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IV
 
DIE GROSSEN VERDIENER

 

Das zentrale Problem der Wirtschaft ist die Knappheit.
W. Eucken (1959)
 
Der Reichtum gleicht dem Seewasser. Je mehr man davon trinkt, desto durstiger wird man.
Arthur Schopenhauer (1788-1860)
 
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Weder im Tier- noch im Pflanzenreich gibt es "große Verdiener". Es kann wohl vorkommen, daß Pflanzen oder Tiere in besonders "günstige Lebensbedingungen" kommen, daß sie dann konkurrenzlos ungeheuer ergiebigen Erwerbsquellen gegenüberstehen. Aber das nützt ihnen wenig. Ihr maximaler Größenwuchs ist durch die Erdschwerkraft und die Art ihrer Struktur vorgezeichnet. Überschüsse können sie bloß in Vermehrung investieren - keine für sie günstige Lösung. Denn so schaffen sie sich selbst Konkurrenten. Diese vermehren sich auch wieder, und alsbald sind dann alle Erwerbsplätze besetzt. Zwischen den Erwerbsquellen und den sie ausbeutenden Organismen kommt es so immer und ganz von selbst zu einem Gleichgewicht.

Das bedeutet: bei den Pflanzen und Tieren beseitigt sich gleichsam jedes Monopol ganz von selbst. Dem erfolgreichen Individuum erwächst hier nur ein mäßiger Vorteil. Den eigentlichen Gewinn hat bloß die Art. Ihr Gesamtvolumen vergrößert sich.

Der Lebensstrom zieht aus diesem Vorgang nur dann Gewinn, wenn es sich um eine Pflanzenart handelt. Vermag eine solche sich in noch unerschlossene Gebiete auszubreiten, dann bedeutet das einen Zuwachs in der Gesamtlebensstruktur, im Gesamtlebensvolumen. Bei einer Tierart dagegen - ganz gleich ob diese sich von Pflanzen oder Tieren ernährt - fällt ein Monopol nicht ins Gewicht. Beim Freßvorgang geht in jedem Fall bloß eine organische Erscheinungsform in eine andere über. Das Gesamtlebensvolumen wird dadurch nicht - oder nur sehr beschränkt - betroffen.

Bei den menschlichen Erwerbskörpern wurde das plötzlich anders. Ihre Struk-

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tur ist so beschaffen, daß sie jede beliebige Menge von Überschüssen ansammeln und diese dann auch beliebig verwenden können.

Trotzdem bleibt auch bei diesen Energonen das Prinzip der Selbstregelung erhalten - sofern nicht der "Staat" gewaltsam eingreift. Erweist sich eine Erwerbsform als besonders lukrativ - "fließen also die betreffenden Erwerbsquellen reichlich" -, dann bilden andere Menschen eiligst analoge Erwerbskörper. Auch hier kommt es dann ganz von selbst zu einem Gleichgewicht zwischen der Ergiebigkeit der Erwerbsquelle und dem Volumen der sie ausbeutenden Energone. Auch hier "pendelt" sich also das Verhältnis ein.

Eine Ausnahme ist jedoch gegeben, wenn ein Monopol besteht und aufrechterhalten werden kann. Dann wird ein Erwerbsindividuum plötzlich zum großen Verdiener.1
  

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Bis zum Evolutionspunkt "Mensch" herrschte im Evolutionsfluß die Art. Sieht man von einigen Ausnahmen - etwa den "Paschas" bei den Affen - ab, dann kann man sagen: die Energonindividuen konnten nie zu besonderer Machtsteigerung gelangen. War ein Individuum auch noch so tüchtig: sein Erfolg kam nicht eigentlich ihm selbst zugute, sondern nur der Art. Es vermehrte sich, vermehrte die artspezifische Lebenssubstanz - ihm selbst waren jedoch eindeutige Grenzen gesetzt. Man könnte sagen, in dieser ganzen Periode waren die Individuen nur immer Werkzeuge - "Organe" - der Art. Die Art breitete sich aus, sie wurde allenfalls wieder zurückgedrängt Die Art war das eigentliche Instrument - das eigentliche "Organ" - des Lebensstroms. Wuchs die Art, wuchs auch er. Die Auseinandersetzung der Arten mit der Umwelt war der eigentliche Kampf.

Beim Überschreiten der Entwicklungsstufe "Mensch" tritt plötzlich die Bedeutung der Art zurück. Die vom Menschen aufgebauten Energone sind nun nicht mehr fest verwachsen: ihre Größenbegrenzung fällt weitgehend weg. Außerdem können Überschüsse beliebig angesammelt und verwendet werden. Das bedeutet:. Energonindividuen konnten jetzt plötzlich zu ungeheurer Größe und Macht gelangen. Man denke etwa an solche Staaten, die sich als echte Energone (als Berufskörper oder Erwerbsorganisationen) entfalteten. Sie waren Energonindividuen von manchmal gigantischem Machtpotential, die den Lebensstrom sehr

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wesentlich vorantrieben. Jetzt konnte also das Individuum zu einem wichtigen Instrument des Lebensstromes werden - die Bedeutung der Art konnte zurücktreten.

Noch mehr: Nicht bloß das Energonindividuum gewann plötzlich Bedeutung, sondern - und vor allem - die es aufbauende Keimzelle: der Wirkungsträger "Mensch".

An diese aufbauende und lenkende Einheit flossen ja praktisch die Überschüsse: bei ihr lag es, ob sie diese zum Wachstum des Energonkörpers einsetzte oder damit etwas anderes machte. Das Individuum "Mensch" wurde zum Schlüsselpunkt der weiteren Entwicklung, zum eigentlichen Weiterträger des Lebensstromes.

Diese Einheit baute oft gleichzeitig oder nacheinander ganz verschiedene Energone auf, sie ersann neue Energontypen, sie ersetzte plötzlich den Mechanismus der Verbesserung, der bis dahin in Gestalt von Mutationen, Zweigeschlechtlichkeit und natürlicher Auslese den Evolutionsfluß so gebremst hatte. Diese Einheit wurde zum eigentlichen Verwalter jedes Überschusses und setzte diesen in zweifacher Hinsicht zur Förderung der Energonweiterentwicklung ein. Erstens, indem sie neue Energone entwarf und aufbaute, zweitens, indem sie Luxuskörper schuf, die ihrerseits zur Bildung weiterer Energonarten führten, indem sie neue Erwerbsquellen darstellten.
  

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Wir sind damit an einem der schwierigsten Punkte unserer Untersuchung angelangt: bei der eigentlichen Stellung des Menschen innerhalb der Evolution. Er wurde zu einer Keimzelle, die Energone bildete - also zu einem Wirkungsträger. Dieser Wirkungsträger aber bewegt sich ganz unabhängig und selbständig - er wird zum eigentlichen Kernstück der weiteren Entwicklung.

Von der Energontheorie her gelangen wir hier zu einer höchst überraschenden Schlußfolgerung: Es gibt nur eine Struktur innerhalb der Evolution, die in dieser letztgenannten Besonderheit mit dem Menschen verglichen werden kann: die Viren.

