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II
 
WARUM UND WOZU?

 

Der Mensch ist allerdings ein Säugetier, denn er saugt sehr viel Flüssigkeit in sich; das Männchen Wein und Bier, das Weibchen Kaffee. Der Mensch ist aber auch ein Fisch, denn er tut oft Unglaubliches mit kaltem Blute und hat auch Schuppen, die ihm zwar plötzlich, aber gewöhnlich zu spät von den Augen fallen.
Johann Nestroy, "Die schlimmen Buben in der Schule" (1847)
 
Jetzt drängt sich mir oft die Frage auf, war das wirklich zu verhindern, was ich getan habe? Können wir tatsächlich alles selbst bestimmen, was wir tun?
Heinrich Pommerenke(1960),vierfacher Frauenmörder
 
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Der Mensch ist die Keimzelle der machtvollsten Energone, die sich auf unserem Planeten entfaltet haben. Gleichzeitig sind seine Wünsche, Bedürfnisse und Begierden die Existenzgrundlage für alle diese von ihm geschaffenen Energone. Er baut Fabriken auf: ihr Markt - ihre Erwerbsquelle - ist der menschliche Bedarf an diesen oder jenen Produkten. Er baut weltweite Handelsorganisationen auf; ihre Erwerbsquelle - ihr Markt - ist ein bestehender Bedarf an Gütervermittlung. Er baut Staatsgebilde von ungeheuren Machtpotentialen auf: die Existenzgrundlage für diese Strukturen ist ein bestehender Bedarf an solchen Organisationen - sei es als Hilfswerkzeug der Gesellschaft, sei es als Mittel für einzelne, um zu Machtstellungen zu gelangen.

Zwei Tendenzen, die in gegenseitiger Abhängigkeit stehen, ja einander zur Voraussetzung machen, liegen dieser gesamten Entwicklung zugrunde. Erstens sind es die den Menschen vorantreibenden Impulse, solche Erwerbskörper aufzubauen - um leben zu können und sich Annehmlichkeiten zu schaffen. Zweitens macht dieser Energonaufbau und diese Suche nach Annehmlichkeiten die Leistungen anderer notwendig: ist also Erwerbsquelle für andere Energone.

Es ergibt sich hier eine entfernte Parallele zur gegenseitigen Abhängigkeit zwischen den Tieren und Pflanzen. So wie diese im ersten Evolutionsteil einander im großen gesehen zur Voraussetzung machen, kam es im zweiten zu der nicht minder entscheidenden Abhängigkeit zwischen Anbietern und Nachfragern. Ohne entsprechende Bedürfnisse war eine Entfaltung der über Tausch erworbenen Erwerbskörper nicht möglich - und ohne diese Erwerbskörper nicht eine Befriedigung dieser Bedürfnisse.

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Der Schlüssel zum Verständnis der zweiten Evolutionshälfte liegt somit in der Struktur Mensch: in den uns bewegenden Impulsen. Für diese aber sind die menschlichen Erwerbskörper gleichsam ein Spiegel. Wollen wir wissen, wie die menschlichen Wünsche beschaffen sind, dann brauchen wir bloß zu betrachten, was dem Menschen angeboten wird. Es wird zwar nicht selten auch angeboten, was nicht gewünscht, nicht benötigt wird, aber solche Energone gehen zwangsläufig bald zugrunde oder passen sich besser dem tatsächlichen Bedarf an. Im großen und ganzen spiegelt sich im Angebot die Nachfrage. Sämtliche menschlichen Erwerbskörper, die über Tausch erwerben, sind irgendwelchen bestehenden menschlichen Wünschen angepaßt wie ein Schlüssel dem Schloß. Wollen wir somit die Schlüssel verstehen, müssen wir die Schlösser betrachten, die menschlichen Wünsche: die Motive menschlichen Handelns, menschlicher Entscheidungen.

Von der Energontheorie her ist klar, wie bei dieser Untersuchung vorgegangen werden muß. Wir suchen nach der Ursache für Aktionen und Reaktionen - also für die Erklärung von Verhaltensweisen. Sind diese das Ergebnis von Erziehung und individueller Erfahrung, dann sind sie schwer zu erfassen, da diese Einflüsse und Erfahrungen sehr verschiedener Art sein mögen. Beruht dagegen ein Verhalten auf angeborenen Rezepten, dann sind Vergleiche mit den Tieren - besonders den Wirbeltieren - möglich, dann kann deren Verhalten uns mancherlei über das Zustandekommen der "Motive" unserer Handlungen lehren.

Von entscheidender Bedeutung ist somit: Inwiefern ist das menschliche Verhalten noch durch angeborene Steuerungsstrukturen beeinflußt - und in diesem Sinne festgelegt, also unfrei? Und inwiefern sind wir für unser Verhalten individuell zuständig - inwiefern ist dieses frei?

Aus der Sicht der Evolution ist diese Fragestellung naheliegend. Trotzdem gibt es noch viele, die, in alten Denkschablonen verharrend, nicht einmal bereit sind, diese Art von Fragestellung anzuerkennen.

 
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Die Erforschung der menschlichen Tätigkeiten - des menschlichen Verhaltens im weitesten Sinne - war bis vor kurzer Zeit im ausschließlichen Zuständigkeitsbereich von Wissenschaften, die mit der Naturforschung eine kaum nennenswerte Berührung hatten. Die Kultur-, Kunst-, Wirtschafts-, Staats- und Rechtswissenschaften, aber auch weitgehend die Soziologie, Psychologie und Philosophie machten den Menschen zum Ausgangspunkt ihrer Betrachtungen. Da unser Leben sich von jenem der Pflanzen und Tiere so kraß unterscheidet, war das naheliegend und erschien selbstverständlich. Dazu kamen noch einflußreiche religiöse Lehren, nach denen der Mensch von überirdischen Mächten persönlich eingesetzt, ja das Zentrum einer so gewollten "Schöpfung" ist.

