst, dazu kam die aus Intelligenz erwachsende Voraussicht. Das Ergebnis ist eine für den Lebensstrom - und ebenso für die Wirtschaft - unzweckmäßige Reservenbildung.3

Die großen Gemeinschaftsorgane für Altersversorgung (Pensionskassen, Privatversicherungen) sind in dieser Hinsicht für Wirtschaft und Lebensstrom von beträchtlicher Bedeutung. Durch solche Funktionszusammenlegung wird es möglich, mit einer weit geringeren Menge an blockiertem Kapital auszukommen. Und dazu kommt noch, daß der Staat oder die privatrechtliche Anstalt einen Großteil der zur Sicherung eingezahlten Beträge auf dem Weg über gesicherte Investitionen wieder der Wirtschaft - und damit dem Gesamtentwicklungsfluß - zuführen kann.
 

3
 
Sehr wesentlich ist die Konzentration der Erwerbsquelle je Areal und Zeiteinheit. Wie ergiebig ist sie? Welche Energie- und Stoffmengen können ihr an einem be-

(Originalbuchseite 379)

stimmten Punkt durchschnittlich - entzogen werden? Wie schnell regeneriert die Quelle ihre "Kapazität"?

Fragen wir so, dann wird eine Problematik deutlich, die jedes Energon - ohne Ausnahme - gleichermaßen trifft.

Für die meisten Landpflanzen besteht kein Mangel an Sonneneinstrahlung; limitierende Faktoren sind hier der zum Energieerwerb nötige Stofferwerb sowie die klimatischen Verhältnisse. Demnach unterscheiden wir zwischen "guten und schlechten Böden". Experimentell läßt sich jeweils feststellen - und solche Experimente sind zur Genüge angestellt worden -, wieviel an "Biomasse" eine bestimmte Pflanzenart an einem bestimmten Standort produzieren kann. Im Prinzip läßt sich so für jede Pflanzenart eine Karte für die gesamte Welt ausarbeiten, in der die durchschnittlichen Produktionsziffern je Areal eingetragen sind: einerseits für den Fall, daß keine Konkurrenz vorhanden ist (wenn diese etwa künstlich beseitigt wird), anderseits bei der am jeweiligen Punkt gegebenen Konkurrenzsituation. Die ergiebigsten Böden (oder Gewässer) können in dunkler Farbe eingetragen sein, jene mit geringeren Durchschnittswerten entsprechend heller. Weiß fallen dann alle Gegenden aus, wo die betreffende Energonart überhaupt keinen Erwerb zustande bringt - wo dieser Schlüssel also kein passendes Schloß findet.

Eine ebensolche Karte läßt sich auch für jede im Wasser oder an Land lebende Tierart - und ebenso auch für jede "Art" von Wirtschaftskörper - ausarbeiten. Je mehr "Beute" oder je mehr "Bedarf" sich in einem gegebenen Areal aufhält, um so "dunkler" wird dann für die entsprechenden Arten die betreffende Region.

Was in diesem Fall ermittelt wird, ist das durchschnittliche Potential, dem die jeweilige Energonart gegenübersteht - ein spezifisches, energetisches Spannungsfeld.

Auf schlesischen Wiesen wurden 1935 auf einem Quadratmeter Bodenfläche (bis 25 cm Tiefe) bis zu 90.000 Einzeltiere gefunden (Milben, Springschwänze, Enchytraeiden, Faden- und Regenwürmer, Schnecken, Asseln, Spinnen usw.). Protozoen wurden hier gar nicht mitgezählt; von diesen können bis zu 100.000 Stück in einem Gramm Erdreich leben. Für Meerestiere sind wieder Gegenden optimal, wo warme und kalte Strömungen aufeinandertreffen (etwa bei der Doggerbank oder bei den Galapagosinseln). Ein nicht endender Regen von absterbenden Organismen (die den Temperaturunterschied nicht ertragen) ist die Folge: ein ständig reich gedeckter Tisch. Ungeheure Mengen von Kleinlebewesen versammeln sich um diese leicht erschließbare Quelle, größere ernähren sich von diesen, wieder größere von jenen.