Wie schon ausgeführt, sind die Viren gleichsam selbständig gewordene Aufbaurezepte (vgl. S. 181). Sie dringen in andere Energone ein und bewirken dort, daß die betroffene Zelle nicht mehr ihren "eigenen Pflichten" nachkommt, sondern ihren Betrieb auf die Produktion ebensolcher Viren umstellt. Das Virus tritt an die Stelle der in Pflanzen verankerten Verhaltensrezepte - und die Maschinerie der Zelle arbeitet nun unter fremdem Kommando weiter.

Zur Tätigkeit des Menschen besteht hier eine deutliche funktionelle Parallele. Denken wir etwa an ein Menschenindividuum, das einen Berufskörper "Horde",

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"Verband", "Staat" aufbaut. Seine Wirksamkeit besteht darin, daß es andere Energone in sein Machtgefüge einbezieht, daß es sie dahin bringt, für seine Interessen zu arbeiten. Es macht also andere Energone zu seinen Wirkungsträgern - so wie auch das Virus die von ihm befallenen Zellen zu seinen Wirkungsträgern macht. Beim Unternehmer, der Leute engagiert und einen Betrieb ausbaut, ist es nicht anders. Ob Gewalt oder ein Tauschakt zu dieser "Umorientierung" von anderen Energonen oder deren Teilen führt, ist unwesentlich. Wichtig ist das Ergebnis: die Unterwerfung unter das eigene Interesse.2

Ein Unterschied zum Virus - immer rein funktionell gesehen - ist allerdings der, daß der Mensch diese anderen Energone durchaus nicht zu einer festgelegten, immer gleichen Tätigkeit veranlaßt. Vielmehr bildet die Einheit "Mensch" selbständig immer neue Aufbau- und Verhaltensrezepte - und überträgt diese Vielheit auf andere.

Damit sind wir zu einer Beurteilung des Menschen gekommen, die sich von den bisherigen Vorstellungen außerordentlich weit entfernt. Von praktischer Wichtigkeit ist sie insofern, als sie deutlich macht, wer in diesem zweiten Teil der Evolution die Macht und das Konzept in Händen hält. Die Art ist nach wie vor von nicht geringer Bedeutung. Die Schuster, Elektrotechniker, Opernsänger bilden jeweils für sich ein ebensolches Lebensvolumen wie die Heuschrecken, die Linden, die Regenwürmer. Ja, wir finden bei den Menschenberufen eigene Berufsvertretungen, Berufsvereinigungen - also besondere Instrumente innerartlichen Zusammenhaltes. Trotzdem: das Primat der Art ist gebrochen. Einzelne Erwerbsindividuen können überragende Bedeutung erlangen. Die eigentliche Bedeutung liegt aber bei der aufbauenden Einheit Mensch - beim Menschenindividuum. Dieses kann jetzt besondere, ja beinahe unbeschränkte Macht ausüben.

Damit sind wir wieder beim Thema der "großen Verdiener".
  

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Galbraith hat die interessante Ansicht dargelegt, daß sich das Rückgrat der menschlichen Macht im Laufe der Geschichte zweimal verlagert habe.3 Zunächst sei Grundbesitz der Schlüssel zur Macht gewesen. Später - mit einsetzender In-

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dustrialisierung - wurde Kapital zum zentralen Machtfaktor. Schließlich, seit etwa fünfzig Jahren, ginge nun die Macht auf das Spezialistentum, besonders auf die technische und die Planungsorganisation, über. Kapital sei heute weit leichter beschaffbar als die zur Planung und Führung geeigneten Kräfte. "Die Macht verbindet sich stets mit dem Faktor, der am schwersten zu bekommen und am unersetzlichsten ist."

Daraus folgt, daß in der ersten Periode die höchsten Verdienstmöglichkeiten beim Grundbesitz lagen, in der zweiten beim Kapitalbesitz, während sie nun in der dritten auf Koordinationsfähigkeit und spezialisiertes Wissen übergingen. Von der Energontheorie her gelange ich zu einer ähnlichen Anschauung. Allerdings sind den genannten drei Machtfaktoren noch weitere hinzuzufügen.
 

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Der erste Machtfaktor war nicht Boden, sondern Sicherheit. Die menschliche Machtentfaltung beruhte auf den künstlichen Organen: diese aber machten entsprechenden Schutz zur Voraussetzung. Wer also solchen Schutz bieten konnte, hatte - ganz automatisch - die erste Machtposition, das erste wirklich lukrative Monopol. Ganz automatisch unterordneten sich andere Menschen diesem Gefüge: seinem Machtbereich.4

Das ist auch der Grund, warum ich bei den Staatsformen das Modell "Staat als Gemeinschaftsorgan" an die Spitze stellte. Seine Struktur ist Grundvoraussetzung, Grundfunktion jedes Staates, die auch zur Gänze in jedem der anderen Modelle enthalten sein muß. Geschichtlich stand diese Staatsform wohl nur in seltenen Fällen (falls überhaupt je) am Anfang. Aber funktionell ist sie der eigentliche Kern.

Dies um so mehr, als die Waffen der Verteidigung meist auch für Angriff und Raub verwendet werden konnten. Die Unterordnung unter eine sicherheitsspendende Organisation bedeutete also meist auch Teilnahme an Erwerbsformen, die

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dem einzelnen nur sehr beschränkt offenstanden. Die Germanen zum Beispiel verachteten die Tätigkeit des Rodens. Ein in Schweden lebender Stamm nannte seinen König (Thoss) verächtlich "Traetelyja", den "Bäumefäller". Viel besser entsprach es ihrem Sinn, sich Gebiete zu erobern, in denen andere diese Arbeit bereits geleistet hatten.

Wer Sicherheit sowie Raubmacht bieten konnte, hatte in jener ersten Zeit ein starkes Erwerbsmonopol. Ganz freiwillig unterwarfen sich ihm Kräfte, die an Schutz und Raub teilhaben wollten. Sie waren gern bereit, sich mit einer mäßigen Pauschale oder Beteiligung abzufinden - während dem Herrscher, dem ersten Großunternehmer, der eigentliche Gewinn zufloß.

Noch stärker wurde diese Position, wenn dieser Erwerbskörper seßhaft wurde und es dem Herrscher gelang, den gesamten Erwerbsraum in seinen persönlichen Besitz zu bringen. Stabilisierte sich diese Ordnung, gewöhnten sich die Untertanen an sie, dann hatte er ein perfektes Monopol. Direkt oder indirekt konnte er am Ertrag jedes einzelnen profitieren. Direkt oder indirekt kam jeder Ertrag aus dem Boden - und dieses zentrale Machtmittel hatte er in der Hand.

Von dieser sicheren Basis aus konnten Raubkriege unternommen, konnten Sklaven und Beute heimgebracht werden. Oder die unterworfenen Gebiete wurden zur Tributleistung gezwungen. Noch Großstaaten - wie etwa Rom - gründeten ihre Macht weitgehend auf solche räuberischen Akte, blühten auf Grund der von anderen Völkern erpreßten Leistungen und der im eigenen Land arbeitenden Fremdsklaven. Zur Blütezeit Athens setzte sich die attische Bevölkerung aus 67.000 freien Bürgern, 40.000 Fremden und 200.000 Sklaven zusammen. Die Städte Venedig und Konstantinopel spezialisierten sich auf Seeraub. Dieses Erwerbsgeschäft betrieb England noch bis ins 17. Jahrhundert. Der große Francis Drake war nichts anderes als ein im Dienste der englischen Krone tätiger Pirat. Wie D. Campbell schrieb, war "fast jeder englische Gentleman entlang der Westküste in diesem Gewerbe tätig".5 Fremde Schiffe wurden aufgebracht und nur gegen hohes Lösegeld wieder freigegeben. Ein vom Großherzogtum Toskana ausgeführter Überfall auf eine osmanische Handelsflotte soll 2 Millionen Dukaten eingebracht haben.