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All das führte dahin, daß man ausgehend vom menschlichen "Ich" das menschliche "Ich" zu ergründen versuchte - daß man mit Hilfe des Geistes eben diesen Geist zu verstehen sich bemühte. Naturwissenschaftlich betrachtet bedeutet das den Versuch unseres Zentralnervensystems, sich in Innenbetrachtung selbst bewerten und erforschen zu lassen. Von der Energontheorie her bedeutet es den Versuch, einen Wirkungsträger gegen sich selbst einzusetzen.

Manche Philosophen gingen so weit, in unserm "Ich", unserem Denken und Fühlen, die eigentliche und einzige Realität zu sehen - und in unserer Umwelt etwas nicht wirklich Beweisbares.1 Und verschiedene Glaubenslehren - vor allem der Buddhismus und das Christentum - erklären, dieses "Ich" (Bewußtsein, Denken, "Seele") verbinde uns direkt mit der Ursache der Welt, sei somit ein von der übrigen Natur getrenntes Phänomen.

Von solchen Ausgangspunkten entwickelten sich allmählich die den Menschen betreffenden Begriffs- und Bewertungssysteme, aus dieser Sicht wurden Denkkategorien geschaffen und mit Wortbezeichnungen versehen. Die übrigen Lebewesen wurden nach anderen Maßstäben gemessen, die dort erkannten Zusammenhänge fanden kaum Eingang in die Bewertung der den Menschen betreffenden Problematik.

Selbst die Abstammungslehre änderte nichts Grundsätzliches an dieser Einstellung, die sich wie jede einmal etablierte Betrachtungsweise hartnäckig erhält. Manche akzeptierten, daß wir aus dem Tierreich abstammen, andere akzeptierten es nicht, man interessierte sich nicht wirklich dafür. Selbst wenn es so ist, so sagte man sich, wird die Beurteilung des Menschen dadurch nicht wirklich betroffen. Ein Blick auf Mensch und Tier genügte, um eine weltenweite Kluft zu zeigen - eben im Verhalten. Körperlich bestanden große Übereinstimmungen, aber unser eigentliches Leben und dessen Motive waren einfach völlig anders. Gewiß, es waren ähnliche Triebe wirksam, doch das betraf gleichsam nur die Schale des Phänomens "Mensch". Im Geistigen, Seelischen, über das Materielle weit Hinausgehenden sah man das Zentrum der uns betreffenden Probleme. So ist es noch heute - und so wird es noch längere Zeit bleiben. Zu einer andersartigen Beurteilung sind viele - grundsätzlich - gar nicht bereit. Und zwar deshalb, weil sie glauben, daß eine solche Betrachtungsweise uns in Abgründe des Materialismus stürzen müßte, daß alle unsere Kulturschöpfungen das bisherige Begriffsfundament zur Voraussetzung haben. Right or wrong, glauben sie die Fahne des "eigentlichen und echten Menschentums" hochhalten zu müssen.

Die Abstammungslehre - an der heute nicht mehr gezweifelt werden kann - zwingt indes zu einer anderen Betrachtungsweise. Gehen wir vom Menschen aus, dann machen wir das allerkomplizierteste und komplexeste Phänomen zum Aus-

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gangspunkt. Und da wir selbst Menschen sind, ist dieser Ausgangspunkt alles eher als objektiv.2 In diesem Sinne haben sich auch schon verschiedene Philosophen die Frage gestellt, ob denn das Werkzeug unserer Erkenntnis, unser Geist, wirklich geeignet ist, in direkter Betrachtung sich selbst zu erforschen. Weit objektiver sind wir dagegen den Pflanzen und den Tieren gegenüber.

Wenn sämtliche Organismen Teile einer einzigen großen Entwicklung sind, dann eröffnet sich eine ganz andere Möglichkeit, die Phänomene unseres Verhaltens zu erforschen - und zwar auf einem großen Umweg. Dieser Forschungsweg beginnt am extrem entgegengesetzten Punkt: bei den niedersten uns bekannten Organismen. Er beginnt bei den einfachsten Lebenserscheinungen, bei den einfachsten Formen von "Verhalten", und führt dann Stück um Stück den weiteren Entwicklungsweg empor.

In vergleichender Betrachtung wird dann deutlich, wie bei den Organismen zweckmäßige Abläufe zustande kommen und auf welche Wurzeln die schwerer durchschaubaren Phänomene im Verhalten der höheren Tiere zurückgehen. Von hier erst führt dieser Umweg schließlich zum Menschen. Diese Betrachtungsweise setzt nicht die Besonderheit des Menschen an den Anfang, sondern versucht zunächst das Unbesondere zu studieren, das sich als Weiterentwicklung des tierischen Verhaltens erklärt. Unser Gehirn erforscht sich dann nicht direkt selbst, sondern auf dem Umweg über seine historische Entwicklung. Wie diese verlaufen ist, läßt sich an Hand der heute lebenden Organismenarten recht gut rekonstruieren.3 Die angeborenen Elemente werden so zuerst herausgesondert - und das im menschlichen Verhalten wirklich Neue und Typische wird so ermittelt.

Diese Art der Forschung steht erst an ihrem Anfang.
 

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Die vergleichende Untersuchung tierischen Verhaltens erhielt durch Konrad Lorenz ihre entscheidenden Impulse. Ihm und seinen zahlreichen Schülern ist es in den letzten Jahrzehnten gelungen, die wichtigsten Phänomene im Instinktverhal-

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ten der höheren Tiere auf die Wirksamkeit weniger, überall sehr ähnlich arbeitender "Mechanismen" im Zentralnervensystem zurückzuführen. Einige wurden hier schon erwähnt, dazu kommen noch weitere. Nachfolgend ein kurzer Überblick:

Er äußert sich - wieder stark vereinfacht - etwa so: Stößt das Tier längere Zeit nicht auf eine bestimmte Reizkombination, die es angeborenermaßen erkennt (etwa auf ein Beutetier oder einen Geschlechtspartner), dann wird es unruhig und beginnt aktiv nach dieser zu suchen. Es sucht dann etwa nach "Beute"' oder dem "Geschlechtspartner" - genauer: nach den entsprechenden Schlüsselreizen oder Auslösern. Stößt das Tier nun auf solche, dann rollt sein Triebverhalten (Fressen, Paarung) ab. Stößt es immer noch nicht auf sie, dann kommt es vor, daß "die Erregung in andere Kanäle überspringt". Das Tier führt dann seine Erbkoordination gleichsam in die "leere Luft" aus - oder eine andere, gar nicht zu diesem Instinktverhalten (Originalbuchseite 325) gehörende Erbkoordination rollt ab. Das Tier "reagiert so seinen Trieb ab".