Bei manchen Bäumen - besonders Ulmen - strömen aus Verletzungen des Stammes nährstoffreiche Säfte aus. Um diese sogenannten "Synusien" versammeln sich ebenfalls große Zahlen von Organismen (Bakterien, Pilze, Würmer, Milben) sowie weitere, die wieder auf diese Jagd machen.

(Originalbuchseite 380)

Im Bereich der menschlichen Wirtschaft sind Großstädte oder Vergnügungsorte Zonen von ähnlicher Ergiebigkeit. Je mehr Menschen an einem bestimmten Punkt zirkulieren - und je mehr Geld, also verfügbare Überschüsse, sie in den Taschen tragen -, desto ergiebiger - und damit wertvoller - wird für anbietende Energone dieser Platz. Und auch hier haben wieder auf Raub spezialisierte Erwerbskörper ein günstiges Feld für ihre Tätigkeit.

Decken sich für mehrere Energonarten die optimalen Zonen, dann zieht das wie eine Lawine weitere optimale Zonen für andere Energonarten nach sich. Jeder Ausbeuter wird selbst wieder zu einer möglichen Quelle der Ausbeutung. Das ist im Organismenreich nicht anders als im Wirtschaftsleben.4
 

4
 
Manche Quellen fließen stoßweise, bieten jedoch - wenn sie fließen - eine plötzliche und große Erwerbsmöglichkeit. Für Energone, die solche Quellen erschließen, ist wichtig, daß sie die seltene Chance bestmöglich nützen. Ob es sich dabei um einen Organismus oder um einen menschlichen Erwerbskörper handelt: das sich daraus ergebende Problem ist das gleiche.

Es stellt sich im Hotelfach, wenn während der Feiertage übergroße Nachfrage nach Zimmern oder Mahlzeiten herrscht. Dann heißt es: Wie viele können maximal untergebracht und verköstigt werden? Bei Produktionsbetrieben gibt es dieses Problem, wenn plötzlich eine übergroße Nachfrage nach den erzeugten Produkten auftritt. Dann wird - wie der Betriebswirt sagt - eine entsprechende "Kapazitätsreserve" wichtig. Eine gewisse "Elastizität" in der betrieblichen Leistungserstellung kann dann eine wichtige Steigerung des Eignungs- und Konkurrenzwertes bedeuten. "Anpassungsfähigkeit" ist hier von Bedeutung.

Die Riesenschlange (Python) kann durch besondere Erweiterungsfähigkeit des Kiefers und des Magens eine Ziege oder ein Wildschwein zur Gänze verschlingen. Manche Tiefseefische vermögen andere Fische zu verschlucken, die größer sind als sie selbst. Der Blutegel kann bis zum Zehnfachen seines eigenen Gewichtes an Blut - also Beute - auf einmal aufnehmen. Das sind Lösungsbeispiele für das gleiche Problem im Tierreich.

Spinnen stellen überzählige Beute durch Einspinnen sicher, viele Tiere verstecken Teile ihrer Beute im Boden. Die Verdauung wird in diesen Fällen auf später verschoben. Gelingt es einem Produzenten, die Nachfrager an das eigene Produkt

(Originalbuchseite 381)

zu fesseln (was ihm eine Art von Monopolstellung gibt), dann kann es ihm gelingen, sie bei übergroßer Nachfrage auf entsprechend lange Liefertermine zu vertrösten. Auch in diesem Fall wird eine stoßweise auftretende Erwerbsquelle sichergestellt, auch in diesem Fall der eigentliche Erwerbsakt später vollzogen.

 
5
 
In der Wirtschaft spielt der "Umschlag" eine große Rolle. Der Brotverkäufer schlägt - in Relation zum Betriebskapital - viel um und kann darum mit einer geringen Gewinnspanne arbeiten. Der Antiquar alter Bilder oder der Vertreter für Düsenflugzeuge kommen dagegen weit seltener an ein Geschäft. Um so höher muß dann der konkrete Gewinn sein, um diesem Typ von Energon eine Existenzmöglichkeit zu sichern.