Spanien und Portugal streckten besonders lange Erwerbsarme aus: sie plünderten die in Südamerika unterworfenen Länder. 1528 brachte das Erwerbsorgan Cortez 200.000 Pesos heim (ca. 5200 kg Gold). 1535 zerstörte Pizarro das Inkareich und erpreßte als Lösegeld für Atahualpa Gold im Wert von 1,326.539 Pesos. Bei der Eroberung von Cuzco entsprach die Beute - soweit sie abgeliefert wurde - einem damaligen Gegenwert von ca. 185 Tonnen Silber.

Wurde der Raubstaat von einem absoluten Monarchen regiert, dann flossen

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diesem die Reinerträgnisse zu. Teilte eine Clique sich die Macht, dann war sie der profitierende Kern in diesem ihr anteilig gehörenden Berufskörper.

Im Staateninneren hatten diese Machtinhaber ein totales Monopol. Betrachteten sie - nach Modell vier - den Staat als ihr Erwerbsorgan, dann gab es unzählige Möglichkeiten, die ihnen unterstehenden Menschen und Erwerbskörper auszupressen.

Die Gemeinschaftsabgabe - "Steuer" - wurde zu einem inneren Tribut. Der Boden wurde bestmöglich verpachtet und erbrachte nicht nur eine entsprechende "Grundrente", sondern außerdem noch Gratisarbeitsleistungen (Frondienst, Leibeigenschaft). Ein blendendes Geschäft war der "Ämteschacher". Zu Beginn des 17. Jahrhunderts kostete in Frankreich das Amt eines Reichsgerichtsrates 45.000 Livres,6 das des Präsidenten des Grand-Conseil 100.000 Silberécus. 1664 gab es - nach Zählung Colberts - nicht weniger als 45.780 "Chargen", die vom Adel vergeben wurden, wofür insgesamt jährlich 419,630.000 Livres einflossen.7 Das Amt des Vizekönigs von Neuspanien kostete im Jahr 1607 4000 Pesos.8 Jedes dieser Ämter war auch wieder ein Machtmonopol, das der Gesamtmonopolist Staat, beziehungsweise der, der in ihm herrschte, vergeben konnte.

Sehr lukrativ war auch die Gewährung von Handelsmonopolen auf Salz, Alaun, Quecksilber, Kohle, Eisen, Glas, Leder, Papier - ja sogar auf Asche, Lumpen, gebrauchte Schuhe, Nadeln, Öl, Essig, Spielkarten und so weiter. Die Erzregale brachten den deutschen Fürsten gewaltige Einnahmen. Zur wichtigsten Einnahmequelle des Deutschen Ritterordens wurde das Bernsteinmonopol. Sehr bedeutende Einkünfte hatte der König von Portugal aus dem Handelsmonopol für Gewürze aus Ostasien.

Sodann hatten die Machthaber die Möglichkeit, das Geld zu manipulieren. Sie konnten ihre Untertanen zwingen, Goldgeld gegen weniger wertvolle Münzen einzutauschen, konnten solche in erhöhter Zahl prägen. Zum Beispiel gab der Bischof von Magdeburg hauchdünne Hohlpfennige heraus. Sie mußten jeweils nach etwa drei Monaten mit zwölf Prozent Verlust umgewechselt werden, sonst verfielen sie. Er verhinderte so jedes Geldhorten, erzwang einen raschen Geldumlauf und erzielte eine unausweichliche Kapitalsteuer. Unter den Stuarts wurden neue Formen von Gesetzesübertretungen erfunden und Geldstrafen dafür festgelegt, um so zu neuen Einkünften zu gelangen. Für den Papst war der Verkauf von Ablässen ein einträgliches Monopol - an dem sich auch wieder die Fürsten beteiligten. Sie erhoben Gebühren dafür, daß solche Ablässe verkündet werden durften. Christian II. von Dänemark erhob 1517 für die Verkündung des Petersablasses in Skandinavien 1120 Gulden, Kaiser Maximilian verlangte für

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nur zwei Kirchenprovinzen 3000 Gulden. Karl VII. von Frankreich verwendete eine Flotte, die aus Ablaßgeldern für den Kampf gegen die Türken ausgerüstet worden war, für seinen Krieg gegen Neapel.

All das sind Beispiele für die enormen Möglichkeiten, die sich den Herrschern - oder herrschenden Gruppen - als Inhaber der Staatsgewalt boten. Wilhelm III. von England hatte 1696 ein jährliches Einkommen von 700.000 Pfund, wobei ihn sein Hofbedarf weniger als zehn Prozent kostete: 90 Prozent konnte er für seinen Luxusbedarf verwenden. 1542 hatte Franz I. von Frankreich ein Jahreseinkommen von 5,788.000 Livres, wovon etwa die Hälfte Reinertrag war. Die Ausgaben von Ludwig XIV. betrugen 1685 28,813.955 Livres. Davon gab er allein für Bauten 15,340.901 Livres aus.

Heute hat Paul Getty, der als reichster Mann der Welt gilt, ein Jahreseinkommen von etwa 200 Millionen Dollar. Das mag im Wertverhältnis noch höher sein, trotzdem reicht seine Macht nicht entfernt an jene der großen Könige heran. Getty muß für jede Leistung zahlen. Die Könige dagegen konnten ein ungeheures Ausmaß an Leistungen zusätzlich durch Befehl erhalten. Zu den direkten Einnahmen kam bei ihnen noch ein kaum abschätzbares Potential an Verfügungsmacht über Fremdenergie.

Das einzige Risiko für diese unvergleichliche Erwerbsform bestand darin, aus dieser Machtstelle durch andere verdrängt oder vom eigenen Volk beseitigt werden zu können. Je mehr ein Herrscher die Daumenschrauben anzog und von sei-
 
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Abbildung 37: Hauptstufen in der Hierarchie der heute existierenden Energone

a) Erste Stufe: die Einzeller. Zu ihnen gehören solche mit tierischer wie auch mit pflanzlicher Ernährung. Die Viren, als extreme Fremdenergieparasiten, gehören ebenfalls hierher.

b) Zweite Stufe: die Vielzeller. Sie bestehen alle aus Zellen. Sämtliche größeren Tiere und Pflanzen sind hier einzureihen, ebenso der Urmensch - genauer: der genetisch gebildete menschliche Körper.

c) Dritte Stufe: die Berufskörper. Sie sind künstliche Erweiterungen von Einzelmenschen und haben stets einen solchen als steuerndes Zentrum. Alle Berufsformen und Gewerbe gehören in diese Kategorie.

d) Vierte Stufe: die Betriebe. Sie bestehen aus zahlreichen Berufskörpern, von denen jeder innerhalb des arbeitsteiligen Ganzen ebenso ersetzbar ist wie ein Werkzeug oder eine Maschine. Alle größeren auf Erwerb (Profit) ausgerichteten Produktions- oder Dienstleistungsbetriebe sind hier einzureihen. Eine genaue Abgrenzung zu den Berufskörpern ist jedoch nicht möglich (Vgl. S. 20).

e) Fünfte Stufe: die Staaten. Sie sind in mehr oder minder lockerem ("organisiertem") Verband aus Berufskörpern und Betrieben aufgebaut.