Diese Triebe sind veränderlich und führen gleichsam ein Eigenleben. Sind sie aktiv, dann sucht das Tier nur noch nach dem Schlüsselreiz, auf den sein Triebverhalten hinzielt. Ist der Trieb abreagiert, dann achtet es auf solche Schlüsselreize nicht mehr - und andere Triebe beherrschen sein Verhalten.

Der jungen Kröte ist angeboren, jeden sich bewegenden kleinen Gegenstand anzuspringen. Wird sie von einem Insekt gestochen, dann "assoziiert" sich dieser Sinneseindruck mit dem angeborenen Rezept. Künftig springt die Kröte ähnlich aussehende, sich bewegende kleine Körper nicht mehr an. Das (Originalbuchseite 326) ist also eine Verbesserung, eine Verfeinerung eines Schlüsselreizes. Dieser wird so mehr "differenziert".

Lernt der Hund "Pfötchen geben", dann ist das ein bereits zur Gänze erworbenes, also durch Lernen aufgebautes neues Verhaltensrezept. Es ist nicht vom Erbrezept her beeinflußt. Der Hund bildet die erforderliche Koordination unter Anleitung des Menschen, aber durchaus individuell ("Erwerbkoordination"). Das ist bereits eine niedere Intelligenzleistung.

So wird bei Buchfinken der arttypische Gesang im vierten bis sechsten Monat geprägt. Verhindert man in dieser Zeit, daß der junge Buchfink andere Buchfinken singen hört, und spielt man ihm statt dessen den Gesang anderer Vogelarten vor, dann singt er ein Jahr später, wenn seine Singfähigkeit einsetzt, akkurat wie diese anderen Arten. Spielt man ihm dagegen in dieser Zeit mehrere verschiedene Vogelgesänge vor und darunter auch den Gesang von Buchfinken, dann entscheidet er sich für diesen. Ein bedeutungsvoller Zusammenhang: Dem Organismus ist also angeboren, in welcher "Richtung" er sein Lernen bevorzugt entfaltet. Lorenz wies schon sehr früh darauf hin, daß solche am Tier gewonnenen Erkenntnisse auch zum besseren Verständnis menschlichen Verhaltens herangezogen werden sollten. Er nannte dies "die wichtigste Aufgabe seines Forschungszweiges" und gab auch selbst zahlreiche Hinweise.4 Trotzdem wagte man sich nur zögernd in das von den Geisteswissenschaften streng eingezäunte Gebiet "Mensch".

Zahlreiche Schriftsteller haben inzwischen die offensichtlichen Parallelen zwischen tierischem und menschlichem Verhalten zum Gegenstand "amüsanter" oder "provokativer" Schilderungen gemacht, die der kaum noch entstandenen Forschungsrichtung nicht eben nützen konnten. Dort wird bereits, was zunächst bloß Vermutung oder gewagte Hypothese ist, als gesichertes Forschungsergebnis dargestellt.5

Bewiesen ist einstweilen sehr wenig, fast gar nichts. Die Schwierigkeit liegt im Experiment. Bei Tieren läßt sich feststellen, was angeboren und was erworben ist: die beiden Experimente mit den gefesselten Taubenjungen und mit den Buchfinken sind dafür Beispiele. Beim Menschen sind jedoch analoge Experimente - die sich über Jahre erstrecken müßten und meist die völlige Isolierung eines Kindes

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nötig machen würden - völlig ausgeschlossen. Anderseits sind manche Parallelen auch ohne Experiment recht deutlich zu sehen.

Ein wichtiges Argument kommt noch hinzu. Die vergleichenden Untersuchungen an Tieren haben gezeigt, daß die angeborenen Steuerungsmechanismen recht ".konservativ" sind. Im Laufe der Evolution haben sie sich, wenn sie überflüssig wurden, nur relativ langsam rückgebildet. Es gibt sogar Beispiele dafür, daß Organe sich rückgebildet haben, während die ihre Steuerung bewirkenden Nervenstrukturen immer noch funktionsfähig, ja aktiv sind. Das Tier führt dann Bewegungen aus, die sinnlos anmuten - und erst dann ihre Erklärung finden, wenn man nachweist, daß einmal ein zu ihrer Ausführung notwendiges Organ vorhanden war.6 Das aber spricht deutlich dagegen, daß es beim Übergang vom Menschenaffen zum Urmenschen zu extremen Rückbildungen bei den Steuermechanismen gekommen ist. Diese Entwicklung nahm - wie wir heute wissen - nicht viel mehr als zwei Millionen Jahre in Anspruch: eine von der Evolution her gesehen eher geringe Zeitspanne.
 

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Selbst bei großer Vorsicht und Zurückhaltung dürften folgende Behauptungen vertretbar sein:

Erbkoordinationen liegen beim Menschen nur noch wenige vor. Dem Säugling ist die Saugbewegung angeboren, ebenso Husten, Niesen, Weinen, Lächeln. Auch sonstige Grundelemente der menschlichen Mimik dürften weitgehend angeboren sein. Bei den höheren "Lerntieren" (Affen, Hunden, katzenartigen Raubtieren usw.) liegen ebenfalls nur noch verhältnismäßig wenige Erbkoordinationen vor. Die vorteilhafte Fähigkeit des Lernens hatte eine Rückbildung der starr erbmäßig festgelegten Motorik zur Voraussetzung.