Bei den Tieren ist das nicht anders. Einen großen Umschlag mit geringer Gewinnspanne hat etwa der Regenwurm. Er schaufelt in großer Menge Erdreich durch seinen Körper hindurch: die Menge darin enthaltener organischer Bestandteile, die er verwerten kann, ist relativ gering. Da ihm jedoch Erdreich in beliebiger Menge zur Verfügung steht, rentiert sich dieser Betrieb doch. Auch das Fressen von Algen und Schlick "erfordert viel Futter, um den Bedarf zu decken". Bei der Mützenschnecke unserer Bäche und Flüsse wurde gemessen, daß sie beim Fressen innerhalb von einer Stunde 110mal Kot in Würstchenform entleert und dabei eine Gesamtwürstchenlänge vom Zehnfachen der eigenen Körperlänge erreicht.5 Zwölf Minuten genügen diesem Energon, um Nahrung durch sein Darmrohr zu befördern.

Die Zecke, die Tierblut gewinnt, erbeutet damit so konzentrierte Nahrung, daß ein einziger erfolgreicher Erwerbsakt ihr für das ganze Leben genügen kann. In der Wirtschaft sind Geld, Gold und Juwelen besonders konzentrierte Energieträger. Der Räuber oder Kassenschränker, der an größere Mengen dieser Beute herankommt, hat zwar nicht für sein Leben ausgesorgt - jedoch immerhin für lange.

Daß jedes dieser Erwerbsextreme dem entsprechenden Energon besondere funktionelle Bedingungen stellt, liegt auf der Hand. Sie sind hier wie dort die gleichen. Das auf großen Umschlag angewiesene Energon muß ständig an der Erwerbsquelle sein, muß diese unermüdlich "bearbeiten". Das auf konzentrierten Erwerb spezialisierte Energon muß warten können. Hier kommt es nicht auf gleichmäßige, möglichst rationelle Tätigkeit an - sondern auf einen erfolgreichen Einzelakt, egal was er kostet.

(Originalbuchseite 382)

 
6
 
Die Erschließung jeder wehrhaften Quelle erfordert Strategie und entsprechende Waffen. Bei den Tieren ist beides meist angeboren - bei den menschlichen Erwerbskörpern ist beides meist erworben. Vom Energon her betrachtet ist dieser Unterschied unerheblich, eine Vorgeschichte. Wichtig ist bloß, daß das Energon über die nötigen Strukturen - Werkzeuge - und über die nötigen Verhaltensnormen - Techniken - verfügt.

Die beste Strategie ist hier wie dort die, das Koordinationszentrum der Beute in Gewalt zu bekommen. Gelingt dies, dann werden alle Schutz- und Abwehrmaßnahmen hinfällig.

Wenn der sogenannte "Angler" sein wurmähnliches Flossenende über seinem Maul hin und her führt, dann wird die Beute über eine solche Beeinflussung erworben. Ein angeborener Reaktionsmechanismus im Gehirn anderer Fische wird aktiviert - "getäuscht". Das Flossenende löst bei ihnen Angriffsverhalten aus, "sie halten es für ein freßbares Tier"', stürzen sich darauf - und landen in einem Magen.

Auf solche und ähnliche Weise verwandeln Raubtiere die Wirkungsträger ihrer Beute in eigene. Sie durchbrechen so deren Schutzmaßnahmen, lenken sie in ihr Verhängnis.

Der intelligente Mensch kann unvergleichlich mehr an solchen "Listen" hervorbringen. In jedem solchen Fall (Übertölpelung durch "Bauernfängerei", Irreführung der Staatsgewalt, Hinterslichtführen der Konkurrenz, Kriegslist) werden angeborene oder erworbene Reaktionen ausgenützt, gewinnt ein Energon Macht über ein gegnerisches Koordinationszentrum.

Auch bei den Erwerbsformen durch Tausch wird diese Technik in jeder nur denkbaren Spielart angewandt. Der Tauschpartner wird getäuscht und übertölpelt - das heißt: er tut, was er eigentlich gar nicht tun will. Höchste Entfaltung erreichte diese Waffe in der auf Marktschaffung ausgerichteten Werbung. Mit deren Waffen wird heute - ganz legal - Einfluß auf den anderen Menschen genommen. Ist dieser das Zentrum eines Berufskörpers oder eines Betriebes, dann richtet sich diese Waffe gleichsam auf den Kern des Kernes. In der Erwerbsstruktur ist der Mensch das leitende Zentrum, in diesem selbst ist es das Zentralnervensystem. Und dieser bedeutsamste und verwundbarste Punkt wird unter Beschuß genommen.