Diese Stufenfolge richtet sich bloß nach den Größenverhältnissen und der Ineinanderschachtelung. Aus praktischen Erwägungen ist es zweckmäßiger, die Energone in andere Gruppen einzuteilen (Vgl. S. 17). Auch die Staaten erfahren eine andere Einordnung (Vgl. S. 399).

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nem Monopol Gebrauch machte, desto größer wurde diese Gefahr. Je mehr seine Herrschaft dem Modell vier entsprach, desto stärker mußte die innere Kontrolle und Bindungsstruktur werden - die Wirkungsstruktur zur Unterdrückung individueller Interessen.
  

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Eine ganz andere Basis für individuelle Machtentfaltung kam mit dem Tag in die Welt, da Menschen über den Weg des Tausches Energie und Stoffe zu erwerben begannen. Die Erwerbsquelle für diese Erwerbsart ist immer und ausschließlich menschlicher Bedarf. Dieser schafft eine Art von Spannungsfeld, das um so intensiver wird, je stärker solcher Bedarf ist und je größer die Energiepotenz dessen, der Bedarf hat. Das ist das Grundprinzip der menschlichen Wirtschaft, das wir "Angebot und Nachfrage" nennen. Von der Energontheorie her ist jedoch richtiger, die Reihenfolge zu ändern und von "Nachfrage und Angebot" zu sprechen. Denn primär ist die Nachfrage, sie steuert das Angebot. Erst sekundär kam es dahin, daß dieses Verhältnis sich manchmal umkehrte, daß also das Angebot dazu überging, die Nachfrage zu beeinflussen, ja zu steuern.9 Das ist aber eine spätere Weiterentwicklung. Am Anfang stand stets die "Knappheit". Der menschliche Bedarf schuf das Kraftfeld, das zur Ausbildung der anbietenden Strukturen führte. Er war das zu eröffnende "Schloß", das für entsprechend angepaßte "Schlüssel" eine Daseinsgrundlage schuf.

Der erste und ursprüngliche Bedarf des Menschen ergab sich aus den ererbten Trieben und war weitgehend derselbe wie bei den tierischen Verwandten. Es war der Bedarf nach Futter, Wasser, Atemluft, Sicherheit, einem Geschlechtspartner und Aufzucht von Nachkommen. Dazu kam - ebenso wie bei anderen in Gruppen lebenden Tieren - ein Drang nach Anerkanntwerden innerhalb der Gemeinschaft und nach erhöhter Rangstellung.

Traditionelle Gemeinschaftsgewohnheiten traten als weitere triebhafte Kräfte hinzu. Der Drang nach "Neuem", nach Veränderung der Lebensform tauchte zunächst nur schwach und sporadisch auf.

Die Möglichkeiten für Erwerb durch Tausch10 können von der Funktion her in

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drei große Gruppen geteilt werden: Erstens kann das erwerbende Energon eine Tätigkeit anbieten: dann wird es für die Zeit seiner "Dienstleistung" zu einem Wirkungsträger (Diener, Arzt, General, Dirigent, Versicherungsgesellschaft, Theater) des Nachfragenden. Zweitens kann es ein von ihm hergestelltes Produkt anbieten: dann stellt es (Schuster, Goldschmied, Betrieb zur Seifen- oder Lokomotivenherstellung, Erfinder, Schriftsteller, Filmproduzent) einen Wirkungsträger her und übermacht diesen dem Nachfragenden. Drittens kann das Energon zu einem Vermittler zwischen Nachfrage und Angebot werden (Hausierer, Warenhaus, Ehevermittler, Handelsgesellschaft).11 Genaue Grenzen lassen sich nicht abstecken. Der Zahnarzt liefert eine Leistung (die Behandlung), gleichzeitig auch ein Produkt (die Plombe). Der Filmschauspieler macht von sich reden - macht "von sich schreiben" - und erbringt somit nicht nur eine Dienstleistung (seine Darstellung), sondern trägt auch zur Vermittlung zwischen Nachfrage (Kinobesucher) und Angebot (Film) bei.

Uns interessiert hier, ob sich Hinweise für große Verdienstmöglichkeit ergeben. Das ist nicht der Fall. In jeder der drei Gruppen gibt es die Möglichkeit zur Monopolbildung - die Möglichkeit für "große Verdiener".

Dagegen ist eine andere Unterscheidung wichtig. Die Monopolbildung pendelt zwischen zwei Extremen: Entweder der Anbieter steht einem einzigen, besonders energiepotenten Nachfrager gegenüber (etwa einem König, der einen besonderen Wunsch hat), oder er steht einer Vielheit von Nachfragern gegenüber, deren Wunscherfüllung nur einen geringen Energiegewinn bringt (etwa Lieferung von Tabak), doch auf Grund der großen Nachfrage ebenfalls die Möglichkeit zu großem Gewinn ergibt.

Wir beginnen mit dem ersten Extrem - ich hoffe, daß ich mir nun meine weiblichen Leser nicht zum Feind mache.
 

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Bestes Beispiel dafür ist nämlich die Erwerbsform der Frau. Sie fußt zum guten Teil auf einer angeborenen Qualität, die man in der Verhaltensforschung "Auslöserwirkung" nennt. Im normalen Sprachgebrauch nennt man eine Frau, die diese Qualität besitzt, "schön", "reizvoll".

Solange der Lebenskampf sehr hart ist, fällt diese Wirkung nicht sonderlich ins Gewicht. Das Grundverhältnis zwischen Mann und Frau ist beim Menschen von der Funktion her festgelegt. Es ist eine Symbiose: jeder Teil braucht den anderen.

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Der Mann braucht die Frau zur sexuellen Befriedigung, zur Nachkommenerzeugung - und daraus ergeben sich als weitere der Frau zufallende Funktionen: Betreuung der Nachkommen, Betreuung der Heimstätte, allenfalls Hilfsdienste bei der Feldarbeit. Die Frau braucht den Mann ebenfalls zur Befriedigung des Triebdrucks nach Kindeserzeugung und Kindesaufzucht, außerdem als Beschützer und Ernährer für sich und die Nachkommenschaft.

Im ursprünglichen Fall wurde die Verbindung meist vom Mann her geschlossen: durch Gewaltanwendung (Raub) oder Tausch (Kauf). Die Frau war weitgehend "Objekt", ihre Individualität fiel wenig ins Gewicht. Noch heute sind bei manchen primitiven Stämmen die Kaufpreise für eine Frau recht pauschal festgelegt.12 "Hübsch" oder "häßlich" waren keine bestimmenden Faktoren. Sobald der Mann jedoch zu Überschüssen kam und Luxuskörper zu bilden begann, änderte sich die Situation wesentlich. Die Frau konnte jetzt von ihren "naturgegebenen Waffen" Gebrauch machen. Es bot sich jetzt für sie die Möglichkeit zur Erringung von außerordentlichen Monopolstellungen im Erwerb.