Angeborenes Erkennen dürfte das menschliche Verhalten in vielfacher Hinsicht

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beeinflussen. So löst bei uns geschwürige Haut eine Ekelreaktion aus. Biologisch ist das recht zweckmäßig, weil geschwürige Haut ein Zeichen für Krankheit ist. Diese zu erkennen und durch Abstandhalten Ansteckung zu vermeiden ist ein Vorteil. Interessant ist nun aber, daß wir diese Reaktion auch auf Tiere mit ähnlich aussehender Haut übertragen - so ekelt uns auch vor Kröten, deren Haut durchaus gesund ist.7

Lorenz hat festgestellt, daß bei unseren Haustieren die angeborenen Verhaltenssteuerungen weitgehend an Präzision verloren haben. Das heißt praktisch, daß ihre angeborenen Mechanismen des Erkennens auf viel mehr Reize ansprechen als bei den wild lebenden Vorfahren. Diese Mechanismen verloren an "Selektivität"- nach Lorenz eine Folgeerscheinung der Domestikation. Das gleiche Phänomen scheint auch beim Menschen eingetreten zu sein. Wir schirmen uns gegen die natürlichen Gefahren ab, setzen uns - etwa durch die Heilkunst - gegen die Wirkung der natürlichen Auslese zur Wehr. Der Mechanismus, der an sich bloß auf kranke Menschenhaut ansprechen soll, hat an Präzision verloren. Er spricht nun auch auf ähnliche Sinneseindrücke an - etwa auf die Krötenhaut.

Diese "Verlagerung" einer Reaktion ist recht unbedeutend, andere sind es jedoch nicht. So dürfte das menschliche Schönheitsempfinden in einem angeborenen Erkennen des kraftvollen und harmonisch gebildeten Andersgeschlechtlichen seine wichtigste Wurzel haben. Unter verschiedenen möglichen Partnern wählen wir bevorzugt den, "der uns am besten gefällt", eine von der Vernunft aus nicht zu steuernde Reaktion. Biologisch war sie von Bedeutung, weil sich so das Harmonischste und Kräftigste - also Gesündeste - bevorzugt fortpflanzt. Auch dieses angeborene Rezept des Erkennens verlor aber offenbar an Präzision und spricht heute auf ganz andere Objekte an, sofern sie den Schlüsselreizen unseres Schönheitsempfindens entfernt ähnlich sind. Was wir als "schön" empfinden, wäre somit nicht schön an sich - sondern bloß so geartet, daß es eben in uns diese angeborene Wertreaktion auslöst.8

Auch hier wird somit unser "freier Wille" in Frage gestellt. Nicht wir suchen dann nach dem Schönen - sondern das Schöne gewinnt Macht über uns.

Viel spricht dafür, daß es im ethischen Bereich ähnlich ist. Die Reaktion der Empörung, wenn wir sehen, daß ein Kind mißhandelt wird, ist uns angeboren -

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ist "unbelehrbar", wie Lorenz sagt. Eine solche Szene kann man sich im Film dutzendmal hintereinander ansehen, und man spricht doch immer wieder auf sie an.9

Eine Verhaltensweise, die man in der Philosophie und in den Religionen meist als Besonderheit des Menschen ansah, wird also auf einen recht "mechanischen" Vorgang zurückgeführt. Rudelbildende Tiere zeigen die gleiche angeborene Reaktion - nur meist stärker. Nach Lorenz fällt sie unter jene Instinkte, die sich beim Menschen infolge seiner "Selbstdomestikation" schon früh rückgebildet haben. Somit ist diese Handlungsweise nicht ein edler Zug unseres freien Willens - oder Regung eines nur im Menschen befindlichen "Gewissens" -, sondern die angeborene Reaktion unseres Zentralnervensystems auf einen Schlüsselreiz. Wir reagieren mit dem Gefühl der Empörung - ob wir wollen oder nicht.10

Bei den Affen spielt die soziale Verteidigungsreaktion eine wichtige Rolle. Trifft eine Horde auf eine andere, dann geraten die Tiere in aggressive Stimmung und Kampfbereitschaft. Nach unserem herkömmlichen Denken und Bewerten erscheint es abwegig und geschmacklos, unsere Gefühle "nationaler Begeisterung" mit dieser Reaktion der Affen ernsthaft in Verbindung zu bringen. Sehr viel spricht jedoch dafür, daß hier wie dort der gleiche Nervenmechanismus am Werk ist. Die nationale Begeisterung - die meist Kriegen vorangeht - ist ein Phänomen, das sich kaum aus "vernünftigen" Denkprozessen erklären läßt.

Das gleiche gilt, ganz allgemein, für die mitreißende Wirkung, die Massen auf den einzelnen ausüben: von Sitten und Moden über Plünderungen bis zu Feiern, Karneval und so weiter. Hier werden Schichten im "Unterbewußtsein" angesprochen, über die sich der Betroffene nicht klar Rechenschaft geben kann. Eine "Stimmung" wird in ihm erzeugt. Durch die Handlungsweise anderer wird er zu eigener Handlungsweise gedrängt.

Das sind nur wenige Beispiele. Unser Verhalten dürfte noch weit mehr, als wir uns eingestehen wollen, durch angeborene Reaktionen auf bestimmte Schlüsselreize gesteuert sein.

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Was die Triebe betrifft, so ist die Übereinstimmung noch deutlicher. Hunger, Durst, Geschlechtstrieb - aber auch Imponierdrang, Aggression und Angst äußern sich bei uns ebenso wie beim Tier. Durch unsere bewußten Denkprozesse, durch unser Ichbewußtsein kommen diese Triebe mit anderen Formen der Entschlußbildung in Kollision. Außerdem haben sie an "Präzision" verloren; sie machen uns unruhig, ohne uns immer klar zu zeigen, wohin sie uns drängen. Aus präzise arbeitenden Mechanismen beim Tier wurde beim Menschen mancher "dunkle Drang", wie Goethe es nannte. Findet dieser keine adäquate Reizsituation, in der er sich abreagieren kann, dann springt auch er in "andere Bahnen über". Darauf wies bereits Freud beim Geschlechtstrieb hin, der sich, wenn er keinen normalen Auslaß findet, auch in ganz anderer Tätigkeit - etwa künstlerischer - "sublimieren" kann.