Auf höchst komplizierten Wegen - besonders gut beschrieb sie Vance Pakkard6 - wird auf Bestandteile in diesem komplexen Mechanismus eingewirkt. Das bewußte "Ich", die oberste Kommandostelle, wird tunlichst umgangen. Sie ist oft mißtrauisch und abwehrbereit. Ziel der Einwirkung ist das

(Originalbuchseite 383)

Triebparlament, dessen Macht dieses Ich oft gar nicht erkennt - oder nicht wahrhaben will. Dort, in das Stimmengewirr der Instinkte und Gewohnheiten, werden neue "Rufe" und Meinungsäußerungen eingeschmuggelt. Assoziationen werden in diesen "untergeordneten", dem Bewußtsein weitgehend entzogenen Zentralen geknüpft, die später zu ganz bestimmten Entschlußbildungen führen. Wünsche werden dort ausgelöst oder geweckt, die im großen Projektionsraum "Phantasie" entsprechende Wunschgebilde erstehen lassen. Getarnt als Information, Freund und Helfer beginnt diese Art von Werbung das innere Parlament zu dirigieren, manchen "Koalitionen" entgegenzuwirken, neue zu bilden. Der beeinflußte Mensch kommt so an das Gängelband. Er ist überzeugt, daß er will, was er will - und er wird gewollt.

Es gelingt so, ihn - in fremdem Interesse - zu einem Nachfrager zu machen. So wie die Beute des Anglers auf das Fähnchen zueilt - und im Magen endet, so eilt der manipulierte Bedarf freiwillig zum Tausch und erwirbt, was er gar nicht haben will, nicht haben wollte. Da nur ein Stück seines Potentials in den Magen des Produzenten gerät, merkt er es meist gar nicht. Außerdem will er es nicht wahrhaben. Da das "Ich" nun einmal diese Entscheidung faßte - betrachtet es sie als seine eigene Entscheidung. Und da dieses "Ich" sehr oft zu gar keiner eigenen Entscheidung fähig war, ist ihm diese lieber - als gar keine.

Das sind jedoch nur verhältnismäßig kleine Erträge, die durch Manipulation des fremden Koordinationszentrums zu erreichen sind. Am wirkungsvollsten und elegantesten ist es, die fremde Leitungszentrale ganz durch den eigenen Willen zu ersetzen. Bei den Organismen gibt es das kaum7 - in der Welt der nicht verwachsenen Erwerbskörper des Menschen dagegen schon. Der Weg ist fast immer gewaltsam. Ein Beispiel dafür ist der schon besprochene "Staatsstreich". Wer das Heer - die größte Macht im Staatskörper - kommandiert, hat die dazu nötigen Fäden in der Hand.

Das eigentliche Steuerungszentrum ist hier entweder der Wille des absoluten Monarchen oder das Rezeptbuch "Verfassung". Diese Einheiten müssen durch eigene Koordinationsvorschriften ersetzt werden. Der Monarch wird beseitigt oder die Verfassung außer Kraft gesetzt. Ein ganzes Reich wird so unter den Willen eines einzelnen gebracht, wird so zu dessen Berufskörper - oder Erwerbsorgan.8

(Originalbuchseite 384)

Sämtliche Formen der Bestechung - im Staat oder in Betrieben - sind kleine Ableger dieses Vorganges. Auch hier geht es immer darum, steuernde Zentralen den Interessen eines anderen Erwerbskörpers zu unterwerfen. In diesem Fall ist die Waffe weder List (wie bei der Reklame) noch Gewalt (wie beim Staatsstreich), sondern ein Tauschakt. Wirkungsträger des fremden Energons werden durch entsprechende Bezahlung insgeheim zu solchen des eigenen Erwerbskörpers gemacht. Der naturgegebene Konflikt zwischen Eigeninteresse (des Angestellten oder Beamten) und dem übergeordneten Interesse wird hier ausgenützt. Da besonders der Staat die allergrößten Aufträge zu vergeben hat, lassen sich auf diesem Umweg ganz eminente Erwerbsquellen gewinnen.