Ein Beispiel ist etwa eine hübsche Magd namens Katharina, die um 1700 bei einem Pastor in Marienburg diente. Ein schwedischer Dragoner sah sie, heiratete sie. Anschließend wurde sie die Geliebte eines russischen Fürsten, und dieser trat sie seinem Monarchen, Zar Peter dem Großen, ab. 1712 fand die Trauung statt, 1724 ließ Peter der Große sie zur Kaiserin krönen. Nach seinem Tod folgte sie ihm als Katharina I. auf den Thron.

Das Besondere an dieser Art von Machterwerb, die sich bis zum heutigen Tag in keiner Weise verändert hat, ist der ungeheuer verschiedene Gegenwert, der in diesem Fall für ziemlich gleiche Tauschleistungen erworben werden kann. Von zwei Schwestern mag eine an einen Taglöhner gelangen, die andere wird Schönheitskönigin und Frau eines Millionärs. Jede hat letztlich das gleiche anzubieten - sich selbst für eine Partnerschaft. Manche häßliche Frau wird darin eine ähnliche Ungerechtigkeit erblickt haben, wie sie sich für Männer, die unbemittelt in die Welt kommen, ergibt - anderen gegenüber, die die Söhne reicher Eltern sind. Die Ausgangsbasis zum Erwerb ist in jedem der beiden Fälle ungünstig.

Die Wirkung auf Andersgeschlechtliche ist insofern eine besondere, als sie streng an das sie ausübende Individuum geknüpft ist. Geldmacht kann übertragen werden, individueller Reiz nicht. Wer den Wunsch hat, Brigitte Bardot zu besit-

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zen, hat nur eine einzige Möglichkeit zur Wunscherfüllung. Nämlich: Brigitte Bardot zu gewinnen. Der besondere "Markt" für diese Art von Monopolstellung sind Männer, die zu großen Überschüssen gelangt sind.

Mit wachsenden Überschüssen gewinnt der Trieb nach erhöhter Rangstellung im allgemeinen - immer mehr das Übergewicht. Die übrigen Triebe lassen sich leicht befriedigen. Atemluft steht frei zur Verfügung. Essen und Trinken kann man nur soundso viel. Geschlechtspartner bieten sich dem Reichen in jeder Menge an. Weit schwieriger ist es, das Streben nach gesellschaftlicher Anerkennung, nach hoher Rangstellung zu befriedigen. Durch Aufbau eines gewaltigen Luxuskörpers - Haus, Diener, Motorboot, Flugzeug und so weiter - kann man vielen mächtig imponieren, aber nicht allen. Sogar Würden und Ehren können erkauft werden. Aber im Wettbewerb um eine bestimmte Frau gibt es - zumindest für eine bestimmte Zeit - nur einen einzigen Sieger. Weiß die betreffende Frau diese Machtmöglichkeit zu nützen - oder hilft ihr die Familie dabei -, dann sind ihre Erwerbsmöglichkeiten geradezu unbegrenzt.

Von allen Wirkungsträgern, die einem Energon zu Macht und Reichtum verhelfen können, gibt es keinen, dessen potentielle Wirksamkeit sich mit "Schönheit" und "sexueller Anziehungskraft" vergleichen ließe. Das haben nicht nur attraktive Frauen aller Zeiten ausgenützt, sondern auch andere, die solche Mädchen und Frauen zu ihrem Erwerbsorgan machten. Die Familie machte den Anfang. Hübsche Töchter wurden aufgeputzt, durch kostspielige Erziehung wurde ihre Reizwirkung noch erhöht - Investitionen, um einen goldenen Fisch zu angeln. War das Mädchen auch noch klug und listig, dann konnten Machtpositionen, sonst durch kaum eine Waffe zu erobern, im Handstreich genommen werden.

In China wurde um 650 n. Chr. ein Mädchen namens Wu zur Konkubine des Kaisers. Sie erwürgte ihr eigenes Baby und beschuldigte die Kaiserin der Tat. Ihre Macht war schon stark genug: die Kaiserin wurde abgesetzt und später hingerichtet. Mehr und mehr wurde der Kaiser zu ihrer Marionette. Direkt oder indirekt gelang ihr die Ermordung von fünf Söhnen des Kaisers (darunter zwei eigenen). Weiter gelang ihr die Beseitigung zweier ihrer Brüder, einer Schwester, einer Nichte und von über hundert weiteren Verwandten. Nach dem Tod des Kaisers bestieg sie den Thron, entrechtete die herrschende Tschang-Dynastie und begründete die von ihr so benannte "Tschu-Dynastie".13

Die Monopolstellung, die autokratische Herrscher sich erobert hatten, konnte so durch ein völlig andersartiges Monopol usurpiert werden. Die Hauptwaffe war hier eine ganz passive Wirkung: eine Auslöserwirkung, die nur ein bestimmter Mensch auf einen bestimmten anderen auszuüben vermag und durch die er diesen hilflos, wehrlos macht und schließlich seinem Willen unterwirft.

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Umgekehrt können natürlich auch Männer durch ebensolche Auslöserwirkung eminente Erwerbsquellen aufschließen. Katharina II. schenkte jedem ihrer Liebhaber 100.000 Rubel in Gold sowie eine monatliche Apanage von 15.000 Rubel. Fürst Orloff und Potemkin bekamen noch weit mehr, besonders in Form von Rang und Macht. In unseren Tagen liegen hübsche Playboys auf der Lauer nach reichen Erbinnen. Eine weitere Möglichkeit für hübsche Männer bot sich zu allen Zeiten bei anderen mit homosexueller Anlage.

Ähnliche Machtstellungen auf Grund individueller Auslöserwirkungen finden wir in der Kunst.
  

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Die Situation ist hier ähnlich. Auch hier gewinnt die "Erwerbswaffe" erst gegenüber Menschen mit entsprechenden Luxuskörpern größere Bedeutung. Auch hier ist der Geschlechtstrieb mit im Spiel, auch hier spielt der Imponiertrieb eine ausschlaggebende Rolle.

Zwei sehr verschiedene Wurzeln sind bei aller künstlerischen Entfaltung zu unterscheiden. Entweder wird "Kunst" - die künstliche Schaffung von "Schönem", "Beeindruckendem" - um ihrer selbst willen betrieben: als glückspendender Luxus. In diesem Fall handelt es sich um eine Energieabgabe, um eine Verwendungsart für Überschüsse. Oder: "Kunst" dient dem Erwerb, dann zielt sie wie jede andere Berufsform auf aktive Energiebilanz hin.

In der Praxis sind die beiden Motive - wie bekannt ist - oft bis zur Unkenntlichkeit getarnt oder miteinander verflochten.

Die Energontheorie ist bloß für die Kunst als Erwerbsform zuständig. Wieder handelt es sich um einen Tauschvorgang. Besondere Darbietungen (Tanz, Gesang, Musik) oder besondere Produkte (Gemälde, ästhetisch gestaltete Gebrauchsgegenstände, Paläste) haben einen entsprechenden "Markt", befriedigen einen vorhandenen Bedarf - sind Schlüssel, die gegebene Schlösser aufzusperren vermögen.