Vor große Problematik stellt den Menschen der ihm ebenfalls angeborene und stark ausgeprägte Aggressionstrieb.11 Bei unseren in Gruppen lebenden Vorfahren war er von hohem biologischem Wert. Durch Kämpfe innerhalb der Art verteilten sich die Artgenossen sehr gleichmäßig über den vorhandenen Erwerbsraum - ein Artvorteil. Im weiteren wurden durch solche Kämpfe die Stärksten ermittelt und so eine Rangordnung gebildet. Für die Ermittlung der Fähigsten zur Führung des Rudels war das wichtig. Beim Paarungsvorgang gelangten die stärksten, fähigsten Männchen bevorzugt an die Weibchen, konnten sich also bevorzugt fortpflanzen. In der zivilisierten menschlichen Gemeinschaft kann dieser Trieb, der nach wie vor ganz unkontrollierbar in Erscheinung tritt, sich nicht mehr entsprechend ausleben. Gereizte Stimmung und Ärger ohne eigentlichen Grund, mancher Streit und Scheidungsprozeß sind die Folge. Fußballkämpfe, Rennen, Kriminalfilme sind dann vielfach eine "Ersatzsituation" zur Abreaktion dieser "Impulse".
 

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Besondere Wichtigkeit erlangte für den Menschen der Neugiertrieb. Aus dem Gesichtswinkel der Geisteswissenschaften, die vom Ich aus das Ich zu erforschen suchten, konnte man kaum darauf verfallen, in der menschlichen Neugier größere Besonderheit zu erblicken als in unseren ästhetischen und ethischen Wertungen.

Dieser Trieb ist für alle Lerntiere charakteristisch. Ihnen ist nur ein Teil der notwendigen Verhaltensrezepte angeboren, die übrigen erwerben sie in persönlicher Auseinandersetzung mit der Umwelt - während der Jugendzeit. Der Neu-

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giertrieb auch Spieltrieb genannt - drängt sie in dieser Periode zu einem aktiven Erkunden und Sicherproben. Jede junge Katze und jedes Menschenkind führt uns die Wirksamkeit dieses Instinkts deutlich vor Augen. Das "Spielen" ist nichts anderes als ein rastloses Sammeln von Erfahrungen, ein zielhaftes Erproben jeder nur erdenklichen Bewegung.

Beim Tier klingt dieser Trieb mit der Geschlechtsreife ab. Das Tier hat dann alle Fähigkeiten erworben, die es braucht. Beim Menschen - und hier liegt der bedeutsame Unterschied - ist es nicht so. Wir bleiben bis ins hohe Alter hinein am "Neuen" interessiert. Der Mensch bleibt "weltoffen", wie Gehlen es nannte.12

Der Neugiertrieb war eine wichtige Voraussetzung für die Entfaltung des Menschen - für die Entfaltung der vom Menschen gebildeten Energone. Diese "Keimzelle" bewahrt ihre spielerische Bereitschaft, sich an Neuem zu versuchen - neue Verhaltens- und Aufbaurezepte zu bilden. Während jedes Tier an einen bestimmten Lebensraum gefesselt bleibt, erobert und schafft sich der Mensch neue Lebensräume. Indem er seinem Körper künstliche Organe anfügt, indem er sich mit anderen zu mannigfachen organisierten Komplexen zusammenschließt, bildet er immer neue, immer mächtigere Energone. Nun steigert sich die geistige Kraft des Menschen bis ins Alter; um so wichtiger ist es, daß uns die Bereitschaft, der Drang, diese Kräfte für immer neue Versuche einzusetzen, erhalten bleibt.

Der Neugiertrieb hat den ganzen zweiten Teil der Evolution maßgebend vorangetrieben. Die einzelnen Fortschritte waren wohl Intelligenzleistungen. Aber hinter diesen stand der uns angeborene Drang, eben diese Intelligenz zu aktivieren und zu entfalten, sie zur Erprobung neuer Möglichkeiten zu veranlassen. Selbst das lustvolle Spiel mit Gedanken und Vorstellungen, das "Pläne schmieden" und "Luftschlösser bauen", dürfte von dieser Triebkraft "angeheizt" sein.

Besonders deutlich manifestiert sich diese Kraft in der Forschung, im Entdeckertum, in der Abenteuerlust. Im Alltagsleben zeigt sie sich darin, daß Menschen überall stehenbleiben, wo es etwas "Ungewöhnliches" zu sehen gibt; daß Sportleute sich in neuen Aufgaben erproben; daß wir weit mehr lesen und plaudern, als eigentlich für uns nötig ist; daß Theater, Kino und Fernsehen uns magisch anziehen; kurz, daß uns die Auseinandersetzung mit dem Neuen bis ins hohe Alter hinein positive Gefühle beschert.
 

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Damit sind wir an einem wichtigen Punkt angelangt. Bei den Tieren können wir bloß vermuten, daß ihnen jede Trieberfüllung angenehme Gefühle vermittelt - bei uns selbst wissen wir es.

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Befriedigen wir unseren Hunger, unseren Durst, unseren Geschlechtstrieb, unseren Geltungsdrang, unseren Aggressionstrieb, dann bereitet uns das Genuß. Diese positiven Gefühle - ursprünglich eine notwendige Beigabe - machte der bewußt denkende Mensch zum Zentrum seines Interesses. Wir essen längst nicht mehr bloß, um uns Energie und Stoffe zuzuführen, sondern bereiten unsere Speisen so zu, daß sie uns "gut schmecken", also erhöhten Genuß vermitteln. Das Gleiche gilt für Getränke. Der Atemvorgang wird zur Lustgewinnung durch Rauchen benützt. Die Geschlechtsbeziehung - um ihrer selbst willen - und die Schönheitssuche - um ihrer selbst willen - sind zum Zentrum unserer Kultur geworden. Die Freuden, die der Brutpflegetrieb vermitteln kann, sind das Zentrum der familiären Freuden im Heim. Die Befriedigung, etwas zu gelten, zu imponieren, sich körperlich, geistig, machtmäßig, kulturell über andere zu erheben, ihnen zu gefallen, sie zu beeindrucken, ist eine der Zentralkräfte für das menschliche Vorwärtsstreben.