 

7

In der Wirtschaft ebenso wie im Reich der Tiere und Pflanzen gibt es Spezialisten und Universalisten. Hier wie dort sind mit Extremen Vor- und Nachteile verbunden. Der Spezialist kann eine bestimmte Erwerbsform rationeller erbringen: das rentiert sich aber nur, wenn die Erwerbsquellen konstant fließen. Anderenfalls ist der Universalist, der weniger festgelegt ist, im Vorteil.9

Sowohl in der Wirtschaft als auch in der Natur spielt die Größe der einzelnen Energone eine wichtige Rolle. Im Konkurrenzkampf und im Abwehrkampf gegen Feinde ist sie eine wichtige Waffe - anderseits jedoch darf auch ein bestimmtes Optimum nicht überschritten werden. Wie leicht einzusehen ist, könnte ein zehnmal größerer Wolf nicht zehnmal so weit laufen. Trotz seines Größenvorteils wäre es ihm nicht möglich, zehnmal mehr Beute zu gewinnen. Ebenso wird auch in der Wirtschaft für viele Produktionsbetriebe die Optimalgröße durch die Länge der notwendigen Anlieferungs- und Verkaufswege (und die dadurch bedingten Transportkosten) beschränkt. In der Grenznutzenanalyse hat man sich mit der Bestimmung des "Größenoptimums" eingehend beschäftigt.

Sowohl in der Wirtschaft als auch bei Tier und Pflanze finden wir in günstigen Erwerbsgebieten eine entsprechend höhere Artenzahl. Ist für viele Energontypen eine Daseinsmöglichkeit gegeben, dann ist die Auslese weniger scharf. In den Tropen findet man oft leichter zehn Individuen verschiedener Fisch- oder Schmetterlingsarten in einem Gebiet (Biotop) als zehn Individuen der gleichen Art. So ist es auch im günstigen Erwerbsraum einer Großstadt. Fragen wir dort Leute auf der Straße nach ihren Berufen, dann finden wir eher zehn Individuen mit verschiedenen Berufen als zehn mit dem gleichen. Auf dem Land dagegen, wo die Berufs-

(Originalbuchseite 385)

möglichkeiten weit mehr beschränkt sind, ist es umgekehrt - ebenso bei den Tieren und Pflanzen in weniger günstigen Erwerbsräumen.

In der Wirtschaft ebenso wie im Organismenreich sind die einzelnen Energone erwerbsmäßig ineinander verwoben, hängen in mannigfacher Weise voneinander ab. Schwankungen im Erwerbserfolg mancher "Schlüsselarten" lösen darum hier wie dort "Konjunkturen" oder "Depressionen" für andere Energontypen aus.

Besonders die Tiere sind oft in endlosen und mannigfach verflochtenen "Nahrungsketten" miteinander verbunden. Jeder Räuber hängt von seiner Beute ab - und von ihm selbst wieder die Räuber, die ihm nachstellen.

In der Wirtschaft ist es nicht anders. Von der Autoindustrie hängen die Tankstellen und Garagen ab, von der Zigarettenindustrie die Hersteller von Feuerzeugen und von Medikamenten zum Abgewöhnen des Rauchens. Auch hier gibt es schier endlose und endlos verflochtene "Nahrungsketten". Der Schuster verdient am Schneider (weil dieser Schuhe braucht), der Schneider am Rechtsanwalt (weil dieser einen Anzug braucht), und so geht es weiter. Auch hier können Schwankungen einzelner "Schlüsselerwerbe" zu Konjunkturen und Depressionen bei zahlreichen anderen Erwerbskörpern führen.

 
8
 
Fast jeder wirtschaftliche Aspekt hat auch im Organismenreich seine Berechtigung - und umgekehrt. Dabei sind die Unterschiede nicht minder aufschlußreich als die Verwandtschaften.