Ich möchte im folgenden eine etwas ketzerische Ansicht zu Papier bringen. Das Spannungsfeld, in das diese Art von Betätigung hineinwuchs, dürfte zuallererst der menschliche Imponierdrang gewesen sein. Sobald Herrscher oder sonstige Machthaber entsprechende Überschüsse zur Verfügung hatten, ging ihr Streben in der Regel dahin, sich selbst von den anderen zu differenzieren, diese zu übertreffen, ihrer Macht und Überlegenheit möglichst sichtbaren Ausdruck zu geben, die übrigen zu Bewunderung und Staunen zu veranlassen, sie einzuschüchtern. Wie aber konnte das geschehen?

Der Reiche konnte sich ein doppelt oder zehnmal so großes Haus bauen, sich mit doppelt oder zehnmal mehr Wachen, Dienern, Frauen, Gebrauchsgegenstän-

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den und so weiter umgeben. Diese Form des Beeindruckens durch Größenentfaltung kam jedoch schnell an ihre Grenzen. Wie sollten gleich starke Machthaber einander imponieren? Wie konnte sich der eine vom anderen distanzieren, sich vor diesem auszeichnen?

Ich bin der Meinung, daß die hier gegebene Möglichkeit dem Menschen bereits "vorgezeichnet" war. Verfolgen wir die Stammesentwicklung der höheren Tiere, dann sehen wir überall dort, wo der Lebenskampf nicht äußerste Rationalisierung und Spezialisierung erzwang, den Einfluß der aus dem Sexualbereich stammenden Wertungen. Wir sehen die Entwicklung auffallender Farben, Zeichnungen und Formen, "prächtige" Schuppenkleider und Gefieder, eindrucksvolle Körperfortsätze und Bewegungsfolgen. Die geschlechtliche Zuchtwahl14 trat hier in Konkurrenz zur natürlichen Auslese. Wenn die daraus sich ergebenden Formen - an denen sich unser Auge in einem Zoo erfreut - nicht nur dem Geschlechtspartner besser gefallen, sondern sogar uns Menschen, dann deutet das die gemeinsame Entwicklung an. Das Zentralnervensystem der höheren Tiere - und des Menschen - ist so beschaffen, daß bestimmte Kombinationen von Formen und Farben es beeindrucken. Das war - so scheint mir - der eigentliche Ausgangspunkt für beide Wurzeln der menschlichen Kunst: der Kunst um ihrer selbst willen, zur Erzielung von persönlichem Genuß, und der Kunst zu Erwerbszwecken.

Ob es darum ging, Dämonen und Geister einzuschüchtern, Glaubensgemeinschaften zu erschauernder Unterwerfung zu bringen - oder darum, rivalisierende Machthaber zu übertreffen: die Mittel dazu waren vorgezeichnet. Sie ergaben sich aus der Wertunterscheidung, die ursprünglich nur dem Geschlechtspartner galt, aus einer Wertung für ein "besser" und ein "schlechter", die uns angeboren ist - und die durch kulturelle Tradition und Mode, wahrscheinlich auch durch Prägung und angeborene Lerndisposition mannigfach beeinflußt sein kann. Wer Leistungen erbringen konnte, auf die der andere auf Grund dieser Wertung ansprach, war der ursprüngliche "Künstler". Diese Fähigkeit einer besonderen Auslöserwirkung gab ihm ein Machtmonopol - ähnlich wie Schönheit und Reiz -, das, naturgegeben und künstlerisch verbessert, dem Menschen über den Geschlechtstrieb eine besondere Machtstellung bei anderen Menschen einräumt.

Besucht man Museen, in denen die ältesten Zeugnisse menschlicher Tätigkeit ausgestellt sind, dann kann man deutlich sehen, wie früh Schmuck und Verzierung auftaucht, wie früh die Machthaber dahin tendierten, durch ästhetisch wirksame Waffen, Gebrauchsgegenstände und Symbole hervorzutreten. Warum? Zum Teil wohl, weil es ihnen selbst gefiel, weil es ihre persönlichen Empfindungen ansprach. Hauptsächlich aber - so scheint mir -, weil es die Bewertungen der Rivalen und Untergebenen ansprach. Das heißt, nüchtern ausgesprochen: Nicht

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in der Freude, die die Kunst schenkt, hat diese ihren eigentlichen Nährboden. Ihre hauptsächliche Wurzel - das eigentliche Spannungsfeld - ist die Möglichkeit, andere zu beeindrucken, die eigene Eindrucksfähigkeit zu steigern und so das eigene Machtpotential zu erhöhen.

Jetzt kam die im Menschen schlummernde Tendenz zum Neuen hin deutlicher zum Vorschein. Auch das Neue verblüfft, beeindruckt. An das Alte, Vertraute gewöhnen sich die Sinne - das Neue bedeutet nicht nur die Möglichkeit zu Verbesserung und Fortschritt, es ist auch ein Imponiermittel. Somit ging auch dieses Element in die Kunst als Erwerbsform ein.

Die Königs- und Fürstenhäuser, als Inhaber der großen Überschüsse, sowie die Zentren der religiösen Organisationen waren die ersten Märkte für die Kunst. Hier war ständiger Bedarf an Imponierwerkzeugen - und die Künstler lieferten sie.

Im Rahmen dieser Entwicklung - und bei der Bedeutung, welche die Künste gewannen - kam es zu einem gesteigerten, verfeinerten Kunstverständnis und damit zu individuellen Machtpositionen: zu Monopolen. Wer Theodoros spielen sehen oder Caruso singen hören wollte, konnte dieses Erlebnis von keinem anderen geboten erhalten. Wer sich in den Kopf setzt, seinen Salon mit einem echten Picasso zu verzieren, der kann sich nur durch eines helfen: er muß einen echten Picasso erwerben.

Durch den technischen Fortschritt, besonders durch die Massenmedien, wurden die Erwerbsquellen für diese Monopole noch wesentlich vergrößert. Hier ist der Künstler dem durch unmittelbare Geschlechtsattraktion Wirkenden überlegen. Die Schönheitskönigin kann - zumindest je Zeiteinheit - immer nur eine oder beschränkt viele Erwerbsquellen "Mann" aufschließen. Die Partituren von Verdi, Lehár, Gershwin wurden tausendfach vervielfältigt, brachten oft an Dutzenden von Stellen gleichzeitig Einkünfte. Ein Film mit Clark Gable konnte gleichzeitig in mehreren tausend Kinos laufen. Durch Film, Radio und Fernsehen ist es möglich, daß heute Millionen von Menschen gleichzeitig eine besondere Auslöserwirkung genießen.

Mit der technischen Verbesserung der Massenmedien erhöht sich so laufend die Möglichkeit für künstlerischen Erwerb.

Bei sonstigen angebotenen Leistungen, Produkten oder Vermittlungen sind die Möglichkeiten weit mehr beschränkt.
 

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Bei Spaghettis, Kühlschränken, Autos, Seifen und Elektronengehirnen ist es wesentlich schwieriger, Monopolstellungen zu erreichen, das heißt die angebotene Leistung an ein ganz bestimmtes Leistungssubjekt zu binden.

(Originalbuchseite 371)

Ärzte, Rechtsanwälte, Toreros, Manager, Glasbläser, Seiltänzer können innerhalb gewisser Räume und gewisser Zeiten zu Vorrangstellungen gelangen - aber wirkliche Monopole sind das nicht. Produktionsfirmen, Versicherungsgesellschaften, Handelsunternehmen können ihre jeweiligen Firmennamen mit ungeheuren Kosten der Umwelt einhämmern - aber wirkliche Monopole erringen sie so auch nicht. Im großen Feld der nichtkünstlerischen Erwerbsform zählen letzten Endes Leistungen, die früher oder später auch ein Konkurrent erbringen kann. Der Weg zum Monopol ist hier ein anderer.