Die Lust-Unlust-Erzeugung, der wir unser so reiches "Gefühlsleben" verdanken, ist der die Evolution eigentlich vorantreibende Mechanismus - und muß sich demgemäß schon sehr früh entwickelt haben. Auch sie ist eine Funktion, auch sie muß an entsprechende Wirkungsträger geknüpft sein. Wie diese im einzelnen aussehen, wissen wir noch nicht. Bei den vielzelligen Tieren ist diese Fähigkeit im Zentralnervensystem verankert. Die meisten angeborenen Verhaltensweisen werden durch Begleiterscheinungen, die das Tier anstrebt, "belohnt", ihre Nichterfüllung durch solche, die es zu vermeiden sucht, "bestraft". Selbst bei den Pflanzen mag es ähnliche - nur eben nicht beobachtbare - "Korrelate" geben.

Der ichbewußte Mensch strebt die ihm "Lust" bringenden Empfindungen um ihrer selbst willen an, ja er züchtet sie. Die "Triebinventare" sind nicht bei jedem gleich. Bei dem einen ist dieser, beim anderen jener Trieb stärker entwickelt, schenkt ihm, bei Erfüllung, mehr Befriedigung, Genuß, Glück, Lust - oder wie wir es sonst nennen. Alle diese für den Menschen erreichbaren positiven Empfindungen sind letztlich die ihn zur Energonbildung antreibende Kraft. Ließen sie sich - etwa durch eine Droge - beseitigen, dann würde das himmelstürmende Gerüst unseres Fortschrittes wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen.

Und zwar nicht nur, weil der eigentliche Impuls zur Anstrengung verlorenginge, sondern auch deshalb, weil für alle tauschenden Energone (und das sind ja die meisten) eben diese Lust-Unlust-Unterscheidung die Existenzbasis darstellt. Ohne Bedarf gibt es keinen Absatz - und ohne die Lust-Unlust-Mechanismen keinen Bedarf.

Schon in der ersten Phase der Evolution war somit diese Beigabe zu den Trieben eine entscheidende Funktion. Im zweiten Evolutionsteil wurde sie dann - in doppelter Hinsicht - zur Voraussetzung für die weitere Entfaltung.

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Aus angeborenen Verhaltensweisen stammt aber nur ein Teil der menschlichen Impulse. Nicht minder viele stammen aus erworbenem, über Erziehung, Tradition und eigene Erfahrung in uns einfließendem Verhalten. Was wir "Gewohnheit" nennen, ist ein den Trieben äußerst ähnliches Phänomen. Grob gesprochen kann man die Gewohnheiten "erworbene Triebe" nennen.13

Sind Gewohnheiten erst gebildet - das weiß wohl jeder aus eigener Erfahrung -. dann üben sie auf uns einen Zwang aus. Hat man sich an bestimmte Lebensformen gewöhnt, dann drängen diese zur Wiederholung, bringen Unbehagen, ja Schmerz, wenn wir ihnen entsagen müssen. Haben wir uns an gutes Essen, Alkohol oder Zigaretten gewöhnt, dann ist unser Wille längst nicht mehr frei, wenn wir immer wieder nach den Empfindungen, die sie uns vermitteln, streben.

Auch hier tritt wieder die eminente Bedeutung der menschlichen "Phantasie" in Erscheinung. Auch in unserem Geist können wir "Gewohnheiten" bilden: Pläne, Wunschvorstellungen, die sich in uns verankern, festfressen und die uns, wenn sie nicht fortgesetzt werden können, äußerste Unlustgefühle vermitteln. Das ist bei allen "lllusionen" der Fall, wenn man sie aufgeben muß.

Der menschliche Neugiertrieb ist gleichsam Antagonist zu den Gewohnheiten. Während uns diese in eingefahrene Verhaltenswege zwingen, eifert er uns dazu an, sie allenfalls wieder zu verlassen. Auch dieses Wechselspiel war eine wichtige Voraussetzung für die Entfaltung der menschlichen Energone. Einerseits war es wichtig, daß das einmal Erreichte beibehalten und gefestigt wurde: das ist die konservative Tendenz. Anderseits aber war es nicht minder wichtig, daß zumindest einige auch wieder aus dem Bestehenden ausbrachen, die selbstgeschmiedeten Fesseln abstreiften, sich in Neuland vorwagten.

Ganz ebenso wie die Triebe vermitteln auch die Gewohnheiten Lustgefühle und Unlustgefühle: erstere, wenn wir ihnen entsprechen, letztere, wenn wir daran gehindert werden. Mehr noch als die Gewohnheitsbildung des einzelnen fallen jedoch "Gewohnheiten" der Gemeinschaften ins Gewicht. Wir nennen sie: Sitte, Brauchtum, Tradition, Kultur. Diese Gemeinschaftsgewohnheiten halten sich über Generationen, ja über Jahrhunderte. Auch etablierte Lehren gehören dazu: etwa Religionen und Weltanschauungen. Sie beeinflussen - als festgefahrene Lebensregeln - die Handlungen des einzelnen, machen ihn unfrei. Anderseits ersparen sie ihm eigene Entschlußbildung und schenken ihm Gefühle der Sicherheit, des Geborgenseins, der Befriedigung, des Vergnügens.

An bestimmten Tagen werden bestimmte Feste gefeiert. Die Hauptpunkte im menschlichen Leben: Erfolg, Ehe, Geburt, Vergnügen, Tod, werden weitgehend in

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den Geleisen von Gemeinschaftsgewohnheiten abgewickelt. Sie sind ebenfalls starr, drängen den einzelnen in bestimmte Richtungen. Auch sie, ebenso wie die Triebe, "belohnen" und "bestrafen". Auch sie machen unseren Willen unfrei.
 