Bei den Produktionsbetrieben gibt es zwei Möglichkeiten: entweder wird auf Bestellung oder auf Lager gearbeitet. Die erste Möglichkeit hat den Vorteil, daß erst nach gesichertem Absatz die zur unmittelbaren Produktenherstellung nötige Energie (Kapital) eingesetzt wird. Die zweite hat den Vorteil, daß das Produkt bereits fertig vorliegt, wenn ein - voraussehbarer - Bedarf auftritt.

Wie sieht es mit diesem Verhältnis bei den Organismen aus?

Da hier in der Regel geraubt und nicht getauscht wird, liegen die Dinge etwas anders. Doch streng theoretisch stoßen wir auch hier auf diesen Unterschied. Normalerweise werden erst die Erwerbsorgane ausgebildet, und dann wird mit diesen Organen erworben. Das entspricht der Produktion auf Lager: erst wird investiert - dann nach der Beute, der Energiequelle, gesucht. Aber es gibt auch einige Tierarten, bei denen das andere Prinzip verwirklicht ist. Sie sichern erst die Beute - und bilden dann erst das für den Erwerb notwendige Organ aus.

So ist es etwa bei dem parasitären Krebs Sacculina. Er schwimmt als Larve durchs Meer, sucht nach einem Fisch, an dem er sich festsetzen kann. Bis zu diesem Zeitpunkt ist sein Körper bloß ein Mechanismus zur Beutesuche (sozusagen

(Originalbuchseite 386)

das "Anlagekapital"). Erst wenn Sacculina die Beute gefunden hat, treibt sie "Saugwurzeln" in das Innere des Fischkörpers vor. Das entspricht im Prinzip der Produktion auf Bestellung. Das Erwerbsorgan wird erst gebildet, wenn die Beute gesichert ist. Ja die Parallele geht noch weiter. Bei der Produktion auf Bestellung gibt es Vorschüsse. Auch Sacculina entzieht dem Wirtskörper Energie und Stoffe, aus denen sie das immer größer werdende Erwerbsorgan ihrer Saugwurzeln aufbaut.

In der Wirtschaft und im Staatsdienst sind Beförderungen ein wichtiges Phänomen. Bei den Organismen hat das kaum eine Vorstufe.

Junghechte, wenn sie 5 bis 9 mm lang sind, ernähren sich hauptsächlich von Rotatorien. Dann überwiegen Nauplien als Nahrung und ab 12 cm Länge Copepoden. Später gehen die Hechte dann auf Fischnahrung über. Auch hier sehen wir einen Quellenwechsel - der sich aber mit jenem der Beförderung innerhalb von größeren Erwerbsorganisationen nicht vergleichen läßt.

Der grundsätzliche Unterschied liegt hier im Überwinden der "Art". Sämtliche Organismen - selbst wenn sie die Erwerbsquelle wechseln - sind an bestimmte raum-zeitliche Strukturen festgenagelt. Erst am Entwicklungspunkt "Mensch" kam es zur Befreiung von diesen Fesseln.

Der Mensch schlüpft von einem Erwerbskörper in einen anderen. Er stößt die Wirkungsträger des einen ab, bindet andere an sich. Beim Phänomen der Beförderung ist ein so rigoroser Umbau nicht nötig, zusätzliche Verhaltensrezepte sind hier ausschlaggebend ("Fähigkeiten", "Erfahrungen"). Auch hier liegt jeweils ein Energonwechsel vor. Im Heer ist der Leutnant ein anderes Energon als der Gefreite, der General ein anderes als der Major. Im Betrieb ist der Werkführer ein anderes Energon als der Vorarbeiter, der Generaldirektor ein anderes als der Direktor.

Die einzige Parallele für "Beförderung" finden wir in den Insektenstaaten - etwa im Bienenstaat. Bis zum zehnten Lebenstag arbeitet die "Arbeiterin" als Hausbiene im Stockinneren: sie säubert die Waben, wärmt die Brutzellen. Vom zehnten bis zum zwanzigsten Tag (die Wachsdrüsen haben sich inzwischen entwickelt) baut sie Waben, übernimmt von anderen Arbeiterinnen Nektar, füllt ihn in Vorratszellen, säubert den Bau. In der dritten Lebensperiode bis zu ihrem Tod ist sie dann als Sammlerin tätig. Aber auch hier sind die Voraussetzungen andere. Die "beförderte" Biene erhält keinen "besseren Lohn". Hier wie überall sonst im Tier- und Pflanzenreich ist - eben wegen der Artfesselung und des Fehlens von ichbewußter Intelligenz - eine individuelle Überschußverwertung (sowie der Anreiz zu einer solchen) einfach noch nicht gegeben.