Er heißt "Marktkontrolle" und ist fast immer dornenvoll und lang. Eine naturgegebene Auslöserwirkung - wie beim Mädchen Wu - gibt es hier nicht. Die Konkurrenz muß langsam und beharrlich niedergekämpft, das Vertrauen in die eigene Leistung langsam und beharrlich aufgebaut werden. Je größer der Betrieb, je größer der Umsatz wird, desto eher besteht die Möglichkeit, das gleiche billiger und besser zu liefern. Und um so größer wird auch die Möglichkeit, den kleineren Konkurrenten zu schädigen, an die Wand zu drücken - und am Ende zu verschlucken. Wie Benjamin Franklin sagte, ist der wichtigste Weg zu Reichtum Arbeit und Sparsamkeit. Das ist auch der Weg zur Monopolbildung in der Wirtschaft (sofern sie nicht staatlich untersagt ist). Gute Leistung, Eifer, Sparsamkeit bedeuten: Die Überschüsse dürfen nicht in Luxuskörper einfließen - sie müssen im Energon verbleiben. So wachsen sie - so wächst das Kapital.

Dieses übt eine ganz ähnliche Anziehungskraft aus wie das Machtpotential der autokratischen Herrscher. Auch Kapital gibt Sicherheit und Erwerbsmöglichkeit. In anwachsende organisatorische Machtgebilde gliedern sich kleinere Erwerbsstrukturen - ganz freiwillig und zu deren Vorteil - mit ein.

Die Leistungsspitzen sind hier Monopolträger im kleinen - aber letztlich doch alle ersetzbar. Zu wirklichen Monopolstellungen gelangen im Rahmen dieser Wirtschaftssysteme nur die Ersinner von neuen Aufbau- und Verhaltensrezepten: die Erfinder. Solange für ihr "geistiges Produkt" noch kein Schutz bestand, hatten sie bloß die Möglichkeit, in eigener Produktion Nutzen aus ihrem Produkt zu erzielen. Wo dieses jedoch staatlich durch ein "Patentrecht" geschützt wird, ist ihre Erwerbsmöglichkeit nicht minder groß als die der Künstler. Für die Dauer von zwanzig Jahren können sie die Konkurrenz mit Staatsgewalt sperren, können ihre Ideen an viele vermieten. Ihr Risiko ist, daß ihr Patent durch ein anderes überholt wird - so wie auch Künstler das Risiko eingehen, daß sie durch die stärkere Wirkung anderer aus ihrer Vormachtstellung hinweggefegt werden.

Noch weitere Faktoren können hier Monopolbildungen fördern: Marktwitterung, Glück, herrschende Unordnung und Risiko.

Durch Wissen um Zusammenhänge haben Produktions- und Handelsunternehmen ungeheure Summen verdient. Oft nur ganz kurzfristig gelangten hier Energone zu Vormachtstellungen, die zu eminenten Überschüssen führten. Besonders günstig sind dabei Zeiten der Kriege, der Desorganisation. Dem Spürsinnigen,

(Originalbuchseite 372)

Eifrigen, Rücksichtslosen eröffnen sich dann bessere Möglichkeiten, sie sind nicht in ein festliegendes Netz geordneter Machtbeziehungen gezwängt. Glück hat schon manchen zum Millionär gemacht: wenn beispielsweise sein Grundbesitz Ölquellen enthielt. Und auch Risiko stellt eine Möglichkeit dar, die Konkurrenz auszuschalten. Das gilt etwa für alle unerlaubten Erwerbsformen. Durch Raub, Erpressung, Fälschung und so weiter kann man Millionen verdienen - das Erwerbsrisiko steigt jedoch entsprechend an.

Die einzig wirkliche Machtpotenz - neben der staatlich gesicherten Erfindung - ist jedoch das Kapital. Es kann - im Rahmen seiner Transferierbarkeit - dorthin wandern, wo die besten Erwerbschancen gegeben sind. An fast jeder neuen Erwerbsform kann es sich beteiligen - dann nämlich, wenn es dort zum Aufbau gebraucht wird. Es ist von so großer Wichtigkeit, daß es entsprechende Sicherstellung verlangen kann. Es ist der eigentliche Puls, der eigentliche, in der Wirtschaft kreisende Kraftstrom.

Das Kapital wurde als einziger Wirkungsträger zu einer selbständigen und weitgehend unabhängigen Größe. Es ballt sich zusammen, wächst in sich selbst. Aus den unterentwickelten Ländern fließen die Überschüsse dorthin, wo größte Sicherheit ist - zu den größten Zentren des Kapitals. Die heutigen Machtstellungen in der Wirtschaft sind in zunehmendem Maße an Neuerung und Verbesserung geknüpft. Forschung und Machtsteigerung kosten immer mehr Geld. So wie einst der Grundbesitz der eigentliche Schlüssel zur Macht war, so wurde durch die Industrialisierung das Kapital zu diesem Schlüssel. Wie Galbraith richtig sagte, entthronte der Produktionsfaktor "Kapital" den Produktionsfaktor "Boden".
 

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Galbraith zeigt nun, wie diese Macht wieder verebbt. In den amerikanischen Großunternehmen ist es nicht mehr der Aktionär, das Kapital, das den Betrieb leitet, sondern die innere Steuerungsstruktur (die "Technostruktur"). Diese sorgt dafür, daß die Überschüsse zum Großteil im Betrieb selbst verbleiben, zu Vergrößerung und Stärkung verwendet werden. Sie beschafft sich so weitgehend selbst das nötige Kapital - außerdem ist heute Kapital längst nicht mehr rar. Überschüsse, die nach sicherer und lukrativer Anlage suchen, werden immer häufiger.

Ich stimme nun aber nicht mit Galbraith’ Folgerung überein, daß diese Entwicklung zu einem neuen Machtfaktor führt, der mit "Boden" und "Kapital" vergleichbar wäre. Die Technostruktur ist nicht individuell an ihrem Erfolg beteiligt. Ihre Angehörigen erzielen wohl hohe Gehälter, können aber zu keiner wirklichen Monopolstellung gelangen.

Von der Energontheorie her ist es nicht schwer zu erkennen, was in diesem Fall

(Originalbuchseite 373)

geschieht. Die Überschüsse gehen nun nicht mehr in individuelle Luxuskörper über - sondern verbleiben in den Energonen. Das bedeutet, daß nur einer wirklicher Nutznießer ist: der Lebensstrom. Greift diese Entwicklung um sich, dann tritt das individuelle Interesse des Einzelmenschen wieder zurück. Die großen Erwerbskörper verschlucken ihn, einzig ihre Zweckmäßigkeit diktiert dann den weiteren Weg. Während es dem klassischen Unternehmer in jedem Augenblick freistand, seinen Erwerbskörper in ein Erwerbsorgan zu verwandeln - indem er dazu überging, die Überschüsse seinem persönlichen Luxuskörper zuzuführen, auch wenn der Betrieb darunter litt -, geht ihm in den "gereiften Betrieben", in denen das Kapital seine Steuerungsfreiheit verliert, diese Freizügigkeit wieder verloren. Die Entwicklung kehrt dann zur Situation der Tiere und Pflanzen zurück, in deren großem Gefüge jede Einheit, die Keimzelle mit inbegriffen, nur festgelegte funktionelle "Rechte" hat.