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Das Phänomen der "Prägung" dürfte beim Menschen ebenfalls eine wichtige Rolle spielen. Schon Freud wies es nach. Er stellte fest, daß in der frühen Kindheit "sensible Perioden" dafür verantwortlich sind, daß äußere Einflüsse Prägekraft erhalten und die Verhaltensstruktur des Menschen für sein weiteres Leben in wichtigen Punkten festlegen.

So braucht das Menschenkind zwischen dem ersten und dritten Jahr einen erwachsenen Partner, an den es sich gefühlsmäßig - "seelisch" - anschließen kann. Normalerweise ist es die Mutter, doch können es auch ebensogut andere Personen sein. Ist dem Kind diese "Reizsituation" versagt - etwa bei hospitalisierten Kindern, wenn die Schwestern häufig wechseln -, dann wirkt sich das auf das ganze Leben schädigend aus. Die Bildung des "Urvertrauens" wird unterbunden, die Kinder - sofern sie nicht überhaupt sterben - zeigen sich im weiteren Leben "kontaktgestört".14

Zwischen dem dritten und fünften Lebensjahr - Freud nannte diese Spanne "ödipale Periode" - wird das spätere geschlechtliche Verhalten beeinflußt oder sogar festgelegt. Nach den Ergebnissen der Psychoanalyse können hierdurch Einwirkungen der Umwelt - besonders der Eltern - sexuelle Störungen im späteren Leben, auch Homosexualität, verursacht werden.

In der Pubertät formen die Kinder ihre ethischen Ideale. Was ihnen in dieser Zeit aufgeprägt wird, können sie meist im späteren Leben nicht völlig überwinden. Auch in dieser "sensiblen Phase" werden die sich bildenden Nervenstrukturen offenbar nachhaltig beeinflußt.

Bei den Tieren sind Prägungen "irreversibel" - sie lassen sich im späteren Leben nicht mehr korrigieren. Der auf Entendamen geprägte Hahn kann nicht mehr zu Liebeshandlungen mit Hühnerdamen veranlaßt werden. Beim Menschen - wohl nicht zuletzt auf Grund der Denkleistungen - ist diese Fixierung weniger starr. Auch hier können irreversible Ausrichtungen oder Schädigungen in der Verhaltenssteuerung eintreten, doch viele können durch geeignete "Behandlung" wieder gemildert oder wettgemacht werden. Daß jedoch bei uns wie bei den Tie-

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ren der gleiche Wirkungszusammenhang vorliegt, dürfte kaum mehr zu bezweifeln sein.

Besonders interessant ist das Phänomen der "angeborenen Lerndispositionen". Der Buchfink - aber auch andere Vogelarten, etwa Nachtigallen - wählt unter mehreren Gesängen den arteigenen aus. Solchen Tieren ist also das Unterscheidungsvermögen erblich mitgegeben, was sie bevorzugt lernen sollen.

Ist dieses Phänomen auch noch beim Menschen da? Erklärt es auch Tendenzen unseres Verhaltens?

Hier liegt Neuland für künftige Untersuchungen. Auffallend ist, daß sich bei sehr vielen Völkern - ganz unabhängig voneinander - ähnliche Verhaltensstrukturen entwickelten. Denken wir an eine ganz allgemeine: die Vorliebe des Menschen für Zeremonien, für regelmäßige Anordnungen und Abläufe. Da Ordnung ein so wichtiges Werkzeug für den menschlichen Fortschritt ist, wäre die Ausbildung einer solchen angeborenen Tendenz zweifellos bilanzfördernd gewesen - hätte also "positiven Auslesewert" gehabt.

Es ist nicht unmöglich, daß dem Menschen auch manche Richtlinien dafür angeboren sind, was er bevorzugt lernt.
 

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Lorenz sprach von einem "Parlament der Triebe". Ein sehr anschaulicher Vergleich. Gemeinsam mit den erworbenen Trieben, "Gewohnheiten" genannt, erheben sie innerhalb der steuernden Zentrale gleichsam ihre "Stimme", und je nachdem, welcher der "Abgeordneten" gerade der stärkste ist, setzt sich dieser oder jener durch und übernimmt - oder beeinflußt - für eine Weile die Steuerungen des Körpers.15

Das bewußte Ich - das beim Menschen als "oberste" Steuerungseinheit hinzukam - wird aus dieser Perspektive zu einem bloßen Handlanger.16 Es setzt seine Fähigkeiten dazu ein, den Hunger zu stillen, einen Geschlechtspartner zu gewinnen, sich durch Erfolg Genuß zu verschaffen, Gewohnheiten zu befriedigen, Gesellschaftsnormen zu entsprechen. Wir sagen: "Ich bin frei." Wenn wir "wollen", können wir einen Schritt nach rechts oder links machen, nichts in der Welt kann es uns verbieten. Betrachten wir uns - oder andere Menschen - über eine längere Zeitspanne hinweg, dann schrumpft diese "Freiheit" erheblich zusammen.

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Je nach seiner "Ausstattung" mit angeborenen oder erworbenen Trieben verläuft das Leben des einzelnen in diese oder jene Richtung, hinter dem "Willen" stehen sehr viele wirksame Kräfte.

Im Prinzip freilich hat das Ich durchaus die Möglichkeit, alle diese Kräfte in seine Kontrolle zu bringen - wie Pferde, die vor einen Wagen gespannt sind. Diese Kontrolle muß nicht darin bestehen, sie zu unterdrücken, sondern kann sich ihrer derart bedienen, daß ein eigenes, selbstgeformtes Leitungsprinzip alle diese Kräfte koordiniert, "in Harmonie bringt".17

Ein Mensch, der dies erreicht, kann - aus menschlicher Perspektive - als "frei" bezeichnet werden. Seine Gesamtkoordination ist von ihm selbst geschaffen. Sein Wille ist in diesem Sinne "frei".

Von der Gesamtevolution her betrachtet, ist jedoch auch diese Freiheit noch zweifelhaft. Denn den stärksten Motor der Lebensentwicklung, das Lust-Unlust-Prinzip, kann auch dieser Mensch nicht überwinden. Selbst beim Asketen, der sich alle Lust verbietet und sich zu intensiver Unlust zwingt, bleibt fraglich, inwiefern er nicht so geartet ist, daß ihn gerade das wieder glücklich und zufrieden macht. Durch Domestikation und Verknüpfung mit unserem bewußten Denken wurden die menschlichen Triebe sehr komplex. Fast jede Tendenz kann sich hier mit positiv getönten Innenerlebnissen, also mit letztlich anstrebenswerten "Gefühlen" verbinden.