"Wirtschaft" und "Staatswesen" trennen wir von der belebten "Natur". Doch diese in unserem Gehirn errichtete Mauer ist nicht gerechtfertigt, muß überwunden - "niedergerissen" - werden. Das gleiche gilt für eine zweite, nicht minder "hohe" Mauer: jene zwischen "organischen" und "anorganischen" Erscheinungen.
 
 
 
Zurück zu Inhalt von "Energon"

Weiter zu "Entfaltung" in "Energon"
 
 
 
Anmerkungen:

1 Eine ungewöhnliche Beeinträchtigung (die nicht die Individuen, jedoch die Art trifft) beschreibt W. Kühnelt in seinem "Grundriß der Ökologie" (S. 287): Die Krebsart Gammarus zaddachi wird durch andere Gammarus-Arten geschädigt, indem deren Männchen mit ihren Weibchen kopulieren. Das Ergebnis sind unfruchtbare Eier - eine empfindliche Energieeinbuße für die Art. In diesem Fall ist die Konkurrenzwirkung äußerst indirekt. Durch Fehler in einer Vermehrungsbemühung wird eine andere Art geschädigt.
2 In der Wirtschaft besagt die "Marginalanalyse": der letzte, gerade noch gewonnene Käufer ist der teuerste. Mit steigender Produktion sinken zwar die Produktionskosten, die Vertriebskosten steigen dagegen an. Die Absatzbereiche der Betriebe sind beschränkt. Die jeweils optimale Betriebsgröße muß vom Leistungsprogramm her ermittelt werden: sie ist zeit- und ortsabhängig.
3 Für solche Biologen, die in allem und unbedingt nach einem Selektionswert suchen, sei hinzugefügt: völlig nachteilig ist dieser Vorgang nicht. Die geistige Potenz des Menschen kann immer noch wachsen, selbst wenn die Erwerbskraft versiegt. So können - im Schutz der Altersreserve - noch Rezepte zustande kommen, die dem Lebensstrom weiterhelfen. Außerdem kommt es dadurch zu Kapitalbildungen, die - bei frühem Tod - den Erben einen besseren Ausgangspunkt geben. Schließlich hat die Altersversorgung auch Anspornwert in der Erwerbszeit. Fast alles hat so seine zwei Seiten. Diese Vorteile wiegen aber bestimmt den Nachteil der systematischen Stillegung von Kapital nicht auf.
4 Man spricht hier von einer "Agglomerationsorientierung": Wo Betriebe sich etablieren, lassen sich bald auch andere, meist ergänzende, nieder. Industriebetriebe ziehen Dienstleistungsbetriebe und Reparaturbetriebe nach sich. Banken und Versorgungsbetriebe folgen.
5 R. Hesse, "Tierbau und Tierleben", Jena 1943, Bd. II, S. 278.
6 "Die geheimen Verführer", Düsseldorf 1958.
7 Nur etwa bei Viren, die Einzeller anfallen.
8 Die Amazonenameisen (Polyergus rufescens) haben sich auf diesen Vorgang spezialisiert, ja sind auf ihn angewiesen. Das junge Weibchen dieser Art dringt in eine Kolonie der Ameise Serviformica fusca ein, tötet deren Königin, wird daraufhin "adoptiert", und ihre Brut wird von der anderen Ameisenart aufgezogen. Die so entstehenden Amazonenarbeiterinnen leisten keinerlei Arbeiten im Ameisenstaat. Die Existenz dieser Art basiert auf einem ständigen "Sozialparasitismus". (Näheres in: K. Gösswald, "Unsere Ameisen", Stuttgart 1954, S. 72 f.)
9 Vom menschlichen Spezialisten sagt ein treffender Spruch, daß er "mehr und mehr über weniger und weniger weiß".