Ich glaube eher, der Machtfaktor "Kunst", den Galbraith nicht berührte, wird gegenüber dem Machtfaktor "Kapital" an Bedeutung und Einfluß gewinnen.

Das Kapital wird und muß an der Macht bleiben - gleichgültig, ob es uns in Gestalt staatlichen Kapitals (wie in Rußland) oder privaten Kapitals (wie in den USA) entgegentritt. Je größer die Unternehmen, je komplizierter die Produkte, je länger die notwendigen Erprobungen, desto mehr Kapital ist zwangsläufig erforderlich. Wer an diesem Kapital Anteil hat, wird auch weiterhin Teil eines Machtfaktors sein.

Gelangt die Menschheit - wie zu hoffen ist - zur Regelung der Probleme: Geburtenregelung, Vermeidung der Kriege, Abstimmung der Interessen, dann ist der menschlichen Bildung von Überschüssen kaum eine Grenze gesetzt. Immer mehr und immer machtvollere künstliche Organe können dann geschaffen werden, immer mehr Fremdenergie wird dann in den Dienst der menschlichen Interessen gespannt.

Was aber geschieht dann mit diesen Überschüssen? Sowohl zur Steigerung der eigenen Annehmlichkeiten wie auch zum ewig angestrebten Imponieren bleibt schließlich die Kunst - im weitesten Sinne des Wortes - der wichtigste und letzte Weg. Durch die immer besser werdenden Kommunikationsmittel werden die hier möglichen Monopolwirkungen noch und noch gesteigert. Durch Reklame und Beeinflussung werden sie ebenfalls verstärkt. Ich glaube nicht, daß die künstlerischen Monopole die Finanzmonopole ablösen werden. Im Maße jedoch, in dem Kapital immer leichter verfügbar wird und die Finanzstrukturen immer mehr an Monopolkraft verlieren, werden die individuellen Monopole der Kunst an Macht gewinnen: Einzelfähigkeiten von besonderer Auslösekraft, die die Luxuskörper zunehmend beeinflussen, wehrlos machen, ausbeuten.

So wie im Anfang der Geschichte die Vergeber von Sicherheit und die Besitzer von Boden und in späteren Zeiten die Besitzer von Kapital, werden schließlich die Erschaffer von "Schönem" zu den ganz großen Verdienern werden.
 
 

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Anmerkungen:

1 Schon Aristoteles wies darauf hin, daß das "allgemeine Geheimnis großer Reichtümer" in der Erlangung einer Monopolstellung bestehe. Er hielt Gelderwerb unter der Würde eines freien Mannes, wies aber doch mit einigem Stolz auf den Philosophen Thales von Milet hin, der, eine gute Ernte voraussehend, alle Ölpressen seiner Stadt aufkaufte. Zur Erntezeit verkaufte er sie dann zu gepfeffertem Preis. ("Politik" I.)
2 Noch genauer: das Virus aktiviert Fremdenergie. Das ist aber auch für die menschliche Tätigkeit in zunehmendem Maße charakteristisch. Der Energieerwerb über den verdauenden Magen tritt in den Hintergrund, und immer größere Mengen von Fremdenergie, die direkt für uns wirkt, werden nutzbar gemacht. Unser Geld - das Erwerbsziel der von uns gebildeten Energone - ist dafür ein Symbol. Es ist eine Anweisung auf fremde Leistung. Auf deren Nutzbarmachung beruht "unser" Fortschritt - beruht der Fortschritt im zweiten Teil der Evolution.
3 "Die moderne Industriegesellschaft", S. 62-75.
4 Diesen Zusammenhang dürfte C. L. von Haller vor Augen gehabt haben, als er schrieb, "daß jede Herrschaft, von welcher Art sie auch sei, auf einer natürlichen Überlegenheit beruht, jede Abhängigkeit oder Dienstbarkeit ein Bedürfnis zum Grunde hat". Er fährt dann fort: "Beides hängt nicht einmal von dem Willen der Menschen ab; es ist vielmehr ein großes allgemeines und notwendiges Gesetz der Natur, daß der Mächtigere herrscht, sobald man seiner Macht bedarf; und wo immer in der Welt Macht und Bedürfnisse zusammentreffen, da entsteht notwendig ein Verhältnis, kraft welchem der ersteren die Herrschaft, dem letzteren die Abhängigkeit oder Dienstbarkeit zu Teil wird, was aber deswegen nicht minder zu beiderseitigem Vorteil abgeschlossen ist." ("Handbuch der Allgemeinen Staatenkunde", Winterthur 1808, S. 33.)
5 W. Sombart, "Der moderne Kapitalismus", München 1921.
6 Das waren ca. 31,5 kg Gold.
7 Ca. 295 Tonnen Gold.
8 Ca. 104 kg Gold.
9 Diese Umkehrung gibt es auch in den planwirtschaftlichen Staaten. Im heutigen Rußland oder China kann nur nachgefragt werden, was angeboten wird - auch dort steuert oft das Angebot die Nachfrage.
10 Gemeinhin spricht man nur dann von "Tausch", wenn ohne Geld gehandelt wird ("Tauschwirtschaft"). Aber auch jede Abgabe eines Produktes oder einer Leistung gegen Geld ist ein Tausch - nur eben gegen die Universalanweisung auf Fremdenergie "Geld". Um dieses funktionelle Prinzip stets zu unterstreichen, verwende ich die Bezeichnung "Tausch" auch dort, wo man gewöhnlich von "Verkauf", "Miete" und so weiter zu sprechen pflegt.
11 In der Wirtschaft unterscheidet man zwischen Dienstleistungs- und Produktionsbetrieben. Vermittlertätigkeiten zählt man dort ebenfalls zu den Dienstleistungen. Praktisch sind sie auch solche, vom Erwerbsprinzip her betrachtet besteht aber doch ein Unterschied.
12 Zum Beispiel betrug noch 1948 bei den Ndorobos, einem Stamm in Ostafrika, der Kaufpreis für ein Mädchen 5 Töpfe Honig, 5 Bienenkörbe, die Hälfte eines weiblichen Elefanten samt Stoßzahn, außerdem zwei Rinder. War der Bräutigam zu arm, dann konnte er auch einen Teil davon abzahlen, indem er dem Schwiegervater als Jäger diente. (N. Mylius, "Ehe und Kind in abflußlosen Gebieten Ostafrikas", Wien 1948, S. 80). Bei den Afghanen wurde nach Elghinstone jedes Mädchen mit 60 Rupien eingestuft. Mit dieser Währung konnten auch Strafen abgezahlt werden: 12 Mädchen schuldete man für einen Mord, 6 für eine Nase, 3 für eine Zehe. (R. Heymann-Dvorák, "Der internationale Menschenmarkt", Berlin 1904, S.69.)
13 Diese bestand allerdings nur 15 Jahre, dann kam wieder die Tschang-Dynastie an die Macht.
14 Diese Bezeichnung prägte Darwin, der als erster die besondere Bedeutung dieses Vorganges aufzeigte ("The Descent of Man and Selection in Relation to Sex", 1871).