Vom Lebensstrom her war manches in dieser wachsenden Komplizierung vorteilhaft, anderes nicht. Wir kehren nun wieder zu dieser ferneren Perspektive zurück: zur Gesamtentwicklung.

Die mächtigsten Energone, die überhaupt je entstanden, waren die sogenannten "Staaten".
 
 
 
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Anmerkungen:

1 Besonders vertraten diese Ansicht G. Berkeley, John Locke und David Hume (zwischen 1670 und 1770), aber auch Kant und Schopenhauer (1780-1860).
2 "Man beruft sich häufig auf sein Gefühl, wenn die Gründe ausgehen", sagte sehr treffend Pascal.
3 Schon Goethe äußerte den Gedanken, man sollte die Betrachtungen nicht "von oben her anstellen und den Menschen im Tiere suchen, sondern "von unten herauf anfangen und das einfachere Tier im zusammengesetzten Menschen endlich wieder entdecken". ("Vorträge über die drei ersten Kapitel des Entwurfs einer allgemeinen Einleitung in die vergleichende Anatomie, ausgehend von der Osteologie" [1796].)
4 Besonders aufschlußreich ist seine Schrift "Ganzheit und Teil in der tierischen und menschlichen Gemeinschaft" (1950), enthalten in der Sammlung "Über tierisches und menschliches Verhalten", München 1965.
5 Das gilt etwa für das vielgelesene Buch von D. Morris "Der nackte Affe", München 1968.
6 Ein Beispiel ist etwa das Drohen der Hirsche. Sie ziehen die Lippen hoch und entblößen so ihre Eckzähne - die jedoch längst keine Waffen mehr sind. Sie sind rückgebildet, während Verwandte - etwa der Muntjak - noch über dolchartige obere Eckzähne verfügen. Die Bewegungskoordination hat sich hier länger erhalten als das Organ, auf das sie sich bezieht. Ein anderes Beispiel: Kuckucksmännchen überreichen im Paarungsvorspiel dem Weibchen Nestbaumaterial - genauer: sie führen die hierfür typischen Bewegungen aus (ohne Nestbaumaterial tatsächlich in den Schnabel zu nehmen). Die Bewegungskoordination stammt noch von Vorfahren, die Nester bauten - bezieht sich also auf die gemeinschaftliche Bildung eines künstlichen Organs. Dieses wird nun beim Kuckuck, der als Nestparasit fremde Vögel seine Eier ausbrüten läßt und somit keine eigenen Nester mehr baut, überflüssig. Die Bewegungskoordination blieb jedoch erhalten, ja gewann im Ritual des Paarungszeremoniells eine neue Bedeutung - ein Beispiel für Funktionswechsel.
7 Manche vermuten, daß unsere Vorliebe für glatte, fehlerfreie Flächen, etwa sauber gestrichene Hauswände, sich ebenfalls aus dieser Wurzel erklärt. Das ist ein Beispiel für die Art von Schlußfolgerungen, die heute in so großer Zahl gemacht werden. Unmöglich ist es nicht, daß tatsächlich ein solcher Zusammenhang besteht - es ist aber bloß eine Vermutung. Andere Wurzeln mögen hier nicht minder von Einfluß sein: etwa der beim Tier stark ausgeprägte und beim Menschen ebenfalls noch vorhandene Reinlichkeitstrieb.
8 Hier ist bloß von Grundelementen der Bewertung die Rede. Ohne Zweifel wird das menschliche Schönheitsempfinden auch weitgehend von Erziehung und Tradition beeinflußt.
9 Mancher wird hier einwenden, daß es auch Menschen gibt, die diese Reaktion nicht zeigen. Das aber besagt wenig: die Ausprägung der einzelnen Instinkte und Instinktresiduen ist beim Menschen recht variabel, und es gibt - besonders da die Heilkunst alles am Leben zu erhalten bemüht ist - auch bereits eine Unzahl von "Abnormitäten". Hier sollen nur ganz allgemeine Tendenzen aufgezeigt werden, die sich statistisch deutlich zu erkennen geben.
10 Selbstredend können Intelligenz und persönliche Wertungen solche Reaktionen verstärken, abschwächen oder auch völlig unterbinden. Worauf es hier ankommt, ist nicht die tatsächlich erfolgende Handlungsweise, sondern der spontan aufwallende, uns in eine spezifische "Gestimmtheit" versetzende und zu einer Handlungsweise drängende "Impuls".
11 Darüber schrieb K. Lorenz ausführlich in "Das sogenannte Böse", Wien 1966.
12 A. Gehlen, "Der Mensch", Berlin 1940.
13 Schon Aristoteles nannte sie des Menschen "zweite Natur".
14 Einzelheiten finden sich bei R. A. Spitz, "Hospitalism", Internat. Univ. Press, New York 1945, und bei j. Bowlby, "Maternal Care and Mental Health", World Health Organ., Monogr. Ser. 2,1952.
15 Bereits Spinoza hat das erkannt. Er schrieb, eine Begierde, die nur auf einen oder einige Körperteile Bezug hat, "nimmt keine Rücksicht auf den Nutzen des ganzen Menschen" (Ethik IV, 60).
16 Schopenhauer bezeichnete den Intellekt als einen "Diener der Begierden".
17 In diese Gesamtkoordination muß freilich auch die Wandlungsbereitschaft mit eingebaut sein. Denn wer von den eigenen Prinzipien "geritten" wird, ist nicht mehr selbst der "Reiter". Da die Weltentwicklung in dauerndem Fluß ist, kann die für einen Menschen "perfekte" (optimale) Harmonie - die je nach Triebinventar und Umwelt höchst verschieden aussehen kann - meist nicht von Veränderungen völlig unberührt bleiben.